Lade Inhalt...

Der Topos Mütterlichkeit am Beispiel Bertolt Brechts „Der kaukasische Kreidekreis“ und „Mutter Courage und ihre Kinder“

Examensarbeit 2007 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Topos Mütterlichkeit
2.1. Der kaukasische Kreidekreis
2.1.1. Die als Mütter oder mütterlich vorkommenden Figuren
2.1.2. Produktivität und Mütterlichkeit
2.2. Mutter Courage und ihre Kinder
2.2.1. Die als Mütter oder mütterlich vorkommenden Figuren
2.2.2. Produktivität und Mütterlichkeit

3. Der Topos Mütterlichkeit im kaukasischen Kreidekreis und Mutter Courage und ihre Kinder. Ein Vergleich

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mütterlichkeit. Ein bestrittenes Thema, nicht nur in Brechts Theaterstücken, sondern auch im alltäglichen Leben. Öfters kommt das Thema der, von ihren Eltern, verlassenen oder schlecht behandelten Kindern vor. Geschweige denn von der leiblichen Mutter, die wegen des Gebärens viel mehr Gründe als der Vater selbst hat, sich um ihr Kind zu sorgen und es zu lieben. Und wie oft hat man Mütter adoptierter Kinder gesehen, die, auch wenn nicht blutverwandt, das Kind über ihr eigenes Leben setzen und um sein Wohlsein sorgen.

Nicht nur eine Frage der familiären Beziehungen, sondern der Gesellschaft an sich. Denn der Mensch ist nicht nur Produkt seiner genetischen Vorraussetzungen, sondern auch der gesellschaftlichen Einflüsse, wie immer diese auch heißen wollen(Familie, Schule und so weiter). Diese Einflüsse, seit Geburt her, sind auch diejenigen, die seine Persönlichkeit bilden und ihn zum denkenden(oder nicht) und handelndem Individuum machen. Unter diesem Prisma werden auch im Folgenden, am Beispiel Brechts, die Beziehungen zwischen Müttern und Kindern gestellt, um genau diese Einflüsse herauszuarbeiten und die Gründe, die zu dieser Mütterlichkeit oder Nicht-Mütterlichkeit führen, zu skizzieren. Ob Mutterschaft und Mütterlichkeit, im kaukasischen Kreidekreis und in Mutter Courage und ihre Kinder, zusammen gehören oder sich einander ausschließen, oder ob dies ein „Fall des Zufalls“ ist, wird hier ausführlich belegt und diskutiert. Denn, nach Brechts Meinung, um ein bisschen vorauszudeuten, müsste man „zur Kenntnis die Meinung der Alten [nehmen]“, nämlich: „Daß da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind,/ also/ Die Kinder den Mütterlichen, damit sie gedeihen/ Die Wagen den guten Fahrern, damit gut gefahren wird/ Und das Tal den Bewässerern, damit es Frucht bringt.“ (K 120) In der vorliegenden Hausarbeit handelt es sich um einen Versuch den Topos Mütterlichkeit in Brechts kaukasischen Kreidekreis und Mutter Courage und ihre Kinder zu skizzieren und seine gesellschaftlichen Ausmaße zu erkennen.

Im folgenden wird jedes Werk für sich behandelt, um erst die behandelte Thematik in ihren Kernpunkten zu zerlegen und den Inhalt des Mutterseins für jede Figur zu definieren. Schließlich, wird in einem letzten Kapitel ein Vergleich der Mütterlichkeit, wie sie in den zwei Stücken zu beobachten ist, vollbracht.

Als Fazit der Arbeit werden die wichtigsten Ausgangspunkte dieses Vergleichs besprochen und die Kernproblematik als Frage der Gesellschaft gestellt. Schließlich ist die Mütterlichkeit und Nicht- Mütterlichkeit ein Phänomen, das sich in der Realität wiederfindet und nicht nur als theatralisches Merkmal betrachtet werden kann.

2. Topos Mütterlichkeit

2.1. Der kaukasische Kreidekreis

Bertolt Brecht schrieb seinen Kaukasischen Kreidekreis 1944/45 in Santa Monica(USA). Als zentrale Thematik gilt sowohl die M ü tterlichkeit als auch die Gerechtigkeit. Zwei große Themen der Weltliteratur werden also zu einem geschlossenen Kreis geführt: Das Spiel von Grusche Vachnadze, der Magd, die, in Zeiten der Revolte, durch Selbstopferung das Kind der harten Gouverneursfrau rettet, und das vom Azdak, des Arme-Leute-Richters, der, wenn auch betrunken und korrupt, das Chaos zu einer „kurzen, goldenen Zeit beinah der Gerechtigkeit“ macht. (vgl. K 2)

Diese zwei Themen, anfangs getrennt dargestellt, werden zum Schluss verbunden und führen zum Höhepunkt des Stückes. Durch epische Mittel werden von Brecht die wichtigsten Punkte betont und somit gesellschaftliche Kritik ausgeübt.

