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Geld & subjektives Wohlbefinden

Eine Bestandsaufnahme der zentralen Ergebnisse aus der Glücksforschung

Bachelorarbeit 2010 70 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einführung

2 Zur Glücksforschung
2.1 Allgemeines
2.2 Die Hauptdisziplinen der Glücksforschung
2.2.1 Philosophie
2.2.2 Neurobiologie und Hirnforschung
2.2.3 Psychologie
2.2.4 Soziologie
2.2.5 Wirtschaftswissenschaften
2.3 Zum Begriff „Subjektives Wohlbefinden“
2.4 Methoden der empirischen Glücksforschung
2.4.1 Experience Sampling Method
2.4.2 Day Reconstruction Method
2.4.3 Brain Imaging
2.4.4 Beobachtung
2.4.5 Repräsentative Umfragen
2.5 Reliabilität, Validität und Vergleichbarkeit von Ländern

3 Zentrale Ergebnisse der empirischen Glücksforschung mit Fokus auf Einkommen und Konsum
3.1 Das Easterlin-Paradox
3.1.1 Beschreibung
3.1.2 Aktuelle wissenschaftliche Meinung zu Easterlins Thesen
3.1.3 Zur Situation in Deutschland
3.2 Der soziale Vergleich
3.3 Der Gewöhnungseffekt

4 Weitere Faktoren des subjektiven Wohlbefindens
4.1 Familie
4.2 Freunde und soziales Umfeld
4.3 Erwerbsarbeit

5 Diskussion der Ergebnisse im Hinblick auf
5.1 Politik und Gesellschaft
5.2 Individuum
5.3 Soziale Arbeit

6 Zusammenfassung und Ausblick

7 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Das Gehirn & tomographische Aufnahmen von Trauer und Glück

Abbildung 2: Components of Subjective Well-Being

Abbildung 3: Einkommen und subjektives Wohlbefinden im Ländervergleich

Abbildung 4: Allgemeine Lebenszufriedenheit in Deutschland im Jahr 2000

Abbildung 5: Reales Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und Lebenszufriedenheit in Deutschland von 1973 bis 1998

Abbildung 6: Lebenszufriedenheit und Äquivalenzeinkommen in Deutschland 2000

Abbildung 7: Benötigtes und tatsächliches durchschnittliches Realeinkommen

Abbildung 8: Lebenszufriedenheit nach einer Einkommenserhöhung

1 Einführung

„Einer der hartnäckigsten Mythen besteht darin, dass Geld glücklich macht. Er kommt gleich nach dem Mythos, dass Geld nicht glücklich macht.“

(SPITZER 2007a: 104)

Geld ist aus dem Leben der Menschen nicht wegzudenken. Wir begegnen ihm täglich: beim Einkaufen, beim Bezahlen von Rechnungen, in den Nachrichten und Unter- haltungsmedien, bei der Arbeit, in Diskussionen oder schlicht in unseren Gedanken. Kaum ein Vorhaben, bei dem der finanzielle Aspekt nicht bedacht wird - sei es beim Autokauf, der Familienplanung oder der Realisierung eines sozialen Projektes. Geld scheint für viele(s) das zentrale Maß zu sein. Mit ihm lassen sich Bedürfnisse erfüllen, es bedeutet Unabhängigkeit, Status, Macht, Schönheit, ein „sorgenfreies Leben“ und auch Gesundheit (die doch zum Teil „gekauft“ werden kann) - ein hohes Einkommen erweitert das Repertoire an Möglichkeiten einer Person und erhöht ihre Verwirkli- chungschancen. So verwundert es nicht, dass viele Menschen ein möglichst hohes Einkommen, Reichtum und Besitz anstreben.

Der allgemeine Wohlstand und Lebensstandard in Deutschland ist heute so hoch wie nie zuvor. Das reale Durchschnittseinkommen hat sich in den vergangenen 50 Jahren mehr als verdoppelt. Die Sozialversicherung bietet finanziellen Schutz vor den großen Lebensrisiken und deren Folgen wie Krankheit, Arbeitslosigkeit, Alter, Betriebsunfälle und Pflegebedürftigkeit. Durch die gute Gesundheitsversorgung haben Menschen heute eine bessere Gesundheit als ihre Vorfahren und die Lebenserwartung ist so hoch wie noch nie. Es gibt genug zu essen, komfortable Wohnungen und eine Fülle an Unter- haltunsgmöglichkeiten. Doch trotz dieser objektiven Verbesserungen der materiellen Lebensbedingungen scheinen die Menschen nicht glücklicher zu sein als früher. Dieser Widerspruch ist nicht nur in Deutschland zu finden, sondern in nahezu allen Ländern der westlichen industrialisierten Welt.

