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Begriff und Einteilung der Freundschaft in der Nikomachischen Ethik

Seminararbeit 2008 20 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das höchste Gut, das Glück

3. Die Freundschaft
3.1 Die Nutzfreundschaft
3.2 Die Lustfreundschaft
3.3 Die vollkommene Freundschaft
3.4 Die Freundschaft der Überlegenheit

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Jedes praktische Können und jede wissenschaftliche Untersuchung, ebenso alles Handeln und Wählen strebt nach einem Gut, wie allgemein angenommen wird. Daher die richtige Bestimmung von >>Gut<< als >>das Ziel, zu dem alles strebt<<.1 Mit diesen Worten leitet Aristoteles eines seiner wichtigsten ethischen Werke die Nikomachische Ethik und gleichsam treffend diese Arbeit ein. Denn das angestrebte Ziel dieser Arbeit soll es sein, den Begriff der Freundschaft und deren Bedeutung in Aristoteles Nikomachische Ethik zu klären und genauer zu betrachten. Wenn nun alles Handeln und Streben ein Gut verfolgt und dieses als Ziel hat, so ergibt sich die Frage, inwiefern die Freundschaft dazu beiträgt, ein Ziel zu erreichen? Freundschaft bedeutet Handeln und Streben. Was hat also eine Freundschaft zum Ziel? Welche menschlichen Beziehungen werden dem Freundschaftsbegriff des Aristoteles zugeordnet? Welche Bedeutsamkeit hat die Freundschaft für das Leben und somit auch für das Streben innerhalb eines Menschenlebens? Welche Gründe bestehen im Speziellen für eine Befreundnung und welche unterschiedlichen Befreundnungsverhältnisse gibt es? Ist jeder Mensch dazu in der Lage, eine Freundschaft zu führen und sind Freundschaften ein menschliches Grundbedürfnis?

All diese Fragen werden erhofft am Ende dieser Arbeit Beantwortung finden. Um dieses Ziel zu erreichen, beginnt sie sich im ersten Kapitel, ebenso wie es auch in der Nikomachischen Ethik geschieht, mit der Frage nach dem erstrebten Ziel menschlichen Wirkens, wozu die Freundschaft zu zählen ist, auseinander zusetzen. Im Folgenden soll dann versucht werden die allgemeinen Voraussetzungen für die Freundschaft zu beleuchten und eine erste Einordnung des Freundschaftsbegriffs bei Aristoteles vorzunehmen. Im Anschluss daran werden die verschiedenen Unterscheidungen, welche Aristoteles bei Freundschaftsverhältnissen vornimmt, untersucht.

