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Die Wallfahrt. Geschichte und Theologie

Seminararbeit 1999 29 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Die Bedeutung von Wallfahrt
1.1 Definition
1.2 Religionsgeschichtliche Bedeutung
1.3 Theologische Interpretation
1.3.1 Das pilgernde Gottesvolk
1.3.2 Wallfahrt als Gottesdienst
1.3.3 Kritik an der Wallfahrt
1.3.4 Gefahren für die Wallfahrt

2 Die Geschichte der Wallfahrt
2.1 Die Wallfahrt im Judentum und im Alten Testament
2.2 Das frühe Christentum
2.3 Die Kreuzzüge
2.4 Die fortschreitende Ausprägung der Heiligen-, Reliquien- und Bilderverehrung
2.5 Die kirchliche Bußpraxis und die weltliche Rechtspflege
2.6 Auf und Ab des Wallfahrtswesens – Von der Aufklärung bis zum 1. Weltkrieg
2.7 Das Aufkommen der Jugendwallfahrten

3 Aufbau und Ablauf von Wallfahrten
3.1 Die Teilnehmer
3.2 Der Weg und das Ziel
3.3 Fortbewegungsmittel
3.4 Gestaltungsmöglichkeiten
3.4.1 Gebete und Gesänge
3.4.2 Sakramente
3.4.3 Symbole

4 Die Jugendwallfahrt „Leben ist mehr...“
4.1 Einführung
4.2 Struktur
4.3 Gottesdienstliche Aspekte
4.4 Die Christozentrik
4.5 Jugendliche als Zielgruppe
4.6 Zusammenfassung

5 Haben Wallfahrten noch Zukunft?

Literaturverzeichnis

Einleitung

Wallfahrten sind schon seit Jahrtausenden und in vielen Religionen bekannt. Viele Textzeugnisse geben Auskunft über ihre Bedeutung und ihren Wandel, den sie bis heute vollzogen haben. Die Motivationen, warum Menschen Wallfahrten unternommen haben und noch immer unternehmen, können dabei äußerst unterschiedlich sein.

Auch im Christentum ist das Wallfahrtswesen eine sehr verbreitete Frömmigkeitspraxis. Im Laufe der Kirchengeschichte sind eine Vielzahl von Wallfahrten und Wallfahrtsorten entstanden. Inhalt und Form variieren jedoch stark.

Gerade heute scheint vom Pilgern wieder neue Faszination auszugehen. Im Gegensatz zu anderen vertrauten Formen religiösen Lebens kommt die uralte Übung der Wallfahrt zu neuer Blüte, was steigende Teilnehmerzahlen – zumal unter Jugendlichen – belegen.[1]

Im folgenden soll zunächst anhand verschiedener Definitionen und Interpretationen geklärt werden, was Wallfahrt überhaupt ist, worauf sich ein geschichtlicher Abriß anschließt. Hierauf folgen Erläuterungen zu Aufbau und Ablauf von Wallfahrten. Die Jugendwallfahrt „Leben ist mehr...“ soll dann als Anwendungsbeispiel dienen, um eine mögliche Umsetzung einer Wallfahrt aufzuzeigen. Den Abschluß bildet ein Ausblick auf die Zukunft der Wallfahrt.

1 Die Bedeutung von Wallfahrt

1.1 Definition

Allgemein versteht man unter Wallfahrt das Besuchen mehr oder weniger entfernter heiliger Stätten[2], um dort übernatürlicher Hilfe oder Begnadung teilhaftig zu werden[3]. Sie geschieht in religiöser Absicht und Haltung und ist ein Akt der Frömmigkeit. Häufig wird sie zu einem besonderen Zweck (Bitte, Buße, Sühne, Danksagung) durchgeführt. Sie ist ein öffentliches Bekenntnis des Glaubens.