Die Zunahme von Depressionen ist besorgniserregend. In Deutschland leiden aktuell etwa vier Millionen Menschen (ca. fünf Prozent der Bevölkerung) an einer Depression (NEUROLOGEN & PSYCHIATER IM NETZ 2010). Als Ausdruck eines äußerst geringen subjektiven Wohlbefindens kann der Suizid gesehen werden: jährlich beenden in Deutschland ca. 10.000 Personen freiwillig ihr Leben. Im Jahr 2006 waren es 9.765 Männer und Frauen (StBA 2007: 963).

Geld und das subjektive Wohlbefinden sind zentrale Themen der Sozialen Arbeit. Ein geringes Wohlbefinden und Unzufriedenheit mit der aktuellen Lebenssituation sind oft- mals der Grund, warum Hilfe, Unterstützung oder Beratung bei sozialen Einrichtungen und professionell ausgebildeten Sozialarbeitern gesucht wird. Die Klientinnen und Klienten haben psychische, körperliche oder soziale - und nicht selten ökonomische - Probleme. Direkt oder indirekt spielen finanzielle Schwierigkeiten immer häufiger eine zentrale Rolle. Analysen zur Einkommensverteilung in Deutschland auf Basis der Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) zeigen für das Jahr 2008 eine deutlich höhere relative Einkommensarmut1 als noch vor zehn Jahren: „Rund 11,5 Millionen Menschen lagen mit ihrem verfügbaren Einkommen unter der nach EU-Vorgaben definierten Armutsrisikoschwelle - dies entspricht rund 14 Prozent der Gesamtbevölkerung“ (DIW 2010: 2). Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sowie verwandte Professionen, die tendenziell mit eher einkommensschwachen Klienten arbeiten, sollten deshalb über die zentralen Mechanismen von subjektivem Wohlbefinden und der Rolle, die Geld dabei spielt, informiert sein.

Doch wie hängt die ökonomische Situation einer Person mit dem individuellen Wohl- befinden zusammen? Viele Ökonomen nehmen als selbstverständlich an, dass höheres Einkommen, verbunden mit höherem Konsum, höheren Nutzen erbringt. Des Weiteren wird angenommen, dass die Zufriedenheit eines Menschen davon abhängt, wie viel er oder sie in absoluten Zahlen hat. Im Gegensatz hierzu ergibt die Forschung über subjektives Wohlbefinden Ergebnisse, die im Widerspruch zu dieser Ansicht stehen. Empirische Untersuchungen zeigen, dass Menschen in den Industrieländern über die Zeit hinweg trotz Wirtschaftswachstum nicht glücklicher werden. Menschen jedoch, die ein höheres Einkommen als andere in ihrer Gesellschaft haben, geben bei Befragungen eine höhere Zufriedenheit an. Der soziale Vergleich mit anderen sowie individuelle Gewöhnungsprozesse scheinen dieses Phänomen zu erklären.

Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt nun in der Exploration der Zusammenhänge zwi- schen Geld und subjektivem Wohlbefinden. Wie lauten hierzu die zentralen Ergebnisse der wissenschaftlichen Glücksforschung? Sind reiche Menschen glücklicher als arme?

Steigert ein höheres Einkommen das subjektive Wohlbefinden? Gibt es neben dem finanziellen Aspekt andere Faktoren, die das individuelle Wohlbefinden beeinflussen? Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Ergebnissen für den Einzelnen, den Staat und die Soziale Arbeit? Durch ausführliche Literaturrecherche und Analyse aktueller wissenschaftlicher Publikationen wird die vorliegende Arbeit Antworten auf diese Fragen geben.

Zur Einordnung der Thematik werden zunächst die wissenschaftliche Glücksforschung und ihre Messmethoden vorgestellt sowie der Begriff „Subjektives Wohlbefinden“ er- läutert. Im Anschluss folgen ausgewählte Ergebnisse, die die Zusammenhänge zwischen Einkommen und Konsum sowie dem subjektiven Wohlbefinden darstellen. Zur Abrun- dung werden weitere Faktoren skizziert, die für das individuelle Wohlbefinden von Bedeutung sind. Die gewonnenen Erkenntnisse werden im fünften Kapitel im Hinblick auf die Bereiche des Einzelnen, der Gesellschaft und der Sozialen Arbeit diskutiert. Abschließend erfolgt eine Zusammenfassung sowie ein kurzer Ausblick.2

2 Zur Glücksforschung

Dieses Kapitel wird der Leserin und dem Leser erste Einblicke in das Themenfeld „Glücksforschung“ gegeben. Die kurzen Erläuterungen zu den an der Forschung über das subjektive Wohlbefinden beteiligten Disziplinen veranschaulicht zunächst die Transdisziplinarität dieses Forschungsfeldes. Nach den Ausführungen zum Begriff „subjektives Wohlbefinden“ werden Methoden der Glücksforschung vorgestellt, die zur Messung des subjektiven Wohlbefindens herangezogen werden.

