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Der gemeine Mann und das Reichskammergericht

Inwieweit führten soziale und wirtschaftliche Ursachen des Deutschen Bauernkriegs zu einer veränderten rechtlichen Stellung des gemeinen Mannes im alten Reich?

Hausarbeit 2009 13 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Welche soziale, ökonomische und rechtliche Stellung besaß der gemeine Mann am Vorabend des Bauernkriegs?
2.1. Welche Forderungen beinhalteten die zwölf Artikel des Bauernkriegs?

3. Welche sozialen und rechtlichen Folgen entstanden für die Untertanen nach dem Bauernkrieg?
3.1. Welchen Einfluss hatte der Aufstand des gemeinen Mannes auf den Reichstag von Speyer 1526?
3.2. Welche Konsequenzen ergaben sich für die rechtliche Stellung des gemeinen Mannes nach dem Bauernkrieg?

4. Fazit

1. Einleitung

Im Jahr 1495 wurden im Rahmen der Reichsreform für die deutsche Rechtsgeschichte Grundlagen gelegt, die bis heute noch in der rechtlichen Struktur der Bundesrepublik Deutschland erhalten sind. Die Obrigkeit fing bereits in dieser Zeit an, den gemeinen Mann, wie auch den Herrscher, an Gesetze zu binden. Der Ewige Landfriede diente einerseits dazu, die Fehde im Reich zu unterbinden und beinhaltete das Gebot, jede Form von Rechtsstreit vor Gericht auszutragen[1].

Andererseits war der Landfriede das Rechtsmittel, welches den Anspruch des staatlichen Gewaltmonopols im Reich beinhaltete und somit die durch die Reichsstände auf dem Reichstag zu Worms 1495 legitimierte Machtausübung darstellte[2]. Die Reichskammergerichte hatten die Aufgabe, als höchste gerichtliche Instanz über die Einhaltung des Ewigen Landfriedens zu wachen. Diese Reichskammergerichte waren aber selbst auch an eine Prozessordnung gebunden, die das Verhalten des Gerichts gegenüber den Streitparteien für jedermann gerecht regeln sollte[3]

Dennoch sah die Realität in den Klein- und Kleinstherrschaften des Reichs anders aus. Viele Bauern waren aufgrund der Verträge über die Landbewirtschaftung an Dienste und Abgaben an ihre Herren gebunden[4]. Zudem verlangte der Klerus auch seinen Anteil an dem von den Bauern Erwirtschafteten. Es gab somit aufgrund der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Landbevölkerung beträchtliches Konfliktpotenzial. Soziale und wirtschaftliche Missstände führten auch letztlich in den Deutschen Bauernkrieg. Es ist somit die Frage zu klären, ob die wirtschaftlichen und sozialen Ursachen und Folgen des Bauernkriegs auch zu rechtlichen Veränderungen zugunsten oder zuungunsten des gemeinen Mannes führten.

Das Thema der Ursachen und Wirkungen des Bauernkriegs erlaubt einen Rückgriff auf vielfältige Literatur. Als wichtige Autoren zum Bauernkrieg sind unter anderem Peter Blickle, Rudolf Endres und Walter Friedensburg zu nennen. Insbesondere befasste sich die Geschichtsforschung in der DDR um das Jahr 1975 herum in sehr verstärktem Maße mit den Ursachen und Wirkungen des Bauernkriegs. Jedoch ist die Literatur aus der DDR oftmals vor ihrem ideologischen Hintergrund zu betrachten.

