Lade Inhalt...

Gesellschaft, Wirtschaft und Arbeit - Definitionen, Theorien und wechselseitiger Einfluss

Seminararbeit 2010 24 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhalt:

1 Einleitung (Heinz Piwonka)

2 Wirtschaft (Heinz Piwonka)
2.1 Definitionen
2.2 Historie
2.3 Wirtschaftstheorie
2.3.1 Adam Smith (1723 - 1790)
2.3.2 Karl Marx (1818 - 1883)
2.3.3 Karl Polanyi (1886 - 1964)
2.4 Einflüsse der Religion auf die Wirtschaft
2.5 Legitimität der kapitalistischen Ökonomie

3 Arbeit & sein Antagonist (Hermann Helke)
3.1 Institutionalisierung der Arbeitsmärkte
3.2 Strukturwandel im 19. und 20. Jahrhundert, vom Agrarstaat zur Informationsgesellschaft
3.3 Auswirkungen des Strukturwandels auf die Arbeitsmärkte 10 Arbeit:
Arbeitsverhältnisse (Prekariat):
Steueraufkommen und Staatsfinanzen:
3.4 Arbeitslosigkeit = AL (vgl. Beckert 2007)
Definition
Typen der AL
3.5 Theorien zur Dynamik von Arbeitsmärkten

4 Reziprozitäten Wirtschaft-Arbeit (Christian Dörr)
4.1 Tertiarisierung der modernen Gesellschaft:
4.2 Arbeitslosigkeit in der Gesellschaft:
4.3 Umgang mit Arbeitslosigkeit (Was tun gegen Arbeitslosigkeit?) ...

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung (Heinz Piwonka)

Die Themen Wirtschaft und Arbeit sind in allen möglichen gesellschaftlichen Lebensbereichen anzutreffen bzw. haben Auswirkungen auf diese und sind daher wesentliche Paradigmen der sozialwissenschaftlichen Forschung. Die Wirtschaft beschäftigt sich mit der Produktion, dem Verkaufsprozess und der Distribution von Gütern, sowie Dienstleistungen. Ziel ist es die Bedürfnisse von Kunden zu befriedigen und dabei im - Allgemeinen - einen Gewinn zu erzielen. Dazu bedient sich die Wirtschaft verschiedener Märkte (z. B. Kapitalmarkt, Immobilienmarkt, Textilmarkt, Automarkt, etc.). Das Verrichten einer Tätigkeit wird Arbeit genannt. Menschen benötigen, um ihre materiellen Wünsche und Bedürfnisse zu befriedigen, Tauschmittel, die gegen die begehrten Waren eingetauscht werden können. Um in den Besitz dieser Tauschmittel zu gelangen, bedienen sich Menschen u. a. der Arbeit. Dabei bieten sie ihre physischen und psychischen Fähigkeiten anderen gegen Entlohnung an, d. h. sie bieten ihre Arbeitskraft am Markt an und nehmen so am wirtschaftlichen Leben teil. Nachdem die menschliche Arbeitskraft besondere Aspekte aufweist, wird auch der ihr zugehörige Markt - der Arbeitsmarkt - einer speziellen Betrachtung unterzogen werden müssen. Viele Faktoren haben massiven Einfluss auf Wirtschaft und Arbeit, manchmal erst auf den zweiten Blick. Welche Auswirkungen hat z. B. ein Vulkanausbruch auf Island für die europäische und internationale Wirtschaft und den Arbeitsmarkt? Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass hier keine direkten Zusammenhänge ersichtlich sind, doch dieser Eindruck täuscht. Aktuell zeigt der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull seit 21. März 2010 die Verbindungen zwischen Naturkatastrophen und den nationalen und internationalen Wirtschafts- und Arbeitsmärkten auf. Nebenbei sei bemerkt, dass was die Menschen als Naturkatastrophen beklagen, strictu sensu als Sozial- bzw. Kulturkatastrophen angesehen werden müssen. Natürliche Vorgänge verwandeln sich dort zur Katastrophe, wo sie die sozialen und kulturellen Zusammenhänge der Gesellschaft in Gestalt von Schäden tangieren (vgl. Kröll 2009, S. 79f). Wegen des Vulkanausbruchs kam es zu schweren Behinderungen des Luftverkehrs in Europa und in aller Welt. International wurden bisher fast 100.000 Flüge gestrichen. Millionen Menschen saßen auf Flughäfen fest und konnten ihre Zeitpläne und terminlichen Verpflichtungen nicht einhalten, was wieder den Arbeitsmarkt beeinflussen könnte. In der Luftfahrt und anderen Wirtschaftszweigen sind Verluste in Milliardenhöhe aufgetreten (vgl. Rüb 2010). Auch die Reiseveranstalter zählen zu den Verlierern. Es gibt aber auch Gewinner: Bahnbetreiber und Autovermietungen als mögliche Alternative zum Flugverkehr können sich über zusätzliche Buchungen freuen. An diesem Beispiel wird deutlich, dass Wirtschaft und Arbeit in multiplen Reziprozitäten zueinander stehen, d. h. sie bedingen und beeinflussen sich auf vielfältige Weise gegenseitig. Im Folgenden werden - keineswegs erschöpfend - die Definitionen, Entstehung, Theorien und Auswirkungen der Termini Wirtschaft und Arbeit, sowie ihre Verknüpfungen näher betrachtet.

