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Fritz Mauthner und die Moderne

Zur historischen Dimension der Sprachphilosophie Fritz Mauthners

Diplomarbeit 2004 116 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt:

Einleitung

A. Sprachkrise und Sprachkritik
I. Sprachkrise
1. Der gebrochene Vertrag und der Symbolismus
2. Vom Epilog zum Vorwort
II. Sprachkritik
1 Sprachkritik vom Standpunkt der Aufklärung
2 Sprachkritik vom Standpunkt des bildungsbürgerlichen Elitarismus und Konservativismus
3. Sprachkritik vom Standpunkt der „Philologie“ - Das Karl-Kraus-Syndrom
4. Sprachkritik im Sinne Mauthners

B Fritz Mauthner in seiner Zeit
I. Fritz Mauthners Selbstverortung in der Geschichte der Philosophie
1. Sprachkritik vom Standpunkt der Aufklärung
2. Die Dialektik der Aufklärung und Fritz Mauthners Sprachkritik
II. Ein ganz kurzer Abriss einer Biographie Fritz Mauthners
III. Fritz Mauthner in den Krisen um 1900
1. Identitätskrisen als existenzielle Krisen - zwei Seiten der Moderne
2. Der Selbstmord als natürlicher Tod, als Weg aus der Krise
3. Der Selbstmord als Metapher - zwei Beispiele
4. Die Krisen der Politik - das Fortwursteln als Selbstmord des Regierens
5. Die Identität des Deutschnationalen - Fritz Mauthners persönlicher Weg aus der österreichischen Krise
6. Das Ende der Erzählungen - die (post)moderne Unbestimmtheit als Ursache für die Krise der Sprache?

C . Die Krise der Sprache, ihre Ursachen und Symptome nach Fritz Mauthner
1. Die Krise der Zeit, des Denkens und der Sprache - zwei Diagnosen
2. Mauthners Kampf gegen den Wortaberglauben
3. Mauthners Naturalisierung der Muttersprache und seine Legitimation der Nation
4. Literarische Reflexionen der Krise der abstrakten Sprache - zwei Beispiele

D. Die Genese der sprachkritischen Atmosphäre in der Habsburgermonarchie
Allgemeines: Sprachkrise versus Sprachenkrisen
I. Regionale Erweiterung, Barock und Gegenreformation
1. Schlacht bei Mohacs
2. Barock und Gegenreformation
3. Barocke Rhetorik
II. Zentralisierung, Aufklärung und aufgeklärter Absolutismus
1. Vom Barock zur Aufklärung
2. Staatsraison
3. Joseph von Sonnenfels und der Geschäftsstil
III. Der Nationalismus und die Sprachenkrisen
1. Konservativismus und Vormärz
2. Der Nationalismus und die Ideologisierung der Sprachen
IV. Zusammenfassung

Literatur

Einleitung

„Alle Philosophie ist ,Sprachkritik’. (Allerdings nicht im Sinne Mauthners.)“[1] heißt es in der 1919 erschienenen Logisch-Philosophischen-Abhandlung Ludwig Wittgensteins, der damit der Philosophie des böhmischen Schriftstellers, Journalisten und Philosophen Fritz Mauthner ein trauriges Denkmal setzte.

Diese Arbeit stellt nun die Sprachskepsis Mauthners - jene erste umfassende Artikulation des Umstandes, dass die Sprache die Welt nicht mehr angemessen erfasst - in einen historischen Kontext, zunächst in einen weiteren geistesgeschichtlichen und dann in den konkreten der zentraleuropäischen Region um die Jahrhundertwende. Dabei folge ich im Wesentlichen einer nicht ganz neuen These - der zufolge die intensive Auseinandersetzung der österreichischen Intellektuellen, Schriftsteller und Philosophen mit der Sprache, auch mit der Vielsprachigkeit und der kulturellen Pluralität und Heterogenität des zentraleuropäischen Raumes in Zusammenhang steht.[2] Diese Behauptung möchte ich verifizieren.

Die Ausführungen ranken sich hauptsächlich um die Person und das Werk[3] Fritz Mauthners, in dessen Leben und Denken sich viele Bezüge auf das geistige und politische Leben um die Jahrhundertwende ausmachen lassen.

Daraus ergeben sich zwei Methoden der Untersuchung: Zum einen stellen biographische Betrachtungen den Zusammenhang zwischen dem Denken Mauthners und seiner unmittelbaren Lebenswirklichkeit her, zum anderen beschreiben geistesgeschichtliche und kulturwissenschaftliche Analysen die Krise der Sprache als Phänomen, das die ganze westliche Welt betraf, und geben zudem Aufschluss über die historische Genese einer sprachkritischen Atmosphäre in Zentraleuropa.

Der erste Teil der Arbeit formuliert auf der Basis der Thesen von George Steiner[4], was das „Wesen“ der Sprachkrise der westlichen Welt ist. Als „Zeugen“ der Faktizität der Krise der Sprache fungieren dabei Texte der französischen Symbolisten Charles Baudelaire und Stephane Mallarme sowie ein Aufsatz über den Symbolismus von Hermann Bahr[5]. Daran schließt ein kurzer geistesgeschichtlicher Überblick über die Formen philosophischer Sprachkritik an. Die Diskussion erfolgt an ausgewählten Beispieltexten und ließe sich oftmals stark erweitern. Die Sprachkritik vom Standpunkt der Aufklärung wird anhand Platons Kratylos[6] und John Lockes Versuch über den menschlichen Verstand[7] dargestellt. Die Sprachkritik vom Standpunkt des bildungsbürgerlichen Elitarismus bzw. Konservativismus - die bereits aus der Krise der Sprache entstanden ist - wird an Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes[8] und Martin Heideggers Sein und Zeit[9] veranschaulicht und die Sprachkritik vom Standpunkt der „Philologie“ wird durch ein Gedicht von Karl Kraus[10] illustriert.

Den Abschluss des ersten Teiles bildet die Verortung der Sprachkritik Mauthners im Geflecht der drei Standpunkte.

Der zweite Teil der Arbeit stellt zunächst die aufklärerischen Intentionen, die Mauthner mit seiner Sprachkritik verfolgte, dar - Aufschluss darüber geben die Beiträge zu einer Kritik der Sprache[11] und das Wörterbuch der Philosophie[12] -, um sie anschließend einer Kritik zu unterziehen. Basis dieser Kritik ist Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung[13].

Darüber hinaus gibt der zweite Teil Aufschluss über die Biographie Mauthners - basierend hauptsächlich auf Joachim Kühns Mauthnerstudie Gescheiterte Sprachkritik[14] sowie auf Selbstzeugnissen Mauthners, zu finden in seinen Jugenderinnerungen[15].

Des Weiteren versucht der zweite Teil ein soziokulturelles Bild der Monarchie zu zeichnen und den Lebensraum, der Mauthners Denken und Erleben nach eigenen Angaben so stark prägte, darzustellen. Dabei soll die Bedeutung der Krisen der Zeit, also der Krisen der Identität, der Religion, der Sprache, aber auch der Politik, für Mauthner und andere Intellektuelle und Schriftsteller erfasst werden. Das historische Gerüst beziehe ich hauptsächlich aus den Werken von Karl Vocelka[16] und Moritz Csaky[17], die Krise der Kunst analysiere ich anhand einer Passage aus Egon Friedells Kulturgeschichte der Neuzeit[18], die Krise der Politik, deren Unfähigkeit bzw. die Unmöglichkeit, mit dem Nationalitäten- und Sprachenproblem umzugehen, illustriere ich an Palackys Oesterreichs Staatsidee[19] und einer Passage aus Musils Der Mann ohne Eigenschaften[20]. Bei den Krisen der Identität folge ich Janik/Toulmin[21] und Jacques Le Rider[22]. Mauthners persönlichen Weg aus den Krisen seiner Zeit versuche ich an den bereits zitierten Erinnerungen zu zeigen. Die abstrakte Bestimmung der Ursachen der Krisen folgt Lyotard[23].

Der dritte Teil der Arbeit beschäftigt sich wieder mit einigen philosophischen Gedanken aus dem Werk Fritz Mauthners. Den Anfang bilden zwei Zeitdiagnosen, zum einen eine Passage aus dem ersten Band der Beiträge, zum anderen ein Text aus Nietzsches zweiter unzeitgemäßer Betrachtung[24] Diese Texte zeichnen ein Bild von den grundlegenden Problemen der Moderne, sie zeigen auf, welche Auswirkungen die Unverbindlichkeit der philosophischen, moralischen und religiösen Ideen auf die Zivilisation hat. Dabei stellt sich heraus, dass Mauthner alle krisenhaften Erscheinungen seiner Zeit in der Krise der Sprache verortet.

Am Begriff „Wortaberglauben“ versuche ich zu zeigen, worin Mauthner die Ursachen und Auswirkungen der Krise der Sprache der Wissenschaft sieht. Dabei kann man Bereiche in der Wissenschaft zur Zeit Mauthners entdecken, für die seine Diagnosen zutreffen. Grundlegend dafür ist der Abschnitt „Wortaberglauben“ aus dem ersten Band der Beiträge.

Anschließend steht wieder Mauthners persönliche Identitätskrise zur Debatte, wenn er versucht seine deutschnationale Gesinnung philosophisch zu rechtfertigen. Die Grundlage für diese Untersuchung bildet seine 1907 erschienene Monographie Die Sprache[25].

Den Abschluss des dritten Teiles bilden zwei literarische Zeugnisse aus dem zentraleuropäischen Raum, die ebenfalls die Krise der Sprache reflektieren und verdeutlichen sollen, dass die Artikulation der Sprachkrise als fundamentales Problem des Weltverlustes aufgrund des sprachskeptischen Klimas in der Monarchie besonders früh und intensiv erfolgte. Die Texte sind zum einen der berühmte Chandos-Brief[26] Hugo von Hofmannsthals und ein Fragment aus dem Nachlass Franz Kafkas, das mit Von den Gleichnissen[27] betitelt ist.

Nach diesen ersten drei Teilen der Arbeit, die Mauthner als Person und sein Werk in der philosophischen Tradition und in seiner Zeit wie auch im soziokulturellen Kontext der Habsburgermonarchie verorten sollen, soll im vierten Teil gerade der zentraleuropäische Raum, dem ich aufgrund des sprachskeptischen Klimas einen privilegierten Zugang zur Erfassung der allgemeinen Sprachkrise attestiere, auf die Genese dieser sprachskeptischen Atmosphäre hin untersucht werden.

Diese Atmosphäre resultiert zunächst daraus, dass die Vielsprachigkeit der Monarchie im fortschreitenden 19. Jahrhundert Sprachenkrisen als äußeren Ausdruck der ihnen zugrundeliegenden Nationalitätenkämpfe hervorbrachte, die die Sprachen zu einem regelrechten Sprengstoff für die Monarchie machten. Dieser Ideologisierung der Sprachen im Nationalismus des 19. Jahrhunderts gehen einige historische Entwicklungen voran, die die Dispositionen für diese Probleme erst schufen.

Der vierte Teil dieser Arbeit gliedert sich darum in drei Unterkapitel, die diese Entwicklung von der frühen Neuzeit bis ins beginnende 20. Jahrhundert nachzeichnen. Die wesentlichen Phasen für diese Entwicklung sind erstens die Gebietserweiterung 1526, die den kleinen Kern um große Randbereiche vergrößerte, sowie die Reformation, Gegenreformation und das Barock. Neben der wachsenden kulturellen, ethnischen und politischen Heterogenität, die der Gebietsgewinn mit sich brachte, ist auch das Verhältnis von Reformation und Gegenreformation zur Sprache beachtenswert. Die Auswirkungen der regionalen Erweiterung beschreibe ich anhand der Überlegungen von Moritz Csaky[28], das Verhältnis der Reformation zur Sprache illustriere ich mit Luthers Sendbrief vom Dolmetschen[29], die internationale, barocke Bildersprache diskutiere ich an einer Passage aus Nietzsches Werk Menschliches, Allzumenschliches[30] und an einigen Überlegungen der Kunsthistoriker Carlo Giulio Argan[31] und Hans Sedlmayr[32]. Die mentalitätsgeschichtlich bedeutende Rolle des Jesuitenordens versuche ich durch Max Weber[33] , Peter Hartmann[34] und Astrid Jahreiss[35] darzustellen.

Die zweite wesentliche Phase für die Genese einer sprachkritischen Atmosphäre sind die josephinischen Reformen im aufgeklärten Absolutismus. Dabei steht natürlich die Sprachenreform von 1784 im Zentrum der Überlegungen sowie Joseph von Sonnenfels und sein Werk Ueber den Geschäftsstil[36]. Zum einen lassen sich durch die Sprachenreform die Sprachenkrisen des 19. Jahrhunderts besser verstehen, zugleich sind aber auch im Geschäftsstil selbst Anleitungen zu einer mehrdeutigen Sprachverwendung erkennbar, deren Auswirkungen und Reflexionen ich unter verschiedenen Gesichtspunkten an Passagen aus Kafkas Der Prozeß[37], Stifters Der Nachsommer[38] und Musils Der Mann ohne Eigenschaften[39] illustriere.