Eine Wallfahrt ist eine religiöse Reise, Wanderung oder Fahrt und kann allein oder in einer Gruppe geschehen, wobei es sich um Regional-, Nah- oder Fernwallfahrten handeln kann.[4] Die Begriffe "Wallfahrt" und "Pilgerfahrt" werden dabei des öfteren synonym verwendet.[5] Die Wallfahrt dürfte zu den ältesten Formen des Reisens überhaupt zählen.[6]

Weitere Kennzeichen der Wallfahrt sind Verzicht auf Bequemlichkeit, der auch heute noch – zumindest in gewisser Weise – vonnöten ist, und Erschwernisse durch Fasten oder sogar mangelhafte Bekleidung (Nacktwallfahrten).[7]

Eine Einteilung der Wallfahrt kann in die Kategorien Bitt-, Devotions- und Bußwallfahrt erfolgen.[8]

1.2 Religionsgeschichtliche Bedeutung

Die Wallfahrt ist in den meisten höheren Religionen, soweit sie nicht in einen ausgeprägten Pantheismus und Spiritualismus münden, zu finden.[9] Das Wallfahren und Pilgern ging aus dem Glauben hervor, daß an bestimmten heiligen Orten die Gottheit (das Numinose) nahe sei und das Gebet (vornehmlich das Bittgebet) besonders wirksam sein müsse.[10] Motiv und Anlaß sind im allgemeinen die „prärationale“ Denklogik und die vorreflexe Überzeugung, daß an bestimmten, dem profanen Bereich enthobenen Orten, die Gottheit präsent und in besonderer Weise erfahrbar sei und in vorzüglicher Weise helfe und heile.[11] Oft manifestiert sich die Gottheit durch Mittler wie Heilige oder Gegenstände.[12] Man glaubt an die örtliche Gegenwart, Gebundenheit und Hilfetätigkeit eines Gottes oder Heros und an die Ausstattung von Kultbildern, Reliquien und bestimmten Orten mit besonderen Segenskräften.[13] Solche Orte sind durch mythische bzw. kultgeschichtliche Erinnerungen und Ereignisse oder große Geschehnisse im Leben und Wirken eines Religionsstifters oder Heiligen herausgehoben.[14]

Wallfahrten werden von Gläubigen zu religiöser Verehrung und kultischer Reinigung, zur Befreiung aus leiblicher und seelischer Not, zum Erflehen eines geistigen oder dinglichen Gutes oder zum Dank für Erhörung und Wohlfahrt aufgesucht, wofür sich oft eigene fromme Bräuche oder Riten entwickelt haben, wie beispielsweise Pilgerkleidung, Fasten, besondere Bußübungen und Anrufungen, Prozessionen, Darbringen von Opfergaben und Weihegeschenken oder die Aufzeichnung der geschehenen Wunder.[15]

Wallfahrten werden außer im Christentum z.B. im Judentum, im Islam (als sogenannte „5. Säule“ Pflicht jedes Muslimen[16] mit Hauptheiligtum Mekka), im Buddhismus und im Hinduismus (Hauptheiligtum Benares) praktiziert und sind bereits in der griechisch-römischen Antike und bei den Alten Ägyptern nachweisbar.

1.3 Theologische Interpretation

1.3.1 Das pilgernde Gottesvolk

Vom ihrem Wesen her liegt der christlichen Wallfahrt das Bild des pilgernden Gottesvolkes zugrunde (vgl. LG 9).[17] In ihr kommt das menschliche Dasein als status viatoris zum Ausdruck[18]. Sie gehört zu den vom 2. Vatikanischen Konzil empfohlenen „Andachtsübungen des christlichen Volkes“ (SC 13).

Es geht um die Gemeinschaft der Weggefährten mit Christus, dem Haupt, und die Gemeinschaft der Weggefährten untereinander. Der Weg führt immer zu Christus, auch wenn ein Heiliger oder ein anderes „Thema“ „angegangen“ wird.[19] Insbesondere Maria, das Urbild und die Wegbegleiterin der Kirche, ist sehr häufig Inhalt von Wallfahrten.

