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Weniger Qualität im Internet? Ein Vergleich von lokalem Web-TV und öffentlich-rechtlicher Magazinsendung

Bachelorarbeit 2011 117 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Aktuelle Strukturen des Lokaljournalismus in Deutschland

3 Web-TV
3.1 Technische Voraussetzungen
3.2 Anbieter von Web-TV in Deutschland
3.3 Rechtliche Bedingungen für Web-TV
3.4 Reichweitenentwicklung von Web-TV in Deutschland
3.5 Aussichten für Web-TV

4 Journalistische Qualität
4.1 Qualität in der Diskussion
4.1.1 Definitionen journalistischer Qualität
4.1.2 Messbarkeit journalistischer Qualität
4.1.3 Dimensionen journalistischer Qualität
4.2 Wissenschaftliche Anforderungen an journalistische Qualitätsdimensionen
4.2.1 Aktualität
4.2.2 Objektivität
4.2.3 Relevanz
4.2.4 Vielfalt
4.2.5 Richtigkeit
4.2.6 Rechtmäßigkeit
4.2.7 Akzeptanz
4.2.8 Vermittlung

5 Vergleich lokale Magazinsendung mit lokalem Web-TV-Auftritt
5.1 Zielsetzung
5.2 Die Anbieter
5.2.1 ksta.tv
5.2.2 WDR Lokalzeit aus Köln
5.3 Methodik
5.3.1 Grundlagen zur Methodik
5.3.2 Festlegung der Variablen
5.3.3 Festlegung der Codes
5.3.4 Filterung der Analyseeinheiten
5.3.5 Datengrundlage
5.3.6 Untersuchungszeitraum
5.3.7 Methodenkritik
5.4 Übersicht der Ergebnisse
5.4.1 Erhebungstechnische Variablen
5.4.2 Kategorisierungs-Variablen
5.4.3 Formale Analyse
5.4.4 Journalistisch-qualitative Variablen
5.4.5 Variablen zur Beitragsqualität
5.5 Auswertung der Ergebnisse
5.5.1 Aktualität
5.5.2 Objektivität
5.5.3 Relevanz
5.5.4 Vielfalt
5.5.5 Richtigkeit
5.5.6 Vermittlung

6 Fazit

Literatur-Verzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Auflagenentwicklung lokaler und regionaler Abonnementzeitungen

Abbildung 2: Kategorien der Web-TV-Auftritte

Abbildung 3: Video-Quellen von BDZV-Web-TV-Portalen

Abbildung 4: Entwicklung der Zugriffe auf Online-Videos

Abbildung 5: Hauptinformanten der Königsteiner Lokalredaktionen

Abbildung 6: Häufigste Themengruppen von Lokalzeitungen

Abbildung 7: Häufigste Themengruppen von Lokalzeitungen 1979

Abbildung 8: Übersicht Aspekte der Rechtmäßigkeit

Abbildung 9: Einzeldimensionen der Programmcodierung für Sender mit Vollprogramm

Abbildung 10: Verlauf der Filterung bei der Analyse

Abbildung 11: Anzahl der Programmeinheiten nach Wochentagen

Abbildung 12: Funktionen der Beiträge

Abbildung 13: Formale Darstellungsformen nach Beitragsanzahl und Sendezeit

Abbildung 14: Anzahl der journalistischen Darstellungsformen

Abbildung 15: Themenbereiche nach Anzahl der genutzten Programmplätze

Abbildung 16: Themenbereiche nach genutzter Sendezeit

Abbildung 17: Geobezug der Beiträge

Abbildung 18: Zeitbezug der Informations-Beiträge

Abbildung 19: Rechercheauslöser für Beiträge

Abbildung 20: Anzahl der Quellen von Beiträgen mit Informationsfunktion

Abbildung 21: Grafische Aufbereitung von Beiträgen

Abbildung 22: Genauigkeit von Beiträgen

Abbildung 23: Kontexterläuterung in Beiträgen

Abbildung 24: Verständlichkeit von Beiträgen

Abbildung 25: Wertfreie Wortwahl bei Beiträgen mit Informationsfunktion

Abbildung 26: Vollständigkeit der Beiträge

Abbildung 27: Herkunft der Akteure bei Beiträgen mit Einspielern

Abbildung 28: Gesamtheit der Akteure, Nebenakteure und Zu-Wort-Kommenden in Beiträgen mit Einspielern

Abbildung 29: Text-Bild-Redundanz bei Beiträgen mit Einspielern

Abbildung 30: Personen im Beitrag mit Einspielern

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Auflagenentwicklung lokaler und regionaler Abonnementzeitungen

Tabelle 2: Informationsbeschaffung im lokalen Ressort

Tabelle 3: Hauptinformanten der Königsteiner Lokalredaktionen

Tabelle 4: Nachrichtenfaktoren

Tabelle 5: Anteil der Sachgebietsgruppen am Lokalteil regionaler Großzeitungen

Tabelle 6: Textstruktur von Nachrichten

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Niemand möchte wacklige mit einer Handykamera aufgenommene Bewegtbilder von einer Pressekonferenz des Landrats auf der Website einer Qualitätszeitung sehen. Aber auch Niemand erwartet, dass die deutschen Regionalzeitungen ARD, ZDF und RTL mit ihrem Web-TV-Angebot Konkurrenz machen.“[1]

Christian Jakubetz, Geschäftsführer imfeld media

Immer mehr Zeitungsverleger bieten auf ihrem Internetauftritt Web-TV an. Waren es in Deutschland im Jahr 2008 noch 400 Bewegtbild-Plattformen, stieg die Anzahl der Video-Angebote im Jahr 2009 auf 498. Das entspricht einem prozentualen Anteil von 76 Prozent bei insgesamt 658 Websites von Tageszeitungen. Hierbei setzen die Verlage hauptsächlich auf selbst produzierte Videos mit lokalen Inhalten (59 Prozent).[2]

Durch die Bewegtbilder erreicht die Berichtserstattung lokaler Medienunternehmen eine neue Art der Darstellung. Herkömmliche Standards für TV-Journalismus gelten im Internet nicht. Nach Stindl verändert Web-TV „die Nutzergewohnheiten dramatisch: Interaktivität, Personalisierung und User Selected Content sind die Stichworte“.[3] Doch es finden sich in wissenschaftlicher Literatur bisher keine klar formulierten Erkenntnisse, wie sich Web-TV genau vom klassischen Fernsehen unterscheidet oder welche Qualitätskriterien gelten. Auch die Praxis stellt sich als großes Experimentierfeld dar. So spricht Verleger Dirk Ippen bisher von „Videoübungen im Internet“.[4] Eine Studie von Goldmedia stützt die These, dass Web-TV immer relevanter wird. So sollen in Deutschland bis zum Jahr 2015 22,9 Millionen Haushalte internetfähige TV-Geräte haben, mit denen die Nutzer Web-TV anschauen können. Durch diese technische Erweiterung erreiche die Darstellung eine neue Qualität, da Web-TV bisher hauptsächlich auf deutlich kleineren Computerbildschirmen oder mobilen Geräten betrachtet wird.[5]

In dieser Arbeit soll exemplarisch der „Ist-Zustand“ der journalistischen Qualität bei der lokalen Berichtserstattung aufgezeigt werden. Es werden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von lokalen, öffentlich-rechtlichen Magazinsendungen im TV und lokalem Web-TV herausgestellt. Die Erkenntnisse dieser Arbeit zeigen exemplarisch auf, inwiefern Web-TV derzeit das Potenzial hat, Fernsehsendungen nach journalistischen Gesichtspunkten qualitativ zu ersetzen und inwiefern das Web-TV andere inhaltliche Schwerpunkte setzt, als öffentlich-rechtliche Fernsehsendungen mit lokalen Inhalten.

Diese Arbeit ist in sechs Hauptpunkte gegliedert. Das nächste Kapitel gibt einen Überblick über die derzeitige Situation des Lokaljournalismus in Deutschland.

Kapitel 3 zeigt die technischen Voraussetzungen für Web-TV, die aktuelle Akzeptanz und die Entwicklung von Web-TV-Angeboten in Deutschland in den vergangenen Jahren auf. Schwerpunkt dieser Betrachtung sind deutschsprachige Web-TV-Auftritte mit lokalen Inhalten.

In Kapitel 4 folgt die ausführliche Erörterung von journalistischen Qualitätskriterien. Diese bezieht sich auf rechtliche und ethische Rahmenbedingungen, wie auch auf wissenschaftliche Erkenntnisse zur journalistischen Qualität. Hierbei werden die Qualitätsanforderungen auf lokale Bewegtbildbeiträge spezifiziert.