2. Welche soziale, ökonomische und rechtliche Stellung besaß der gemeine Mann am Vorabend des Bauernkriegs?

Eine steigende Zahl der Landbevölkerung bedeutete, dass es zu Schwierigkeiten in der Aufteilung von Ressourcen kam und die Grenzen der landwirtschaftlichen Erschließung erreicht wurden[5]. Die Folge war, dass das aus den Höfen Erwirtschaftete kaum mehr Überschüsse für den Handel auf Märkten erzeugte und Nebengewerbe beispielsweise im Textilhandwerk nötig wurden[6]. Die Bauern waren starken Belastungen durch Abgaben und persönlicher Dienste ausgesetzt[7]. Am Beispiel Oberschwaben kam hinzu, dass im Falle des Ablebens des Bauern das Gut an den Grundherrn zurückfiel. Geschwister und Erben des Bauern konnten somit nicht die Bewirtschaftung fortführen, wenn der Gutsherr das Gut wiederum frei vergeben konnte. Die Verwandten des verstorbenen Bauern sanken somit mehrheitlich in den Status von Knechten und Mägden ab[8]. Die grundherrlichen Abgaben, wie Zinsen oder Gülten, waren in Naturalabgaben zu leisten. Da die Lebensmittelpreise stiegen und Geld durch die vorherrschende Inflation real an Wert verlor, hätten die Bauern diese, an ihre Herren zu entrichtenden Abgaben, bevorzugt mit barem Gelde statt mit Naturalien abgegolten[9].

Diese Inflation wurde insbesondere dadurch begünstigt, dass die Münzherren den Edelmetallgehalt der Münzen drastisch reduzierten, um auf diesem Wege nominal mehr Geld in Umlauf zu bekommen, die Münzen aber nicht mehr ausreichend durch ihren Edelmetallanteil gedeckt waren[10] (vgl. Engels 1850: 333). In den Jahren vor dem Bauernkrieg kam es vermehrt zu Missernten, die viele Bauern an den Rand ihrer Existenz brachten, da sie die in Naturalien zu entrichtenden Grund- und Pachtzinsen nicht mehr aufbringen konnten, die Abgaben aber dennoch von ihren Herren eingefordert wurden. Insbesondere in Oberschwaben wurden die Abgaben in den Misswuchsjahren ohne Rücksichtnahme eingezogen, was die Bauern zur Forderung auf Reduzierung der Gülten veranlasste[11].

Die Allmende umfasste die naturgegebenen Produktionsmittel, wie beispielsweise Bäche und Forsten auf dem Besitz des Grundherrn. Ursprünglich wurde die Allmende als Gemeindegut von allen genutzt. Jedoch gab es später Regelungen, welche die Nutzung der Allmende an Abgaben banden oder ganz verboten. Somit waren der ehemals freie Fischfang und die Jagd für viele Bauern kaum noch möglich. Dies hatte beispielsweise zur Folge, dass Fisch als Fastenspeise unerschwinglich war. Zudem beinhalteten die Reglementierungen der Forstnutzung, dass kaum noch Holz zum Brennen und Bauen geschlagen wurde und selbst Wild, welches Schaden auf Feldern und Höfen anrichtete, nicht bejagt werden durfte[12]. Eine weitere Belastung für die Bauern war der von der Kirche eingeforderte Zehnt. Dieser war aufgeteilt in den Großen Zehnten und den Kleinen Zehnten. Der Große Zehnt beinhaltete die Abgabe der Kornernten, während der Kleine Zehnt sich auf Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte bezog.

Des Weiteren bestanden noch der Blutzehnt für Klein- und Großvieh, der Heuzehnt und vielerlei Zehnte mehr. Letztendlich schloss der Zehnt Abgaben auf nahezu alle landwirtschaftlichen Produkte ein. Da sich jedoch in der Bibel der vom Klerus geforderte Zehnt nicht nachweisen ließ und somit jeder göttlich-rechtlichen Grundlage entbehrte, forderten die Bauern die Abschaffung dieser Abgabe. Diese Forderung beinhaltete unter Anderem dahingehend Konfliktpotenzial, als dass die Klöster, welche ihre Existenz auf dem Zehnten aufbauten, in ihrem Fortbestand gefährdet wurden[13]. Zu den tätlichen Abgaben zählte der Frondienst. Das Fronen bedeutete, dass Bauern für eine bestimmte Zeit zu verschiedensten Arbeiten für den Grundherrn verpflichtet werden konnten[14].

