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Möglichkeiten und Grenzen qualitativer Forschungsmethoden

Gegenüberstellung des narrativen und des problemzentrierten Interviews

Seminararbeit 2011 23 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das narrative Interview
2.1 Definition des narrativen Interviews
2.2 Aufbau und Ablauf des narrativen Interviews
2.3 Möglichkeiten und Grenzen dieser Methode

3. Das problemzentrierte Interview
3.1 Definition des problemzentrierten Interviews
3.2 Kerngedanken des problemzentrierten Interviews
3.3 Anwendungsbereiche, Ablauf und Instrumente des PZI
3.4 Möglichkeiten und Grenzen dieser Methode

4. Vergleich beider Interviewformen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Aufgabe der empirischen Sozialwissenschaft ist es, soziale Phänomene zu beschreiben und zu erklären. Dabei bedienen sich Forscher zur Erfassung „sozialer Phänomene“ bestimmter Verfahrens- und Erhebungstechniken. Die Daten werden zunächst gesammelt und im Anschluss daran analysiert und ausgewertet. Einen nicht wegzudenkenden Teil dieser Verfahrens- und Erhebungstechniken spielen dabei qualitative Forschungsmethoden in den verschiedenen Facetten sozialwissenschaftlicher Untersuchungen: „Qualitative Forschung hat den Anspruch, Lebenswelten von innen heraus aus der Sicht der handelnden Menschen zu beschreiben. Damit will sie zu einem besseren Verständnis sozialer Wirklichkeit(en) beitragen und auf Abläufe, Deutungsmuster und Strukturmerkmale aufmerksam machen.“[1]

Um diesen Anspruch gerecht zu werden, verwenden Forscher in der qualitativen Sozialwissenschaft vor allem Interviews, so z.B. bei biographischen Fallanalysen in der Biographieforschung, bei Studien zu geschlechterbezogenen Fragestellungen, zu sozialen und politischen Orientierungen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen und bei auf teilnehmender Beobachtung basierenden Forschungsprojekten. Diese dienen u.a. dazu, Expertenwissen über das jeweilige Forschungsfeld zu erlangen, wobei die Analyse der subjektiven Perspektive im Vordergrund steht.[2]

Grob vereinfacht werden dabei zwei Varianten bzw. Kategorien qualitativer Interviews unterschieden: Im Wesentlichen sind dies verbale Daten, die in Leitfaden-Interviews (halbstandarisiertes Interview) oder als Erzählungen („Erzählgenerierende Interviews“) erhoben werden.[3]

Nach Flick[4] werden folgende Interviewtypen unterschieden:

1. Leitfadeninterviews (halbstandarisiertes Interview)

- fokussiertes Interview (Merton & Kendall 1984)
- halbstandarisierte Interview (Scheele & Groeben 1988)
- problemzentriertes Interview (Witzel 1982)
- Experten-Interview (Meuser & Nagel 1991)
- Ethnographische Interview (Becker & Geer 1979)

2. Erzählgenerierende Interviews

- narratives Interview (Schütze 1983 und Herrmann 1991)
- episodisches Interview (Flick 1995).

Da es in dieser Hausarbeit nicht der Anspruch sein kann, alle oben aufgeführten Interviewformen im Detail ausdifferenziert darzustellen, wird der Fokus auf zwei dieser Interviewformen liegen: Zum einen auf dem problemzentrierten (Leitfaden)-Interview von Witzel (1982) und zum anderen auf dem narrativen Interview von Schütze (1983), als eine Form des erzählgenerierenden Interviews. Dabei möchte ich zu Beginn dieser Arbeit jeweils beide Methoden, die des narrativ biografischen Interviews als auch die des problemzentrierten Interviews hinsichtlich des Aufbaus sowie Ablaufs, der Grundprinzipien und Anwendungsbereiche darstellen (Kapitel 2 und 3). Dabei liegt der Schwerpunkt dieser Ausführungen auf dem Verlauf und der Vorgehensweise des Interviews, weniger auf dessen Auswertung. Der vierte Teil dieser Arbeit stellt die beiden Interviewformen gegenüber. Hierdurch sollen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede, sowie Vor- und Nachteile herausgearbeitet bzw. erörtert werden. Den Abschluss (Kapitel 5) bildet ein Fazit, wo ich kurz alle wichtigen Ergebnisse dieser Arbeit zusammen werde und resümierend ergründe, wo die Eigenheiten beider Interviews liegen. Die Abhandlung dieser Eigentümlichkeiten beider Interviewformen soll abermals wie in der gesamten Arbeit als eine Gegenüberstellung erfolgen.

2. Das narrative Interview

Im Folgenden der Arbeit soll zunächst eine Definition zum narrativen Interview erfolgen, während anschließend diese Methode in ihrem Aufbau und Ablauf vorgestellt wird. Zudem sollen die Möglichkeiten und Grenzen dieser Methode dargestellt werden.