2.1 Allgemeines

Die Glücksforschung ist ein relativ junges und interdisziplinär ausgerichtetes wissenschaftliches Forschungsfeld, in dem sich u.a. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Fachrichtungen Philosophie, Psychologie, Neurobiologie, Soziologie und auch aus den Wirtschaftswissenschaften mit der Frage beschäftigen, welche Faktoren das subjektive Wohlbefinden, die Lebenszufriedenheit, das „Glück“ der Menschen beeinflussen und welche Schlüsse sich daraus für den Einzelnen, die Unternehmen und für die Politik ziehen lassen (RUCKRIEGEL 2007: 515).

Zahlreiche Studien belegen mittlerweile: „Glückliche Menschen sind körperlich und geistig gesünder, erfolgreicher beim Lernen und bei der Arbeit, kreativer, populärer, geselliger, seltener kriminell oder süchtig - und sie leben länger“ (SPITZER 2007a: 105). Zudem haben sie stabilere soziale Beziehungen und häufigere Sozialkontakte, bessere Copingstrategien und ein stärkeres Immunsystem. Sie verursachen seltener Verkehrs- unfälle, arbeiten effizienter und sind im Beruf erfolgreicher. Glückliche Menschen sind aktiver, kooperativer, hilfsbereiter und handeln altruistischer. Auch werden sie von ihren Angehörigen und Freunden als Menschen voller Energie wahrgenommen (BUCHER 2009: XV). Sie können flexibler denken, sind optimistischer und dankbarer (a.a.O.: XIX). Aufgrund dieser Effekte ist Glück nicht nur individualpsychologisch relevant, sondern auch sozialpolitisch!

Die Glücksforschung ist ein wissenschaftliches Feld, das derzeit große Aufmerksamkeit genießt und in dem viele Studien durchgeführt werden: ständig werden neue Ergebnisse und Erkenntnisse publiziert. In dieser Arbeit wird der derzeitige Stand der Forschung

präsentiert. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass weitere Untersuchungen die aktuellen Forschungsergebnisse differenzieren oder korrigieren werden.

2.2 Die Hauptdisziplinen der Glücksforschung

Die Glückforschung ist ein interdisziplinäres Wissensgebiet und fasst alle Disziplinen zusammen, die die Bedingungen des „Glücklichseins“ erforschen. Dabei untersuchen die einzelnen Disziplinen die Vorstellungen, Emotionen, Lebensumstände und bio- logischen oder psychischen Prozesse, die von Menschen als Glück bezeichnet werden.

Die Philosophie hat sich seit jeher mit Glück beschäftigt. Wesentlich später haben sich die Psychologie, die Soziologie und die Wirtschaftswissenschaft dem Gegenstand ange- nähert:

2.2.1 Philosophie

„Die Untersuchung des glücklichen Lebens ist der einzige Gegenstand, den sich die Philosophie zum Zweck und Ziel setzen muss.“

CICERO (106-43 v.Chr.)