In Kapitel 5 erfolgt zunächst eine Definition des Ziels, das mit dem Vergleich der lokalen TV-Magazinsendung „WDR Lokalzeit aus Köln“ und dem Web-TV „ksta.tv“ erreicht werden soll. Nach einer kurzen Vorstellung der beiden zu untersuchenden Medien folgt eine Einführung in die Methodik der Untersuchung sowie eine Definition der Stichprobe und des Erhebungszeitraums. Anschließend werden die Beiträge der lokalen Fernsehsendung und der Web-TV-Plattform kategorisiert, quantitativ miteinander verglichen und analysiert. Kapitel 6 enthält eine Zusammenfassung der Erkenntnisse.

Zentrale Begriffe dieser Arbeit sind Lokaljournalismus und Web-TV. Als Lokaljournalismus versteht diese Arbeit die mediale Berichtserstattung über Themen mit Regionalbezug. Hierbei sind alle Themen mit unmittelbarem Bezug auf die Region gemeint, eine weitere Unterteilung in Ressorts gibt es nicht.[6]

Unter Web-TV wird in dieser Arbeit das Web-TV als redaktionell gestaltetes Produkt, das über Internetbrowser erreichbar ist, verstanden.[7] Mit Web-TV sind in dieser Arbeit nicht gemeint: Videoportale, die vor allem nutzergenerierte Inhalte veröffentlichen, und IPTV, das aus technischer Sicht die Internetleitung zur Übertragung von TV-Programmen auf „klassische“ Fernsehgeräte nutzt.[8]

2 Aktuelle Strukturen des Lokaljournalismus in Deutschland

Seit den achtziger Jahren erschließen neben den Printmedien die privaten Radio- und TV-Sender den Markt für lokale Informationen.[9] Auch das Internet erweitert die Auswahl an Medien, aus denen der Rezipient wählen kann. Durch die Vielzahl an Medien sinkt die Auflage lokaler und regionaler Zeitungen.[10]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Auflagenentwicklung lokaler und regionaler Abonnementzeitungen

(nach BDZV o.V. 2010c).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Auflage lokaler und regionaler Abonnementzeitungen sinkt kontinuierlich. So zeigen die Zahlen des BDZV auf, dass die Auflage in ganz Deutschland von 1995 bis 2010 von 18.090.241 Exemplaren auf 13.745.153 Exemplare gesunken ist.[11] Das ist ein Rückgang um 24 Prozent in 15 Jahren. Insgesamt gibt es in Deutschland 329 lokale und regionale Abonnementzeitungen, die bei der IVW gemeldet sind.[12]

Schütz stellte in seiner Studie zur deutschen Tagespresse 2008 fest, dass in Deutschland 239 Kreise und kreisfreie Städte zu den so genannten „Ein-Zeitungs-Kreisen“ zählen. Dies bedeutet, dass in 57,9 Prozent der kreisfreien Städte und Kreise nur eine Zeitung mit lokalen oder regionalen Inhalten angeboten wird, die somit ein Monopol bei den Printmedien hat. Dies betrifft 34,9 Millionen Menschen ins Deutschland (42,4 Prozent).[13]

Trotz der sinkenden Auflagen und der hohen Anzahl an den Ein-Zeitungs-Kreisen spielen nach Kretzschmar et al. im lokalen Mediensystem nach wie vor Tageszeitungen die wichtigste Rolle. Darüber hinaus gibt es kostenlos verteilte Anzeigenblätter, die lokale Informationen transportieren.[14] Diese werbefinanzierten Anzeigenblätter kommen laut BVDA auf eine wöchentliche Auflage von 91,2 Millionen Exemplaren bei 1.384 Titeln.[15] Kretzschmar et al. bezeichnen diese Anzeigenblätter als „Hauptkonkurrenten der Tageszeitungen, da sie redaktionell fast ausschließlich den lokalen Markt bedienen und so Lücken schließen könnten, die bei der Berichterstattung durch die Tageszeitungen entstehen.“[16]

Der subregionale und lokale TV-Markt umfasst im Jahr 2010 nach ALM-Angaben 204 eigenständige Sender. Hiervon stellen jedoch einen auf Grund der vorliegenden Datengrundlage nicht exakt zu ermittelnden Anteil zum Beispiel Flughafen- und Krankenhaussender, die nur in bestimmten Gebäuden empfangbar sind. Laut ALM bieten außerdem 48 überregionale Fernsehsender Zeitfenster an, die mit lokalen Inhalten bestückt werden.[17] Der lokale Hörfunk hatte 2006 in Deutschland 155 private lokale und regionale Sender. Hinzu kommen zum Beispiel noch Regionalfenster der öffentlich-rechtlichen Sender.[18]

Darüber hinaus gibt es eine immer weiter steigende Zahl an Internetseiten mit lokalen Inhalten. Diese werden häufig von Verlagen betrieben, die bereits lokale Medien in der Region haben.[19] Der BDZV zählte im Jahr 2010 658 Websites von Zeitungen, während es zwei Jahre zuvor 22 Angebote (3,3 Prozent) weniger waren.[20] Darüber hinaus gibt es eine nicht erfasste Anzahl an Regional-Portalen von Unternehmen oder als Hobby-Projekte.

Die Zeitungs-Websites zeichnen sich durch einen immer größeren Anstieg multimedialer Darstellungsformen aus. Laut Houben würden lokale Nachrichten „in allen multimedialen Formen – News, Fotogalerien und lokale Nachrichtenvideos“ genutzt.[21] Auch bei dem Internetportal „Der Westen“ des WAZ-Medienhauses nimmt laut Geschäftsführerin Borchert die Relevanz des „Videobereichs für die Vermarktung zu“.[22] Der BDZV stellte bei seiner Online-Studie 2010 fest, dass von den 658 Zeitungswebsites 498 (76 Prozent) Web-TV eingebunden haben. Das ist ein Anstieg von fast 100 Web-TV-Angeboten gegenüber 2008. Die Mehrheit der Anbieter (59 Prozent) setzt beim Web-TV auf selbst produzierte Videos, während 44 Prozent auf das Netzwerk der OMS und 33 Prozent auf externe Anbieter zurückgreifen.[23]

3 Web-TV

3.1 Technische Voraussetzungen

Web-TV wird per Datenleitung übertragen. Der Empfänger benötigt also einen Internetanschluss.

„Für den Empfang von Web-TV und den Abruf von Videodiensten im Internet reicht ein ISDN-Anschluss kaum aus. Besser eignet sich ein Breitbandzugang (ab 2 Mbit/s im Downstream) über DSL (Digital Subscriber Line) oder Fernsehkabel, wobei die Qualität der Übertragung häufig stark schwankt. Je höher die Übertragungsleistung, desto besser ist die Qualität der übertragenen Bilder.“[24]

Für die kontinuierliche Übertragung von Videosignalen in Fernsehqualität werden Datenleitungen mit einer Übertragungsrate von mindestens sieben Megabit pro Sekunde benötigt. Soll hochauflösende HDTV-Qualität erreicht werden, sind etwa zwölf bis 15 Megabit pro Sekunde nötig. Solche Datengeschwindigkeiten erreicht zum Beispiel ein ADSL2+-Anschluss.[25]

Der Datentransfer erfolgt über ein eigenständiges Netzwerkprotokoll, beim RealPlayer ist es das Real Time Streaming Protocol (RTSP). Während der Übertragung wird ein kontinuierlicher Datenstrom zwischen dem Anbieter-Server und dem Empfänger aufgebaut. Wegen der relativ großen Datenmengen kann der Server des Anbieters immer nur eine bestimmte Anzahl an Empfängern gleichzeitig bedienen.[26]

Als Empfangsgerät benötigt der Web-TV-Nutzer einen PC oder ein mobiles Endgerät wie ein internetfähiges Handy, Smartphone oder einen Tablet-PC. Es ist auch möglich, einen Fernseher als Endgerät zu nutzen, wenn dieser mit einer Set-Top-Box oder integrierten Rechner- und Modemelementen erweitert wird.[27] „Für jeden zweiten Käufer eines Fernsehers ist Web-TV schon heute ein wichtiges Kriterium.“[28]

Im Gegensatz zu passivem Fernsehen müssen Web-TV-fähige Geräte ermöglichen, dass der Rezipient aktiv interagiert. Denn Web-TV fordert auf Grund des meist nicht-linearen Aufbaus ein aktives Eingreifen – zum Beispiel bei der Auswahl, welche Videos angeschaut werden sollen. Durch diese Interaktion lassen sich die von Roland Berger Strategy Consultants erwähnten Potenziale nutzen:

- Nutzergenerierte Inhalte
- Video on Demand (Verfügbarkeit von Videos zu jeder Zeit)
- Kostenlose oder Bezahl-Angebote
- Kommunikations- und Personalisierungs-Möglichkeiten.[29]

3.2 Anbieter von Web-TV in Deutschland

In Deutschland gab es im Jahr 2007 laut Global internetTV-Portal mehr als 660 Web-TV-Angebote.[30]

