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Das Modell der Rätedemokratie und die Münchner Räterepublik des Jahres 1919

Magisterarbeit 2004 132 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

1.0 EINLEITUNG

2.0 Rezeption und Historiographie der deutschen Rätebewegung in Kontext mit der Münchner Räterepublik 1919
2.1 Problemlagen und Forschungsansätze
2.2 Rätebewegung und Entstehung der Weimarer Republik
2.2.1 Zur Differenzierung der Begriffe Rätedemokratie und Räterepublik
2.3 Die Bewertung der Münchner Räterepublik im der zeitgeschichtlichen Forschung
2.3.1 Die bayerische Revolution aus kommunistischer
2.3.2 Analyse des Verhältnisses von Rätebewegung insgesamtund im Besonderen in Bayern

3.0 Theorie und Praxis der Rätebewegung
3.1 Der Rätebegriff als Problem der Politik-und Geschichts- wissenschaft
3.2 Erste Versuche zur Etablierung einer Rätedemokratie
3.2.1 Die Pariser Kommune 1871
3.2.2 Die
3.3 Die Arbeiter –und Novemberrevolution 1918/19
3.3.1 Der Arbeiter –und Ausgangspunkt
3.3.2 Der Hamburger Arbeiter –und
3.3.3 Der Berliner Arbeiter –und der Volksbeauftragten
3.3.4 Die Hauptkennzeichen der Rätebewegung
3.4 Erscheinungsbild, Funktion und Bedeutung der Räte- kongresse
3.5 Parlamentarismus und Rätedemokratie- Entwicklungen Positionen und Kontroversen

4.0 Bedingungsfaktoren, Trägergruppen und Modelle
4.1
4.2 tendenzen vor dem Weltkrieg bis 1918
4.2.1 Das rätedemokratische Modell innerhalb der
4.3 Entstehung und Programmatik der USPD und ihr Verhältnis zur Rätedemokratie
4.3.1 Rätedemokratische Modelle innerhalb der USPD
4.4 Rätesystem der KPD
4.4.1 Das rätedemokratische Modell der KPD
4.5 Das Modell “ Eisner“ als
4.6. Anarchismus und Rätesystem
4.6.1 Erich Mühsam Versuch einer Befreiung der Gesellschaft vom
4.6.2 Gustav Landauer – Philosoph und Anarchist

5.0 Die Münchner Räterepublik
5.1 Allgemeiner Kontext: Bayern –soziale, ökonomische und politische Entwicklungen vor und während des Krieges
5.1.1 Phänomenologie der Entstehung revolutionärer Prozesse am Beispiel Bayern
5.2 Kurt Eisner und die Revolution vom 7.November 1918
5.3 Bayern zwischen Rätedemokratie und Parlamentarismus
5.3.1 Die innen-und außenpolitische Lage
5.4 Das Rätesystem in seinem Erscheinungsbild: Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte in München und Bayern
5.4.1 Der RAR ( Revolutionärere Arbeiterrat) – mit E.Mühsam und G.Landauer betreten die Anarchisten Die unmittelbare politische
5.5 Die Wahlen vom 12.Jänner 1919 und das Ende der Regierung Eisner
5.6 Das Interregnum: Doppelherrschaft von Regierung und Räten
5.6.1 Revolutionäre Frontstellungen: zwischen Kooperation und Agitation
5.7 Die 6 Tage der ersten Räterepublik- Die “Scheinräte- republik“
5.8 Die zweite Räterepublik – das kommunistische Experiment
5.9 Das Ende der 2.Räterepublik – die Konterrevolution

6.0 RESÜMEE
6.1 Zur Analyse des Modells der Rätedemokratie
6.2 Anspruch und Wirklichkeit revolutionärer

Konzeptionen am Beispiel der Münchner Räterepublik

ANHANG 1

ANHANG 2

LITERATURVERZEICHNIS

1. 0 Einleitung

Jedidiah Purdys kritischer Essay “Das Elend der Ironie“ - englischer Originaltitel: “For Common Things, Trust, Irony and Commitment in America Today“ - erregte bei seinem Erscheinen im Jahre 1999 nicht nur in den USA, sondern darüber hinaus auch im deutschen Sprachraum mehr als die übliche Aufmerksamkeit. Ein Phänomen steht zur Diskussion, das am Ende des 20.Jahrhunderts und am Ausgang zum 3.Jahrtausend von zentraler Bedeutung erscheint, nämlich der Rückzug der Menschen aus der politisch gestalteten Öffentlichkeit und seine scheinbare Ohnmacht gegenüber zunehmend anonymen, nicht mehr zu durchschauenden politischen und ökonomischen Machtstrukturen.

Nun zeigt ein Rückblick auf vergangene Epochen aber, dass die Politik seit dem Ende des 18. Jahrhunderts vor allem darauf abzielte, Verheißung zu entwickeln, das Leben in elementarer Weise zum Besseren zu wenden. Im 19. und 20.Jahrhundert verdichteten sich dieses Bestrebungen noch, gestärkt durch prophetische Ambitionen zur “Veränderung der menschlichen Bedrängnis“ (Purdy 1999, S.58). Allenthalben entstanden daraus Revolutionen als sichtbarerer Ausdruck dieser Hoffnungen und Sehnsüchte nach sozialer Gerechtigkeit und politischer Teilhabe aller Schichten am Gestaltungsprozess einer Gesellschaft.

Der traditionelle Revolutionsbegriff richtet dabei sein Hauptaugenmerk auf einen zugleich elementaren und gewaltsamen Umsturz der bestehenden politischen und sozialen Ordnung. Er kann dabei oftmals gar nicht umhin, der Versuchung zu unterliegen, die revolutionären Volksmassen romantisch zu verklären (Ay 1968) .

Leo Trotzkis Grundmuster revolutionärer Entstehungsbedingungen, vor dem Hintergrund der Russischen Revolution entwickelt, geht hingegen von einer deterministischen Annahme aus. Darin formiere sich einen breite Front aller Gegner des alten Regimes. Diese führe zu einer revolutionären Übergangssituation in der neben revolutionären Organen eine alte durchaus provisorische Regierung ein System der Doppelherrschaft führten. Schließlich werden die Radikalen durch den Gang der Ereignisse immer stärker und verdrängten die alten Eliten von der Macht. Am Höhepunkt der Auseinandersetzungen stehe freilich eine diktatorische Phase, die schließlich die neue Herrschaft zu zementieren vermag (Neubauer 1968).

Die Geschichte der Rätebewegung zeigt, soviel sei vorweg festgestellt, ein faszinierendes Beispiel des Versuches, unmittelbare, aktive und selbstverantwortliche Teilhabe an der politischen Macht zu erringen. Für die Verhältnisse in Deutschland, die den Schwerpunkt dieser Magisterabschlussarbeit bilden, muss aber obige Deutung entscheidend modifiziert werden. Die Novemberrevolution bildete im Sinne von K.D. Bracher eine tiefgreifende Umwälzung der politischen Strukturen und der Gesellschaft, ohne dass diese aber sogleich und in ihrer ganzen Tragweite zu übersehen, wohl auch zu qualifizieren gewesen wären (2002, S.36-38). Gewiss, die Vertreter der alten Ordnung waren nicht mehr fähig und wohl auch nicht mehr Willens der Entwicklung Einhalt zu gebieten, doch war andererseits das Neue in Gestalt der Rätebewegung, noch nicht in der Lage, ihren Zielvorstellungen eine eindeutige Richtung zu geben. Erst zu einem Zeitpunkt als die wichtigen politischen Entscheidungen schon längst gefallen waren, vermochte sie Modelle einer zukünftigen neuen Staatsform zu präsentieren.

Die vorliegende Abhandlung “Das Modell der Rätedemokratie und die Münchner Räterepublik des Jahres 1919“ will den idealtypischen Charakter von Modellen, im Sinne einer Nachbildung der Wirklichkeit oder doch zumindest ihrer Teilsegmente, Rechnung tragen. Sie ist daher keinesfalls eine narrative Rekonstruktion der historischen Ereignisse. Damit wird jedoch nicht beabsichtigt, die wesentlichen historischen Zusammenhänge außer Acht gelassen werden. Sie sind für das Verständnis der vorliegenden Thematik und ihre geschichtliche Einordnung durchaus notwendig. Dies gilt auch für die Entwicklungsstadien der deutschen Rätebewegung. Im Zentrum der Betrachtung steht jedoch die Analyse der Ursprünge der Rätebewegung, ihren Entstehungsbedingen sowie ihren Trägergruppen und allenfalls daraus sich entwickelnden Modellvorstellungen, die ein besseres und gerechteres Staatswesen zu verheißen vermochten.

Am Beispiel der Münchner Räterepublik soll aber auch die Bewährung in der Realität, und dies kann sogleich vorweggenommen werden, ihr Scheitern gezeigt werden.

Gab es ein besonderes Gesicht der Münchner Revolution, wie dies in der einschlägigen zeitgeschichtlichen Forschung immer wieder betont wird (Ay 1968; Kolb 1962; Oertzen 1976)?

Sie ist zum Ersten bereits vor den entscheidenden Ereignissen in Berlin erfolgreich durchgeführt worden und hat “als bayerische Revolution“ auch eine breitere Grundlage im Bürgertum (Kleinbürger, Intellektuelle) als etwa in anderen Teilen Deutschlands. Sie war zum Zweiten nicht nur eine Revolution der Arbeiter und Soldaten, denn als eine der Trägergruppen fungierte eine kleine aber aktive Gruppe der bayrischen Bauernschaft. Sie erhielt zum Dritten ihre besondere Prägung durch die Gestalt Kurt Eisners, des revolutionären ersten Ministerpräsidenten der Republik Bayern. Seine neue Form der revolutionären Demokratie propagierte einen Dualismus zwischen Rätewesen und bestehendem Parlamentarismus, erfüllt von der idealistischen Wunschvorstellung, dass nämlich eine Revolution erstmalig im Laufe der Geschichte Idee und Wirklichkeit zu vereinen vermöge. Aus den zuvor erwähnten Gründen muss allerdings der Vorgeschichte zur eigentlichen Räterepublik ein breiterer Raum gewidmet werden.

Der Werdegang der “Münchner Räterepublik“ spiegelt alle jene charakteristischen Entwicklungslinien und Problemstellungen der gesamten Rätebewegung wider, die eine exemplarische Analyse durchaus rechtfertigen.

Die Münchner Räterepublik wurde ausgerufen, als auf Reichsebene die entscheidenden Würfel längst gefallen waren, die Machtverteilung nahezu als unwiderruflich entschieden galt. Der Versuch zur Schaffung eines neuen revolutionären Staatsgebildes ist daher nur mehr als ein Epilog der deutschen Revolution anzusehen, in der allerdings die politischen Leidenschaften hüben wie drüben eine letzte und zugleich dramatische Erregung zu erreichen vermochten.

2.0 Rezeption und Historiographie der deutschen Rätebewegung im Kontext mit der Münchner Räterepublik seit 1919

An dieser Stelle ist eine einschränkende Vorbemerkung angebracht. Die vorliegende Arbeit legt ihren Schwerpunkt auf die theoretischen Konzeption und die Realisierungsmöglichkeiten der Rätebewegung. Daher werden in diesem Kapitel nur Forschungspositionen jener Autoren referiert, denen in diesem Sinne eine besondere Relevanz zukommt. Im folgenden Abschnitt sind dies zunächst Eberhard Kolb, Peter von Oertzen und Volker Arnold, deren Publikationen zwischen 1962 und 1985 veröffentlicht wurden.