Diese Mehrdeutigkeit ist auch eine der wenigen Möglichkeiten für kritische Geister im Vormärz, indirekt Kritik an dem konservativen System zu üben. Der dritte Abschnitt beschäftigt sich zunächst auch mit den politischen und kulturellen Entwicklungen im System Metternich und der Regierungszeit Franz Josephs I. Dabei stehen die nationalistische Ideologisierung der Sprachen - Aufschluss darüber gibt unter anderem Benedict Anderson[40] - und die aus ihr resultierenden Probleme, veranschaulicht an zwei der bekanntesten Sprachenkrisen, der Cilli- Schulaffäre und den Badeni-Sprachenverordnungen, im Zentrum. Aus den Mehrdeutigkeiten der Sprachverwendung und der politisch-ideologischen Aufladung der Sprachen resultiert letztendlich auch die sprachskeptische Atmosphäre, die die Intellektuellen, Schriftsteller und Philosophen Zentraleuropas zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Sprache an sich mitangeregt hat und aus der heraus auch Fritz Mauthners Sprachskepsis geboren wurde.

A. Sprachkrise und Sprachkritik

I. Sprachkrise

1. Der gebrochene Vertrag und der Symbolismus

Die Sprachkrise ist ab dem Moment fassbar, in dem sich zeigt, dass der „Vertrag zwischen Wort und Gegenstand, die Voraussetzung, dass das Sein in einem praktikablen Maße ,sagbar’ ist“[41] gebrochen ist. „Ich bin der Überzeugung“, schreibt Steiner weiter, „dass dieser Vertrag zum ersten Mal in irgend fundamentalem und folgenreichem Sinne während der Jahrzehnte zwischen 1870 und 1940 in Kultur und spekulativem Bewusstsein Europas, Mitteleuropas und Russlands gebrochen wird. Es ist dieser Bruch des Kontraktes zwischen Wort und Welt, der eine der wenigen echten geistigen Revolutionen in der Geschichte des Westens darstellt und durch den sich die Moderne definiert.“[42] Die Weltgeschichte teilt sich so in zwei Phasen, in die erste, die des logos, in der sich das „Dasein ,sagen’ lässt“[43] und die sich bis ins späte 19. Jahrhundert erstreckt, und in die zweite Phase, jene die danach kommt, die damit die Zeit der Sprachkrise ist. Als Friedrich Nietzsche 1878 Menschliches, Allzumenschliches veröffentlicht, hat er diesen Bruch zwischen Wort und Welt bereits erkannt, wenn er im 11. Aphorismus des ersten Teils schreibt: „Sehr nachträglich - jetzt erst - dämmert es den Menschen auf, dass sie einen ungeheuren Irrthum in ihrem Glauben an die Sprache propagiert haben.“[44] Der Sprache, wie auch der Logik, die beide nur Modelle der Wirklichkeit sind, entspricht in Wirklichkeit gar nichts.

Wenngleich Steiner festhält, dass sich die tieferen Gründe dieser Revolution weitgehend unserem Verständnis entziehen, so lassen sich doch einige der „eigentlichen Momente und Erklärungen, einige der Einstellungen und Texte oder Kunstwerke identifizieren, in denen die Krise zur Bewusstseinstatsache wurde.“[45] Konkret verweist Steiner auf Mallarmes Loslösung der Sprache von äußerer Referenz.[46] Und tatsächlich deutet sich schon im Symbolismus Charles Baudelaires an, wie die Korrespondenz zwischen Wort und Welt aufgebrochen wird. Das berühmte Gedicht Correspondances aus dem Jahre 1857 gibt Aufschluss über dieses Phänomen:

Correspondances

Die Natur ist ein Tempel, wo lebendige Pfeiler Manchmal wirre Worte aus sich entlassen; Der Mensch geht dort durch Wälder von Symbolen, die ihn mit vertrauten Blicken betrachten.

Wie lange Echos, die sich in der Ferne vermischen In einer dunklen und tiefen Einheit, weit wie die Nacht und wie die Helligkeit, Antworten sich die Düfte, die Farben und die Töne. [...][47]

Hermann Bahr unterscheidet in seinem bekannten Aufsatz „Symbolisten“[48] zwei historische Formen des Symbolismus, die dadurch verbunden sind, dass beide Symbole gebrauchen, die sich aber gerade dadurch trennen, wie sie die Symbole gebrauchen. „Der überlieferte Symbolismus des zweiten Faust, des zweiten Willhelm Meister, der Novelle, des Märchens, oder Byrons, Richard Wagners und Victor Hugos, suchte den Ausdruck unsinnlicher Dinge durch sinnliche Zeichen.“[49] Diese ersten oder alten Symbolisten gebrauchten Symbole, um das Sinnlich-nicht-Wahrnehmbare, das Wesen, das Ewige in den Dingen und der Welt auszudrücken. Sie gebrauchen gewisse Worte mit dem Ziel, das Sein der Welt zu beschreiben. Der neue Symbolismus hingegen braucht die Symbole ganz anders, in ihm verlieren die Zeichen ihren beschreibenden Charakter, „er verwendet die Symbole als Stellvertreter und Zeichen nicht des Unsinnlichen, sondern von anderen ebenso sinnlichen Dingen.“[50] Das, was die Lyrik bis zum neuen Symbolismus durch beschreibende Symbole und Zeichen auszudrücken suchte, versucht der Symbolismus allein durch Symbole, die auf nichts als auf sich selbst verweisen, zu erreichen. Bahr vermeint im neuen Symbolismus den Versuch zu entdecken, durch Symbole, die ähnliche Affekte wie der darzustellende Sachverhalt wecken sollen, die Verbindung zwischen dem Wort und der Welt herstellen zu wollen,[51] greift damit aber zu kurz, denn die Worte im Gedicht Baudelaires sind nichts als Worte, die als Worte, als Lautgebilde und nicht als Stellvertreter für etwas wirken. „Das Wort bewahrt bei Baudelaire seinen Charakter als irrationale Beschwörungsformel, als Werkzeug einer magischen Operation [...][52] Das Gedicht steht für sich, seine Worte verweisen nicht auf etwas außerhalb der Sprache, die Sprache selbst ist das Material. „Das Wort Rose hat weder Stiel noch Blatt noch Dornen. Es ist weder rosa noch rot noch gelb. Es verströmt keinen Geruch. Es ist per se ein völlig willkürliches phonetisches Kennmal, ein leeres Zeichen.“[53] Die Sprache verweist nicht mehr auf die Welt, viel mehr noch, „[d]ie Wahrheit des Wortes ist die Abwesenheit der Welt.“ [54]

Das reine Werk verlangt das Verschwinden des Autors, der die Worte nur durch den Zusammenstoß ihrer Ungleichheiten einmal in Bewegung versetzt und ihnen dann die Initiative überläßt; wie der Schein eines Feuerwerks das Geschmeide aus Edelsteinen überläuft, so entzünden sie sich in wechselseitigen Reflexen, und dieser Vorgang ersetzt sowohl den Rhythmus des Atems, von dem das alte lyrische Gedicht getragen wurde, wie auch die pathetisch überhöhte personelle Führung der Phrase. Die Anordnung des Versbuches eliminiert überall den Zufall; dieser Ordnung bedarf es auch noch, um den Autor auszusparen.[55]

Damit löst Mallarme die Sprache vollkommen von jeder Referenz, die Worte bedeuten nichts als sich selbst, mit ihnen ist nichts gemeint, selbst der, der sie schreibt, kann keinen Aufschluss darüber geben, warum sie geschrieben worden sind, wie sie geschrieben worden sind. Allein die wechselseitigen Reflexe der Wörter machen das Werk und nichts sonst.

Die Krise der Sprache ist die Krise der sprachlichen Zeichen, ist die Krise der Zeichen überhaupt. „Weder das Gedicht noch das metaphysische System besteht aus ,Ideen’, aus verbalisierten externen Daten. Sie bestehen aus Worten.“[56] Und: „Sie bedeuten nur sich selbst.“[57] Der Vertrag zwischen Wort und Welt ist gebrochen.

2. Vom Epilog zum Vorwort

Der Vertragsbruch, die Krise der Sprache, ist nach Steiner die Triebkraft der Moderne, die er als Zeit des Epilogs, des Nachworts zu den großen Erzählungen beschreibt. Und tatsächlich: Die Sprache, die Frage nach ihrem Wesen und ihren Funktionen, ist ein bestimmendes Thema in Moderne und Postmoderne. Künstlerische Phänomene, wie der Dadaismus und die konkrete Poesie, die den Verlust der referenziellen Kraft der Sprache reflektieren, aber auch die Sprachphilosophie, zunächst die Mauthners, die diesen Verlust allein zum Thema hat, dann jene Wittgensteins, die zuerst behauptete, die Welt sei teilweise unsagbar, und dann feststellte, dass es nur sprachliche und keine philosophischen Probleme gebe, die Psychoanalyse, die „in toto ein Sprachhandwerk, eine Sprachpraxis“[58] ist, und die dem Versprecher, dem Wort, das so nicht gemeint war, einen direkteren Bezug zu den Sachen selbst zuweist, als er dem intentional geäußerten Wort zukommt - all diese Phänomene zeugen davon, dass das Wort die Welt nicht mehr angemessen erfasst. Wittgenstein ist es auch, der das Wort unhistorisch begreifen will, der den Epilog zum Vorwort einer neuen Zeit macht, wenn er am 7. Mai 1914 aus dem selbstauferlegten Exil in Norwegen an seinen Doktorvater in Cambridge, George Edward Moore, der den fehlenden formal-akademischen Aufbau des Tractatus bemängelte, schreibt:

Dein Brief hat mich geärgert. Als ich die ,Logik’ schrieb, habe ich die ,Vorschriften’ nicht zu Rate gezogen, und deshalb glaube ich, wäre es nur fair, wenn auch Du mir den (Bachelor-) Grad zukommen lassen würdest, ohne die Vorschriften allzu sehr zu befragen![59]

Darin zeigt sich, dass der Bruch mit der Welt, wie sie vor dem Vertragsbruch zwischen Welt und Wort war, bereits vollzogen ist. Die philosophischen Probleme der Vergangenheit werden nicht als philosophische Probleme wiederaufgenommen, sondern als Sprachprobleme. Das ist der Kern der neuen Zeit, der Zeit der Sprachkrise, und das ist zugleich auch der Weg aus der Krise heraus, wie er heute von einem Großteil der Philosophen der Welt gegangen wird.

Doch das Thema dieser Arbeit ist zunächst nicht der Weg hinaus aus der Krise, als vielmehr die Krise selbst und der Weg in die Sprachkrise. Die Sprachkrise wird im Folgenden unter einschränkenden Gesichtspunkten untersucht. Beleuchtet werden vorrangig Zeugnisse der Krise, die im geographischen Kontext Zentraleuropas und im geistigen Kontext der Wiener und Prager Moderne zu verorten sind. Zugleich wird jenen Texten und Äußerungen ein Vorzug eingeräumt, die selbst zerstörerisch die Krise feststellen, ohne sie zu überwinden. Zum Dritten werden gesellschaftliche, politische und historische Gründe angeführt, warum gerade in der Habsburgermonarchie so viele Intellektuelle ihre Aufmerksamkeit auf die Sprache richteten, wie die sprachskeptische Atmosphäre entstand. Darüber darf aber nicht vergessen werden, dass geistesgeschichtliche Bezüge nie einfach, sondern immer komplex sind, und dass Sprachkritik als philosophische Disziplin eine lange Tradition im Abendland hat. Das nächste Kapitel stellt daher sprachkritische Unternehmen in einen größeren geistesgeschichtlichen Rahmen.

II. Sprachkritik

Der Begriff „Sprachkritik“ weist unterschiedliche Bedeutungskomponenten auf; je nachdem, in welcher Zeit und zu welchem Zweck Sprachkritik getrieben wird, variiert die Bedeutung. Es lassen sich im Wesentlichen drei unterschiedliche Formen der Sprachkritik festmachen, die, obzwar nicht immer genau geschieden, dennoch unterschiedliche Intentionen verfolgen. Der grundlegende Gedanke, aus dem heraus Sprachkritik betrieben wird und wurde, ist der der Aufklärung. Sprachkritik bedeutet in diesem Zusammenhang zunächst, sich der Mittel zu versichern, deren man bedarf, um sein Anliegen zu vermitteln und zu formulieren. Sprachkritik vom Standpunkt der Aufklärung ist ein Unterfangen, das andere Unternehmungen wie Religionskritik, Ideologiekritik und in weiterer Folge auch Metaphysikkritik befördern soll. Sprachkritik vom Standpunkt der Aufklärung ist nicht auf die Aufklärung als Epoche beschränkt, sie kann auch schon in der antiken Philosophie erfasst werden. Zudem reicht sie weit über die Aufklärung als Epoche hinaus bis in die Gegenwart.