„Einen Großteil des Web-TV-Spektrums bilden Lokalsender (z.B. Bamberg Web TV, BerlinBrandenburg-TV, FrankenTV, Hamburg 1, Jena TV, München TV und Stadt TV-Sender in Bochum, Düsseldorf, Hamburg, Köln, Münster sowie einige Offene Kanäle) wie auch Web-TV-Angebote von politischen Institutionen, Kirchen, Nachrichtenagenturen, Organisationen, Vereinen und Universitäten (z.B. verschiedene Landtage: Übertragung der Plenarsitzungen u.a., Kirchenfernsehen (ev.), Katholische Kirche Internet TV, AFP TV, ADAC TV, TV-Angebote von Fußball-Bundesligavereinen, TV-Kanäle verschiedener Universitäten).“[31]

Darüber hinaus, so stellte Breunig 2007 fest, würden zum Beispiel Automobilkonzerne durch Web-TV-Sender ihr Image pflegen und große Verlage ins Web-TV-Geschäft einsteigen. Als Beispiele führte er überregionale Portale wie Welt.de, Sportbild.tv oder Computerbild.tv auf.[32]

Im Jahr 2007 boten 14 der 18 Bundesligavereine eigenes Web-TV an. Von diesen Angeboten waren die Plattformen von Hertha BSC Berlin, Karlsruher SC, Hansa Rostock und MSV Duisburg kostenlos. Die anderen Anbieter (71 Prozent) nahmen Entgelte zwischen 49 Cent pro Einzelbeitrag bis zu 39,50 Euro für das Jahresabonnement.[33] Auch die private Fernsehsendergruppe ProSiebenSat.1 mit dem Portal Maxdome und das Unternehmen RTL interactive mit RTL Now! verlangten für die Nutzung der Web-TV-Angebote im Jahr 2007 zumindest bei bestimmten Serien oder Rubriken Geld.[34]

Im Vergleich zum Jahr 2007 hat sich die Zahl der auf Global internetTV-Portal gelisteten Angebote aus Deutschland fast verdoppelt.[35] Am 1. Dezember 2010 führte das Verzeichnis 1301 Videoportale auf. Zu der von Breunig 2007 erstellten Struktur sind offenbar die Web-TV-Auftritte lokaler Medien hinzugekommen, außerdem sind augenscheinlich viele Special-Interest-Kanäle wie „Apfelwein TV“, „Biotechnologie TV“ oder „Boris Becker TV“ entstanden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Kategorien der Web-TV-Auftritte.
1. Dezember 2010 (Eigene Darstellung nach Global internetTV 2010)

Der BDZV zählt 498 Web-TV-Angebote der ihm angeschlossenen Zeitungen. Damit enthalten 76 Prozent aller Zeitungs-Websites Videos.[36]

Von den 498 Anbietern erstellen 379 eigene Videos, 36 (9,5 Prozent) davon greifen ausschließlich auf Eigenproduktionen zu.[37] Die anderen Portale bieten auch Videomaterial Dritter an. Hierbei wird besonders häufig (282-mal, 56,6 Prozent) Material von OMS genutzt. Der Vermarkter bietet das Videomaterial ausschließlich in Kombination mit Werbung an, an deren Erlösen die Web-TV-Anbieter beteiligt werden.[38] Auch der niederländische Dienstleister ZoomIn, von 87 Web-TV-Angeboten (17,5 Prozent) der BDZV-Zeitungen mit Web-TV genutzt, bietet die Beiträge ausschließlich mit Werbung kombiniert an.

Mit lokalen Fernsehsendern arbeiten 105 der aufgeführten Portale (21,0 Prozent) zusammen und greifen auf deren Videomaterial zurück. In 17 Fällen (3,4 Prozent) bestehen Kooperationen mit öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern, die den Web-TV-Portalen Videos gegen Entgelt zur Verfügung stellen.[39] 86 Portale (17,3 Prozent) nutzen die Angebote von Agenturen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Video-Quellen von BDZV-Web-TV-Portalen.
1. Dezember 2010 (Eigene Auswertung und Darstellung. Datenbestand: BDZV 2010d)

3.3 Rechtliche Bedingungen für Web-TV

Kibele kam 2001 in ihrer Analyse über die medienrechtlichen Bestimmungen für Online-TV zu dem Ergebnis, dass Abrufdienste rein rechtlich den Bestimmungen des Rundfunkstaatsvertrags unterliegen müssten, jedoch faktisch keine besonderen Lizenzen für Web-TV-Sender ausgegeben worden sind und die Angebote somit dem MDStV unterliegen.[40]

„Teledienste zeichnen sich durch ihre ‚individuelle Nutzung‘ aus, das heißt es handelt sich dabei um Abrufangebote – nur auf Nachfrage werden Informationen übermittelt.“[41]

Web-TV erfüllt die Anforderungen an einen Teledienst. Entsprechend gelten der MDStV und das TDG, die beide 1997 vom Bund beschlossen wurden.[42]

„Der Mediendienste-Staatsvertrag ist vor allem für Websites gültig, die einen redaktionell-journalistischen Teil aufweisen. Nach dem MDStV sind dies Informations- und Kommunikationsdienste, die sich in Text, Ton oder Bild an die Allgemeinheit wenden, wie elektronische Forschungsjournale, zahlreiche Newsgroups oder die klassischen Online-Ableger der Printmedien. Mediendienste sind damit der Massenkommunikation zuzuordnen.“[43]

Laut § 10 MDStV besteht die Pflicht zur Anbieterkennzeichnung. Diese erfolgt wie beim Presserecht mit namentlicher Nennung des verantwortlichen Redakteurs, so dass dieser für Inhalte straf-, zivil- und presserechtlich haftbar gemacht werden kann, auch sind bei juristischen Personen Vertretungsberechtigte zu nennen.[44]

Die Haftung trägt der Betreiber des Web-TV-Auftritts oder der verantwortliche Redakteur zum Beispiel bei Inhalten, die als jugendgefährdend, volksverhetzend, rassistisch oder Gewalt verherrlichend eingestuft werden. Auch wenn Dritte, zum Beispiel Nutzer von Foren, gesetzeswidrige Beiträge einstellen, muss der Betreiber

„dafür sorgen, dass

- zur Aufklärung beigetragen wird
- und strittige Beiträge gelöscht werden.

Erfolgt eine Löschung solcher Beiträge zu spät oder unterbleibt sie, dann muss für mögliche Schadensersatzforderungen aufgekommen werden.“[45]

Diese Anforderungen sind gerade für Betreiber von Internetangeboten in besonderer Weise zu berücksichtigen, da die Interaktivität deutlich höher ist und schwieriger kontrolliert werden kann als bei „klassischen“ Medien.

3.4 Reichweitenentwicklung von Web-TV in Deutschland

Laut ARD/ZDF-Onlinestudie 2010 nutzten im Frühjahr 2010 49 Millionen (69,4 Prozent) deutschsprachige Menschen über 14 Jahren das Internet. 76 Prozent der Internetnutzer sind täglich online. 65 Prozent schauen sich im Internet Videos an: „Das Anschauen von Onlinevideos (ist) für die meisten Nutzer weitaus wichtiger […] als viele Web 2.0-Aktivitäten.“ Laut Studie entfielen 58 Prozent der Zugriffe auf Videoportale wie Youtube. 23 Prozent der online geschauten Videos waren Fernsehsendungen oder Videos, die Nutzer zeitversetzt sahen. 15 Prozent der Zugriffe entfielen auf Livefernsehen im Internet. Videopodcasts spielen mit drei Prozent eine nachgeordnete Rolle.[46]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Entwicklung der Zugriffe auf Online-Videos.
(Eigene Darstellung nach ARD-ZDF-Onlinestudie 2010)

Während die Befragten als Nutzungsort für digitale Videos die Videoportale mit 85 Prozent (Plus drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr) am häufigsten nannten, spielen Fernsehsender mit 38 Prozent (2009: 37 Prozent) die zweitwichtigste Rolle. Unternehmen folgen mit 27 Prozent (2009: 25 Prozent) auf Rang drei, während die Bewegtbildangebote von Tageszeitungen von 25 Prozent auf 21 Prozent sanken.

ZDF-Intendant Markus Schächter stellte bei der Interpretation der Studie fest: „Der Trend ist eindeutig: Das Bewegtbild ist ein tragender Pfeiler für die Internetnutzung der Zukunft.“[47]

Im Jahr 2008 konsumierten Internetnutzer in Deutschland 2,5 Milliarden Online-Videos. Der durchschnittliche Web-TV-Nutzer schaute sich 2008 jeden Tag mindestens drei Online-Videos an. Damit sorgten die Online-Videos im Jahr 2008 für zehn Prozent der übertragenen Datenmengen im Internet.[48]

Ein weiterer Aspekt der Reichweitenentwicklung zeigt die Verbreitung über Mund-zu-Mund-Propaganda: Bereits im Jahr 2007 erhielten 75 Prozent der Web-TV-Nutzer Videos per Link von anderen Nutzern, 57 Prozent der Nutzer leiteten Links zu interessanten Videos weiter.[49]

3.5 Aussichten für Web-TV

Stipp nimmt an, dass die USA in der Nutzung von Web-TV Deutschland zeitlich voraus ist. Deshalb sieht er für Deutschland eine weitere Etablierung des Web-TV.