Die Befassung mit der Frage, was ein glückliches Leben sein kann und wie es zu erreichen ist, zieht sich durch die 2500 Jahre alte Philosophiegeschichte. Hierbei liegen den unterschiedlichen Glücksvorstellungen unterschiedliche Menschenbilder und ethische Ansätze zugrunde. Voraussetzung für eine differenzierte Betrachtung des Glücks hat bereits die antike Philosophie geschaffen: Platon (428-347 v.Chr.) nennt drei Aspekte des Glücks, die den Menschen in allen Lebensbereichen und Sinnbezügen umfassen: das Glück der Beziehung zum übermenschlichen Sein selbst, das Glück der persönlichen Menschenbildung und das Glück des menschenwürdigen Miteinanders. Die beiden letzteren - ein erfülltes Leben in der griechischen Polis und das Glück eines umfassend gebildeten und tugendhaften Menschen - seien ohne das erste grundlegende Glück - die Beziehung zum göttlichen Urgrund - nicht möglich (WIRTHGEN 2010). Für Aristoteles (384-322 v.Chr.) ist Glückseligkeit (eudaimonía) das, was der Mensch um seiner selbst willen anstrebt - und ist nicht wie andere Güter lediglich Mittel zum Zweck. Sie sei „das vollkommene und selbstgenügsame Gut und das Endziel des Handelns“ (ARISTOTELES: 1097 b203 ). Vollendet glücklich sei ein Mensch, wenn er nicht nur sein Leben tugendgemäß verbringt, sondern auch mit äußeren Gütern hin- reichend ausgestattet ist (BELWE 2010). Epikur (341-270 v.Chr.) hingegen definierte Glück als Abwesenheit von Schmerz und Bedürfnissen. Ziel sei die ataraxia (gr. Seelen- ruhe), die durch ein zurückgezogenes, bescheidenes Leben erreichbar sein soll (ebd.). Nach Aurelius Augustinus (354-430 n.Chr.), Bischof und Kirchenlehrer, liegt der An- fang allen Glücks in einer engen Beziehung zu Gott. Glück sei nicht durch materiellen Besitz oder Prestige und Ruhm zu gewinnen: „Wer Glück will, muss erwerben, was ihm kein Schicksalsschlag entreißen kann“ (AUGUSTINUS 1986). Im Gegensatz zum augusti- nischen Denken, das Gott bzw. das höchste Sein im Innersten des Menschen sucht, vollzieht Thomas von Aquin (1225-1274) eine Wendung vom Innersten nach außen und sieht in der Befolgung der Gebote Gottes (die de facto den Vorschriften der Kirche gleichzusetzen sind) den eigentlichen Grund menschlichen Glücks (WIRTHGEN 2010). Immanuel Kant (1724-1804) folgert aus der Vielfalt der subjektiven Meinungen über das menschliche Glück, dass keine objektiven Gesetze ableitbar sind. „Würdigkeit zum Glück“ könne durch moralisch sittliches Verhalten erreicht werden - indem man nach dem kategorischen Imperativ4 handle. Doch sei „...auch die Moral nicht eigentlich die Lehre, wie wir uns glücklich machen, sondern wie wir der Glückseligkeit würdig werden sollen. Nur denn, wenn Religion dazu kommt, tritt auch die Hoffnung ein, der Glückseligkeit dereinst in dem Maße teilhaftig zu werden, als wir darauf bedacht ge- wesen, ihrer nicht unwürdig zu sein“ (KANT 1827: 190). Jeremy Bentham (1748-1832) fordert, jene (staatliche) Handlung als ethisch wertvollste zu beurteilen, die das größt- mögliche Glück für die größtmögliche Anzahl an Menschen erzielt: „it is the greatest happiness of the greatest number that is the measure of right and wrong“ (BENTHAM 1776: ii). Arthur Schopenhauer (1788-1860) hingegen hat eine pessimistische Grund- überzeugung: „Es gibt nur einen angeborenen Irrtum, und es ist der, daß wir da sind, um glücklich zu sein“ (SCHOPENHAUER 1888: 729). Der Mensch solle sein Streben nicht auf Güter wie Besitz und Ansehen richten, sondern die Ausbildung der eigenen Persönlichkeit in den Mittelpunkt stellen. Das irdische Glück sei im wesentlichen erreicht, wenn zu einem schmerzlosen Zustand noch die Abwesenheit von Langeweile hinzukomme (SCHOPENHAUER 1963: 134). Wilhelm Schmid (*1953), ein Philosoph der deutschen Gegenwart, spricht von einer „Glückshysterie, die um sich greift“ (SCHMID 2007: 7). Zum Leben gehöre aber vor allem das Widerspiel von Lust und Schmerz. Schmerzen und Unglücklichsein ganz vermeiden zu wollen, bringe einen um die Kontrasterfahrung, die die Lust erst fühlbar mache und führe zu Orientierungsverlust. Wichtiger als das Glück sei der Sinn im Leben: „Wo aber Sinn erfahrbar wird, ist Glück die Folge“ (SCHMID 2007: 47).5

2.2.2 Neurobiologie und Hirnforschung

„Unser Gehirn ist nicht für das dauernde Erleben von Glück gebaut. Die Evolution hat es vielmehr mit einem ausgeklügelten Modul versehen, das uns Menschen nach dem Glück streben lässt.“

(SPITZER 2007: 105)

Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften haben bereits wichtige Einsichten in die an der Entstehung von Gefühlen beteiligten neuronalen und neurochemischen Substrate erbracht. Auch die anhaltend intensiv betriebene Hirnforschung liefert mittels bildgebenden Verfahren der Gehirnaktivität immer wieder neue Erkenntnisse über die physiologischen Prozesse.