2 Wirtschaft (Heinz Piwonka)

2.1 Definitionen

Nachfolgend sollen einige, wichtige wirtschaftliche Begriffe erklärt werden, um das Verständnis des Gegenstandes zu fördern. „´Wirtschaftlich orientiert ´ soll ein Handeln insoweit heißen, als es seinem gemeinten Sinne nach an der Fürsorge für einen Begehr nach Nutzleistungen orientiert ist.“. „´Wirtschaften´ soll eine friedliche Ausübung von Verfügungsgewalt heißen, welche primär, ´rationales Wirtschaften´ eine solche, welche zweckrational, also planvoll, wirtschaftlich orientiert ist.“. „´Wirtschaft´ soll ein autokephal, ´Wirtschaftsbetrieb´ ein betriebsmäßig geordnetes kontinuierliches Wirtschaften heißen.“ (Weber 1964, S. 43). „Rein technisch angesehen ist Geld das ´vollkommenste´ wirtschaftliche Rechnungsmittel, das heißt: das formal rationalste Mittel der Orientierung wirtschaftlichen Handelns.“ (ebda, S. 61). „ Beruf soll jene Spezifizierung, Spezialisierung und Kombination von Leistungen einer Person heißen, welche für die Grundlage einer kontinuierlichen Versorgungs- oder Erwerbschance ist.“ (ebda, S. 104). „ Tauschmittel soll ein sachliches Tauschobjekt insoweit heißen, als dessen Annahme beim Tausch in typischer Art primär an der Chance für den Annehmenden orientiert ist, dass dauernd - das heißt: für die in Betracht gezogene Zukunft - die Chance bestehen werde, es gegen andre Güter in einem seinem Interesse entsprechenden Austauschverhältnis in Tausch zu geben, sei es gegen alle (allgemeines Tauschmittel), sei es gegen bestimmte (spezifisches Tauschmittel)...“ (ebda, S. 52f). Effizienz ist das Verhältnis zwischen in den Produktionsbetrieb eingebrachten Rohstoffen, Halbfabrikaten, Maschinen, Arbeitskraft zu der produzierten Ausbringungsmenge (vgl. Beckert 2007, S. 452).