Zwar wurden den Bauern im Rahmen der Reichsreform von 1495 verschiedene Rechte zugestanden, jedoch schloss der Ewige Landfriede Rechtssicherheit bezüglich der wirtschaftlichen Situation des gemeinen Mannes nahezu völlig aus. Einzig der Schutz vor Befehdung ihres Herrn umfasste auch den Schutz der Person und des Besitzes des gemeinen Mannes[15]. Welchen rechtlichen Schutz die Bauern vor der Willkür ihrer eigenen Herren genossen, findet jedoch im Ewigen Landfrieden keine Erwähnung[16].

Obwohl die rechtlichen Vorteile der Bauern gegenüber ihren Herren doch recht dürftig waren, so wurden ihnen seit der Reichsreform 1495 zumindest nahezu gleiche Rechte vor dem Reichskammergericht zugestanden. Bereits im Grußwort des damaligen römisch-deutschen Herrschers, Maximilian I., ist nachzulesen, dass das Reichskammergericht unabhängig von Range und Stande eines jeden Reichsangehörigen geschaffen wurde. Das Reichskammergericht sollte alleine der Wahrung der aus dem Ewigen Landfrieden resultierenden Rechte dienen[17]. Jedoch konnte kein Bauer Richter oder Beisitzer werden[18]. Die Prozesse der Adligen untereinander machten aber gemessen an der Gesamtbevölkerung einen weitaus höheren Anteil aus. Christian Wieland sagt hierzu: „Während sich der Adel in quantitativer und geographischer Hinsicht in allgemeine Trends zum Prozessaufkommen am Reichskammergericht einpasst, fällt eine im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung sehr hohe Quote an 'Adelsprozessen' ins Auge (1-1,5% der Bevölkerung und ca. 10-20% aller Prozesse!), was sowohl die aristokratische Verfasstheit des Reichs in der Frühneuzeit als auch die aktive Justiznutzung durch den Adel widerspiegelt.“[19]

2.1. Welche Forderungen beinhalteten die zwölf Artikel des Bauernkriegs?

Die Forderungen der Bauern, die auf eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Situation abzielten, wurden in den Memminger Artikeln zusammengefasst. Diese fanden in der Folge der Bauernaufstände recht schnell Verbreitung[20]. Die Zwölf Artikel beinhalteten folgende Forderungen:

1. das Recht zur Wahl und Absetzung der Pfarrer durch die Gemeinden;
2. Abschaffung des Kleinzehnten, während der Großzehnt zum Einen der Versorgung des Pfarrers dienen und der Rest zur Armenversorgung und Landesverteidigung Verwendung finden sollte;
3. die Abschaffung der Leibeigenschaft;
4. die Nutzungsfreigabe von Jagd- und Fischereigrund;
5. die Reduzierung der zu leistenden Dienste;
6. die Rückgabe der Wälder und Forsten an die Gemeinden;
7. die Einhaltung der in den Lehensbriefen ausgehandelten Bestimmungen seitens der Lehnsherren;
8. die Reduzierung und Festschreibung der zu entrichtenden Gülten;
9. die Beendigung der willkürlichen Bemessung der Strafen und Festschreibung der Strafmaße;
10. die Rückübertragung veräußerter Allmenden, wobei im Falle des rechtmäßigen Erwerbs eine einvernehmliche Übereinkunft angeboten wird;
11. die Abschaffung der Todfallabgabe;
12. das Versprechen zum Verzicht auf die Durchsetzung der Forderungen, falls das Wort Gottes dadurch verletzt werden sollte.[21]

[...]


[1] vgl. Der Ewige Landfriede, § 1, 1495, In: http://www.altes-reich.de/quelle02.pdf (Zugriff am 05.03.2009).

[2] vgl. Der Ewige Landfriede, § 3, 1495, In: http://www.altes-reich.de/quelle02.pdf (Zugriff am 05.03.2009).

[3] vgl. Reichskammergerichtsordnung, § 3, 1495, in: http://www.koeblergerhard.de/Fontes/Reichs-Kammergerichts-Ordnung1495.htm (Zugriff am 06.03.2009).

