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Leitfaden über den Umgang mit muslimischen Patienten

Skript 2011 34 Seiten

Gesundheit - Public Health

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Kulturbegriff
1a moderner Kulturbegriff
1b Die Kulturzwiebel
1c Kulturkonflikte

2 Migration in Deutschland

3 Islam
3a Der Prophet Mohammed
3b Der Glaube der Muslime
3c Fünf Säulen des Islam
3d Woran Glauben Muslime im Islam?
3e Der Koran (Qur’an)

4 Die Geschichte der Medizin im Islam
4a Blütezeit der islamischen Medizin
4b Die medizinischen Leistungen

Tipps für den Umgang mit muslimischen Patienten im Alltag

5 Pflichtgebet im Krankenhausalltag

6 Ramadan im Krankenhausalltag

7 Diäten

8 Die Beziehungen zwischen Arzt und Patient

9 Die Erwartungen an das Pflegepersonal

10 Krankheit und Volksglauben (Djin und Satan)

11 Untersuchung des Patienten

12 „Morbus Bosporus“ - Schmerzäußerungen

13 Das Diagnosegespräch

14 Angehörige im Krankenhaus

15 Zur Frau

16 Sterben und Tod

17 Checkliste

18 Literaturverzeichnis

Vorwort

Täglich kommen wir mit Menschen in Kontakt, die durch ihre Lebensauffassung verschiedene Aspekte des Lebens anders anpacken als wir. Kenntnisse über diese Werte und Vorstellungen können helfen, das Anderssein der Anderen anzuerkennen, vielleicht auch zu verstehen.

Die Betreuung muslimischer Patienten gehört spätestens seit der Anwerbung ausländischer Mitarbeiter vor über 40 Jahren bei uns zum Alltag. Für viele muslimische Patienten ist der Gang zum Arzt oder in ein Krankenhaus eine große Belastung. Ursachen sind hauptsächlich Sprachprobleme, gefühlte Isolation der Migranten, das andere Geschlecht des Behandelnden, Nahrungsvorschriften und das Fehlen der Möglichkeit der Religionsausübung in Krankenhäusern und nicht zuletzt das Gefühl, dass ihre Religion und Sichtweisen als minderwertig angesehen werden.

Das vorliegende Handout ist das schriftliche Material für Teilnehmer meiner Kurse „Umgang mit muslimischen Patienten“. Ich selbst bin keine Muslima, und keine Medizinerin. Ich habe Islamwissenschaft studiert und habe beruflich und privat im arabischen Raum gelebt. Meine derzeitige Tätigkeit führt mich jährlich zwei bis dreimal in die Region und so habe ich bis heute Ärzte und Krankenhäuser in fast allen arabischen Ländern kennengelernt. Ich war in teuren privat Kliniken und habe Wunderheilerinnen in Städten und Dörfern kennengelernt. Also praktische Erfahrungen in vielen Facetten gemacht.

Verhaltensweisen, die in unterschiedlichen Situationen mir unverständlich waren ließ ich mir von Einheimischen erklären - nichts geht über praktische Einweisungen.

In meinen Vorträgen und Seminaren zum Islam wurde ich öfter von Pflegepersonal und Ärzten zu Besonderheiten in der Therapie von muslimischen Patienten befragt. Ich habe darum einen Fokus meiner Arbeit auf „Muslimische Patienten“ gelegt. Dass erhöhter Bedarf besteht, lässt sich an den vielen Anfragen zu Vorträgen und Seminaren zu diesem Thema erkennen. Schließlich sind die Muslime nach den Deutschen die größte kulturelle Gruppe in der medizinischen Versorgung in Deutschland.

Ich möchte zu bedenken geben, dass der Islam und die Muslime verwirrend vielfältig sind. So vielfältig, wie es eine Vielzahl muslimischer Gesellschaften in dem 57 Mitgliedsstaaten der Organisation der Islamischen Konferenz gibt. Eine kopftuchtragende Patienten oder ein barttragender Pflegebedürftiger sind keine zuverlässigen Parameter für die muslimische Zuordnung. Nicht alle Muslime befolgen streng religiöse Gebote und Verbote. Dieses Handout ist für medizinisches und ärztliches Personal im deutschsprachigen Raum gedacht, dass mit muslimischen Patienten konfrontiert ist.

