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Das Individuum im Mittelpunkt

Carl R. Rogers' Sichtweisen zur Person

Seminararbeit 2010 18 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Schlüsselbegriffe
1.1 Carl R. Rogers
1.2 Die personenzentrierte Psychotherapie

2 Das Menschenbild bei Carl R. Rogers
2.1 Exkurs – Der Humanismus

3 Das Individuum in Rogers' Schriften
3.1 Die Anfänge des personenzentrierten Ansatzes
3.2 Entwicklung einer Persönlichkeitstheorie
3.3 Das Individuum im Mittelpunkt gesellschaftlicher und politischer Interessen

4 Die Konstanz der Sichtweise des Individuums bei Rogers'
4.1 Gemeinsamkeiten / Analogien
4.2 Unterschiede / Veränderungen

5 Resumé

6 Literaturverzeichnis
6.1 Online – Literatur

0 Einleitung

„Das Individuum steht im Mittelpunkt der Betrachtung und nicht das Problem.“ (Rogers 1985 [Original 1942], 36)

Im Rahmen des Seminars 'Personenzentrierte Beratung und Psychotherapie – Die Schriften Carl Rogers' lernten wir mittels Literaturstudium sowie daran anschließenden Referaten und Diskussionen eingehend Carl Rogers' Biographie kennen. Durch die Auseinandersetzung mit Primär- sowie Sekundärliteratur und den Ausführungen von Zeitzeugen gelang es, einen vollständigeren Eindruck über sein Leben und die Hintergründe seiner personenzentrierten Konzepte zu erhalten. Hierbei fiel auf, dass seine therapeutischen und sozialen Ideen zwar einer historisch bedingten Änderung bzw. Weiterentwicklung unterlagen, jedoch seine grundlegenden Ansichten über den Menschen als Individuum – sein Menschenbild – im Rahmen seiner Schriften und Aussagen konstant blieben.

Dieses beachtenswerte Merkmal führte mich zu folgender Forschungsfrage:

Welche Sichtweise hinsichtlich der Person vertritt Carl R. Rogers und inwiefern bleibt diese Zeit seines Lebens unverändert?

Um diese zentrale Frage beantworten zu können, werden vorangestellt in einem 1. Kapitel gemäß bedingungsanalytischem Vorgehen[1] sowohl die Person Carl R. Rogers als auch die personenzentrierte Psychotherapie bzw. das Konzept des Rogerianischen Ansatzes einer kurzen definierenden Betrachtung unterzogen, um dem Leser die Vorannahmen transparent zu machen sowie den Einstieg in die Thematik zu erleichtern.

In einem zweiten Kapitel werden das Menschenbild sowie die Persönlichkeitstheorie, die Rogers seinen theoretischen Ausführungen zugrunde legt, einer genauen Betrachtung unterzogen, um die wesentlichen Merkmale herausarbeiten und darlegen zu können. Hierbei wird überdies ein kurzer Exkurs in die philosophische Denkorientierung des Humanismus vorgenommen, da Rogers einer der Hauptvertreter der humanistischen Psychologie war und viele seiner theoretischen Annahmen humanistische Momente beinhalten. Im Anschluss daran beschäftigt sich Kapitel drei mit den wesentlichsten Aussagen Rogers' – sei es in Schriften oder Vorträgen – zur hier interessierenden Thematik der Stellung des Individuums. Dabei wird chronologisch, beginnend mit seiner ersten Tätigkeit als Vertreter des nicht-direktiven / personenzentrierten Ansatzes vorgegangen, um auch seinen biographischen Hintergrund in die Interpretation einschließen zu können. In Kapitel vier werden schließlich die Analogien und Gemeinsamkeiten zur Sichtweise des Menschen in Rogers' gesamter Biographie aufgezeigt, wobei auch eventuelle Unterschiede in den Blick genommen werden. Abschließend dient ein prägnantes Resumé der Beantwortung der Forschungsfrage sowie der Zusammenfassung und Diskussion der wesentlichsten aufgezeigten Erkenntnisse dieser Arbeit.

1 Schlüsselbegriffe

Im Folgenden werden die Person Carl R. Rogers sowie der von ihm entwickelte personenzentrierte

Ansatz einer genaueren Betrachtung unterzogen, da eine Erläuterung dieser beiden Begriffe zu einem besseren Verständnis der vorliegenden Arbeit beitragen.