Tomographische Aufnahmen können zeigen, wie positive und negative Emotionen wie beispielsweise Glück und Trauer im Kopf entstehen - denn jedem Gefühl entspricht ein eigenes Muster der Hirntätigkeit. Manche Areale des Gehirns sind an beiden Gefühlen beteiligt: Der Hirnstamm empfängt die Signale aus dem Körper, dabei tritt vor allem das Mittelhirn in Aktion. Das Kleinhirn verarbeitet die Impulse aus dem Hirnstamm und gibt Befehle an die Muskeln - etwa zum Lächeln, wenn wir uns freuen. Das darüber gelegenen Zwischenhirn, das den Organismus steuert, indem es über die Hirnanhang- drüse Hormone ausschüttet, wird tätig, um die emotionale Erregung auszulösen. Die Funktionen des Großhirns sind die Sinneswahrnehmung, das Denken und Planen sowie alle Leistungen des Bewusstseins. Das Stirnhirn setzt die Emotionen in Pläne und Handlungen um (KLEIN 2009: 39 nach DAMASIO 2000).

Abbildung 1: Das Gehirn & tomographische Aufnahmen von Trauer und Glück (KLEIN 2009: 38)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

DAVIDSON et al. (2004: 369) stellten fest, dass eine stärkere Aktivität des linken prä- frontalen Cortex (ein Teil des Stirnhirns) deutlich mit höherer subjektiver Zufriedenheit korreliert. Es zeigte sich zudem, dass eine offene, neugierige Haltung gegenüber Reizen stark mit einer höheren Aktivität des linken präfrontalen Cortex korreliert, während eine höhere Aktivität des rechten präfrontalen Cortex mit einer eher ängstlichen Rück- zugshaltung verbunden ist. Menschen mit starker Dominanz der linken Hirnhälfte werden nicht nur leichter mit den Unannehmlichkeiten des Lebens fertig, sondern können auch körperliche Krankheiten besser abwehren (KLEIN 2009: 62). Klein gibt jedoch zu bedenken: „Oft scheinen sich die beiden Hälften der Großhirnrinde ihre Aufgaben zu teilen - allerdings nicht so, wie es populärwissenschaftliche Medien gern weismachen. Es gibt nicht eine gefühlsselige Hirnhälfte und eine von der Vernunft beherrschte, wo die harten Fakten analysiert werden. Vielmehr beschäftigen sich beide Hirnhälften mit der Verarbeitung von Emotionen: Bei negativen Gefühlen ist jedoch eher die rechte Seite, in frohen Augenblicken mehr die linke Seite des Stirnhirns aktiv“6 (a.a.O.: 54).

Einen bedeutenden Einfluss auf Glücksempfindungen haben Endorphine, Oxytocin so- wie die Neurotransmitter Dopamin und Serotonin. Das Gehirn setzt diese Botenstoffe in unterschiedlichen Situationen frei, beispielsweise beim Sport, Musikhören, Geschlechts- verkehr oder Essen. Dopamin ist der wichtigste lustfördernde Botenstoff. Es agiert als eine „Substanz, die in den verschiedenen verhaltensrelevanten Zentren des Gehirns Verhaltensweisen befördert, die in irgendeiner Weise eine Belohnung versprechen“ (ROTH 2003: 361). Ist die Befriedigung erreicht, werden körpereigene Opioide ausge- schüttet, die Glücksgefühle auslösen. Die Endorphine verursachen beispielsweise das bekannte Hochgefühl von Läufern, das sog. „Runner's High“. Serotonin stabilisiert die Psyche. Ein Serotoninmangel erhöht die Ängstlichkeit sowie das diffuse Gefühl, bedroht zu sein. Ein normaler bis leicht erhöhter Spiegel hingegen geht mit mehr Zufrie- denheit und Gelassenheit einher (a.a.O.: 345). So spielen bestimmte Neurotransmitter zwar eine zentrale Rolle im menschlichen Gefühlshaushalt, wirken jedoch in einem vielgestaltigen Wirkungsgefüge (von Neurotransmittern und Hormonen), das wissen- schaftlich längst nicht vollständig erklärt ist.