Es werden fast alle Themen behandelt; Geburt, Anamnese, Pflege, Therapie und Tod. Es geht nicht darum einer Minderheit „Sonderrechte“ einzuräumen. Dieses Handout und die enthaltene Checkliste sollen das Verständnis für die Bedürfnisse der Patienten erwecken und das „Warum“ der Bedürfnisse erklären.

Insbesondere möchte ich darauf hinweisen, dass bei Migranten häufig durch die Migration verursachte psychologische Probleme hinzukommen, die man bei Privatpatienten aus dem arabischen Raum, die nach der Behandlung wieder nach Hause zurückkehren, nicht entdecken wird.

Zuletzt möchte ich etwas nicht unerwähnt lassen. In meinem Versuch, im Rahmen dieses Themas einige Aspekte der islamischen Lebensauffassung näher bringen zu wollen, wird Ihnen auffallen, dass der Islam für jeden Lebensbereich Regelungen hat.

Dies mag westlich orientierten, liberalen, aufgeklärten Menschen beim ersten Blick beengend wirken. Trotzdem muss ich darauf hinweisen, dass der Islam kein System mit starren Regeln und Vorschriften, sondern die Vorschriften eher flexibel und für jede Zeit und jede Angelegenheit des Lebens anwendbar ist. Dafür gibt es viele Islamgelehrte, bei denen Muslime heute per Telefon (über das Fernsehen) oder email Fragen zu bestimmten komplexen Themen Anweisungen und Rat erhalten. Die Belehrungen der Gelehrten unterscheiden sich dabei je nach den unterschiedlichen islamischen Rechtsauffassungen.

Vielleicht fragen sie sich, wieso denn eine Religion sich mit solchen alltäglichen Problemen befasst. Der Grund ist, dass der Islam keine Trennung zwischen Körper und Geist, weltlichen und geistlichen Dingen kennt. Der Islam ist eine allumfassende Lebensanschauung, die den Menschen mit all seinen Eigenschaften bejaht. Die beiden Hauptquellen, die Fundamente des Islam: der Qur'an und das praktische Vorbild des Gesandten Gottes, Muhammad, versteht der Muslim als die Rechtleitung des Allmächtigen für alle Menschen, die alle Bereiche des Lebens berücksichtigt.

Als Pflegende und Behandelnde sind Sie den alltäglichen großen Belastungen ausgesetzt. Dieses Handout soll in Ihnen ein Verständnis für die Muslime geben. Damit sie Ihr gemeinsames Ziel, die schnelle Genesung gemeinsam meistern und erleichtern können.

Der erste Teil des Handouts behandelt grundsätzliches zum Kulturbegriff, als nächstes das Thema Islam und dem Thema Medizin im Islam. Gefolgt von Hinweisen zum Umgang mit muslimischen Patienten. Am Ende ist zur schnellen Übersicht eine „Checkliste angefügt“.

Ich möchte mich bei Dr. Gordon Weinberg von der Charité Berlin, Dr. Elias Mahmoudi aus Riyadh, Dr. Hala Halali aus Kairo,den Ärzten und Schwestern der Polyclinique in Tunis und der Nile Badrawi Clinic in Kairo für Ihre Unterstützung bedanken.

Hannover, 21.03.2011

Desiree McCourt

1. Kulturbegriff

Bevor man auf kulturspezifische Besonderheiten eingeht, sollte man zunächst den Begriff Kultur klären und welchen Einfluss das auf Kulturkonflikte hat.