2.1.1. Die als Mütter oder mütterlich vorkommenden Figuren

In diesem Stück gibt es ein Kind, Michel und drei Figuren, die sich für die Rolle der Mutter, sozusagen, bewerben. Die erste und dazu leibliche Mutter des Kindes ist Natella Abaschwili. Die zweite ist Grusche Vachnadze, die das Kind an sich nimmt und aufzieht. Die dritte ist die Bäuerin, die das Kind aufnimmt als Grusche sich anfangs entschließt, es zu verlassen.

Natella Abaschwili erscheint schon im zweiten Bild des Stücks. Sie ist die Gouverneursfrau, woraus ihre hohe soziale Klasse festzustellen ist. Schon im ersten Auftritt wird ihre Beziehung zum Kind vorausgedeutet:

„DIE GOUVERNEURSFRAU Er hustet! Georgi, hast du gehört? Scharf zu den beiden Ä rzten, zwei würdevollen Männern, die dicht hinter dem Wägelchen stehen: Er hustet.“

Und weiter „DIE GOUVERNEURSFRAU Aber so sehen Sie doch nach ihm. Er sieht fiebrig aus, Georgi.“ (K 17) Eine Mutter also, die eigentlich andere Menschen beauftragt hat um sich um ihr Kind zu sorgen, etwas das auch als Eigenschaft ihrer sozialen Klasse zu betrachten ist. Aus diesen zwei Aussagen wird schon ihre Distanz zum Kind klar.

Außerdem handelt es sich um eine harte und selbstsüchtige Frau. Während ihrer Flucht, nachdem die Fürsten gegen den Großfürsten und seine Gouverneure meuterten, und ihr Mann verhaftet wurde, kümmert sie sich nur um ihre Kleider und schlägt dabei eine junge Kammerfrau:

Die Gouverneursfrau beobachtet eine junge Kammerfrau: Zerreiß die Ärmel nicht! DIE JUNGE FRAU Bitte, gnädige Frau, dem Kleid ist nichts passiert.

DIE GOUVERNEURSFRAU. Weil ich dich gefasst habe. Ich habe schon lange ein Auge auf dich. Nichts im Kopf, als dem Adjutanten Augen drehen! Ich bring dich um, du Hündin. Schlägt sie. (K28)

Eine Frau, also, die sich im Prinzip nur um sich selbst kümmert, egoistisch und unmenschlich. Sie hat von Beginn an ein hartes Profil und kümmert sich nur um die materiellen Werte des Lebens.

Grusche Vachnadze kommt auch im zweiten Bild des Stückes vor. Sie ist eine junge Magd, gehört also zu einer niedrigen sozialen Schicht und wird als einfältig, naiv aber gutherzig dargestellt. Nach der Flucht Natellas wird ihr das Kind von der Kinderfrau aufgeladen, worauf die Köchin folgende Reaktion hat:

„GRUSCHE Die Kinderfrau hat ihn mir für einen Augenblick zum Halten gegeben. DIE KÖCHIN Die kommt nicht zurück, du Einfältige!

[...]

DIE KÖCHIN Sie werden mehr hinter ihm sein als hinter der Frau. Er ist der Erbe. Grusche, du bist eine gute Seele, aber du weißt, die Hellste bist du nicht.“ (K 31)

Allein diese Aussage der Köchin lässt Grusches einfältiges und naives Wesen beschreiben. Und diese „gute Seele“, von der die Rede ist, wird sie auch dazu führen Michel an sich zu nehmen und für ihn zu sorgen:

„ Der Sänger laut:

Schrecklich ist die Verführung zur Güte! [...]

Lange saß sie bei dem Kinde/ Bis der Abend kam, bis die Nacht kam/ Bis die/ Frühdämmerung kam. Zu lange saß sie./ Zu lange sah sie / Das stille Atmen, die kleinen Fäuste/ Bis die Verführung zu stark wurde gegen Morgen zu/ Und sie aufstand, sich bückte und seufzend das Kind nahm/ Und es wegtrug.“ (K 34)

Die „Verführung zur Güte“ bringt sie also zu dieser Tat. Die Nächstenliebe bringt sie dazu einen Mitmenschen, in diesem Fall einem kleinen Kind, zu helfen und so beginnt auch das gemeinsame Leben der beiden. Denn, wie Jan Knopf in seinem Aufsatz betont:

„[Ist] Die Verführung [...] ausdrücklich nicht mit Mütterlichkeit begründet, sondern mit allgemeiner ‚Liebe’, die korrumpiert erscheint, wenn man sich nicht des anderen annimmt; in Grusche ‚erwacht’ also keine Mütterlichkeit, sondern sie wird durch die Tatsache, daß ein anderer Mensch Hilfe braucht, zur Hilfeleistung verführt, die sie widerwillig übernimmt: auch später versucht sie[...], die Verantwortung noch einmal weiterzugeben. Erst als auch das mißlingt, nimmt sie sich des Kindes ganz an und muß nun die Konsequenzen aus ihrer ‚Mutterschaft’ tragen.“ (Knopf 1996: 262)

Was die Bäuerin betrifft, handelt es sich, wie erwähnt, um eine Frau die Michel an sich nimmt, als Grusche sich anfangs entschließt ihn zu verlassen1. Auch sie gehört zu einer niedrigen sozialen Klasse. Menschlichkeit und Nächstenliebe sind auch in ihrem Fall festzustellen.

Als sie das Kind an ihrer Türschwelle findet, versucht ihr Mann sie zu überreden das Kind dem Pfarrer zu bringen und ihm zu überlassen. Sie aber weigert sich:

„DIE BÄUERIN Wenn ich’s in die Ecke neben dem Lehnstuhl bette, ich brauch nur einen Korb, und auf das Feld nehm ich’s mit. Siehst du, wie es lacht? Mann wir haben ein Dach überm Kopf und können’s tun, ich will nichts mehr hören.“(K 45)

Es ist festzustellen, dass die Thematik auch sozialgesellschaftlich bezogen ist. Schon in den ersten Bildern werden Unterschiede zwischen hoher und niedriger sozialen Schicht deutlich, was in folgendem Kapitel weiter besprochen wird.

2.1.2. Produktivität und Mütterlichkeit

Ein weiterer Schritt ist, die Produktivität dieser drei Frauen zu untersuchen und damit ist diejenige Produktivität gemeint, die sich an das Kind richtet. Denn diese Eigenschaft, wenn es sie überhaupt gibt, ist auch der wichtigste Punkt, der auch die Mütterlichkeit dieser Frauen bestimmt.

Im Fall der Gouverneursfrau ist eine Produktivität zu beobachten, aber nicht im Sinne der vorhin erwähnten. Schon am Anfang des Stückes wird dies vorausgedeutet:

„DIE GOUVERNEURSFRAU im Vorbeigehen: Es ist wirklich unmöglich, in dieser Baracke zu leben, aber Georgi baut natürlich nur für seinen kleinen Michel, nicht etwa für mich. Michel ist alles, alles für Michel!“(K 21)

Diese Frau, deren Unmenschlichkeit schon beschrieben wurde, spricht über ihr eigenes Kind und trotzdem sieht sie alles aus einer materiellen Sicht. Mit dieser Aussage zeigt sie sich sogar eine kleine Eifersucht auf ihr Kind fühlend.

Im letzten Bild, wo sie sich schon vor Gericht befindet und Michel „zurückzuerbitten“ sucht, wird aus einem Ausbruch ihres Anwalts deutlich, warum sie wirklich das Kind zurückhaben möchte:

DER ZWEITE ANWALT ausbrechend: Es ist unerhört, wie man diese Frau behandelt. Man verwehrt ihr den Eintritt in den Palast ihres Mannes, man sperrt ihr die Einkünfte aus den Gütern, man sagt ihr kaltblütig, sie seien an den Erben gebunden, sie kann nichts unternehmen ohne das Kind, sie kann ihre Anwälte nicht bezahlen!“(K 111)

Sie braucht also das Kind um an die Erbschaft zu kommen, um ihr früheres Leben in Reichtum weiterführen zu können. Keine Liebe und Sorgsamkeit sind ihre Motivation, sondern ihre eigene Selbstsüchtigkeit. Das ist auch der Grund, warum sie das Kind mit aller Kraft aus dem Kreidekreis zieht, ohne an sein Leben, das sie somit gefährdet, zu denken, und zwar nicht ein, sondern zweimal:

[...]


1 Auch in dieser Situation wirkt Grusche aber menschlich. Sie verlässt ihn nicht einfach vor einer Tür, sondern wartet und beobachtet Michel bis sie sicher ist, dass er aufgenommen und versorgt wird. (K45)

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640877218
ISBN (Buch)
9783640877256
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169398
Institution / Hochschule
Αριστοτέλειο Πανεπιστήμιο Θεσσαλονίκης - Thessaloniki – Philosophische Fakultät, Abteilung der deutschen Sprache und Philologie
Note
1
Schlagworte
topos mütterlichkeit beispiel bertolt brechts kreidekreis“ courage kinder“

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Topos Mütterlichkeit am Beispiel  Bertolt Brechts „Der kaukasische Kreidekreis“ und „Mutter Courage und ihre Kinder“