Dem Bestreben der aufklärerischen Sprachkritik, die versucht, die Sprache zu einem bestimmten Zweck zu klären, steht die Sprachkritik vom Standpunkt des bildungsbürgerlichen Elitarismus bzw. Konservativismus gegenüber. Diese Sprachkritik verfolgt auch das Ziel, die Sprache zu klären und für einen anderen Zweck verwendbar zu machen oder zu erhalten, zugleich und zuvorderst wendet sie sich aber auch konkret gegen die Ursachen der Sprachverderbnis. Diese zweite Komponente steht im Zusammenhang mit der Demokratisierung des Sprechens, wie sie schon ab der frühen Neuzeit beginnt.

In ihrer dritten Form verliert die Sprachkritik ihren funktionalistischen Charakter und wird gewissermaßen zum Selbstzweck. Es geht nicht darum, die Sprache für irgendein Unternehmen zu klären, das außerhalb ihrer selbst liegt, als vielmehr allein darum, die Sprache um ihrer selbst willen von Verderbnis zu befreien. Diese Form der Sprachkritik, deren Kern die Philologie, die Liebe zum Wort ist, äußert sich vor allem im Werk Karl Kraus’, bei dem die Beschäftigung mit der Sprache oftmals einen quasi-religiösen Charakter annimmt.

1 Sprachkritik vom Standpunkt der Aufklärung

Zunächst hat Sprachkritik eine grundlegende Funktion, man bedient sich ihrer, um sich der Mittel, die man braucht, um sein eigentliches Anliegen zu formulieren, zu versichern. Noch vor Platon lässt sich in der Sophistik ein Interesse an der Sprache, ihren Wörtern und Funktionen feststellen, bei Platon selbst aber findet sich die Grundlage zu einer Sprachkritik im Sinne der Aufklärung.[60]

In dem vermutlich um 388 vor Christus entstandenen Dialog Kratylos[61] sprechen Hermogenes, Kratylos und Sokrates über die Frage, ob die Bedeutung eines Zeichens oder Wortes von der Natur dessen, was es bezeichnet, bestimmt wird (physei), oder ob die Bedeutung lediglich auf Konvention beruhe (thesei). Das Ergebnis der Diskussion fasst Rudi Keller so zusammen:

Mittels Konventionen sind wir in der Lage, Dinge zu bezeichnen, dadurch daß wir dem anderen zu erkennen geben, woran wir denken, ganz gleich ob Ähnlichkeit gegeben ist, oder nicht. Allerdings, so fügt Sokrates hinzu, sind Wörter ,auf das bestmögliche’ gebildet, wenn Ähnlichkeit vorhanden ist.[62]

Die bestmögliche, auf Ähnlichkeiten beruhende Bildung der Wörter attestiert Sokrates all jenen Wörtern, deren Etymologie auf einen nichtsprachlichen Sachverhalt zurückweist. So finden sich in Homer zwei Namen für den Sohn des Hektor: „Astyanax“ und „Skamandrinos“. Sokrates erklärt, warum Astyanax der richtige Name sein muss, da erstens die vernünftigeren unter den Menschen, also die Männer, diesen Namen gebrauchen, um den Sohn des Hektor zu bezeichnen, zum anderen kann der Sohn des Hektor (ektor bedeutet Sokrates zufolge „Inhaber“), also jenes Mannes, den Homer den alleinigen Schützer der Stadt nennt, nicht anders heißen, als anax (= König).[63]

Platons Kratylos ist die erste umfassende philosophische Auseinandersetzung mit dem Thema Sprache, als solche dient sie allein der Klärung der grundsätzlichen Frage, wie Zeichen und Wörter in der Lage sind, Wirklichkeit wiederzugeben. Notwendig und möglich hatte eine solche Untersuchung der Umstand gemacht, dass die Sprache der Menschen von der Sprache der Götter verschieden ist. Sokrates verweist Hermogenes auf Homer und dessen Aussagen über die Worte:

Hermogenes: Und was sagt denn Homer über die Worte und wo?

Sokrates: An vielen Stellen; das Wichtigste und Beste aber sind seine Unterscheidungen der Namen, welche die Menschen und Götter den nämlichen Dingen beilegen. Oder meinst du nicht, daß er damit einen wichtigen und bewundernswerten Aufschluß über die Richtigkeit der Worte gebe? Denn es ist doch sonnenklar, daß die Götter sich bei ihren Benennungen eben der Wörter bedienen, die richtig und naturgemäß sind. Oder meinst du nicht?

Hermogenes: So viel weiß ich ganz sicher, daß, wenn sie überhaupt Benennungen gebrauchen, sie dies in richtiger Weise tun. Aber was für welche meinst du?[64]

In der Folge führt Sokrates zwei Beispiele aus dem Homer an: So heißt zum einen ein Fluss bei den Göttern anders als bei den Menschen, zum anderen nennen die Götter einen Vogel, der bei den Menschen Habicht heißt, „Chalkis“. Im weiteren Verlauf des Dialogs wird nicht mehr weiter darauf eingegangen, warum Menschen und Götter unterschiedliche Wörter für die nämlichen Dinge verwenden. Es scheint, als ob allein die Feststellung, dass die Sprache der Götter von der Sprache der Menschen verschieden ist, die Kritik an der Sprache zu einer Kritik an der Sprache und nicht an den Göttern machte, als leitete sich daraus die Legitimation der Sprachkritik ab, denn an der Sprache der Götter kann man nichts verhandeln, an der der Menschen sehr wohl.

Der Dialog offenbart seine ganze Bedeutung also nur, wenn man ihn unter ähnlichen Gesichtspunkten liest, wie man die Texte der neuzeitlichen Aufklärung liest. Seit Protagoras aus Abdera das „deus mensura“ durch das „homo mensura“[65] ersetzt hat, musste sich die Philosophie der Wirklichkeit unter menschlichen und nicht mehr unter göttlichen Gesichtspunkten stellen. Im Kratylos diskutieren Menschen über die Sprache der Menschen, weil den Zeichen und den Dingen die göttliche Verbindung, kraft derer Wörter magische Namen der Dinge waren, abhanden gekommen ist.[66] Im Kratylos wird die Sprache erstmals bezüglich ihrer Bedeutungsfunktion untersucht. Sie ist so ein menschliches Instrument, das, um zu funktionieren, der Wartung, also der Kritik bedarf.

Nun soll noch ein Beispiel, das auch der Aufklärung als Epoche zuzuschlagen ist, Aufschluss über die Sprachkritik vom Standpunkt der Aufklärung geben. Die Sprachkritik des englischen Empirismus findet mit John Locke (1632-1704) ihren Höhepunkt. Das gesamte, mit „Von den Wörtern“ überschriebene dritte Buch seines 1689 erscheinen Werkes Versuch über den menschlichen Verstand[67] beschäftigt sich mit den Wörtern und der Sprache.

Als mögliche Gefahren, die vom Missbrauch der Wörter ausgehen, nennt Locke erstens: „die Verwendung von Wörtern ohne klare Ideen[68] oder, was noch schlimmer ist, die Verwendung von Zeichen ohne jegliche Bedeutung“,[69] zweitens: die „Unbeständigkeit‘ im Gebrauch der Wörter.[70] Ein weiterer Missbrauch der Sprache ist, drittens, „eine erkünstelte Dunkelheit, die dadurch hervorgerufen wird, daß man entweder alte Wörter in einer neuen ungebräuchlichen Bedeutung verwendet oder neue und mehrdeutige Ausdrücke einführt, ohne sie in einem dieser Fälle entsprechend zu definieren.“[71] Ein vierter Missbrauch der Wörter besteht darin, „daß man sie für die Dinge ansieht.“[72] Diesem Problem fallen vor allem jene Leute anheim, die ihr Denken auf ein ganz bestimmtes überliefertes System richten und davon ausgehen, „die Terminologie der betreffenden Schule entspräche so genau der Natur der Dinge“.[73] Ein fünfter Missbrauch liegt dann vor, wenn Wörter „für Dinge eingesetzt werden, die sie gar nicht bezeichnen, ja unter keinen Umständen bezeichnen können.“[74] Dies gilt ganz besonders für die Substanznamen: So verwendet mancher das Wort „Gold“ so, als ob es etwas Konkretes wäre und nicht nur Einzeldinge bezeichnete, deren Eigenschaften unter diesem Namen subsumiert würden.[75] Der sechste und letzte Kritikpunkt an der Sprache ist ein pragmatischer: „Die Menschen haben durch langen, ihnen vertraut gewordenen Gebrauch bestimmte Ideen mit Namen verknüpft; daher nehmen sie gern eine so enge und notwendige Verbindung zwischen den Namen und der Bedeutung, in der sie gebraucht werden, an, daß sie ohne weiteres voraussetzen, man müsse ihren Sinn unbedingt verstehen.“[76] Ein sorgloser Umgang mit Worten mag für den gewöhnlichen Umgang genügen, er „reicht aber nicht für philosophische Untersuchungen aus.“[77]

In dieser letzten Kritik zeigt sich nun auch die Stoßrichtung der Sprachkritik vom Standpunkt der Aufklärung: Die Sprache muss, um sich auch für hochdifferenzierte Analysen zu eignen, einer Kritik, einer Aufklärung unterzogen werden. Denn: „[d]ieser Missbrauch, die Wörter auf Treu und Glauben hinzunehmen, ist nirgends so weit verbreitet und hat nirgends so üble Folgen gehabt wie unter den Gelehrten.“[78] Locke antizipiert Wittgensteins berühmten Satz „[d]enn die philosophischen Probleme entstehen, wenn die Sprache feiert“,[79] wenn er weiter schreibt: „Die Häufigkeit und Hartnäckigkeit der Streitigkeiten, die in den Kreisen der Intellektuellen so verderblich gewirkt haben, ist durch nichts mehr verschuldet worden, als durch diesen Mißbrauch der Sprache.“[80] Locke selbst fasst die Gefahren, die mit dem Missbrauch der Wörter einhergehen, so zusammen:

Wer die Namen ohne Ideen besitzt, dessen Wörtern fehlt der Sinn; er spricht nur inhaltslose Laute aus. Wer die komplexen Ideen, aber keine Namen dafür besitzt, dem fehlt die Freiheit und Schnelligkeit des Ausdrucks; er ist gezwungen, Umschreibungen zu gebrauchen. Wer seine Wörter sorglos und unbeständig verwendet, wird entweder unbeachtet bleiben oder nicht verstanden werden. Wer seine Namen auf Ideen anwendet, die von ihrer gewöhnlichen Verwendung abweichen, ermangelt der Korrektheit der Rede und spricht Kauderwelsch. Wer endlich Ideen von Substanzen besitzt, die mit der realen Existenz der Dinge nicht übereinstimmen, dem fehlt die Voraussetzung wahrer Erkenntnis und sein Verstand ist statt des wahren Materials mit Hirngespinsten angefüllt.[81]

Um nun dem Sprechen Sinn zu geben und diesen Gefahren aus dem Weg zu gehen, sind nun fünf Mittel zu beachten. Erstens: „Man verwende kein Wort, ohne daß eine Idee damit verknüpft sei.“[82] Es genügt, zweitens, nicht, „daß man die Wörter als Zeichen für irgendwelche Ideen verwendet; vielmehr müssen die Ideen, mit denen man sie verbindet [...] klar und deutlich sein.“[83] Drittens muss man auch darauf achten, „daß man seine Wörter so genau wie möglich auf jene Ideen anwendet, die der herrschende Sprachgebrauch mit ihnen verknüpft hat.“[84] Sind doch die Wörter nicht Privatbesitz, sondern das gemeinsame Maß für den gegenseitigen Austausch. Allerdings sind die Wörter im herrschenden Sprachgebrauch nicht immer genau bestimmt, daher ist es, viertens, nach „Befolgung der obengenannten Regeln mitunter erforderlich, den Sinn der Wörter zu erklären.“[85] Das kann durch das Anführen von Beispielen erfolgen, durch Definitionen oder sowohl durch Beispiele als auch durch Definitionen.

