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Täterhandeln beim Cyber-Mobbing

Aspekte aus Tomasellos Forschungen über die geteilte Intentionalität beim Menschen und Negativierung dieser Aspekte hinsichtlich des Handelns der Täter beim Cyber-Mobbing

Essay 2011 19 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung und Zielsetzung

2. Aussagen Tomasellos zur geteilten Intentionalität und zu Gesten

3. Grundinformationen zum Cyber-Mobbing

4. Etwaige Negativierungen von Aspekten der „Wir-Intentionalität“ beim Cyber-Mobbing in sozialen Netzwerken

5. Abschließende Betrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Seminar „Du, Ich, Wir: Einsichten in Kommunikation und Kooperation zwischen Menschen“, beinhaltete die Diskussion um moderne Forschungen des, gebürtig aus den Vereinigten Staaten stammenden, Leipziger Professors Michael Tomasello, welche sich auf dem Gebiet der soziologischen Anthropologie be- wegen.

In diesem Essay möchte ich einige Aspekte Tomasellos wieder aufgreifen und sie in mögliche Verbindungen mit Handlungsweisen der Täter beim modernen Cyber-Mobbing in sozialen Netzwerken wie StudiVZ oder facebook bringen. Empirische Studien, in welchen Täter- und Opferbefragungen stattfanden, sowie erläuternde Handreichungen zum Cyber-Mobbing sollen mir, neben Büchern von Michael Tomasello, dafür als Informationsgrundlagen dienen.

2. Aussagen Tomasellos zur geteilten Intentionalität und zu Gesten

Einige Kernbereiche der Forschungen Tomasellos drehen sich um seine Unter- suchungen zu der von ihm genannten geteilten Intentionalität oder auch „Wir-In- tentionalität“ und der Verwendung von Gesten, genauer Zeigegesten und ikoni- sche Gesten.1

Tomasello beschreibt die Fähigkeit des Verständnisses von sozialen Be- ziehungen Dritter, welches lediglich die Primaten besitzen2, beschreibt den Um- stand, „ dass S ä ugetierindividuen in sozialer Hinsicht nicht blind handeln, son- dern vielmehr wirklich verstehen und repr ä sentieren, was sie tun “ 3 und das sich „ Primaten selektiv bei ihrer Wahl von Koalitionspartnern “ verhalten.4

Diese, wie auch die noch folgenden Aspekte aus Tomasellos Arbeit finden sich auch beim Handeln der Täter von Cyber-Mobbing Situationen wieder, allerdings werden sie meines Erachtens entgegen einer, in der Regel für soziale Netzwerke üblichen und möglichen, moralischen Anwendung im gesellschaftlich positiven Sinne beim Cyber-Mobbing negativ und aus primitiven moralisch-rückschritt- lichen Beweggründen angewandt. Ein Täter handelt beispielsweise, zwar nicht immer, aber doch sehr oft, nicht blind, sondern verfolgt ein Ziel mit seiner Tat.

Ein Beispiel, welches Tomasello von der Beobachtung zweier Schimpansen durch einen Forscher wiedergibt, lässt hier vorab bereits die negative Qualität ei- ner heimtückischen Tat, zu denen ja auch das Cyber-Mobbing gehört, erkennen. „ beobachtete de Waal, wie eine Schimpansin wiederholt ihre Hand gegen ü ber einem Artgenossen in einer scheinbaren Geste der Beschwichtigung ausstreckte. Als der andere sich jedoch n ä herte, griff sie ihn an. Dies könnte ein Fall von T ä uschung sein, der auch bei Menschen vorkommt: Der T ä ter will den anderen glau ben machen, er habe freundliche Absichten, was in Wirklichkeit nicht der Fall ist.[ … ]Dieser Gebrauch eines etablierten sozialen Verhaltens in einem neuen Kontext ist gewiss eine sehr intelligente und möglicherweise einsichtsvolle, sozia le Strategie zur Manipulation des Verhaltens anderer. “ 5

Weiter ist für das Cyber-Mobbing wichtig, dass Tomasello beschreibt, dass nichtmenschliche Primaten nicht anderen absichtlich neue Verhaltensweisen lehren. Seiner „ Ansicht nach tun sie diese Dinge deshalb nicht, weil sie nicht ver stehen, dass ihre Artgenossen intentionale und geistige Zust ä nde haben, die mög licherweise beeinflussbar sind. “ 6 Außerdem „ verstehen sie andere nicht als intentionale Akteure, die Ziele verfolgen.7 [ … ]Aber Menschen sehen noch etwas ande res. Sie verstehen einen Artgenossen als jemanden, der die Nahrung als Ziel an strebt, und sie können versuchen, diese und andere intentionale und geistige Zu st ä nde, und nicht nur das Verhalten, zu beeinflussen. “ 8

