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Versuch einer umfassenden Ökonomologie

Im Dialog mit Klassik, Marxismus und Keynesianismus zwischen Ökonomie und Ökologie

Hausarbeit 2010 40 Seiten

VWL - Geschichte

Leseprobe

Gliederung

1) Einleitung

2) Drei Wirtschaftssysteme
2.1) Klassik/Neoklassik
2.2) Keynesianismus
2.3) Marxismus

3) Ins Gespräch kommen

4) Utopien - Quellen der Zukunft

5) Auf dem Weg zu einer umfassenden Ökonomologie

6) Literatur

1) Einleitung

„...daß die mittlere Haltung in allem die lobenswerteste ist, daß man aber zuweilen auf das Übermaß, zuweilen auf den Mangel hin abbiegen soll. Denn so werden wir am ehesten die Mitte und das Richtige finden.“1

Theorien haben mit Handeln in erster Linie nichts zu tun. Sie fordern aber gemeinhin zum Handeln auf. Dies trifft natürlich im doppelten Sinne für Theorien der Wirtschaft zu, die ja in Ureigenheit die Bedingungen des Handels thematisieren. Nicht zuletzt sind alle Theorien von Menschen geschaffen, die als handelnde Subjekte je aus einer Wirklichkeit kommen, von deren Handlungsspielraum sie wohl oder übel geprägt worden sind. Es liegt also nicht allzu fern, eine Arbeit über Ökonomie mit einem der namhaftesten Handlungsethiker einzuleiten. Auch wenn Aristoteles schon vor über zweitausend Jahren den Menschen mit dem Attribut 'zoon politikon' bedachte, findet seine Mittenphilosophie noch heute Anwendung in der hohen Politik. So fragt die Berliner Zeitung in einem Interview den derzeitigen Präsidenten des Bundestages, Norbert Lammert, ob es stimmt, „dass die Debatten immer langweiliger geworden sind, weil nicht mehr so ideologisch gestritten wird“. Dieser konstatiert, die großen Richtungsstreite gäbe es nicht mehr. „Die Verfassung, die Wirtschaftsordnung, die Einordnung in Bündnissysteme, die Übertragung nationaler Souveränitätsrechte - all das ist im Prinzip geklärt.“2 und es spreche für die Kultur des Landes, über derlei Streitfragen heutzutage erhaben zu sein.

Uns interessiert hier vorwiegend die Wirtschaftsordnung. Wenn es keine Streitfragen mehr gibt, dann müssen die Vertreter der drei großen Ökonomien aus den Lagern Smith, Marx und Keynes einen Konsens gefunden haben. Wirtschaft und Politik treten in Wechselbeziehung zueinander. Eine wirtschaftliche Mitte wird also auch von der Politik getragen, oder zumindest flankiert.3 Da Politik und Wähler in einer Demokratie ebenso zusammenhängen, sollten sich gleichfalls führendes politisches Programm und Wahlverhalten annähernd decken. Dass es eine Verschiebung des Wahlverhaltens weg von den Rändern in Richtung Mitte gibt ist nicht neu, aber nach wie vor aktuell. Matthias Jung, Leiter des Umfrageinstituts Forschungsgruppe Wahlen, schlussfolgert daraus indes eine notwendige Diffusität seitens der Regierung. „Mit ideologischer Strenge hat eine Volkspartei keine Chance. In einer Gesellschaft, die sich immer stärker individualisiert, muss die Diffusität zunehmen.“4 Ist letztlich doch kein Konsens zu erkennen? Oder heißt Diffusität tatsächlich von allem etwas?