Sollten nun Menschen die Mühe scheuen, zu definieren und zu erklären, so darf man, fünftens, „doch wohl wenigstens erwarten, daß jemand bei allen Erörterungen, durch die er einen anderen belehren oder überzeugen will, immer dasselbe Wort in dem selben Sinne verwendet.“[86]

Der grundlegende Gedanke, der die Überlegungen John Lockes mit den zweitausend Jahre älteren Überlegungen Platons verbindet, ist die Überzeugung, dass Wörter und Sprache prinzipiell die Welt angemessen repräsentieren können, unterzieht man sie nur einer fundierten Kritik und entdeckt Prinzipien, die ein klares und eindeutiges Sprechen ermöglichen, wenn man sie befolgt. Wenngleich Platons Kratylos einen wesentlich prinzipielleren Charakter hat, so trifft er sich mit Locke auch in einigem Speziellen. So hält Sokrates fest, dass es bestmöglich gebildete Worte gibt, die entweder onomatopoetisch sind oder eine stringente und kohärente Etymologie aufweisen. In anderen Worten: Wörter sind dann gut, wenn sie in Gegenwart und Geschichte ihres Gebrauches in ein und demselben Sinne gebraucht werden, und wenn das, was sie bezeichnen, tatsächlich existiert.

Darüber hinaus sind die Texte miteinander noch dadurch verbunden, dass in beiden die Sprache als menschliches Geschäft gesehen wird. Den Worten kommt ihre Bedeutung nicht durch ein göttliches Prinzip zu, was Sokrates durch den Verweis auf Homer, bei dem die Götter manches anders nennen als die Menschen, gezeigt hat und was bei Locke aus seinem Empirismus folgt. Zwar kommen die Sprachwerkzeuge von Gott, allein daraus folgt aber noch keine Sprache, denn eine Sprache hinter dem Sprechen ist ein Zeichensystem, in dem Wörter Zeichen für Ideen sind. Die Sprache hängt also nicht allein von den gottgegebenen Sprachwerkzeugen ab, sondern vielmehr davon, dass der Mensch ein Mensch ist. Er mag, wie er ist, von Gott geschaffen sein, die Wörter aber, die Ideen bezeichnen, stammen, wie die Ideen selbst, aus der Erfahrung und nicht von Gott. Daher sind sie verhandelbar.

Es muss noch festgehalten werden, dass die sprachkritischen Überlegungen in den Werken der beiden Denker einen je eigenen, abgegrenzten Raum einnehmen, sie sind nicht das eigentliche Ziel der Gesamtwerke als vielmehr notwendige Teile zum Verständnis dieser.

2 Sprachkritik vom Standpunkt des bildungsbürgerlichen Elitarismus und Konservativismus

Die in der Folge diskutierten Beispiele weisen einen durchwegs anderen Ton in der Auseinandersetzung mit der Sprache auf. Zwar verwies schon Locke auf das Kauderwelsch, doch nur im Status der Möglichkeit, in der Form also: Befolgst du die Regeln für einen verständlichen Sprachgebrauch nicht, sprichst du Kauderwelsch.

Die folgenden Beispiele stammen aus dem frühen 20. Jahrhundert, aus der Zeit also, für die Steiner den Vertragsbruch und die Krise der Sprache bereits als gegeben annimmt. Es ist daher wesentlich zu bedenken, dass jene Texte schon auf die Krise der Sprache Bezug nehmen, ja aus ihr heraus geschrieben sind.

Die Erstausgabe von Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes[87] erschien 1913. Spenglers Blick auf die Welt und die Sprache ist ein historischer. Er beschreibt den Verfall der Sprache, der seine Wurzeln in dem Umstand hat, dass jeder spricht und schreibt, ganz gleich, ob er etwas zu sagen hat oder nicht. „Nur wir leben in einer Zivilisation, in welcher die Kinder mit Selbstverständlichkeit das Schreiben wie das Gehen lernen. In allen früheren Kulturen war es eine seltene und nicht jedem zugängliche Kunst.“[88] In allen Kulturen war die Schrift im Besitz des Priestertums, dem Spengler auch Gelehrte und Dichter zurechnet. „Der Adel verachtet das Schreiben. Er läßt schreiben. Diese Tätigkeit hatte von jeher etwas Geistiges und Geistliches.“[89] Erst durch diese Schriftkultur wurden zeitlose Wahrheiten von Priestern auf- und festgeschrieben. Spengler beschreibt die Dichotomie zwischen Sprechen und Schreiben als den Gegensatz zwischen Burg und Dom. „Was soll hier dauern - die Tat oder die Wahrheit? Die Urkunde bewahrt Tatsachen, die heilige Schrift Wahrheiten.“[90] Die Entstehung des Bürgertums hatte zur Folge, dass die Schrift von einer Verkünderin der Wahrheit und des Ruhmes des Adels zu einem Mittel des geschäftlichen und wissenschaftlichen Verkehrs wurde,[91] zum Medium ephemerer Belanglosigkeiten.

Im Laufe der Geschichte vollzieht sich auch „die Ablösung der Sprache vom Sprechen.“[92] Dieser Vorgang geht der Schriftlichkeit und der Verschriftlichung ewiger Wahrheiten voraus und schon mit dieser Transformation vollzieht sich der Bruch zwischen Wort und Welt, zwischen Zeichen und Bezeichnetem. Sobald ein fester Zeichenbestand etabliert ist, verschwindet das „lebendige Zeichengeben“[93]. Das Zeichen wird nicht nur von einer unmittelbaren Tätigkeit, dem Zeichengeben, abgetrennt, auch das Mittel, das Zeichen selbst, wird von seiner Bedeutung, dem Bezeichneten gelöst. Allein durch das Festschreiben eines Zeichens hört die Einheit zwischen dem Zeichen und der Welt auf zu existieren, denn: „Kein Zeichen, und sei es noch so bekannt und gewohnt, wird je in genau derselben Bedeutung wiederholt.“[94] Die Etablierung eines Zeichensystems macht deutlich, dass die Sprache - losgelöst vom Sprechen nichts weiter ist, als ein Modell der Wirklichkeit. „Das Reich der starren Zeichen ist etwas unbedingt Gewordenes und rein Ausgedehntes, kein Organismus, sondern ein System, das seine eigene, kausale Logik besitzt.“[95] Es zeigt sich, dass Spengler diesen Prozess des Festschreibens nicht in jener Zeit verortet, in der tatsächlich die Schrift erfunden wurde, als vielmehr in jeder Zeit, in der sich das Wort, zum System verkommen, von der Natur entfernt. „[N]eben der vornehmen Gesellschaft zur Zeit der griechischen Tyrannen und der Troubadoure, neben den Fugen Bachs und den Vasengemälden des Exekias steht die Kunst der attischen Rede und der französischen Konversation, die beide wie jede andere Kunst eine strenge und langsam erarbeitete Konvention und für den einzelnen eine lange und anspruchsvolle Übung voraussetzen.“[96] Die Lüge ist mit der Abtrennung von Sprache und Sprechen in die Welt gekommen, die Zeichen sind fest, aber die Bedeutung ist es nicht. Die Sprache als Sprachkunst, ohne Bezug zur Wirklichkeit erscheint Spengler zu jeder Zeit als leeres Geschwätz.

Diese Darstellung einiger Gedanken Spenglers zeigt, wenngleich sie dem gigantischen Werk nicht ganz gerecht wird, doch einiges über die Sprachkritik vom Standpunkt des bildungsbürgerlichen Elitarismus bzw. Konservativismus. Die Kritik der Sprache verfolgt hier zunächst nicht den Zweck, die Sprache als Medium für andere Unternehmungen bereitzustellen, als vielmehr den Zweck, gegen Erscheinungen anzukämpfen, die die Sprache zweifelhaft und fragwürdig machen, indem man diese Erscheinungen benennt. Wenn John Locke von einer Sprachkrise spricht, die darin besteht, dass jemand Zeichen verwendet, die nichts bezeichnen, denen keine Ideen zugrunde liegen oder die sich aus den falschen Ideen speisen, so spricht er über jenes Kauderwelsch im Status der Möglichkeit. Spengler hingegen attestiert seiner Zeit fast gänzlich tatsächlich Kauderwelsch zu sprechen. Die Sprachkritik des bürgerlichen Konservativismus, wie Spengler ihn repräsentiert, zielt also deutlich bemerkbar gegen die Verursacher und Forttreiber der Sprachkrise. Wenn Spengler lediglich historische Strukturen als Verursacher der Sprachkrise aufzeigt, so geht Martin Heidegger einen Schritt weiter und benennt für seine eigene Gegenwart die Ursachen den Sprachkrise ganz genau.

In Heideggers 1927 erschienenem Hauptwerk Sein und Zeit[97] gibt es zwei für die Krise der Sprache wesentliche Begriffe: das „Man“ und das „Gerede“. Das Man entfaltet in seiner Unauffälligkeit und Nichtfeststellbarkeit seine „eigentliche Diktatur.“[98]

Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt; wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie man sieht und urteilt, wir ziehen uns aber auch vom ,großen Haufen’ zurück, wie man sich zurückzieht; wir finden auch ,empörend’, was man empörend findet.[99]

Das Man, in dem sich jeder Mensch immer auch aufhält, zeigt sich in Phänomenen wie dem Nachrichtenwesen, also der Zeitung oder auch dem öffentlichen Verkehrswesen, in dem „jeder Andere wie der Andere“[100] ist. Das Man umfasst die Existenz des Menschen in allen Bereichen, es bestimmt z.B. über die Zeitung, was sich gehört, was sich nicht gehört, was man gelten lässt und was nicht. „Alles Ursprüngliche ist über Nacht als längst bekannt geglättet. Alles Erkämpfte wird handlich. Jedes Geheimnis verliert seine Kraft.“[101] Das Man darf alles, weil es niemand ist, als Öffentlichkeit bestimmt es alle Welt- und Daseinsauslegung, nicht, weil es einen privilegierten Zugang zu den Sachen selbst hätte, sondern vielmehr darum, weil es „unempfindlich gegen alle Unterschiede des Niveaus und der Echtheit ist.“[102] „Die Öffentlichkeit verdunkelt alles und gibt so das Verdeckte als das Bekannte und jedem Zugängliche aus“[103] Das Verdeckte, wie Heidegger es nennt, ist das Sein der Dinge und der Welt.

Auf der Ebene der Sprache entspricht dem Man das „Gerede“. Das Gerede ist das Medium des Man und der Öffentlichkeit. Indem es über alles spricht, gibt es vor, über alles Bescheid zu wissen, tatsächlich aber verdunkelt es die Sachen selbst, das Sein, nur. Der Sprache kommt in der Metaphysik Heideggers eine grundsätzliche Position zu. Der Mensch ist immer schon in die Welt hineingeboren, sie bestimmt sein Wissen von der Welt wesentlich mit. Zudem ist der Mensch immer schon in die Sprache hineingeboren, sie ist ebenso Teil seiner Existenz wie die Welt. Die fundamentale Rolle der Sprache für den Menschen zeigt sich in Heideggers berühmtem Satz: „Die Sprache ist das Haus des Seins.“[104] Das Sein ist für Heidegger unter bestimmten Voraussetzungen in einem praktikablen Maß sagbar.

Nun gibt es Formen des Redens, die dem Menschen helfen, sein Sein und das Sein der Welt zu ergründen; und es gibt Formen des Redens, das Gerede, das den Zugang zum Sein und der Welt verschleiert. Ihm, dem Gerede, liegt nicht primär daran die Welt zu erfassen, als vielmehr daran, dass geredet wird. Im Gerede hat die Rede, wie Heidegger den logos apophantikos, die entdeckende Rede nennt, ihren Mitteilungscharakter verloren.

Und weil das Reden den primären Seinsbezug zum beredeten Seienden verloren bzw. nie gewonnen hat, teilt es sich nicht mit in der Weise der ursprünglichen Zueignung dieses Seienden, sondern auf dem Wege des Weiter- und Nachredens [105]

Die Sache ist nicht so, weil sie so und so ist, sondern die Sache ist so, weil man es sagt. Im Weiter- und Nachreden steigert sich das Gerede, dem es zu Beginn schon an „Bodenständigkeit“ fehlt, zur „Bodenlosigkeit“ und die Sätze und Worte des Geredes hängen in der Luft, bilden ein System, das in sich stimmig sein mag und das dennoch nichts über die Wirklichkeit aussagt. Der Vertrag zwischen Wort und Welt ist gebrochen. Auf der Ebene der Schriftlichkeit ist das „Geschreibe“ das Pendant zum Gerede, es speist sich nicht aus Gehörtem, sondern aus dem Angelesenen. Das Problem, das Heidegger im Gerede und Geschreibe sieht, besteht darin, dass sich der Mensch der Durchschnittlichkeit niemals aus der Durchschnittlichkeit der Öffentlichkeit erheben muss und nicht zu einem echten Verstehen gelangt, da er das Nachgeredete und Nachgeschrieben ohnedies versteht und dieses ein stimmiges System bilden kann, das dennoch bodenlos, also ohne Bezug zur Wirklichkeit, zum Sein, ist.