Neurowissenschaftler beschäftigen sich auch mit der Frage, ob das Ausmaß des Glücks- erlebens genetisch determiniert ist. Empirisch wird dies an Zwillingen untersucht - be- sonders bekannt sind die von David Lykken und seinen Mitarbeitern durchgeführten Minnesota-Zwillingsstudien, in der mehr als tausend ein- und zweieiige Zwillinge befragt wurden, die teils gemeinsam, teils getrennt in unterschiedlichen Milieus aufge- wachsen sind. Lykken und Tellegen folgern aus den Ergebnissen, dass das subjektive Wohlbefinden der Menschen hauptsächlich vom Zufall beim „genetischen Lotterie- Spiel“ abhängt: „individual differences in human happiness - how one feels at the moment and also how happy one feels on average over time - are primarily a matter of chance“ (LYKKEN & TELLEGEN 1996: 189). Lykken ist jedoch inzwischen von seiner ursprünglich streng deterministischen Position abgerückt. Klein hebt hierzu hervor: „Was ein bestimmtes Gen im Organismus ausrichtet, hängt in hohem Maße von Wechselwirkungen mit der Außenwelt ab. Und nirgends im Körper beeinflussen die Reize der Umwelt die Funktion der Gene so sehr wie im Gehirn und im Nervensystem, die letztlich über Glück und Unglück entscheiden“ (KLEIN 2009: 65).

2.2.3 Psychologie

„Es geht nicht mehr nur darum, Schäden zu begrenzen - und von minus acht auf minus zwei der Befindlichkeitsskala zu kommen -, sondern wie wir uns von plus zwei auf plus fünf verbessern können.“ (SELIGMAN 2001: 62)

Einer der Anstöße der amerikanischen Glücksforschung war die Zielvorgabe des Psychologen Martin E. P. Seligman, der 1998 bei seiner Antrittsrede als Präsident der American Psychological Association (APA) forderte, dass sich die Psychologie von einer „science of disease“ zu einer ganzheitlichen „science of health“ wandeln müsse und der Zustand des Glücks ebenso zentrales Forschungsthema sein müsse wie beispielsweise Ängste, Psychosen und Depressionen (SELIGMAN 2010). „It (positive psychology, Anm. d. Verf.) calls for as much focus on strength as on weakness, as much interest in building the best things in life as repairing the worst, and as much attention to fulfilling the lives of healthy people as to healing the wounds of the distressed“ (PETERSON 2006: 6). Zwischen 1967 und 1994 wurden in den einschlägigen wissen- schaftlichen Zeitschriften zu den Themen Angst, Wut und Depressivität etwa 90.000 Artikel publiziert, wohingegen im gleichen Zeitraum nur etwa 5.000 Glück, Freude und Zufriedenheit zum Inhalt hatten7 (MYERS & DIENER 1996: 54). Die negativen Emotionen standen damit in einem überwältigenden Verhältnis von 18:1 zu den positiven. Dies hat sich jedoch geändert. In Ergänzung zur pathologisch ausgerichteten Psychologie etablierte sich ein neuer Forschungszweig - die ressourcenorientierte Positive Psychologie 8, deren „übergeordnetes Ziel ... die Vermehrung des Positiven im menschlichen Leben unter psychologischen Gesichtspunkten“ ist (AUHAGEN 2008: 3). Sie ist auf die Erforschung des Positiven (positive Emotionen, Stärken, Tugenden, Ressourcen etc.) ausgerichtet, hat den Anspruch einer wissenschaftlichen Fundierung und verfolgt das Ziel, positiv auf das Erleben und Verhalten im Alltag von Menschen zu wirken (a.a.O.: 2). Einen Überblick über die Positive Psychologie geben AUHAGEN (2008) oder PETERSON (2006) in ihren Büchern. Neben der Positiven Psychologie beschäftigen sich heute auch die Emotionsforschung und die Gesundheitspsychologie mit dem Phänomen Glück. Der Beitrag der Psychologie zur Erforschung des Glücklich- seins überschneidet sich in manchen Bereichen (insbesondere in der Erforschung positiver Strukturen) mit der empirischen und der soziologischen Glücksforschung.

2.2.4 Soziologie

„...'Glück' [ist] in der Konzeptualisierung als 'subjektives Wohlbefinden' auch Gegenstand der soziologisch orientierten Umfrageforschung, bei der es um die subjektiven und objektiven Lebensbedingungen ganzer Bevölkerungen geht. Diese Surveys sind mittlerweile zu einem festen Bestandteil der gesellschaftlichen Dauerbeobachtung geworden.“ (BELLEBAUM 2002: 46).

