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Die indigene Bevölkerung Guatemalas zwischen Bürgerkrieg und „Frieden“

Hausarbeit 2009 30 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Mittel- und Südamerika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Thema, Fragestellung und Eingrenzung
1.2. Quellenlage und Forschungsstand

2. Die Maya-Bewegung zum ende des Bürgerkrieges
2.1. Allianzen und kulturelle Differenzen

3. Die indigenen Frauen
3.1. Die Problemlage von indigenen Frauen
3.1.1. Die Armut und Arbeitssituation
3.1.2. Erziehung und Familie
3.1.3. Die Bildung und Gesundheit

4. Gewalt an Frauen
4.1. Gewalt an Frauen im Bürgerkrieg
4.1.1. Die Folgen der Gewalt
4.2. Auf dem Weg zum Frieden
4.3. Gewalt gegen Frauen in „Friedenszeiten“

5. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Betrachtung der Arbeit
„Die indigene Bevölkerung Guatemalas zwischen Bürgerkrieg und „Frieden““

6. Literatur- und Internetverzeichnis
6.1. Literaturverzeichnis
6.2. Internetquellen

1. Einleitung

1.1. Thema, Fragestellung und Eingrenzung

In der Arbeit mit dem Thema „Die indigene Bevölkerung Guatemalas zwischen Bürgerkrieg und „Frieden““ soll die Situation der indigenen Bevölkerung, speziell der Frauen untersucht werden. Das Leben der indigenen Bevölkerung zeichnet sich seit Jahrhunderten durch Unterdrückung und Diskriminierung aus. Vor allem aber die Zeit des Bürgerkrieges hat die indigene Bevölkerung noch mehr in die Rolle eines „minderwertigen Volkes“ gedrängt. Die systematische Vernichtung dieser Bevölkerungsgruppe hat vielen indίgenas das Leben, ihre Familien und ihre Würde gekostet. Aus dieser Not heraus haben sie angefangen, sich zu organisieren, für ihre Rechte einzutreten und gegen die andauernde Diskriminierung zu kämpfen. Eine besondere Rolle kommt dabei den Frauen zu. Sie leiden unter einer doppelten Diskriminierung. So werden sie zum einen durch die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse im öffentlichen Leben diskriminiert und durch Gewalt und Tod bedroht und zum anderen durch veraltete Traditionen in ihrer Familie diskriminiert, indem ihnen nicht die gleichen Rechte wie den Männern zugestanden werden.

Sie leiden unter einer schlechten Bildung, Gesundheit und Armut. Trotzdem bilden sie das Rückrat der Familie und haben sich vor allem im Bürgerkrieg über Leid, Not und Angst hinweggesetzt. Dies bot ihnen die Möglichkeit, aus ihren tradierten Verhältnissen auszubrechen und Aufgaben, die dem Mann zustehen, zu übernehmen und in die Öffentlichkeit zu treten. Daraus hat sich ein Selbstverständnis der Maya entwickelt, welches dazu führte, dass sie für ihre kulturelle Differenz eintraten, gegen die Diskriminierung durch die ladinos angingen und sich ihren Platz in der Öffentlichkeit und Politik erkämpften. Diese Organisation sorgte auch dafür, dass die Probleme und Schwierigkeiten mit denen die indίgenas zu kämpfen haben internationalisiert wurden und länderübergreifende Unterstützung erhielten. Trotzdem ist der guatemaltekische Staat weiterhin ein ladinischer Staat und der Kampf um die Gleichberechtigung wird noch weiter ausgefochten werden müssen.

Besonders hart ist die heutige Situation für die Frauen. Sie haben im Bürgerkrieg für die Integrität der Familie gekämpft, Aufgaben der Männer übernommen, um die Existenz der Gemeinschaft zu erhalten und sich stark gemacht für ihre Rechte und die Bekämpfung der Diskriminierung.