Der Begriff Kultur wird von der Allgemeinheit zumeist im Kontext der darstellenden Kunst verstanden. Der Begriff wird umfassend definiert und diskutiert, wobei letztlich keine eindeutige und allgemeingültige Begriffsklärung erkennbar ist. Jedoch gehört der Begriff 'Kultur' zu den Begriffen, die in fast allen Wissenschaften gebraucht wird. Am häufigsten in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Der Begriff an sich ist also nicht eindeutig festzusetzen. Im Zuge des gesteigerten Interesses an Interkulturellen Themen, ist eine Hochkonjunktur des Kulturbegriffs zu beobachten. Jedoch führen die unterschiedlichen Definitionen dieses Begriffs in verschiedenen Disziplinen haben dazu, dass seine Verwendung zunehmend unübersichtlich wird. (nünning 2008)

Kultur ist Einheit des künstlerischen Stils in allen Lebensäußerungen eines Volkes. (Friedrich Wilhelm Nietzsche) ''Kultur'' ist zu einem Idiom zahlreicher Bereiche geworden: - wie Alltagskultur, Diskussionskultur, Esskultur, Firmenkultur, Organisationskultur, Subkultur usw..

Bereits die Herkunft des Wortes "Kultur", das vom lateinischen "colere" (pflegen, urbar machen) bzw. "cultura" und "cultus" (Landbau, Anbau, Bebauung, Pflege und Veredlung von Ackerboden) abgeleitet ist, also zunächst aus der Landwirtschaft stammt, verweist auf einen zentralen Aspekt sämtlicher Kulturbegriffe: Sie bezeichnen das "vom Menschen Gemachte" bzw. "vom Menschen gestaltend Hervorgebrachtes" - im Gegensatz zu dem, „natürlich entstandenen oder vorhandenen.

Also weist der Begriff „Kultur“ eine unüberschaubare große Variationsbreite und eben auch Uneindeutigkit auf.

In neueren kultursoziologischen Veröffentlichungen lässt sich mittlerweile als kleinster gemeinsamer Nenner definieren, dass “Kultur bzw. Kulturalität auf die symbolische Dimension des sozialen Lebens, also auf die Sinn und Bedeutungskomponente sozialen Handelns verweist, ohne die Verstehen und Orientierung in der Gesellschaft nicht möglich wäre.“

(Bucakli, Özkan: Die Rekonfiguration kollektiver Identitäten i.dr postnationalen Konstellation,2f.,in: http://www.gradnet.de/papers/pomo01.paper/Bucakli01.htm (09.09.10)

„Kultur ist ‚ein geschichtlich übermittelter Komplex von Bedeutungen und Vorstellungen, die in symbolischer Form zutage treten und es den Menschen ermöglichen, ihr Wissen über das Leben und ihre Einstellung zur Welt einander mitzuteilen, zu erhalten und weiterzuentwickeln. Kultur ist ein System gemeinsamer Symbole, mit deren Hilfe der Einzelne seinen Erfahrungen Form und Bedeutung geben kann’.“

(Clifford Geertz, 1984)

Das bedeutet, dass die Basis jeder Diskussion über Kultur und Transkulturalität somit die Reflexion und Klärung des zugrundeliegenden Kulturbegriffs ist.

Beispiele für ein solches geschlossenes und statisches Kulturverständnis sind in den letzten Jahren die Diskussionen um das Kopftuch oder die Debatte um das „Burqaverbot“. Polarisierende gesellschaftliche und politische Diskussionen zum Thema Islam versus westliche Welt/Zivilisation, symbolisieren das sogenannte Aufeinanderprallen von Kulturen. Huntington, Samuel P. (1997): Der Kampf der Kulturen. The Clash of Civilizations. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München/Wien (Europaverlag)

1 a. Moderner Kulturbegriff

Ethnologie und Kulturwissenschaften entwickeln seit fast 40 Jahren auf dem Hintergrund der kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Tradition in einer Welt der wachsenden globalen Vernetzung einen konstruktiven, heterogenen und verbindenden Kulturbegriff.

Verglichen mit dem klassischen Kulturbegriff zeichnet sich der moderne Kulturbegriff aus durch Heterogenität mit einer starken vertikalen und horizontalen Differenzierung im Raum einer Gruppe oder Gesellschaft.