2.2 Historie

Die Geschichte der Wirtschaft ist uralt. Schon ca. 8.000 Jahre vor Christus in der Jungsteinzeit wird systematisch Ackerbau und Viehzucht betrieben. Es entstanden auch Handwerke, die sich mit der Herstellung von Werkzeugen, Kleidern, Behausungen und Möbeln beschäftigten. Die Landwirtschaft als Primärsektor entstand. Die Menschen produzierten vor allem für den Eigenbedarf und lebten lange Zeit in konstanten, relativ niedrigen, Verhältnissen. Erst vor ca. 250 Jahren begannen die Wurzeln der modernen Wirtschaft mit der Entstehung der Industrialisierung und der Industriegesellschaft zu sprießen. Die Industrie als Sekundärsektor etablierte sich. Ausschlaggebend dafür waren die technologischen Entwicklungen des 18. Und 19. Jahrhunderts. Die Erfindung der Dampfmaschine und des mechanischen Webstuhls, die Einführung der Eisen- und Stahlproduktion und die Entdeckung verschiedener chemischer Prozesse läuteten diese neue Ära ein (vgl. Beckert 2007, S. 450f). Bereits hier setzt die Kritik von Karl Marx ein: „Als John Wyatt 1735 seine Spinnmaschine und mit ihr die industrielle Revolution des 18. Jahrhunderts ankündigte, erwähnte er mit keinem Wort, dass statt eines Menschen ein Esel die Maschine treibe, und dennoch fiel diese Rolle dem Esel zu.“ (Marx 1962, S. 392). Jede Maschine besteht aus drei Teilen: der Bewegungsmaschine als Triebkraft des Mechanismus, der Transmissionsmechanismus zur Regelung der Bewegung und der Werkzeug- bzw. Arbeitsmaschine. Die industrielle Revolution des 18. Jahrhunderts geht von der Werkzeugmaschine aus. Sie bildet den Ausgangspunkt, wann immer Handwerksbetrieb bzw. Manufakturbetrieb in Maschinenbetrieb übergeht (vgl. ebda, S.393). Gleichzeitig mit der „maschinellen Revolution“ entstand eine Umgestaltung der sozialen Organisation. Meisten zogen Bauern, die über keine eigenen Ländereien bzw. Besitz verfügten, in die Städte, um ihre Arbeitskraft gegen Entlohnung anzubieten (Differenzierung). Dies war die Geburtsstunde des Arbeitsmarktes. Auf Grund dieser Entwicklung entstanden auch neue gesellschaftliche Strukturen. Die in die Städte umgesiedelten Menschen waren von ihren am Land lebenden Familien getrennt und waren gezwungen, neue Formen des gesellschaftlichen Lebens zu entwickeln (Individualisierung). Es ging nicht mehr nur um die Deckung des Eigenbedarfs, sondern es wurde systematisch mehr produziert, um die überschüssigen Waren an andere in weiter entfernten Absatzmärkten zu verteilen. Mit der Einführung von Eisenbahnen und Dampfschiffen entstand das Transportwesen. In den wachsenden Städten entstanden immer mehr und größere Fabriken, um die Produkt]ion voranzutreiben und damit Gewinn zu erzielen. Dadurch konnten immer leistungsfähigere und teurere Maschinen rentabel eingesetzt werden. Neue Arbeitsprozesse wurden umgesetzt und die Arbeitsteilung sorgte dafür, dass die Betriebe in kürzerer Zeit immer mehr Güter produzieren konnten. Als Unternehmensübersicht und zur Risiko- und Investitionskalkulation wurden die Buchhaltung und Kostenrechnung eingesetzt. Mit Banken und Börsen entstanden die Geldwirtschaft und die Kapitalmarktinstitutionen. Der Kapitalismus wurde geboren. In den letzten 50 Jahren ist der Sekundärsektor zugunsten des Dienstleistungsbereichs, dem Tertiärsektor, sukzessive geschrumpft (vgl. Beckert 2007, S. 450f). Der Dienstleistungsbereich ist heute der wirtschaftlich wichtigste Arbeitsmarkt.