2.1 Problemlagen und Forschungsansätze

Peter von Oertzen skizziert einen historischen Forschungsansatz, dem er sich verpflichtet fühlt. Er verweist auf die Notwendigkeit, neben den wirtschaftlichen, politischen und sozialen Bedingungen auch die soziale Zusammensetzung und die Organisationsformen der Räte zu ergründen. Sodann ist ihr Verhältnis zur bestehenden alten Ordnung mit der Ideenwelt der Rätebewegung und ihrem Verhältnis zur Realität in Beziehung zu setzen. Oertzen fokussiert hier drei Problembereiche:

Die PERMANENZ: Funktionierende direkte Demokratie basiert auf dauernder Bereitschaft der Urwähler in der politischen Willensbildung aktiv zu sein, ansonsten verkümmert die direkte Demokratie und der “reale Volkswille wird zur Fiktion“ (1976, S.13).

Die ZENTRALISATION: Die Diskrepanz zwischen überschaubaren lokalen Basiseinheiten, denen die politische Willensbildung überwiegend zukommt, und den übergeordneten oder zentralen Instanzen wird sichtbar. Dies erscheint besonders gravierend in wirtschaftlich hochentwickelten Gesellschaften und Flächenstaaten. Damit verbunden ist die Frage der Abgrenzung von Aufgabenstellungen zwischen den Räteinstanzen.

Die GESELLSCHAFTLICHE SPHÄRE: Hierbei gewinnen die Trägerschichten der Rätebewegung einen zentralen Stellenwert. Soldatenräte beispielsweise unterscheiden sich unter diesem Blickwinkel ganz erheblich in ihrem Interessens- und Aufgabenkreis von Arbeiter- oder Bauernräten. Dies erschwert gegebenenfalls eine von gemeinsamen Zielvorstellungen geleitete Handlungspraxis.

Eberhard Kolb wiederum geht es in seiner grundlegenden Studie über die Arbeiterräte in der deutschen Innenpolitik nicht so sehr um Geschichte des Rätegedankens an sich, vielmehr will er das Erscheinungsbild und die Rätewirklichkeit näher untersuchen. Zum einen geht er der Frage nach, in welchem Maße die Arbeiterräte Instrumente im Machtkampf darstellten und vor allem welche Ziele sie verfolgten. Zum anderen will er ergründen, ob die Arbeiterräte zu Integrationsorganen einer von den Volksmassen getragenen Demokratie befähigt waren. Sein Resümee beinhaltet eine Kritik an der SPD-Politik, da sie die Chance vertan habe, unmittelbare Demokratisierung der Verwaltung mit Hilfe der Räte zu verwirklichen Diese hätten aufgrund ihrer Einsicht, dass die Demokratisierung der Verwaltung ein Schlüssel zur staatlichen Umgestaltung sei, sehr wohl zur Sicherung eines demokratischen Staatsfundaments herangezogen werden können (1962, S.404-409). Als problematisch könnte sich hier jedoch die Frage erweisen, inwieweit das Aufzeigen historischer Tatbestände, die (Räte) Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit zu erfassen vermag.

Volker Arnolds Arbeit liegt die These zugrunde, dass die Rätemodelle als “Elemente der theoretischen Selbstreflexion einer sozialrevolutionären Massenbewegung“ (1985, S.13) verstanden werden müssen. Auf dieser Basis analysiert er die verschiedenen Rätekonzeptionen von SPD, USPD und KPD und kann gar nicht umhin auf die Hauptproblematik zu verweisen. Alle jene Rätekonzepte die nicht nur in Ansätzen stehen blieben, sondern sich zu Modellen verdichteten, wurden niemals in einer zusammenhängenden Form veröffentlicht. Zumeist ist man bei ihrer Rekonstruktion auf Reden, Proklamationen und Publikationen einzelner Parteiführer oder maßgeblicher Parteitheoretiker angewiesen. Dies ist auch für ihn zugleich ein Beweis für die einen längeren Zeitraum umfassende und prozessorientierte Entstehung. Arnold widmet sich auch die Frage, inwieweit zwischen Rätebewegung und Parlamentarismus Kompromisse möglich gewesen wären. Sein Fazit: Die radikale Rätebewegung links von der SPD und rechtem Flügel der USPD wollte einerseits Maximalziele, wie die Alleinherrschaft der Räte. Andererseits gab es auch Minimalziele, wie die Integrierung der Räte in die Verfassung als Aspekt einer Reformpolitik. Da die SPD-Führung die Revolution als Mittel einer neu zu schaffenden Gesellschaftsordnung ablehnte, habe dieser unüberbrückbare Gegensatz schließlich einen Kompromiss unmöglich gemacht (Arnold 1985).

2.2 Rätebewegung und Entstehung der Weimarer Republik

Karl Dietrich Erdmannns Aufsatz aus den 50er Jahren der die Bedingungsfaktoren der Entstehung und des Niedergangs der Weimarer Republik eingehend reflektierte, bildete den Beginn eines wissenschaftlichen Diskurses. Dieser fokussierte einerseits die Frage nach dem Scheitern der Weimarer Republik und führte freilich andererseits wiederum verschiedentlich zu einer Etikettierung ihrer revolutionären Entstehungsphase. Erdmann sieht im Gegensatz zu Arthur Rosenberg das Ende nicht in seinem Anfang begründet, wonach das Ausbleiben der sozialen Revolution und die verabsäumte Einsetzung von Räteorganen anstelle des alten Herrschaftsapparates früh den Untergang heraufbeschworen hätte (in VfZ 1/1955, S.6). Vielmehr müsse von einer echten geschichtlichen Entscheidungssituation ausgegangen werden, in der es nur eine Entweder-Oder-Situation gegeben habe: Proletarische Rätediktatur versus parlamentarische Republik (1955, S.7). Diese Position übernimmt er unverändert in seiner 1973 erschienen Geschichte der Weimarer Republik, in der er die Revolution von 1918 neuerlich mit der ausschließlichen Alternative zwischen Demokratie oder Diktatur verknüpft (hier Ausgabe 1997).

Auch Helmut Heiber sieht in der Entscheidung für eine demokratische Republik und gegen eine sozialistische Räteherrschaft den damals einzig vernünftigen Weg zur Errichtung eines demokratischen Staatswesens (1975, S.21-22). Für K.D. Bracher führte ein kurzzeitiges inneres Machtvakuum zu Unruhen und Aufständen, die 1919 in der Ausrufung von Räterepubliken gipfelte. Seiner Hauptthese zufolge bildete die Weimarer Republik den Endpunkt eines von der Bevölkerung akzeptierten Staats- und Verfassungsumbaues (2002, S.50).

Demgegenüber bezeichnet Wilfried Gottschalch die Novemberrevolution als “unvollendete Revolution“ (1978, S.28). Radikaldemokratische Ansätze, symbolisiert in der Rätebewegung, seien unterdrückt worden und der alte Beamtenapparat verblieb in seinen angestammten Stellungen. Als Ergebnis entstand eine Republik, die auf einem mühsam austarierten Gleichgewicht fußte, das bei der kleinsten Erschütterung stark gefährdet war. Sebastian Haffner, schließlich spricht von einer “verratenen Revolution“ (1981, S.213) und wirft in leidenschaftlicher Weise der SPD-Führung das Verkennen der großen Chancen einer basisdemokratischer Volksbewegung im Dienste der jungen Republik vor.

Karl – Ludwig Ay bezeichnet in seiner kommentierten Einleitung die deutsche Entwicklung im November 1918 zugleich nur das “ Bruchstück einer Revolution“ (Ay 1968, S.10). Warum diese Apostrophierung? Nun die alte Staatsordnung überstand den Umsturz in der Zusammensetzung der alten Beamtenschaft nahezu ohne Schaden. Als Endergebnis entwickelte sich eine parlamentarisch-republikanische Demokratie, die allerdings schon von Beginn an auf schwachen Beinen stand und mit beachtlichen Loyalitätsdefiziten zu kämpfen hatte.

Im seinem kürzlich erschienen vierten Band der Deutschen Gesellschaftsgeschichte thematisiert H.U. Wehler einen neuen Aspekt im Verhältnis von Rätebewegung und Weimarer Republik. Im Zentrum seiner Fragestellung steht das Rätesystem als mögliche dritte Alternative zwischen bürgerlich-parlamentarischer Republik und nationalsozialistischer Diktatur. Räte traten zunächst als Kampf- und Herrschaftsmittel einer oppositionellen Massenbewegung auf mit durchaus improvisiertem und spontanem Erscheinungsbild. Nach Wehler empfand sich jedoch der größte Teil als Übergangslösung für den zu erwartenden Neuaufbau der Demokratie (2003, S.206). Wie aber konnte nach Wehler dieser dritte Weg aussehen?

SPD und USPD hätten unter Zuhilfenahme der Rätebewegung den Staat und die Wirtschaft demokratisch umbauen und damit dem Ziele einer sozialen Demokratie sehr nahe kommen können. Diese Option waren jedoch von vorneherein verbaut, da die SPD als stärkste Kraft der Arbeiterbewegung dazu gar nicht bereit gewesen sei. Die Partei verstand sich bloß als Statthalter einer künftigen Demokratie, die aus freien Wahlen hervorgehen sollte und war einseitig auf eine Gefahr von links fixiert (2003, S.208-209).

Für Kolb hingegen ist die Entwicklung der Rätebewegung zumindest in den Anfängen offen und die allgemeine politische Lage durch eine gewisse Plastizität (1962, S.9) gekennzeichnet. Allerdings warnt er in diesem Zusammenhang vor einem allzu leichtfertigen Gebrauch des Terminus Revolution und spricht sich stattdessen für die Verwendung der Begriffe “revolutionäre Bewegung“, “Staatsumsturz“ oder “revolutionäre Ereignisse“ (1962, S.405) aus.

Zwei durchgängige Merkmale traten aufgrund der “grandiosen Willenslähmung der staatlichen Ordnungsmacht“ (1984, S.6) in Erscheinung:

Der Improvisationscharakter - es gab noch keine klaren Vorstellungen von Charakter, Aufgaben und Funktion der Räte. Es fehlte zudem eine durchgängigen Leitvorstellung. Erst später sei eine “politischen Bewusstwerdung “ (1962, S.86) erfolgt.

Die Kompromissstruktur - es fand (noch) kein Machtkampf auf der Linken statt. Unter dem Druck der Massen gab es häufig einen Kompromiss zwischen örtlicher SPD und USPD unter dem Gesichtspunkt der Parität und der Einheit.