Anders als Spengler, dessen Blick auf Wirklichkeit und Sprache ein historischer ist, der immer eine Zeit vor Augen hat, zu der es besser war, ist Heideggers Blick auf die Sprache ein systematischer und gänzlich unhistorischer. Wenngleich die Beschreibungen und Analysen des Man und des Geredes unmissverständlich den elitären Charakter von Heideggers eigener Sprache hervorheben, so zeigt sich darin dennoch das Bestreben, trotz der Krise der Sprache, durch klare Worte zu den Sachen selbst durchzudringen. Da Heideggers metaphysisches System auf der Erkenntnis fußt, dass alles Dasein dadurch mitbestimmt ist, dass der Mensch immer schon in der Welt ist, fließt auch die Krise der Sprache als Tatsache des In-der-Welt- Seins, in Heideggers Denken mit ein. Im Gegensatz zu Spengler, mit dem er Konservativismus und Elitarismus teilt, beschränkt sich Heidegger nicht allein darauf, die Verderbtheit der Sprache zu diagnostizieren, er ist auch bestrebt, eine Sprache zu finden, in der das Sein in einem praktikablen Maß sagbar ist. Sein Jargon, wie Heideggers Sprache oft bezeichnet wird, trägt also auch der Sprachkritik im Sinne der Aufklärung Rechnung. Aber anderes als Locke ist Heidegger nicht eigentlich sprachkritisch als vielmehr sprachschöpfend. Er entdeckt und erklärt die Worte, wie sie seiner Untersuchung angemessen sind. Er legt keinen gesonderten Abschnitt zur Sprachkritik vor. Auch das Gerede wird keiner eigentlichen Kritik unterzogen, sondern lediglich diagnostiziert und seine Rolle für den Menschen beschrieben.

Die Beschäftigung mit Spengler und Heidegger, die zeitlich und geistig eng beieinander stehen, hat gezeigt, was man sich unter Sprachkritik vom Standpunkt des bildungsbürgerlichen Konservativismus und Elitarismus vorstellen kann. Der sprachkritische Gedanke der Aufklärung, obzwar bei Spengler fast nicht erkennbar, ist doch bei Heidegger deutlich feststellbar, erweitert aber um die explizite Kritik am bestehenden Sprachgebrauch, die als ein Reflex auf die Krise der Sprache zu deuten ist.

3. Sprachkritik vom Standpunkt der „Philologie“ - Das Karl-Kraus-Syndrom

In der Sprachbesessenheit Karl Kraus’ verliert nun die Sprachkritik ihren Charakter als Mittel zum Zweck und wird zum Selbstzweck. In dem Satz: „Warum schreibt mancher? Weil er nicht genug Charakter hat, nicht zu schreiben.“[106] ist zum einen jene Ursache der Sprachkrise angegeben, die die Konservativen für ausschlaggebend erachten, zum andern zeigt sich Kraus’ gnadenloser Blick auf die Sprechenden und Schreibenden der eigenen Zeit: Sie sind oftmals charakterlos. In der letzten Strophe seiner Ode an seinen Deutsch- und Lateinlehrer, die mit „An einen alten Lehrer“ überschrieben ist, heißt es:

Wohin verlor sich, sag mir, dein Altersblick,

Mir unverloren? Lehrest du immer noch

Verlorner Gegenwart die Sprache?

Folg mir und lasse die Klasse fallen![107]

Die Sprachkritik ist für Kraus Selbstzweck, sie ist weit weniger Mittel zum Zweck, als sie es in den zuvor diskutierten Texten ist; Kraus’ Sprachkritik ist Philologie, Liebe zur Sprache und zum Wort, im eigentlich Sinne des Wortes. Allein in der guten Sprache liegt das gute Leben. Der Kampf, den Kraus 40 Jahre lang führte, galt zuvorderst der Sprachverwendung der Medien. Polemik und Satire waren seine schärfsten Waffen gegen die korrumpierte, zur Phrase erstarrte Sprache des Feuilleton und des Journalismus.[108] Um dieser verderbten Sprache der Medien etwas entgegenzusetzen, gründete er 1899, im Alter von 25 Jahren, die Anti-Zeitung „Die Fackel“, deren erste Ausgabe Anfang April 1899 erschien. Schon auf der ersten Seite der ersten Ausgabe legt Kraus sein Programm dar: „[K]ein tönendes ,Was wir bringen’, aber ein ehrliches ,Was wir umbringen’ hat sie sich als Leitwort gewählt. Was hier geplant wird, ist nichts als eine Trockenlegung des weiten Phrasensumpfes[...].“[109] Und Kraus weiter über den Phrasensumpf:

Diese Erscheinung schmerzlichsten Contrastes, die sich durch unser öffentliches Leben zieht, wird hier den Gesichtspunkt für die Beurteilung aller politischen Ereignisse bestimmen, und es mag zuweilen glücken, dem dumpfen Ernst des Phrasenthums, wo immer er sein Zerstörungswerk verübe, durch die ihm so unbequeme Heiterkeit rechtzeitig den Credit zu schmälern.[110]

Kraus empfindet, wie Heidegger 27 Jahre später, die Presse als Phrasensumpf, der alles zerstörend die Meinung aller bestimmt. Mit klarem, von keiner Parteibrille getrübtem Blick schreibt er gegen den Journalismus und dessen verderbtes Sprechen an. Zugleich ist aber auch sein eigenes Leben vom Kampf um eine angemessene Sprache bestimmt, es ist verbürgt, dass er stundenlang über der Setzung eines einzigen Kommas brüten konnte.[111]

Auch und vor allem in seinem lyrischen Werk zeigt sich sein persönliches Verhältnis zur Sprache. In dem Gedicht Abenteuer der Arbeit[112] heißt es: „Was leicht mir in den Schoß fiel, /wie schwer muß ich’s erwerben, /bang vor des Worts Verderben. /O daß mir dieses Los fiel!“ Wenngleich ihm nichts leichter fällt als Schreiben, so muss er doch, ob seiner Liebe zum Wort, jeden Satz, jedes Wort, jeden Beistrich genau abwägen, um das Wort nicht zu verderben. „Das Wort hier ist ein Zunder /für das an jener Stelle. /Gleich brennt die ganze Hölle. /Das Wort ist mir ein Wunder.“ Das Wort ist ihm Sprengstoff und Wunder gleichermaßen. „In sprachzerfallnen Zeiten /Im sichern Satzbau wohnen: /dies letzte Glück bestreiten /noch Interpunktionen.“ Die Gegenwart empfindet er als „sprachzerfallen“, er möchte Zuflucht finden im sicheren Satzbau, in der Sprache als dem Haus des Seins, als Hort des guten Lebens, doch er findet die richtigen Satzzeichen nicht und das Werk ist nie ganz abgeschlossen: „Wie ich es nimmer wage, /und wie ich’s immer wende, /ein Werk ist nie zu Ende - /am Ausgang steht die Frage.“ Dann setzt er doch noch einen Punkt, einen Beistrich oder ein Fragezeichen, nur um dann erneut zu zweifeln. „Mit angstverbrannter Miene /stock’ ich vor jeder Wendung, /entreiß’ mich der Vollendung /durch eine Druckmaschine.“ Im weiteren Verlauf des Gedichtes kommt die Verzweiflung an der Sprache immer deutlicher zum Ausdruck, es ist von „weltverhurter Sprache“ die Rede, von Glücklichen, die von Dingen sprechen können, ihn selbst bringen sie aber immer nur zur Sprache. Die letzen Strophen erinnern an Mallarmes Referenzauflösung, das lyrische Ich, das durchaus mit Kraus selbst gleichgesetzt werden kann, kann zu den Dingen nicht mehr durchdringen, das Gedicht endet, wie es begonnen hat:

Durch jedes Tonfalls Fessel gehemmt aus freien Stücken, erlebt sich das Entrücken auf einem Schreibtischsessel.

Was leicht mir in den Schoß fiel,

wie schwer muß ich’s erwerben,

bang vor des Worts Verderben.

O daß mir dieses Los fiel!

Abenteuer der Arbeit erzählt die Geschichte einer Hass-Liebe, die Geschichte eines Menschen, der die Sprache liebt, zu sehr liebt und es sich selbst und der Sprache nie ganz und gar recht machen kann. „In Engelszungen können wir nicht reden“[113] hat Mauthner, den religiösen Kern der Sprachkrise erfassend, gesagt, doch Kraus wünscht sich nichts sehnlicher, als einer göttlichen Sprache möglichst nahe zu kommen.

4. Sprachkritik im Sinne Mauthners

In Fritz Mauthners Sprachphilosophie, die in der nun folgenden speziellen Untersuchung eine bedeutende Rolle spielt, vereinen sich nun einige Elemente der drei großen geistesgeschichtlichen Zugänge zur Sprachkritik. In seiner philosophischen Selbstverortung, gibt Mauthner an, die Aufklärung auf dem Boden der Sprachkritik fortschreiben zu wollen. Des Weiteren liefert ein Blick in sein Leben und seine Zeit wertvolle Hinweise auf die Ursachen der Sprachkrise. Wenngleich er zu Beginn seiner philosophischen Laufbahn vielmehr ein politischer Revolutionär denn ein Konservativer ist, so ist doch die Tatsache, dass er seinen Lebensunterhalt jahrzehntelang als Journalist und Feuilletonist verdient hat, in Anbetracht der Sprachkritik vom Standpunkt des bildungsbürgerlichen Elitarimus bzw. Konservativismus ein bedeutender Hinweis. Journalismus, wie Mauthner ihn betrieben hat, ist Journalismus, der nach Heidegger alles verdunkelt und gegen den Kraus so vehement anschreibt. Und Mauthner bezeichnet ihn selbst als „Flucharbeit“. Zum Dritten ist Mauthners quasi-religiöse Verehrung der Muttersprache, obzwar in seinem Deutschnationalismus begründet, etwas Beachtenswertes.

Die nun folgende Untersuchung dient dem Beweis einer ganz bestimmten Behauptung, dass nämlich die Sprachkrise in der Habsburgermonarchie früher und deutlicher als Krise, das heißt, als Problem bemerkbar wurde, zum einen, weil die tatsächliche Vielsprachigkeit der Monarchie die Aufmerksamkeit der Intellektuellen, Schriftsteller und Philosophen auf die Sprache erhöhte, zum anderen, weil in der Geschichte der Monarchie Sprachkrisen in einem metaphorischen, d.h. politischen Sinne immer wieder auftraten.

Die Argumentation rankt sich um Fritz Mauthner, dessen Philosophie ausschließlich den gebrochenen Vertrag zwischen Wort und Welt zum Thema hat und dessen Werk so nicht nur die Diagnose, sondern auch ein Symptom der Sprachkrise ist. Die nächsten Ausführungen sind dem Leben, Werk und der Zeit Mauthners gewidmet.

B Fritz Mauthner in seiner Zeit

I. Fritz Mauthners Selbstverortung in der Geschichte der Philosophie

1. Sprachkritik vom Standpunkt der Aufklärung

George Steiner räumt der Sprachkritik Mauthners, die er als ein „Konglomerat aus logischem Positivismus und analytischer Sprachphilosophie, aus Linguistik [...] und Psychoanalyse“[114] bezeichnet, eine grundlegende Bedeutung ein. „Der Kern dieser Beiträge ist fundamental. Der in den modernen westlichen Gesellschaften herrschende mündliche und schriftliche Sprachgebrauch ist von fataler Unsicherheit.“[115] Sprache ist nach Mauthner die Ursache und das Symptom „der Senilität des Westens.“[116] Tatsächlich ist Mauthner der Erste, der den Bruch zwischen Wort und Welt nahezu universell diagnostiziert. Um einen ersten Eindruck von dem Grundanliegen seiner Philosophie zu geben, ist es gewinnbringend zu untersuchen, wie er sich in der philosophischen Tradition selbst verortet.