All dies wurde ihnen aber nicht gedankt oder anerkannt. Die Situation der Frauen hat sich trotz vieler Engagements, ihres Kampfes um politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung nicht verbessert. Täglich werden Frauen Opfer von Vergewaltigungen, Erniedrigungen und Morden. Die Leiden des Bürgerkrieges haben sich für sie nicht mit der Beendigung des Bürgerkrieges in Luft aufgelöst. Viele leiden noch immer unter den erlittenen Gräueltaten des Krieges, daran, dass die Täter heute in gesellschaftlich angesehenen Positionen sitzen, nicht bestraft werden und immer noch frei sind. Dies schürt die Angst davor, sich mit der Vergangenheit und der Wahrheit auseinanderzusetzen und Wiedergutmachung und Entschädigungen zu fordern. Der Umstand der Straflosigkeit und die männerdominierte Gesellschaft ermöglicht es den Tätern meist ungestraft weiter Gewalttaten an Frauen zu verüben. In den Augen der Täter sind sie Gebrauchsgegenstände, die man nutzen kann und die nichts wert sind. Den Frauen wird das Recht auf Leben und Würde abgesprochen. Unterstützt durch die Kirche, UN-Organisationen und selbstorganisierten Frauengruppen versuchen sie, ihre Situation zu verbessern, sich gegen Gewalt, Diskriminierung und Straflosigkeit aufzulehnen und den guatemaltekischen Staat zu einem Staat zu wandeln, der auf kultureller und gesellschaftlicher Gleichberechtigung basiert und die kulturellen Unterschiede der Bevölkerung achtet und schützt.

1.2. Quellenlage und Forschungsstand

Diese Arbeit besteht aus drei Teilen. Für das Kapitel der „Maya-Bewegung zum Ende des Bürgerkrieges“ diente die Arbeit Frank Garbers und Meike Heckt[1] als Grundlage. Sie befassen sich hauptsächlich mit der kulturellen und gesellschaftlichen Einflussnahme und Selbstverwirklichung der indigenen Bevölkerung. Dabei werden der Prozess, die Möglichkeiten und Schwierigkeiten des Anspruches auf kulturelle Differenz in den Vordergrund gerückt und gleichzeitig die Schwächen des guatemaltekischen Staates im Umgang mit seiner indigenen Bevölkerung aufgezeigt.

Den zweiten Part bildet die Untersuchung über die Lage der indigenen Frauen. Als Basis dafür dienten die Werke von Anja Titze[2] und Babara Kühhas.[3] Ihre Studien befassten sich mit der Situation der Frauen in dem alltäglichen Gesellschaftsleben. Sie zeigen ganz eindeutig die Problem auf, mit denen die Frauen in einer männerdominierten Welt zu kämpfe haben, wie schwierig es für sie ist unter diesen Umständen ein würdiges Leben zu führen und dafür zu kämpfen. Das Buch von Anja Titze ist sehr aktuell und bietet daher eine gute Übersicht über den Forschungsstand, die einschlägige Literatur und Quellen.

Das letzte Kapitel befasst sich mit der Gewalt gegen Frauen. Für den Teil „Gewalt gegen Frauen im Bürgerkrieg“ hat sich der Bericht des Interdiözesanen Projekts: Wiedergutmachung der geschichtlichen Wahrheit[4] als besonders wertvoll herauskristallisiert. Dieser Bericht zeigt, durch die Arbeit mit den Opfern, die ganze Menschlichkeit und Unmenschlichkeit des Bürgerkrieges.

In diesem Bericht geht es nicht nur darum anzuklagen, sondern auch Lösungsansätze zu finden, um mit den Gräueltaten umzugehen, den Tätern und Opfern zu helfen und bei dem Versuch, eine Gesellschaft bestehend auf Gleichberechtigung und Toleranz zu erschaffen, zu unterstützen.

Da die Gewalt gegen Frauen in Friedenszeiten leider auch heutzutage in Guatemala alltäglich ist, basiert dieser Abschnitt vor allem auf Internetquellen und dem amnesty international Jahresbericht[5], da diese eine hohe Aktualität bieten. Sie zeigen auf, dass nach über zwei Jahrzehnten nach dem Bürgerkrieg Frauen immer noch unter Diskriminierung und Gewalttaten leiden und Morde zum Alltag in Guatemala zählen. Gegen diesen Femizid zu handeln rufen sie zugleich auf und versuchen Lösungsansätze zu bieten, wie die Straflosigkeit und die Diskriminierung endgültig beendetet werden kann und muss.