„Der Trend zu Onlinevideos ist (in den USA) so stark geworden, dass man schon von ‚Web Potatoes‘ spricht. Damit sind Konsumenten gemeint, die sich statt im Fernsehen im Internet Videos ansehen.“[50]

Nach Stipp ist Web-TV für viele „die Alternative, um live ‚dabei zu sein‘“[51]. So hätten in den USA die Vereidigung von Barack Obama, die mitten am Tag stattfand, 40 Millionen Menschen im Fernsehen verfolgt, ähnlich viele verfolgten die Vereidigung online. Dieses Potenzial sei in Deutschland noch nicht ausgereift.[52]

Laut Roland Berger Strategy Consultants werden die Web-TV-Angebote in naher Zukunft weiter professionalisiert und standardisiert. Ein weiterer Punkt ist die Mobilisierung der Web-TV-Angebote, also das Anpassen der Internetseiten für Mobiltelefone und das Erstellen so genannter „Microsites“, die auf mobile Geräte angepasst sind. Auf der anderen Seite werden durch Web-TV-fähige Fernsehgeräte auch auf dieser Seite andere Erwartungen an die Online-Videos gestellt, so dass für die drei möglichen Empfangsgeräte Computer, mobiles Gerät und Fernseher unterschiedliche Ansprüche an Design, Länge und Inhalt der Videos gelten. Hierdurch könnten neue Web-TV-Angebote auch ernstzunehmende Konkurrenz für die etablierten Sendeanstalten werden, vor allem in Nischenbereichen.[53]

Darüber hinaus werde die Monetarisierung der Inhalte einen großen Stellenwert einnehmen. So müsse man die Web-TV-Formate „an die Bedürfnisse der Werbewirtschaft“ anpassen.[54]

4 Journalistische Qualität

4.1 Qualität in der Diskussion

4.1.1 Definitionen journalistischer Qualität

Die Qualität journalistischer Produkte ist zentrales Thema dieser Arbeit. Entsprechend erscheint es notwendig, Qualität zu definieren:

„allg.: Gesamtheit der charakterist. Eigenschaften (einer Person oder Sache), Beschaffenheit, Güte. […]

Wirtschaft: die Beschaffenheit eines Sachguts (Produkt-Q.) oder einer Dienstleistung nach ihren Unterscheidungsmerkmalen gegenüber anderen Gütern. Der Begriff Q. wird einerseits auf messbare, stofflich-techn. Eigenschaften angewendet (objektive Q.). Er bringt zum anderen die Eignung, d.h. die Nutzbarkeit des Gutes aus Sicht des Käufers für den vorgesehen Zweck zum Ausdruck und ist insoweit subjektiv bestimmt (subjektive Q.).“[55]

Die im Folgenden genannten Beiträge über journalistische Qualität zeigen, dass in der kommunikationswissenschaftlichen Debatte stets die Güte des Produktes, in diesem Fall konkret die Bewertung journalistischer Leistungen, thematisiert wird.

Nach Wallisch lässt sich journalistische Qualität in die Bereiche der objektiven Qualität und der subjektiven Qualität unterteilen. Zur objektiven Qualität zählen formale Prinzipien, Textgattungen und sprachliche Korrektheit, während zur subjektiven Qualität inhaltliche Prinzipien, Funktionalität oder der literarische Stil zählen. Die Kriterien objektiver Qualität geben hierbei die Möglichkeit, klare Anforderungen zu definieren, während subjektive Qualität mehr Spielraum bei der Beurteilung zulässt.[56]

Die Definition von Qualität in Medien wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert. So beschreiben Bammé/Kotzmann/Reschenberg die journalistische Qualität als ein „Phänomen ohne Konturen“. Die Meinungen reichten von „Qualität ist, was sich verkauft“ bis zur differenzierteren Aussage „Publizistische Qualität definiert sich auf mehreren Ebenen“.[57]

Uwe Hasebrink kritisiert, dass das Stichwort „‚Qualität‘ in unserer Kultur nach wie vor mit bildungsbürgerlich geprägten Assoziationen verbunden (sei), die sich nur schwer mit Massenattraktivität vereinbaren lassen.“ Somit sei ein Gegensatz zwischen Qualität und Quote zu finden. Der Gegensatz ließe sich auflösen, indem Qualität als das definiert werde, was viele Zuschauer erreiche.[58]

Dieser Kontrast zeigt die erste Problematik für die Bestimmung journalistischer Qualität: Um eine allumfassende Analyse durchzuführen, müssten verschiedene Ebenen und Perspektiven betrachtet werden. Während aus wirtschaftlicher Sicht die Reichweite des journalistischen Produkts und der damit verbundenen Werbung ein wichtiges Kriterium ist, ist die Reichweite bei einem Fokus auf inhaltliche Qualität irrelevant.

In dieser Arbeit soll die wirtschaftliche Perspektive außen vor gelassen werden. Die Erhebung in den folgenden Kapiteln soll sich auf journalistische Sichtweisen stützen, deshalb werden im Folgenden die wissenschaftlichen Standpunkte in Bezug auf die inhaltliche Qualität aufgeführt.

Hierbei stellt Rau die Rezipienten als Zielgruppe in den Mittelpunkt qualitativer Überlegungen: „Das journalistische Gesamtergebnis wird immer aus einem Eindruck des Empfängers heraus bewertet werden.“[59]

Doch die Wissenschaft betrachtet die Qualität nicht zwangsläufig aus der Sicht des Rezipienten. Einige Forschungen beziehen sich auf andere Aspekte wie die allgemeine Journalistenausbildung oder den Rechercheverlauf bis zum fertigen Beitrag.[60] Die journalistischen Qualitätskriterien sind in der Wissenschaft nicht klar umrissen und die Ansätze der Forscher unterscheiden sich in vielen Punkten. Somit ist es bei der Betrachtung jeder Erhebung notwendig, sich über die Perspektive der Studie bewusst zu sein.

4.1.2 Messbarkeit journalistischer Qualität

Die für diese Erhebung grundlegende Frage, ob sich journalistische Qualität messen lässt, wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert. In Anspielung auf diese Uneinigkeit stellten Barbara Held und Stephan Ruß-Mohl zynisch fest:„Der Journalismus hat Qualitätsprobleme.“[61] Damit verweisen sie auf die ungeklärte Frage, wie journalistische Qualität zu messen ist:

„Es ist noch nicht geklärt, wo die Qualitätsdiskussion überhaupt ansetzen soll – beim Einzelbeitrag, im Ressort, beim Programm oder Printprodukt, oder gleich beim gesamten Sender, Verlag oder Medienkonzern?“[62]

Ruß-Mohl selbst war anfangs nicht von der empirischen Messung überzeugt. Während er im Jahr 1992 feststellte, „Qualität im Journalismus definieren zu wollen, gleicht dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln“[63], revidierte er diese Aussage später und unterstützt nun die Meinung, dass sich journalistische Qualitätskriterien empirisch erheben und somit klar definieren ließen.[64]

Bammé/Kotzmann/Reschenberg stellten 1993 bei der Beobachtung des Klagenfurter Werkstattgesprächs „Wissenschaftspublizistik“ fest, dass „eher dargestellt (wird), was gegen ein Messen der Qualität spricht, als versucht, Möglichkeiten des Messens zu finden.“[65]

Günter Rager sieht aus rechtlicher Perspektive die Notwendigkeit, journalistische Qualität empirisch zu messen: „Die Landesmedienanstalten benötigen deshalb dringend möglichst leicht meßbare und vor allem juristisch überprüfbare Qualitätskriterien.“[66] Nur so lasse sich der Programmauftrag öffentlich-rechtlicher Radio- und Fernsehanstalten überprüfen. Auch Lutz Hagen spricht sich für empirische Qualitätsforschung aus. Hierzu sei es notwendig, die unbestimmten Rechtsbegriffe in messbare Kriterien zu überführen.[67] Ebenso zeigte sich Göpfert einer empirischen Messung journalistischer Qualität aufgeschlossen: „Viele Qualitätskriterien werden sich skalieren lassen.“[68]

In zahlreichen Analysen von Medien wurden empirische Methoden angewandt, die die journalistische Qualität messen sollten.[69] Dass sich diese in den Studien grundlegend unterscheiden, ist zum einen dem Umstand geschuldet, dass es je nach wissenschaftlichem Standpunkt unterschiedliche Gewichtungen und Anforderungen an qualitativ hochwertigen Journalismus gibt, liegt auf der anderen Seite aber auch an der Beschaffenheit des jeweiligen Mediums. So sind nach Rau die journalistischen Anforderungen für jedes Medium individuell festzusetzen, um der jeweiligen Zielgruppe gerecht zu werden.[70]

Doch auch Qualitätskriterien, die einmalig für ein Medium, einen Titel oder eine Sendung festgelegt wurden, bleiben nach Wallisch mit der einmaligen Definition nicht unantastbar:

„Qualität im Journalismus entsteht und entwickelt sich also aus sich immer aufs neue verändernden ‚Meßwerten‘ und deren ‚Beurteilung‘, wird also als ‚dynamische Normenkonstellation‘ aufgefaßt.“[71]

Dies zeigt, dass einmal festgelegte Kriterien weiterhin flexibel anpassbar sind. Außerdem bedeutet dies, dass Journalisten in ihrer täglichen Arbeit einen gewissen Spielraum benötigen, um Qualität weiterzuentwickeln.[72]

Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich journalistische Qualität aus ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven betrachten lässt. Die Betrachtung nur einzelner Perspektiven gibt hierbei kein allumfassendes Bild der journalistischen Qualität wieder. Eine empirische Messung journalistischer Qualität ist eine zulässige Methode, die für den jeweiligen Zweck klar anzupassen ist.

