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Der Teppich von Bayeux und seine Bedeutung als historische Quelle

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 15 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Herkunft des Bildteppichs
2.1 Das Material und die technische Ausführung
2.2 Herstellungsort und Auftraggeber
2.3 Die Verwendung des Bildteppichs
2.4 Der Teppich von Bayeux als optische Quelle für Personen und Gegenstände ihrer Zeit

3. Botschaft des Teppichs von Bayeux
3.1 Das Verhältnis zwischen Harold und Wilhelm und der Eid von Bayeux
3.2 Die Schlacht von Hastings

4. Fazit
4.1 Monographien
4.2 Aufsätze

1.Einleitung

Seit seiner Wiederentdeckung im 18. Jahrhundert war der Teppich von Bayeux dem jeweiligen Zeitgeist ausgesetzt. Die französischen Könige bezeugten Interesse an seinem Inhalt und entsandten die Gelehrten ihrer Tage, um seinen Inhalt schriftlich festzuhalten. Fast fiel er während der Französischen Revolution der Kulturbarbarei zum Opfer und hätte als Wagenplane sein Schicksal gefunden oder gar als zerschnittene Dekoration auf einem Mittelalterfest geendet, was die Stadträte von Bayeux noch verhindern konnten. Napoleon Bonaparte wiederum erkannte einen ganz besonderen Wert für seine Eroberungspläne in diesem Bildteppich und ließ ihn gar in Paris ausstellen. Schließlich erweckte er im zweiten Weltkrieg das Interesse der Nationalsozialisten, die in ihm den Beweis für die Überlegenheit nordischer Völker suchten. Aufgrund seiner imposanten Erscheinung und seiner Einzigartigkeit, löst der Bildteppich von Bayeux noch heute eine Faszination sonder Gleichen beim Betrachter aus, jedoch wirft sein Wesen eine Vielzahl an Fragen auf. Um die wahre Bedeutung des Teppichs von Bayeux nachvollziehen zu können, müssen zunächst die Fragen geklärt werden wer der Auftraggeber und wer ihn an welchem Ort herstellte. Ferner muss die Frage eine Antwort finden, welchem Zweck der Teppich von Bayeux diente und wem er gehörte. Der erzählerische Inhalt des Bildteppichs kann zudem auch nur beantwortet werden, wenn man die Intention des Auftraggebers nachvollzieht und welcher Eindruck beim Betrachter damit gegeben werden sollte.

Da der Teppich von Bayeux jedoch eine bildliche Quelle ist, sind in der inhaltlichen Analyse andere Probleme enthalten, als etwa in Textquellen. Zudem ist der Teppich von Bayeux auch in der Kultur seiner Zeit zu sehen und somit ist jede Handlung auch immer von einer bestimmten Bedeutung. Schlüsselszenen, wie die Leistung des Eides durch Harold an Wilhelm, der Tod Edwards des Bekenners und die darauf folgende Krönung Harolds oder der Tod Harolds, werden daher in der Wissenschaft kontrovers diskutiert. Der Bildteppich stellt nicht nur erzählerisch dar, was passiert ist, sondern zeigt bildlich, wie etwas passierte und wie es aussah. Somit ist seine Historizität als optische Quelle ist eine völlig eigene, gemessen an schriftlichen Quellen.[1]

2. Die Herkunft des Bildteppichs

2.1 Das Material und die technische Ausführung

Der Teppich von Bayeux bestand nicht aus edlen Stoffen. Aufgrund seiner enormen Größe, wäre eine Herstellung in Samt und Seide einerseits selbst für einen königlichen Hof viel zu teuer gewesen und andererseits ist es fraglich, ob der Bildteppich sich noch heute in diesem guten Gesamtzustand befinden würde.

Ohnehin erlitt der Bildteppich durch die Zeiten seines Bestehens viele Beschädigungen durch Aufbewahrung, Zurschaustellung und unsachgemäße Restauration. So wurden einige Teile falsch zusammengenäht, durch unsachgemäße Handhabung im Material beschädigt oder schlicht weggeworfen. Ferner finden sich Brandflecken und Wachsreste von Kerzen, Löcher, die auf Mottenfraß schließen lassen und viele andere Formen von Beschädigungen wieder.[2] Bei der Herstellung achteten die Näher und Näherinnen darauf, dass mit größter Sorgfalt vorgegangen wurde. So wurde der Leinenstoff aus neun Bahnen unterschiedlicher Länge sorgfältig zusammengenäht, welche erst im 19. Jahrhundert als zunächst acht Einzelbahnen identifiziert werden konnten.[3] Trotz der verschollenen Schluss-Szene befindet sich der Teppich von Bayeux für sein alter in einem ausgezeichneten Zustand, was nicht zuletzt seinen robusten Materialien zu verdanken ist. Zwar fehlt die abschließende Szene, jedoch ist er in Form und Farbe erhalten. Einige fehlende Szenen konnten sogar anhand der noch sichtbaren Nadelstiche im Leinenstoff rekonstruiert werden.[4]