Das Drei-Phasenmodell von Arnold orientiert sich an den Entwicklungsstadien der deutschen Rätebewegung. In der ersten Phase, November 1918 bis Dezember 1918, handelte es sich um eine Volksbewegung mit den Hauptforderungen nach Frieden und Ablösung der alten politischen Gewalten. Nach dem Rätekongress spaltete und radikalisierte sich jedoch die Bewegung und mündete in die 2. Phase, die von Dezember 1918 bis Mai 1919 andauerte. Jetzt tritt sie als Klassenbewegung auf. Während dieses Zeitraumes fand auch die Gründung von Räterepubliken statt. Der Protest gegen den bisherigen Revolutionsverlauf vermengte sich mit dem Versuch gefallenen politische Entscheidungen zu revidieren. Die Streikbewegung des Frühjahres kann dafür als Beispiel herangezogen werden. Nach dem Scheitern dieser revolutionären Protestbewegung entwickelte sich schließlich die dritte Phase, in der vorrangig der Kampf um ein Betriebsrätegesetz im Mittelpunkt stand. Dies Phase umfasste die Zeitspanne von Juni 1919 bis zum Frühjahr 1920 (1985, S.58-60).

2.2.1 Zur Differenzierung der Begriffe Rätedemokratie und Räterepublik

In seiner Analyse der reinen Rätetheorie versucht Oertzen eine erste differenzierte Sichtweise des Begriffes Rätedemokratie herauszuarbeiten. Nun forderten die Verfechter des reinen Rätesystems zwar, dass die politische und wirtschaftliche Leitung des Staates in die Hände demokratisch gewählter und kontrollierter Räte übergeben werden sollte, aber in der Praxis wurde der demokratische Charakter durchaus eigenwillig interpretiert. Im Rahmen des vom linken Flügel der USPD vertretenen Rätemodells fungierte die Diktatur des Proletariats als demokratische Selbstbehauptung der Arbeiterklasse gegenüber ihren Klassengegnern, etwa Großgrundbesitzern oder Unternehmern.

Die Theoretiker des reinen Rätesystems, wie etwa Ernst Däumig und Richard Müller, leugneten aber keinesfalls, dass die Arbeiter nicht ohne Weiteres die Verwaltung und die Produktion übernehmen konnten. Es galt daher auch nichtkapitalistische bürgerliche Schichten, Fachleute und Experten zu gewinnen. Gleichzeitig aber sollte der Kampf und die Selbstbehauptung gegenüber dem Bürgertum und den Kapitalisten stattfinden, was aber andererseits auch die Einschränkung des Wahlrechts zu den Räten rechtfertige. Oertzen sieht daher die Hauptschwäche dieser Rätekonzeption vor allem in der “Verschwommenheit der Begriffe [...] und phrasenhaften Allgemeinheit“ (1976, S.90) über das was Rätedemokratie zu sein hatte.

Die Kommunisten wiederum verstanden unter Rätedemokratie die Diktatur des Proletariats allerdings im Sinne Lenins unter Anleitung einer “kampfgestählten Partei“ (1976, S.98). Dies hätte letztendlich nicht nur den vollkommenen Ausschluss aller Nichtproletarier von Rätewahlen bedeutet, sondern musste auch zur kommunistischen Dominanz in solcherart als proletarisch-demokratisch bezeichneten Räteinstanzen führen.

Von Eberhard Kolb stammt die Unterscheidung in radikale und demokratische Arbeiterräte (1962, S. 285- 286).

Den Kriterien seiner Typologie zufolge zeichneten sich die radikalen Arbeiterräte durch drei hervorstechende Merkmale aus. In den allermeisten Fällen bestanden ihre Träger aus Mitgliedern des linken Flügels der USPD und der KPD, sowie verschiedener anderer linksradikaler Richtungen. Ihre Machtausübung war vom Versuch geprägt, strenge Kontrolle und Autorität über den jeweiligen Verwaltungsapparat und das Pressewesen auszuüben. Zumeist versagten sie aber dort, wo es darum ging öffentliche Ruhe und Ordnung zu schaffen. Radikale Räte betrachteten sich als institutionellen Dauerzustand und lehnten den Parlamentarismus ab.

Diesen Intentionen stellt Kolb die demokratischen Arbeiterräte gegenüber. Ihre Träger kamen überwiegend aus der SPD oder waren Mitglieder des rechte Flügels der USPD. Sie beschränkten sich aus eigenem Entschluss vorwiegend auf die Kontrolle der Verwaltungsdistanzen, setzten sich aber gleichzeitig für eine Demokratisierung der Verwaltung ein. Demokratische Räte betrachteten sich jedoch häufig als interimistische Lösung, die mit dem Zusammentritt des Parlaments enden sollte. Hierbei sind jedoch zu Kolbs Unterscheidungskriterien zwei Anfügungen angebracht. Wie in nachfolgenden Kapiteln noch zu zeigen sein wird, entfaltete sich die fatale Wirkung dieses Unvermögens der radikaler Räte, spätestens dann, wenn sie als Staatsorgane aufzutreten versuchten. Für die demokratischen Räte galt wiederum, dass sie im Zuge der zweiten Phase der Revolution vielerorts durchaus auf ihr Weiterbestehen drängten.

Kolb will den Begriff Räterepublik nur für die von radikalen Räten propagierte Staatsform angewendet wissen. Sie war von einer Alleinherrschaft der Räte gekennzeichnet unter bewusster und dauernden Ausschaltung parlamentarischer Institutionen (1962, S.325–385).

Anhand der Räterepubliken in Bremen (10.1-4.2.1919) und München versucht er vergleichende Kennzeichen dieser Form radikaler Räteherrschaft ausfindig zu machen. Das besondere Kennzeichen dieser Räterepubliken ist laut Kolb zunächst der “pathetische Akt“ (1962, S.327) ihrer Ausrufung. Es gab jedoch keine organisatorischen Vorarbeiten, keine grundlegenden Planungen personeller oder prinzipieller Art und schon gar keine einheitliche Geschlossenheit. Kolb prägte dafür den Begriff der “improvisierten Räterepublik“ (1962, S.327). Die als oberste Spitze eingesetzten Rätegremien proklamierten verschiedene Maßnahmen wie Sozialisierung, Schaffung einer Roten Armee, scharfe Kontrolle der Presse und errichteten in München sogar ein Revolutionstribunal. Die Ausführung scheiterte jedoch zumeist an der Unmöglichkeit die alte Bürokratie auf einen Schlag zu ersetzen, Differenzen zu überbrücken, aber vor allem an der Unfähigkeit Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten. Während der knapp dreiwöchigen räterepublikanischen Phase Bremens, so moniert Kolb, sei kein einzig nennenswerter Beschluss oder gar Erlass zustande gekommen (1962, S.340). Am Beispiel Münchens wird noch einmal auf diese zutreffende Charakterisierung Kolbs zurückzukommen sein. Gerade in München wurde jedoch der Begriff Räterepublik zum erlösenden Ausweg aus einer als unlösbar empfundenen politischen , sozialen und wirtschaftlichen Situation.

Arnold bezeichnet bereits die Regierungszeit Eisners als rationelle Räterepublik (1985, S.247-252). Er argumentiert dabei einerseits mit dessen geistig-ideeller Konzeption einer Rätedemokratie, die durchgängig als Gestaltungsmotiv seiner Politik in Erscheinung trat. Andererseits fungierten die im Laufe der Revolution entstanden Rätegremien bis Anfang Dezember nominell als oberste Instanz in Bayern

2.3 Die Bewertung der “Münchner Räterepublik“ im Spiegel der zeitgeschichtlichen

Forschung

Zur Münchner Revolution und zur Räterepublik im Besonderen sind im Laufe der Zeit eine Vielzahl von Publikationen erschienen. Im Folgenden sollen durchaus chronologisch wesentliche Beiträge genannt werden. In den Fällen, wo sie als gewichtige Orientierungspunkte der vorliegenden Arbeit gelten, werden sie auch ausführlicher kommentiert. Bereits im Jahr der Niederschlagung beschäftigten sich die Erinnerungen des Münchner Stadtrates Gerstl unter dem Titel “Die Räte-Republik des Zentralrates“ mit den Ereignissen, brauchbar freilich mehr als Quelle denn als analysierende Darstellung (Seligmann 1998). 1929 erschien im Berliner Fanal-Verlag Erich Mühsams Rechenschaftsbericht “Von Eisner bis Levine“. Der Bericht gewinnt in zweifacher Form an Bedeutung. Er ermöglicht einen Einblick in die unmittelbaren Aktionsfelder des Revolutionären Arbeiterrates, und bietet zugleich ein anschauliches Stimmungsbild des durch die Radikalen aufgeheizten Klimas. Mühsams Beurteilung der Räterepublik weist ihn zugleich als einen reumütig Bekehrten aus, denn er distanziert sich nachhaltig von der “Zusammenarbeit mit den Parteikommunisten“ (1978, S.14), deren kontraproduktiver agitatorischer Wühlarbeit er das Scheitern der 1.Räterepublik zuschreibt. Das Eisnerbild Mühsams ist von Brüchen gekennzeichnet. Zwar billigt er Eisner eine von Idealismus und ehrlichem Bemühen getragene Haltung in der Rätefrage zu, doch habe sich dieser von den Auerochsen (SPD, Anm. des Verfassers) gänzlich über den Tisch ziehen lassen. Er nennt drei Grundfehler, welche der Errichtung der 1.Räterepublik vorausgingen. Sie sei ohne genügende Vorbereitung, ohne genügenden militärischen Schutz und ohne genügende organisatorische Bereitschaft ausgerufen worden. Ganz im Gegenteil, es hätte alles fix und fertig sein müssen. Damit wäre der Hauptfehler einer “überstürzten Proklamation“ (S.69) vermieden worden. Allerdings reicht Mühsams Darstellung nur bis zu Ende der 1.Räterepublik, da er im Zuge der gegenrevolutionären Aktion verhaftet wurde.

Artur Rosenbergs “Geschichte der Weimarer Republik“ 1935 im Exil veröffentlicht, weist auf die Mitarbeit vieler SPD-Mitglieder im Rahmen der bayerischen Rätebewegung hin, geht aber ansonsten nicht näher auf die Räterepublik ein (Seligmann 1998). Während der nationalsozialistischen Zeit wurden einige Pamphlete gedruckt und veröffentlicht, die vorrangig unter Titeln wie “Rotmord über München“ die Abwehr des Bolschewismus verherrlichten. Aus den 50er Jahren ist im Gegensatz zu einigen Publikation aus konservativer Sicht Helmut Neubauers Untersuchung über “München und Moskau 1918/19“ von Bedeutung. Der Autor stellt darin die These auf, dass die bayerische Revolution keinesfalls das Machwerk dunkler ausländischer Insurgenten gewesen sei, sondern durchaus aus eigenständigem Antrieb erfolgte (Seligmann 1998). Eberhard Kolb befasste sich im Rahmen seiner Darstellung über die Arbeiterräte in der deutschen Innenpolitik aus dem Jahre 1962 mit dem Erscheinungsbild und den inneren Strukturen der bayerischen Räterepublik. Er sieht gleichzeitig die bayerische Entwicklung insgesamt als “Sonderfall “(S.332) an, die erst durch den Tod Eisners ihre radikale Hinwendung zur Räterepublik erfahren habe. Im Jahre 1967 erschien dann die deutschsprachige Ausgabe von Allan Mitchells “Revolution in Bavaria 1918/19“, eine auf umfangreichen Quellenrecherchen basierende Gesamtdarstellung in nicht-marxistischer Sichtweise. Dies gilt auch für die heutige Zeit, wenngleich etwa Roos Mitchells amerikanischen Hang zu simplifizierender Darstellung kritisiert. Die Beurteilung Eisners fällt zwiespältig aus. Mitchell billigt Eisner die Absicht zu, die Revolution in maßvollen und friedlichen Bahnen verlaufen zu lassen. Er sei aber schließlich an der Umsetzung illusionärer und wirklichkeitsfremder Konzepte gescheitert. Im Übrigen bezeichnet der Autor den revolutionären Umsturz durch Eisner als “Putsch“ (1967, S.80). Als Resümee der bayerischen Revolution stellt er drei Alternativen in den Raum:

1. Die Option einer dauerhaften Räterepublik - Sie musste scheitern, da Bayern zu stark vom deutschen Gesamtstaat abhing.
2. Die Möglichkeit einer Doppelherrschaft von Räten und Parlament - Dies blieb ein großartiger aber unrealisierbarer Plan, da er die bereitwillige Zusammenarbeit von Radikalen und Gemäßigten, Konservativen und Marxisten voraussetzte.
3. Die Errichtung einer parlamentarischen Demokratie, die unweigerlich zum Ende der Rätebewegung führen musste - Das wurde schließlich realisiert und die bayerische Verfassung vom August 1919 erfüllte die zentralen SPD-Forderungen aus der Vorkriegszeit.