4.1.3 Dimensionen journalistischer Qualität

Rager dimensioniert die Kriterien journalistischer Qualität anhand der vier Dimensionen Aktualität, Relevanz, Richtigkeit und Vermittlung. Dass diese Qualitätskriterien offenbar ausreichen, ermittelte Rager in einer Umfrage unter rund 100 Ausbildern, Ressortleitern und Chefredakteuren.[73]

Aus Sicht des Publikums gibt es nach Rager neben nachrichtlichen Informationen auch andere Erwartungen an den Journalismus – „beispielsweise Wünsche nach Service, sozialer Orientierung, Zerstreuung oder Unterhaltung.“[74] Solche Aspekte sind laut Kurp gerade für lokale Massenmedien wichtig, deren Funktion er so umschreibt:

„Mittler von Information, sollen zur Meinungs- und Willensbildung beitragen, ermöglichen politische Sozialisation und Partizipation, bieten im Idealfall ein Forum zum öffentlichen Diskurs und gelten als Katalysator bei allen wichtigen Entscheidungsprozessen innerhalb der Kommunen.“[75]

Hiermit umschreibt Kurp die Dimension der Vielfalt. Somit haben lokale Massenmedien die Aufgabe, eine möglichst hohe Bandbreite an Themen abzudecken. Dieses „Vielfältigkeitsgebot“ gilt jedoch nicht nur für lokale Massenmedien, sondern generell im Zusammenspiel aller Medien. Rager fordert ganz allgemein: „Das Mediensystem soll ‚vielfältig‘ sein.“[76]

Nach Kretzschmar macht vor allem Exklusivmaterial die Qualität von Lokalteilen in Tageszeitungen aus: „Der Anteil des selbst recherchierten Materials ist wichtiger Indikator zur Beurteilung der publizistischen Leistung eines Lokalteils.“[77] Hiermit spricht sie die journalistische Professionalität an. Doch Professionalität als eine Dimension journalistischer Qualität zu definieren, wäre zu unpräzise. Vielmehr bildet der Begriff „Professionalität“ einen Rahmen um journalistische Qualitätskriterien. Hohlfeld erwähnt zu den Kriterien der Professionalität folgende Punkte:

- Neutralität der Aussagen (durch Trennung von Kommentar und Nachricht)
- Ausgewogenheit und Fairness (durch eine heterogene Aussagen- und Themenstruktur)
- Sachlichkeit und Sachgerechtigkeit der Aussagen
- gestalterische Professionalität
- Verständlichkeit.[78]

Die Aspekte „gestalterische Professionalität“ und „Verständlichkeit“ zählen zu der bereits von Rager erwähnten Dimension Vermittlung. Die Aspekte „Neutralität“, „Ausgewogenheit und Fairness“ und „Sachlichkeit“ zählen zu der Dimension Objektivität, die auch Held/Ruß-Mohl als Dimension definieren.[79]

Held/Ruß-Mohl erwähnen – neben den bereits genannten Dimensionen – die Kriterien Originalität, Interaktivität/Dialogfähigkeit und Transparenz/Reflexivität.[80] Die Originalität lässt sich zur Dimension Vielfalt zählen. Die Aspekte Interaktivität/Dialogfähigkeit und Transparenz/Reflexivität gehören zur Vermittlung.

Die Liste der Dimensionen journalistischer Qualität lässt sich mit Weiß‘ „Versuch, Ordnung zu schaffen“ ergänzen: Rechtmäßigkeit und Akzeptanz erwähnt er als relevante Qualitätskriterien.[81] Hierbei umfasst die Rechtmäßigkeit rundfunkrechtliche Vorschriften und die allgemeinen Gesetze wie zum Beispiel das Jugendschutzgesetz.[82] Die Akzeptanz lässt sich nur über eine Befragung von Rezipienten ermitteln, da hierbei das „Publikumsurteil über die Qualität den Ausschlag“ gibt.[83]

Mit der hier erstellten Auflistung der Dimensionen sind auch Lagiers Anforderungen an Fernsehnachrichten abgedeckt: So sollten Nachrichten die Ereignisse aktuell (Aktualität) und knapp (Vermittlung) auf den Punkt bringen, zugleich sollten sie ein umfassendes (Vielfalt), hintergründiges und allgemeinverständliches (beides Vermittlung) Informationsangebot abbilden.[84]

Mit dieser Aufstellung der Dimensionen journalistischer Qualität sind auch alle Dimensionen nach Tebert abgedeckt. Er betont, dass es von der jeweiligen Sendung abhängig ist, welche Qualitätskriterien jeweils zu berücksichtigen sind und wie wichtig die gewählten Kriterien für die jeweilige Sendung sind.[85] Für eine Analyse ist also jeweils individuell abzuwägen, welche Dimension in welchem Maße von Bedeutung ist.

4.2 Wissenschaftliche Anforderungen an journalistische Qualitätsdimensionen

4.2.1 Aktualität

Aktualität ist ein Kriterium, das Nachrichten von anderen wissensvermittelnden Beiträgen unterscheidet, da letztere in der Regel weniger zeitgebunden sind.[86] Für Rager ist Aktualität ein erster Filter, um die journalistische Relevanz von Nachrichten zu bewerten. Erst, wenn die Aktualität nachgewiesen ist, werden die Informationen weiterverarbeitet. Diese zeitliche Dimension definiert Rager so:

„Aktuell ist alles heute, für die Gegenwart Bedeutsame, alles Neue oder nicht (hinreichend) Bekannte. […] Aktuell ist, was zwischen zwei Ausgaben passiert. Die Qualität der Berichtserstattung in der Dimension der Aktualität läßt sich in diesem Fall daran bemessen, wie schnell das Medium auf ein Thema oder Ereignis reagiert. […] Je aktueller ein Thema aufgegriffen wird, desto besser schneidet ein Medium ab.“[87]

Neben der zeitlichen Differenz zu einem Ereignis gibt es auch den Aspekt der latenten Aktualität. Hierzu zählen zum Beispiel Themen, die immer von Bedeutung sind und zum Beispiel an Fallbeispielen neu aufbereitet werden. „Bei latent aktuellen Themen bemißt sich die Qualität eines Mediums daran, wie gut es dem jeweiligen Medium gelingt, den Gegenwartsbezug plausibel zu machen.“[88]

Nach Fahr ist die Aktualität ein Aspekt der Sachgerechtigkeit und somit ein Faktor für die Relevanz. Man könne Aktualität aus drei Perspektiven bewerten: „Ist die Information ‚tatsächlich‘ neu, ist sie für den Rezipienten neu oder ist sie im Mediensystem neu.“[89] Bei quantitativen Studien werde die Aktualität „als Zeitspanne zwischen dem Zeitpunkt des Ereignisses und der Ausstrahlung der Nachricht gemessen“. Dies reicht nach Fahr nicht aus. Entsprechend sollten die Nachrichtenfaktoren Überraschung, Erwartbarkeit des Ereignisses oder Wiederholung zum gleichen Thema berücksichtigt werden.[90]

Zusammenfassend ist es zur Wahrung der Aktualitäts-Dimension nötig, auf diese Aspekte zu achten:

- Aktualität meint eine möglichst geringe Zeitdifferenz zwischen Ereignis und Veröffentlichung.
- Aktualität lässt sich nicht nur quantitativ, also durch die Zeitspanne, messen, sondern kann auch über die Nachrichtenfaktoren gegeben sein.
- Die Aktualität latent aktueller Themen ist möglichst plausibel zu begründen.