In einem späteren Kapitel heißt es: „ Das zentrale Argument besteht darin, dass wir es hier mit psychosozialem Wissen zu tun haben, das sich wesentlich von phy- sischem Wissen unterscheidet. [ … ] Wenn ein Kind sieht, wie ein Gleichaltriger et- was unter dem Sofa sucht, wei ß es nach dieser Theorie, wie es sich anf ü hlt, wenn man vergeblich nach etwas sucht, und es wei ß auch, wie es sich anf ü hlt, wenn man es schlie ß lich an einem anderen Ort findet. Wenn das Kind sich also mit einem anderen identifiziert, versteht es dessen Verhalten aus der Innen- perspektive.9

Diese für die nicht-menschlichen Primaten unmöglichen Verhaltensweisen sind demnach bei Menschen möglich und lassen sich daher vermutlich ebenso auf das Cyber-Mobbing übertragen.

Zum Thema „Konkurrenz“, welches meiner Meinung nach ebenfalls stark in eine Cyber-Mobbing Situation hineinspielen kann, hält Tomasello fest: „ Wenn umgekehrt ein Ereignis in einer Situation auftritt, in der die vermittelnde Kraft irgendwie blockiert ist, dann könnte man vorhersagen, dass die ü bliche Kon- sequenz nicht folgen wird. Ein Individuum könnte z.B. die Sicht des Konkurrenten auf den begehrten Gegenstand blockieren, oder es könnte einen Stein daran hin- dern, den H ü gel hinunterzurollen, indem es einen anderen Stein unter ihn legt. Das kausale und intentionale Verstehen der Menschen hat also unmittelbare Fol- gen f ü r wirksames Handeln, da es die Möglichkeit eröffnet, neue Wege der Ma- nipulation oder der Unterdr ü ckung vermittelnder Kr ä fte zu finden. “ 10

Es ist sehr wahrscheinlich, so denke ich, dass in einigen Situationen von Cyber-Mobbing eben genau dies stattfindet. Man könnte absichtlich versuchen Menschen auf „falsche Fährten“ zu locken, oder ihnen unwahre Dinge über an- dere, oft gemeinsame Bekannte aufzubinden. Auf die zuvor genannte „Wahl von Kooperationspartnern“ Bezug genommen, könnte man für das Cyber-Mobbing al- so auch annehmen, dass Täter sich bewusst die am besten geeigneten „Mittäter“ heraussuchen, die dann entweder absichtlich oder unbedarft Teil des Cyber- Mobbings gegen eine (oder mehrere) Opfer-Person(en) werden.

Im ersten Kapitel eines weiteren Buches geht Tomasello dann zu den Gesten über. Hier sind meines Erachtens besonders Zeigegesten und ikonische Gesten in einer Art virtuellen Form ebenfalls beim Cyber-Mobbing zu finden.

Tomasello beginnt zunächst wieder die Unterscheidung zum Tier: „ Versuchen Sie einmal, irgendeinem Tier im Zoo etwas Einfaches mitzuteilen. Teilen Sie ei nem [ … ]mit, seinen Körper >>so<< zu drehen, indem Sie ihm durch eine Geste Ihrer Hand oder Ihres Körpers zeigen, was er tun soll, [ … ] Das Tier wird Sie nicht verstehen. Das liegt nicht daran, dass es nicht interessiert oder motiviert oder auf seine eigene Art intelligent ist, sondern daran, dass Sie Tieren einfach nichts mitteilen können, nicht einmal nonverbal, und auch nicht erwarten können, dass sie das Gesagte verstehen.

Menschen finden solche Gesten wie Zeigen und Geb ä rdenspiel gewiss völlig nat ü rlich und durchsichtig: Schauen Sie einfach wohin ich zeige, und Sie werden sehen was ich meine. [ … ] Touristen schaffen es in vielen Situationen innerhalb fremder Kulturen, in denen niemand ihre konventionelle Sprache teilt, zu ü berle- ben und erfolgreich zu interagieren, indem sie sich gerade auf solche von Natur aus bedeutungstragenden Formen gestischer Kommunikation st ü tzen.11

Es kann also, im Umkehrschluss zum genanten Zoobeispiel, festgehalten wer- den, dass die Zeigegeste für den Menschen in gleicher Situation mit einem Sinn verbunden wäre, welchem er auf gleicher „Wellenlänge“ wie der Signalgeber fol- gen könnte.

Tomasello führt weitläufiger aus: „ Zeigen und Geb ä rden waren somit die ent scheidenden Ü bergangspunkte in der Evolution menschlicher Kommunikation und beinhalten schon die meisten der nur beim Menschen vorkommenden Formen sozialer Kognition und Motivation, die f ü r die sp ä tere Schaffung konventioneller Sprachen erforderlich waren.12

Diese Stelle ist denke ich auch insofern wichtig, da sie vermittelt, dass Menschen eine soziale Kognition besitzen, also auch sehr direkt Anteil an dem Handeln und den Gefühlen Anderer haben, da sie sich wirklich vergleichbar in deren Situation hinein versetzen können.