2. Die Maya-Bewegung zum Ende des Bürgerkriegs

2.2. Allianzen und kulturelle Differenz

Mitte der 1980er Jahre kehrten viele derjenigen Maya-Gruppen, die sich während der heftigen bewaffneten Auseinandersetzungen nicht am bewaffneten revolutionären Kampf beteiligt hatten, nach Jahren des politischen Rückzugs unter den Militärregierungen ins zivile politische Leben zurück. Die ersten Schritte dieser Maya-Gruppen waren die Durchführung verschiedener Treffen, Seminare und Kongresse zum Austausch von Erfahrungen auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene. Daraus entwickelten sich organisatorische Strukturen wie die Maya-Frauen, Maya-Priester oder Maya-Lehrer. Das neue Selbstverständnis der Maya erhielt ihr Symbol in der Gründung und Institutionalisierung einer Akademie der Maya-Sprachen (Academίa de las Lenguas Mayas de Guatemala, ALMG). Von diesen Organisationen ausgehend konnte die Teilnahme am politischen Leben gestärkt und ihr Einfluss verbessert werden. So wurden 1993 erstmals indίgenas für Ministerposten (Minister und Vize-Minister für Bildung) berufen.[6]

Eine vorsichtige Annäherung der verschiedenen Maya-Organisationen, hier vor allem der Gruppen, die den revolutionären Kampf unterstützt hatten und den Vertretern der Organisationen, die diesen Kampf ablehnten, fand ab etwa 1990 statt. Dabei waren vor allem die Friedensverhandlungen 1994 -1996 ein politisches Feld, auf dem die verschiedenen Maya-Gruppen gemeinsame Vorgehensweisen fanden und sich so näher kamen. In den Organisationen der Coordinadora de Pueblos Mayas de Guatemala, COPMAGUA[7] und Consejo de Organizaciones Mayas de Guatemala, COMG[8] wurden die Kräfte der Gruppen geeint und so gemeinsame Forderungen und Vorschläge für die Friedensverhandlungen formuliert.[9]

Ihren Höhepunkt fand diese Arbeit in dem am 31.03.1995 unterzeichneten „Abkommen über Identität und Rechte der indigenen Bevölkerung“ (kurz: Indίgena-Abkommen), und stellte einen wichtigen Schritt für die indίgenas im Kampf um die Anerkennung ihrer Rechte da. Dabei behandeln vier der sieben Abschnitte dieses Abkommens die Grundfragen wie Identität (I.), Kampf gegen ethnische und rassische Diskriminierung (II.) insbesondere der Frauen (B), kulturelle Rechte (III.) sowie politische, soziale, ökonomische und Bürgerrechte (IV.).

„Die wichtigsten Festlegungen sind:

-guatemaltekischen Nation anerkannt, wobei die Maya-Identität umfassend durch die Gemeinsamkeit von Herkunft, Sprache, Kosmovision, Kultur und Selbstbekenntnis definiert ist, die auch durch die soziokulturelle Pluralität der unterschiedlichen Maya-Ethnien (Quiche, Kaqchikel, Mam usw.) nicht in Frage gestellt;
-werden ethnische und rassische Diskriminierung erstmals als juristischer Tatbestand anerkannt und sollen als Delikt strafrechtlich verfolgt werden, was auch explizit für die Diskriminierung von Frauen gilt;[10]
-soll das Abkommen Nr. 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), in dem Grundrechte der indigenen Völker fixiert sind, ratifiziert werden;
-wird die guatemaltekische Nation als nationale, multiethnische, plurikulturelle und mehrsprachige Einheit beschrieben;
-wird zur äußerst strittigen Frage der Autonomie festgehalten, dass autonome comunidades auf Munizipalebene möglich sind und eine Regionalisierung (Dezentralisierung) angestrebt wird; ferner soll es eine Partizipation und Repräsentation der indigenen Völker auf allen administrativen Ebenen bis hin zur nationalen Ebene geben.“[11]