Wichtig hierbei ist die erklärende, evtl. überwindende Zuschreibung generalisierender und typisierender Klischees (aufgrund einer bestimmten Gruppenzugehörigkeit etc.). Durch Auseinandersetzung und evtl. persönlicher Begegnungen, führt dies zu konkreten individuellen Charakterisierungen bestimmter Personen und Gruppen.

Letztendlich geht es um ein Verstehen des/der Anderen, den/die ich als “fremd“ wahrnehme auf dem Hintergrund meiner persönlichen Auseinandersetzung mit mir selbst und meiner eigenen, mir selbstverständlichen Lebenswelt, und nicht um Erklärung und Klassifikation > Kulturelle Begegnung als interaktiver und partnerschaftlicher Prozess und nicht als distanzierte/distanzierende (Ab-) Qualifizierung des Anderen/“Fremden“ und Hierarchisierung „Gruppen bzw. Gesellschaften können Eigenschaften und Merkmale nicht fix zugeschrieben werden. Jedes Individuum konstruiert sich sein eigenes Lebensmosaik. Eine Lebenswelt, die von biographischen Erfahrungen, äußeren Lebensbedingungen und soziokulturellen Hintergründen geprägt ist. Doch nicht nur das Lebensmosaik selbst ist individuell geprägt, sondern auch der Blick auf das sogenannte Fremde. Schließlich ist der Blick darauf vom eigenen Hintergrund beeinflusst. Es gibt also keine rein objektiven Beobachtungen und Wahrnehmungen auf andere Kulturen und Lebenswelten.

1 b. Die „ Kulturzwiebel“

Was ist es eigentlich, das verschiedene Kulturen voneinander trennt?

Zur Visualisierung des Kulturaufbaus bedient man sich häufig der in der Abbildung dargestellten Kulturzwiebel bzw. des Schichtenmodells, welches auf dem dreischichtigen Modell basiert. Die einzelnen Schichten stellen dabei die Schalen der Zwiebel dar, die nach und nach „abgeschält“ werden müssen, um die darunter liegende Schicht sichtbar werden zu lassen.

Folglich ist Kultur - gleich einer Zwiebel - aus mehreren Schichten aufgebaut. Diese unterscheiden sich im Hinblick darauf, wie auffällig die Unterschiede zur eigenen Kultur sind.

Die äußerste Schicht, also der auffälligste Unterschied zwischen fremder und eigener Kultur, ist diesem Modell zufolge die Schicht der Symbole, Sprache, Nahrung, Kleidung und Architektur sprich Äußerlichkeiten. Hat man diese Schicht “überwunden“, ist man dem Verstehen des Fremden schon ein ganzes Stück näher gekommen.

Die nächste Schicht bilden Normen und Werte, die sich erst langsam und im Kulturkontakt „herausschälen“. Was ist richtig und was ist falsch? Was gut und Böse? Unterschiede werden nach und nach durch Regeln, Rituale und differenzierte Höflichkeit und Gesten auffällig.

Die Grundwerte einer Kultur liegen noch eine Schicht tiefer verborgen. Von außen nach innen sind diese Schichten immer schwerer zu durchschauen. Den innersten Kern der “Kultur-Zwiebel“ bilden die ethischen und moralischen Werte. Diese werden von den Trägern meist unbewusst durch Familie und Umgebung übernommen - sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen - finden sich häufig in Redewendungen oder Volksweisheiten wieder.