In Deutschland gilt der Soziologe Alfred Bellebaum als Pionier der Glücksforschung - er gründete 1990 das „Institut für Glücksforschung“ in Vallendar. Der Niederländer Ruut Veenhoven betreibt eine umfangreiche Datenbank (World Database of Happiness), in der fortlaufend wissenschaftlich anerkannte Arbeiten zum Thema „subjective enjoyment of life“ gesammelt werden (vgl. VEENHOVEN 2010).

Die soziologische Glücksforschung beschäftigt sich mit der Glücksmessung und geht von der Überlegung aus, dass es möglich sein müsste, durch Befragung festzustellen, unter welchen Bedingungen Menschen mehr oder weniger glücklich sind. Heute werden beispielsweise im Eurobarometer Survey der EU, im World Values Survey oder vom Sozioökonomischen Panel in Deutschland regelmäßig Daten über das Wohlbefinden der Bevölkerung erhoben. Anhand von Umfrageergebnissen werden Korrelationen (jedoch keine Kausalitäten) ermittelt und verschiedene Glücksindikatoren festgelegt (IFEG 2010). Im Hauptteil dieser Arbeit werden etliche Ergebnisse der soziologischen Glücks- forschung angeführt.

2.2.5 Wirtschaftswissenschaften

„Im Gegensatz zu den sog. 'objektiven' Zahlen der VGR (Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, Anm. d. Verf.) ... steht im Rahmen der Glücksforschung das subjektive Wohlbefinden (subjective well-being) der Menschen, also das, worauf es im Leben letztendlich wohl wirklich ankommt, im Mittelpunkt.“ (RUCKRIEGEL 2008: 309) Heute ist die neoklassische Theorie mit den aus ihr hervorgegangenen Unterschulen die herrschende Wirtschaftstheorie; ihr liegt das Menschenbild vom homo oeconomicus zu Grunde. Nach ROGALL (2006: 58f.) werden folgende Charakteristika unterstellt:

- Die Konsumenten haben unbegrenzte Bedürfnisse, denen knappe Ressourcen gegenüberstehen.
- Die gesellschaftliche Wohlfahrt (Lebensqualität) wird ausschließlich aus den Präferenzen der Individuen abgeleitet. Gesellschaftliche Ziele existieren nicht.
- Die Wirtschaftsakteure (Konsumenten und Produzenten) verhalten sich eigen- nutzstrebend (nutzen- und gewinnmaximierend). Das heißt, dass sie alle Alter- nativen anhand des eigenen individuellen Nutzens bewerten, der sich in diesem Augenblick für sie ergibt.
- Die Wirtschaftsakteure verhalten sich (ökonomisch) zweckrational und versuchen stets, das (kurzfristig) bestmögliche Ergebnis zu erzielen.
- Die Neoklassik geht in ihren Modellen davon aus, dass die Wirtschaftsakteure nicht nur alle die gleichen Voraussetzungen und Ausgangsbedingungen haben (Fähigkeiten, Bildung, Macht usw.), sondern auch immer über alle notwendigen Informationen (Wissen) verfügen, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können.

Die Vorstellung des ständig rational handelnden und daher berechenbaren Menschen hat zu einer starken Mathematisierung der heutigen Volkswirtschaftslehre geführt. Zudem wird kritisiert, die neoklassische Theorie verwende zu simple Modelle, die nicht in der Lage seien, die komplexe Realität widerzuspiegeln.9

Die sogenannte Gl ü cks ö konomie (Economics of Happiness) geht über die konventionel- len ökonomischen Vorstellungen und Modelle hinaus und ergänzt sie mit Ergebnissen aus umfangreichen Befragungen zur Lebenszufriedenheit der Menschen. Das zentrale Interesse liegt hierbei in der Erforschung des Einflusses sozio-ökonomischer und politischer Faktoren auf das individuelle Wohlbefinden. Die Basis der ökonomischen Glücksforschung ist die Idee, das individuelle Glück und Wohlbefinden messen zu können und als Approximation des ökonomischen „Nutzens“ zu verwenden. Die gewonnenen Informationen erlauben es unter Einsatz empirischer Schätzverfahren, den Einfluss von Veränderungen der unabhängigen Variablen (z.B. Einkommen, Bezie- hungsstatus oder Arbeitslosigkeit) auf die abhängige Variable (Lebenszufriedenheit) zu bestimmen: „Ziel dieser Analysen ist es, Einblicke in die Motivation menschlichen Handelns und die Bestimmungsfaktoren des Wohlbefindens zu gewinnen, die der traditionellen Volkswirtschaftslehre bisher verschlossen blieben“ (BMF 2010: 39).