Legten die indigenen Akteure in den 1970er Jahren noch den Schwerpunkt auf den Kampf um Gleichheit, stand mit diesem Abkommen die kulturelle Differenz, die Forderung des Rechtes auf Partikularität im Vordergrund. Diese neue „Maya-Identität“ ermöglichte eine gemeinsame Verfolgung politischer Interessen auf nationaler Ebene. Anstatt auf dem „großen Parkett der Politik“ zu kämpfen wurde das neue Selbstbewusstsein in der alltäglichen Praxis zum Ausdruck gebracht. Dies bezieht sich vor allem auf den Bereich der Bildung und die Debatten um die Bildungsreformen. So sollen Initiativen, die von nicht staatlichen Trägern initiiert werden, im Bereich der Lehreraus- und Weiterbildung die bestehenden Regeln und Machtstrukturen des Bildungssystems hinterfragen und eigene Inhalte und Methoden entwickeln und erproben. Zudem wird den Lehrern nahe gebracht die offizielle Geschichtsschreibung kritisch zu durchleuchten und zu beginnen eine eigene Geschichte zu erforschen und zu unterrichten. Des Weiteren sollen junge Leute durch die Möglichkeit eines Bildungsabschlusses und den daran anschließenden Tätigkeiten in Politik, Verwaltung und Wirtschaft in Schlüsselpositionen gelangen, um das System über Mitgestaltung von innen her verändern zu können.[12]

Der Prozess der Festigung der „Maya-Identität“ wurde zu Beginn der 1990er Jahre durch den Wandel der weltweiten Aufmerksamkeit von Klassenkonflikten hin zu ethnischen Konflikten erheblich unterstützt. Die Finanzierungen der Arbeit zu ethnischen Themen wurden durch Organisationen wie z.B. UNICEF, UNESCO, die Europäische Union usw. sicher gestellt.[13] Die 500 Jahr Feierlichkeiten, 1992, zur Entdeckung der Neuen Welt boten sich an, um der Weltöffentlichkeit die von der indigenen Bevölkerung erlebten Ungerechtigkeiten und Menschenrechtsverletzungen vor Augen zu führen.

[...]


[1] Garbers, Frank/Heckt, Meike: Die soziale Konstruktion der Maya: Comunidad, Ethnizität und neue politische Akteure im Guatemala des 20. Jahrhunderts, in: Lateinamerika, Analysen-Daten- Dokumentationen, Zentralamerika am Beginn des neues Jahrtausend – vermeintlicher oder realer Wandel? , Heft Nr. 44 Dezember 2000.

[2] Titze, Anja: Konflikt und Konfliktlösung in Guatemala, Die Verwirklichung der Rechte indigener Frauen im rechtspluralistischen Raum, Hamburg 2008.

[3] Kühhas, Babara: Die dreifache Diskriminierung der Frauen, in: Stumpf, Markus/Sova, Renate/Bürstmayr, Manfred/Milborn, Corinna(Hrsg.): Guatemala, ein Land auf der Suche nach Frieden, Politik, Geschichte, Kultur, Begegnungen, Frankfurt am Main 2003. Und: Kühhas, Babara: Die indigenen Frauen Guatemalas, Vom Bürgerkrieg zum Friedensprozess – der Kampf um politische Partizipation, Frankfurt am Main 2000.

[4] REMHI (Hrsg.): Guatemala: nie wieder – nunca más: Bericht des interdiözesanen Projekts Wiedergewinnung der geschichtlichen Wahrheit, Aachen 1998.

[5] amnesty international: Jahresbericht 2007, Frankfurt am Main 2007.

[6] Garbers/Heckt: S. 76.

[7] Koordination der Mayavölker Guatemalas, Kühhas: S. 264.

[8] Rat der Mayaorganisationen Guatemalas, Kühhas: S. 263.

[9] Ebd.: S. 76

[10] Dass dieses Ziel bisher noch nicht erreicht wurde, wird das Kapitel über die Situation der indigenen Frauen in Guatemala noch ausführlich zeigen.

[11] http://www.quetzal-leipzig.de/lexikon-lateinamerika/abkommen-uber-identitat-und-rechte-der- indigenen-volker.html, 06.02.2009, 17:15

[12] http://www.lateinamerikanachrichten.de/?/artikel/1708.html, 12.02.2009, 21:13

[13] Garbers/Heckt: S. 77.

Details

Seiten
30
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640883806
ISBN (Buch)
9783640883424
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169877
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
Schlagworte
Maya indigenas ladinos diversidad en la unidad Guatemala Femizid Diskriminierung Bürgerkrieg Vergewaltigung FAMDEGUA CONAVIGUA REMHI amnesty international Politik der verbrannten Erde

Autor

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