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Fasziniert und Aktiviert.

Intentionen Postmoderner Pädagogik.

Wissenschaftliche Studie 2011 194 Seiten

Pädagogik - Reformpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Pädagogik der Personalität
1.1 Bilanz charakterdeformierender Erziehung
1.2 Erziehung zum Autoritären Charakter
1.3 Vielfalt der Persönlichkeitsmerkmale

2. Pädagogik der Produktivität
2.1 Produktiver Postmoderner
2.2 Biophile Pädagogik
2.3 Friedenspädagogik

3. Pädagogik der Responsibilität
3.1 Erziehung zur Menschenfreundlichkeit
3.2 Erziehung zum Umwelt- und Tierschutz
3.3 Pädagogik der Globalisierung

4. Pädagogik der Vitalität
4.1 Sexualpädagogik
4.2 Positive Pädagogik
4.3 Erziehung zur Gesundheit

5. Pädagogik der Faszination
5.1 Erlebnispädagogik
5.2 Erziehung zur Kreativität
5.3 Erziehung zum Gestaltungsoptimismus

6. Pädagogik der Initiative
6.1 Pädagogik der Konstruktivität
6.2 Pädagogik der Medienkompetenz
6.3 Pädagogik der Qualität

Schlusswort...

Literaturverzeichnis

Einleitung

Fasziniert und Aktiviert - so lautet der Titel des vorliegenden Textes. Damit werden zentrale Intentionen der Postmodernen Pädagogik benannt. Pädagogik steht gegenwärtig vor ungeahnten Herausforderungen. Soziale Eingliederungsprobleme wie Drogenaffinität, Esstörungen mannigfacher Art, Depressionen bis hin zu Suizidgefährdung, Gewalt unter Schülern usw. stellen die Wirksamkeit von Erziehung, Pädagogik und Bildung auf die Probe. Aber auch kulturelle, gesellschaftliche und globale Herausforderungen erstreben Beachtung. Wie konnte es im März 2011 zur Nuklearen Reaktor-Katastrophe von Fukushima in Japan kommen? Wie könnte das ethisch-moralische Niveau der Intelligenzeliten der Welt angehoben werden? Wie könnten Erziehung, Pädagogik und Bildung zum gesunden Überleben der Menschheit beitragen? Sinnvoll wäre eine weltweite Renaissance der Reformen im Bildungswesen. In Analogie zur Wirkung des Sputnik-Schocks auf die Pädagogik des Westens gälte es, weltweite Kampagnen zur Anhebung des Bildungsniveaus der Menschheit ins Leben zu rufen.

Im vorliegenden Buch finden sich in sechs Kapiteln mit insgesamt achtzehn Unterkapiteln Erörterungen über das Profil einer Humanistischen Postmodernen Pädagogik. Zunächst geht es um eine Pädagogik der Personalität. Nach einer ernüchternden Bilanz charakterdeformierender Erziehung und der Analyse des weit verbreiteten Autoritären Charakters erfolgt eine Synopse über die Vielfalt von Persönlichkeitsmerkmalen in der postmodernen Epoche. Sodann werden die Eckdaten einer vielversprechenden Pädagogik der Produktivität an den Beispielen der Produktiven Postmodernen Orientierung, der Biophilen Pädagogik und der Friedenspädagogik markiert. Weiter geht es im Text mit wichtigen Ausführungen über eine dringend notwendige Pädagogik der Responsibilitätsförderung mit Unterkapiteln über die Erziehung zur Menschenfreundlichkeit, zum Umwelt- und Tierschutz und zur Pädagogik der Globalisierung. Im Fokus des interessanten vierten Kapitels steht eine Pädagogik der Vitalität. Sexualpädagogik, Positive Pädagogik und Gesundheitserziehung werden hier aspektreich erörtert. Der Inhalt des fünften Kapitels zeigt detailliert Konzepte einer Pädagogik der Faszination auf, insbesondere Erlebnispädagogik, Kreativitäts-Erziehung und Erziehung zum Gestaltungsoptimismus. Das abschließende Kapitel über eine Pädagogik der Initiative enthält spannende Ausführungen zu einer Pädagogik der Förderung von Konstruktivität, Medienkompetenz und Qualität.

1. Pädagogik der Personalität

Das Ziel des Lebens

ist

die Selbstentwicklung.

Das eigene Wesen

völlig zur Entfaltung zu bringen,

ist unsere Bestimmung.

Oscar WILDE

1.1 Bilanz charakterdeformierender Erziehung

Kinder und Jugendliche in Deutschland können sich glücklich schätzen. Sie wachsen auf in einem der zehn wohlhabendsten Ländern der Erde in einer freiheitlich-demokratischen Zivilgesellschaft, einer fortgeschrittenen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft, in einer Situation der sozialen Sicherheit und im Frieden. Es ist zwar nicht alles vollkommen, aber krasse Ausbeutung, Sklaverei und völlige Chancenlosigkeit sind überwunden. Die Emanzipation und Gleichstellung der Mädchen und Frauen ist weiter fortgeschritten als in den überwiegenden, ärmeren und rückständigeren Ländern der Erde. Die Möglichkeiten der freien Entfaltung der Persönlichkeit und der Talente sind größer als in der Mehrzahl aller Staaten des Erdballs. Die soziale Durchlässigkeit ist nicht absolut, aber doch besser als in Jahrtausenden zuvor.

Und dennoch ist ein größerer Teil der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen in Deutschland nicht glücklich. Zahlreiche Kindheits- und Jugendprobleme schmälern die Freude am Leben.

Schulschwierigkeiten, wie psychische Störungen, Schulangst, Schulabsentismus, Schülerselbst-mord, Leistungs- oder Teilleistungs-Störungen oder Prüfungsängste sind weit verbreitet. Individuelle Gründe mögen Minderwertigkeitsgefühle, Schüchternheit oder mangelndes Selbstwertgefühl sein. Schulische Gründe können in Mobbing durch die "lieben" Mitschüler, Identifikationsschwierigkeiten mit der Lehrperson, Leistungsdruck oder entmutigenden Zensuren, ja sogar im Selektionssystem des Schulwesens und in mangelnder Förderung, quasi einer strukturellen Gewalt (GALTUNG) gesucht werden.

Durch eine Lese-Rechtschreib-Schwäche, eine Dyskalkulie, ein ADHS, ein Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom, oder sogar eine verkannte Hochbegabung, ein unentdecktes Indigo-Phänomen weicht die ursprüngliche Freude an der Einschulung oft schnell einer krassen Ernüchterung.

Behinderte Kinder, Kinder mit Migrationshintergrund und von Armut betroffene Kinder haben ihre besonderen Schwierigkeiten.

Schülerinnen im jugendlichen Alter leiden an Identitätsfindungsstörungen wie Pubertäts-Magersucht, Fettsucht oder Ess-Brechsucht durch Schlankheitswahn, Schönheitsideal und Attraktivitätsklischees.

Die Identitätsfindungsschwierigkeiten der Knaben und männlicher Jugendlicher äußert sich zu oft in Aggression, Gewalt und Jugendkriminalität. Die Maskulinitäts-Klischees in den Massenmedien machen es zarten Jungen schwer, zu ihrer Sensibilität zu stehen.

Die Gefahr des Missbrauchs legaler Drogen, wie Alkohol und Nikotin, aber auch illegaler Drogen, wie Haschisch, Kokain und Extasy, wird im Jugendalter durch den sozialen Druck der Gleichaltrigengruppe gefördert.

Subkulturen der Jugendlichen bieten Zugehörigkeit und einen sozialen Uterus, bergen jedoch auch Gefahren der Desintergration. Skin-Heads, Grufties, Gothics bis hin zu religiösen Santanssekten und rechtsextremistischen Kameradschaften finden leicht begeisterbare Anhänger unter Schülern.

Eine besonders problematische Gruppe junger Menschen stellen die türkischen, arabischen und afrikanischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund dar. Hohe Arbeitslosigkeit, Bildungsferne, Distanz zum schulischen Lernen, Verwahrlosung in Ghetto-Situationen bilden ein ganzes Syndrom der sozialen Integrationsschwierigkeiten. Bei Türken und Arabern ist traditionell der Männlichkeitswahn extrem ausgebildet. Ehre der Familie und Respekt vor älteren Männern werden stark betont, so dass es schnell zu Gewalt kommen kann, wenn diese Werte angetastet werden. Das Prügeln von Kindern und Frauen in diesen traditionellen Familien ist leider eine weithin akzeptierte Praxis. Die Väter sind überwiegend arbeitslos und Sozialhilfeempfänger. Wenn sich Kinder Respektlosigkeit gegenüber dem Looser-Vater erlauben, wird schnell geschlagen, um den traditionellen Respekt vor männlichen Älteren wieder herzustellen. Die Mädchen werden dazu angehalten, Kopftücher als Zeichen der Abgrenzung von den Ungläubigen zu tragen. Dennoch ist diese Gruppe der Bevölkerung sehr gesund und fruchtbar und wirft viele soziale und politische Fragen auf (Vgl. SARRAZIN 2010).

Wenn es einer Postmodernen Pädagogik gelänge, diese bildungsfernen Schichten unserer multikulturellen Gesellschaft zu faszinieren und zu aktivieren, dürften sich sehr viele intelligente Begabungsreserven, zum Beispiel auch und gerade unter den Mädchen, finden. Analogien zu den Bildungskampagnen zur Förderung der Begabungsreserven nach dem Sputnik-Schock in den 1960er Jahren der Bundesrepublik Deutschland tun sich auf. Wenn 20 bis 80 Prozent der Intelligenz vererbbar sind, dann sind eben auch 80 bis 20 Prozent der Intelligenz durch das Anregungsmilieu und durch eine bildungsnahe Umwelt förderbar. Hunderttausende junger Mädchen in Deutschland haben stark von den damaligen kompensatorischen Bildungsprogrammen zur Aktivierung der brach liegenden Bildunsgreserven profitiert.

Zur Sozialisation der Mädchen

Die Identitätsfindungsschwierigkeiten jugendlicher Mädchen äußern sich in intrapsychischen Konflikten, die autoplastisch, introvertiert, sich gegen die eigne Person richten. Depressionen, Selbstschädigungen und Essstörungen sind die häufigsten Formen abweichenden Verhaltens bei weiblichen Jugendlichen. Beispielhaft sei hier die „Anorexia nervosa“, (griech) nervöse Appetitlosigkeit, angeführt. Die Magersucht gibt sich durch eine starke Abnahme des Körpergewichts aufgrund extremer Ablehnung der Nahrungsaufnahme zu erkennen. Es kann von einer Selbstaushungerung durch Unterdrückung von Appetit und Hungergefühlen gesprochen werden.

Familiendynamische Einzelfallstudien untersuchen die familiären Einflüsse bei der Entstehung dieser Krankheit.Vorgetäuschte Harmonie oder Pseudo-Harmonie innerhalb der Familie lässt der weiblichen Heranwachsenden wenig Möglichkeit zur Abgrenzung. Es wird nicht über Gefühle und Gedanken gesprochen. Der Familienstil ist geprägt durch Leistungsorientierung, Ordnung und Perfektionismus. Die weiblichen Kinder unterliegen einem hohen Erwartungsdruck und versuchen, den Ansprüchen der Eltern gerecht zu werden. Oft lebt die Mutter die Wichtigkeit des Schlank-Seins vor und kritisiert die Figur des eigenen Kindes. Obwohl äußerlich alles intakt scheint, fehlt es an „Nestwärme“ an emotionaler Wärme und Verständnis.

Neben den familiären Einflussgrößen spielen auch soziokulturelle Faktoren eine große Rolle.

Individuelle Vorstellungen einer Kultur und Epoche, was als schön und erstrebenswert gilt, können sehr unterschiedlich ausfallen. Man denke an die fülligen weiblichen Gestalten des Malers RUBENS. Westliche Überschussgesellschaften und deren Medien suggerieren jedoch seit 1960 zunehmend das Bild einer schlanken und sportlichen Frau als erstrebenswertes Ideal. Frauen werden von vielen Männern nach dem Aussehen beurteilt. Mit dem Begriff Schlankheit werden Begriffe wie Intelligenz, Erfolg oder Gesundheit assoziiert. Es scheint eine Forderung der Gesellschaft, ab der Pubertät das Kindsein abzulegen und sich schnell auf die Rolle als Frau einzustellen. Die Krankheit wird bei Magersüchtigen und anderen Essgestörten als ein Ausweg aus der geforderten Angepasstheit an die geschlechtsspezifische Rollenverteilung der Gesellschaft gesucht. Es besteht bei diesen jungen Menschen ein starker Wunsch, von allen geliebt zu werden. Sie erhalten aus ihrer Bedürftigkeit heraus zu wenig Bestätigung und Aufmerksamkeit vom sozialen Umfeld.

Krankheit und Heilung:

30% der Magersüchtigen sind chronisch krank

30% der Magersüchtigen sind nach einer Behandlung geheilt

10% aller Magersüchtigen sterben an ihrer Magersucht

Schönheitsideal oder Schlankheitswahn?

50% aller Mädchen unter 15 Jahren halten sich für zu dick.

66% aller 11-19-jährigen Jungen und Mädchen möchten dünner sein.

73% der Frauen finden ein Gewicht unterhalb des Normalgewichts am attraktivsten.

Weibliche Geschlechtsrollenstereotype üben trotz allen Gleichstellungsbemühungen im letzten Viertel des Zwanzigsten Jahrhunderts immer noch eine gewichtigen Einfluss während er weiblichen Sozialisation aus. Immer noch werden Mädchen und Frauen als:
- passiv,
- eher selbstschädigend als aggressiv,
- angepasst,
- unauffällig und
- legal
eingeschätzt.

Typische Mädchen sind demnach:
- zärtlicher,
- dankbarer,
- hübsch und niedlich,
- (früh) hilfsbereit,
- spät selbständig und
- häuslicher.

Frauen flüchten in psychische Störungen, um nicht aufzufallen. Problemlösungen erfolgen individuell und isoliert. Psychomotorische Störbilder weiblich devianten Verhaltens sind überwiegend intraversiv, also nach innen gekehrt.

Essstörungen

Typische psychische Störungen sind Anorexia nervosa, die Magersucht, und die Bulimia nervosa, die Ess-Brech-Sucht. Die Magersucht ist eine Erkrankung, die durch massive Angst vor Gewichtszunahme oder Fettleibigkeit gekennzeichnet ist. Die Magersucht äußert sich in Essunlust und übermäßigem Bewegungsdrang, was zu extremem Gewichtsverlust führt. Angst und ständige übermäßige Sorge um Gewicht und Figur führen bei der Bulimie zu Episoden, bei denen die betroffene Person in kurzer Zeit sehr viel isst und sich der Nahrung anschließend durch absichtliches Erbrechen, Abführmittel oder Fasten wieder entledigt oder mit starker körperlicher Anstrengung versucht, das Gewicht zu verringern.

Bei den Essstörungen unterscheidet man drei verschiedene Krankheitsbilder:

die Anorexia nervosa (Magersucht),

die Bulimia Nervosa (Ess- und Brechsucht), sowie

die Adipositas (Fettsucht)

Essstörungen galten früher als „typisch weibliche“ Erkrankung. Heute erkranken auch Jungen und Männer. Häufiger sind jedoch immer noch Mädchen und Frauen in ihrem Essverhalten gestört. Essstörungen treten über die gesamte Altersspanne auf. Im Jugendalter, vor allem in der Pubertät, besteht eine größere Gefahr, eine Essstörung zu entwickeln. Vor allem im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Es gibt auch Ersterkrankungen vor dem 10. und nach dem 25. Lebensjahr. Im Durchschnitt erkranken die Patienten an Bulimie zwischen dem 18. und 35. Lebensjahr.

Etwa 5 Millionen Männer und mehrheitlich Frauen in Deutschland leiden an Essstörungen.

Diäten können Vorläufer, und auch "Einstiegsdroge" für ein gestörtes Essverhalten oder eine Essstörung sein. Neben Diäten versuchen viele Menschen durch exzessiven Sport, Hungern,

einseitige, eingeschränkte Ernährung (restriktives Essverhalten), die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln und den Missbrauch von Medikamenten, wie beispielsweise Appetitzügler, Abführmittel und Entwässerungsmittel, zu ihrem Wunschgewicht zu gelangen.

Auch chirurgische Eingriffe wie z. B. Fettabsaugen werden immer häufiger von jungen Frauen in Betracht gezogen, trotz gesundheitlicher Risiken.

8% der 6-17-jährigen Mädchen wiegen zu wenig.

50% aller Mädchen unter 15 Jahren halten sich zu dick, bei Normal- oder Untergewicht.

90% der weiblichen Teenager wollen abnehmen.

66% aller 11-19-jährigen Jungen und Mädchen möchten dünner sein.

73% der Frauen finden ein Gewicht unterhalb des Normalgewichts am attraktivsten.