2.3 Wirtschaftstheorie

2.3.1 Adam Smith (1723 - 1790)

Vorreiter einer liberalen Wirtschaftstheorie war Adam Smith. Mit seinem Werk „Eine Untersuchung über Natur und Wesen des Volkswohlstandes“ beschrieb er die Entwicklung der Ökonomie auf Basis der Arbeitsteilung. Diese machte die Industrialisierung erst möglich, da die Produktion - auch unter Einbezug von Maschinen - wesentlich erhöht werden konnte, wenn die Menschen ihre Kapazität nur auf einen Teilprozess der Produktion spezialisierten. Dazu bedarf es nicht mehr nur qualifizierter Arbeitskräfte, sondern es konnten auch angelernte Menschen produktiv und effizient produzieren. Als Beispiel führte er die Produktion in einer Stecknadelfabrik an. Dabei ging er davon aus, dass ein qualifizierter und fleißiger Mensch bis zu 20 Stecknadeln pro Tag fertigen könnte, d. h. zehn Menschen könnten demnach ca. 200 Stecknadeln pro Tag herstellen. Verteilt man die Arbeitsschritte, die nötig sind, um eine Stecknadel zu produzieren auf diese zehn Menschen, sodass einer den Draht zieht, der Nächste ihn richtet, ein anderer ihn abschrotet usw. können pro Tag bis zu 48.000 Nadeln hergestellt werden, was pro Kopf eine Produktion von 4.800 Nadeln bedeutet (vgl. Smith 1973, S. 6f). Für den erhöhten Produktionsausstoß sind drei Faktoren verantwortlich: erstens der gesteigerten Geschicklichkeit der ArbeiterInnen, zweitens der ersparten Zeit, welche in den Übergängen der einzelnen Arbeitsschritte verloren geht und drittens der Erfindung von Maschinen, die die Produktion erleichtern und beschleunigen (vgl. ebda, S. 10). Für Smith führt die Möglichkeit zu tauschen zur Arbeitsteilung, diese wird jedoch wiederum durch die Möglichkeit zu tauschen, d. h. durch die Ausdehnung des Marktes, beschränkt (vgl. ebda, S. 22). Tauschgegenstände waren in rohen Zeiten der Gesellschaft vor allem das Vieh, aber auch Salz, Tabak und Zucker wurden als Handelsmittel eingesetzt. Die Lagerungsproblematik und die fehlende Möglichkeit das Handelsmittel ohne Verlust in viele Teile aufzusplittern führten dazu, dass Edelmetalle als Handels- und Zahlungsmittel eingesetzt wurden (vgl. ebda, S. 29f). Das Prinzip des Handels- oder Merkantilsystems beruht auf der Anhäufung von Tauschmitteln in Form von Gold und Silber, welche den Wohlstand erhöhen. Die Edelmetalle dienen als Geld und Wertmesser. Mit Geld kann man alles Gewünschte leichter beschaffen als mit anderen Waren. Menschen werden nach ihrem Reichtum an Geld gemessen. Dasselbe gilt für Länder und Nationen. Um den nationalen Reichtum zu vergrößern wurden (auch vermeintliche) lukrative Eroberungen durchgeführt (vgl. ebda, S. 200f). Als die Spanier an der Küste Lateinamerikas landeten fragten sie die Einheimischen, ob es sich um ein „reiches“ Land handle. Diese bejahten und so gaben die Spanier dem Land den Namen Costa Rica (reiche Küste), was sich für die Spanier als Trugschluss erwies. Die Einheimischen meinten mit „reich“ den Reichtum ihres Landes in Flora, Fauna und Ackerbau, die Spanier waren an Edelmetallen interessiert. Auch durch Außenhandel können die Gold- und Silbervorräte eines Landes gesteigert werden. Vieh, das nicht selbst gebraucht wird, kann exportiert und so in Gold und Silber verwandelt werden. Dasselbe gilt auch für andere Produkte. Das Zentrale des Merkantilsystems ist die Ermutigung der Ausfuhr und die Entmutigung der Einfuhr (vgl. ebda, S. 493).