Ich möchte in dieser Arbeitjedoch weniger an der Realität beweisen, dass es diese Mitte wirklich gibt. Zwar werde ich hier und da auf aktuelle Beispiele zurückgreifen, doch mein Hauptanliegen ist ein Gedankenmodell, das eben jenen Konsens zu denken versucht. Es ist ein Versuch einer umfassenden Ökonomologie. Ökonomologie ist ein Kunstwort - man wird es in keinem einschlägigen Lexikon finden. Es setzt sich zusammen aus Öko und Nomologie und zielt auf Ökonomie und Ökologie. Das Wort Ökonomologie vereint somit auf galante Weise mein hiesiges Anliegen. Die der Philosophie entlehnte Nomologie ist die Lehre von Denkgesetzen und meint hier die jeweiligen Denkgesetze der Klassik bzw. Neo-Klassik, des Marxismus' sowie des Keynesianismus'. Öko stammt vom wunderschönen griechischen Wort oikos. Oikos heißt Haus, ferner Haushaltung. Noch ferner bezeichnet oikos den Lebensraum und auch die Wirtschaft (in diesem Lebensraum). Das Haus, in dem wir leben, ist nichts weniger als unsere Erde. Auf dieser müssen wir haushalten - mit dem, was wir haben. Wirtschaft und Lebensraum gehen mithin eine enge Beziehung ein, das sollte spätestens seit der Klimakonferenz in Kopenhagen deutlich geworden sein. Ich komme also nicht umhin, einstweilen die Ökologie mit ins Spiel zu bringen. Stellen wir uns folgendes Szenario5 vor:

Ein fahles Weiß tanzt hektisch in den Wogen einer trüben Straßenpfütze. Kleine, funkelnde Gespenster jagen einander über Berg und Tal. Der Regen prasselt in einem fort. Ganz aus der Nähe, möchte man meinen, einem rauschenden See gegenüberzustehen, in dem der Mond sein Antlitz wäscht. Die Luft darüber ist angenehm frisch und wird von munteren Böen durchpflügt. Die Wellen spielen Fange und umgarnen sich wie Verliebte. Doch die Idylle trügt. Dumpf-grelles Grollen rumpelt aus der Ferne und bahnt sich seinen Weg. Der Boden beginnt zu zittern. Das Grollen wird lauter und der Boden fängt an zu beben. Je näher das Grollen kommt, desto schriller schreit es in die Luft. Wie eine riesige Mücke geriert der kakophonische Klang zu einem erschütterndem Stakkato. Nichts kann es jetzt noch aufhalten. Nichts kann den Aufprall verhindern. Watschi Die Kollision gleicht einer gigantischen Ohrfeige und teilt das Wasser entzwei. Sofort türmen sich ungeheure Wellen auf und rasen als Tsunamis an die Ufer, um sich dort in dem nächsten Gully zu ergießen. Die MZ knattert rechts an den Straßenrand und hält vor einem marodem Golf II, dem unweigerlich die Abwrackprämie droht. Blauer Dunst legt sich auf die Straßenpfütze, die sich langsam beruhigt und erneut mit dem Mond zu kokettieren anfängt. Dr. lese setzt seinen Helm ab und geht zielstrebig auf die unweit gelegene Eckkneipe zu. Über der Tür prangt ein vergilbtes Schild mit mattroten Lettern: „Zur ewigen Wiederkehr“. Hört sich viel versprechend an, denkt Dr. lese und betritt die Schankstube. „Hey, lese“, winkt ihm ein kleiner, blonder Herr an die Theke. „Ah, der Herr Dr. Reudengeutz ist schon anwesend. Na, prima, dann können wir ja gleich loslegen.“ „Ganz richtig“, erwidert Dr. Reudengeutz und wendet sich zur Wirtin, „Zwei kühle Blondineni“ Sie sitzen freudvoll mit verschränkten Armen an der Theke und grinsen einander mit gehobenen Brauen zu. Ein gläsernes Klonk ertönt, wonach sich beide einen ordentlichen Schluck genehmigen und sich gediegen den Schaumbart aus dem Gesicht wischen. Dr. lese bricht als erster den Frieden.