Körper-Modifikation und morphologische Freiheit

Die Schönheits-Chirurgie entwickelt sich zu einem lukrativen Industriesektor. Meistens geht es darum, bei adipöser Figur Fett abzusaugen, Falten zu glätten oder Unfallopfer kosmetisch zu versorgen. Immer stärker jedoch wird die Möglichkeit der Vervollkommnung der weiblichen Körperformen und körperlichen Besonderheiten offeriert. Straffung erschlafften Busens, Verkleinerung vergrößerter weiblicher Brüste, Verkleinerung zu groß geratener Brustwarzen sind derartige Beispiele. Besonders begehrt sind Vergrößerungen der weiblichen Brüste, um die erotische Attraktivität zu erhöhen. Studentinnen bekennen ganz unverblümt den Wunsch nach Vergrößerung ihres jugendlichen Busens. Einzelfälle junger Mädels wünschen sich zur Vollendung ihres 18. Geburtstags von ihrer Großmutter ein Geldgeschenk für eine Brustvergrößerung. Anfang des Jahres 2011 ist ein durch eine beliebte Fernsehsendung bekannt gewordenes Erotik-Film-Model, ein junges Mädchen im Alter von 21 oder 23 Jahren, in Hamburg bei einer Brustvergrößerungsoperation gestorben. Ganz überwiegend verlaufen diese Operationen allerdings sicher.

Aber nicht nur der Busen wird nach einem massenmedial propagierten Schönheitsideal entsprechend modifiziert. Auch die weiblichen Genitalien können operativ renoviert werden. Man spricht von Designer Vagina. Als zu groß empfundene innere Schamlippen können gestutzt werden. Selbst die Klitoris kann Gegenstand der operativen Perfektionierung werden, indem die Vorhaut gekürzt oder entfernt, der Klitorisschaft oder die Klitorisspitze reduziert und ausgerichtet werden können. Während hinsichtlich des Busens überwiegend eine Vergrößerung oder Straffung angestrebt wird, sieht das Schönheits-Ideal einer postmodernen Vulva durch Enthaarung und Verkleinerung der Protuberanzen eher infantil und prä-adoleszent aus. Im Internet finden sich zahlreiche Angebote Schönheits-chirurgischer Kliniken mit Illustrationen, die den jungen Mädchen die Idealmaße von Brüsten und Genitalien veranschaulichen.

Tätowierungen, Beringungen und Scarifikationen, das ist das Beibringen von Schmucknarben, bereichern die Kosmetik-Prozeduren. So lange die Gesundheit keinen Schaden nimmt, und wenn diese Körper-Modifikationen von mündigen Erwachsenen freiwillig gewünscht werden, ist gegen diese Moden wenig einzuwenden, ja sie sind vielleicht sogar zu begrüßen. Die Ästhetik der tribalen, nativen Kulturen des Natur-Dschungels erobert die Kultur der Metropolen des postmodernen Großstadt-Dschungels. Insofern kann hier nicht von einer einseitigen kulturellen Invasion der reichen Gesellschaften im Zuge der Globalisierung gesprochen werden, sondern eher von einer kulturellen Bereicherung der postmodernen Lebenskultur durch exotische Sitten und Gebräuche.

Eine ernst zu nehmende Befürchtung besteht jedoch, dass die Prozeduren des Körper-Shaping, der Körper-Modifikation zu einem Körper-Kult mit neuartigen Zwängen, zu einem Attraktivitäts-Terror ausarten könne. Die körperliche Erscheinung und das sogenannte Out-Fit könnten wichtiger werden als das Individuum, das menschliche Wesen, die Persönlichkeit. Trotz aller postmodernen Aspekte könnte diese Entwicklung letztendlich eine Geringschätzung der menschlichen Würde zur Folge haben. Die Frau in ihren vielfältigen Rollen als Mutter, Schwester, Tochter, Geliebte, Seelenpartnerin, Ehefrau, Schülerin, Studentin, Lehrerin, Kollegin, Zeitgenossin usw. ist mehr als ein Konglomerat aus Busen, Beinen und Bio-Masse (Vgl. PICKER 2002).

Morphologische Freiheit

Anders SANDBERG, ein schwedischer Neuroforscher und Transhumanist, wählt eine provozierende alternative Perspektive. SANDBERG betont die morphologische Freiheit, das ist eine Freiheit, die eigene Körper-Form zu bestimmen. Rechtsphilosophisch betrachtet lasse sich aus dem Recht auf Leben und dem Recht auf Freiheit auch das Recht auf den eigenen Körper ableiten. Und mit diesem Recht auf den eigenen Körper bestehe auch das Recht, den eigenen Körper verändern zu dürfen.

In unserer postmodernen Gesellschaft sei eine immer größere Akzeptanz von äußerlichen Modifikationen zu beobachten, sei es Freiheit in der Kleiderwahl, im Färben und Tönen der Haarfarbe, in der Verzierung durch Tätowierungen und Piercings, durch Schönheitschirurgie, bis hin zu operativen Geschlechtsumwandlungen. Gentherapie und die Früchte der Altersforschung würden in naher Zukunft noch weiter reichende Möglichkeiten der Veränderung eröffnen. Der Mensch als individualistisches und weltoffenes Wesen werde sie auch wahrnehmen.

SANDBERG geht noch einen Schritt weiter. Morphologische Freiheit sei nicht nur ein Grundrecht, sondern auch eine Notwendigkeit für eine reichhaltige, pluralistische Gesellschaft und ein Schutz gegen erzwungene körperliche Veränderungen durch Dritte. SANDBERG verweist darauf, dass sich viele Behinderte eben nicht als behindert, sondern als körperlich anders verstünden, und dass die Behindertenbewegung ein hervorragender Verbündeter für die Freiheit der eigenen Form sei. Auch Hermaphroditen pochen zunehmend auf die morphologische Freiheit. Leider gebe es zur Zeit noch kein zusammenhängendes Recht am eigenen Körper.

Politische, pädagogische und ethische Fragen türmen sich auf. Die oft geäußerte Ansicht, die radikale Veränderung des eigenen Körpers führe zu einem Verlust der Menschlichkeit, teilt SANDBERG nicht. Das Streben nach solcher Veränderung sei eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Bezüglich der Gefahr einer Spaltung der Gesellschaft in Privilegierte, die Zugang zu solchen Erweiterungen haben, und Unterprivilegierte, verwies er auf die immer raschere Geschwindigkeit, mit der neue Technologien breite gesellschaftliche Durchdringung finde, und die damit verbundenen fallenden Kosten. Überhaupt seien die Gegenargumente zum Beispiel auch auf das Telefon anwendbar gewesen, was uns heute im Rückblick nur lächerlich erscheinen kann.

Drogenaffinität bei Jugendlichen

Viele Jugendlichen haben selbst schon Erfahrungen mit Drogen gemacht. Zur Einschätzung der aktuellen Lage seien einige Zahlen und Fakten angeführt: Untersucht wurden 12-25jährige in Deutschland lebende Jugendliche. Das Auswahlverfahren beruht auf einer Zufallsauswahl. Die Stichprobengröße beläuft sich auf 3000 Fälle (Repräsentative Untersuchung).

Erfahrungen mit Alkohol

98 % der Jugendlichen haben ihre Erfahrungen mit Alkohol bereits gemacht. Lediglich 2 % haben noch nie Alkohol getrunken. Häufigste Erfahrungen gibt es mit mit Wein und Sekt (88 %) An zweiter Stelle folgt Bier (80 %). Alkoholische Mixgetränke und Spirituosen wurden bereits von 74 % konsumiert. Feststellung von geschlechterspezifischem Alkoholkonsum: Junge Männer trinken häufiger Bier und Spirituosen als junge Frauen. Frauen trinken mehr Wein und Sekt.

Häufigkeit des Alkoholkonsums: Am häufigsten wird Bier konsumiert, 23 % der Jugendlichen trinken mindestens 1 x in der Woche. Alle anderen alkoholischen Getränke werden deutlich seltener getrunken.

Erfahrungen mit Nikotin

Mehr als zwei Drittel der Jugendlichen haben bereits Erfahrungen mit dem Rauchen gemacht (69 %). Das Durchschnittsalter bei der ersten Zigarette beträgt ca. 13,6 Jahre. Bei den 12-25 Jährigen rauchen 38 %; davon 22 % ständig, 16 % gelegentlich. Minimaler Unterschied in Bezug auf das Geschlecht: Männlich: 38 % , Weiblich: 37 %.

Häufigkeit des Rauchens: Durchschnittlich 10,3 Zigaretten pro Tag. Steigerung des Konsums mit zunehmendem Alter, Männer sind doppelt so starke Raucher wie Frauen.

27 % der Jugendlichen haben schon mindestens einmal illegale Drogen konsumiert. Die meisten Erfahrungen erfolgten mit Cannabis (26 %). Nur geringe Teilgruppen machten Erfahrungen mit anderen illegalen Drogen. Erfahrungen mit illegalen Drogen steigen mit zunehmendem Alter. Bis zum 19. Lebensjahr haben mehr als ein Drittel Drogenerfahrungen gesammelt. Die Probierbereitschaft ist deutlich angestiegen (z.B. bei Cannabis), Verdoppelung bei LSD, relativ gering bei Kokain und Heroin.

Suchtprobleme in der Schule durch Alkohol, Nikotin, Lösungsmittel, Medikamente, auch illegale Drogen (Cannabis) und auch Süchte in Form von Essstörungen.

Schulangst, Schulabsentismus, Schülersuizid

Von derzeit gut 12 Mio. Schülern in Deutschland verweigern nach Schätzungen etwa 5% die Schule. Gründe sind Angst vor Mobbing oder Versagen, sowie intellektuelle Überforderung. Schulangst tritt in den verschiedenen Entwicklungsstufen auf und hat dementsprechend unterschiedliche Ursachen (Trennungsangst, Leistungsdruck, Versagensängste,…).

Zur Definition von Schulangst: Schulangst ist eine spezielle Erscheinungsform der Angst. Sie ist eine Reaktion auf Bedrohungen oder Gefahren in Bezug auf Schule.

Verschiedene Formen der Angst von Schülern sind Lern- und Leistungsangst (Prüfungsangst), Schullaufbahnangst (schlechte Noten, Sitzenbleiben, Schulversagen) und Stigmatisierungsangst (Bloßstellung, Lächerlichmachung, Prestigeverlust).

Schulangst setzt sich aus den Komponenten Trennungsangst, Strafangst, Personenangst (Lehrkräfte, Schulleiter, Mitschüler), Konfliktangst, Institutionsangst (Größe, Unüberschaubarkeit und Komplexität der Schule) und Neurotischer Angst (Angst vor der Angst) zusammmen.

Symptome von Schulangst sind Magenprobleme („Schul-Bauchweh“), Übelkeit und Essstörungen, Müdigkeit und Erschöpfungszustände, Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Alpträume, Verhaltensauffälligkeiten (Trödeln vor der Schule, Aggressionen, Depressionen, Nägel kauen, Einnässen und Schulverweigerung).

Eine große Rolle beim Angstabbau spielt die individuelle Leistungsbeurteilung. Falls es die Schulstruktur zulässt, könnten individuelle Lernfortschritte und Erreichung bestimmter Lernziele als Maßstab für Leitungsbeurteilungen angewendet werden. Schülern werden ihre Lernfortschritte eher bewusst und sie schätzen ihre Fähigkeiten höher ein, wenn ihre Leistungen unabhängig von denen ihrer Mitschüler bewertet werden. Dies ist aber generell nicht möglich, da die Ziffern-Zensuren-Vergabe auf dem Vergleich mit dem Klassendurchschnitt beruht. Hier haben wir das Problem der GAUSSschen Normalverteilung in allen Leistungsgruppen.

Eine Schulangstreduktion durch die Eltern könnte darin bestehen, keine zu hohe Erwartungshaltung an das Kind zu stellen und das Kind nicht zu Verhaltensweisen und Interessenschwerpunkten nötigen, die dem Wesen des Kindes nicht entsprechen. Horst Eberhardt RICHTER hat in seinem Buch "Eltern, Kind, Neurose" auf die besondere Problematik der Rolle des Kindes als ideales Selbst der Eltern aufmerksam gemacht. Sehr häufig sind Eltern stolz auf ihre Kinder, die den Sozialstatus der Familie erhalten, ja sogar meistens erhöhen sollen. Sie sollen schöner, erfolgreicher und tüchtiger werden als die Eltern und als Delegierte der Eltern deren unerfüllte Träume realisieren.

Im Jahr 2002 nahmen sich in Deutschland 11.163 Menschen das Leben. Damit liegt die Selbstmordquote bei 13,5 (auf 100.000 Einwohner). Alle 4 Minuten gibt es in Deutschland einen Selbstmordversuch, alle 45 Minuten nimmt sich ein Mensch das Leben. Motive sind überwiegend unheilbare Krankheiten, Schwermut und Nervenleiden.

Jährlich begehen mehr als 500 Kinder und Jugendliche Selbstmord, über 15.000 Selbstmordversuche werden rechtzeitig entdeckt. Selbstmord ist nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache unter Jugendlichen.

Das ist eine erschreckende Bilanz, vor allem, wenn bedacht wird, dass Deutschland zu einem der zehn wohlhabendsten Ländern der Welt gehört, ein gutes Schulwesen aufgebaut hat und ein ziviler Sozialstaat ist, in dem die Menschenrechte weitreichend gewährleistet sind. Millionen von Flüchtlingen schätzen sich glücklich, wenn sie eine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland erlangen und damit Elend, Bürgerkrieg und Verfolgung abschütteln können. Um so tragischer und skandalöser erscheint es, wenn in diesem Land der Länder junge Menschen nicht mehr leben wollen.

Der Begriff „Schülerselbstmord“ erweckt den Eindruck, als ob die Schule die alleinige Verantwortung dafür tragen würde. Schule kann Anlass dafür sein, dass ein junger Mensch in eine akute psychische Krise gerät. Die Ursachen sind aber vielfältig und umfassen meist mehrere Lebensbereiche, oft reichen sie bis in die Kindheit. Die Schule kann als zweitwichtigster Lebensraum unter ungünstigen Umständen eine schwere Konfliktsituation darstellen. Die Schule kann also zur Entstehung akuter psychischer Krisen beitragen, ist aber nie der alleinige ursächliche Faktor für einen Selbstmordversuch oder für einen Selbstmord. In einer Studie der Universitätsklinik Leipzig wurden als Ursachen vor allem Entwicklungs- und Belastungsstörungen, Versagensängste sowie Überforderung im Zusammenhang mit der Schule festgestellt.

In Deutschland existiert im Gegensatz zu vielen anderen Ländern der Erde ein gut ausgebautes Schulwesen, das theoretisch den Kindern und Jugendlichen aller Sozialschichten und Bevölkerungsgruppen eine weitgehend kostenlose Bildung ermöglicht. Und doch entwickeln diese Schulfabriken ein Leistungs- und Verachtungssystem, das viele Schüler triumphieren lässt, wenn sie zu den Schülern mit anerkannt guter Leistung gehören, und andere in die Scham, in die Verzweiflung, in die Angst bis hin zum Suizid treibt. Das deutsche Schulwesen ist zu sehr am Selektionsprinzip orientiert. Wir Deutsche sind Meister im Selegieren und Selektieren, von der Bahnsteigrampe in Ausschwitz, wo die gefangenen Menschen in Arbeitsfähige und Vernichtensunwerte gesondert wurden, bis hin zu jeder Schulklasse, in der die Kinder für zukünftige Lebenschancen ausgesiebt werden. Das Schulsystem muss sich wieder auf seine Förderungsfunktion besinnen. Jedes Kind sollte, wie in den Schulsystemen Schwedens, Finnlands und Norwegens, gefördert und gefordert werden. Trotz aller vorbildlicher Schulbemühungen in Finnland liegt die Suizidrate unter Schülern dort sehr hoch. Insofern ist es schon wichtig, dass den Lehrern nicht alle Schuld für schwieriges Schülerverhalten angelastet wird.

Oft sind Reifungskrisen hilfreich beim Wachsen und Werden. Die Geburt selbst, Zahnungs-beschwerden, Kinderkrankheiten und Abnabelungsprozesse von den Eltern stellen oft Krisen dar, die zum Wachsen und Reifen beitragen. Der Eintritt in Kindergarten und Schule werden oft krisenhaft erlebt. Der Tod von Haustieren und später von Großeltern, Verwandten und Eltern gehören als Krisen zum Leben dazu. In China ist das Schriftzeichen für Krise und Chance das gleiche. Die Krise bietet die Chance zum Wandel, zur Veränderung zum Zuwachs an Erfahrung und Kraft. Im medizinischen Bereich bedeutet Krise oft ein Schwanken zwischen Leben und Tod. In der Wirtschaft bedeutet Krise einen Niedergang der Wirtschaftsleistungen und des Wohlstandes. Im Eheleben bedeutet Krise oft die Erschütterung der Verlässlichkeit und der Harmonie der Lebenspartner.