Etwa zur selben Zeit wurden drei weitere Publikation veröffentlicht, die vorrangig als Quellensammlung gedacht waren. Gerhard Schmolzes “Revolution und Räterepublik in München 1918/19 in Augenzeugenberichten“, die sich als Rückgriff auf die unmittelbaren Quellenzeugnisse einer hochkomplexen Ereigniskette versteht, Karl-Ludwigs Ays ausführliche Dokumentsammlung “Appelle einer Revolution“ und die von Erwin Münz und Ludwig Morenz 1968 herausgegebene Stadtchronik “Revolution und Räteherrschaft in München 1918/19“. Allerdings tritt hier an die Stelle einer fundierten Bearbeitung, die “sachlich unvoreingenommene Beurteilung jener Zeit“ (S.5).

Sebastian Haffners Opus “Die Deutsche Revolution 1918/19“ (1979) widmet den Vorgängen in Bayern ein umfangreiches Kapitel (S.169-189 - Ausgabe 1981) und weiß mit scheinbar bestechender Klarheit die wahren Schuldigen am Untergang der Räterepublik zu verorten, nämlich die allzu kompromissbereite Sozialdemokratie.

Die voluminöse und 1988 (711 Seiten) in erster Auflage in Buchform erschienene Dissertation von Michael Seligmann “Aufstand der Räte“ will nach den Intentionen des Autors, “die unwichtigen unter den Strukturen der Geschichte zum Verschwinden gebrachten kleinen Einzelheiten als Mosaiksteine für das Gesamtbild verwerten“ (S.40 - Ausgabe 1998). Sie versucht ferner einen Beitrag zur Erhellung der Radikalisierungsprozesse innerhalb der bayrischen Rätebewegung zu leisten. Die Entwicklungstendenzen vom Ausbruch der Revolution bis zum Ende der 1.Räterepublik werden ausführlich abgehandelt. Von wesentlicher Bedeutung erscheint hierbei, dass die ansonsten häufig zu beobachtende Konzentration auf das Revolutionszentrum München zugunsten einer umfangreichen Darstellung der regionalen und lokalen Gegebenheiten aufgegeben wird. Dies gilt besonders für die Ausrufung der Räterepublik. Folgendes Fazit wird von Seligmann gezogen:

Die Räterepublik wurde ausgerufen als letzter verzweifelter Prostest der Rätebewegung gegen eine unumkehrbare Entwicklung, die von Berlin ausging (S.51). Der Entscheidungsprozess für eine Räterepublik vollzog sich nicht geradlinig. Die Massenbasis der Befürworter einer Räterepublik ist im städtisch-proletarischen Umfeld zu suchen. Die Ausrufung der Räterepublik war jedoch nicht die Aktion einiger weniger Männer, sondern entwickelte sich aus der radikalisierten Massenstimmung seit Ende Februar (S.45-50). Damit gelangt Seligmann zu einer ähnlichen Schlussfolgerung wie Kolb.

Zuletzt sei noch die im Jahre 1998 publizierte Darstellung von Walter Roos “Die Rote Armee der Bayerischen Republik “, erwähnt. Sie konzentriert sich allerdings vorrangig auf die militärische Komponente der bayerischen Revolution, legt aber auch hier das Dilemma der Rätebewegung offen: Revolutionärer Wille und Begeisterung konnten mangelnde fachliche und organisatorische Erfahrung in keiner Weise ersetzen (S.123-124).

2.3.1 Die bayerische Revolution aus kommunistischer Sicht

Eine bis heute als grundlegend anerkannte Gesamtdarstellung der bayerischen November-revolution und der beiden Räterepubliken aus kommunistischer Sicht hat im Jahre 1957 Hans Beyer in seiner Studie “Von der Novemberrevolution zur Räterepublik in München“ vorgenommen. Allerdings weist Ernst Engelberg in seinem Vorwort daraufhin, dass wesentliche Quellen wie die Akten des bayerischen Staatsarchivs nicht zugänglich waren (Einleitung, S.VII). Beyer stützt sich bei seiner Arbeit daher im Wesentlichen auf die bis dahin erschienene Literatur und die in den DDR-Archiven, wie etwa dem Zentralarchiv der SED, dem Institut für Marxismus-Leninismus und dem Deutschen Zentralarchiv in Berlin-Potsdam, vereinzelt aufliegenden Aktenfaszikel.

Ernst Engelberg bewertete in seinem Vorwort die Rolle Eisners im Rahmen der bayerischen Revolution als Konflikt zwischen idealistisch-moralischen Grundprinzipien und den im Sinne von Engels auf revolutionären Tatsachen beruhenden Grundlagen einer proletarischen Massenbewegung betrachtet (Einleitung, S.X). Beyer charakterisiert Eisner als Reformisten. Aufgrund seiner moralischen Prinzipientreue, habe er die auf Karl Marx basierende Einsicht negiert, dass nämlich die einfache Übernahme der staatlichen Macht nicht ausreiche, um revolutionäre Tatsachen zu schaffen (S.15). Für Eisner war aus der Sicht Beyers die Revolution mit der Übernahme der Regierungsgewalt abgeschlossen (S. 13). Als entscheidendes Manko der Eisnerschen Politik betrachtet er das Fehlen eines realen Programms und einer zukünftige Perspektive für jene Schichten, die Eisner anfänglich unterstützten. Diese hätten sich in ihrer Unzufriedenheit wieder der SPD zugeneigt (S.23). Aber gab es denn nicht weitere Alternativen von links? Gewiss habe mit der Gründung des Spartakusbunds und nachfolgend der KPD ein politische Kraft die Bühnen betreten, die sich als einzige Partei wirklich die Interessen der Massen vertreten habe und Räte als Grundlage der Staatsmacht des Proletariats betrachtete. Aber ihr anfängliches Hauptmanko sei die Nähe zu den Anarchisten und Linksradikalen aller Schattierungen gewesen. Dies führte zum Leugnen der Notwendigkeit einer revolutionären Vorbereitung für eine Machtübernahme durch die Räte, und hemmte andererseits die Entstehung einer disziplinierten proletarischen Partei, die dabei die Führung übernehmen musste (S 25). Beyer gelangt dabei zur Kernthese der kommunistischen Sichtweise, dass die Übernahme der Macht durch Räte der Abschluss eines Prozesses sei, nämlich die Revolution selber. Ihr muss aber einer Periode der Vorbereitung durch Schulung und Organisierung der Massen durch vorangehen (S.49). Die Kommunisten waren also in dieser Sichtweise noch gar keine marxistisch-leninistische Kampfpartei und es erschien daher nur logisch, dass Levien nach München gesandt wurde, um in dieser Hinsicht eine grundlegende Veränderung durchzuführen. Diese Argumentationsbasis behält Beyer auch in der Frage der Ausrufung der 1.Räterepublik bei. Die KPD war demnach hauptsächlich deshalb dagegen, weil die Massen noch nicht reif dazu gewesen seien und ihr für die Machtergreifung des Proletariats notwendiger Einfluss auf die Massen noch ungenügend war (S.73). Beyer gesteht hier die Tatsache ein, dass der kommunistische Einflussbereich insgesamt und auf Rätegremien im Besonderen und trotz Leviens heftiger Versammlungs- und Agitationstaktik und Levines Versuch einer Neuorganisation auf wenige Zentren Bayerns beschränkt blieb. In ihrem Ergebnis stellte die 1.Räterepublik laut Beyer daher eine “Karikatur auf die Diktatur des Proletariats“ dar, in der die Rätemacht nur auf “dem grünen Tisch“ (S.72) proklamiert worden sei. Allerdings kann er anderseits wiederum nicht umhin die 1.Räterepublik doch nicht nur als Produkt ehrgeiziger und weltfremder politischer Feuerköpfe zu diskreditieren. Ohne den Willen der Massen hätte sie gewiss nicht ausgerufen werden können (S.80). Wie anders aber wird hingegen die 2.Räterepublik beurteilt. Unter der Führung einer entschlossenen Kampfpartei habe sich eine der fortgeschrittendsten Aktionen der Rätebewegung in Deutschland entwickelt (S.97), denn es sei die Organisierung der Massen durch permanent tagende Rätegremien in ein neues Stadium getreten (S.101).

Woran aber scheiterte nach Beyer die zweite nunmehr kommunistische Räterepublik?

Am 27. April, jenem Tag an dem der oberste Vollzugsrates zurücktrat, ersuchte Lenin seine bayerische Genossen unter anderem um die Beantwortung folgender Fragen:

Haben sie Arbeiter- und Gemeinderäte in alle Stadtteilen geschaffen? Haben sie die Fabriken und Reichtümer der Kapitalisten enteignet? Haben sie Hypotheken und Pachtzahlungen für die Kleinbauern aufgehoben? Haben sie die Arbeiter bewaffnet und die Bourgeoisie entwaffnet?

(S102).

Für Beyer bildeten die äußeren Bedrohungen einen wesentlichen Bedingungsfaktor dafür, dass beinahe alle der in Lenins Telegramm genannten Fragen nicht verwirklicht wurden. So konnten die geplanten Maßnahmen zur Übernahme der gesamten politischen und wirtschaftlichen Leitung durch die Räte nur ansatzweise in Angriff genommen werden, blieb die Aktionsbasis auf den Raum München beschränkt und gelangen keine Maßnahmen, um die klein- und mittelbäuerlichen Schichten zu gewinnen (S.112). Zudem habe sich innerhalb der USPD der rechte Flügel durchgesetzt, der mit seiner Obstruktionspolitik den Sturz und die Niederlage der kommunistischen Räterepublik herbeigeführt habe (S.121-123). Die These von der richtigen Führung durch eine straffe klassenbewusste Kaderpartei wird jedoch von Beyer zu keiner Zeit ernsthaft in Zweifel gezogen.

Ähnlich argumentiert auch eine im Jahre 1958 von der Historischen Kommission der SED herausgegebene Sonderpublikation der “Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“, die sich rückblickend mit der Novemberrevolution des Jahres 1918 auseinandersetzt. Die Entwicklung der Rätebewegung im Frühjahr 1919 und insbesondere das Scheitern der Räterepublik in München werden dabei als Niederlage der Arbeiterklasse betrachtet (S.19). Nur eine wesentliche Lehre könne daraus gezogen werden, so das abschließende Resümee, nämlich die Führung einer revolutionär marxistischen Partei als Voraussetzung zur Verwirklichung des Sozialismus, freilich marxistisch-leninistischer Prägung (S.21-23).