1.1 Carl R. Rogers

Der Psychologe und Psychotherapeut Carl Ransom Rogers wurde im Jahre 1902 in Illinois in den USA geboren. Nach Abschluss eines Psychologiestudiums arbeitete er in der „Child Guidance Clinic“ sowie als klinischer Psychologe am „Child Study Department of the Society for the Prevention of Cruelty to Children“ in Rochester. In dieser Zeit entwickelt er nach und nach einen eigenen, nicht-direktiven und klientenzentrierten, theoretischen Ansatz, den er 1940, nachdem er als Professor an die Ohio State University berufen wurde, im Rahmen eines Vortrags erstmalig öffentlich vor einem Fachpublikum postulierte. Diesen Zeitpunkt benannte er später als „Geburtsstunde der personenzentrierten Psychotherapie“ (Kirschenbaum 1979, 112f.). Darauf folgend erschien 1942 sein Buch „Counseling and Psychotherapy“, in dem er seine Grundannahmen und neuartigen Ansatz ausführte. Ab 1945 war er Professor an der Universität von Chicago, wo er überdies ein eigenes „Counseling Center“ aufbaute. Sein wohl bekanntestes Forschungsprojekt – die Behandlung schizophrener Klienten[2] im Rahmen der personenzentrierten Psychotherapie – führte Carl R. Rogers 1957 in Wisconsin durch. 1986 gründete er das „Center for Studies of the Person“ in La Jolla. In den darauf folgenden Jahren galt sein Interesse vorrangig der (Schul-)pädagogik sowie Selbsterfahrungsgruppen (sog. Encounter Groups). Überdies setzte er sich für Friedensarbeit und interkulturelle Kommunikation ein. Er starb 1987 im Alter von 85 Jahren in Kalifornien in den USA (Bommert 1977, 12ff.).

1.2 Die personenzentrierte Psychotherapie

Dieser humanistische therapeutische Ansatz hat seine Geburtsstunde im Dezember des Jahres 1940, als Carl R. Rogers seinen ersten Vortrag, dem man die Grundlinien entnehmen kann, vor einem Fachpublikum an der Universität in Minnesota gehalten hat. Das Ziel der personenzentrierten Psychotherapie liegt nicht in der Problemlösung, sondern ist auf die persönliche Entwicklung des Klienten konzentriert (Groddeck 2002, 79f.). Überdies wird jegliches Expertentum von Psychotherapeuten abgelehnt und die nicht-direktive Vorgangsweise propagiert. Der Hauptfokus dieses Ansatzes liegt auf der Beziehung zwischen Therapeut und Klient (Hutterer 1990, 4ff.). Rogers' Grundfrage lautet dementsprechend: „Wie kann ich eine Beziehung herstellen, die dieser Mensch zu seiner eigenen Persönlichkeitsentfaltung benutzen kann?“ (Rogers 1998 [Original 1961], 46). Aus diesem Grund werden die Echtheit/Kongruenz, die positive Wertschätzung sowie das einfühlsame Verstehen des Therapeuten als unumgängliche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Therapie angesehen. Durch diese Variablen gelingt es dem Klienten schrittweise – und vor allem eigenständig – die verleugneten, verborgenen oder schwer zugänglichen Aspekte seiner Gefühle und Erfahrungen zu erleben, auszusprechen, um sie schließlich in sein Selbstkonzept integrieren zu können. Im Gegensatz zur Psychoanalyse, die nach dem WARUM sowie auch zur Verhaltenstherapie, die nach dem WAS fragt, stellt die wesentliche Frage der personenzentrierten Psychotherapie das WIE dar. Sie erkundigt sich einfühlsam nach dem persönlichen Erleben des Klienten (Stipsits 1991, 15 [Online]). Die Persönlichkeitstheorie beziehungsweise das humanistische Menschenbild, das hinter der Rogerianischen Psychotherapie steht, geht von der Annahme aus, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, sich in Richtung größerer Reife zu entwickeln (Aktualisierungstendenz) sowie selbstverantwortlich und eigenständig seine im Leben auftretenden Probleme zu lösen (organismische Selbstregulierung) (Hutterer 2007/2008, 105ff.).

In der Literatur finden sich neben der Bezeichnung personenzentrierte Psychotherapie, je nach Erscheinungsdatum beziehungsweise –land, ebenso klientenzentrierte Psychotherapie, Rogerianische Psychotherapie sowie Gesprächspsychotherapie, die jedoch alle auf den Grundgedanken Carl R. Rogers' und dessen Überzeugungen basieren und somit in dieser Arbeit synonym verwendet werden.