Im Bildungswesen bedeutet Krise oft die Gefährdung einer gewünschten Karriere durch schlechte Schulnoten, Schulwechsel auf niedriger bewertete Schulstufen und Nichtbestehen von Abschlussprüfungen. Krisenpädagogik soll bei der positiven Umdeutung der Ereignisse bei der Bewältigung der Krise helfen. Ein Nichtbestehen einer Prüfung kann zum Beispiel als Weichenstellung des Schicksals gedeutet werden. Opfer von Mobbing zu werden, kann so gedeutet werden, dass das Schicksal den Schüler für Ungerechtigkeit und unsoziales Verhalten sensibilisieren will, um später ein Leben lang für Fairnis einzutreten. Schlechte Schulnoten können derart interpretiert werden, dass der Schüler nach mehr Geduld ruft, dass er ein Spätzünder ist, dessen Entwicklung langsamer verläuft als die der Mitschüler. Oder dass schlechte Zensuren in einem bestimmten Fach nur eine Teilleistungsstörung sind, die nicht die gesamte Persönlichkeit des Schülers verunglimpfen. Vielleicht ist der Schüler nicht zum Sportler, Musiker, Mathematiker oder deutschem Dichter geeignet. Dennoch eignet ihm eine menschliche Würde auch beim Nichterfüllen von Spitzenleistungsnormen.

Vielleicht gelingt es einer derartigen Krisenpädagogik die Krise zu entdramatisieren und Schülersuizide und Schulangst zu reduzieren.

Ursprünge der Gewalt

Eine Befragung, die PRESCOTT (1975) entwickelte, um die Ursachen der Gewalt zu erforschen, wurde an 96 Collegestudenten im Durchschnittsalter von 19 Jahren durchgeführt. Die Ergebnisse der Befragung zeigen Korrelationen zwischen Ablehnung körperlicher Lust (besonders vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehrs) und der Zustimmung zu körperlicher Gewalttätigkeit. Befragte, die Abtreibung, verantwortungsvollen vorehelichen Geschlechtsverkehr und Nacktheit innerhalb der Familie ablehnen, neigten dazu, strenge körperliche Bestrafung der Kinder zu befürworten und zu glauben, dass Schmerz zur Bildung eines starken moralischen Charakters beiträgt. Diese Befragten neigten dazu, Alkohol und Drogen befriedigender als Sex zu empfinden. Die von der Befragung erhaltenen Daten bieten starke statistische Untermauerung der Hypothese des grundlegend entgegengesetzten Verhältnisses zwischen Gewalt und Lust. Wenn Gewalttätigkeit stark ist, dann ist die Lust gering, und umgekehrt, wenn Lust stark ist, dann ist Gewalttätigkeit gering. Die Befragung führt zu der Annahme, dass das bei schriftlosen Kulturen vorgefundene Lust/Gewalt-Verhältnis ebenso für moderne Industrienationen gilt.

Eine weitere Art, das reziproke Verhältnis zwischen Gewalt und Lust zu betrachten, ist, die Wahl der Drogen in einer Gesellschaft zu untersuchen. Eine Gesellschaft wird Verhaltensweisen unterstützen, die mit ihren Werten und sozialen Sitten übereinstimmen. Unsere Gesellschaft ist eine kämpferische, aggressive, und gewalttätige. Konsequenterweise unterstützt sie Drogen, die

kämpferisches, aggressives, und gewalttätiges Verhalten fördern, und bekämpft Drogen, die gegen solcherlei Verhalten wirken. Alkohol erleichtert bekanntermaßen den Ausdruck gewalttätigen Verhaltens, und wird, obgleich suchterzeugend und sehr schädlich für chronische Konsumenten, in der Gesellschaft akzeptiert. Auf der anderen Seite ist Marihuana eine aktiv lusterzeugende Droge, die die Berührungslust erhöht und gewalttätig-aggressives Verhalten aktiv verhindert. PRESCOTT (1975) vermutet, dass Marihuana aus diesen Gründen in der Gesellschaft abgelehnt wird. Aus ähnlichen Gründen wird Heroin abgelehnt und Methadon (eine suchterzeugende Droge, die keine Lust bietet) akzeptiert.

Die Daten aus PRESCOTTs Befragung unterstützen diesen Standpunkt. Sehr hohe Korrelationen von Alkoholkonsum mit elterlicher Bestrafung bedeuten, dass Menschen, die wenig Zuwendung von ihren Müttern erhielten und körperlich bestrafende Väter hatten, zu Feindseligkeit und Aggressivität neigen, wenn sie trinken. Jene Menschen finden Alkohol befriedigender als Sex. Es gibt eine noch stärkere Beziehung zwischen elterlicher körperlicher Bestrafung und Drogenkonsum. Befragte, die als Kinder körperlich bestraft worden waren, zeigten durch Alkohol hervorgerufene Feindseligkeit und Aggressivität und neigten dazu, Alkohol und Drogen befriedigender zu empfinden als Sex. Die Befragung liefert außerdem starke Korrelationen von sexueller Unterdrückung mit Drogenkonsum. Jene, die vorehelichen Geschlechtsverkehr als "nicht akzeptabel" bewerten, neigen dazu, aggressiv zu werden, wenn sie trinken, und Drogen und Alkohol der sexuellen Lust vorzuziehen. Dies ist ein weiterer Beweis für die Hypothese, dass Drogen-"Genuss" ein Ersatz für somatosensorische Lust ist.

Das reziproke Verhältnis zwischen Gewalt und Lust gilt sowohl in modernen Industrienationen als auch in Naturvölkern. Diese Annahme wurde durch eine PRESCOTT-Befragung von 96 Collegestudenten (durchschnittliches Alter: 19 Jahre) überprüft. Die Ergebnisse zeigten, dass Studenten, die eine relativ negative Haltung zu sexueller Lust einnehmen, zur Favorisierung strenger Bestrafung von Kindern und zum Glauben neigen, dass Gewalt nötig ist, um Probleme zu lösen. Die Studenten bewerteten eine Reihe von Aussagen auf einer Skala von 1 bis 6, wobei 1 starke Zustimmung und 6 starke Ablehnung bedeutete. Mittels einer statistischen Technik (Faktorenanalyse) wurde das Charakterprofil einer gewalttätigen Person entwickelt.

Somatosensorischer Index menschlicher Zuwendung

Latent gewalttätige Personen bejahten die folgenden Aussagen:

Harte körperliche Bestrafung ist gut für sehr ungehorsame Kinder.

Körperliche Bestrafung und Schmerz tragen zur Bildung eines starken moralischen Charakters bei.

Abtreibung sollte gesellschaftlich bestraft werden.

Schwere Bestrafung sollte gesellschaftlich erlaubt sein.

Gewalt ist nötig, um unsere Probleme wirklich zu lösen.

Körperliche Bestrafung sollte in den Schulen erlaubt sein.

Ich genieße sadistische Pornographie.

Ich möchte oftmals jemanden schlagen.

Ich kann Schmerzen sehr gut ertragen.

Körperliche Lust wird verdammt:

Prostitution sollte gesellschaftlich bestraft werden.

Verantwortungsvoller vorehelicher Geschlechtsverkehr findet nicht meine Zustimmung.

Nacktheit innerhalb der Familie hat schädlichen Einfluss auf Kinder.

Sexuelle Lust trägt zur Bildung eines schwachen moralischen Charakters bei.

Die Gesellschaft sollte sich in das private Sexualverhalten unter Erwachsenen einmischen.

Verantwortungsvoller außerehelicher Geschlechtsverkehr findet nicht meine Zustimmung.

Natürlich frische Körpergerüche sind oftmals brüskierend.

Ich genieße sinnliche Pornographie nicht.

Alkohol und Drogen werden höher als Sex bewertet:

Alkohol ist befriedigender als Sex.

Drogen sind befriedigender als Sex.

Ich werde feindselig und aggressiv, wenn ich Alkohol trinke.

Ich würde lieber Alkohol trinken, als Marihuana zu rauchen.

Ich trinke Alkohol öfter als ich einen Orgasmus erlebe.

Politischer Konservatismus:

Ich neige zu konservativen politischen Standpunkten.

Alter (älter).

Ich träume oftmals vom Schweben, Fliegen, Fallen oder Klettern.

Meine Mutter ist mir gegenüber oftmals gleichgültig.

Ich werde oftmals "nervös", wenn ich berührt werde.

Ich erinnere mich daran, dass mein Vater mich oft körperlich bestraft hat.

Kindesmissbrauch und Kindesvernachlässigung

Sexueller Kindesmissbrauch und Kindesvernachlässigung sind erst in den vergangenen 30 Jahren vermehrt in den Blick genommen worden. Gewiss ist die Sensibilität gegenüber diesen Misshandlungen durch Aufbauschung und Sensationsberichterstattung größer geworden, so dass auch vielfach an falsche Anschuldigungen in Zusammenhang mit Scheidungsverfahren zu denken ist. Es bleibt jedoch ein harter Kern, dass Hunderte und in den USA sogar Tausende von Kindern sexuell missbraucht und extrem vernachlässigt werden. Demnach werden Mädchen drei Mal mehr sexuell missbraucht als Jungen. Kleinkinder ab drei Jahren kommen bereits als potentielle Opfer von Kindesmissbrauch in Frage. Die Anzahl sexuell missbrauchter Kinder ist größer als bisher angenommen. Sogar ein gewisser Teil der Kindersterblichkeit kann auf sexuellen Missbrauch oder Kindesmisshandlung mit Todesfolge zurückgeführt werden. Forschungsstudien in den USA haben ergeben, dass 47 Prozent der Übergriffe gegen Kinder von Verwandten ausgeübt wurde, 49 Prozent von Bekannten, wie z.B. Lehrern, Nachbarn, Priestern, und nur 4 Prozent von Fremden. Mütter, Väter und Erwachsene, die eine starke Bindung in der Mutter-Kind-Beziehung in früher Kindheit aufgebaut haben, unterwerfen ihre oder andere Kinder und Teenagers nicht der Misshandlung oder des sexuellen Missbrauchs (Vgl. PRESCOTT,America`s lost Dream, 2002).

Körperstrafen für Kinder und Vergewaltigung

US-amerikanische Studien beweisen eine Korrelation zwischen Körperstafen für Kinder, z.B. an öffentlichen Schulen und Vergewaltigungen. 82 Prozent der US-Staaten, in denen in Schulen das Schlagen der Kinder erlaubt ist, hatten erhöhte Vergewaltigungs-Raten. Hingegen hatten 68 Prozent der US-Staaten, in denen Prügelstrafe an Schulen verboten ist, eine geringere Quote an Vergewaltigungen.

Mangel an Bruststillen und Aggression und Depression

PRESCOTT argumentiert, dass Bruststillen durch seine besonderen sensorischen Stimulierungen des kindlichen Gehirns durch Berührung, Geschmack, Geruch und die biochemischen Nährstoffe der Muttermilch eine besondere Rolle bei der Entwicklung des Gehirns und des Verhaltens spielt. Deshalb empfiehlt die UNO/UNESCO 1990 ein Bruststillen von 2 Jahren und darüber hinaus und besonders ausschließliches Bruststillen in den ersten 6 Monaten, ohne Zufütterung von Wasser, Saft oder irgend einem anderem Nahrungsmittel. Die Muttermilch enthält einen reichen Komplex von Nährstoffen - die nicht in Kuhmilchprodukten enthalten ist -, welche notwendig für eine normale Entwicklung des Gehirns und der Abwehrkräfte ist.

Ein Mangel an Brusstillen kann zu Intelligenzdefiziten, vermehrter Aggression, Depression und Suizidgefährdung führen.

In der Muttermilch sind Neurotransmitter enthalten, die eine optimale Funktion des Gehirns fördern.

a) L-Phenylalanine ist ein Vorläufer (Precursor) für PEA (Phenylethylamine).
b) L-Thyrosine ist ein Vorläufer für Dopamine, Norepinephrine und Epinephrine. Die Umwandlung von Tyrosine und jeder dieser Aminosäuren hängt ab vom Vorhandensein von Magnesium und Vitamin B6 im Körper.
c) L-Tryptophan ist ein Vorläufer für Serotonin.

Wenn man die begrenzte Verbreitung des Bruststillens in Deutschland und den USA bedenkt, mit dem künstlichen Kuhmilch-Ersatz, dann kann mit PRESCOTT konstatiert werden, dass somit eine Fehlernährung hinsichtlich der optimalen Gehirnentwicklung, besonders des Serotonin-Systems des Gehirns, stattfindet und zu Defiziten führt, die dafür bekannt sind, Depressionen, mangelnde Impulskontrolle, Suchtverhalten , Suizid und Tötungsdelikte zu befördern.

1.2 Erziehung zum autoritären Charakter

Der autoritätshörige Charakter

Interessante Resultate hinsichtlich der Neigung von Menschen zur Sündenbock-Projektion ergaben die groß angelegten und berühmt gewordenen Studien über Autorität und Vorurteil von ADORNO und Mitarbeitern, die 1950 in mehreren Bänden unter dem Titel „The Authoritarian Personality" in den USA publiziert wurden. Methodologisch gesehen handelt es sich bei diesen empirischen Studien um eine Weiterführung der herkömmlichen Meinungs-, Einstellungs- und Verhaltensforschung durch Verwendung psychoanalytischer Begriffe und Verfahrensweisen. „Im Mittelpunkt stand der Zusammenhang politischer Ideologien mit der psychologischen Beschaffenheit derer, die sie hegen. Dieser Zusammenhang, bislang nur auf einigermaßen vage, vermutungsmäßige Weise bekannt, ist nun weitgehend belegt und konkretisiert. Entscheidendes hat sich ergeben über die psychologischen Mächte, die einen Menschen anfällig für die Reklame des Nationalsozialismus oder anderer totalitärer Ideologien machen Man kann von jetzt an mit Grund vom autoritätsgebundenen Charakter' und seinem Gegensatz: dem freien, nicht blind an Autorität gebundenen Menschen reden" (Soziologische Exkurse 1956, S. 152). Nach ADORNO und Mitarbeitern (ADORNO u.a. 1968/1969) zählen zurr totalitären Syndrom insbesondere folgende Variablen:

1. Konventionalismus, d. h. das starrer Gebundensein an die Werte mittelständischer Konventionen. Die Betonung liegt auf der zwanghaften Starre derKonventionalität. „Das konventionalistische Individuum lässt sich durch äußeren Einfluss auch zu Gewalttaten bestimmen, ohne dass ihm sein gutes Gewissen dabei abhanden kommt. Auch ist es fähig, ohne Schwierigkeiten einen moralischen Kodex im ganzen gegen einen anderen auszutauschen, wie Beispiele von Konversionen vom offiziellen Kommunismus zum Katholizismus beweisen." (ADORNO u. a. 1968, S. 393).
2. Autoritäre Untertänigkeit: Einher mit untertänigem und unkritischem Verhalten gegenüber idealisierten Autoritätspersonen der Eigengruppe geht das Bedürfnis nach einer starken Führerpersönlichkeit. Wichtig hierbei ist ein übertriebenes Bedürfnis nach Unterwürfigkeit.
3. Aggressive Autoritätssucht bedeutet die Tendenz, überall Leute festzustellen, die konventionelle Normen verletzen, sich über sie aufzuregen, sie zu verurteilen und zu bestrafen. ADORNO u. a. sehen hier die sadistische Komponente der autoritätsgebundenen Persönlichkeit, die von FROMM auch als sado-masochistische Charakterstruktur beschrieben worden ist (FROMM 1936). Am Beispiel des Rechtsbrechers lässt sich die aggressive Autoritätssucht der autoritätsgebundenen Persönlichkeit besonders gut studieren. Nonkonformisten, sexuell Deviante, Minoritäten und Rechtsbrecher werden so zu Sündenböcken der autoritätsgebundenen Personen, die all ihre stark verdrängten destruktiven und sadistischen Impulse auf den Schwachen abreagieren bei gleichzeitiger Verherrlichung von Härte, Macht und Autorität.

Zur Illustration seien einige prägnante Indikatoren (items) der F-Skala (Faschismus-Skala) aus den

Variablen „Aggressive Autoritätssucht" genannt:

Satz 19: „Die Jugend braucht vor allem strikte Disziplin, zielbewusste Führung und den Willen, für Familie und Vaterland zu arbeiten und zu kämpfen."

Satz 22: „Jedermann in politischen Dingen mitreden zu lassen, ist bei der angeborenen Dummheit so vieler Menschen und ihrer Besessenheit von allen möglichen verrückten Ideen recht fragwürdig."

Satz 34: „Sittlichkeitsverbrechen, wie Vergewaltigung und Kinderschändung, verlangen eine strengere Strafe als nur Gefängnis; derartige Verbrecher sollten öffentlich ausgepeitscht oder noch härter bestraft werden."

Satz 39: „Es gibt kaum etwas Gemeineres als einen Menschen, der seinen Eltern nicht große Liebe, Dankbarkeit und Ehrerbietung entgegenbringt."

Satz 49: „Der größte Teil unserer sozialen Probleme würde gelöst, wenn wir irgendwie die Asozialen, Geisteskranken und Krüppel loswerden könnten."

Satz 58: „Homosexuelle sind nichts als entartete Kreaturen und sollten streng bestraft werden." (ADORNO u. a. 1968, S. 413 f.)

Die weiteren von ADORNO u.a. (1950) festgestellten Variablen wie

4. „Abwehr der Intrazeption", d.h. der Selbsteinsicht,
5. „Aberglaube und Stereotypie",
6. „Macht und Robustheit",
7. „Destruktivität und Zynismus",
8. „Projektion" und
9. „Sexualität"

seien hier nur erwähnt. Sie sollen nicht mehr ausführlich dargestellt werden, runden das Bild aber ab. Als Resultat dieser sozialpsychologischen Studie von ADORNO u. a. kann festgehalten werden, dass Projektivität und Straflust, Rache- und Sühnebedürfnisse in verstärkter Ausmaß bei jenen autoritätsgebundenen Menschen vorfindbar sind, die nach einem Wort von ADORNO bereit sind, totalitären Regierungen jedweder Spielart bereitwilligst nachzulaufen (ADORNO 1963, S. 102).