2.3.2 Analyse des Verhältnisses von Sozialdemokratie und Rätebewegung insgesamt und im Besonderen in Bayern

Kolb hat das Gelingen der deutschen Revolution und damit auch die mögliche Umgestaltung des Staatswesens mit Hilfe der Rätebewegung eng mit der Haltung der SPD verbunden (1962, S.404- 409). Sie sei nicht nur die nachweislich stärkste Kraft der deutschen Arbeiterbewegung vor, während und nach der Revolution gewesen. Sie trug auch während des für die Rätebewegung entscheidenden Zeitraumes von November 1918 bis Frühjahr 1919 die Hauptverantwortung in der Regierung. Allein es mangelte am Willen und der Bereitschaft gänzlich neue gesellschaftliche Konzeptionen in Betracht zu ziehen. Die SPD war aber Kolb zufolge dazu gar nicht bereit. Stattdessen verfielen die maßgeblichen Parteispitzen einem Irrglauben, dass nämlich die Übernahme der Kabinettsposten einen realen Machtfaktor darstelle. Die falsch Einschätzung vom Wesen der Macht habe daher in weiterer Folge tiefe Eingriffe in die alten Verwaltungsstrukturen ausbleiben lassen. Die SPD hätte außerdem weder ein positives Ziel noch Perspektiven für den Einbau der Arbeiterräte in den politisch-staatlichen Bereich besessen. Damit erklärt sich aber noch keineswegs die Zuhilfenahme von rechtsgerichteten Freikorps bei der Niederschlagung linksradikaler Aufstände, wie etwa in Berlin oder bei der gewaltsamen Beseitigung der Räterepubliken in Bremen und München. Sie deutet Kolb als immanente Furcht vor einer Bolschewisierung, welche die Sozialdemokratie in die Hände konservativ-reaktionärer Militärs getrieben habe. In der Tat hatte bereits der Chefredakteur des Vorwärts Friedrich Stampfer Räte lediglich als temporäre Institutionen im Rahmen eines Machtvakuums bezeichnet, die jedoch nach Konstituierung eines gewählten Parlaments überflüssig wären (Oertzen 1976). Zumindest die meisten SPD-Mitglieder, die sich in nach Kolb in demokratischen Arbeiterräten exponierten übernahmen diese offizielle Rätedoktrin. Allerdings haben sich im Zuge der zweiten Etappe der Rätebewegung, hier sei Arnolds Phasenmodell herangezogen, auch eine immer größere Zahl von maßgeblichen sozialdemokratischen Rätefunktionären für den Weiterbestand der Räte eingesetzt. Der Vorsitzende des Frankfurter Vollzugsrates des Arbeiter- und Soldatenrates Leopold Harris forderte im Gegensatz zur offiziellen Parteilinie, den Weiterbestand der Räte als unabdingbare Stütze einer sozialistischen Regierung. Von der Erhaltung und dem Ausbau des Rätesystems hing nach Ansicht von Harris die politische und wirtschaftliche Sicherung der Revolution ab (Hillmann 1971, S.108-110). Auf dieser Basis entstanden wiederum sozialdemokratische Rätemodelle, die eine Einbindung der Rätebewegung in den Staatsaufbau freilich vorrangig auf betrieblich-wirtschaftlichem Gebiet vorsahen. Dass hierbei auf dem SPD-Parteitag im Juni 1919 ein Modell verabschiedet wurde, das eine durchaus enge Begrenzung der Rätefunktionen auf der Ebene des Betriebe vorsah, verweist nach Arnold (1985, S.253-280) auf einen innerparteilichen Kompromiss, der zumindest einen Minimalkonsens als notwendig ansah. Roos nennt als Haupthindernis für eine durchgreifenden Erfolg der bayerischen Rätebewegung eine gewisse staatskonservative Verfasstheit der ehedem als “königlich-bayerisch“ (1998, S.20) apostrophierten Sozialdemokratie. Schade weist hingegen überzeugend nach, dass anstelle dieser voreiligen Etikettierung eine differenzierte Betrachtung angebracht erscheint (1961, S.30-33). Nicht Revolution und gewaltsamer Umsturz hätten die Denkweise der verantwortlichen Parteiführer beherrscht, sondern die beständige Forderung nach einer grundlegenden Demokratisierung des Staatswesens.

Welche Prägung erfuhren die im Rahmen der bayerischen Revolution agierenden und zugleich führenden SPD-Politik?

Schade zeigt anhand dreier Beispiele den sozialen Aufstieg einer Politikergeneration, der sich allerdings ohne revolutionäre Begleitumstände vollzog.

Johannes Timm, der im Kabinett Eisner als Justizminister fungierte, war gelernter Schneider und stammte aus ärmlichen Verhältnissen 1898 folgte er dem Ruf der bayrischen SPD und begann dort eine durchaus bemerkenswerte Parteikarriere. Auf dem Landesparteitag in Würzburg 1898 wird er mit der Ausarbeitung von Organisationsfragen betraut. Zugleich ist Timm in Verhandlungen über ein Wahlbündnisses mit der Zentrumspartei involviert. Dieser von parteiinternen Gegnern kritisierte “Kuhhandel“ (1961, S.23) trug aber zum Erfolg der Partei bei den nachfolgenden Landtagswahlen bei.

Albert Rosshaupter, der unter Eisner als Minister für militärische Angelegenheiten eine maßgebliche Rolle in der Auseinandersetzung mit den Soldatenräten spielte, wurde als Sohn eines Häuslers und Korbmachers in kleinen Verhältnissen geboren. Nach dem Besuch der Volksschule und zahlreicher Fortbildungskurse arbeitet er als Lackierergehilfe in München. Seit 1887 ist er Mitglied der SPD und bringt es dort bis zum leitenden Organisationsreferenten.

Erhard Auer, der große Gegenspieler Eisners während der Revolutionszeit, wurde als Sohn einer ledigen Näherin in Dommelstadel bei Passau geboren. Nach dem Tod seiner Mutter wird der elternlose als Dorfarmenkind erzogen und verdingte sich als landwirtschaftlicher Arbeiter im benachbarten Österreich. Im Juli 1900 wird er nach dem Besuch von Abendkursen Praktikant der Ortskrankenkasse in München und betätigt sich eifrig als Mitglied der SPD. Als ihn Georg von Vollmar entdeckt beginnt sein Aufstieg in der Partei. 1907 kandidiert er auf einem sicheren Platz für die Landtagswahl und bereits ein Jahr später wird er Landessekretär der SPD und galt seither “als rechte Hand“ (1961, S.26) des politischen Schwergewichts Vollmar.

Für Mitchell (1967, S.124-151) erscheint die “revolutionäre Mitbeteiligung“ von Männern wie Auer, Timm und Rosshaupter von einem einzige Gedanken beherrscht, nämlich die Rätebewegung in geordnet Bahnen zu lenken und nach erfolgten Wahlen allmählich zum Verschwinden zu bringen - und damit befanden sie sich durchaus in Einklang mit der auf Reichsebene verfolgten Politik. Dies sei deshalb bemerkenswert, da die SPD in den gesamtbayerischen Rätegremien trotz zeitweilig radikalisierender Massenstimmungen die Mehrheit besaß. Dieses Phänomen wird auch von Kolb bekräftigt (1962, S.332). Seligmann wiederum interpretiert die fürs Erste kurios erscheinenden Aktivitäten von SPD, die ja zunächst auf eine Ausrufung der 1.Räterepublik drängten, als veritablen Versuch eine scheinbar aus den Fugen geratene revolutionäre Massenbewegung doch noch an führender Stelle lenken und bestimmen zu können (1998, S.115-142). Er gelangt im Laufe seiner Untersuchung zum thesenartig formulierten Fazit, dass die zentralistische Parteistruktur teilweise aufgelöst worden sei. So hätten Ortsgruppen der Partei, die ausgerufene Räterepublik, auch dann unterstützt, nachdem die Weiterexistenz der Regierung Hoffmann bekannt geworden war. Andere wiederum erklärten sich für neutral, solange die ganze Sache als nicht entscheiden galt (S.47).

Der Standpunkt des rechten Flügels der bayerischen USPD lautete schon Anfang Februar: “Demokratie als Selbstregierung des Volkes ist mit der Schaffung von Räten unvereinbar, die eine irgendwie geartete, selbständige Regierungskompetenz beanspruchen“ (Beyer 1957, S.49).

3. 0 Theorie und Praxis der Rätebewegung

Im nachfolgenden Kapitel soll fürs Erste die Deutung des Rätebergriffes in Politik- und Geschichtswissenschaft thematisiert werden. Sodann werden mögliche historische Vorläufer der Rätebewegung verortet. Schließlich wird der Versuch unternommen, die Praxis der Rätebewegung anhand der deutschen Novemberrevolution nicht nur darzustellen, sondern vor allem auch zu analysieren.

3.1 Der Rätebegriff als Problem der Politik- und Geschichtswissenschaft

Im allgemeinen Sprachgebrauch werden Räte als kollektive Organe bzw. Körperschaften mit beschließender oder beratender Funktion bezeichnet, die sowohl durch Wahl als auch durch Ernennung eingesetzt sind (Oertzen 1976). Vor allem die Politikwissenschaft als erklärtermaßen kritisch-wissenschaftliche Beschäftigung mit politisch-sozialer Herrschaft thematisiert innerhalb der Begriffe Räte, Rätewesen folgerichtig die Merkmale und Funktionen eines Rätesystems auf institutioneller Ebene. Im Zentrum der Betrachtungen steht dabei zunächst das direkt-demokratische Grundprinzip, die Gesellschaft habe ihren Willensbildungs- und Entscheidungsprozess von unten nach oben zu entwickeln. Folgende wichtige Grundprämissen sind dabei hervorzuheben:

Die Wählerschaft organisiert sich in Basiseinheiten, hier vor allem als Betriebs-, Wohn- und Verwaltungseinheit. Innerhalb dieser Urwählerschaft bildet und artikuliert sich der allgemeine politische Wille. Entgegen der Praxis des herkömmlichen Parlamentarismus geht die Rätebewegung vom Gedanken aus, dass alle gesellschaftlich bedeutenden Positionen, durch die direkte Wahl auf unterster Stufe des Organisationsschemas, auf allen folgenden Stufen durch indirekte Wahl besetzt werden sollte. Die gewählten Delegierten sind der Urwählerschaft in ihren Entscheidungen voll verantwortlich und strikt an den Wählerauftrag gebunden (imperatives Mandat). Dies bedeutet eine dauernde Kontrolle durch permanente Rechenschaftsberichte in den Basiseinheiten, sowie die Möglichkeit der sofortigen Abberufung (recall) durch diese Kontrollinstanz. Angestrebt wird sodann die ehrenamtliche Tätigkeit aller Funktionsträger. Gefordert wird überdies die Ämterrotation, um häufige Wiederwahl und die damit möglicherweise verbundene Machtanhäufung und Korruption zu vermeiden.