Wie stellt sich Carl Rogers' Menschenbild dar, von welchen Denkrichtungen wurde es beeinflusst? Inwieweit decken sich diese Annahmen? Damit beschäftigt sich das nun folgende Kapitel.

2 Das Menschenbild bei Carl R. Rogers

Die Bezeichnung Menschenbild beinhaltet die Auffassung darüber, was der Mensch seinem Wesen, seiner Natur und seiner Beschaffenheit nach ist sowie die Forderung danach, was er sein kann und soll, also auch ein bestimmtes Persönlichkeitsideal (Wilms 1992, 137).

Am deutlichsten tritt Rogers' Verständnis vom Menschen in seiner im Jahre 1951 in seinem Buch 'Die klient-zentrierte Psychotherapie' veröffentlichten „Theorie der Persönlichkeit und des Verhaltens“ zutage. Diese stellte zur damaligen Zeit in den USA eine Alternativtheorie zu Freuds Psychoanalyse dar (Groddeck 2002, 105). Sie entstand aus einer Reihe unterschiedlicher Ansätze (z.B. existentielle Philosophie, Gestaltpsychotherapie, Entwicklungstheorie von Piaget) und basierte auf seiner Erfahrung aus der therapeutischen Praxis (Cohen 1997, 146). Sohin formulierte Rogers in 19 Thesen einen eigenen theoretischen Ansatz, auf dem seine weiteren Schriften und Vorträge sowie therapeutische Arbeit grundlegend aufbauten.

Zusammenfassend postuliert er hierin, dass das Individuum im Mittelpunkt seines – von ihm selbst strukturierten – Wahrnehmungsfeld steht. Das Verhalten eines Menschen wird demnach durch seine subjektive Erlebniswelt bestimmt. Überdies besitzt jeder Mensch die entelechische Tendenz, nach Selbstaktualisierung, -erhaltung und -verwirklichung zu streben, die die Haupttriebe menschlichen Handelns darstellen. Seine erfahrenen Wahrnehmungen werden dabei einer inneren Bewertungsinstanz unterworfen. Diejenigen Erfahrungen, die positiv für die Selbstverwirklichung sind, werden verstärkt und umgekehrt. Aufgrund des Wahrnehmens und Erlebens sowie damit einhergehender Interaktion mit der Umgebung entwickelt das Individuum nach und nach ein Konzept von sich selbst (Selbstkonzept), indem es auch Werte von außen übernimmt. Dieses Selbstkonzept besteht aus dem Real- (inneres Bild über die tatsächlichen Fähigkeiten) und dem Idealselbst (inneres Bild davon, wie die Person gerne sein würde). Gelingt eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung, stimmen Real- und Idealselbst überein. Erfahrungen werden nun immer in Bezug zum Selbstkonzept wahrgenommen bzw. geleugnet, da es die Tendenz, sich selbst aufrecht zu erhalten, hat. Gelingt eine korrekte Symbolisierung der Erfahrungen nicht, werden dem Selbst wichtige Wahrnehmungen vorenthalten und kommt es dadurch zu psychischer Fehlanpassung. Eine wertschätzende therapeutische Beziehung kann dabei helfen, sich seinem wahren Selbst (wieder) anzunähern (Rogers 2005 [Original 1951], 418ff.).

Da jedes Individuum ein subjektives Wahrnehmungsfeld besitzt, resultieren Handlungen einer Person daraus, wie diese etwas perzipiert. Aufgrund einer inneren Tendenz zur Selbstaktualisierung streben Menschen stets danach, sich in Richtung Wachstum zu bewegen, um ihre Potentiale im bestmöglichen Maß zu verwirklichen. Durch die erfahrenen Wahrnehmungen und Bewertungen ihrer Umwelt bildet sich nach und nach das Selbst einer Person heraus, dessen zwei Bestandteile (Real- und Idealselbst) im besten Falle übereinstimmen. Sollten diese auseinander klaffen, kann durch eine klientenzentrierte Therapie eine (Wieder-) Annäherung erfolgen.

[...]


[1] Bedingungsanalytisches Vorgehen = zu Beginn einer wissenschaftlichen Arbeit werden grundlegende Begriffe definiert, um das Vorverständnis darzulegen (Klünger & Gartnischnig 2003 [Online]).

[2] IS der leichteren Lesbarkeit wird in vorliegender Seminararbeit auf eine geschlechtsneutrale Schreibweise verzichtet.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640883721
ISBN (Buch)
9783640883509
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169845
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
1
Schlagworte
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Autor

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Titel: Das Individuum im Mittelpunkt