Die Metapher vom pilgernden Gottesvolk läßt sich auf das Selbstverständnis der Kirche insgesamt übertragen. Kirchenamtlich wurde es erstmals in der Dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen Gentium“ des Zweiten Vatikanischen Konzils schriftlich formuliert. Trotzdem ist diese ekklesiologische Sicht aber nicht neu, sondern stellt eine bereits von jeher gegenwärtige Seinsweise der Kirche dar.[20]

Oftmals artikulieren sich in Wallfahrten Anliegen und Vorstellungen einer „Populartheologie“, die sich nicht selten in einem gewissen Gegensatz zur kirchenamtlichen Theologie befindet[21] und sich bisweilen sogar in abergläubischen und magischen Praktiken und Bräuchen niederschlagen kann[22]. Trotz allem hat die Amtskirche die Wallfahrt als einen vorgefundenen und tiefverwurzelten Volksglauben akzeptiert, was sich beispielsweise in der Gewährung besonderer Ablässe an Wallfahrtsorten oder der offiziellen Anerkennung von Gnadenerweisen zeigt.[23]

Schauen wir in die Heilige Schrift, so werden schon im Alten Testament die biblischen Modelle des pilgernden Gottesvolkes vorgezeichnet, wie etwa im Auszug Abrahams aus seiner Heimat Chaldäa auf Gebot und Verheißung Gottes hin, im Aufbruch Israels aus Ägypten in das Land der Verheißung oder in der Rückkehr Israels aus der Gefangenschaft in Babylon nach Jerusalem.

Im Neuen Testament pilgert Jesus nach Jerusalem (Lk 2,41f; Mt 20,18). Gleichzeitig gibt er der Wallfahrt aber auch ein neues Ziel, nämlich sich selbst als Ort der Begegnung mit Gott (Joh 2,19ff; vgl. Joh 4,19ff), und führt die in ihm geeinten Pilger zum Ziel ihrer irdischen Pilgerschaft: zum himmlischen Jerusalem (Hebr 12,22f; vgl. Offb 21).[24]

Paulus und die frühchristlichen Autoren greifen das Thema der Wallfahrt bei ihrem Versuch auf, das Christusgeschehen auszudrücken, und nutzen es als ergiebige Quelle für ihre je eigene Wallfahrtstheologie (vgl. Röm 9-11).[25]

Das Motiv des Wallfahrens, das Aufbrechen hin zu Gott, läßt sich somit in der gesamten Heiligen Schrift wiederfinden und wird bereits im Alten Testament vorbereitet. So kann man sagen:

„Seit der Vertreibung aus dem Paradies ist der Mensch „unterwegs“ zum Himmlischen Jerusalem, immerfort auf dem Glaubensweg die endgültige Stadt suchend.“[26]

1.3.2 Wallfahrt als Gottesdienst

Während einer Wallfahrt werden nicht nur vor dem Aufbruch, unterwegs und am Ziel Gottesdienste gefeiert, sondern die Wallfahrt als Ganze ist Gottesdienst, bei dem die Pilgernden jederzeit eine Gottesdienstgemeinde sind.[27] So läßt sich die Wallfahrt im vollen Sinn als ein „wirklicher Gottesdienst“[28] bezeichnen. Der Herr handelt an seinem Volk, indem er sich ihm z.B. in den unterschiedlichsten Zeichen schenkt und seinen Glauben stärkt; das Volk wiederum dient seinem Haupt etwa im Gebet, Loben und Antworten auf dessen Handeln.[29]

Die Wallfahrt als solche stellt sowohl von ihrem Wesen als auch von ihrer Gestalt und Gestaltung her ein gottesdienstliches Bewegungselement hervorragender Art dar.[30] Sie bezeichnet ein höchst konkretes, leibhaftes Unterwegssein, kann aber auf diese Weise gleichzeitig auch zur geistlichen Übung werden: die vielleicht müde gewordene Seele kann über den leiblichen Ausdruck wieder neu in Bewegung kommen und sich gewissermaßen von der leiblichen Erfahrung anstecken lassen.[31]