2. Das höchste Gut, das Glück

Um die Aussagen Aristoteles bezüglich der Freundschaft und ihrer Formen bewerten zu können, muss man einen Schritt zurück treten und sich einen größeren Teil des Werkes ansehen. Nur so ist es möglich, weiterführend über Aristoteles Begriff und die Einteilung der Freundschaft zu reflektieren und somit einen Gesamtzusammenhang zum Werk der Nikomachischen Ethik herzustellen. Denn bereits zu Beginn seiner Ausführungen verweist Aristoteles darauf, dass es für alle Formen menschlichen Handelns ein Endziel gibt, das wir um seiner selbst willen erstreben. Alles andere ist auch auf dieses Endziel ausgerichtet oder aber führt zu einem leeren, sinnlosen Streben. Daraus ergibt sich folgerichtig, dass das erstrebte Endziel ein, beziehungsweise das, oberste Gut ist.2 Da aber naturgemäß unterschiedliche Handlungen spezifische Ergebnisse hervorbringen und diese auch als Ziele zu bezeichnen sind, ergeben sich viele „Teilziele“, beziehungsweise „Teilergebnisse“.3 „Da es aber viele Formen des Handelns, des praktischen Könnens und des Wissens gibt, ergibt sich auch eine Vielzahl von Zielen: Ziel der Heilkunst ist die Gesundheit, der Schiffsbaukunst das Schiff, das Ziel der Kriegskunst der Sieg, der Wirtschaftsführung der Wohlstand. Überall wo nun solche 'Künste' einem bestimmten Bereich untergeordnet sind - so ist z.B. der Reitkunst untergeordnet das Sattlerhandwerk und andere Handwerke, die Reitzeug herstellen, während die Reitkunst ihrerseits, wie das gesamte Kriegswesen, unter der Feldherrnkunst steht, und was dergleichen Unterordnungen mehr sind -, da ist durchwegs das Ziel der übergeordneten Kunst höheren Ranges als das der untergeordneten: um des ersteren willen wird ja das letztere verfolgt.“4 Die unterschiedlichen Ziele verschiedener Handlungen, dienen also einem übergeordneten Ziel. Für Aristoteles ergibt sich aus diesem Umstand die Frage, welches das höchste von allen Gütern ist, das man durch Handeln erreichen kann. Sowohl für die einfachen Leute, als auch für die feineren Geister, sei das oberste und höchste Gut das Glück.5 „So erweist sich denn das Glück als etwas Vollendetes, für sich allein Genügendes: es ist das Endziel des uns möglichen Handelns.“6 Um dieses zu erreichen und nicht leer und sinnlos zu streben, ist es zwingend, die jeweiligen Ziele seiner Handlung „Gut“ zu nennen, „wobei gutes Leben und gutes Handeln in eins gesetzt werden mit Glücklichsein“.7 Aristoteles stellt die Bedeutung und den Wert des erreichten Endziels einer Völkerschaft oder Polis-Gemeinde über jene, des erreichten Endziels eines Einzelnen für sich - es sei „schöner noch und erhabener“.8 Das Glück als oberstes Gut ist jedoch als Ganzes und in vollendeter Form nicht zu erreichen. „Denn selbst wenn es >>das Gut<< gäbe, das eines ist und in übergreifender Weise ausgesagt wird oder das getrennt und an sich existierte, so ist doch klar, daß ein solches >>Gut<< durch menschliches Handeln nicht verwirklicht und auch nicht erreicht werden könnte.“9 Wenn nun also das oberste Gut das Glück ist, so ist daraus abzuleiten, dass dieses als umfassendes Gut nicht durch menschliches Handeln erreicht werden kann. Dies wiederum heißt nicht, dass es dies nicht gibt - erstrebenswert bleibt es allemal. Wenn sich also edle und aktive Naturen für die Ehre als Ziel ihres Lebens für den Staat entscheiden, so besteht ihr Glück darin, Ehre durch ihr Leben für den Staat zu erringen. Dieses Glück wird jedoch dann getrübt, sobald man krank wird. Denn in diesem Falle liegt das Glück darin, gesund zu werden. Aristoteles ist sich also bewusst darüber, dass unterschiedliche Menschen die erstrebte Glückseligkeit unterschiedlich benennen und diese sogar in unterschiedlichen Lebenssituationen verschieden bewerten würden.10 Doch sind es nicht nur die Lebensumstände, wie Krankheit oder Tod, die das Glücksempfinden beeinträchtigen, sondern auch andere äußere Umstände können darüber bestimmen, wie erfolgreich das Streben nach dem Endziel ausfällt. „Indes gehören zum Glück doch auch die äußeren Güter, wie wir gesagt haben. Denn es ist unmöglich, zum mindesten nicht leicht, durch edle Taten zu glänzen, wenn man über keine Hilfsmittel verfügt. Läßt sich doch vieles nur mit Hilfe von Freunden, von Geld und politischem Einfluß, also gleichsam durch Werkzeuge, erreichen. Ferner: es gibt gewisse Güter, deren Fehlen die reine Gestalt des Glückes trübt, zum Beispiel edle Geburt, prächtige Kinder, Schönheit; denn mit dem Glück eines Mannes ist es schlecht bestellt, der ein ganz abstoßendes Äußeres oder eine niedrige Herkunft hat oder ganz allein im Leben steht und kinderlos ist. Noch weniger kann man von Glück sprechen, wenn jemand ganz schlechte Kinder oder Freunde besitzt oder gute durch den Tod verloren hat.“11 Allein anhand dieser Auszüge wird die Bedeutsamkeit von Freunden und Freundschaft bezüglich des Strebens hin zum Endziel deutlich. Aristoteles macht klar, dass die Glückseligkeit von Freunden und Freundschaften abhängig und beeinflusst wird. „Als solches Gut gilt im hervorragendem Sinne das Glück. Denn das Glück erwählen wir uns stets um seiner selbst willen und niemals zu einem darüber hinausliegenden Zweck. […] Denn bekanntlich genügt das oberste Gut für sich allein.zu einem darüber hinausliegenden Zweck. […] Denn bekanntlich genügt das oberste Gut fürsich allein. Den Begriff >>für sich allein genügend<< wenden wir aber nicht an auf das von allen Bindungen gelöste Ich, auf das Ich-beschränkte Leben, sondern auf das Leben in der Verflochtenheit mit Eltern, Kindern, der Frau, überhaupt den Freunden und Mitbürgern; denn der Mensch ist von Natur bestimmt für die Gemeinschaft.“12

[...]


1 Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch I, Übersetzung und Nachwort von Dirlmeier, Franz, Reclam, Stuttgart 2003, S. 5 (im Folgenden zitiert als: Aristoteles, Nikomachische Ethik)

2 Vgl. Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch I, S. 5f

3 Vgl. ebenda, S. 11F und 14f

4 Ebenda, S. 5

5 Vgl. ebenda, S.15 und Höffe, Otfried: Lesebuch zur Ethik. Philosophische Texte von der Antike bis zur Gegenwart, München 1998, S. 55

6 Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch I, S. 16

7 Ebenda, S. 8 und vgl. S. 303

8 Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch I, S. 6

9 Ebenda, S. 13

10 Vgl. Fischer, Peter: Einführung in die Ethik, München 2003, S. 80

11 Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch I, S. 21f

12 Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch I, S. 15

Details

Seiten
20
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640881147
ISBN (Buch)
9783640881178
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169731
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
2,0
Schlagworte
begriff einteilung freundschaft nikomachischen ethik
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Titel: Begriff und Einteilung der Freundschaft in der Nikomachischen Ethik