[4] vgl. Blickle, Peter, Die Revolution von 1525, München 21981, S. 40.

[5] vgl. Endres, Rudolf , Ursachen. In: Buszello, Blickle, Endres (Hgg.), Der Deutsche Bauernkrieg, Paderborn [u.A.] 31995, S. 222.

[6] vgl. Endres, Rudolf , Ursachen. In: Buszello, Blickle, Endres (Hgg.), Der Deutsche Bauernkrieg, Paderborn [u.A.] 31995, S. 225.

[7] vgl. Endres, Rudolf , Ursachen. In: Buszello, Blickle, Endres (Hgg.), Der Deutsche Bauernkrieg, Paderborn [u.A.] 31995, S. 226 f.

[8] vgl. Endres, Rudolf , Ursachen. In: Buszello, Blickle, Endres (Hgg.), Der Deutsche Bauernkrieg, Paderborn [u.A.] 31995, S. 223.

[9] vgl. Endres, Rudolf , Ursachen. In: Buszello, Blickle, Endres (Hgg.), Der Deutsche Bauernkrieg, Paderborn [u.A.] 31995, S. 227.

[10] vgl. Engels, Friedrich, Der Deutsche Bauernkrieg. In: Karl Marx - Friedrich Engels, Werke / Band 7, Berlin (DDR) 1960, S. 333.

[11] vgl. Endres, Rudolf , Ursachen. In: Buszello, Blickle, Endres (Hgg.), Der Deutsche Bauernkrieg, Paderborn [u.A.] 31995, S. 228.

[12] vgl. Endres, Rudolf , Ursachen. In: Buszello, Blickle, Endres (Hgg.), Der Deutsche Bauernkrieg, Paderborn [u.A.] 31995, S. 230-232.

[13] vgl. Endres, Rudolf , Ursachen. In: Buszello, Blickle, Endres (Hgg.), Der Deutsche Bauernkrieg, Paderborn [u.A.] 31995, S. 228 f.

[14] vgl. Endres, Rudolf , Ursachen. In: Buszello, Blickle, Endres (Hgg.), Der Deutsche Bauernkrieg, Paderborn [u.A.] 31995, S. 233.

[15] vgl. Wadle, Elmar, Landfrieden / Strafe / Recht. Schriften zur europäischen Rechts- und Verfassungsgeschichte 37, Berlin 2001, S. 186

[16] vgl. Wadle, Elmar, Landfrieden / Strafe / Recht. Schriften zur europäischen Rechts- und Verfassungsgeschichte 37, Berlin 2001, S. 192.

[17] vgl. Reichskammergerichtsordnung, Präambel, 1495, in: http://www.koeblergerhard.de/Fontes/Reichs-Kammergerichts-Ordnung1495.htm (Zugriff am 06.03.2009).

[18] vgl. Reichskammergerichtsordnung, § 1, 1495, in: http://www.koeblergerhard.de/Fontes/Reichs-Kammergerichts-Ordnung1495.htm (Zugriff am 06.03.2009).

[19] Wieland, Christian, Reichskammergericht und Adel, zeitenblicke 3 (2004); In: http://www.zeitenblicke.de/2004/03/wieland/index.html (zugriff am 04.03.2009).

[20] vgl. Engels, Friedrich, Der Deutsche Bauernkrieg. In: Karl Marx - Friedrich Engels, Werke / Band 7, Berlin (DDR) 1960, S. 380.

[21] vgl. Ulbrich, Claudia, Oberschwaben und Württemberg. In: Buszello, Blickle, Endres (Hgg.), Der Deutsche Bauernkrieg, Paderborn [u.A.] 31995, S. 111.

Details

Seiten
13
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640881444
ISBN (Buch)
9783640881659
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169749
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – FMI
Note
1,7
Schlagworte
Bauernkrieg 1525 Reichskammergericht rechtsgeschichte Justiz

Autor

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