In einem weiteren Schritt werden sodann Funktionen unterschieden:

Räte treten fürs Erste als Kampforgane auf. Revoltierende Schichten benutzen sie als Organisation, um begrenzte Aktionen gegen die bestehende Ordnung zu starten (Oertzen 1976). Zweitens begegnet man Räten als Interessenvertretungen. Unterprivilegierte Schichten verstehen sie als Gegengewicht zu herrschenden Gruppen in Wirtschaft und Staat. In der dritten Funktion schließlich fungieren Räte als unmittelbar demokratisch regierende Staatsorgane. Eine wirkliche Rätebewegung durchläuft dabei alle drei Stadien. In der Realität erweist sich ist die zweite Form das häufigste und zugleich dauerhafteste Ergebnis.

Hier klingen bereits Verbindungslinien an, die auf historische Bezüge verweisen.

Im historisch-politischen Sprachgebrauch erscheinen Räte nämlich als radikal basis-demokratische Elemente einer revolutionären Massenbewegung, wobei der Rätebegriff bestimmte Grundmerkmale aufweist:

- der revolutionäre Kontext seiner Entstehung
- die Bedeutung bestimmter sozialer Schichten
- der radikal-demokratische Zielaspekt

Die Rätebewegung kann hierbei als Lösungsversuch verstanden werden, für schwere strukturellen Problemen und Umwälzungen, welche die alte Gesellschaft nicht mehr zu lösen vermag. Gleichzeitig treten in diesem Prozess Räte als Instrumente der politischen Selbstbestimmung auf.

Räte bildeten sich zumeist spontan aus einfachen Soldaten, Bauern, Kleinbürgern, Arbeitern und Angestellten; also von Volksmassen, die bislang schlechthin als unterdrückt galten. Sie einte eine ganz wesentliche Gemeinsamkeit, der Ausschluss von politischen Entscheidungsprozessen. Nun aber bot sich erstmalig die Chance die Fesseln der Ohnmacht abzustreifen und unmittelbar gestaltend in das Geschehen einzugreifen. Als sich gegen Ende Oktober 1918 das politische Klima in München bereits gefährlich aufzuschaukeln begann, verschlug es den Dichter Rainer Maria Rilke zu einer Versammlung von Arbeitern, die in einem der zahlreichen Biergärten der Stadt abgehalten wurde. Mit viel mehr Verzückung als echtem Erstaunen gewahrte er einen jungen und blassen Arbeiter, der auf ein Podium stieg und mit etwas unbeholfener Stimme nun anhob, Dinge zu sagen, “die endlich an der Reihe sind“ (Haffner 1981, S.63) und zugleich Hoffnungen, Sehnsüchte aber nicht minder klare Ziele in einfachen Worten zu formulieren wagte. Räte wandten sich in ihren historisch verorteten Vorläufern gegen einen bestimmte politische Ordnung, freilich deutlicher und zielbewusster erst in den großen Bewegungen des 20.Jahrhunderts gegen eine herrschende Wirtschaftsordnung. Sie konzentrierten ihre Stoßrichtung dabei auf eine als asymmetrisch empfundene gesellschaftliche Machtverteilung (Oertzen 1976).

Nun findet sich gerade in der Neueren Geschichte häufig der Versuch den Rätebegriff breiter zu fassen. Dies hat vor allem damit zu tun, dass ausgehend von der bislang einmaligen Erscheinung der Sowjets in der Russischen Revolution, der Versuch unternommen wurde, adäquate Vorbilder in der Geschichte aufzuspüren (Anweiler 1958).

Zwangsläufig ergeben sich daraus zwei Erkenntnisse: Die Bildung von Räten im 20.Jahrhundert, zumal jene im Rahmen der deutschen Novemberrevolution, stellte keineswegs eine nahtlose Anknüpfung an historische Vorbilder dar. Dem tatsächlichen Erscheinungsbild der Räte folgte zumeist eine darauf aufbauende Räteideologie, die den Rätegedanken überhöhte und ein ideales Modell zu konstruieren versuchte.

Die von Karl Marx verfasste theoretische Abhandlung “Adresse des Generalrates der Internationalen Arbeiterassoziation über den Bürgerkrieg in Frankreich“ (Arnold 1985, S.81) gilt als bemerkenswerter Beitrag für die Entwicklung eines frühen Rätegedankens. Ausgehend vom erstmaligen Auftauchen der Arbeiterschaft als bestimmender politischer Faktor im Rahmen der Pariser Kommune von 1871, formulierte er Grundzüge einer neuen sozialistischen Gesellschaft. Bei der Aufrichtung der proletarischen Demokratie fungieren Räte als “wirksame Aktions- und Organisationsform“ (Gottschalch 1978, S.24) der Volkskontrolle und sie tun dies im Rahmen lokaler Selbstverwaltung. Die von den Urwählern gewählten und jederzeit abrufbaren Beamten treten dem Volk nicht mehr als Herrscher, sondern als Diener gegenüber. Durch die Aufhebung der Trennung von Gesetzgebung und Ausführung entsteht eine neue demokratischer Körperschaft, das arbeitende Parlament. Die Pariser Kommune fungierte seiner Ansicht nach daher durchaus auf die Keimzelle einer zukünftiger sozialistischen Ordnung. Der Verlauf der Pariser Kommune brachte Marx jedoch zur ernüchternden Erkenntnis, dass “die fertige Staatsmaschinerie nicht einfach in Besitz genommen werden könne, um sie für eigene Zwecke zu nutzen, sondern dass die Arbeiterklasse sie vorher zu zerstören habe“ (Arnold 1985, S.83).

3.2 Erste Versuche zur Etablierung einer Rätedemokratie

In der Tat erscheinen bereits in den großen europäischen Revolutionen der Neuzeit Revolutionsorgane, die in ihrem Grundtypus den im vorigen Kapitel beschriebenen Merkmalen entsprechen. Erste Formen eines Soldatenrates stellten die “agitators“ der Cromwellschen Armee dar. Im Frühjahr des Jahres 1647 entstanden sie als Antwort auf die Auflösungsabsichten des Parlaments. Im Rat der Armee (General Council of the Army) bildete sich ein Gremium, indem gewählten Soldaten und Unteroffizieren der einfachen Mannschaften ebenso wie ernannte Offizieren saßen. Bald aber kam es zu Konflikten mit der Armeeführung, weil ihre Forderungen rasch über die Regelung militärischer Angelegenheit hinausgingen. Als Agitatoren im wahrsten Sinne des Wortes fühlten sie sich als “freie Männer des Volkes von England“. Als Hüter der Interessen der einfachen Soldaten und als Ausdruck der demokratischen Strömungen im englische Heer propagierten sie eine die ganze Gesellschaft erfassende Demokratisierung. Die Möglichkeiten ihres Wirkens waren freilich nur von zeitlich begrenzter Dauer, denn 1648 wurde der Armeerat kurzerhand wieder aufgelöst (Anweiler 1958).

Die aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammende Theroigne de Mericourt bekannte in ihrer Autobiographie freimütig die magische Anziehungskraft, welche die Französische Revolution auf sie und ihresgleichen auszuüben vermochte.

“Ein Instinkt, ein lebhaftes Gefühl, das ich nicht genau benennen kann, ließ mich die Französische Revolution gutheißen, ohne genau zu wissen warum. Denn ich hatte keinerlei Bildung und das wenige, was ich weiß, lernte ich in der Nationalversammlung“ (Grubitzsch in DAMALS 2003, Heft 11, S.23).

Die Artikulierung des Volkswillens und die Formung eines politischen Bewusstseins beschränkten sich jedoch nicht nur auf hitzigen Debatten zwischen den Abgeordnetenbänken und auf die Zuschauertribünen des revolutionären Parlaments. Ab 1791 trat zusätzliches ein neues Phänomen in Erscheinung. Volksklubs und brüderliche Gesellschaften wuchsen vor allem in der Hauptstadt Paris rapide an und sie fühlten sich selbst nicht mehr und nicht weniger als Ausdruck einer radikal-demokratischen Bewegung.

Die 48 Pariser Sektionen, die 1790 die 60 Verwaltungsdistrikte abgelöst hatten, waren neben den politischen Klubs die eigentlichen Mittelpunkte revolutionärer Tätigkeit. Sie führten eigenmächtig das allgemeine Wahlrecht ein, übten die Polizeihoheit aus und erhielten wirtschaftliche Aufgaben übertragen. In ihnen finden sich bereits jene direkt-demokratischen

Merkmale, die später von den Vertretern der Rätedemokratie als unverzichtbare und konstituierende Elemente bezeichnet wurden. Die Sektionen hielten permanent bisweilen turbulent verlaufende Urversammlungen ab, bildeten Komitees und verfassten im Namen des Volkes Petitionen und Denkschriften. Bei den Sansculotten, die ab 1793 zeitweilig das Straßenbild von Paris beherrschten, handelte es sich freilich noch keineswegs um ein “Präproletariats“ (Bergeron /Furet/Koselleck 1998, S.64) wie sowjetische Historiker später verschiedentlich zu behaupten versuchten. Das vorkapitalistische Paris der Revolutionszeit kannte noch gar keine einheitliche Arbeiterklasse in heutigen Sinn. Viel eher kann dahinter eine gewisse Mentalität gedeutet werden, in der Gleichheit und Gleichberechtigung ihren sichtbarsten Ausdruck fanden. Die Pariser Sektionen und Klubs, begründeten im Verlauf der Französischen Revolution die politische Organisationsform des Bürger- und Kleinbürgertums, das um politische Emanzipation und Teilhabe rang.

3.2.1 Die PARISER KOMMUNE 1871

Nun haben Kritiker der weiter oben schon erwähnten Marxschen Analyse den Hang zur Legendenbildung vorgeworfen. Auf welchen tatsächlichen Grundlagen basierte nun dieser vermeintliche Kommunemythos?

Die Pariser Kommune entstand vor dem Hintergrund der Niederlage Frankreichs gegen Preußen. Die Belagerung der Stadt hatte wesentlichen Anteil an der Radikalisierung der Bevölkerung. Vor allem die dramatische Hungersnot brachte viele Kleinbürger, Kleingewerbetreibende und Arbeiterfamilien an den Rand der Armut. Zur Verteidigung der Stadt wurde eine vorrangig aus diesen Schichten der Bevölkerung bestehende Nationalgarde gebildet und die meisten der darin dienenden Soldaten benötigten ihren Sold ausschließlich zur Sicherung des Lebensunterhaltes.

Als immer deutlicher wurde, dass der Krieg gegen Preußen nicht mehr zu gewinnen war, wurde das französische Volk im Februar 1871 zu den Wahlurnen gerufen, um eine neue Nationalversammlung zu wählen. Ihre führenden Exponenten begannen sogleich mit Friedensverhandlungen und setzten Maßnahmen, die den erbitterten Widerstand der Pariser Bevölkerung heraufbeschworen. Nicht nur die Verlegung ihres Hauptquartiers nach Versailles erregte den Unmut der Hauptstadt, vor allem die provokatorische Einstellung der Zahlungen an die Mitglieder der Nationalgarde erzeugte eine revolutionäre Stimmung.

Die Initiative zur Gründung der Pariser Kommune ging vom Zentralkomitee der Nationalgarde. Um den Widerstand in Paris zu brechen ordnete die in Versailles sitzende Regierung ihre Entwaffnung an. Aus dem Konflikt ging vorerst die Nationalgarde als Sieger hervor. Im Besitz der vorläufigen Macht zog ihr Zentralkomitee ins Stadthaus ein und beeilte sich sogleich die Verantwortung unverzüglich an eine zu wählende Kommune zu übertragen.