2.1 Definition des narrativen Interviews

Das narrative Interview zählt zu den erzählenden generierenden Interviews, arbeitet nicht mit einem vorbereiteten Gesprächsfaden und grenzt sich vom üblichen Frage-Antwort-Interview ab. Diese Interviewtechnik zählt somit zu den offenen Interviewformen, was bedeutet, dass der Erzähler die Aufgabe hat, seine eigenen Erlebnisse als Geschichte zu erzählen. Um seine eigene Geschichte zu erzählen, verwendet der Befragte die Stegreiferzählung, da es sich hier um lebensgeschichtliche, alltägliche, situative und kollektiv-historische Abläufe handelt.[5] Das Interview entsteht aus der Situation heraus. Häufig entsteht eine Raffung der Darstellung des Befragten, aufgrund einiger Erinnerungslücken, oder weil der Befragte das Gefühl hat, dass er unter Zeitdruck steht. Die Erfahrungsaufschichtungen werden bei dem Erzählvorgang im Gedächtnis konkretisiert und aufgefrischt. Da die vergangenen Handlungs- und Erlebnissituationen in Gang gesetzt werden, entsteht die Dynamik im Erzählvorgang des Befragten. Entwickelt und propagiert wurde das narrative Interview durch den Soziologen Fritz Schütze im Zusammenhang einer sozialwissenschaftlichen Biographieforschung. Fritz Schütze, der viele Jahre als Universitätsprofessor in der damaligen Gesamthochschule Kassel am Fachbereich Sozialwesen und Gesellschaftswissenschaften lehrte, wurde in seiner Arbeit hauptsächlich durch Einflüsse amerikanischer Soziologen geprägt. Die phänomenologisch orientierte Soziologie von Alfred Schütz und der Symbolische Interaktionismus, der aus der Chicago School um George Herbert Mead hervorgegangen ist, lassen sich ebenso wie die Konversationsanalyse und die von Anselm Strauss und Barney Glaser entwickelte Grounded Theory als Grundlage für Schützes Weiterentwicklung einer eigenständigen qualitativen Forschungsmethode wiederfinden.[6] Eine weiterführende Auseinandersetzung und umgreifende Vertiefung dieser Konzeption, besonders auf dem Gebiet der biographischen Fallanalyse, führen seit Mitte der 1980 Jahre Gabriele Rosenthal und Wolfram Fischer–Rosenthal durch.[7]

2.2 Aufbau und Ablauf des narrativen Interviews

Die Phasen und Regeln des narrativen Interviews sollen die Generierung einer biographischen Erzählung fördern und die früheren Erfahrungen und Erlebnisse aus der subjektiven Perspektive des Erzählers rekapitulieren. Die Erzählungen laufen bei den Befragten wie ein Film vor dem inneren Auge ab. Für den Forschenden ist die erste Aufgabe, den Erzählgegenstand zu bestimmen. Dazu gehört auch, dass man Interviewpartner gewinnt, bei denen man sich sicher ist, dass sie eine Erzählung präsentieren können. Das Interview selbst gliedert sich in drei Teile: Die Aushandlungsphase, der Hauptteil und der Nachfrageteil.

Durch die Erzählaufforderung, die der Forscher vorgibt, entsteht das Thema für den Befragten: „Der Stimulus fokussiert den Bereich des jeweils sozialwissenschaftlichen interessierten Ereignisses“.[8] Durch die Relevanzzuschreibung des Befragten wird die Lebensgeschichte, bzw. das Interview planungsorientiert gestaltet und erzählt. Wichtig dabei ist, dass für den Befragten die Geschichte einen erzählenden Charakter aufweist und es ihm sinnvoll erscheint, diese Geschichte zu erzählen.[9] Dabei einigen sich beide (Forscher und Befragter) im gegenseitigen Einvernehmen und in verständnisvoller Absicht auf eine Erzählthematik. Um Unsicherheiten des Befragten vorzubeugen, erklärt der Forscher den genauen Sinn des Interviews sowie dessen genauen Ablauf und bietet ihm Hilfe an, sich seine eigene Sinngebung für das Interview zu überlegen. In der Regel entscheidet sich der Befragte selbst, wo das Interview geführt wird, wobei meistens eine gewohnte Umgebung gesucht wird, in der sich der Befragte wohlfühlt, also vor allem im eigenen zu Hause. Wenn während der Aushandlungsphase Blockaden beim Erzähler auftreten, ist es Aufgabe des Forschers, dass er plausibel und authentisch dem Erzähler bewusst macht, dass der Forscher gerade dessen individuell erlebten Erfahrungen hören möchte. In der Aushandlungsphase werden nun die Rollen verteilt, der Erzähler hat das uneingeschränkte Rederecht und der Forscher ist der aufmerksame Zuhörer. Der Beginn des Erzählens bildet gleichzeitig den Übergang von der Aushandlungsphase zur Haupterzählungsphase. Damit die Rekonstruktion der lebensgeschichtlichen Abläufe nicht beeinträchtigt wird, sollte sich der Interviewer mit Zwischenfragen und Kommentaren strikt zurückhalten und sich auf die Rolle des aufmerksamen Zuhörers beschränken. Besonders die Aufmerksamkeit des Forschers spielt in dieser Phase die wichtigste Rolle, signalisiert er doch durch kurze emotionale Rückmeldungen (wie lachen, seufzen oder mitgehende Formulierungen wie beispielsweise „das war ja wirklich hart“), dass ihm die volle Aufmerksamkeit des Zuhörers gehört und er sich in dessen Situation hineinversetzen bzw. einfühlen kann.[10] Ebenfalls sollte der Zuhörer auf Notizen während des Interviews verzichten, da es den Befragten verwirren könnte und so in seiner Erzählung unterbrochen wird bzw. den Faden verliert. Abgeschlossen wird die Haupterzählphase, wenn nicht das Interview durch einen Zeitrahmen festgelegt ist, mit einer Rückkehr der lebensgeschichtlichen Darstellung in die Gegenwart oder durch einen sichtbaren Abschluss im Erzählaufbau. Bemerkungen wie: „So, jetzt weiß ich nichts mehr, jetzt müssen sie mal fragen…, oder Genügt das jetzt?“ sind eindeutig formulierte Schlusssätze die das Ende der Haupterzählung andeuten.