4.2.2 Objektivität

Wallisch wertet die Objektivität als einen vollwertigen Aspekt journalistischer Qualität:

„Investigativer Journalismus […] kann seine qualitative Aufgabe nur dann erfüllen, wenn einzelne politische Interessen unberücksichtigt bleiben, und wenn versucht wird, dem Auftrag als ‚Vierte Gewalt‘ Rechnung zu tragen. Dies bedingt ein ideales Objektivitätsdenken [...].“[91]

Rosenstiel bewertet das Handwerk des Prüfens als Kern des Journalismus. Demnach müssten Journalisten möglichst viele Zeugen und Seiten befragen und diese als Quellen bekannt geben.[92]

Dass dies im Lokaljournalismus nicht immer gegeben ist, zeigt die häufig geäußerte Kritik an lokalen Medien, diese würden „Verlautbarungsjournalismus“ betreiben. So kritisierten Kretzschmar et al.: „Lokaljournalismus ist […] eher reagierend und abbildend, als aktiv und Themen setzend.“ Dennoch sei auch die Übernahme von Pressetexten nicht grundsätzlich zu kritisieren, da es sich hier oftmals um relevante Hinweise handle.[93] Somit sei für jeden Beitrag einzeln zu werten, welche Seiten befragt werden müssten. Bei reinen Service-Informationen wie zum Beispiel der Sperrung einer Straße für Bauarbeiten ist folglich in aller Regel die Pressemitteilung der verantwortlichen Behörde ausreichend.

Jonscher unterscheidet zwischen aktiver und passiver Informationsbeschaffung. Die aktive Rolle des Redakteurs sei im Lokalressort deutlich wichtiger als in überregionalen Redaktionen.[94]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Informationsbeschaffung im lokalen Ressort.

(Jonscher 1995, S. 277)

Hagen spricht bei der Informationsqualität von Fernsehnachrichten drei Problemfelder an: politische Einseitigkeit, das Infotainment-Syndrom und gefälschte Wirklichkeit.[95] Zoll kritisierte die Lokalzeitungen in Wertheim gar als „Organe der Selbstdarstellung von Bürgermeister, Parteien, Vereinen, Honoratioren“. Darüber hinaus würden die lokalen Zeitungen das „Publizitätsbedürfnis durch häufige persönliche und lobende Erwähnung“ befriedigen.[96] Dies zeigt ein notwendiges Zusammenspiel von Objektivität und Vielfalt auf.

Dem „Verlautbarungsjournalismus“ wirkt das nordrhein-westfälische LPrG entgegen:

„Die Presse erfüllt eine öffentliche Aufgabe insbesondere dadurch, dass sie Nachrichten beschafft und verbreitet, Stellung nimmt, Kritik übt oder auf andere Weise an der Meinungsbildung mitwirkt.“[97]

Hiermit wird gefordert, dass Journalisten auch kritische Haltungen einnehmen und diese Kritik zum Ausdruck bringen.

Um die Vorwürfe des „Verlautbarungsjournalismus“ zu konkretisieren und die Quellenauswahl zu analysieren, soll eine Inhaltsanalyse der Königsteiner Zeitungen herangezogen werden. Rohr ermittelte, dass 85 Prozent aller Artikel im Lokalen nur auf einer schriftlichen Quelle basierten.[98] Er ermittelte darüber hinaus die Gruppe der Hauptinformanten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Hauptinformanten der Königsteiner Lokalredaktionen.

(Rohr 1978, S. 319-327, zit. n. Kurp 1994, S. 221)

Die Analyse zeigt auf, dass Bürger – auch in organisierter Form der Bürgerinitiativen – mit insgesamt 7,4 Prozent nur selten als Informanten für Artikel dienen. Behörden und Stadtverwaltung/Bürgermeister sind mit 24,3 Prozent als Informanten ähnlich wichtig wie Vereine und Verbände, die mit 24,6 Prozent den wichtigsten Informantenanteil für die Königsteiner Zeitungen ausmachten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Hauptinformanten der Königsteiner Lokalredaktionen.
(Rohr 1978, S. 319-327, zit. n. Kurp 1994, S. 221; eigene Darstellung)

Parteien dienen bei 10,7 Prozent der Artikel als Informanten. Um hierbei Rückschlüsse auf die Objektivität zuzulassen, wäre eine differenziertere Betrachtung der einzelnen Parteien notwendig, die auf Grund der vorliegenden Daten nicht möglich ist.

In diesem Falle der Informanten überschneidet sich die journalistische Qualitätsdimension Objektivität mit der Dimension Vielfalt. Denn abhängig von der Relevanz der Informanten werden auch die Themen der Berichte unterschiedlich häufig berücksichtigt. Somit dürften bei einer starken Bedeutung der Informanten aus Politik und Verwaltung politische Themen häufiger präsent sein, als Themen der Bürgerinitiativen. Hierzu werden im Folgenden die Erkenntnisse über Themengewichtung in lokalen Medien dargestellt.[99]

Da die Qualitätsdimension Objektivität im Gegensatz zum gesetzlich verankerten Tendenzschutz von Betrieben[100] steht, muss in den Medien die Möglichkeit der Meinungsäußerung gegeben werden. Hierzu ist es nach Wallisch nötig, zwischen Meinungsbeiträgen und Nachrichtenbeiträgen zu unterscheiden. So könne „der Rezipient […] sicher sein, im Nachrichtenteil nur Fakten und Informationen zu bekommen, im Meinungsteil dagegen weiß er in der Regel, nach welchen Gesichtspunkten er den jeweiligen Kommentar zu beurteilen hat.“[101] Huber beleuchtete die Einhaltung dieser Trennungsnorm in einer empirischen Untersuchung bei Österreichischen Printmedien. Hierzu ermittelte er die Anzahl der Textabsätze, die zumindest einen wertenden Begriff oder eine wertende Formulierung enthielten. Hierbei stellte Huber eine große Differenz fest: Die Vermischung reichte von 34,8 Prozent bei „täglich Alles“ bis zu 0,7 Prozent bei den Salzburger Nachrichten.[102]

Objektivität zeichnet sich darüber hinaus durch die sprachliche Ebene aus: „Wörter wie ‚schrecklich‘, ‚grauenhaft‘, ‚wahnsinnig‘, ‚unbeschreiblich‘ entlarven die sprachliche und beschreibende Inkompetenz des Journalisten.“[103]

Bei Fotos und Bewegtbildern gilt für die Objektivität außerdem ein Kriterium für die Bildgestaltung: Müller betont, dass jeder Kamerastandpunkt, der von der normalen Augenhöhe und einer waagerechten Position abweicht, eine andere Wirkung auf den Zuschauer habe.[104] Somit sollten vor allem Interviewpartner immer in einer waagerechten Position und auf Augenhöhe gefilmt werden, um die Objektivität zu wahren.

Zusammenfassend ist es zur Wahrung der Objektivitäts-Dimension nötig, auf diese Aspekte zu achten:

- Objektivität benötigt eine breite Auswahl an Informanten und einen gerechten Anteil der Äußerungen aller relevanten Gruppen.
- Objektivität meint eine breite Auswahl an Themen.
- Objektivität meint das Nutzen einer wertfreien Sprache.
- Objektivität bedingt eine strikte Trennung von Nachrichten- und Meinungsbeiträgen.
- Objektivität bedingt eine neutrale Bildgestaltung.

4.2.3 Relevanz

Die Notwendigkeit, die Relevanz als Qualitätskriterium zu beachten, ergibt sich nach Wallisch aus der Nachrichtenflut:

„Journalismus hat die Aufgabe, aus einer Unmenge von berichtenswerten Inhalten jene auszusuchen, der Bedeutung gemäß zu bewerten und diese dann entsprechend zu formulieren und massenmedial zu ‚bringen‘.“[105]

Nach Wallisch haben die Nachrichtenwerte und Nachrichtenfaktoren, die die Relevanz einer Nachricht ausmachen, zentrale Bedeutung bei der Bewertung eines Themas. Hierbei bleibe die Frage zu stellen, ob „das Thema geeignet ist, das Publikum weiter zu bilden bzw. zu informieren.“[106]

Die Relevanz lässt sich auf drei Ebenen betrachten: So gibt es die Mikroebene, die die Auswirkungen eines Sachverhalts auf einzelne Personen beachtet, die Mesoebene, die Auswirkungen auf soziale Gruppen oder Organisationen beachtet und die Makroebene, die die Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft beachtet.[107]

Um die Relevanz von Nachrichten zu bewerten, ermittelten Wissenschaftler Nachrichtenfaktoren. Kepplinger definierte 22 Nachrichtenfaktoren, die auf Nachrichten zutreffen können. Er stellte bei einer Analyse fest, dass zwischen null und 15 Nachrichtenwerte auf einzelne Meldungen der Innenpolitik zutreffen. Im Schnitt waren es sieben bis elf Faktoren, wobei Auslandsmeldungen in der Regel mehr Nachrichtenfaktoren erfüllen mussten, um in den Medien berücksichtigt zu werden.[108] Das lässt im Gegenzug darauf schließen, dass Nachrichten mit Lokalbezug weniger Nachrichtenfaktoren erfüllen müssen, um in Medien zu erscheinen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 4: Nachrichtenfaktoren.