„Scheiß Wetteri“

„Gewöhn dich dran“, meint Dr. Reudengeutz, „das Klima wird immer unheilvoller werden. Wenn Chinas Schlote weiter so rauchen und die USA wie in Kyoto nicht für eine ökologisch nachhaltige Wirtschaft Stellung beziehen, nur um ihre Handelsbeziehungen nicht zu gefährden, die Australier oder Deutschland nach wie vor auf Kohle setzen, sofern wir nicht gerade unsere AKWs protegieren, solange jeder nur aufseinen eigenen Vorteil Bedacht ist...“

„...wird’s immer Regen geben, oder wie?“

„So ähnlich, dann haben wir bald Land unter. Zerstörung der Ozonschicht, weltweiter Temperaturanstieg, Abschmelzen der Polkappen, Ansteigen des Meeresspiegels, immer mehr Stürme und immer höhere Flutwellen...“

„Du musst das mal positiv sehen. Wenn die Polkappen schmelzen und Grönland an Festland verliert, dann eröffnen sich den Industrienationen ganz neue Förderquellen.

Was denkst du, -warum die dort so intensiv forschen? Weil da unten noch Unmengen an Gasvorkommen lagern!“

„Toll, keine Ölverpestungen mehr, sondern gigantische Methan-Blowouts, die den Klimawandel gar noch beschleunigen. Das Groteske ist, dass diejenigen, die ihr Kapital daraus schlagen, am wenigsten zu leiden haben werden. Die Auswirkungen des Klimawandels erfahren zuallererst Länder wie Bangladesch.“

„Die Kapitalisten beuten bis in alle Ewigkeit die Dritte Welt aus.“

„Sozusagen. Es sei denn, der Kapitalismus wird sich bald selbst aufgefressen haben. Leerverkäufe, Kasinomentalität, monströse Boni für einige Wenige bei Niedriglöhnen für die Produzierenden - da frage ich mich, inwieweit nicht der Staat zum Schutze der Bürger eingreifen sollte.“

„Der Staat in die Wirtschaft? Keynes in die unsichtbare Hand?“

„Das ist in der aktuellen Weltwirtschaftskriseja längst wieder der Fall.“

„Du könntest auch fragen, inwieweit dem Volk wieder zueigen gemacht werden sollte, wessen sie die Kapitalisten beraubt haben.“

„Du spielst auf Marx an...“

Dr. lese und Dr. Reudengeutz starren in ihre Biergläser hinein. Einen Moment lang herrscht Stille. Dann hebt Dr. lese erneut an.

„Also man kann das nicht trennscharf polarisieren. Heutzutage herrscht eher eine Mixtur zur Mitte. Kaum einer bezieht heute noch eine radikale Position. Vor der Hand will keiner den anderen ausschließen, aber hinter der Hand...“

„Tja, das stimmt wohl, alles unterliegt einer enorm komplexen ]Interdependenz. Vielleicht ist die Mitte ja der richtige Weg, den wir nur bislang blind beschreiten. Aber stellen wir uns einmal vor, diejenigen, die an den Hebeln der Macht sitzen, machen genauso weiter wie bisher. Dann droht diesem Planeten doch über kurz oder lang der Kollaps. Kannst du da mitgehen?“

„Dann besiedeln wir halt den Mond.“

„ Und richten diesen Trabant genauso zugrunde?“

„ Wenn wir nichts an den Systemen ändern bzw. am Gesamtsystem,ja.“

„ Wie also muss ein Gesellschaftssystem beschaffen sein, damit menschliches Leben im Einklang mit seiner Umwelt gelingen kann?“

„ Welche ökonomischen Grundlagen muss es beherzigen. Die der Klassik? Die des

Keynesianismus? Und was ist mit Marx?“

„Mehr noch“, erwidert Dr. Reudengeutz, „du müsstest erörtern, welche politische Haltung, welche Menschenbilder auf den Mond mitgenommen würden. Es ist also neben der ökonomischen eine ganz allgemeine, eine anthropologische Frage.“

„Meine Güte, das ist eine schier unüberschaubare Fülle. Wie in Gottes Namen willst Du denn das erörtern?“