2.3 Zum Begriff „Subjektives Wohlbefinden“

„The term 'subjective well-being' (SWB) refers to people's evaluations of their lives. These evaluations include both cognitive judgments of life satisfaction and affective evaluations of moods and emotions. If a person reports that her life is satisfying, that she is experiencing frequent pleasant affect, and that she is infrequently experiencing unpleasant affect, she is said to have high subjective well-being.“10 (DIENER & LUCAS 1999a: 213)

In einer Arbeit über die Ergebnisse der Glücksforschung scheint eine Definition des Begriffs „Glück“ unerlässlich - es gibt jedoch keine klare allgemein wissenschaftlich anerkannte Definition. Glück ist ein hochgradig subjektives Phänomen: jeder Mensch hat eine eigene Vorstellung vom Glück und von einem guten Leben. Auch die empirische Glücksforschung bezeichnet keinen einheitlichen Forschungsgegenstand; in den Studien werden u.a. Termini wie Glück (happiness), Lebensqualität (quality of life), Lebenszufriedenheit (life satisfaction) oder Wohlbefinden (well-being) verwendet. „Es gibt zwar Versuche, die vielfältigen Bezeichnungen bedeutungsmäßig zu ordnen, wissenschaftsintern sind jedoch allseits anerkannte und zugleich einsehbare Abgren- zungen nicht vorhanden“ (BELLEBAUM 2002: 16).

[...]


1 Das sogenannte relative Einkommensarmutsrisiko wird gemessen an einer Armutsschwelle in Höhe von 60 Prozent des Median der bedarfsgewichteten verfügbaren Haushaltseinkommen.

2 Die Autorin dieser Arbeit ist um die sprachliche Gleichbehandlung von Personenbezeichnungen bemüht. Wird an einigen Stellen dennoch nur die männliche Form verwendet, so dient dies einer besseren Verständlichkeit des Textes und soll keinesfalls Frauen gegenüber Männern diskriminieren, sondern für beide Geschlechter ex aequo gelten.

3 Bekker-Zählung der überlieferten Werke von Aristoteles.

4 Der handlungsleitende Maßstab zur Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens lautet: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.

5 An dieser Stelle könnten viele weitere philosophische Autoren genannt werden, die sich aus unter - schiedlichen Blickrichtungen mit dem Thema „Glück“ beschäftigt haben. Einen ausführlichen Überblick gibt MARCUSE (1972).

6 Bei Rechtshändern. Da Linkshänder in der Bevölkerung vergleichsweise selten sind, werden an ihnen praktisch keine derartigen Untersuchungen gemacht. Deswegen ist unbekannt, wie sich die Dominanz der rechten Hirnhälfte (und damit der linken Hand) auf die Verarbeitung der Gefühle auswirkt (KLEIN 2009: 287).

7 Durchsucht wurden Psychological Abstracts der Datenbank PsycINFO. Die exakte Anzahl der Artikel: Depression (46.380), Angst (36.851), Wut (5.099), Glück (2.389), Zufriedenheit (2.340) und Freude (405).

8 Positive Psychologie soll nicht implizieren, andere Disziplinen der Psychologie seien negativ zu bewerten (PETERSON 2006: 16).

9 Mehr über prinzipielle Schwächen der Neoklassik in ROGALL 2006: 63f.

10 Der Begriff „subjektives Wohlbefinden“ (SWB) bezieht sich auf die Bewertung des eigenen Lebens. Diese Bewertungen beinhalten sowohl kognitive Urteile über die Lebenszufriedenheit als auch affektive Einschätzungen der Stimmung und Emotionen. Wenn eine Person berichtet, ihr leben sei befriedigend, dass sie häufig angenehme und selten unangenehme Emotionen erfährt, so hat sie wohl ein hohes subjektives Wohlbefinden. (Übersetzung: Maria Günther)

Details

Seiten
70
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640878246
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169478
Institution / Hochschule
Hochschule Ravensburg-Weingarten
Note
1,0
Schlagworte
subjektives Wohlbefinden Glück Soziale Arbeit Glücksforschung subjective well-being happiness research Easterlin-Paradox Wohlstandsparadox sozialer Vergleich Gewöhnungseffekt Einkommen Konsum hedonische Tretmühle Lebenszufriedenheit

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Titel: Geld & subjektives Wohlbefinden