Zwei Arten der Nähungen sind bei diesem Werk zu unterscheiden. Zum einen ist hier ein Grundstich zu erkennen der für die Konturen von Händen, Gesicht, Körper und Schrift angewandt wurde, zum anderen finden sich hier „Boulogne-Stiche“ (Kettenstiche), welche großflächig zur Ausfüllung von Flächen Anwendung fanden.[5] Dem Autor schien die realistische Wiedergabe der Farben im Gegensatz zur Festhaltung des Inhalts nicht wichtig zu sein, da sich in der Darstellung Pferde mit blauem oder grünem Fell wiederfinden oder Haarfarben nicht der menschlichen Natur entsprechen. Ebenso wurden Hände und Gesichter im als Kontur und ohne Füllung belassen wurden, während Gebäude teilweise gefüllt dargestellt werden[6].

2.2 Herstellungsort und Auftraggeber

Wer der Auftraggeber oder der Hersteller des Teppichs von Bayeux war, lässt sich nicht mit vollkommener Eindeutigkeit sagen, da sowohl ein normannisch-skandinavischer Kultureinfluss, als auch ein Inhalt aus angelsächsischer Sicht vorhanden ist. Fest steht aber, dass der Bildteppich nach der Machtübernahme Wilhelms des Eroberers produziert wurde und somit als anglo-normannisch verstanden werden kann.[7]

Fälschlicherweise wird der Teppich von Bayeux oftmals als „Teppich der Königin Matilda“ bezeichnet, wobei fraglich ist, ob es sich hierbei um die Frau Wilhelms des Eroberers oder die Tochter Heinrichs I. handeln sollte.[8] Gegen die vermutete Verwendung im Gemach einer Königin oder Prinzessin spricht jedoch das unedle Material aus Leinen und Wolle, wie die gigantische Größe des Bildteppichs.[9] Zudem wurde der Teppich, trotz seines imposanten Äußeren, nicht im Testament einer Königin Matilda wiedergefunden. Wenn der Bildteppich in der Kirche von Bayeux untergebracht worden wäre, hätte er beim Brand dieser Kirche im Jahre 1106 Schaden nehmen müssen. Zudem finden sich Fabelwesen des antiken griechischen Dichters Æsop wieder, welche aber erst in der Zeit der Kreuzzüge in Westeuropa bekannt wurden.[10] Bischof Odo von Bayeux, Halbbruder Wilhelms des Eroberers, könnte anhand der Thematik und der Darstellung der Person Odos als Seelsorger des Heeres, mutiger Gottesmann und weiser Berater Wilhelms die Auftragsvergabe zur Herstellung des Bildteppichs zugeschrieben werden, jedoch war Odo seit mindestens 1095 nicht mehr in England und starb im Jahr 1097 in Palermo.[11]

Anhand der Analyse der dargestellten Haarmoden in kann der Teppich von Bayeux jedoch in die Regierungsepoche von Heinrich I. von England vermutet werden.[12] Für die Herstellung in England spricht zudem die Tatsache, dass Harold häufiger als Wilhelm erwähnt wird und er in seinen frommen, gnädigen und ritterlichen Handlungen als positive Person Darstellung findet.[13] Ein weiteres Indiz für die englische Herkunft ist die Bezeichnung „Franci“ (Franzosen) für die Normannen, welche sich aus kulturellem Stolz nicht in dieser Form selbst bezeichnet hätten.[14] Linguistische Studien und die Benutzung in England typischer Buchstaben auf dem Teppich von Bayeux bezeugen zudem, dass es sich um ein englisches Werk handeln muss. Zwar pflegten Normannen in England zu siedeln, aber Engländer siedelten nicht in der Normandie. Anhand der stilistischen Mittel, die in diesem Werk Anwendung fanden, lässt sich der Herstellungsort in Canterbury vermuten, in dem auch entsprechende Werkstätten vorhanden waren.[15] Es lässt sich eine genaue zeitliche Bestimmung der Herstellung des Teppichs von Bayeux jedoch nur schwerlich feststellen, da der Bildteppich erst seit 1476 in den Inventarlisten der Kathedrale Notre-Dame von Bayeux aufgeführt wurde.[16] Fest steht, dass der Gestalter des Teppichs von Bayeux genaue Kenntnis vom Schlachthergang gehabt haben muss. Jedoch kann er nicht persönlich an der Schlacht teilgenommen haben, da die Szene des Kampfes zwischen Wilhelm und Conan einen Verständnisfehler enthält, aber auf die Kenntnis der Berichte Wilhelms von Poitiers, rückschließen lässt.[17] Der Teppich von Bayeux muss aber kurz nach seiner Fertigstellung in die Normandie gelangt zu sein, da sich keine Aufzeichnungen über ihn in England finden lassen.[18]