Ein Beispiel: In Deutschland wachsen wir mit der Vorstellung auf, dass Zeit knapp ist. Sie gilt uns als eines der kostbarsten Güter überhaupt. Weil wir dem anderen nicht “die Zeit stehlen“ wollen, halten wir es für unhöflich, ihn bei einer Verabredung warten zu lassen. Araber hingegen gehen mit Zeit viel großzügiger um. Typisch ist die vage Zusicherung “Ich komme morgen Nachmittag, so Gott will.“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Foto Zwiebel:ORIENT-ATION©

Nach Hofstede ist Kultur als „die kollektive Programmierung des Geistes, die Mitglieder einer Gruppe oder Kategorie von Menschen von einer anderen unterscheidet“ zu verstehen. „Kultur ist für die Gesellschaft, was die Persönlichkeit für ein Individuum ist“, so Hofstede. (Hofstede 2001). Eine solche mentale Programmierung umfasst spezielle Denk-, Fühl- und Handlungsmuster, die eine bestimmte Kultur charakterisieren. Dabei sind diesem Begriff auch normale und alltägliche Aktionen wie beispielsweise Essen, Grüßen, emotionale Reaktionen, die physische Distanz, sexuelle Verhaltensweisen und die Hygiene zugehörig (Hofstede 2001).

Natürlich gibt es in allen Kulturschichten individuelle Unterschiede. So wie es nicht „den Christen“ gibt, gibt es auch nicht „den Muslim“. Individuelle Persönlichkeit, Erziehung, soziales und politisches Umfeld sind schließlich prägend.

1a. Kulturkonflikte

Der Begriff Kulturkonflikt bezeichnet einen Konflikt, der auf Grund unterschiedlicher Kulturzugehörigkeiten von Personen entsteht. Gemeint ist hierbei kein offener Konflikt, sondern hier wird als Konflikt die Interaktion zwischen Menschen verstanden, bei der es parallel zur Interaktion zu wahrgenommenen Unvereinbarkeiten von Sichtweisen, Wünschen und Wollen der Beteiligten kommt. Ungeachtet offener Zurschaustellungen von Feindschaft. Es genügt schon, dass einer der Interaktionspartner die Unvereinbarkeit subjektiv als solche wahrnimmt.

Es ist z.B. für viele Muslime unerträglich, dass die „Anderen“ im „Westen“ den Islam an sich, bzw. die Gottesgebote und Traditionen als Verletzung der Menschenrechte diffamieren und dass das Streben nach Reichtum, Respektlosigkeit gegenüber Eltern, Älteren und Autoritäten, sexuelle Promiskuität, weltlich-diesseitiges Lotterleben als universaler Höhepunkt menschlicher Geschichte aufgefasst wird.

Andererseits sehen viele aufgeklärte „Westler“ Abscheu darin, dass muslimische, religiöse Fanatiker den Terror gegen Zivilgesellschaften und unschuldigen Zivilpersonen, den Antizionismus und die Unterdrückung, gar Steinigung von Frauen mit dem Kampf gegen eben das westliche Lotterleben begründen und zu einer Selbstkritik, bzw. einer Hinterfragung bestimmter Themen nicht fähig sind.

Kommt es zu einem Zusammenprall/Clash von unterschiedlichen Kulturen, dann nimmt es manchmal fast paranoide Züge an.

Das Zwiebelmodell deutet es bereits an. Was uns in anderen Kulturen fremd und vielleicht feindlich erscheint, kann man häufig zunächst nicht einschätzen. Unerklärbare Situationen können unsicher machen. Vergleicht man Reaktionen aufgrund des eigenen Zwiebelmodells, entstehen Missverständnisse und Vorurteile. Reaktionen und Gesten können nicht richtig eingeordnet werden.

Interkulturelle Trainings zur Vermittlung „Interkultureller Kompetenzen“ dürfen niemals dazu führen, dass die Teilnehmer eines solches Kurses am Ende das Gefühl haben, sich bedingungslos in eine andere Kultur unterordnen zu müssen oder sich in einer anderen Kultur völlig assimilieren müssen. Interkulturelle, oder Transkulturelle Trainings dürfen lediglich dazu dienen, das Anderssein des Anderen zu beobachten, zu verstehen und zu akzeptieren. Interessant ist, das als Nebenprodukt meist die eigene Kultur erst dadurch verständlich und manchmal akzeptierbar wird. Denn schließlich werden die Augen für die eigene Kultur geöffnet. Es wird erkennbar, dass es auch Gemeinsamkeiten mit einer anderen Kultur gibt.