Auch dieser allgemeine Aspekt kehrt sich beim Cyber-Mobbing ins Negative, denn Täter vergessen oder beachten schlichtweg den Gedankengang des Opfers nicht ausreichend, obwohl es ihnen möglich wäre, etwa beim veröffentlichen ei- nes für das „Opfer“ unangenehmen Fotos. Oder aber, sie blenden den Aspekt be- wusst, und dann meist aus moralisch rückschrittlichen, also primitiven Beweg- gründen aus um entweder dem Betroffenen zu schaden, sich selbst Vorteile zu verschaffen oder mit einem „Mittäter“ auf Kosten des Opfers wiederum ein geteiltes „Spaßgefühl“ zu erleben.

Ein Absatz Tomasellos, der sich an das Beispiel zweier Bekannter anknüpft, die ein gemeinsames bekanntes Fahrrad einer dritten, nicht anwesenden Person gesehen haben, kann hier angeführt werden, welcher meines Erachtens die Situ- ation gut weiter umschreibt: „ Von einem evolution ä ren Gesichtspunkt aus gese- hen, ist der andere bemerkenswerte Aspekt dieses allt ä glichen Beispiels einer menschlichen Zeigegeste seine prosoziale Motivation. Ich informiere Sie ü ber die wahrscheinliche Gegenwart Ihres Exfreundes oder den Standort Ihres gestohle- nen Fahrrads einfach deshalb, weil ich glaube, dass Sie diese Dinge wissen möch- ten. Im Tierreich ist eine derartige n ü tzliche Mitteilung von Informationen ä u ß erst selten, selbst bei unseren n ä chsten Verwandten unter den Primaten [ … ] Wenn beispielsweise ein wimmerndes Schimpansenjunges nach seiner Mutter sucht, haben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit alle anderen Schimpansen in der unmittelbaren Umgebung davon Kenntnis. Wenn ein sich in der N ä he befin- dendes Weibchen nun wei ß , wo die Mutter ist, wird sie es dem suchenden Jungen aber nicht sagen, obwohl sie durchaus in der Lage ist, ihren Arm in einer Art von Zeigegeste auszustrecken. Sie wird es dem Kind deshalb nicht sagen, weil es ein- fach nicht zu ihren Kommunikationsmotiven gehört, andere auf hilfreiche Weise ü ber etwas zu informieren. Menschliche Kommunikationsmotive sind im Gegen- satz dazu so grundlegend kooperativ angelegt, dass wir andere nicht nur ü ber bestimmte Dinge auf hilfreiche Weise informieren, sondern wir einen Wunsch an- deren einfach zur Kenntnis bringen, in der Erwartung, dass sie von sich aus Hilfe anbieten werden.13

Beim Cyber-Mobbing kann vermutlich daher davon ausgegangen werden, dass die augenscheinlich eigentlich als Regel üblichen Aspekte der „prosozialen Moti- vation“ als auch der „grundlegend kooperativ angelegten Kommunikationsmo- tive“, im Zuge einer Cyber-Mobbing Situation seitens des Täters ins Negative dia- metral umgekehrt werden, was aber angesichts der eigentlich bei weitem über- wiegend „positiven“ Nutzung eines sozialen Netzwerkes, wie es dem obigen Absatz entspricht, dann einer Abweichung, des für einen Menschen Natürlichen, entsprechen müsste.

[...]


1 vgl. Tomasello, Michael. (2006). Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Berlin: Suhrkamp.

2 vgl. Tomasello, Michael. (2006). Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Berlin: Suhrkamp. S. 29

3 vgl. Tomasello, Michael. (2006). (ebd.).

4 vgl. Tomasello, Michael. (2006). (ebd.).

5 vgl. Tomasello, Michael. (2006). Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Berlin: Suhrkamp. S. 33 f.

6 vgl. Tomasello, Michael. (2006). Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Berlin: Suhrkamp. S. 34

7 vgl. Tomasello, Michael. (2006). Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Berlin: Suhrkamp. S. 34 f.

8 vgl. Tomasello, Michael. (2006). Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Berlin: Suhrkamp. S. 35

9 vgl. Tomasello, Michael. (2006). Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Berlin: Suhrkamp. S. 222

10 vgl. Tomasello, Michael. (2006). Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Berlin: Suhrkamp. S. 39

11 vgl. Tomasello, Michael. (2009). Die Urspr ü nge der menschlichen Kommunikation. Berlin: Suhrkamp. S. 12 f.

12 vgl. Tomasello, Michael. (2009). Die Urspr ü nge der menschlichen Kommunikation. Berlin: Suhrkamp. S. 13

13 vgl. Tomasello, Michael. (2009). Die Urspr ü nge der menschlichen Kommunikation. Berlin: Suhrkamp. S. 16

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Titel: Täterhandeln beim Cyber-Mobbing