Die aus freien und allgemeinen Wahlen vom 22. und 23. März 1871 hervorgegangene Kommune konnte sie lediglich auf das Votum von 47% der Wahlberechtigten stützen. Die 92 größtenteils jungen Abgeordneten waren in ihrer Zusammensetzung durchaus heterogen. Arbeitern und Angestellten stand eine nicht unerhebliche Zahl von Angehörigen der bürgerlichen Intelligenz gegenüber, darunter sogar ausgesprochene Konservative. Es mangelte freilich an einem geschlossenen Aktionsplan, der über den Augenblick hinausgehend auf eine zukünftige Perspektive zu verweisen vermochte. Allenfalls kann das Bauernmanifest, das eine föderale Struktur des ganzen Landes versprach und für die Teilnahme der übrigen Regionen warb, als zaghafter Ansatz dazu verstanden werden. Es gelang keineswegs eine Verbindung zur französischen Provinz herzustellen, sodass die Kommune in ihrem Aktionsradius weitgehend isoliert blieb.

Häufig wurde der Grundsatz der Ersetzung der beamteten Bürokratie durch gewählte und jederzeit abrufbare Volksvertreter verkündet (Anweiler 1958). In einer Erklärung an das französische Volk vom 19. April 1871 wurde kategorisch festgestellt: “Die Mitglieder der Munizipalversammlung, die unablässig kontrolliert, überwacht und von der öffentlichen Meinung kritisiert werden, sind abberufbar, verantwortlich und Rechenschaft schuldig“

(Anweiler 1958, S.16). Eine Verfügung April legte das jährliche Entgelt der Angestellten und Beamten der Kommune auf 6000 Goldfranc fest und eine weitere Regelung begrenzte schließlich die Entlohnung der Kommunemitglieder auf 15 Franc pro Tag.

Dieser Betrag entspreche so hieß es “ungefähr der Summe, die in Paris ein tüchtiger, intelligenter und fleißiger Arbeiter in einem guten Berufe verdiente“ (Villain o.D., S.186).

Die Verwaltungsarbeit wurde nicht von geschulten Beamten durchgeführt, sondern von Amateuren. Journalisten, kleine Geschäftsleute, Handwerker und Arbeiter betraten ausgestattet mit Eifer und Pflichtgefühl politisches Neuland. Die wenigen sozialpolitischen Maßnahmen der Kommune waren von der Not des Augenblicks diktiert. Zur unmittelbaren Linderung der Arbeitslosigkeit wurde die Umwandlung von verlassenen Betrieben in kooperative Arbeitsgesellschaften angeordnet (Villain o.D.). Um die Wohnungsnot zu beheben verfügte ein weiteres Dekret die Beschlagnahme von leerstehendem Wohnraum.

Die Pariser Kommune war auch keinesfalls die Vorform einer Räterepublik, denn nur im Zeitraum zwischen dem 18. und 25. März verfügte das Zentralkomitee der Nationalgarde über die oberste Gewalt in Paris. Zwar bildete das Zentralkomitee die Spitze eines Systems von Soldatenräten, die sich in den einzelnen Einheiten formiert hatte. Das Prinzip der Wahl von unten nach oben, die Delegierung in einen 60köpfigen Zentralrat, die jederzeitige Abrufbarkeit und die monatliche Einberufung einer großen Generalversammlung waren dabei hervorstechende Merkmale. Ihre entscheidende Aufgabe sah das Gremium aber darin, möglichst rasch eine gewählte Stadtregierung einzusetzen. Die Spaltung der Kommune in eine föderalistische Minderheit und eine zentralistische Mehrheit im Mai 1871 brachte eine weitere entscheidende Schwächung. Eine Offensive der Regierungstruppen führte schließlich zur Einnahme von Paris. Das Schicksal der Kommune war damit nach nur 72 Tagen besiegelt.

3.2.2 Die Sowjets der Russischen Revolution 1905/1917

Die Russische Revolution als eines der großen Elementarereignisse des 20.Jahrhunderts bestand genaugenommen aus zwei zeitverschoben ablaufenden Prozessen, die allerdings für sich genommen, jeweils einen neuen qualitativen Schub der Rätebewegung bewirkten.

Zunächst gilt das Jahr 1905 gilt als Geburtsstunde der Russischen Revolution und der russischen Räte = Sowjets.

Eine unkontrollierte Urbanisation, unzumutbare soziale Verhältnisse, drückende Arbeits- und Lebensbedingungen, sowie die katastrophale Lage der Bauern auf dem Lande schufen in Russland ein Klima, der tiefen Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen. Die militärische Katastrophe des russisch-japanischen Kriegs tat ein Übriges.

Der Widerstand gegen die Regierung erreichte im Oktober seinen Höhepunkt. Erste nennenswerte Sowjets gab es in Moskau und St. Petersburg, wo spontane Arbeiterausschüsse entstanden, die sich sogleich in der Rolle von Vertrauensleuten der Betriebe wiederfanden.

In Moskau wurden Delegierte gewählt und ad-hoc ein mehrköpfiges Präsidium als Exekutivausschuss gebildet, dessen Hauptaufgaben sich auf die Gewährleistung eines halbwegs ordnungsgemäßen Streikablaufes und der Festlegung eines anschließend zu erfolgenden Arbeitsbeginnes beschränkten.

In St. Petersburg erfolgte der entscheidende Anstoß hingegen aus mehreren Richtungen. Erstens spontan durch in den Betrieben gewählte Vertrauensleute, zweitens durch Agitation der Menschewiki, welche die Sowjets als Glied in der revolutionären Selbstverwaltung ansahen und drittens durch ihre Orientierung am Moskauer Beispiel. Wie sehr aber die gesamte Rätebewegung der Augenblicksstimmung entsprach, zeigte sich unter anderem daran, dass in beiden Hochburgen der revolutionären Erhebung keine besondere Wahlform für die Delegierten der Sowjets entwickelt wurde. Für Leo Trotzki fungierten sie zu diesem Zeitpunkt als reine “proletarische Selbstverwaltungsorgane“ (Anweiler 1958, S.63). Ihre Aufgaben konzentrierten sich auf soziale und wirtschaftliche Fragen der Arbeiterschaft, doch darf nicht vergessen werden, dass erstmals auch politische Forderungen erhoben, die auf die Einberufung einer Konstituante (Nationalversammlung) abzielten. Zielvorstellungen in Richtung einer Räterepublik tauchten aber bis zu diesem Zeitpunkt nirgendwo auf.

Ein Fazit über die Bedeutung der Sowjets von 1905 könnte so lauten:

Die Arbeiterschaft verschaffte sich erstmalig ein Organ eigener Art auf der Grundlage einer demokratischen Selbstverwaltung. In ihnen manifestierte sich der Versuch im Rahmen einer revolutionären Umsturzsituation Ansätze einer radikalen Demokratie zu entwickeln. Die Sowjets von 1905 blieben aber andererseits noch keimhaft und undeutlich und verstanden sich auch nicht als Beauftragte einer bestimmten Partei.

Welche Erkenntnisse zogen die Parteien des linken politischen Spektrums aus den Erfahrungen von 1905?

1907 bezeichnete Lenin Räte als “Organe des Aufstandes“ und zugleich “ Keimzellen der neuen revolutionären Macht“ (Anweiler 1958, S.102).

Dennoch war er zutiefst skeptisch gegenüber ihrer Rolle als Selbstverwaltungsorgane und betonte vorrangig das Primat der revolutionären Partei.

Die Menschewiki vertraten beharrlich den Standpunkt, dass alleine die Sowjets Organe der revolutionären Selbstverwaltung bilden müssten.

L. Trotzki wiederum nahm eine Mittelstellung ein. Für ihn fungierten sie als Organe des Aufstandes wie auch als selbstverwaltende Körperschaft von Arbeitern. Sie waren “Ausdruck der unmittelbaren Demokratie“ (Anweiler , S.108).

“Die Lage ist ernst. In der Hauptstadt ist Anarchie. Die Regierung ist gelähmt ... Die allgemeine Unzufriedenheit wächst!“ (Almond 1996, S.122) telegrafierte der Duma-Vorsitzende Rodsjanko im Februar 1917 verzweifelt an den Zaren. Die Entbehrungen des 1.Weltkrieges verschärften die bereits bestehenden Probleme des Riesenreiches und trieben einem neuen Höhepunkt zu. Die darauffolgende Februarrevolution vom März 1917 entspricht in ihren Grundzügen dem traditionellen Revolutionsbegriff, auf den in der Einleitung bereits verwiesen wurde. Sie brach in elementarster Weise nicht zuletzt als Bewegung für den Frieden aus, hat aber freilich in weiterer Folge die alte Staatsstruktur völlig zerstört.

Die Bildung des St. Petersburger Sowjet von 1917 knüpfte an die Tradition von 1905 an. Sogleich wurden ähnlich wie damals Vertrauensleute bzw. Deputierte in den Betrieben aber auch bei den Soldaten gewählt. Im Unterschied zu 1905 wurde jetzt ein regelrechter Wahlmodus fixiert. Die offizielle Vertretungsnorm für Arbeiterdelegierte betrug 1 Deputierter auf 1000 Arbeiter, allerdings durften Betriebe unterhalb dieser Belegschaftszahl ebenfalls einen Delegierten wählen. Das führte allerdings dazu, dass Groß- und Kleinbetriebe in annähernd gleich starker Zahl Deputierte stellten. Von einem gleichen Wahlrecht konnte unter diesen Bedingungen gar keine Rede sein. Die Soldatenräte lehnten diesen Wahlmodus strikt ab und hatten damit Erfolg. Jede Kompanie erhielt das ausdrückliche Recht Soldatenvertreter zu wählen ohne zahlenmäßige Norm (Anweiler 1985).

Das Erscheinungsbild des St. Petersburger Sowjet glich in den ersten Wochen des Bestehens freilich einer riesigen permanenten Arbeiter- und Soldatenversammlung, deren Delegiertenzahl schier unaufhörlich anwuchs. Dies führte sehr rasch zu einer Fülle organisatorischer Probleme, die nach einer Lösung drängten. Mitte April erfolgte eine drastische Verringerung der Delegiertenzahl auf 600. Gleichzeitig besaßen Arbeiter und Soldaten ihre eigenen Vollzugsauschüsse, die wiederum in ihrer Gesamtheit das Exekutivkomitee des Arbeiterdeputiertenrates darstellten. So verwandelte sich in einer relativ geringen Zeitspanne der St. Petersburger Sowjet von einem provisorischen Revolutionsorgan zu einem durchaus arbeitsfähigen Verwaltungsapparat. Die Formel des Petrograder Sowjets vom “Frieden ohne Annexion und Kontribution“ (Tormin in Neugebauer 1968, S.60) begeisterte nicht nur die Arbeiterschaft, sondern auch die rebellierenden Garnisonen, und entfremdete sie von der Politik der Provisorischen Regierung. Diese hatte die Stimmung in der Bevölkerung völlig falsch eingeschätzt und setzte nach wie vor auf die militärische Karte.

Das Hauptkennzeichen der Februarrevolution von 1917 war eine Doppelherrschaft mit der neuen provisorischen Regierung.