Ich erhebe keinen Anspruch auf eine lückenlos detaillierte Darstellung der zu erörternden Wissensgebiete, seien sie ökonomischer, soziologischer oder anthropologischer Dimension, sondern möchte eine Idee derselben mit Blick in die Zukunft modellieren. Ziel ist also weniger eine finale und mehr eine öffnende Antwort, die die verschieden Strömungen in ein umfassendes Becken münden lässt. Ich versuche also nicht einem einzelnen Denksystem zur Vormachtstellung zu verhelfen, zumal es, wie die Geschichte oft gezeigt hat, wenig Erfolg versprechend ist, eine Theorie und eine daraus erwachsende Haltung im Singular zu denken, erst recht sie durchzuführen. Selbst Niklas Luhmann, der mit seiner Systemtheorie von richtungweisenden Soziologen als einziger Begründer einer Welttheorie gelesen wird6, sah sein eigenes Werk bescheiden als nur ein Modell von vielen.7 Es ist nämlich unwahrscheinlich - und hier lässt sich Luhmanns Theorie sogar als immanente Selbstkritik verwenden - je autopoietische (Denk)Systeme, die von verschiedenen Funktionssystemen unabhängig von anderen gedacht werden, miteinander zu koppeln. Oder um es mit Max Weber zu sagen, eine Ordnung kann nur vorherrschen, wenn „die Herrschaftsbeziehung als für sich 'verbindlich' auch 'subjektiv'“8 angesehen wird. Aber es gibt nun einmal so viele subjektive Sichten wie es Menschen gibt. Und Menschen sind fehlbar. Das erst macht sie menschlich. Das wusste auch Aristoteles: „Da es mühselig ist, genau die Mitte zu treffen, so muß man in zweitbester Fahrt (...) das geringste Übel wählen.“9 Daher ist es also unabdingbar, zuweilen auf Übermaß und Mangel abzubiegen, also konkrete Lager anzusteuern, die weit ab von der Mitte liegen. Auch ich baue nicht darauf, ökonomisch neutral bzw. stets mittig zu argumentieren. Das kann ich auch nicht, denn meine Perspektive ist ebenso subjektiv: ich selbst komme aus einem bestimmten Lager, nämlich dem der Sozialen Arbeit. Soziale Arbeit versteht sich bereits seit 1939 als Welt gestaltende Disziplin zur „Überwindung der "Dichotomie zwischen Global und Lokal'“10 und als solche hat sie den Auftrag, nationale und internationale Machtstrukturen verstehen und im Sinne ihrer Klientel nutzen zu lernen.11 Meine Rezeption und Auslegung sind demzufolge entsprechend gefärbt. Wir wollen nun sehen, welches Bild dabei entstehen wird.

2) Drei Wirtschaftssysteme

In den folgenden Punkten werde ich die drei Wirtschaftssysteme Klassik bzw. Neoklassik, Keynesianismus und Marxismus im weitesten Sinne nomologisch darlegen. Im weitesten Sinne deswegen, weil ich streng genommen nicht nur die Realität mit möglichst universalen Hypothesen (nomologisch) abzugleichen suche, sondern bereits entscheidungslogische Prämissen wie den Homo Oeconomicus einführe, oder etwa Analysewerkzeuge und deren Wirkungsweise klassifikatorisch verwende.12 Grob gesprochen möchte ich indessen die Denksystematik der drei relevantesten Wirtschaftssysteme miteinander in Beziehung setzen. Das bedeutet, dass ich die Klassik bzw. Neoklassik zunächst unbefangen von den andren Systemen erkläre, aber Keynesianismus und Marxismus bereits mit negativer Kritik darauf reagieren lasse, weil ich die letzteren Systeme als Antwort auf die Klassik verstehe, die sich also unweigerlich auf klassisches Denken beziehen muss. Andersherum tritt bei dieser Kritik mitunter eine Bekräftigung der Klassik hervor, da nicht zuletztjedes Wirtschaftssystem stark umstritten und demzufolge einer widerlegenden Kritik ausgesetzt ist.