2.3.2 Karl Marx (1818 - 1883)

Einen einflussreichen Kritiker des Kapitalismus fand sich in Karl Marx. Er machte die liberale, politische Ökonomie für die Ausbeutung der Proletarier verantwortlich (vgl. Beckert 2007, S. 454). Weiters kritisiert Marx, dass Adam Smith nicht aussagt, dass das Kapital in Agrikultur, Manufaktur und Handel angewendet werden kann. Die Anwendung des Kapitals ist jedoch wesentlich, da dieses z. B. im Handel nicht als produktives Kapital fungiert. Smith verlässt dabei die Grundlage, welche bereits die Physiokraten aufgestellt hatten (vgl. Marx 1963, S. 197). Ware ist für Marx zunächst ein äußerer Gegenstand, der durch seine Eigenschaften menschliche Bedürfnisse irgendeiner Art befriedigt. Jede Ware ist unter dem doppelten Gesichtspunkt von Qualität und Quantität zu betrachten. Die Nützlichkeit einer Ware macht sie zum Gebrauchswert. Als Tauschwert wird das quantitative Verhältnis bezeichnet, das beständig mit Zeit und Ort wechselt und die Proportion der Gebrauchswerte einer Art gegen Gebrauchswerte anderer Art angibt. Die Waren sind als Gebrauchswerte vor allem verschiedener Qualität, als Tauschwerte können sie nur verschiedener Quantität sein. Sieht man vom Gebrauchswert einer Ware ab, so bleibt ihr nur noch die Eigenschaft von Arbeitsprodukten (vgl. Marx 1962, S. 49ff). Diese zwieschlächtige Natur der in den Waren enthaltenen Arbeit ist der kritisch nachgewiesene zentrale Aspekt zum Verständnis der politischen Ökonomie (vgl. ebda, S. 57). Nach Marx produziert das Kapital einen Mehrwert, der den ArbeiterInnen vorenthalten wird. Als Beispiel investiert ein Kapitalist z. B. 10.000 Pfd.St. in Rohwaren, Maschinen und Arbeitskräfte, um Garn zu produzieren. Die Produktionsmenge von 240.000 Pfd. Garn wird für 12.000 Pfd.St. verkauft, wodurch 2.000 Pfd.St. als Mehrwert entstehen. Wird dieses Kapital wieder Reinvestiert, so ergibt sich ein neuerlicher Mehrwert von 400 Pfd.St. usw. Der Mehrwert enthält nicht ein einziges Wertatom, das nicht aus unbezahlter, fremder Arbeit besteht. Kauft nun der Arbeiter bzw. die Arbeiterin Garn, so wird das Garn mit dem Ertrag früherer Arbeit gekauft, dem Tribut, der der Arbeiterklasse von der Kapitalistenklasse entrissen wurde. Es ist das Verfahren des Eroberers, der den Besiegten Waren abkauft mit ihrem eigenen, geraubten Geld. In allen Fällen hat die Arbeiterklasse durch ihre Tätigkeit das Kapital geschaffen, das nächstens zuschüssige Arbeit beschäftigen wird. Dies nennt man Kapital durch Kapital erzeugen (vgl. ebda, S. 605ff). Die Verwandlung von Geld in Kapital vollzieht sich in Einklang mit den ökonomischen Gesetzen. Trotzdem sind folgende Ergebnisse nicht zu leugnen: erstens: das Produkt gehört dem Kapitalisten, nicht dem Arbeitenden. Zweitens: der Wert des Produkts (abzüglich vorgeschossenem Kapital) enthält Mehrwert, der den ArbeiterInnen, aber nicht dem Kapitalisten etwas gekostet hat und dennoch Eigentum des Kapitalisten wird. Drittens: die ArbeiterInnen forterhalten ihre Arbeitskraft und können diese neu verkaufen, wenn sie einen Käufer finden (vgl. ebda, S. 611). Der ganze Charakter der kapitalistischen Produktion beruht auf der Verwertung des vorgeschossenen Kapitals, also durch Produktion von möglichst viel Mehrwert, aber auch durch Verwandlung von Mehrwert in Kapital, die Reproduktion von Kapital (vgl. Marx 1963, S. 64).