Im oft längeren Beisammensein wächst zudem das Empfinden für die Gemeinschaft der Zusammen-Gerufenen, die sich von Gottes Wort treffen lassen.[32]

1.3.3 Kritik an der Wallfahrt

Man mag gegen die Wallfahrt den berechtigten Einwand einbringen, wo überhaupt ihr Sinn liege, wo Gott doch überall sei und nicht nur an bestimmten heiligen Orten, und er die Gebete der Gläubigen doch auch überall gleich erhöre. Hierauf könnte man antworten:

„Gott mag an jedem Ort sein, aber die Erfahrung, die die Menschen durch die Jahrhunderte hindurch gemacht haben (und in unserer heutigen Zeit immer noch machen), zeigen uns, daß bestimmte Orte "dünner", transparenter, sind als andere, so daß die allgegenwärtige Präsenz Gottes dort leichter und unmittelbarer erfahren werden kann.“[33]

Die Form und die Motivation, die Menschen zum Pilgern antreiben, sind individuell unterschiedlich. Aber bei allen scheinen die Menschen instinktiv der Auffassung zu sein, daß,

[...]


[1] Vgl. Eisenbach, Franziskus: „In Gottes Namen fahren wir“. Überlegungen zur Wallfahrtspastoral, in: Communio 26 (1997), 237.

[2] Vgl. Welker, K.: Wallfahrt, in: Bäumer, Remigius (Hg.): Marienlexikon, St. Ottilien 1994, 685.

[3] Vgl. Hofmann, Konrad: Wallfahrt, in: 1LThK 10, 735.

[4] Vgl. Welker, 685.

[5] Vgl. ebd., 684.

[6] Vgl. Rivinius, Karl-Josef: Wallfahrtswesen und Volksfrömmigkeit, in: StZ 214 (1996), 630.

[7] Vgl. Welker, 685.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. Hofmann, 735.

[10] Vgl. Welker, 685.

[11] Vgl. Rivinius, 630f.

[12] Vgl. ebd., 631.

[13] Vgl. Hofmann, 735.

[14] Vgl. ebd.

[15] Vgl. ebd., 735f.

[16] Vgl. Klaes, Norbert: Wallfahrt I, in: 3LThK 10, 961.

[17] Vgl. Senger, Basilius: Wallfahrt, in: Meurer, Wolfgang (Hg.): Volk Gottes auf dem Weg, Mainz 1989, 135.

[18] Vgl. ebd.

[19] Vgl. ebd.

[20] Vgl. García-Rivera, Alex: Die „pilgernde Kirche“ des Zweiten Vatikanischen Konzils. Eine Geschichte von zwei Altären, in: Conc (D) 32 (1996), 359.

[21] Vgl. Rivinius, 633.

[22] Vgl. ebd., 640.

[23] Vgl. ebd., 633.

[24] Vgl. Sedlmeier, Franz: Wallfahrt. II, in: 3LThK 10, 962.

[25] Vgl. Freyne, Sean: Jesus, der Pilger, in: Conc (D) 32 (1996), 320.

[26] Senger, 136.

[27] Vgl. ebd.

[28] Vgl. Heinz, A.: Wallfahrt als Gottesdienst, in: Walter, K. (Hg.): Wallfahrt. In Bewegung auf Gott, Annweiler, 1986, 33ff, zit. nach: Ebd.

[29] Vgl. ebd.

[30] Vgl. ebd., 135.

[31] Vgl. Eisenbach, 241.

[32] Vgl. Senger, 136.

[33] Vidal, Jaime R.: Die Pilgerschaft in der christlichen Tradition, in: Conc (D) 32 (1996), 330.

Details

Seiten
29
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638216623
ISBN (Buch)
9783638644853
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v16970
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Katholisch-theologische Fakultät
Note
2,7
Schlagworte
Wallfahrt Geschichte Theologie

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