2.3 Die Verwendung des Bildteppichs

Wie bereits erwähnt, ist die Verwendung des Teppichs von Bayeux als Wandbehang im Gemach einer Königin oder Prinzessin Matilda auszuschließen, da er einerseits aus kostengünstigen Materialien besteht und andererseits von enormer Größe ist. Gegen die ursprüngliche Verwendung in einer Kirche spricht der säkulare Charakter des Bildteppichs, da sich Männer und Frauen mit deutlich kenntlichen Primärgeschlechtsmerkmalen in den Randornamenten befinden.[19]

Wäre er zudem dauerhaft in einer Kirche aufgehangen worden, müsste der Teppich rußgeschwärzt sein. Es gibt zudem keine Anhaltspunkte, dass der Bildteppich dauerhaft ausgestellt wurde, da er in einem sehr guten Zustand ist und auch nicht dauerhaft Licht ausgesetzt gewesen sein kann, da die Farben noch immer sehr deutlich sind. Des Weiteren war die Schrift auf dem Bildteppich dazu gedacht, gelesen zu werden, somit liegt der Schluss nahe, dass der Teppich in Augenhöhe angebracht worden sein muss.[20] Fest steht, dass der Bildteppich dazu entworfen wurde, eine Botschaft an den Betrachter zu übermitteln, aber die Möglichkeit ihn aufzustellen, nur in einer Halle oder einem Saal gegeben sein kann, der die Möglichkeit eines öffentlichen Zugangs beinhaltet.[21] Außerdem bestand die Möglichkeit, ihn einfach zusammen zu falten und ihn an eine andere Stelle zu transportieren. Es wäre daher abwegig, ihn trotz seines propagandistischen Wertes mit seiner einfachen Bildsprache und seinem auffälligen Äußeren nur an einer Stelle oder in einem Lager zu belassen. Die Aufzeichnungen der Kathedrale von Bayeux bezeugen allerdings, dass der Teppich zumindest ab 1476 alljährlich in der Kathedrale ausgestellt wurde.[22]

2.4 Der Teppich von Bayeux als optische Quelle für Personen und Gegenstände ihrer Zeit

Auf dem Bildteppich von Bayeux sind viele Gegenstände und Personen sehr detailliert dargestellt. Im Vergleich zu anderen zeitgenössischen Bildquellen können beispielsweise die Rüstungen und Bewaffnungen, die in der Schlacht von Hastings benutzt wurden, optisch nachvollzogen werden. Wilhelm von Poitiers schrieb, dass die Infanterie jener Zeit mit Pfeil und Bogen bewaffnet gewesen sei, während die Kavallerie mit Schwertern und Lanzen in Rüstungen aus Schuppenblechen und Kettenhemden zu Felde zog. Auch wenn der Künstler sich nicht farbengetreu an die Realität hielt, ist der Detailreichtum auf dem Teppich von Bayeux und die Bestätigung in den Zeitgenössischen Quellen für das Aussehen der Bewaffnungen und Rüstungen einerseits ein Indiz für ein Umfangreiches Wissen um das Kriegswerkzeug und andererseits um militärische Taktiken jener Zeit.[23]

[...]


[1] vgl. Gameson, Richard: The Origin, Art and Message of the Bayeux Tapestry. In: Gameson, Richard (Hg.): The Study of the Bayeux Tapestry, Woodbridge 1997, S. 199 ff.

[2] vgl. Stothard, Charles: Some Observations on the Bayeux Tapestry. In: Gameson, Richard (Hg.): The Study of the Bayeux Tapestry, Woodbridge 1997, S. 1 f.

[3] vgl. Brooks, N.P., Walker, H. E.: The authority and Interpretation of the Bayeux Tapestry. In: Gameson, Richard (Hg.): The Study of the Bayeux Tapestry, Woodbridge 1997, S. 64

[4] vgl. Wilson, David M.: Der Teppich von Bayeux, Frankfurt a. M. und Berlin 1985, S. 9 ff.