2.3.3 Karl Polanyi (1886 - 1964)

Nach Polanyi besteht der Wesenskern der industriellen Revolution des 18. Jahrhunderts in der ans Wunderbare grenzenden Verbesserung der Produktionsmittel, begleitet von einer katastrophalen Erschütterung des Lebens des einfachen Volkes. Seiner Meinung nach missverstand der Wirtschaftsliberalismus die Geschichte der industriellen Revolution, weil er darauf beharrte, soziale Erscheinungen vom wirtschaftlichen Standpunkt aus zu betrachten (vgl. Polanyi 1978, S. 59f). Mit Marktwirtschaft ist ein selbstregulierendes System von Märkten gemeint, ein Wirtschaftssystem, das einzig und allein von Marktpreisen gesteuert wird (vgl. ebda, S. 71). Die Marktform mit ihrer Zielsetzung, nämlich Austausch und Tauschhandel, bringt eine spezifische Institution hervor, den Markt. Dies ist der Grund, warum die Beherrschung des Wirtschaftssystems durch den Markt von ungeheurer Bedeutung für die Struktur der Gesellschaft ist. Diese wird als ein Anhängsel des Marktes behandelt. Die Wirtschaft ist nicht mehr in die sozialen Beziehungen, sondern die sozialen Beziehungen sind in das Wirtschaftssystem eingebettet. Wenn das wirtschaftliche System in Institutionen gegliedert ist - mit spezifischen Zielsetzungen und besonderem Status - muss die Gesellschaft selbst so gestaltet werden, dass das System im Einklang mit seinen eigenen Gesetzen funktionieren kann. Daher die Behauptung, dass eine Marktwirtschaft nur in einer Marktgesellschaft funktioniert (vgl. ebda, S. 88f). Auf die Frage wie eine geordnete Produktion und Distribution möglich ist, antwortet Polanyi mit Reziprozität und Redistribution. Bei den Eingeborenen der Trobriandinseln wirkt die Reziprozität vor allem in Bezug auf Familie und Verwandtschaft. Die Erhaltung der Familie ist Pflicht der Verwandten in weiblicher Linie. Der Mann versorgt seine Schwester und deren Familie indem er ihnen seine besten Früchte gibt und erwirbt sich dadurch weniger materiellen Vorteil als Anerkennung für gutes Verhalten. Ist er nachlässig, leidet vor allem sein guter Ruf. Die Reziprozität wirkt zugunsten seiner Frau und Kinder und belohnt ihn ökonomisch für sein sittliches Verhalten (vgl. ebda, S. 77). Die Redistribution hat ebenfalls eine lange und wechselvolle Geschichte. Vom Bergdama, der von der Jagd und der Frau, die von der Wurzel- und Blättersuche zurückkehrt wird erwartet, dass sie den Großteil ihrer Ausbeute der Gemeinschaft zur Verfügung stellen. Dies bedeutet, dass die Ausbeute mit anderen geteilt wird. Als Mittelsmann fungiert der Häuptling, der die Waren entgegen nimmt, vor allem wenn diese eine Lagerung erfordern. Er verteilt die Waren dann an die anderen Mitglieder, dies ist die eigentliche Redistribution (vgl. ebda, S. 81). Eine Erkenntnis der historischen und anthropologischen Forschung ist es, dass die wirtschaftliche Tätigkeit des Menschen vor allem in seine Sozialbeziehungen eingebettet ist. Das Handeln gilt nicht der Sicherung von materiellem Besitz, sondern der Sicherung von gesellschaftlichem Rang, Ansprüchen und Wertvorstellungen. Der Mensch schätzt materielle Güter nur insoweit, als sie diesem Zweck dienen. Somit wird das Wirtschaftssystem in jedem Fall von nichtökonomischen Motiven getragen. In einer Stammesgemeinschaft haben zum Beispiel die wirtschaftlichen Interessen eines einzelnen selten Vorrang, denn die Gemeinschaft kümmert sich darum, dass niemand verhungert. Die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Bindung hingegen ist entscheidend. Dafür sind zwei Gründe anzugeben. Erstens weil sich der einzelne durch Missachtung des Ehrenkodex selbst aus der Gemeinschaft ausschließt und zweitens weil letztlich alle gesellschaftlichen Pflichten auf Gegenseitigkeit beruhen (vgl. ebda, S. 75).

[...]

Details

Seiten
24
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640880379
ISBN (Buch)
9783640880492
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169644
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
1,3
Schlagworte
Soziologie Gesellschaft Wirtschaft Arbeit Arbeitslosigkeit

Autoren

Teilen

Zurück

Titel: Gesellschaft, Wirtschaft und Arbeit -  Definitionen, Theorien und wechselseitiger Einfluss