Der erste Hinweis findet sich bereits im Titel der Beiträge zu einer Kritik der Sprache sowie im Untertitel zum Wörterbuch, der Neue Beiträge zu einer Kritik der Sprache lautet. Nun bilden die Beiträge und das Wörterbuch zusammen in den hier verwendeten Nachdrucken der jeweils zweiten Auflage fünf starke Bände mit insgesamt über 3000 Seiten. Trotzdem sind es nur Beiträge. Der Titel bzw. Untertitel verweist jedoch natürlich auf Kants Kritiken, dabei zeigt sich aber, dass alle drei kantischen Kritiken zusammen gerade einmal ein Drittel des Umfanges des mauthnerschen Werkes erreichen und dennoch sind Kants Kritiken weit mehr als nur Beiträge. Mauthner rückt sich in die Nähe Kants, ohne sich aber mit jenem direkt vergleichen oder messen zu wollen, denn der Zusatz Beiträge deutet auf die Unabgeschlossenheit und vielleicht auch die Unabschließbarkeit des sprachkritischen Unternehmens hin. Tatsächlich ist der Titel Kritik aber mehr als nur eine Hommage an Kant, vielmehr sieht sich Mauthner selbst in der Tradition der Aufklärung, wenn er schreibt: „Ich glaube fest auf dem Boden von Locke oder Kant zu stehen, die beide, Kant so viel tiefsinniger als Locke, schon alle Philosophie zu menschlicher Psychologie umgewandelt haben.“[117] In der Einleitung zum Wörterbuch heißt es:

Persönlich ist hoffentlich auch die Weltanschauung, wenn ich mich einer solchen rühmen darf, oder meinetwegen die Seelensituation, die mich seit so vielen Jahren einen Kampf zweier Fronten führen lässt: einen Kampf gegen jede Form des Aberglaubens und Dogmatismus, der mich immer wieder in die Nachbarschaft der Aufklärer bringt; nur dass ich die schlimmste Form des Aberglaubens, den Wortaberglauben, den Wortfetischismus, auch dort finde, wo die Schlagworte von religiöser und politischer Freiheit geprägt worden sind.[118]

Der Kampf gegen den dogmatischen Wortaberglauben ist ihm die logische Fortsetzung des Projekts Aufklärung, mehr noch: Die Kritik der Sprache ist ihm noch grundlegender als eine Kritik der reinen Vernunft. Auch wenn er Kant ganz offensichtlich verehrt, so wirft er ihm vor, selbst der Sprache hörig gewesen zu sein, denn hätte Kant Kenntnis vom sprachkritischen Gedanken gehabt, er hätte die Vernunft - die ja nach Mauthner bloß eine Reifikation ist - gar nicht untersuchen können, sondern lediglich Worte und Begriffe aus dem Felde der Vernunft. Ein sprachkritischer Gedanke lasse sich bei Kant erst in der Kritik der Urteilskraft[119] festmachen:

Er [Kant] hat in seiner Kritik der Urteilskraft nicht die personifizierte Schönheit oder das Schöne analysiert, er hat sich vielmehr darauf beschränkt, die Gesamturteile zu untersuchen, d.h. die Begriffe oder Worte aus dem Bereiche des sogenannten Schönen. Also ist seine Kritik der Urteilskraft einige Sprachkritik. Sie erst; als er die Kritik der reinen Vernunft schrieb, dachte er noch nicht an die Frage: wie sind ästhetisch-synthetische Urteile a priori möglich. Erst kurz vor der Herausgabe der 2. Auflage kam er zu dieser Erweiterung. Hätte er das getan in seinem Hauptwerke, der Kritik der reinen Vernunft, hätte er auch da auf ein Verständnis der personifizierten Vernunft verzichtet und nur die Begriffe oder Worte ihres Bereichs, und das wäre allerdings die Sprache selbst gewesen, analysiert, so besäßen wir eine Sprachkritik von Kant; und das wäre bei der unvergleichlichen Schärfe und Tiefe seines Geistes nicht ein bloßer Beitrag, sondern die Sprachkritik gewesen, die erlösende Tat.[120]

Auf Grund eines Versäumnisses Kants muss Mauthner nun die von Kant unvollendete Aufgabe beenden, unzureichend, da er nicht die Tiefe und Schärfe des Geistes des Königsbergers hat, aber dennoch. Dabei taucht jedoch ein Problem auf.

2. Die Dialektik der Aufklärung und Fritz Mauthners Sprachkritik

Dieses Problem lässt sich am besten an Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung[121] darstellen. Die Aufklärung versuchte den Bereich der menschlichen Erkenntnis auf jene Gebiete zu reduzieren, über die man innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft sinnvoll sprechen kann. Die Einschränkung der erkennbaren Welt vollzieht sich aber zugunsten jenes irrational mythisch-mystischen Bereichs, der eben, weil in ihm nichts vernünftig ausgesagt werden kann, ganz aus dem Blickfeld zu verschwinden hat. Dieser Bereich der mystischen Sätze, der Glaubenssätze und der religiösen Sätze, wächst aber durch die Beschränkung des sinnvoll Erkennbaren ungeheuer an. Wenn Fritz Mauthner nun tatsächlich ein Kind der Aufklärung ist, dann zeigt sich an seinem Beispiel, wie die Dialektik der Aufklärung im Sinne Horkheimers und Adornos funktioniert, denn mit Fritz Mauthner wendet sich die Aufklärung gegen sich selbst. Alle Sprachkritik führt nach Mauthner unerbittlich zum Nichtwissen[122], der Bereich des Mystischen, des Unsagbaren wird unendlich groß, so groß, dass es nichts mehr gibt, worüber man noch sinnvoll sprechen kann. Schweigen und Mystik sind nun in der Moderne nicht nur bei Mauthner Thema, auch in der frühen Philosophie Ludwig Wittgensteins[123] wird ein Teil der Welt erwähnt, über den man schweigen muss, wenngleich das nichts an dessen Existenz ändert. Auch Ulrich, der Mann ohne Eigenschaften, entwickelt im Laufe des Romans einen Hang zur Mystik und Martin Buber[124] bildet mit seiner lebensbejahenden kabbalistischen Mystik einen Gegenpol zum ernsten Zionismus eines Theodor Herzl. Anders als bei Mauthner, der eine absolute Mystik verkündet, macht aber Wittgenstein sehr wohl bestimmte Phänomene in der Welt aus, über die man sprechen kann. Sogar Buber findet in dem Grundwort Ich und Du etwas, worüber man sinnvoll sprechen kann.

In den Jahrzehnten nach dem Erscheinen der sprachkritischen Werke Mauthners entwickelt sich auf der Basis der Philosophie Wittgensteins und des Wiener Kreises der Neopositivismus, der auf der Entwicklung einer speziellen Sprache der Wissenschaft beruht, deren Funktion es ist, die Tatsachen der Natur ohne Bezug auf das erkennende Subjekt hin darzustellen, da dieses Subjekt nichts an den Tatsachen ändert. Ein schöner Augusttag des Jahres 1913, der einst als Ausdruck einer durch Opfer milde gestimmten Gottheit gesehen werden konnte, stellt sich in der „reinen Immanenz des Positivismus“[125] so dar:

Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Russland lagernden Maximum zu und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihrer Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering.[126]

Mauthner arbeitet nun explizit im Dienste der Aufklärung gegen den Wortaberglauben als den schlimmsten aller Aberglauben; dabei wendet er sich aber gegen die Aufklärung selbst. Er weiß das und er weiß auch, dass er Kants Philosophie nur zerstören kann, ohne ihr etwas auch nur annähernd Ebenbürtiges entgegen stellen zu können.[127] Mauthner diagnostiziert allüberall Versäumnisse der Aufklärung: Die Menschen können nicht umhin, hinter jedem Fluss jeder Quelle, jedem Strome eine göttliche Vaterfigur zu sehen, die gibt und nimmt nach Gutdünken.[128] „Eine Nachwirkung dieser Mythologie finden wir heute noch in Ausdrücken wie Vater Rhein oder auch in den lächerlichen Frauenzimmern, welche auf lächerlichen Denkmälern mit unpraktischen griechischen Krügen in der Hand deutsche Flüsse darstellen.“[129] Unhinterfragt wuchert der Mythos, das Draußen, in den Köpfen weiter, die Kultur als Ganze ist langsamer als der einzelne Geist und die Sprache ist die konservierende Macht. „Aber für die Religion, soweit sie Sprache ist, ist die Sprache gerade recht; die beiden passen zueinander.“[130] Sprache und Religion passen gut zueinander, die Sprache ist nach Mauthner das geeignete Medium, um die Religion zu transportieren, weil sich die Wahrheitsansprüche der Religion ebenfalls als unhaltbar erwiesen haben. Die Auswirkungen der Krise der Sprache treten erst im Zusammenhang mit der Wissenschaft auf, dabei zeigt sich nämlich, dass die Sprache selbst noch religiös bestimmt ist. Zum einen sind ihre Worte durch ihre religiöse Vergangenheit unbrauchbar, zum anderen ist die Sprache per se für Mauthner von einer religiösen Grundbestimmung getragen: Man muss an sie glauben, aber man glaubt zu Unrecht an sie, wie man zu Unrecht an die Religion glaubte. Mauthner entdeckt also den Hang zum Mythos auch jenseits der heidnisch fortwuchernden Sprachverwendung in den Äußerungen jener Disziplinen, die das Ordnen der Wirklichkeit auf sich genommen haben:

In den Geisteswissenschaften, namentlich in den Anschauungen von der menschlichen Sprache, ist aber dieses mythologische Bedürfnis noch ungeschwächt vorhanden. Was nicht allein Pfaffe und Pöbel von der Sprache behauptet, was fast alle Sprachforscher - einer dem anderen - nachschreiben, daß nämlich die Sprache ein Werkzeug unseres Denkens sei [...], das erscheint mir als eine Mythologie. Nach dieser Vorstellung, welche heute noch von allen Köpfen geteilt wird, sitzt irgendwo am Strombett der Sprache eine Gottheit, Mannsbild oder Frauenzimmer, das sogenannte Denken, und herrscht unter den Einflüsterungen einer ähnlichen Gottheit, der Logik, über die menschliche Sprache mit Hilfe einer dritten dienenden Gottheit, der Grammatik.[131]

Die Aufklärung vertreibt die toten Götter aus ihren Tempeln, ihr Verschwinden aus der Welt lässt die Sprache, die einst durch das Göttliche zur Sprache wurde, nun wieder Tautologie werden.[132] „Die Sprache aber ist unfruchtbar. Sie trägt nur die tauben Nüsse der Tautologie“[133], diagnostiziert Mauthner.

Nach dieser Kontextualisierung der Philosophie Mauthners, folgt nun die historische Veror- tung Mauthners als Individuum in seiner Zeit. Dabei muss folgende These mitgedacht werden: Mauthners Sozialisierung in der Habsburgermonarchie hat einen ebenso großen Einfluss auf sein sprachskeptisches Denken wie seine philosophische Bildung.

II. Ein ganz kurzer Abriss einer Biographie Fritz Mauthners

,Im Anfang war das Wort.’ Mit dem Worte stehen die Menschen am Anfang der Welterkenntnis und sie bleiben stehen, wenn sie beim Worte bleiben. Wer weiter schreiten will, auch nur um den kleinwinzigen Schritt, um welchen die Denkarbeit eines ganzen Lebens weiter bringen kann, der muß sich vom Worte befreien und vom Wortaberglauben, der muß seine Welt von der Tyrannei der Sprache zu erlösen versuchen.[134]

Als Fritz Mauthner im Jahre 1901 diese Zeilen im ersten Band seiner Beiträge zu einer Kritik der Sprache veröffentlichte, war er bereits 52 Jahre alt, lebte in Grunewald, „das sich langsam zu einem Wohnort für reichere Berliner entwickelte.“[135] Allein Mauthner war kein Berliner, wenngleich er von seinem 27. bis zu seinem 56. Lebensjahr dort lebte und arbeitete, vielmehr war er Österreicher, geboren 1849 in Horzitz, einem kleinen Nest in Böhmen, als Sohn mehr oder weniger wohlhabender Juden, der Vater war Besitzer einer mechanischen Weberei.[136] „Ich lebte dreißig Jahre in Berlin, und doch konnte es mir bis zum letzten Tage passieren, daß ich statt Berlin ,Prag’ sagte, wenn ich von dem Wohnorte sprechen wollte; es konnte mir ferner passieren, daß ich anstatt Berlin ,Wien’ sagte, wenn ich die Reichshauptstadt im Sinne hatte und mit dem Begriff Hauptstadt aus alter Gewohnheit Wien assoziierte.“[137] In seinen 1918 erschienen Erinnerungen [138] - wegen des Krieges wurde die Veröffentlichung zurückgehalten[139] -, verfasst als Abrechnung mit dem herrschenden Schulsystem, gibt Mauthner persönliche, in seiner Biographie verortete Gründe für sein Interesse an der Sprache an, zugleich enthält man bei der Lektüre der Passage auch einen Einblick in die Situation der Menschen in einem vielsprachigen Staat, wie die Habsburgermonarchie einer war:

Dieses Interesse war bei mir seit frühester Jugend an sehr stark, ja, ich verstehe es gar nicht, wenn ein Jude, der in einer slawischen Gegend Österreichs geboren ist, zur Sprachforschung nicht gedrängt wird. Er lernte damals [...] genaugenommen drei Sprachen zugleich verstehen: Deutsch als die Sprache der Beamten, der Bildung, der Dichtung und seines Umgangs; Tschechisch als die Sprache der Bauern und der Dienstmädchen, als die historische Sprache des glorreichen Königreichs Böhmen; ein bisschen Hebräisch als die heilige Sprache des Alten Testaments und als die Grundlage des Mauscheldeutsch, welches er von Trödeljuden, aber gelegentlich auch von ganz gutgekleideten jüdischen Kaufleuten seines Umgangs oder gar seiner Verwandtschaft sprechen hörte. Der Jude, der in einer slawischen Gegend Österreichs geboren war, mußte gewissermaßen zugleich Deutsch, Tschechisch, Hebräisch als Sprachen seiner ,Vorfahren’ verehren. Und die Mischung ganz unähnlicher Sprachen im gemeinen Kuchelböhmisch und in dem noch viel gemeineren Mauscheldeutsch mußte schon das Kind auf gewisse Sprachgesetze aufmerksam machen, auf Entlehnungen und Kontamination. [...][140]

[...]