Nach der Beendigung der Haupterzählungsphase hat der Forscher nun die Chance, thematisch aktiv zu werden, im sog. Nachfrageteil. In diesem Nachfrageteil soll der Forscher durch gezieltes Nachfragen zu Aspekten und Hintergründen des Ereignisablaufs des Befragten dessen Erzählpotenzial ausschöpfen, um weitere detaillierte Erzählstränge zur Vervollständigung der autobiograpfischen Stegreiferzählung zu produzieren. Auch hier sollte sich der Forscher zurückhalten und vermeiden, beeinflussende Fragen zu stellen oder Argumentationsstränge zu konstruieren. Weitgehend werden dem Befragten Verständnisfragen gestellt, die zum einen die Lücken, die bei der Erzählung im Hauptteil entstanden sind zu schließen und zum anderen die Geschichte in eine abgerundete, nachvollziehbare Gesamtformung zu bringen. „In diesem ersten Nachfrageteil besteht also die Kunst des Interviewers vor allem darin, Fragen mit narrativer Generierungskraft zu stellen – Fragen also, die selbst wiederum geeignet sind, das Erzählen weiterer kleiner Geschichten in Gang zu setzen. Als Faustregel gilt: Die Frage nach dem „ Wie“ (von Ereignisabläufen) bekommt hier einen zentralen Stellenwert, weil sie im Gegensatz zu „ Was- “, „Wann- “, „Wo- “, oder „ Wieso- Fragen“ Ablaufprozesse von Ereignissen in den Blick rückt, die erneut das Handlungsschema „Erzählen“ beim Informanten einfordert.“[11] Eine weitere Aufgabe des Forschers ist es, bei dem Befragten ein Argumentationsschema zu reaktivieren, indem er erneut noch einmal die eigentheoretischen Kommentare des Befragten aus der Haupterzählung einbringt. Die daraus entstehenden intervenierend- lenkenden Fragen sollen aber erst dann angewandt werden, wenn narratives Potential der Gesamtgeschichte und die forschungsrelevante Thematik voll ausgeschöpft sind, da sonst das Problem entstehen könnte, dass diese Fragen den Interviewverlauf beeinflussen und dominieren.

[...]


[1] Flick, Uwe / Kardorff, Ernst von / Steinke, Ines (Hrsg.): QualitativeForschung.Ein Handbuch. 8. Auflage, Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, Reinbek 2010, S. 14.

[2] Hopf, Christel: Qualitative Interviews in der Sozialforschung. Ein Überblick. In: Flick, Uwe / Kardoff, Ernst von / Keupp, Heiner / Rosenstiel, Lutz von / Wolff, Stephan (Hrsg.): Handbuch qualitative Sozial-forschung. Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen. 2. Auflage, Beltz Verlag, Weinheim 1995, S. 250.

[3] Eine genaue Auflistung der Interviewtypen findet sich bei Lamnek, Siegried: Qualitative Sozialforschung, 5. überarb. Auflage, Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2010.

[4] vgl. Flick, Uwe: Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. 2. Auflage, Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, Reinbek 2009, S. 117.

[5] vgl. Flick, 2009, S. 147.

[6] vgl. Küsters, Ivonne: Narrative Interviews. Grundlagen und Anwendungen. 2. Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, S. 18.

[7] vgl. Loch, Ulrike / Schulze, Heidrun: Biographische Fallrekonstruktion im handlungstheoretischen Kontext der Sozialen Arbeit. In: Thole, Werner (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit. 2. überarbeitete Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005, S. 564.

[8] Glinka, Hans- Jürgen: Das narrative Interview: Eine Einführung für Sozialpädagogen. 1. Auflage. Ort: Juventa Verlag, Weinheim und München 1998, S. 10.

[9] vgl. ebd.

[10] vgl. ebd., S. 13.

[11] vgl. ebd., S. 15.

Details

Seiten
23
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640874996
ISBN (Buch)
9783640874750
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169261
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Fachbereich 04 Soziale Arbeit
Note
1,0
Schlagworte
Gegenüberstellung qualitative Forschungsmethoden Sozialwissenschaft Interviews Forschungsinstrumente
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