Was bedeutet der Kulturkonflikt in Hinsicht auf Patienten? Nun, es geht um differenzierte Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit. Auch diese sind kulturell geprägt.

- Wie werden Schmerzen und Beschwerden geäußert?
- Was wird unter Krankheit verstanden?
- Welcher Heilmethode wird vertraut?

Muslimischen Patienten fällt es oft schwer, den deutschen Ärzten die Symptome ihrer Erkrankung verständlich zu beschreiben. Da nach der muslimischen Tradition ein Gebrechen erst als echte Krankheit gewertet wird, wenn es Schmerzen bereitet. Daher meiden viele Muslime Impfungen, routinemäßige Kinderuntersuchungen oder Vorsorgeuntersuchungen, wie sie Urologen, Zahn- oder Frauenärzte anbieten.

2. Migration in Deutschland

Nach Informationen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, kommen über zehn Prozent der in Deutschland lebenden Ausländer aus Staaten, die nicht der EU angehören. Diese könnten als zirkuläre Migranten betrachtet werden. Der Begriff der "zirkulären Migration" wird hierbei als Mehrfachwanderung verstanden, bei der eine Person mindestens einmal ins Zielland zuwandert (oder dort geboren wird), ins Herkunftsland, das Land der Staatsangehörigkeit oder ein Drittland fortzieht und erneut ins Zielland zuzieht. (Quelle www.bamf.de) Dabei weisen Arbeits- bzw. Wirtschaftsmigranten häufiger ein solches Migrationsmuster auf als Personen, die z. B. aus familiären oder humanitären Gründen nach Deutschland gekommen sind.

Daneben gibt es aber natürlich all die Migranten, die nicht immer „Ausländer“ sind, die als Arbeitsmigranten kamen, hier geboren sind und in Deutschland geblieben sind. Obwohl es schon gut 40 Jahre zurückliegt, dass die ersten ausländischen Arbeitnehmer, vor allem aus der Türkei, nach Deutschland geholt wurden, hat dieser Umstand bis vor einigen Jahren in der Ausbildung von medizinischem Personal kaum Beachtung gefunden. Bis in die 90er Jahre wusste man solche Sachverhalte wie "Moslems essen kein Schweinefleisch". Dies ist recht plakativ geäußert und ohne weitere Hintergrundinformationen.

Infolgedessen blieb die Interaktion mit Patienten aus anderen Kulturkreisen der täglichen Praxis überlassen. Auf der Essensbestellung wurde "Moha-Kost" angekreuzt, ohne sich der Tatsache bewusst zu sein, dass die Bezeichnung "Mohammedaner" für die muslimischen Mitbürger nicht korrekt ist.

Mittlerweile hat ein Umdenken stattgefunden, nicht zuletzt dank der vielen wohlhabenden Privatpatienten, die für Behandlungen und Untersuchungen zu den, in der arabischen Welt überausgeschätzten, deutschen Ärzten und Krankenhäusern aus Nah- und Mittelost anreisen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Deutschland leben gegenwärtig ca. 16 Millionen Menschen mit Migrations- hintergrund.

21% davon sind in Deutschland geboren.

Für Deutschland gibt es nur geschätzte Zahlen der Muslime in Deutschland. Die Zahlen schwanken zwischen drei und viereinhalb Millionen muslimischer Einwohner. Dabei sind ca. 100 Tausend Konvertiten. Aber auch hier gibt es nur Schätzungen. Der Grund ist, dass Muslime in Ihren Moscheeverbänden zwar manchmal organisiert sind, es aber keine zuverlässigen schriftlichen Registrierungen wie bei den christlichen Kirchen, bzw. Gemeinden gibt.

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Details

Seiten
34
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640887194
ISBN (Buch)
9783640887057
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169560
Note
ohne Benotung
Schlagworte
Patienten Medizin interkulturelle Kompetenz

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Titel: Leitfaden über den Umgang mit muslimischen Patienten