[1] Ludwig Wittgenstein: Tractatus-logico-philosophicus. In: Ders.: Werkausgabe Bd 1. Tractatus logico- philosophicus. Tagebücher 1914-1916. Philosophische Untersuchungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984, S. 26.

[2] Eine solche Hypothese stellt Peter Stachel 2001 auf. Vgl. Peter Stachel: Ein Staat, der an einem Sprachfehler zugrunde ging. Die ,Vielsprachigkeit’ des Habsburgerreiches und ihre Auswirkungen. In: Johannes Feichtinger, Peter Stachel (Hg.): Das Gewebe der Kultur. Kulturwissenschaftliche Analysen zur Geschichte und Identität Österreichs in der Moderne. Innsbruck: Studienverlag 2001, S. 11.

[3] Was die Beschäftigung mit Mauthners Werk in dieser Arbeit anbelangt sind einige Anmerkungen zu machen. Ich analysiere hier lediglich einige grundlegende Gedanken Mauthners, um das historische Feld, die Ursachen und Symptome der Sprachkrise zu bestimmen. Ich behandle sein Werk gewissermaßen als historische Quelle, die Aufschluss über historische Probleme geben soll, die also ein Ausdruck des sprachskeptischen Klimas ist. Meine Darstellung versucht demnach nicht, Mauthners Denken in allen Einzelheiten gerecht zu werden, mein Bestreben ist es vielmehr, ihn und einige seiner sprachkritischen Gedanken mit seiner Zeit in Verbindung zu bringen. Dennoch muss auch der Forschungsstand zur Philosophie Mauthners hier Erwähnung finden. Eine erste Studie zu Mauthners Philosophie ist in dem Werk von Walter Eisen zu finden. Vgl. Walter Eisen: Fritz Mauthners Kritik der Sprache. Eine Darstellung und Beurteilung vom Standpunkt eines kritischen Positivismus. Wien, Leipzig: Braumüller 1929. Eine der ersten Untersuchungen zu Mauthners Philosophie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stellt die Dissertation von Heinz Müller dar. Vgl. Heinz Müller: Fritz Mauthners Stellung in der Geschichte der Philosophie. Greifswald: Phil. Diss. 1966. Die maßgeblichste Studie zu Mauthners Sprachkritik ist, meiner Meinung nach, nach wie vor jene von Gershon Weiler aus dem Jahr 1970. Vgl. Gerschon Weiler: Mauthner’s Critique of Language. Cambridge: University Press 1970. Seit den 1970ger Jahren macht sich auch eine Tendenz bemerkbar, Mauthner in einen historischen Kontext zu rücken. So 1972 bei William Johnston. Vgl. William M. Johnston: The Austrian Mind. An Intellectual an Social History. Berkeley: University of California Press 1972. [ Deutsch: William M. Johnston: Österreichische Kultur und Geistesgeschichte. Gesellschaft und Ideen im Donauraum 1848 bis 1938. Wien, Köln, Graz: Böhlau 1974.] Des Weiteren auch 1973 in: Allan Janik/Stephen Toulmin: Wittgenstein’s Vienna. Chicago: Elephant Paperbacks 1996. In den Rahmen einer histo­rischen Verortung fällt auch Eschenbachers Studie. Vgl. Walter Eschenbacher: Fritz Mauthner und die deutsche Literatur um 1900. Eine Untersuchung zur Sprachkrise der Jahrhundertwende. Frankfurt am Main, Bern: Lang 1977, (=Europäische Hochschulschriften. 163.) Aus den 1980er Jahren muss zunächst Zilians Forschungsbericht

Erwähnung finden. Vgl. Hans Georg Zilian: Dimensionen der Sprachkritik am Beispiel Fritz Mauthners. For­schungsbericht, Forschungsstelle und Dokumentationszentrum für österreichische Philosophie. Graz: masch. 1986. Zu erwähnen ist auch Steiners Diplomarbeit von 1986. Vgl. Christian Theodor Gustav Steiner: Wider den Sprachzwang. Fritz Mauthner und die Kritik von Sprache. Graz: Phil. Dipl. 1986. In den 1990er Jahren unter­sucht Andreas Hajos Mauthners Bezug zu Vertretern der Wiener Moderne. Vgl. Andreas Hajos: Empfindung, Ich und Sprache um 1900. Ernst Mach, Hermann Bahr und Fritz Mauthner. Frankfurt am Main, Bern: Lang 1994. Des Weiteren erschien 1995 ein solider Einführungsband, herausgegeben von der Mauthner-Kennerin Elisabeth Leinfellner. Vgl. Elisabeth Leinfellner/Hubert Schleicher (Hg.): Fritz Mauthner. Das Werk eines kriti­schen Denkers. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1995. Eine Untersuchung zu Mauthners parodistischem Werk im Hinblick auf seine sprachkritischen Gedanken bietet Almut Vierhufe 1999. Vgl. Almut Vierhufe: Parodie und Sprachkritik. Untersuchungen zu Fritz Mauthners „Nach berühmten Mustern“. Tübingen: Niemeyer 1999, (="Reihe" Germanistische Lingusitik. 209.)

[4] George Steiner: Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Inhalt? Mit einem Nachwort von Botho Strauß, aus dem Englischen übers. v. Jörg Trobitius. München, Wien: Hanser 1990.

[5] Hermann Bahr: Symbolisten. In: Gotthard Wunberg (Hg.): Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und 1910. Stuttgart: Reclam 1981, (="Universal" Bibliothek. 7742.), S. 248-254.

[6] Platon: Kratylos. Übersetzt und erläutert von Otto Apelt. In: Ders.: Sämtliche Dialoge. Bd 2. Menon, Kratylos, Phaidon, Phaidros. Hamburg: Meiner 1998.

[7] John Lo Bibliothek. 76.)

[8] Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. Nachw. v. Detlef Felken. 26. Aufl. München: dtv 2003.

[9] Martin Heidegger: Sein und Zeit. 18. Aufl. Tübingen: Niemeyer 2001.

[10] Karl Kraus: Vom Abenteuer der Arbeit. In: Ders.: Ausgewählte Gedichte. Zürich: Oprecht & Helbling 1939, S. 13-17.

[11] Fritz Mauthner: Beiträge zu einer Kritik der Sprache I. Zur Sprache und zur Psychologie. Wien, Köln, Wei­mar: Böhlau 1999.

Fritz Mauthner: Beiträge zu einer Kritik der Sprache II. Zur Sprachwissenschaft. Wien, Köln, Weimar: Böhlau

1999.

Fritz Mauthner: Beiträge zu einer Kritik der Sprache III. Zur Grammatik und Logik. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1999.

[12] Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Neue Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Bd 1. A - Intuition. Zürich: Diogenes 1980, (= Diogenes Taschenbuch. 215/1.)

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Neue Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Bd. 2. kategorisch - Zweck. Zürich: Diogenes 1980, (="Diogenes" Taschenbuch. 215/2.)

[13] Max Horkheimer/Theodor Wiesengrund Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. 13. Aufl. Frankfurt am Main: Fischer 2001.

[14] Joachim Kühn: Gescheiterte Sprachkritik. Fritz Mauthners Leben und Werk. Berlin, New York: de Gruyter 1975.

[15] Fritz Mauthner: Prager Jugendjahre. Erinnerungen von Fritz Mauthner. Frankfurt am Main: Fischer 1969.

[16] Karl Vocelka: Geschichte Österreichs. Kultur - Gesellschaft - Politik. 2. Aufl. München: Heyne 2002.

[17] Moritz Csaky: Geschichte und Gedächtnis. Erinnerung und Erinnerungsstrategien im narrativen historischen Verfahren. Das Beispiel Zentraleuropas. In: Österreichische Osthefte 44. Jahrgang 2002 Heft 1/2.

[18] Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum ersten Weltkrieg. Ungekürzte Sonderausgabe in einem Band. München: Beck 1979.

[19] Franz Palacky: Oesterreichs Staatsidee. Unveränderter Nachdruck der Ausgabe Prag 1866. Wien: H. Geyer 1947.

[20] Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. In: Ders.: Gesammelte Werke in 9 Bänden. Hrsg. v. Adolf Frise. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1978.

[21] Allan Janik/Stephen Toulmin: Wittgenstein’s Vienna. Chicago: Elephant Paperbacks 1996.

[22] Jacques Le Rider: Das Ende der Illusion. Die Wiener Moderne und die Krisen der Identität. Wien: ÖBV 1990.

[23] Jean Francois Lyotard: Das Postmoderne Wissen. Ein Bericht. 4. Aufl. Wien: Passagen 1999, (="Edition" Passagen. 7.)

[24] Friedrich Nietzsche: Unzeitgemässe Betrachtungen II. Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben. In: Ders.: Sämtliche Werke. KSA Bd 1. Hrsg. v. Giorgo Colli und Mazzino Montinari. München, Berlin, New York: dtv/de Gruyter 1999, S. 243-334.

[25] Fritz Mauthner: Die Sprache. Frankfurt am Main: Rütten & Loenig [1907], (="Die" Gesellschaft. 9.)

[26] Hugo von Hofmannsthal: Ein Brief. In: Gotthard Wunberg (Hg.): Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und 1910. Stuttgart: Reclam 1981, (="Universal" Bibliothek. 7742.) S. 431-444.

[27] Franz Kafka: Von den Gleichnissen. In: Ders.: Gesammelte Werke in acht Bänden. Hrsg. v. Max Brod. Beschreibung eines Kampfes. Novellen, Skizzen, Aphorismen aus dem Nachlaß. Frankfurt am Main: Fischer 1983, S. 72.

[28] Moritz Csaky: Ideologie der Operette und Wiener Moderne. Ein kulturhistorischer Essay zur österreichischen Identität. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1996.

[29] Martin Luther: Sendbrief vom Dolmetschen. In: Karl Gerhard Steck (Hg.): Martin Luther Studienausgabe. Frankfurt am Main, Hamburg: Fischer 1970, S. 218f.

[30]Friedrich Nietzsche: Vom Barockstile. Menschliches, Allzumenschliches II. In: Ders.: Sämtliche Werke. KSA Bd. 2. Hrsg. v. Giorgo Colli, Mazzino Montinari. München: dtv/de Gruyter 1999, S. 437 f.

[31] Giulio Carlo Argan: Das Barock. Genf: Skira 1989.

[32] Hans Sedlmayr: Österreichische Barockarchitektur. 1690-1740. Wien: Filser 1930. Und:

Hans Sedlmayr: Die Schauseite der Karlskirche in Wien. In: Ders.: Epochen und Werke. Bd 2. Wien, München: Herold 1960, S. 174-187.

[33] Max Weber: Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus. 3. Aufl. Weinheim: Beltz Athenäum 2000.

[34] Peter C[laus] Hartmann: Die Jesuiten. München: Beck 2001, (=Beck’sche Reihe. 2171.)

[35] Astrid Jahreiss: Grammatiken und Orthographielehren aus dem Jesuitenorden. Eine Untersuchung zur Normierung der deutschen Schriftsprache in den Unterrichtswerken des 18. Jahrhunderts. Heidelberg: Winter 1990, (="Germanistische" Bibliothek. 3.)

[36] Joseph von Sonnenfels: Ueber den Geschäftsstil. Die ersten Grundlinien für angehende österreichische Kanzleybeamte. Wien: Kurzböck 1784.

[37] Franz Kafka: Der Prozess. In: Gesammelte Werke. Hrsg v. Max Brod. Frankfurt am Main: Fischer Taschen­buchverlag 1983.

[38] Adalbert Stifter: Der Nachsommer. Mit einem Essay von Hugo von Hofmannsthal. Frankfurt am Main, Leipzig: Insel 1982.

[39] Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. In: Ders.: Gesammelte Werke in 9 Bänden. Hrsg. v. Adolf Frise. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1978.

[40] Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Erweiterte Neu­ausgabe. Frankfurt am Main, New York: Campus 1996.

[41] George Steiner: Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Inhalt?. Mit einem Nachwort von Botho Strauß, aus dem Englischen übers. v. Jörg Trobitius. München, Wien: Hanser 1990, S. 124. [In der Folge zitiert als: Steiner, Von realer Gegenwart, S. x.].

[42] Ebda, S. 127.

[43] Ebda, S. 128.

[44] Friedrich Nietzsche: Die Sprache als vermeintliche Wissenschaft. Menschliches, Allzumenschliches I. In: Ders.: Sämtliche Werke. KSA Bd. 2. Hrsg. v. Giorgo Colli, Mazzino Montinari. München: dtv/de Gruyter 1999, S. 31.

[45] Steiner, Von realer Gegenwart, S. 129.

[46] Vgl. ebda.