(Vgl. Kepplinger 1984, Zit. nach Wallisch 1995, S. 116)

Schatz/Schulz erwähnen acht Kriterien für das Relevanzniveau. Dies sind zum einen die quantitativen Kriterien „Zahl der Betroffenen“ und die „Eintrittswahrscheinlichkeit“, zum anderen folgende qualitative Kriterien: Wirkungsintensität, Irreversibilität/Nachhaltigkeit, Nähe (räumlich, ethnisch, emotional), Freiwilligkeit, Zentralität berührter Werte und der Status der Betroffenen.[109] Hagen sieht diese Faktoren allerdings als nur bedingt geeignet, um sie als konkrete Indikatoren anzuwenden.[110]

Rohr bricht das Nachrichtenfaktoren-Modell auf die 14 Faktoren „Prominenz, Personalisierung, Zeitform (Aktuelles, Historisches), Faktizität (‚harte‘ Nachrichten), Dauer (geringer Zeitaufwand der Nachrichtenverarbeitung), Thematisierung (Bezug auf bereits veröffentlichte Nachrichten), Relevanz (bedeutende Ereignisse), räumliche Nähe (‚Nahwelt‘), Überraschung, Struktur (Überschaubarkeit), Konflikt, Kriminalität, Schaden und Erfolg“ herunter.[111]

Galtung/Runge haben 1965 einen Katalog mit zwölf Nachrichtenfaktoren vorgestellt:

„Acht dieser Faktoren betrafen die Zuschreibung übergeordneter Dimensionen wie die (zeitliche und räumliche) Nähe, Eindeutigkeit und Bedeutsamkeit eines Ereignisses, die Wiederholung, Kontinuität und Konsonanz, aber auch die Variation und Überraschung, die in einem unerwarteten Auftreten oder Ausgang eines Ereignisses stecken. Vier weitere Nachrichtenfaktoren wird vor allem in westlichen Nationen Bedeutung zugeschrieben: der Bezug eines Ereignisses zu Elite-Nationen und Elite-Personen sowie der Faktor der Personalisierung und des Negativismus – dramatische und negative Ereignisse werden von den Medien verstärkt beachtet.“[112]

Diese Kritik, eine besonders dramatische Nachrichtenauswahl zu treffen, wird in der Wissenschaft vor allem als Kritik an Boulevardmedien hervorgebracht. Kretzschmar bilanziert eine untergeordnete Berücksichtigung der Nachrichtenfaktoren in Lokalmedien

„– abgesehen von den Faktoren ‚räumliche Nähe‘ und ‚lokale Prominenz‘. Ein Grund dafür ist, dass im Lokalen kaum ein Zwang zur Reduktion vorliegt. Nicht Selektion und Beschränkung beschreiben den Arbeitsalltag einer Lokalredaktion, sondern der Druck, Seiten zu füllen. Denn kein Ressort ist so umfangreich wie das Lokale und hat so differenzierte Erwartungen des Publikums zu erfüllen.“[113]

Ob diese Problematik von lokalen Printredaktionen, zu wenige Nachrichten zu haben, auch auf lokale Nachrichtenmagazine im Fernsehen oder auf lokales Web-TV zutrifft, wurde nicht erläutert.

Kretzschmar et al. kritisieren, dass neben dem erwarteten Publikumsinteresse auch Einflüsse wie der Druck von Anzeigenkunden, die Haltung lokaler Prominenz und Kollegenmeinungen die Themenrelevanz bestimmen: „Eine ‚objektive‘ Relevanz für den Wert einer Nachricht gibt es nicht.“[114] Das widerspricht Ragers Anforderungen:

„Qualität zeigt sich in diesem Zusammenhang (der Relevanz) vor allen Dingen durch eine professionell zuverlässige und möglichst wenig willkürliche Auswahl.“[115]

Der externe Druck von Anzeigenkunden oder Prominenz lässt jedoch auf eine (aus journalistischer Sicht) willkürliche Bestimmung der Themenrelevanz schließen, wodurch die Themenauswahl den Ansprüchen an Qualität nicht gerecht wird.

Ein weiteres Relevanzkriterium ist die zeitliche Nähe, auf die bereits hingewiesen wurde.[116]

Für Rager spiegelt sich die Relevanz von Themen nicht nur in der Entscheidung wider, ob das Thema (bei Printmedien) überhaupt ins Blatt kommt, sondern auch an der Platzierung und der Aufmachung des Artikels.[117] Dies lässt sich auch auf TV-Journalismus übertragen: So gibt es hier hoch angesehene und weniger prominente Sendeplätze.

Wie relevant ein Thema ist, wird auch vom Nutzwert beeinflusst. Ein Beitrag hat nach Göpfert Nutzwert, wenn er Orientierung bietet, Hintergründe erhellt, Zusammenhänge klar macht, aktualisierte oder wichtige Informationen enthält oder dem Rezipienten hilft, sich eine Meinung zu bilden.[118]

Um die Qualitätsdimension Relevanz zu wahren, sind folgende Aspekte zu beachten:

- Relevanz bedingt eine möglichst unwillkürliche Themenauswahl.
- Um die Relevanz eines Themas zu bewerten, sind die Nachrichtenfaktoren zu beachten.
- Die Entscheidung für ein Thema muss frei von äußeren Einflüssen stattfinden.
- Für die Relevanz ist der Nutzen für das Publikum zu berücksichtigen.

4.2.4 Vielfalt

Lokale Medien erfüllen verschiedene Funktionen. Hierbei werden die Sozial-Integrative Funktion, die Gesellschaftlich-Politische Funktion und die Unterhaltungsfunktion genannt. Mit der Sozial-Integrativen Funktion ist gemeint, den Rezipienten eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen – beispielsweise durch Veranstaltungstipps. Die Gesellschaftlich-Politische Funktion meint einen Informationsauftrag, dass über politische und gesellschaftliche Ereignisse in der Region berichtet wird. Somit sind Berichte über Ratssitzungen und über Ereignisse in wichtigen Vereinen obligatorisch. Die Unterhaltungsfunktion meint unterhaltsame Elemente. Diese haben in der Praxis nicht zwangsläufig einen lokalen Bezug, sondern können zum Beispiel durch Rubriken wie regelmäßig erscheinende Glossen abgedeckt werden.[119]

Die im RStV geforderte Meinungsvielfalt ist ebenfalls für die Beurteilung journalistischer Qualität relevant:

„Die bedeutsamen, politischen, weltanschaulichen und gesellschaftlichen Kräfte und Gruppen müssen in den Vollprogrammen angemessen zu Wort kommen; Auffassungen von Minderheiten sind zu berücksichtigen. [...]

(2) Ein einzelnes Programm darf die Bildung der öffentlichen Meinung nicht in hohem Maße ungleichgewichtig beeinflussen.“[120]

Dies meint die gleichmäßige Verteilung der Themen, um alle gesellschaftlich relevanten Themen im Programm zu erwähnen.

Dieses Spektrum an Funktionen wird durch die Qualitätsdimension Vielfalt abgedeckt. Hiermit ist im Besonderen die thematische Vielfalt gemeint. Rombach ermittelte 1979 in einer Studie das Vorkommen bestimmter Themengruppen bei Lokalzeitungen. Hierzu untersuchte er die „Heidenheimer Neue Presse“, die „Esslinger Zeitung“, die „Schwäbische Post“, die „Filder Zeitung“, die „Hildenheimer Zeitung“, die „Schwäbische Zeitung“ und die „Ipf- und Jagst-Zeitung“.[121]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Häufigste Themengruppen von Lokalzeitungen.

(Vgl. Rombach 1983, S. 245 ff., zit. nach Kurp 1994, S. 204; eigene Ergänzungen)

Um einen Annäherungswert für die durchschnittliche Verteilung der Themengruppen bei der Auswahl der Lokalzeitungen zu ermitteln, ist die Tabelle in dieser Arbeit um die Spalte „Mittel“ ergänzt, die den Durchschnittswert der einzelnen Zeitungsergebnisse enthält. Diese Ermittlung des Durchschnittswerts ist allerdings durch zwei Sachverhalte problematisch und somit nur als grober Annäherungsversuch zu verstehen: Zum einen werden alle Zeitungen – unabhängig von Bedeutung oder Auflage – als gleichwertige Medien betrachtet. Zum anderen sind die nicht ausgefüllten Zellen auf Grund von Rombachs Untersuchungsdesign eigentlich nicht als „Null“ zu werten, sondern zählen lediglich zu den Themengruppen, die nicht zu den zehn stärksten ihrer jeweiligen Zeitung gehören. Somit können die Ergebnisse des Durchschnittswertes nur eine grobe Richtung der Themenrelevanz bei Lokalzeitungen angeben.