[5] vgl. Bertrand, Simone: A Study of the Bayeux Tapestry. In: Gameson, Richard (Hg.): The Study of the Bayeux Tapestry, Woodbridge 1997, S. 34 f.

[6] vgl. Brooks, N.P., Walker, H. E.: The authority and Interpretation of the Bayeux Tapestry. In: Gameson, Richard (Hg.): The Study of the Bayeux Tapestry, Woodbridge 1997, S. 64.

[7] vgl. Gameson, Richard: The Origin, Art and Message of the Bayeux Tapestry. In: Gameson, Richard (Hg.): The Study of the Bayeux Tapestry, Woodbridge 1997, S. 163.

[8] vgl. Wilson, David M.: Der Teppich von Bayeux, Frankfurt a. M. und Berlin 1985, S. 12 f.

[9] vgl. Bertrand, Simone: A Study of the Bayeux Tapestry. In: Gameson, Richard (Hg.): The Study of the Bayeux Tapestry, Woodbridge 1997, S. 33 f.

[10] vgl. Freeman, Edward: The Authority of the Bayeux Tapestry. In: Gameson, Richard (Hg.): The Study of the Bayeux Tapestry, Woodbridge 1997, S. 9.

[11] Cowdrey, H. E. J.: Towards an Interpretation of the Bayeux Tapestry. In: Gameson, Richard (Hg.): The Study of the Bayeux Tapestry, Woodbridge 1997, S. 94 f.

[12] vgl. Stothard, Charles: Some Observations on the Bayeux Tapestry. In: Gameson, Richard (Hg.): The Study of the Bayeux Tapestry, Woodbridge 1997, S. 3.

[13] vgl. Cowdrey, H. E. J.: King Harold II and the Bayeux Tapestry: a Critical Introduction. In: Owen-Crocker, Gale R. (Hg): King Harold II and the Bayeux Tapestry, Woodbridge 2005, S. 9.

[14] vgl. Freeman, Edward: The Authority of the Bayeux Tapestry. In: Gameson, Richard (Hg.): The Study of the Bayeux Tapestry, Woodbridge 1997, S. 9 f.

[15] vgl. Brooks, N.P., Walker, H. E.: The authority and Interpretation of the Bayeux Tapestry. In: Gameson, Richard (Hg.): The Study of the Bayeux Tapestry, Woodbridge 1997, S. 70f.

[16] vgl. Wilson, David M.: Der Teppich von Bayeux, Frankfurt a. M. und Berlin 1985, S. 12.

[17] vgl. Brooks, N.P., Walker, H. E.: The authority and Interpretation of the Bayeux Tapestry. In: Gameson, Richard (Hg.): The Study of the Bayeux Tapestry, Woodbridge 1997, S. 65 f.

[18] vgl. Gameson, Richard: The Origin, Art and Message of the Bayeux Tapestry. In: Gameson, Richard (Hg.): The Study of the Bayeux Tapestry, Woodbridge 1997, S. 175.

[19] vgl. Brooks, N.P., Walker, H. E.: The authority and Interpretation of the Bayeux Tapestry. In: Gameson, Richard (Hg.): The Study of the Bayeux Tapestry, Woodbridge 1997, S. 70.

[20] vgl. Gameson, Richard: The Origin, Art and Message of the Bayeux Tapestry. In: Gameson, Richard (Hg.): The Study of the Bayeux Tapestry, Woodbridge 1997, S. 175.

[21] Vgl. Brilliant, Richard: The Bayeux Tapestry: a stripped narrative for their eyes and ears. In: Gameson, Richard (Hg.): The Study of the Bayeux Tapestry, Woodbridge 1997, S. 115.

[22] vgl. Cowdrey, H. E. J.: Towards an Interpretation of the Bayeux Tapestry. In: Gameson, Richard (Hg.): The Study of the Bayeux Tapestry, Woodbridge 1997, S. 109 f.

[23] vgl. Brooks, N.P., Walker, H. E.: The authority and Interpretation of the Bayeux Tapestry. In: Gameson, Richard (Hg.): The Study of the Bayeux Tapestry, Woodbridge 1997, S. 79.

Details

Seiten
15
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640881499
ISBN (Buch)
9783640881703
Dateigröße
371 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169757
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – FMI
Note
1,7
Schlagworte
Bayeux Kunst Kirche Schlacht von Hastings Hastings Wilhelm der Eroberer Normannen England

Autor

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