[47] Charles Baudelaire: Correspondances. In: Ders.: Gedichte der Revolution. Hrsg. und kommentiert v. Oskar Sahlberg. Berlin: Wagenbach 1977, S. 32.

[48] Hermann Bahr: Symbolisten. In: Gotthard Wunberg (Hg.): Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und 1910. Stuttgart: Reclam 1981, (="Universal" Bibliothek. 7742.), S. 248-154.

[49] Ebda, S. 249.

[50] Ebda.

[51] Vgl. ebda, S. 250f.

[52] Bruno Adriani: Baudelaire und George. Berlin: Riemerschmidt 1993, S. 36.

[53] Steiner, Von realer Gegenwart, S. 130.

[54] Ebda, S. 132.

[55] Stephane Mallarme: Krise des Verses. Zitiert nach: Gerhard Plumpe: Autor und Publikum. In: Helmut Bra- ckert, Jörn Stückrath: Literaturwissenschaft. Ein Grundkurs. 5. erw. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1992, (="rowohlts" enzyklopädie. 55523.), S. 383.

[56] Steiner, Von realer Gegenwart, S. 134.

[57] Ebda.

[58] Ebda, S. 145.

[59] Ludwig Wittgenstein in einem Brief an George Edward Moore. Zitiert nach: Kurt Wuchterl/Adolf Hübner: Ludwig Wittgenstein. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. 12., neu überarbeitete Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2001, (="rowohlts" monographien.50275.), S. 46.

[60] Beispiele für Sprachkritik vom Standpunkt der Aufklärung lassen sich viele finden. So könnte man die von mir - ob ihrer Griffigkeit ausgewählten Beispiele -, mit sprachkritischen Texten der Scholastik, mit Texten an­derer Aufklärer, wie Hume, Bacon oder Berkeley, sogar mit Passagen aus Kants „Kritik der reinen Vernunft“ sowie mit den Untersuchungen zur Sprache und zur Logik Freges aus dem 19. Jahrhundert erweitern.

[61] Platon: Kratylos. Übersetzt und erläutert von Otto Apelt. In: Ders.: Sämtliche Dialoge. Bd 2. Menon, Kratylos, Phaidon, Phaidros. Hamburg: Meiner 1998. [In der Folge zitiert als: Platon, Kratylos, S. x.].

[62] Rudi Keller: Zeichentheorie. Zu einer Theorie semiotischen Wissens. Tübingen, Basel: Francke 1995, (="UTB." 1849.), S. 35.

[63] Platon, Kratylos, S. 52f.

[64] Ebda, S. 51.

[65] Vgl. Wilhelm Capelle (Hg.): Die Vorsokratiker. Die Fragmente und Quellenberichte. Stuttgart: Kröner 1968, (=Kröners Taschenausgabe. 119.), S. 327.

[66] Vgl. Christian Theodor Gustav Steiner: Wider den Sprachzwang. Fritz Mauthner und die Kritik von Sprache. Graz: Phil. Dipl. 1986, S. 22 f. Dort stellt Steiner, mit Rekurs auf Karl Otto Apel, Folgendes fest: „Nach Apel ist die Frage nach der ,orthotes onomaton’ im Kratylos ein letzter Reflex in Griechenland auf jenes (,mystische’) Zeitalter, da der Mensch die Sprache (noch) nicht in ihrer Bedeutungsfunktion sah, sondern immer nur als Name für eine Sache, als einen mit einer magischen Kraft erfüllten Namen.“ Damit wird Platons Kratylos in den Kon­text einer griechischen Aufklärung gerückt.

[67] John Lo Bibliothek. 76.) [In der Folge zitiert als: Locke, Über den menschlichen Verstand 2, S. x.].

[68] Unter „Idee“ versteht Locke alles, was der Geist in sich selbst wahrnimmt oder was unmittelbares Objekt der Wahrnehmung, des Denkens oder des Verstandes ist. Vgl. John Lo Biblio­thek. 75.), S. 28.

[69] Locke, Versuch über den menschlichen Verstand 2, S. 120.

[70] Vgl. ebda, S. 122.

[71] Ebda, S. 123.

[72] Ebda, S. 128.

[73] Ebda, S. 129.

[74] Ebda, S. 132.

[75] Oberflächlich betrachtet bleibt diese Kritik Lockes an der Sprache im Dunkeln, ihre volle Berechtigung zeigt sich erst, wenn man sie mit Lockes Philosophie als ganzer in Zusammenhang bringt. Für diese Auflistung der Gefahren der Sprache, wie Locke sie beschrieben hat, genügt es festzuhalten, dass der Satz „Gold ist dehnbar“ irreführend ist und heißen müsste: „Das, was ich Gold nenne, ist dehnbar.“

[76] Locke, Versuch über den menschlichen Verstand 2, S. 136 f.

[77] Ebda, S. 138.

[78] Ebda.

[79] Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen. In: Ders.: Werkausgabe Bd 1. Tractatus logico- philosophicus. Tagebücher 1914-1916. Philosophische Untersuchungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984, S. 260.

[80] Locke, Versuch über den Menschlichen Verstand 2, S. 138. Locke übernimmt diesen Kritikpunkt von Thomas Hobbes. Vgl. Christian Theodor Gustav Steiner: Wider den Sprachzwang. Fritz Mauthner und die Kritik von Sprache. Graz: Phil. Dipl. 1986, S. 33.

[81] Locke, Versuch über den Menschlichen Verstand 2, S. 141.

[82] Ebda, S. 149.

[83] Ebda, S. 150.

[84] Ebda, S. 152.

[85] Ebda, S. 153.

[86] Ebda, S. 164.

[87] Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. Nachw. v. Detlef Felken. 26. Aufl. München: dtv 2003.

[88] Ebda, S. 733f.

[89] Ebda, S. 739.

[90] Ebda, S. 739f.

[91] Vgl. ebda, S. 740.

[92] Ebda, S. 717.

[93] Ebda.

[94] Ebda.

[95] Ebda, S. 718.

[96] Ebda.

[97] Martin Heidegger: Sein und Zeit. 18. Aufl. Tübingen: Niemeyer 2001. [In der Folge zitiert als: Heidegger, Sein und Zeit, S. x. ].

[98] Ebda, S. 126.

[99] Ebda, S. 126f.

[100] Ebda, S. 126.

[101] Ebda, S. 127.

[102] Ebda.

[103] Ebda.

[104] Martin Heidegger: Das Wesen der Sprache. In: Ders.: Unterwegs zur Sprache. 13. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta 2003, S. 166.

[105] Heidegger, Sein und Zeit, S. 168.

[106] Karl Kraus, zitiert nach: Allan Janik/Stephen Toulmin: Wittgenstein’s Vienna. Chicago: Elephant Paperbacks 1996, S. 201.

[107] Karl Kraus: An einen alten Lehrer. Henricus Stephanus Sedlmayer. In: Ders.: Ausgewählte Gedichte. Zürich: Oprecht & Helbling 1939, S. 11.

[108] Vgl. Allan Janik, Stephen Toulmin: Wittgenstein’s Vienna. Chicago: Elephant Paperbacks 1996, S. 69f. [In der Folge zitiert als: Janik/Toulmin, Wittgenstein’s Vienna, S. x. ].

[109] Karl Kraus: Die Fackel. 1 (1899), S. 1f.

[110] Ebda, S. 2.

[111] Vgl. Janik/Toulmin, Wittgenstein’s Vienna, S. 68.

[112] Karl Kraus: Vom Abenteuer der Arbeit. In: Ders.: Ausgewählte Gedichte. Zürich: Oprecht & Helbling 1939, S. 13-17.

[113] Fritz Mauthner: Beiträge zu einer Kritik der Sprache III. Zur Grammatik und Logik. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1999, S. X. [In der Folge zitiert als: Mauthner, Beiträge III, S. x.].

[114] Steiner, Von realer Gegenwart, S. 149. Steiner irrt, wenn er das Erscheinungsdatum der „Beiträge“ in das „emblematische Jahr 1899“ verlegt. Tatsächlich erscheinen die „Beiträge“ erstmals in den Jahren 1901 und 1902.

[115] Ebda.

[116] Ebda, S. 150.

[117] Mauthner, Beiträge III, S. X.

[118] Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Neue Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Bd 1. A - Intuition. Zürich: Diogenes 1980, (= Diogenes Taschenbuch. 215/1.), S. XII. [In der Folge zitiert als: Mauthner, Wörter­buch I, S. x.].

[119] Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft. In: Ders.: Kritik der reinen Vernunft. Kritik der praktischen Vernunft. Kritik der Urteilskraft. Ungekürzte Sonderausgabe zum Kantjahr 2004. Wiesbaden: Fourier 2003, S. 641-914.

[120] Mauthner, Beiträge I, S. 32 f.

[121] Max Horkheimer, Theodor Wiesengrund Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. 13. Aufl. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuchverlag 2001. [In der Folge zitiert als: Horkheimer/Adorno, Dia­lektik der Aufklärung, S. x.].

[122] Vgl. Fritz Mauthner: Beiträge zu einer Kritik der Sprache I. Zur Sprache und zur Psychologie. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1999, S. XIV. [In der Folge zitiert als Mauthner, Beiträge I, S. x.].

[123] Vgl. Ludwig Wittgenstein: Tractatus-logico-philosophicus. In: Ders: Tractatus-logico-philosophicus Tagebü­cher 1914-1916. Philosophische Untersuchungen. Werkausgabe Bd 1. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984.

[124] Vgl. Martin Buber: Ich und Du. Stuttgart: Reclam 1995, (= Reclams Universalbibliothek. 9342.)

[125] Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung, S. 22.

[126] Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. In: Ders.: Gesammelte Werke in 9 Bänden. Hrsg. v. Adolf Frise. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1978, S. 9. [In der Folge zitiert als: Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, S. x.].

[127] Vgl. Mauthner, Beiträge I, S. XIII f. Dort schreibt Mauthner im Vorwort zur zweiten Auflage: „Nicht so si­cher fühle ich mich bei der Abweisung des zweiten Vorwurfs: daß ich kein positives, kein rundes System biete und daß ich unsystematisch darstelle. Denn ein unbesiegbares, schmerzliches Gefühl sagt mir, daß wenigstens der zweite Teil des Vorwurfs nicht unberechtigt sei. [...] Die saubere Systematik der Darstellung gebe ich also preis. Nicht aber gebe ich die Verpflichtung zu, ein System zu bieten in der Kritik der Sprache. Das war ja der tragische Fluch großer Philosophen, daß sie sich von falschen Vorbildern bestimmen ließen, ein System zu brin­gen in die flackernden Flammen ihrer Gedanken. [...] Steckt ein System in der Welt, die unsere Sprachen ver­stehen und beschreiben wollen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Gewiß aber steckt in der Welt kein menschli­ches, kein wissentliches, kein sprachliches System. [...] wer Sprachkritik treiben will, ernsthaft und radikal, den führen seine Studien unerbittlich zum Nichtwissen.“

[128] Mauthner, Beiträge I, S. 10.

[129] Ebda.

[130] Fritz Mauthner: Die Sprache. Frankfurt am Main: Rütten & Loenig [1907], (="Die" Gesellschaft. 9.), S. 19. [In der Folge zitiert als: Mauthner, Die Sprache, S. x.].

[131] Mauthner, Beiträge I, S. 10 f.

[132] Vgl. Horkheimer, Adorno, Dialektik der Aufklärung, S. 21.

[133] Mauthner, Beiträge I, S. 28.

[134] Mauthner, Beiträge I, S.1.

[135] Joachim Kühn: Gescheiterte Sprachkritik. Fritz Mauthners Leben und Werk. Berlin, New York: de Gruyter 1975, S. 203. [In der Folge zitiert als: Kühn, Gescheiterte Sprachkritik, S. x.].

[136] Ebda, S. 105.

[137] Fritz Mauthner: Beiträge zu einer Kritik der Sprache II. Zur Sprachwissenschaft. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1999, S. 98. [In der Folge zitiert als: Mauthner, Beiträge I, S. x.].

[138] Vgl. Fritz Mauthner: Prager Jugendjahre. Erinnerungen von Fritz Mauthner. Frankfurt am Main: Fischer 1969, S. 8f. [In der Folge zitiert als: Mauthner, Erinnerungen, S. x.].

[139] Elisabeth Leinfellner/Hubert Schleicher (Hg.): Fritz Mauthner. Das Werk eines kritischen Denkers. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1995, S. 165.

[140] Ebda, S. 30f.

Details

Seiten
116
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640878437
ISBN (Buch)
9783640878659
Dateigröße
774 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169529
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz – Geschichte
Note
1
Schlagworte
Fritz Mauthner Philosophie Sprachphiliosophie Geschichte der Philosophie Moderne Zentraleuropa Sprachkritik Vielvölkerstaat Postmoderne Linguistik

Autor

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Titel: Fritz Mauthner und die Moderne