Die wichtigste Themengruppe der von Rombach untersuchten Lokalzeitungen war der boulevardeske Bereich „Human Interest“ mit 16,1 Prozent. Die Themengruppe „Bildung“ war mit 13,1 Prozent am zweitwichtigsten, gefolgt von „Justiz/Verbrechen/Unfall“ mit 12,2 Prozent und der Politikberichtserstattung (10,8 Prozent).

Abbildung 7: Häufigste Themengruppen von Lokalzeitungen 1979.
Grobe Annäherung. (Eigene Berechnungen und Darstellung nach Rombach)

Der Anteil an „Human Interest“-Themen ist – abhängig von der Definition – noch deutlich höher zu werten, als die angenäherten 16,1 Prozent. So zählten Hüther et al. zu den „Human Interest“-Themen auch die hier differenzierten Kategorien „Justiz/Verbrechen/Unfall“, und „Freizeit“.[122] Hiermit läge der „Human Interest“-Themenbereich angenähert bei 34,4 Prozent.

Hüther et al. analysierten im Oktober 1969 zwei Wochen lang den Inhalt und die Struktur regionaler Großzeitungen in Düsseldorf, Essen und Köln. Sie wählten die Dimensionen „Themenbereiche/Sachgebiete“, „Herkunft/Quelle“ und „Beschaffenheit der Zeichenträger: Verhältnis von Text und Illustration“ als Bezugspunkte.[123] Die Differenzierung der Kategorien fiel mit insgesamt 31 Spezifikationen sehr detailliert aus.[124] Ebenfalls in der Kategorisierung unterschieden Hüther et al. die formalen Kennzeichen. Diese wurden in der Studie in drei Gruppen zerlegt. Erstens in das verwendete Zeichensystem (Kodierung: Text- oder Bildbeitrag), zweitens nach der Herkunft/Quelle (eigener Bericht oder Agenturmeldung) und drittens nach der Exklusivität (ausschließliche Erscheinung des Themas im untersuchten Medium oder auch Erwähnung in anderen Medien).[125]

[...]


[1] BDZV 2010a

[2] Vgl. BDZV 2010b

[3] Stindl 2009, S. 52

[4] Kurp 2010

[5] Vgl. Hebben 2010

[6] Vgl. Kretzschmar et al. 2009, S. 19

[7] Vgl. Gugel/Müller 2007, S. 20

[8] Vgl. Gugel/Müller 2007, S. 33

[9] Vgl. Kretzschmar 2009, S. 74

[10] Vgl. Korff-Sage 1999, S. 58

[11] Vgl. BDZV 2010c, S. 17

[12] BDZV o.V. 2010c, S. 3

[13] Vgl. Schütz 2009, S. 481

[14] Vgl. Kretzschmar et al. 2009, S. 73

[15] Vgl. BVDA 2010

[16] Kretzschmar et al. 2009, S. 73

[17] Vgl. ALM 2010

[18] Vgl. Kretzschmar et al. 2009, S. 74

[19] Vgl. Kretzschmar et al. 2009, S. 70

[20] Vgl. BDZV 2010b

[21] Dettmar 2009, S. 16

[22] Dettmar 2009, S. 16

[23] Vgl. BDZV 2010b

[24] Breunig 2007, S. 479

[25] Vgl. Breunig 2007, S. 479

[26] Vgl. Kibele 2001, S. 155

[27] Vgl. Kibele 2001, S. 176

[28] Hebben 2010, S. 13

[29] Vgl. Roland Berger Strategy Consultants 2008, S. 5 f.

[30] Vgl. Breunig 2007, S. 483

[31] Breunig 2007, S. 483

[32] Vgl. Breunig 2007, S. 483

[33] Vgl. Breunig 2007, S. 483

[34] Vgl. Breunig 2007, S. 487

[35] Vgl. Global internetTV 2010

[36] Vgl. BDZV 2010b

[37] Vgl. BDZV 2010d

[38] Vgl. Online Marketing Service GmbH & Co. KG 2010

[39] Vgl. Kurp 2010

[40] Vgl. Kibele 2001, S. 163

[41] Alkan 2006, S. 112

[42] Vgl. Alkan 2006, S. 112

[43] Alkan 2006, S. 112

[44] Vgl. Alkan 2006, S. 112 f.

[45] Alkan 2006, S. 113 f.

[46] Vgl. ARD/ZDF 2010

[47] ARD/ZDF 2010

[48] Vgl. Roland Berger Strategy Consultants 2008, S. 3

[49] Vgl. Roland Berger Strategy Consultants 2008, S. 6

[50] Stipp 2009, S. 228

[51] Stipp 2009, S. 229

[52] Vgl. Stipp 2009, S. 229

[53] Vgl. Roland Berger Strategy Consultants 2008, S. 10

[54] Vgl. werben & verkaufen 2008, S. 10

[55] Wissen Media Verlag 2006, S. 263

[56] Vgl. Wallisch 1995, S. 100

[57] Vgl. Bammé/Kotzmann/Reschenberg 1993, S. 8

[58] Vgl. Hasebrink 1997, S. 202

[59] Rau 2005, S.75

[60] Vgl. Rager 1994, S. 189 f.

[61] Held/Ruß-Mohl 2005, S. 49

[62] Held/Ruß-Mohl 2005, S. 54

[63] Ruß-Mohl 1992, S. 85

[64] Vgl. Held/Ruß-Mohl 2005, S. 56

[65] Bammé/Kotzmann/Reschenberg 1993, S. 9

[66] Rager 1994, S. 189

[67] Vgl. Hagen 1999, S. 120

[68] Göpfert 1993, S. 106

[69] Vgl. Krüger 2001, S. 57

[70] Vgl. Rau 2005, S. 67

[71] Wallisch 1995, S. 98

[72] Vgl. Wallisch 1995, S. 98

[73] Vgl. Rager 1994, S. 190

[74] Rager 1994, S. 193

[75] Kurp 1994, S. 72

[76] Rager 1994, S. 191

[77] Kretzschmar et al. 2009, S. 110

[78] Vgl. Hohlfeld 2003, S. 209

[79] Vgl. Held/Ruß-Mohl 2005, S. 55

[80] Vgl. Held/Ruß-Mohl 2005, S. 55

[81] Vgl. Weiß 1997, S. 188

[82] Vgl. Weiß 1997, S. 195

[83] Weiß 1997, S. 196

[84] Vgl. Lagier 2002

[85] Vgl. Tebert 2003, S. 319

[86] Vgl. Hagen 1995, S. 128

[87] Rager 1994, S. 196 f.

[88] Rager 1994, S. 197

[89] Fahr 2001, S. 26

[90] Vgl. Fahr 2001, S. 26

[91] Wallisch 1995, S. 96

[92] Vgl. Schuler 2009, S. 58

[93] Vgl. Kretzschmar et al. 2009, S. 111

[94] Vgl. Jonscher 1995, S. 277

[95] Vgl. Hagen 1999, S. 119

[96] Vgl. Zoll 1974, S. 214

[97] § 3 LPrG NRW

[98] Vgl. Rohr 1978, S. 312 f., zit. n. Kurp 1994, S. 221

[99] Vgl. Kapitel 4.2.4 Vielfalt

[100] Vgl. BetrVG § 118, Abs. 1

[101] Wallisch 1995, S. 106f.

[102] Vgl. Huber 2001, S. 151

[103] Wallisch 1995, S. 138

[104] Vgl. Müller 2004, S. 46

[105] Wallisch 1995, S. 113

[106] Vgl. Wallisch 1995, S. 115

[107] Vgl. Hohlfeld 2003, S. 208

[108] Vgl. Kepplinger 1984

[109] Vgl. Schatz/Schulz 1992, S. 698

[110] Vgl. Hagen 1995, S. 72

[111] Vgl. Rohr 1978, S. 323-325

[112] Kretzschmar et al. 2009, S. 52

[113] Kretzschmar et al. 2009, S. 53 f.

[114] Vgl. Kretzschmar et al. 2009, S. 51

[115] Rager 1994, S. 198

[116] Vgl. Kapitel 4.2.1 Aktualität

[117] Vgl. Rager 1994, S. 198

[118] Vgl. Göpfert 1993, S. 102

[119] Vgl. Jonscher 1995, S. 143

[120] RStV § 25

[121] Vgl. Rombach 1983, S. 245 ff.

[122] Vgl. Hüther et al. 1973, S. 108

[123] Vgl. Hüther et al. 1973, S. 22

[124] Vgl .Hüther et al. 1973, S. 23

[125] Vgl .Hüther et al. 1973, S. 34

Details

Seiten
117
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640880287
ISBN (Buch)
9783640880461
Dateigröße
843 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169438
Institution / Hochschule
Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg
Note
1,0
Schlagworte
Web-TV Journalismus Internet Web 2.0 Videojournalist Lokaljournalismus WDR Lokalzeit ksta Qualität journalistische Qualität Vergleich Qualitätsdimensionen Internetfernsehen TV

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Titel: Weniger Qualität im Internet? Ein Vergleich von lokalem Web-TV und öffentlich-rechtlicher Magazinsendung