Das typische Grundmuster der sogenannten „autoritätshörigen Persönlichkeit" ist das des Konfliktes zwischen Herrschen und Beherrschtwerden, zwischen Stärke und Schwäche. Gegenüber Mächtigen und Vorgesetzten verhält sich eine solche Persönlichkeit unterwürfig und gehorsam, gegenüber Unterlegenen, Untergebenen und gegenüber Schwachen gebärdet sie sich jedoch als überheblich und aggressiv. Die Leitmotive des Handelns einer derartigen autoritätshörigen Persönlichkeit sind Werte wie Ordnung und Pflicht. In seinem Handeln erfährt sich eine autoritätshörige Persönlichkeit niemals als ein eigenverantwortliches Individuum, sondern stets als Beauftragter oder Ausführender oder Dienender. Die kollektive Charakterform dieser autoritätsgebundenen Persönlichkeit war und ist besonders anfällig für rechtsextreme und faschistische Weltanschauungen. Ein wichtiger anderer Faktor ist das Hineinwachsen in die familiale und gesellschaftliche Autoritätsstruktur. Die Entwicklung eines Menschen wird sehr häufig von der Erziehung und der häuslichen Umgebung, von seinem sozialen Milieu und von seiner Kindheit beeinflusst. Auch im Bereich der Angestellten und Beamten fanden ADORNO und andere eine weite Verbreitung des autoritätsgebundenen Charaktertypus.

Die postmoderne Gesellschaft

Seit diese Theorie ADORNOs in den 30er Jahren dieses Jahrhunderts entwickelt wurde, hat sich manches verändert. Die ideologische, kulturelle und ökonomische Gesamtstruktur der Gesellschaft hat sich in den letzten 50 Jahren stark verändert. In der neueren Diskussion über gesellschaftliche Modernisierungsprozesse (HEITMEYER 1988, 1989, 1991, 1992) wird insbesondere auf die Individualisierungs-Schübe eingegangen. Die Modernisierungsprozesse im kulturellen, sozialen und ökonomischen Bereich tragen einen widersprüchlichen Charakter. Einerseits wird die Individualisierung, die Freiheit des Einzelnen, im Extremfall bis hin zum Egoismus des Einzelnen durch die Ausweitung von Konkurrenzbeziehungen, durch die enorm gestiegene Bedeutung von Bildung und beruflicher Qualifikation in Bezug auf den sozialen Status vermehrt. Diese Orientierung an der Entwicklung des einzelnen Individuums, bedeutet andererseits Abschottung und Vereinzelung, Einzelkämpfertum und Isolierung. Theoretisch haben es heute mehr Menschen als jemals zuvor selbst in der Hand. ob sie sozial auf- oder absteigen wollen. Kollektivität, Gemeinsinn und Solidarität scheinen in den Hintergrund zu treten. Hilfeleistungen, Versorgungen und ähnliches. die früher von der Gemeinschaft erledigt wurden. werden heute von professionellen Institutionen übernommen. Der Betroffene steht nun allein auf sich gestellt professionellen Institutionen gegenüber. Auch die Großstadtsiedlungen. in denen nur noch in Ausnahmefällen konstante. feste Nachbarschaftsbeziehungen entstehen, führen zur Individualisierung. Auch die Arbeitsmarktdynamik, die die Mobilität und die Konkurrenz fördert, trägt etwas zur Vereinzelung des Menschen bei. Hinzu kommen noch die Abnahme der Erwerbszeit und die damit verbundene Zunahme der Freizeit, die wachsende soziale und geographische Mobilität, welche feste Beziehungsgefüge auflöst. Weiterhin spielen die sozialstaatlichen Sicherungs- und Steuerungssysteme eine Rolle. welche den ehemaligen Wert der Solidarität nach und nach abschwächen.

Der größte Nachteil der Individualisierung ist für HEITMEYER die daraus resultierende Isolierung, Vereinzelung, Vereinsamung des Menschen. Sie entsteht unter anderem durch die Verlängerung der schulischen Ausbildungszeit, durch einen Mobilität fordernden Arbeitsmarkt, die Ausdehnung der Konkurrenzbeziehungen unter dem Leistungsprinzip und die Austauschbarkeit der einzelnen Gesellschaftsmitglieder. Aufgrund der Verrechtlichung aller beruflichen und sozialen Beziehungen ist ebenfalls ein Verlust an Solidarität und kollektiver Handlungs- und Durchsetzungsformen gegeben.

Nicht nur im sozial-strukturellen Makrobereich der Gesellschaft gibt es Veränderungen, deren Resultat eine Zunahme der Individualisierung des Menschen bedeutet. sondern auch im sozial-interaktiven und individuellen, persönlichen Privatleben machen sich gegenseitige Abschottung, Vereinzelung und Pluralisierung bemerkbar. Da es keine gemeinsame traditionelle Basis mehr gibt, in denen ein allgemeines, sozial-moralisches Milieu existiert, gibt es heute eine Pluralisierung der Werte und Normen. Eine Vielgestaltung an Hobbys, politischen und religiösen Überzeugungen, Vorlieben und individuellen Ausprägungen führt zu einer Pluralisierung, die auch durch steigenden Wohlstand und die Konsumwelt erst möglich wird. Das dafür nötige Streben nach Gelderwerb führt wiederum zur Konkurrenz und zur Vereinzelung. Das Individuum muss heute alle schwierigen Lebensentscheidungen mehr und mehr selber und alleine fällen und verantworten. Auch die Familienstrukturen und die Partnerschafts- und Ehebeziehungen sind nicht von Dauer und zerbrechen in zunehmendem Maße. Auch hier gibt es eine starke Vereinzelung. Menschen, die als Singles leben oder starke partnerschaftliche und familiale Krisen erleben, trachten danach, ihre Emotionalität verstärkt im Arbeitsleben zu realisieren. So wird nach HEITMEYER z.B. eine Tendenz junger Menschen zum Rechtsextremismus mit erklärt.

Das isolierte. vereinzelte und einsame Individuum sucht nach „Gemeinschafts - Konstrukten", d.h. illusionären Gemeinschaften. Zum Beispiel über Fußball: Wir sind alle Fußballfans der einen Mannschaft, oder über Musik-Pop-Gruppen: Wir gehören zum Fanclub dieser Musik-Kapelle, manchmal aber auch über die Nationalität. Bei schülerinnen und Schülern und im Lehrerkollegium ist es durchaus denkbar, dass durch die Wahl eines Sündenbockes die Gruppe der aktiv Mobbenden ein illusionäres Gemeinschaftsgefühl entwickelt. „Wir sind die Fleißigen, die Rechtschaffenen, die Ordentlichen. Der Sündenbock drückt sich, fällt uns zur Last. Wenn er nicht wäre, würde alles in der Schulklasse oder in der Schule besser laufen und das Betriebsklima wäre wieder wie in einer harmonischen Gemeinschaft!" So könnten mobbende Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer vielleicht manchmal denken.

Suche nach Sündenbock

Nach NOLTING (1978) eignen sich folgende Personen gut zum Sündenbock, zur Mobbing-Opfer-Rolle:

- Personen, die ohnehin unbeliebt sind, also solche, gegen die man eine persönliche Abneigung hat;
- Personengruppen, die mit primären Frustrationsquellen assoziiert werden, wie z.B. Ausländer, denen nachgesagt wird, sie lägen dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche;
- Menschen, bei denen es ungefährlich erscheint, sie anzugreifen;
- Menschen, bei denen es moralisch gerechtfertigt scheint, sie anzugreifen, z.B. leistungsschwächere Menschen, die die herrschende Leistungs- und Effektivitätsnormen der Schule nicht erfüllen. Die Erfolgsaussichten, das Leistungssoll und die Out-Put-Kalkulationen sind wichtiger als Wertorientierung an demokratischen Normen wie Fairness, Mitmenschlichkeit und Solidarität:
- eine eventuell als bedrohlich erlebte Andersartigkeit in Sprache, Glauben oder Gewohnheiten (Aussiedler, Zeugen Jehovas, oder Vegetarier z.B.);
- eine gute Erkennbarkeit der Andersartigkeit, wie beispielsweise eine andere Hautfarbe, eine besondere Haarfarbe, hervorstechende Körpermerkmale, z.B. Behinderte, z.B. Übergewichtige usw.

Durch solche Sündenböcke, bzw. Mobbing-Opfer, wird das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Gemeinschaftsgefühl unter den Mobbing-Tätern gefördert, denn durch den gemeinsamen Feind, das Mobbing-Opfer, sind sie künstlich Verbündete. Nicht selten wird so auch von eigenem Versagen und eigenen Handicaps abgelenkt. Das Gefühl der Vereinsamung und der Isolierung, der Individualisierung und Atomisierung in der modernen Gesellschaft wird durch dieses künstliche Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Mobbern beschwichtigt.

1.3 Vielfalt der Persönlichkeitsmerkmale

Avodah OFFIT ist Psychoanalytikerin und Direktorin des Sexualtherapeutischen Zentrums am Lenox Hill Hospital in New York. Sie beschreibt in ihrem im Buch „Das sexuelle Ich" ( 1980 ) sexuelles Verhalten und sexuelle Funktionsstörungen vor dem Hintergrund verschiedener Persönlichkeitsmerkmale und hebt dabei die enge Verknüpfung von Sexualität und individueller Charakterstruktur ins Bewusstsein.

Sexualstörungen werden nicht als völlig isolierte Leiden erörtert, sondern sie werden gemäß der psychoanalytischen Charakter- und Persönlichkeitsforschung als integrale Bestandteile des persönlichen sexuellen Ichs gesehen.

Das sexuelle Empfinden und Verhalten eines jeden von uns erscheint demnach so einzigartig und unverwechselbar wie ein Fingerabdruck. Sexualität hat mit unserem Charakter zu tun, mit dem, was wir im Verlauf unserer Lebensgeschichte geworden sind und was wir in unseren sexuellen Träumen, Phantasien und Sehnsüchten auf der Suche nach sexuellem Glück werden wollen. Als das „sexuelle Ich“ definiert OFFIT die Fähigkeit des Menschen im Reifestadium, sexuelle Lust zu empfinden, und seine Fähigkeit, die optimalen persönlichen Bedingungen zu verstehen, unter denen er Lust erlangt. Dabei hilft durchaus die Selbsterkenntnis, dass wir allesamt unter unseren Persönlichkeitszügen auch ein paar merkwürdige Unebenheiten haben. Die Grenzen zwischen sexueller Gesundheit und sexueller Krankheit, zwischen geistiger Gesundheit und geistiger Krankheit, zwischen gesunder Charakterstruktur und kranker Charakterstruktur sind fließend und nicht klar abgrenzbar (Vgl. ANTONOVSKY 1989).

OFFIT beschreibt ihre Orientierung an der aus der Psychoanalyse stammenden Charakterforschung folgendermaßen: Ins Geschlechtsleben bringen wir alle unsere Abwehrmechanismen mit ein, unsere Vertrauensstörungen, unsere Einstellungen zu Liebe und Hass. Unser Geschlechtsleben ist das empfindlichste Barometer der Persönlichkeit: es zeigt die Abwehr gegen emotionales Leiden an und die Fähigkeit, damit fertig zu werden. Neigen wir zur Selbstabkapselung und Kontaktvermeidung? Sind wir launisch und wetterwendisch, theatralisch, exhibitionistisch, egozentrisch, passiv, penibel, geizig? Was wir während des Geschlechtsakts tun, denken, empfinden und uns vorstellen, kann den Charakter deutlicher offenbaren als jede andere menschliche Tätigkeit.

Zur Entstehung des Charakters

Charakterforschung ist veraltet, das lernt heute fast jeder Psychologiestudent im ersten Semester. Und er lernt auch, dass die Psychoanalyse ebenfalls hoffnungslos veraltet sei. Ob jedoch etwas als veraltet oder modern gilt - so der Psychoanalytiker S. O. HOFFMANN (1979) in „Charakter und Neurose" - ist häufig eine Frage des Drucks der zufällig herrschenden Wissenschaftsmeinungen.

Seit Tausenden von Jahren haben Dichter, Philosophen, Mediziner und Psychologen verschiedene Temperamente, Persönlichkeitstypen und Charaktere beschrieben, und auch die Psychoanalyse hat immer wieder die Frage gestellt, was der Charakter sei und wie er entstehe.

Aus psychoanalytischer Sicht ist der Charakter das Resultat des Triebschicksals. Charakter hat also neben der konstitutionellen Anlage, die oft überschätzt wird, viel zu tun mit den Erfahrungen eines Menschen in früher Kindheit, mit der Erziehung in der oralen, analen und phallischen Phase, aber auch mit der späteren Sozialisation in Schule und Beruf und mit den sozialen Normen der Gesellschaft einer jeweiligen Kultur und Epoche. Der Psychoanalytiker und Se­xualwissenschaftler Wilhelm REICH ( 1933 ) erklärte die charakterliche Struktur als erstarrten soziologischen Prozess einer bestimmten Epoche.

Die Industrialisierung im 16., 17. und 18. Jahrhundert ist ein Beispiel für den Zusammenhang zwischen Charakter und Wirtschaftsweise. Typische erwünschte bürgerliche Tugenden dieser Epoche waren Gehorsam, Fleiß und Pünktlichkeit, Keuschheit und Anspruchslosigkeit, Bescheidenheit, Sparsamkeit und Opfersinn. Schon in früher Kindheit, solange das Ich noch schwach war, musste der Eigenwille gebrochen und der Charakter zugerichtet werden. Durch eine barbarische Reinlichkeitsdressur wurden die Grundlagen für den analen Zwangscharakter gelegt, eine sehr weit verbreitete Charakterstruktur, bei der Sigmund FREUD ( 1964 ) die Charakterzüge Ordnungsliebe, Sparsamkeit und Eigensinn feststellte.

Häufig gibt es einen zähen Machtkampf zwischen den Eltern und dem Kind um die Defäkation, bei der es um viel schwerwiegendere seelische Dimensionen für den späteren Charakter des Kindes geht:

Aktivität steht gegen Passivität; Selbständigkeit steht gegen Abhängigkeit; Eigensinn steht gegen Nachgiebigkeit; Herrschen gegen Gefügigkeit; Sadismus

gegen Masochismus; Sparsamkeit gegen Verschwendung; Ordnungsliebe und Pedanterie gegen Nachlässigkeit, Sauberkeit gegen Beschmutzungslust. - Der anale Zwangscharakter in allen seinen Spielarten kann als der von Psycho­analytikern früher am häufigsten studierte Charaktertypus gelten.

Daneben existieren zahlreiche andere Charaktere, Charakterstörungen und Charakterzüge, die aus psychoanalytischer Sicht meist aus dem intensiven Erleben in der frühen Kindheit stammen und als Fixierungen oder Regressionen noch weit in das Erwachsenenalter, oft das ganze Leben lang, nachwirken.

Es sind zahlreiche Charaktertypologien entworfen worden, und je weiter die psychoanalytische Forschung fortschreitet, desto differenzierter und vielgestaltiger werden die Formern und Nuancen verschiedener Charakterzüge, die sich massiv im Bereich der Sexualität darstellen.

Bei der Darstellung der elf verschiedenen Charaktertypen in Anlehnung an die Einteilung von Avodah OFFIT ist zu beachten, dass alles, was über heterosexuelle Beziehungen gesagt wird, ebenso auf homosexuelle Beziehungen zutreffen kann. Es werden keine Unterschiede zwischen heterosexueller und homosexueller Orientierung gemacht, denn der Charakter ist uns allen gemeinsam.

Hysterische Charakterzüge

Die auffälligsten Merkmale von Menschen mit hysterischen Charakterzügen sind ein theatralisches Streben nach Aufmerksamkeit und eine Intensität der Gefühlswallungen, die zu den Anlässen oft in einem Missverhältnis stehen. Früher wurden theatralische, anspruchsvolle und leidenschaftliche Frauen oft grob und abfällig als „hysterisch" abgestempelt. OFFIT schlägt deshalb vor, den belasteten Begriff der Hysterie durch einen neutraleren, die „histrionische Selbstdarstellung" zu ersetzen.

Es sind häufiger Frauen als Männer, die aus dem Leben und den Gefühlen ein Drama machen (dürfen), denn herkömmlicher weise wird von einem Mann erwartet, dass er Krisen mit Kaltblütigkeit meistert. Frauen mit hysterischen Charakterzügen wirken meist heiter, sie schmeicheln, bewundern, unterhalten, sie lachen viel, aber sie klagen auch theatralisch über ihre Enttäuschungen mit den Männern.