Der russische Kriegsminister Alexander Gutschkow erkannte schon Ende März 1917 die wahren Kräfteverhältnisse: “Der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten genießt alle Vorteile echter Macht, da Armee, Eisenbahn , Post und Telegraphie ganz in seinen Händen sind [...] die Provisorische Regierung wird vom Sowjet lediglich geduldet “ (Almond 1996, S.124).

Allmählich begannen sich zudem Konturen eines übergreifenden Formierungsprozesse abzuzeichnen.

Die 1.Allrussische Konferenz der Arbeiter- und Soldatenräte beschloss die Aufnahme bäuerlicher Schichten und bekräftigte den weiteren Ausbau der Sowjets im ganze Land (Anweiler, S.152).

Der 1.Allrussische Sowjetkongress im Juni 1917 legte wirtschafts- und sozialpolitische Aufgaben der Räte fest. Vor allem auf lokaler Ebene sollten Räte als proletarische Revolutionsorgane (Anweiler 1958) die Fragen der allgemeinen Arbeiterpolitik, des Achtstundentages, der Koalitionsfreiheit und die Frage der Arbeitslosigkeit einer Lösung zuführen..

Im Unterschied zu 1905 gab es jetzt jedoch einen starken Einfluss der sozialistischen Parteien. Die Menschewiki bevorzugten eine Kombination von Räten als Kontrollorgane neben einer konstituierenden Volksversammlung. Die Bolschewiki hingegen verfolgten gänzlich andere Absichten.

Lenins Rätekonzept im Frühjahr 1917 ging fürs Erste von der Prämisse aus, dass es “... einen höheren, besseren Regierungstypus als die Räte [...] die Menschheit bis jetzt noch nicht hervorgebracht habe“ (Anweiler 1958, S.197). Die Grundpfeiler der Sowjetmacht bildeten dabei nicht das Parlament, sondern die direkte von unten kommende Initiative der Volksmassen, sowie die Ersetzung der Polizei und Militärkräfte durch direkte Bewaffnung des gesamten Volkes. Notwendigerweise müsse auch der alte Beamtenapparates ersetzt oder doch unter strikter Kontrolle gestellt werden.

Die auf Anweisung von Lenin in den folgenden Monaten von den Bolschewiki ausgegebene Parole “Alle Macht den Räten“, muss freilich als taktische Losung angesehen werden. Er wusste nur zu gut, dass nicht die Bolschewiki sondern die Sowjets im Moment den einzig ernsthaften Gegenspieler zur provisorischen Regierung darstellten. Hinter dieser Forderung steckten aber klare Ziele:

Die Räte sollten zunächst als Kampforgane den geschwächten Staatsapparat paralysieren, somit die Autorität der provisorischen Regierung untergraben und die Befehlsgewalt der Militärs an der Front und in der Heimat nachhaltig schwächen (Anweiler, S.204).

Lenins Kampfschrift “Staat und Revolution“, die Anfang September 1917 verfasst wurde, widmete sich erneut der Rolle der Räte im Rahmen der Revolution, doch mit veränderten Akzenten. Einerseits sollten die Sowjets die demokratische Herrschaft des Volkes verkörpern (Arnold 1985, S.87), aber wiederum andererseits zu Organen der “Diktatur des Proletariats“ unter der Führung der bolschewistischen Partei (Anweiler, S.199) mutieren.

Der 2.Allrussische Sowjetkongress am 7. November (25.Oktober) 1917 vor dem Hintergrund des bereits im Gange befindlichen Staatsstreich der Bolschewiki abgehalten, übertrug den Sowjets die formelle Macht im Staat. Ergebnis war nunmehr, dass sich die Räte von reinen Kampforganen zu Trägern der politischen Macht wandelten. Damit war zugleich der Höhepunkt ihres Einflusses erreicht.

Die Verfassung der RFSS vom 10. Juli 1918 ausdrücklich nur “für den gegenwärtigen Augenblick des Überganges“ (Arnold 1985, S. 88) bestimmt, proklamierte den Aufbau des Rätesystems auf gesamtstaatlicher Grundlage.

Als kleinste Einheit fungierten die städtischen und dörflichen Sowjets, die auf der Ebene der Amtsbezirke, den Kreise, Gouvernemente und Provinzen ihre nächsthöhere Ergänzung fanden.

An der obersten Spitze stand der Allrussische Sowjet. Sein Zentralexekutivkomitee hatte die oberste gesetzgebende, verfügende und kontrollausübende Gewalt. Auf allen Ebenen sollten jeweilige Rätekongresse die Delegierten auf nächsthöherer Ebene wählen und hatten dort ein zentrales Exekutiv- oder Vollzugsorgan aus ihrer Mitte zu wählen. Die Verfassung der RFSS sprach diesen zwischengelagerten Instanzen auf ihrem jeweiligen Territorium, die höchste legislative und exekutive Gewalt zu.

Nun beabsichtigte die Verfassung, die Wahlen zu den einzelnen Gremien keineswegs unter den Prämissen eines allgemeinen und gleichen Wahlrechts erfolgen zu lassen, vielmehr zählte dessen Einschränkung auf Soldaten, Arbeiter, Kleinbauern und Landarbeiter zu den wesentlichen Merkmalen. Dieses Klassenwahlrecht sollte die Bourgeoisie ein für allemal von der Machtteilhabe verdrängen. Der Wahlmodus der Delegierten war freilich so ausgelegt, dass das Verhältnis von städtischen zu ländlichen Delegierten etwa 5:1 betrug (Arnold 1985). Wohl ein untrügliches Zeichen, dass die Kommunisten dem flachen Lande nach wie vor misstrauisch gegenüberstanden.

In der Folgezeit war allerdings eine allmähliche und schleichende Beschränkung der Machtbefugnisse der Räte zu beobachten. Im militärischen Bereich wurde die Wählbarkeit des Kommandostabes abgeschafft. Für die industriellen Arbeiterschaft und deren Betriebsbelegschaft wurde das Prinzip der Leitung von oben nach und nach reaktiviert. Das richtete sich eindeutig gegen die direkte Mitbestimmung der Arbeiterschaft durch Betriebsräte in den Fabriken.

Im Laufe des Jahres 1918 verstärkten sich diese Pressionen von Seiten der Kommunistischen Partei. Die Partei übte auf die Wahlen zu den verschiedenen Sowjets straffe Kontrollen aus.

Häufig gab es kurz anberaumte Wahltermine. Die Absetzung von “missliebigen Deputierten“ (Anweiler, S.291) griff um sich und ernannte Vertreter der Gewerkschaften und der Partei ersetzten gewählte Delegierte. Wieder andere wurden einfach von oben in die jeweiligen Sowjets delegiert oder kooptiert. Die Folge war daher, dass die Bolschewiki in fast allen Sowjets vor allem im städtischen Bereich eine erdrückende Mehrheit erzielten. Im Frühjahr 1921 erhoben sich die Kronstädter Matrosen gegen die schleichende Entmachtung der Räte. Der Aufstand wurde von der “Roten Armee“ unter Führung Trotzkis blutig niedergeschlagen.

3.3 Die Arbeiter- und Soldatenräte in der deutschen Novemberrevolution 1918/19

Die “impulsive Eruption“ (Kolb 1962, S.44), die Hugo Haase bei Bekanntwerden der Kieler Matrosenrevolte als eigentliche Triebfeder vermutete, erfasste Anfang November Deutschland. Vom Norden ausgehend erreichte sie in wenigen Tagen das ganze Land und führte schließlich zum Sturz der Monarchie. Arthur Rosenberg bezeichnete die Ereignisse des November 1918 als “spontane Erhebung von Soldaten und Arbeitern“ (in Oertzen 1968, S.53), die sich gegen die Weiterführung des Krieges richtete und zugleich den Wunsch nach Ablösung der alten politischen und militärischen Gewalten zum Ausdruck brachte. Im Folgenden sollen anhand von drei Beispielen mögliche Anhaltspunkte gefunden werden.

3.3.1 Der 1. Arbeiter- und Soldatenrat in Kiel als Ausgangspunkt

In aller gebotenen Kürze muss zunächst der historische Kontext dargestellt werden. Als nach der fehlgeschlagenen Offensive im August 1918 selbst die Oberste Heeresleitung an einen Siegfrieden nicht mehr zu denken wagte, forderte sie die Reichsregierung auf, umgehend Waffenstillstandsgespräche aufzunehmen und gleichzeitig eine Parlamentarisierung einzuleiten. Bereits die dritte Antwortnote des US-Präsidenten Wilson verlangte allerdings unmissverständlich die Absetzung der alten militärischen und monarchischen Gewalten als Voraussetzung für echte Friedensverhandlungen. Nun mochten sich führende Marineoffiziere mit all dem nicht abfinden. Stattdessen sollte die Marine in einer großangelegten Operation gegen die Engländer kämpfen, um die eigene Ehre zu wahren. Von dieser Absicht alarmiert, verweigerten die Matrosen der in Wilhelmshaven vor Anker liegenden Hochseeflotte den Gehorsam. Um befürchtete weitere Meutereien zu verhindern, wurde die Flotte verlagert und das III.Geschwader in seinen Heimathafen Kiel geschickt. Auf der Fahrt dorthin wurden jedoch 40 vermeintliche Rädelsführer verhaftet und bei der Ankunft in eine Arrestanstalt überführt. Ein Teil der Besatzung versammelte sich hingegen im örtlichen Gewerkschaftshaus, um über eine Befreiung der gefangenen Kameraden zu beraten.

Am 3. November 1918 kam es zu einer größeren Protestversammlung, an der auch Kieler Matrosen sowie einige Arbeiter teilnahmen. Bei einer anschließenden Demonstration zur Arrestanstalt kam es zu einer Schießerei, an deren Ende 8 Tote und 29 Verletzte zu beklagen waren. Die nur unvollständig informierte Reichsregierung in Berlin hoffte mit der Entsendung von Regierungsbeauftragten, darunter der SPD-Abgeordnete Gustav Noske, einer Eskalation vorgreifen zu können. Bis zu deren Eintreffen war allerdings die Macht in der Stadt schon weitgehend auf die Soldaten übergegangen. Noch am selben Tag wurde im Speisesaal des Gewerkschaftshauses der Soldatenrat gegründet. Die Wahl vollzog sich kompagnieweise. Jede dieser Einheiten wählte vier Soldatenräte. So hatten also die Torpedo- und U-Boot Division in ganz Deutschland den Anfang gemacht. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es in der allgemeinen Verwirrung eine geordnete Wahl zu einem solchen Rat gab. Viel eher ist zu vermuten, dass Namen derjenigen genannt wurden, die am beliebtesten und angesehensten waren und denen man diese Aufgabe auch zutraute (Haffner 1981). Wenn es keinen Widerspruch gab, galten sie als gewählt. Unmittelbar nach der Konstituierung fuhren zwei Abgesandte mit dem Auto unter wehender roter Fahne zum Gebäude des dortigen Militärgouverneurs.

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Details

Seiten
132
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640877195
ISBN (Buch)
9783640877249
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169388
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Historisches Institut
Note
2,3
Schlagworte
Rätedemokratie Rätemodell Münchner Räterepublkik Räteherrschaft. München Europa nach 1918 München 1919 Rätesystem

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Titel: Das Modell der Rätedemokratie und die Münchner Räterepublik des Jahres 1919