Wenn es um Sexualität geht, leiden Frauen mit hysterischen Persönlichkeitszügen meistens daran, dass ihre Liebespartner schlechte Liebhaber oder ganz und gar impotent sind. Voller Verführungskünste führen manche dieser Frauen ein ereignisreiches Leben, voll inszenierter Leidenschaften, kleiner Schwindeleien und tragischer Rollen. Sie wechseln oft ihre Rollen, verlieben sich Hals über Kopf und kommen schnell zum dramatischen Schluss. In der Mitte zwischen gut integriertem Komödiantentum und einer voll ausgewachsenen Persönlichkeitsstörung finden wir die verführerische Frau, die sexuell konkret überhaupt nicht zugänglich ist. Obwohl man dieses Hemmnis bei ihr am wenigsten erwarten würde, ist die Sexualität ihre größte Barriere gegen die Welt. Sie hat allgemein Angst vor dem Verkehr oder fühlt sich davon angewidert; und ihr ist es zuzuschreiben, wenn die Koketterie in schlechtem Ruf steht.

Es gibt auch Männer mit hysterischen Charakterzügen, wenngleich sie weniger auffallen. Sich heute Nacht mit der einen Frau innig vereint zu fühlen und sich morgen für eine andere zu erhitzen und sie zu beschlafen, wird als Beweis männlicher Tüchtigkeit, als verführerischer Don-Juanismus anstatt als hysterisches Gehabe bewertet .

Der Reiz und der Charme, der von Menschen mit hysterischen Charakterzügen ausgeht, die rätselhafte Faszination dieser Schauspieler ihres eigenen Lebens, geht von ihrer Fähigkeit aus, scharfsinnige Beobachtungen anzustellen und intuitiv erfassen zu können, wie sie ihre Mitmenschen, ihr Publikum sich geneigt machen können.

Zwanghafte Charakterzüge

Menschen mit zwanghaften Charakterzügen sind oft wie besessen und verfolgt von einem einzigen Gedanken, einem Plan, einer Idee oder einem Gefühl. Ohne ein gewisses Maß an Gewissenhaftigkeit, Zielstrebigkeit und Ordnungssinn käme die Wissenschaft nicht voran, Firmen gingen bankrott und viele große Leistungen wären nicht zustande gekommen.

Der Charaktertypus, der Leistungszwang, Konsumverzicht und Besitzstreben am stärksten verinnerlicht hat, ist von Freud als analer Zwangstypus beschrieben worden: Er zeichnet sich durch die Vorherrschaft des Über-Ichs aus, das sich unter hohen Spannungen vom Ich absondert. Er wird von der Gewissensangst beherrscht, anstelle der Angst vor dem Liebesverlust, zeigt eine sozusagen innere Abhängigkeit anstatt der äußeren, entfaltet ein hohes Maß an Selbständigkeit und wird sozial zum eigentlichen, vorwiegend konservativen Träger der Kultur. Resultat sind dann Charakterzüge wie Ordnungsliebe bis hin zu Pedanterie, Sparsamkeit bis hin zu Geiz, Denken in Besitz-Kategorien bis hin zu Erfolgsfetischismus.

In der Sexualität finden sich zwanghafte Züge in verschiedenen Spielarten. Menschen mit zwanghaften Persönlichkeitszügen können das Geschlechtliche entweder völlig verneinen oder es im Gegenteil für sämtliche menschliche Verhaltensweisen verantwortlich machen. Sexualität kann bei manchen dieser Menschen zur strengen Lebenspflicht erhoben werden. Manche männlichen Zwangspersönlichkeiten betrachten jede sexuelle Empfindung als eine äußerst wichtige Angelegenheit, die im Geiste kontrolliert, gemessen, eingeteilt und überwacht werden muss. Sie kontrollieren genauestens den Erektionswinkel, den Steifegrad und die Dauer der Erregung bei jedem sexuellen Vorgang. Messung und Einteilung der Zeit, unauffällige Vergewisserung der Funktionstüchtigkeit des Geschlechtsorgans sind Teil eines jeden Geschlechtsaktes.

Die Erektion hat OFFIT zufolge ein altes Geheimnis. Es ist wie mit dem Glück. Je erbitterter man ihm nachjagt, desto ferner rückt es. Avodah OFFIT weiß aus ihrer psychotherapeutischen Sprechstundenpraxis zu berichten, dass der Wunsch der zwanghaften Persönlichkeit nach Prüfung und Kontrolle der Funktionsfähigkeit des Penis eine verborgene Angst vor einem Versagen beschwichtigen soll.

Manche Männer mit zwanghaften Charakterzügen sind während des sexuellen Aktes in Gedanken oft ganz woanders: bei einem mathematischen Problem, einem philosophischen Gedanken von globaler Bedeutung oder bei der Berechnung und Abfassung der Steuererklärung. Der Orgasmus kommt schnell und ist rasch vorbei. Erholung und schleuniges Sich - Säubern sind das Gebot der Stunde. Männliche Zwangscharaktere können die Sexualität nicht nur vernachlässigen, sondern womöglich völlig verdrängen.

Auch Frauen haben oftmals zwanghafte Persönlichkeitszüge an sich. Gerade im häuslichen Bereich regiert weibliche Zwanghaftigkeit unangefochten als Hausfrauentugend. Die zwanghafte Hausfrau wirkt oft so mild, still, liebenswürdig und ausgeglichen. Das Unglück ist nur, dass sie auch beim Liebesspiel hauptsächlich daran denkt, wie die Tischdecken zu falten sind; wie der Teppichboden gereinigt werden muss und was es in der nächsten Woche zu essen geben soll.

Neben dem Putzzwang ist es häufig der Planungszwang, der der Sexualität schadet Für alle häuslichen Pflichten und Besorgungen ist ein bestimmter Termin und Zeitbetrag vorgesehen, nur die Sexualität wird oft „vergessen".

Paranoide Charakterzüge

Menschen mit paranoiden Persönlichkeitszügen glauben, dass ihre Begabungen,, Fertigkeiten oder Besitztümer so wertvoll sind, dass andere unablässig darauf aus seien, sie ihnen zu rauben oder ihnen sonst wie zu schaden. Oft wird das Handeln gelähmt von der Angst, die Mitmenschen würden einen ausnützen, missbilligen oder im Stich lassen. Hier soll es um jene Menschen mit leicht paranoiden Zügen gehen, die von OFFIT auf mindestens dreißig Prozent der Menschheit geschätzt werden. Eine kleine Dosis paranoider Einstellungen ist sogar für uns alle notwendig, um mit Konkurrenz, Ausbeutung und Unterdrückung fertig zu werden.

Im Sexuellen kann der Mensch mit paranoidem Charakter glauben, dass sexuelle Empfindungen gefährlich seien und dass intime Beziehungen körperlichen oder seelischen Schaden hervorrufen könnten. OFFIT beschreibt solche Phantasien wie folgt: Ein Mann fürchtet vielleicht unbewusst, dass die Absonderungen seiner Partnerin ihm schaden, dass sie schmutzig sei und ihn mit Schleim und Menstruationsblut besudele. Ein anderer fürchtet die Kastration in der Vorstellung, die Vagina sei mit Zähnen bewehrt, die ihm den Penis abbeißen könnten. Paranoide Frauen befürchten, zerrissen und niedergeknüppelt zu werden von einem Penis; den sie eher als einen Rammpfahl denn als eine Wünschelrute der Lust erleben.

Eines der stärksten Motive der Angst vor Ablehnung ist die Furcht vor der Bloßstellung der sexuellen Phantasien. Oft teilen Männer und Frauen aus Furcht vor Vergeltung, Eifersucht oder Schelte einander nichts über ihre Träume mit, so dass die Lust und das Gespräch bald verarmen.

Menschen mit paranoiden Zügen neigen auch dazu, ein sexuelles Versagen des Partners aufzubauschen: „Er ist absichtlich impotent, bloß um mich zu frustrieren!" oder: „Sie kriegt extra keinen Orgasmus, weil sie mich hasst!" Solche Männer glauben oft, die Sexualität sei eine Verschwörung, eine Intrige, mit der man ihnen die Freiheit rauben will. Es gibt auch Frauen, die in einer sexuellen Begegnung eine Falle wittern. Meistens aber argwöhnen sie: „Er will mich ausnützen! Wenn er mich erst einmal gehabt hat, lässt er mich links liegen."

Orale Charakterzüge

Menschen mit oralen Charakterzügen wollen stets wie der Säugling an der Mutterbrust verwöhnt werden. Sie vermeiden Verantwortung, weichen Entscheidungen aus, können nur sehr schwer Kritik ertragen, haben oft große Angst, allein zu sein. Ihnen fehlt es an Durchsetzungsvermögen, sie brauchen andauernd Trost und Bestätigung.

Ein gesundes Maß an Abhängigkeit scheint Bedingung einer längerfristigen Bindung zu sein. Abhängigkeitsverhältnisse können für viele Menschen ein Grund zur sexuellen Kontaktaufnahme sein. Von der Erregung, die vom Geborgensein, vom Umsorgt-Werden und von Bemutterung auszugehen pflegt, ist es nur ein kleiner Schritt bis zur masochistischen Unterwürfigkeit.

Nach den Erfahrungen zahlreicher Psychoanalytiker scheint alles masochistische Verhalten mit einer pervertierten Form elterlicher Zuwendung verbunden zu sein. Im masochistischen Kontakt wird demnach die Sicherheit bei einer Person gesucht, die eine strafende Elternfigur darstellt.

Im Sexuellen führt die Abhängigkeit allerdings häufiger zum Erlöschen als zu einem immerwährenden erneuten Aufflammen der Leidenschaft. Die Anfangsphase einer solchen Beziehung kann von hochgestimmten Erwartungen getragen sein, von der beflügelnden Illusion, dass die Überlegenheit des Geliebten alle Wunden heilen werde.

Wenn dann jedoch sexuelle Schwierigkeiten eintreten, scheint man betrogen worden zu sein. Im Gegensatz zu der hohen Erregung in manchen Abhängigkeitsverhältnissen wirken andere als zu einschüchternd auf bestimmte Menschen mit oralen Charakterzügen. OFFIT beschreibt, wie Angst den Unterworfenen überwältigt und die Lust im Keime erstickt. Abhängige Männer sind überaus anfällig für Impotenz. Unterwürfige Frauen kommen oft kaum zur Erregung, geschweige denn zur Befriedigung. So, wie sie im Leben davor zurückscheuen, sich selbst behaupten zu müssen, so auch im Bereich des Intimen. Sie wagen nicht auszusprechen, was sie wollen: Es könnte Anstoß erregen oder die Herrschaftsrollen vertauschen. Sie sind blockiert, das zu tun, was sie wollen: Artikulation ihrer geheimen Wünsche könnte unerträgliche Kritik heraufbeschwören. Die psychische Störung kann sogar so weit gehen, dass jede Introspektion, jedes sinnliche Selbsterkennen ausgeschlossen wird. Unterwürfige Menschen fühlen sich nicht einmal berechtigt, ihre Bedürfnisse auch nur verstehen zu wollen, schon gar nicht, etwas für sie zu tun. Selbst über das Wann, Wo und Wie des Akts zu entscheiden , das wäre zu viel der Verantwortung, eine allzu verwegene Selbstbehauptung des kaum vorhandenen Ichs.

Sexuell erregt werden heißt, Wünsche zu haben - und Wünsche zu haben liegt jenseits der Fähigkeit dessen, der nur gehorchen kann. Zu Beginn derartiger Verhältnisse kann die Sexualität sehr leidenschaftlich sein, angetrieben von der Furcht, den geliebten Menschen sonst zu verlieren. Wenn die Partnerschaft jedoch im Laufe der Zeit gesichert erscheint, versiegt die Sexualität als Quelle der Lust und des Glücks, bis der Geschlechtsverkehr vielleicht ganz zum Erliegen kommt. Abhängigkeit kann ein Stimulanz für den sexuellen Appetit sein und zugleich der stärkste Appetitzügler.

Aggressive Charakterzüge

Für viele dieser Männer zwischen Selbstbehauptung und Brutalität ist das Sexuelle nur ein Aspekt des Wettkampfsports, für den sie von klein auf gedrillt worden sind. Ihre Eltern haben stets den Erfolg von ihnen verlangt, ob nun im Sport, im Beruf oder in der Politik. Der Bereich des Geschlechtlichen ist nur ein weiterer Bereich der Wettkampf-Arena. Der Wunsch nach einem abenteuerlichen außerehelichen Geschlechtsverkehr deckt sich völlig mit der Doppelmoral, die man vertritt: Nach außen hin ist man ein Musterbürger, andererseits triumphiert man in der Heim­lichkeit über die allerheiligsten Vorschriften.

Die stärkste Triebkraft dieser Menschen ist nach psychoanalytischer Erfahrung sicherlich der unbewusste Hass auf die Eltern, die einen zu solcher Rohheit und Lieblosigkeit aufgezogen haben. Besonders der Mutter zahlt man es heim, indem man sie in ihren weiblichen Abbildern erniedrigt.

Aggressive Sexualität bedeutet Geschlechtsverkehr einzig und allein zum Zweck der Eroberung. Sie zielt darauf ab, das sexuelle Ich eines anderen zu zerstören, um die eigene Herrschaft zu sichern. Zum Beispiel werden mehrere Partnerinnen erobert, die dann herabgewürdigt und wieder fallen gelassen werden. Auch das Ausspielen mehrerer Partnerinnen gegeneinander oder destruktive Beziehungen zu einer einzigen Partnerin sind üblich.

Seltener, aber doch noch häufig genug, tritt vergewaltigungsähnliches Verhalten bis hin zur Vergewaltigung und zum Sadismus auf. „Einer meiner Patienten ...", so die Sexualtherapeutin Avodah OFFIT, ,,. .. der eine weibliche Sklavin haben wollte, küsste und liebkoste seine Frau immer nur dann, wenn sie schlief, Geschirr spülte oder sich über die Waschmaschine beugte. Er war nie impotent und konnte auf Annäherungen eingehen, wann er wollte, aber er weidete sich an ihrer Betroffenheit, wenn er ihr vorwerfen konnte, sie sei nicht spontan ... War sie sexuell entgegenkommend, sagte er, sie wolle ihn mit ihrer Hitze kastrieren; lag sie still da, warf er ihr vor, sie sei kalt: All dies tat er, wie er in einer Einzelsitzung sagte, damit sie ,spurte'.“ Er hegte er tiefverwurzelte Befürchtungen eigener Unzulänglichkeit, wie die meisten aggressiven Männer Ebenso wie der Aggressive, der auf die Anzahl seiner Eroberungen stolz ist, oft seine Motive verleugnet und sich einfach für einen Sexualathleten hält, so glaubt auch der Haustyrann, er sorge einfach nur für die rechte Ordnung der Dinge.

Sadistische Charakterzüge bei Frauen resultieren meistens aus der Unzufriedenheit mit der weiblichen Rolle und aus Ressentiments gegen den privilegierten Status des Mannes in unserer patriarchalischen Gesellschaft. Diese Frauen sind von der geheimen Absicht geleitet, die Potenz des Mannes zu untergraben und ihn andauernd zu enttäuschen und permanent herabzusetzen. Die Psychotherapeutin Hilde KRONBERG ( 1979 ) hat diesen Typ der rachsüchtigen, „männlichen" Frau ausführlich beschrieben. Eine solche Frau hat eine aggressive Grundhaltung gegenüber dem Mann, die darauf abzielt, ihn zu übertreffen, ihm Niederlagen zu bereiten und im täglichen Kleinkrieg zu dominieren.

Der kämpferische Grundzug ist meistens mit einer erhöhten Anspruchshaltung an den männlichen Partner verknüpft und äußert sich in nie endender Kritik und Unzufriedenheit. Dieser gegen den Mann gerichtete sadistische Zug bedeutet, dass die Frau mit ihrer weiblichen Rolle unzufrieden ist und dagegen rebelliert. Der Mann wird wegen seiner gesellschaftlichen Stellung, seines beruflichen Erfolges usw. beneidet. Bei der Frau mit sadistischen Charakterzügen werden jedoch die Vorrechte des Mannes überschätzt und glorifiziert. Dabei steht ihr als Ideal das Bild eines „Über-Mannes" vor Augen, einer Männlichkeit, der sie sich insgeheim beugen möchte. Die vergebliche Suche nach diesem „Superhelden" bringt eine solche Frau in eine rachsüchtige Stimmung.

Sadistische Frauen können sich nicht vertrauensvoll in einer intimen Situation mit einem männlichen Partner hingeben. Gefühlsäußerungen und Anlehnungsgefühle erleben sie als Schwäche. Hingabe in der Sexualität setzt jedoch einen Verzicht auf Beherrschen-Wollen voraus. Sie besteht im wechselseitigen Gefühlsaustausch und in einem vertrauensvollen Sich-Fallen-Lassen. Sich einem männlichen Partner in gleichberechtigter Liebe aufzuschließen, ist unmöglich.

Sexualität und Liebe werden für Menschen mit sadistischen Charakterzügen zum Machtkampf, indem es nur einen Überlegenen und einen Unterlegenen gibt. Um in einer Partnerschaft „glücklich- zu werden, brauchen die Sadisten, die „harten Typen" einen weichen Partner - und tappen damit in eine vorprogrammierte Beziehungsfalle.

Der Schweizer Ehe-Therapeut Jürg WILLI (1975) weiß aus der Beratung zahlreicher Ehepaare zu berichten, dass der Masochismus als sexuelle Deviation viel seltener anzutreffen ist als eine sado-masochistische Partner-Konstellation, die das Quälen und Sich-Quälen-Lassen in allen Bereichen einer Zweierbeziehung umfasst. Regelmäßig findet sich beim Sadisten ein abgewehrter Masochismus, genauso wie sich beim Masochisten ein verkappter Sadismus findet. Sadisten leiden unter starken Ohnmachtsängsten, die sie durch ein überkompensiertes Macht- und Herrschaftsgebaren einzudämmen suchen. Die Masochisten lassen sich meistens auch nicht nur einfach so quälen. Vielmehr verstehen sie es geschickt, die Situation des Gequält-Werdens so zu gestalten, dass rückwirkend der sadistische Partner der Gequälte ist ( Vgl. MARCUS 1982 , vgl. DÜHREN 1904 ).

Der masochistische Partner - oftmals die Frau, aber keineswegs stets - genießt es, wenn er den sich so stark aufspielenden Sadisten zur Weißglut reizen und provozie­ren kann. Der Masochist kann den Sadisten deshalb so gut provozieren, weil er die geheime Schwäche des Sadisten in seinen Herrschaftsdemonstrationen spürt. Dennoch ist das Erleben von Überwältigung, Unterwerfung und Schmerzzufügung für den Masochisten sexuell erregend. Ein Mensch mit masochistischen Charakterzügen wird stets solche unterwürfigen Situationen aufsuchen oder in einer Beziehung herstellen, da er sexuell nur erregt wird, wenn er gepackt, hart angefasst oder geschlagen wird. OFFIT hat keinen Masochisten in ihrer Sprechstunde angetroffen, der nicht eine Kindheit mit strafenden und demütigenden Elternfiguren erlebt hatte und nun in der sexuellen Partnerschaft diese pervertierte Form elterlicher Liebe und Zuwendung reproduzierte.

Schizoide Charakterzüge

Aus psychoanalytischer Sicht wird als „schizoid" ein Mensch bezeichnet, der sich zurückgezogen hat, zu autistischem Denken neigt, überempfindlich in zwischenmenschlichen Beziehungen reagiert und Schwierigkeiten mit der Äußerung normaler aggressiver Gefühle hat.

Da das Anknüpfen sexueller Beziehungen in unserer Gesellschaft nicht gerade eine stressfreie Prozedur ist, ist der empfindsame Mensch mit schizoiden Zügen schlecht dafür gerüstet, Freunde, geschweige denn Liebesgefährten zu gewinnen. Der Kontakt mit anderen Menschen, ein Sich-Begegnen in Geist, Gedanken, Gefühlen und Plänen, ist für den Menschen mit schizoiden Persönlichkeitsmerkmalen überfordernd. Solche Nähe ist für ihn nicht auszuhalten.

Zwischen Einsamkeit, Versagen und Sehnsucht beginnen solche Menschen, sich einen Traum auszumalen. Die Traumgeliebte wohnt am Rande der Wirklichkeit, unerreichbar fern ... Die sexuelle Lösung dieser zurückgezogenen Einzelgänger ist oft die Masturbation, die Trost spendet. Mutigere Männer wagen vielleicht einen flüchtigen Hautkontakt in einem Massage-Salon, einer Sauna oder gehen andere anonyme sexuelle Beziehungen ein.

OFFIT zufolge sind diese abgesonderten und distanzierten Charaktere oft sehr künstlerisch, sensibel und intellektuell. Es sind die Stillen und Nachdenklichen, die Empfindsamen, die immer ein wenig leidend oder weit weg zu sein scheinen. In seiner sexuellen Entwicklung hat solch ein Mensch viele Entbehrungen und Enttäuschungen erfahren. Teilweise möchte er von der Sexualität gar nichts mehr wissen. Seine Vereinsamung und der durch eine überharte Erziehung eingeübte Totstell-Reflex haben seine Liebes- und Zärtlichkeitsempfindungen verschüttet. Um Liebe und Zärtlichkeit genießen zu können, müsste er aus seiner Isolation heraustreten, mit anderen Menschen wieder Kontakt aufnehmen. Davor schreckt er jedoch zurück.

KRONBERG (1979) verwendet das Dornröschenmotiv, um die zurückgezogene und verträumte Frau zu charakterisieren, für die der ganze Bereich der Sexualität tabuisiert ist. Das Dornröschen verdrängt die bewusste Wahrnehmung sexueller Regungen. Hinsichtlich ihrer Sexualorgane ist sie ein kleines unwissendes Kind geblieben. Dadurch wehrt sie die Ängste vor diesem unheimlichen Bereich ab. Oft wagt sie es nicht, ihre Genitalien zu untersuchen oder im Spiegel zu betrachten, da die Verbote der Eltern aus der frühen Kindheit noch ganz lebendig sind.

Das Nicht-Bescheid-Wissen spornt eine solche Frau aber nicht an, sich Aufklärung und Information zu verschaffen, sondern schützt sie vor der Sexualität. Wenn im Rahmen einer sexualpädagogischen oder therapeutischen Sitzung versucht wird, sie über Anatomie und Physiologie der Geschlechtsorgane aufzuklären, vergisst sie das Gesagte schnell wieder. Oft machen sich die Dornröschen-Phantasien über den Bau und die Funktion der Geschlechtsteile, zum Beispiel, dass ihre Vagina zu eng für den Penis sei.

Narzisstische Charakterzüge

Der Mensch mit klassischen narzisstischen Charakterzügen glaubt sich selbst in jeder Hinsicht mit den besten Anlagen ausgestattet. Niemals gibt er Zweifel, Fehlschläge oder Niederlagen zu. Er hält sich für klüger, schöner und tüchtiger als alle anderen Menschen, die die Welt bevölkern. Narzisstische Menschen erwecken den Eindruck von Heiterkeit, Optimismus und Energie. Sie verstehen es, sich so darzustellen, dass wir ihre Vorzüge und Talente bewundern, und zugleich geben sie uns das Gefühl, dass wir die Unterlegenen sind.

Rein narzisstische Menschen kümmern sich nicht im geringsten um das Wohl der anderen. Je schlimmer es den übrigen geht, um so wohler ist ihnen zumute. Nach der klinischen Erfahrung OFFITs sind narzisstische Menschen meistens männlich. Die Erziehung hält immer noch dazu an, dass Männer stark und selbstbewusst, Frauen schwach und selbstzweiflerisch sein sollen. Viele narzisstische Männer haben hohe gesellschafliche Machtpositionen inne, so dass ihr Charakter mit ihrem Status harmoniert.

Das sexuelle Verhalten des Narzissten beschreibt OFFIT folgendermaßen: „Man sollte ... meinen, dass Narzissten sich ausgiebig selbst stimulieren, vor Dreifachspiegeln, mit noch einem weiteren Spiegel an der Decke. Dies scheint nicht der Fall zu sein. Im Gegenteil, sie betrachten es als ein bisschen beschämend, als sexuelles Versagen, dass sie sich, wenn allein, selbst stimulieren müssen. Ein Patient, der sich selbst vergötterte, sagte einmal zu mir: Ich versteh nicht, warum ich es mir selbst machen soll, wenn ich ein Mädchen haben kann, das es mir macht. Die machen das doch gern . . .' Narzisstische Männer lieben ihren Körper, weniger ihre Kleidung. Sie streicheln ihren Penis mit tiefster Hingabe und höchstem Stolz. Sie lieben ihren Schwanz. Wenn er steht, strecken sie das schöne Anhängsel zum Küssen und Streicheln hin, so als ob sie der Partnerin damit eine hohe Gunst erweisen."

Die narzisstische Frau ist kontaktfreudig und temperamentvoll. Sie kann ungehemmt auf andere Menschen zugehen. Sie versteht es, eine erotische Atmosphäre zu schaffen und beeindruckt viele Mitmenschen durch ihren Charme. Auf mögliche Sexualpartner wirkt sie sehr anziehend. Zu ihrem Sex-Appeal trägt die äußere Betonung von Weiblichkeit durch Körper-, Gesichts- und Haarpflege bei. Der Wunsch dieser Frauen, im Mittelpunkt zu stehen, ist oft eine Überkompensation eigener Unsicherheit. In der Sexualität kann die Frau mit narzisstischen Charakterzügen keine wirkliche Nähe zum Partner herstellen. Sie ist zu hektisch und überaktiv, um sich voll auf den Augenblick konzentrieren zu können. KRONBERG (1979) stellt fest, dass narzisstische Frauen häufig nymphoman sind. Sie haben ein starkes sexuelles Bedürfnis und wechseln von Partner zu Partner, ohne dabei jedoch tiefe Entspannung zu erfahren. Denn echte Gefühle traut sich die Frau mit narzisstischen Charakterzügen nicht zu, weil dabei die Gefahr besteht, dass dann ihr auf Glanz und Ruhm ausgerichtetes Ich tief verunsichert werden könnte.

Hypomanische Charakterzüge

Menschen mit hypomanischen Persönlichkeitszügen kann man als glückselig, spontan oder kindlich erleben. Sie wachen lächelnd auf und, sofern männlich, freut sie die morgendliche Erektion; solche Frauen streicheln sich nach dem Aufwachen wohlig den ganzen Körper.

Hypomanische Menschen behalten die sexuelle Ansprechbarkeit in jeder Krise, die andere Menschen überlasten und entnerven würde. Ein Extrem der Hypomanie ist der manische Zustand, die aktive Phase der manisch-depressiven Erkrankung, in der der Geschlechtsappetit mächtig aufwallt und das Glücksgefühl überschäumt. Niedergedrücktsein, Angst und Pessimismus, wie sie die meisten Menschen nach Fehlschlägen und Misserfolgen noch längere Zeit verspüren, sind ihnen unbekannt.

Menschen mit optimistischen Charakterzügen können bei sich selbst und bei anderen im Bereich der Sexualität mehr akzeptieren als andere. Ihnen gelingt es in höherem Maße, Gefühle zu zeigen, dem Partner Vertrauen und Offenheit entgegenzubringen. Auch ist ihre Art, über Sexualität zu reden, ungezwungen, und sie ziehen keine starren Abgrenzungen zwischen den Geschlechtsrollen. Die Sexualität ist stärker als bei anderen in ihre Gefühlsbeziehungen und in ihre Kommunikation eingebettet.

Diese Menschen sind zu beneiden. Doch im Übermaß schadet auch dieser übertriebene Glückszustand. Reale Gefahren, etwa von Kriegen, Unfällen im Straßenverkehr oder beruflichen Fehlschlägen werden oft vor lauter Optimismus in all ihren tatsächlich bedrohlichen Aspekten nicht mehr realitätsgerecht wahrgenommen.

Menschen, die in früher Kindheit ein Urvertrauen entwickeln konnten, die in der oralen Phase umsorgt und angemessen verwöhnt worden sind, deren Reinlichkeitserziehung eher geduldig war und die auch in der phallischen Phase kindlicher Entwicklung durch eine angstarme, verständige Erziehung vor manchen Kastrationsdrohungen verschont geblieben sind, können optimistische Erwachsene werden.

Lebensfreude, Optimismus, Vertrauen in die Mitmenschen und in die Zukunft, einen Sinn im Leben zu finden und sich dafür sozial oder politisch zu engagieren, Empfindsamkeit für eigene Gefühle und Empfindsamkeit für die Gefühle anderer Menschen, all diese Charakterzüge sind die optimalen Bedingungen für die Entfaltung sexueller Sensibilität.

Depressive Charakterzüge

Depressive Persönlichkeitsanteile äußern sich in einem pessimistischen Lebensstil. Solche Menschen ärgern sich durch die Zeit, schlafen schlecht, arbeiten lustlos, sehen immer nur schwarz. Schon kleine Misserfolge können sie überzeugen, dass bald alles im Dunkeln sein wird, dass die Zukunft nur Unheil bringen wird und dass das Versagen vorprogrammiert sei. Wenn die Depression stärker hervortritt, kann sie als „neurotische Depression" bezeichnet werden. Damit ist ein übertriebenes Niedergeschlagensein nach Misserfolgen gemeint. Gravierender äußert sich eine als „psychotische Depression" bezeichnete Form dieser Krankheit, bei der jemand, oft ohne Anlass und ohne dass ein nachvollziehbares Unglück geschehen ist, völlig apathisch, handlungsunfähig, hochgradig melancholisch wird.

Die Auswirkungen depressiver Verstimmtheit oder Erkrankung auf das Geschlechtsleben sind Impotenz und der Verlust der Libido. Diese Menschen sind sexuell wenig interessiert und eher sexuell resignativ. Die durch eine Depression hervorgerufenen sexuellen Schwierigkeiten lassen sich meistens nicht in ein paar Wochen Sexualtherapie beheben. Die sexuelle Ansprechbarkeit hängt eng mit der Zunahme oder der Abnahme der depressiven Störungen zusammen.

Jeder von uns hat Augenblicke oder Phasen der Niedergeschlagenheit, wo wir an uns selbst zweifeln und fest davon überzeugt sind, dass sich niemals mehr im Leben jemand von einigem Format für unsere Geschlechtsorgane und unsere Persönlichkeit interessieren wird. Aber beim relativ gesunden Menschen vergehen diese depressiven Gefühle wieder und machen einer optimistischen, zuversichtlicheren Einstellung wieder Platz.

Anders bei Menschen mit stärker ausgeprägten depressiven Persönlichkeitszügen. Solche Menschen leben ständig im Gefühl des bevorstehenden Verfalls. Tritt zum Beispiel eine körperliche Erkrankung auf, so leidet der Depressive viel stärker als andere Menschen darunter. Ein kleiner Pickel kann vielleicht ein Zeichen für den beginnenden Hautkrebs sein, eine neue Falte im Gesicht wird als ein weiterer Schritt zum Grabe erlebt. Ein einmaliges sexuelles Versagen kann der Auftakt für totale Impotenz sein ...

Ein Mensch, dessen Lebensstil depressive Züge aufweist, braucht Hilfe, die ihm die unerträglichen seelischen Lasten abnimmt. Diese hängen oft mit den Schwierigkeiten der Aggressionsabfuhr und der Selbstbehauptung zusammen. Wenn jemand sich daran gewöhnt hat, für all zu viele Katastrophen des Lebens die Schuld auf sich zu nehmen, und niemals auf andere wütend werden durfte, so schleppt er bestimmt ein ungerechtes Maß an Schuldgefühlen und Gewissensbissen mit sich herum. Die Wiederkehr des sexuellen Interesses ist dann im allgemeinen die Folgewirkung der Wiederkehr der Lebensfreude.

Passiv-aggressive Charakterzüge

Andere Menschen ins Elend zu stürzen, während man scheinbar überhaupt nichts dazutut, ist das Virtuosentum des Wolfes im Schafspelz. Methoden dieser passiv-aggressiven Mitmenschen sind: Ignorieren, Vergessen, Sich-Zurückziehen, Unterlassen von Gefühlsäußerungen, keine Meinung zu haben. Von Seiten des Mannes werden oft Abkapselung und Distanzierung gesucht.

Im Sexuellen betreffen die gefährlichsten passiv-aggressiven Taktiken den Gebrauch oder Nichtgebrauch von Verhütungsmitteln. Sie können vergessen werden oder man gebraucht sie falsch: So lassen sich dem Liebespartner Leiden jeder Art zufügen, ohne dass man selbst jemandem ein Wässerchen trüben wollte . . .

Menschen mit Neigung zur verdeckten Aggression können an jeder Art von sexuellen Störungen leiden. Ein ausgeprägter Zusammenhang scheint nach den Erfahrungen der Sexualtherapeutin OFFIT jedoch zwischen dieser Persönlichkeitsstruktur und der vorzeitigen Ejakulation zu bestehen. Ein Mann, der den Erguss nicht zurückhalten kann und das Liebesspiel abbricht, enttäuscht seine Partnerin und bestraft sie indirekt, ohne aktiv ihrem Körper etwas zuleide zu tun. Freilich gilt das nicht für sämtliche Gründe des vorzeitigen Samenergusses.

Auch Frauen können passiv-aggressiv sein, wenn sie keine Befriedigung beim Geschlechtsverkehr erlangen, darüber in einer bestimmten kränkenden und vorwurfsvollen Weise ihrem Partner nichts mitteilen und ihm das Gefühl vermitteln, ein recht untüchtiger Liebhaber zu sein.

Der Mangel an offener Aggression führt zu dem ehelichen Zustand, den die anglo-amerikanische Schizophrenieforschung von BATESON u. a. ( 1967 ), LAING und ESTERSON (1976) und LIDZ (1976) als Pseudo-Harmonie bezeichnet hat. Was entsteht, ist jene höfliche Feindschaft, jene verlogene Harmonie, die das Klima so vieler Ehen ausmacht, durch das so viele Kinder in Verwirrung bis hin zur Schizophrenie gestürzt werden. Man kann nicht mehr miteinander reden, sich nicht berühren, ein offenes Streitgespräch ist nicht mehr möglich und alle produktiven Formen der Anziehung und der Auseinandersetzung werden durch verlogene Höflichkeit und falsche Warmherzigkeit erstickt.

Perspektiven

Die „klassischen" Charakterzüge wie die analen, die hysterischen, die oralen Charakterzüge werden allmählich in den Hintergrund gedrängt. In unserer modernen Konsumgesellschaft werden Charakterzüge wie Sparsamkeit, Geiz, asketischer Verzicht etc. unmodern, denn die Wirtschaft lebt ja von unserer Konsumfreudigkeit. Auch eine starre Zwanghaftigkeit, ein Perfektionismus alter Art, eine behäbige Beständigkeit ist nicht mehr up-to-date, denn die Berufswelt wünscht den flexiblen, anpassungsfähigen und umstellungsbereiten Arbeitnehmer. Hinzu kommen Veränderungen in der einstmals patriarchalischen Familie. Nicht mehr der Vater ist der Dreh- und Angelpunkt im Familienleben, der als strafende Instanz ein starres, unumstößliches Über-Ich, ein diktatorisches Gewissen beim Kind erzwang. Heute hat die Rolle der Mutter für die Erziehung des Kindes an Bedeutung gewonnen. Alexander MITSCHERLICH (1963) spricht von der vaterlosen Gesellschaft.

Sie begünstigt narzisstische Charakterzüge neuer Prägung. Typisch für sie scheint eine bestimmte Mutter-Kind-Beziehung zu sein. In der Regel nehmen sehr viele der heutigen Mütter ihre Kinder nicht als eigenständiges Wesen, sondern als Teil ihrer selbst wahr. Solche Mütter reagieren unverständig und wuterfüllt auf alle eigenständigen Regungen des Kindes. Sie erleben es als persönliche Kränkung und Undankbarkeit, wenn das Kind von ihren eigenen Vorstellungen abweicht. „Oft fühlen sich diese Kinder später nur als Schmuckstücke ihrer Mutter: der Sohn mit seinen beruflichen Leistungen, die Tochter als bildhübsche Prinzessin, Balletteuse oder Kinderstar. Das Kind hat all das zu werden und zu erfüllen, was die Mutter selbst in ihrem Leben nicht realisieren konnte." So kennzeichnet der Ehetherapeut Jürg WILLI diese Erziehung. „Unter solchen Bedingungen kann das Kind kein eigenes Selbst entfalten. Jeder Mut zur Identität wird entwertet. Die Folgen sind Selbstunsicherheit, unsichere Selbstgrenzen, Minderwertigkeitsgefühle usw.. Formen diffusen Leidens wie politische Apathie, Unzufriedenheit, depressive Charakterzüge, Lebensunlust, Gefühl der Sinnlosigkeit und der Leere, die Unfähigkeit zu lieben, zahlreiche Sexualstörungen breiten sich zunehmend unter den jungen Menschen heutzutage aus " (WILLI 1975, S. 98)

Emanzipationsgruppen und Bürgerinitiativgruppen, Selbsthilfegruppen und Multitudes ( Vgl. HARDT/ NEGRI 2004 ), aber auch jugendliche Subkulturen und virtuelle Internet-Netzwerke können helfen. Aus tiefenpsychologischer Sicht kann die Gruppe als Medium wie eine Ersatzfamilie oft Geborgenheit und Kraft geben, das eigene Selbst, die Persönlichkeit, den Charakter zu entwickeln.

Die Psychoanalytikerin und Sexualtherapeutin A. OFFIT wendet lern- und verhaltenstheoretisch fundierte sexualtherapeutische Übungen in der Praxis des Sexualtherapeutischen Zentrums am Lenox Hill Hospital in New York mit großem Erfolg an. Sie wehrt sich jedoch vehement gegen eine allzu verkürzte Rezeption dieses an sich hilfreichen Sexualtherapie-Ansatzes in den USA, wo oftmals die differenzierten verhaltenstherapeutischen Methoden zu bloßen mechanischen Sex-Techniken und Liebes-Rezepten verkommen: ,,, Sex-Kliniken' nach dem rein verhaltenstherapeutischen Modell schießen gegenwärtig im ganzen Land aus dem Boden wie Automatenwäschereien. Sie geben Techniken des Hemmungsabbaus und der sexuellen Funktionsverbesserung aus, die offenbar nach dem Münzautomaten-Prinzip wirken. Wirf dein Geld ein, lass dich durch die Trommel drehen, und wenn du herauskommst, bist du die häßlichen alten Narben los! Ein bisschen Geduld, richtig gestreichelt, tüchtig geschmust und eine Dosis Porno - so wirst du frei von dem blutrünstigen Geschwätz über die Wunden des Geschlechts. Getauft in den Wassern der Befreiung, werden wir alle mit Sofortwirkung wieder rein, finden wir die neue sexuelle Unschuld und Freude. So einfach geht es aber nicht. Intrapsychisch brauchen wir für die Reise zum Garten Eden ein besseres Fahrzeug. "

OFFIT bemängelt also an den symptombezogenen Kurztherapien, übrigens ganz ähnlich wie die Berliner Psychotherapeutin KRONBERG, dass die Sexualität als ein isoliertes Phänomen gesehen wird und eine Einordnung der Sexualität in ein Konzept der Gesamtpersönlichkeit unterbleibt. Bei tieferliegenden Persönlichkeitsstrukturen oder gar bei neurotischen Charakterstörungen und Erkrankungen ist eine gesamtseelische Umstellung der Gefühle, Gedanken und Einstellungen erforderlich.

Solche tiefergehenden Charakterprobleme oder Partner-Konstellationen lassen sich nicht in einem zweiwöchigen Intensivkurs aus der Welt schaffen. Wenn Sexualstörungen auf frühe Kindheitsfixierungen, Identitätskonflikte der Frau in unserer patriarchalischen Gesellschaft, festverwurzelte Charakterzüge wie Pessimismus, Sadismus, Zwanghaftigkeit usw. zurückzuführen sind, bedarf es einer längerfristigen, intensiveren Therapie.

Da es nun einmal Menschen verschiedenster Charakterstruktur und mit verschiedenen Charakterzügen sind, die die Welt bevölkern, sollte eine psycho-sexuelle Therapie nach OFFIT darauf abzielen, die Menschen soweit zu befreien, dass sie versuchen können, aus ihren Charakterzügen das Beste zu machen. Dies erfordert oftmals nur geringfügige Veränderungen, leichte Korrekturen, Umstellungen, Einstellungsänderungen. Ein andermal kann es sich um kompliziertere, längerfristige Änderungsprozesse handeln.

Das sexuelle Erleben jedes Menschen ist anders. Es genießen heißt, aus seinem je besonderen - oder sonderbaren - Stil das Beste zu machen wissen. Dies kann schwer sein, wenn man sich nicht an anderen vergreifen und sie kränken oder sich selbst Leiden bereiten will. Wir mögen exzentrisch sein, in dieser oder jener Weise eingefärbt durch unsere Überzeugungen, was im Leben wichtig sei, doch diese Besonderheiten müssen nicht zur Neurose werden oder es bleiben. Voll entwickelt und richtig gepflegt, können unsere sexuellen Persönlichkeitszüge unsere besten Fähigkeiten beweisen, uns anderen mitzuteilen.

Eine ordnungsliebende und wählerische Haltung zum Leben zum Beispiel muss nicht zur Auslöschung der Sexualität durch übertriebene Gewissenhaftigkeit führen. Die besten Stunden, Jahreszeiten und Orte für die Liebe zu wählen, die richtige Musik aufzulegen und die Seele vorzu­bereiten, dies sind Beschäftigungen wie aus den schönsten Träumen eines Zwangscharakters. Die Freude am Detail, an der Pünktlichkeit, das mystische Behagen am Ritus ist ein angeborenes Recht und keine Krankheit.

Auch das Theater ist ein altehrwürdiges Element unseres Lebens. Ob mit einem griechischen Chor oder ohne ihn, wir haben sehr wohl ein Recht, unsere Rollen so feurig zu spielen, wie wir es uns nur zutrauen. Begabte Mimen können die lebendigsten Regungen unseres Geistes einfangen und offenbaren, können uns zu Ekstasen bewegen, die uns Kraft für die Unsterblichkeit geben. Sie haben unsere Liebe im höchsten Maße verdient - sie leisten Schwerarbeit.

Vielleicht ist Paranoia die Maßlosigkeit des zweifelnden Geistes. Solche Geister sind verantwortlich für all die zarten Grübeleien, die wir Introspektion nennen. Angemessen paranoid zu sein, heißt zugleich äußerst wählerisch und vollkommen pragmatisch zu sein, nur an das Aufweisbare zu glauben. Die höchste Verfeinerung des Misstrauens bringt einen faszinierend feinfühligen Liebhaber hervor, aufmerksam für alle Nuancen, nicht bereit, eine Kränkung stillschweigend hinzunehmen, sorgsam allen Verästelungen des Unbehagens nachspürend, die es zu erkennen gilt, wenn die Liebe ihre Frische behalten soll. Solche Menschen bezeichnen wir als sensibel und gedankenvoll.

Genug davon. Die Menschen halten sich selten an die Kategorien. Unsere Persönlichkeit spottet der glatten Definition. ( Vgl. OFFIT 1980, S. 381 f.)

2. Pädagogik der Produktivität

Es gibt

nichts Gutes,

außer

man tut es.

DEUTSCHER VOLKSMUND

2.1 Produktiver Postmoderner

Martina BECKER (2009) hat unter dem Titel "Wie zeitgemäß ist Biophilie? Erich Fromm und die Pädagogik in der Postmodern" ein Referat, das im Jahre 2008 auf einer Tagung über "Albert Schweitzer und Erich Fromm - Menschenbild und Erziehung" von ihr gehalten wurde, publiziert. BECKER skizziert darin wichtige Gedanken zu einer Postmodernen Pädagogik mit menschlichem Antlitz. Wie kann eine Pädagogik aussehen, die unter besonderer Berücksichtigung der Postmodernen Epoche die Biophilie (FROMM 1974, 1983 ), die Lebensfreude, Lebensbejahung und Lebenskräfte fördert?

BECKER beginnt mit einer Analyse der Herausforderungen der Postmodernen Epoche an Pädagogik. Postmoderne Pädagogik beinhaltet die Auseinandersetzung mit Themen wie Neue Medien, Interkulturalität, Globalisierung, Individualisierung und Pluralisierung. Weiterhin aktuell sind die Themen Lebenslanges Lernen, Bildung und Entwicklung über die Lebensspanne, der Erwerb von Kompetenzen und Schlüsselkompetenzen sowie Soziales Lernen und die Einübung von Konflikt- und Kritikfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit und Kooperationsfähigkeit.

BECKER stellt die Frage, welche Antworten das Biophilie-Konzept von Erich FROMM auf die Orientierungssuche der Postmodernen Pädagogik bietet. FROMM unterscheidet verschiedene Charakterorientierungen. Er differenziert zwischen nicht-produktiven und produktiven Charakterorientierungen. Zu den nicht-produktiven Orientierungen zählen z.B. die autoritäre, die marketing-, die narzisstische- und die nekrophile Orientierung. In Weiterführung von FROMM hat FUNK (2004, 2005, 2006) die „Postmoderne Ich-Orientierung“ als aktuelle, neuere Form der entfremdeten Charakterorientierung beschrieben.

Die Aktualisierung der Eigenkräfte ist das Leitziel einer psychoanalytisch und kulturkritisch orientierten Humanistischen Pädagogik nach Erich FROMM. Durch die Aktivierung und Förderung der Eigenkräfte kann es zu einer nicht-entfremdeten produktiven Charakterorientierung und zu einer Förderung der Biophilie kommen.

Unter Biophilie versteht FROMM (Vgl. "Anatomie der menschlichen Destruktivität", 1974) das Konzept, dass jede lebende Substanz die primäre, lebensbejahende, biophilie Tendenz hat, das Leben zu erhalten, sich zu vervollkommnen, zu wachsen und sich gegen drohenden Tod zu wehren. Gleichzeitig fühlt sich, wer das Leben liebt, von allen Wachstums- und Lebensprozessen angezogen.

Zur Nekrophilie, dem Gegenteil der Biophilie, kommt es, wenn der Lebenstrieb vereitelt wird. Je mehr der Lebenstrieb vereitelt wird, desto stärker wird die Destruktivität und der Zerstörungstrieb. Destruktivität ist das Ergebnis ungelebten Lebens. Destruktivität entsteht nach FROMM dann, wenn gehemmte biophile Energie in nekrophile Energie umgewandelt wird. Destruktivität entsteht also durch einen Umwandlungsprozess.

Kennzeichen der Postmodernen Epoche

BECKER (2008) stellt sich die Frage, was die besonderen Kennzeichen der postmodernen Lebensweise sind. Globalisierung, Pluralisierung und Individualisierung sind ihre wesentlichen Bestimmungsstücke. Hinsichtlich der ökonomischen Produktion bestehen die Möglichkeiten der handwerklichen, industriellen und der Massenproduktion fort. Sie bestimmen jedoch nicht mehr das Geschehen.

Die neuen Möglichkeiten der Lebenspraxis, die zu neuen Formen der Produktion, des Wirtschaftens, des gesellschaftlichen Zusammenlebens, des kulturellen, spirituellen und politischen

Lebens führen, verdanken ihr Entstehen vor allem der Digitalisierungstechnik und den elektronischen Neuen Medien. (Vgl. zum Folgenden FUNK, 2004.) Beides, die neue Digitalisierungstechnik und die neuen Medien, prägen die postmoderne Lebensweise und kreieren neue Möglichkeiten in verschiedenen Sektoren. Sie sind die Voraussetzungen für eine Entgrenzung von Raum und Zeit, für raum- und zeitunabhängige Kommunikation, Unterhaltung, Wissensaneignung, für die Mobilisierung, Globalisierung und Flexibilisierung. Es gibt kaum einen Lebensbereich, der sich den Veränderungen, hervorgerufen durch Neue Medien und die Digitalisierungstechnik, verschlossen hat.

Mit der Digitalisierungstechnik und den Neuen Medien lassen sich Zeit und Raum entgrenzen. Jeder kann fast zu jeder Zeit mit Jedem Kontakt aufnehmen, einerlei an welchem Ort er sich gerade befindet. Berufliche Arbeit kann jederzeit und von jedem Ort verrichtet werden, Zugang zu Wissen

kann sich jederzeit verschafft werden, genauso wie Unterhaltung. Es kann eine Teilhabe an virtuellen Welten statthaben.

Realität kann neu und anders geschaffen werden. Perfekt inszenierte virtuelle Lebenswelten

werden erschaffen, in denen aktiv mitgestaltet und aktiv miterlebt werden kann. Mit der Digitalisierungstechnik und den elektronischen Medien können wir von Sachzwängen und Vorgaben unabhängig werden. Genauso kann das Individuum von anderen Menschen unabhängig leben. Hier ermöglichen die neuen Medien völlig neue Beziehungsmuster und Nähe-Distanz-Modelle. Diese zeichnen sich einerseits durch größere Unabhängigkeit aus, anderseits jedoch besteht die Chance zu einer virtuellen Verbundenheit durch die medialen Kontaktmöglichkeiten (Vgl. HARDT/NEGRI, "Multitude", 2002).

Mit der Digitalisierungstechnologie lässt sich, selbstbestimmt und von Vorgaben befreit, die eigene Wirklichkeit konstruieren. Dies beinhaltet auch, sich selbst neu zu inszenieren, in Chat-Rooms,Internetplattformen o.ä., und somit die Grenzen des eignen Identitätserlebens zu erweitern.

Die Postmoderne Ich-Orientierung

Aufgrund der veränderten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen kommt es BECKER zufolge zur Herausbildung eines neuen Gesellschaftscharakters, den FROMM noch nicht gekannt hat, dem sogenannten Postmodernen Ich-Orientierten. Er wird von Rainer FUNK beschrieben und genauer charakterisiert (FUNK 2005; zum Folgenden vgl. jedoch vor allem FUNK 2004). Entscheidend für diese neue Charakterorientierung ist die selbstbestimmte Lust an der Ich-orientierten Konstruktion von Wirklichkeit (Vgl. BERGER/LUCKMANN , "Die Konstruktion der Wirklichkeit", 1982).

Hierbei unterscheidet FUNK den aktiven und den passiven Typ. Der Aktive erzeugt aktiv Wirklichkeit, der Passive hat Anteil an der konstruierten Realität, er vollzieht die Teilhabe an von Anderen erzeugten Lebenswelten. Der Aktive ist Anbieter von konstruierter Wirklichkeit, der Passive ist Nutzer von erzeugter Wirklichkeit.

Kennzeichnend für die postmoderne Ich-Orientierung ist das Streben sich frei, spontan und unabhängig von Vorgaben selbst bestimmen zu können. Antreibende Kraft ist die Lust an einer

Erzeugung von Wirklichkeit. Freie und spontane Selbstinszenierung und Selbstsetzung aus

Lust an einer Konstruktion der Realität sind entscheidend.

Aktive und passive Postmoderne Charakterzüge

Typische Charakterzüge des aktiven und des passiven Ich-Orientierten nach Rainer FUNK

(2005, S. 90-100) sind die folgenden:

Das wesentlichste Merkmal des aktiven Postmodernen ist, sich aktiv als Macher inszenierter

Lebenswelten zu erleben. Das Machen kann sich z.B. auf die Berufswelt beziehen, wo er sich als Macher von Projekten versteht. Es kann sich aber auch auf die eigene Person beziehen, wo jemand etwas aus sich macht und Schöpfer des eigenen Selbst wird. – Der passive Postmoderne hat den

Wunsch aktiviert zu werden. Er möchte zudem unterhalten und stimuliert werden. Das interaktive Moment spielt hierbei eine wesentliche Rolle. Durch neue Medien ist eine interaktive Teilhabe möglich, die eine interaktive Aktivierung möglich macht. Durch Computerspiele, Internet-Chatrooms und Internetplattformen kann interaktiv an der Wirklichkeit teilgenommen werden.

Der aktive Postmoderne strebt danach, sich selbst ohne Rücksicht auf Erwartungen und Vorgaben

selbst zu setzen und sich in seiner spontanen Ich-Setzung selbst zu erzeugen. Die Ich- Setzung beim passiven Ich-Orientierten geschieht im Wir-Erleben. Für ihn ist es von Bedeutung, verbunden zu sein, er möchte vernetzt und verbunden sein. Gebundenheit ist es nicht, was er sucht, sondern Verbundenheit. Für das Wir-Erleben werden neue Formen der Verbindung gesucht, wie sie durch die neuen Medien möglich sind.

Ein weiterer Charakterzug des Postmodernen Ich-Orientierten betrifft das Gefühlserleben. Er lässt seinen Gefühlen freien Lauf und bremst sie nicht. Der aktive Postmoderne ist emotional, sinnlich und sensitiv und trumpft mit starken Gefühlen auf. - Der passive Postmoderne ist Nutzer und Konsument von Gefühlen. Die Nutzung erfolgt durch Teilhabe an inszenierten Lebenswelten. Dem passiven Postmodernen geht es hierbei um das miterlebte Gefühl.

Die Art, Beziehungen zu leben, ist ein weiterer auffälliger Charakterzug des Postmodernen. Der Postmoderne ist ausgesprochen kontaktfreudig. Ihm geht es dabei um punktuelle Berührungen, weniger um Beziehungen und emotionale Bindungen. – Der passive Postmoderne bestimmt sich durch das Bedürfnis, verbunden zu sein und zum Anderen selbstbestimmten Zugang zu haben. Er möchte dabei verbunden sein und unabhängig von Raum und Zeit mit möglichst vielen in Kontakt sein. Die neuen Medien wie Internet und Handy etc. machen ihm dies möglich. Es geht hierbei oft nicht darum, intensive Beziehungen zu pflegen, sondern um Kontakt herzustellen und um die Angst und das Unverbundensein zu reduzieren. An die Stelle der Beziehung tritt also der Kontakt und an die Stelle der Gestaltung von Beziehung die Sicherung der Verbundenheit.

Ein letzter Charakterzug des Postmodernen ist der Wunsch des aktiven Postmodernen, authentisch zu leben.- Der passive Postmoderne hingegen möchte Authentisches erleben. Authentisch sein bedeutet hier, ganz man selbst sein zu wollen und der sein zu wollen, der man ist und sich dabei von nichts beirren zu lassen. Weitere Merkmale der Authentizität sind das assoziative Denken und das kaleidoskopische Wahrnehmen.

Weitere Merkmale, die für den Ich-Orientierten Postmodernen typisch und für die Postmoderne Pädagogik bedeutsam sind, werden von Rainer FUNK (2004) wie folgt beschrieben.

Der Ich-Orientierte tendiert zur Geringschätzung der körperlichen, seelischen und geistigen Eigenkräfte sowie zu einer Überbewertung des gemachten Vermögens. Er entwertet alles, was mit Anstrengung und Disziplin zu tun hat und idealisiert Wellness und Leichtigkeit. Unverzichtbare Wirklichkeitsaspekte wie Leid oder Krankheit werden verdrängt und es wird eine machbare Wirklichkeit suggeriert, die ohne Krisen und Widrigkeiten gestaltet ist. Gefühle wie Ohnmacht, Schwäche und Hilflosigkeit werden ausgeblendet und die Illusion uneingeschränkter Aktivität, Machbarkeit und Verbundenheit wird aufgebaut. Negative Grundaspekte wie Angst, Scham und Schuld werden verleugnet und kontraphobisch ausgelebt durch Angstlosigkeit, Schamlosigkeit und Schuldfreiheit.

Konfrontationen, die mit Kritik und Konflikten verbunden sind, werden vermieden. Illusionäre Wirklichkeiten werden bevorzugt gegenüber dem frustrierenden Umgang mit der Realität und dem Umgang mit realen Enttäuschungen. Außerdem ist die Unlust gegenüber allem, was Abhängigkeit und Angewiesensein bedeutet, sowie die Lust an der Kontrolle über sich, über andere und über das gemachte Vermögen kennzeichnend für den Ich-orientierten Postmodernen.

FUNK zufolge resultieren diese Tendenzen aus dem Streben, menschliches durch gemachtes Vermögen zu ersetzen. Die Postmoderne Ich-orientierte Charakterorientierung ist abzugrenzen und nicht zu verwechseln mit Narzissmus. Beim Narzissmus ist das Beziehungsgeschehen durch Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet und die Vorstellung von sich selbst als einem grandiosen Selbst. Diese typischen Kennzeichen sind beim Postmodernen Ich-Orientierten nicht zu finden. Auch mit Egoismus hat diese neue Charakterorientierung nichts zu tun, genauso wenig mit Autismus. Der Postmoderne Ich-Orientierte trachtet weder egoistisch nach dem eigenen Vorteil, noch kapselt er sich autistisch von anderen Menschen ab. Abzugrenzen ist der Postmoderne Ich-

Orientierte auch von der autoritären Orientierung und der Marketing-Orientierung. Für den Autoritären stehen Macht und Unterwerfung im Vordergrund, für den Marketing-Orientierten das

Verkaufen und auf dem Markt ankommen. Dies sind keine Themen für den Postmodernen Ich-

Orientierten. Dieser möchte Wirklichkeit erzeugen aus Lust an der Selbstinszenierung, nicht aus

Lust am Verkaufen. Für den Postmodernen Ich- Orientierten ist die Wirklichkeitserzeugung

Selbstzweck, für den Marketingorientierten ist sie Verkaufsstrategie und nur Mittel zum Zweck

(Vgl. FUNK, 2004).

Ein Weg aus der Entfremdung ist nach FUNK (2004) sowohl beim aktiven als auch beim passiven

Ich-Orientierten die Wiedergewinnung der Eigentümlichkeiten und der eigenen Selbstkräfte und das Leben aus dem, was im eigenen Selbst an körperlichen, geistigen, emotionalen und mentalen

Erlebnismöglichkeiten vorhanden ist. Die Wiedergewinnung der eigenen Eigentümlichkeiten

des Erlebens ist ein Weg aus der Entfremdung. Hierbei ist es wichtig, die eigenen psychischen, sozialen und familiären Lebensgeschichten ernst zunehmen und wahrzunehmen, genauso wie die eigene Gefühlswelt, Impulse und Strebungen, die eigenen Talente, die eigene Realisierung von freundschaftlichen und partnerschaftlichen Beziehungen, sowie die eigenen Grenzen bei der Bedürfnisbefriedigung und der Durchsetzung der eigenen Ideale anzuerkennen.

Förderung Produktiver Postmoderner

BECKER erörtert den Themenkomplex Erziehung und Pädagogik und die Frage, wie diese in einer nicht-entfremdeten Weise gestaltet werden können, auf hohem fachwissenschaftlichen Niveau. Wie kann pädagogisches Tun gestaltet sein, das sowohl die Produktivität und Biophilie fördert als auch auf die Anforderungen und Besonderheiten einer postmodernen Zeit eingeht? BECKER setzt sich damit auseinander, welchen Beitrag die Pädagogik in der Postmoderne dahingehend leisten kann, Biophilie und Produktivität zu fördern. Wie erwähnt, ist der Gegenstand einer psychoanalytischen und humanistischen Pädagogik nach FROMM die Charakterorientierung und das Leitziel ist die Förderung der körperlichen, seelischen und geistigen Eigenkräfte.

Eine humanistische Pädagogik, die das Ziel hat, die Biophilie und somit die produktiven Eigenkräfte zu fördern, könnte sich nach BECKER ( 2009) an folgenden Leitzielen und Leitwerten orientieren:

Ziel könnte ein Aktivierungsangebot für Schülerinnen und Schüler sein. Postmoderne Pädagogik könnte beleben, aktivieren, aufmerksam machen, Vertrauen erwecken, Interesse erwecken und zum Engagement auffordern. Sobald eine passivierende Wirkung entsteht, ist ersichtlich, dass die pädagogische Praxis die gewünschte Zielrichtung verfehlt.

Energie und Sinnhaftigkeit

Postmoderne Pädagogik könnte eine energetisierende Wirkung haben. Energetisierender Unterricht fördert dann die Produktivität und die Biophilie, wenn er das Gefühl erweckt, dass die Lebensenergie zunimmt. Es entsteht das Bedürfnis sich mitzuteilen, zu teilen, überzufließen. Wenn die Wirkung die ist, dass die Lebensenergie sich verbraucht, dass der Schüler oder die Schülerin ausgepowert ist und müde, und dass alles immense Kraft und verzweifelte Anstrengung kostet, wird ersichtlich, dass hier nicht die Produktivität und Kreativität gefördert worden ist. Die Schülerinnen und Schüler sind dann nicht "in ihrem Element" (ROBINSON 2002).

Pädagogisches Handeln kann eine sozialisierende Wirkung anstreben. Die emotionale Bezogenheit,

unmittelbare Kommunikation und zwischenmenschliche Beziehungen könnten sich durch eine die kreative Produktivität steigernde Erziehung intensivieren. Eine Erziehung hingegen, die auf Nicht-

Produktivität zielt, wird eher unter Distanz-schaffenden Wirkungen leiden.

Pädagogisches Tun im Rahmen einer Humanistischen Postmodernen Pädagogik könnte eine selbststärkende Wirkung anstreben. Autonomie, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit würden gefördert. Der Einzelne nimmt sich dann selbst eher als ein abgegrenztes, eigenständiges undautonomes Wesen wahr, das fähig zur Beziehung ist, ohne Angst, vereinnahmt und missbraucht zu werden. Eine negative Erziehung, die nicht-produktive Wirkungen hat, verstärkt hingegen die Unfähigkeit sich abzugrenzen und die eigenen Interessen wahrzunehmen. Die Konsequenzen einer derartig negativen Pädagogik sind dann ein abhängiges, symbiotisches oder suchthaftes Beziehungsverhalten, wobei auch häufig die Angst besteht, die eigene Autonomie und Unabhängigkeit zu verlieren.

Postmodernes pädagogisches Handeln könnte eine integrierende Wirkung ermöglichen. Ziel wäre es, dass die Schülerinnen und Schüler sich stimmiger, ausgeglichener, harmonischer, gefestigter und ganzheitlicher erleben. Die integrierende Wirkung zeigt sich vor allem in der Fähigkeit, Ambivalenzen und ambivalente Gefühlswahrnehmungen auszuhalten, d.h. die Realität nicht stereotyp spalten zu müssen in nur gut oder nur böse, nur großartig oder nur verachtenswert. Eine negative Erziehung, die nicht-produktive Konsequenzen hat, wirkt hingegen desintegrierend und dissoziierend. Die Wirklichkeit wird aufgespalten und Unterschiede zwischen Eigenem und Anderem werden als bedrohlich erlebt und müssen überbetont werden. Zudem werden die Dimensionen Geist, Körper und Gefühlswelt dissoziiert. Bei der nicht-produktiven Orientierung erlebt sich die Person oft entweder abgehoben nur als Geist, materialistisch nur als Körper, als Bio-Masse, als Agglomerat von Organen und Körperteilen oder als ein von Affekten Getriebener.

Postmodernes pädagogisches Handeln könnte eine sinnstiftende Wirkung anbieten (Vgl. FRANKL 1974, ANTONOVSKY 1979). Pädagogisches Handeln könnte dazu verhelfen, dass die Praxis der körperlichen, seelischen und geistigen Eigenkräfte an sich als sinnvoll erlebt wird, ohne dass weitere ethische, religiöse oder sonstige Begründungen dazu notwendig wären. Negatives pädagogisches Handeln, das in eine sinnzerstörende, sinnentleerende Richtung zielt, driftet dagegen in eine nicht erstrebenswerte Richtung.

Weiterhin könnte eine schöpferische Wirkung des postmodernen Unterrichts angestrebt werden. Die Förderung der eigenen Potentiale sowie die Nutzung der gemachten Potentiale führen zu mehr Kreativität, Innovation, Einfallsreichtum, Intuition, Spontaneität und Freiheit. Die kreative Wirkung kann sich in verschiedenen Bereichen äußern, auch in einer technischen Produktion oder in einer künstlerischen Produktion. Sie äußert sich auch in einer Offenheit für Neues. Pädagogisches Unterfangen hingegen, das eine nichtproduktive Orientierung fördert, hat eine leblos machende Wirkung, die sich im Streben nach der Wiederholung des Gleichen, im Konformismus und in der Imitation äußert (Vgl. ROBINSON 2002, und das Kapitel 3.3 des vorliegenden Buches).

Weiterhin könnte pädagogisches Tun BECKER zufolge eine Ich-stärkende Wirkung anstreben. Die Nutzung von eigenem und gemachtem Vermögen könnte damit verbunden werden, stärker und fester in der Realität zu stehen, wahrnehmungsfähiger, ambivalenzfähiger und frustrationsfähiger zu werden. Eine nicht-produktive Konsequenz negativer Pädagogik hingegen besteht in der Tendenz zur Ich-Regression. Ich-Kompetenzen und Ich-Funktionen werden geschwächt. Sie hat die mangelnde Unterscheidungsfähigkeit zwischen Fantasie und Wirklichkeit, Wunsch und Realität, Mein und Dein zur Folge, ebenso wie eine mangelnde Impulskontrolle und Realitätsprüfung sowie die Tendenz zur Spaltung und zu frühkindlichen Konfliktbewältigungsformen.

Ein weiteres Leitziel pädagogischen Handelns in postmoderner Zeit könnte die Wertschätzung der Gegenwärtigkeit sein, so dass die Eigenkräfte in der Gegenwärtigkeit gespürt und zum Ausdruck gebracht werden können. Das Augenmerk sollte also auf der Bezogenheit auf den Augenblick, auf die Wachheit und Achtsamkeit liegen. Dies hat ein positives Zeiterleben zur Folge, was ein Ausdruck einer produktiven Charakterorientierung ist.

Postmoderne Humanistische Pädagogik könnte weiterhin auf einen positiven Umgang mit negativem Selbsterleben zielen. Gefühle der Hilflosigkeit, Schwachheit, Ohnmacht und Isoliertheit könnten dann nicht mehr verleugnet werden, sondern ins Selbsterleben integriert werden. Produktive Postmoderne zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich und andere sowohl passiv als auch aktiv, sowohl ohnmächtig, schwach und hilflos als auch wirkmächtig, stark und potent erleben. Diese Ambivalenzfähigkeit ist ein wichtiges Anzeichen einer produktiven Charakterorientierung.

Was den Umgang mit Konflikten und Kritik angeht, so könnte in der Postmodernen Erziehung auf einen konstruktiven Umgang mit Konflikten und Kritik hingearbeitet werden und nicht auf die Vermeidung oder Beschönigung. In der Auseinandersetzung kann so eine Abgrenzung und eine Ich-Stärkung stattfinden, wie sie kennzeichnend ist für eine biophile Haltung.

Postmoderne Pädagogik könnte auch auf die Integration von feindseligen und rivalisierenden Gefühlen zielen. Die Verleugnung der aggressiven Betroffenheit kann als Kennzeichen einer Ich-schwachen Charakterorientierung aufgefasst werden.

Emotionen wie Schuld, Scham und Angst könnten ebenfalls integriert werden. Der Ich-orientierte

Postmoderne gibt sich schuld-, angst-, und schamlos. Der Produktive Postmoderne zeichnet sich durch eine Integration dieser Gefühle aus und kann auch zu diesen Gefühlen stehen.

Generell könnte das pädagogische Handeln eine realitätsgerechte Wahrnehmung von sich und der Lebenssituation zum Ziel haben. Die Ich-Funktionen können gestärkt werden, so dass ein Abdriften in illusionäre Wirklichkeiten vermindert wird. Zudem kann die Ambivalenzfähigkeit gestärkt werden. Die eigene Lebenssituation und das Selbst können als ambivalent wahrgenommen werden, so dass eine Tendenz zur stereotypen Schwarz-Weiß-Malerei, entweder nur zur guten oder nur zur bösen, nur zur idealisierten oder nur zur verachteten usw. Lebensumgebung reduziert wird.

BECKER resümiert: Eine an humanistischen Idealen orientierte postmoderne Erziehung und Pädagogik könnte auf die Stärkung der seelischen, körperlichen und geistigen Eigenkräfte, der Ich-Funktionen und der Ambivalenzfähigkeit zielen. Eine Pädagogik im Sinne Erich FROMMs könnte den Besonderheiten der Entfremdung in postmoderner Zeit entgegenwirken. Mittels einer derartigen Postmodernen Erziehung, Pädagogik und Hochschuldidaktik könnte eine produktive, kreative und biophile Orientierung der Kinder, der Schülerinnen und Schüler und der Studierenden zeitgemäß gefördert werden.

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Titel: Fasziniert und Aktiviert.