2.1) Klassik/N eoklassik

Aus der Zeit der Aufklärung heraus, in der Menschen sich mutbedient emanzipierten, ihre Lebensführung rationalisierten und ihre Lebensplanung zu kalkulieren begonnen, im Zuge der Liberalisierung, in der „der Staat als ein freiheitsfunktionales Instrument im Dienst des Individuums aufzufassen ist“13, erwuchs schließlich ein mit den Gegebenheiten der Zeit korrelierendes Wirtschaftssystem: die liberale Marktwirtschaft - die Klassik, von Karl Marx auf Klassische Nationalökonomie getauft.

Die neue Marktordnung, die sich vom Feudalismus loslöste, sollte ebenso frei sein und nicht zuletzt eine Verbesserung der Lebensverhältnisse bewirken. Den theoretischen Anstoß dazu gab 1776 Adam Smith mit der Veröffentlichung seines Buches „Der Wohlstand der Nationen“. Ins Rollen gebracht wurde die Theorie von Ökonomen wie David Ricardo, John Stuart Mill, Thomas Robert Malthus und Jean-Baptiste Say. Die neue Ordnung fußte auf dem Individualismus und hatte erst nachgerade ein gesellschaftliches Wohl im Ansinnen. Genauer gesagt sollte das Wohl erst durch individualistisches Bestreben ermöglicht werden. Die Wirtschaft war nunmehr geprägt von Privatbesitz an Produktionsmitteln, Gewinnmaximierung sowie Güterproduktion und Gütertausch nach Marktgrundsätzen. Der Staat hatte dabei lediglich die Rolle eines Randständigen, der günstige Wirtschaftsbedingungen schafft bzw. Rechtsschutz und Landesverteidigung gewährleistet.14 Die Außenseiterposition des Staates wurde Adam Smith zufolge durch die so genannte unsichtbare Hand kompensiert, die sich ohne Einfluss einer Zentralgewalt inmitten des Marktes larviert und ihn frei reguliert. Diese These bekräftigte insbesondere Jean-Baptiste Say. Der Markt erhält sich selbst, indem - so das saysche Theorem - das Angebot seine Nachfrage selbst schafft.15 Jeder, der nämlich Ware anbietet, will dadurch Einkommen erzielen, das er wiederum nutzt, um sich selbst Güter zu kaufen. Dieses Gleichgewicht bleibt selbst dann erhalten, wenn jemand dazu neigt, seine Erträge zu sparen. Erspartes, das in eine Bank eingezahlt wird, erbringt Zinsen für den Einzahlenden einerseits und wird andererseits zu einem bestimmten Zinssatz an andere Unternehmer verliehen, die das Geld schließlich in Güter investieren und abermals Nachfrage schaffen. Werden Erträge nicht sofort investiert und auch nicht in eine Bank eingezahlt, senkt die verringerte Geldmenge die durchschnittlichen Güterpreise, wodurch wieder die Nachfrage angeregt wird. Der Markt kann sich also selbst regulieren, solange sich sein Wachstum frei von staatlichen Eingriffen entfalten kann. Diese Freiheit ist eng an die fortschreitende Arbeitsteilung gekoppelt.16 Manufakturen und aufkommende Fabriken ermöglichen Beschäftigung, für die keine umfangreiche Ausbildung nötig ist. Die Arbeiter verrichten immer mehr spezialisierte und simplere Tätigkeiten. Folglich werden sie ersetzbar bzw. zeichnen sich durch ein höheres Potential an Flexibilität aus.17 Say schlussfolgert, dass in einer solchen liberalisierten Marktwirtschaft keine unfreiwillige Arbeitslosigkeit und auch keine Überproduktion existieren könnten, da die Arbeitskraft selbst ein Gut ist, das Nachfrage schafft, weil der Markt dazu tendiert, größer zu werden und dafür mehr Arbeitskräfte benötigt.

John Stuart Mill prägte für die Klassik die Metapher des Homo Oeconomicus. Dieses fiktive Wirtschaftssubjekt besitzt entschiedene Eigenschaften: es verfügt über vollständige Informationen, es hat feststehende Präferenzen und handelt rational bzw. wählt zwischen Handlungsalternativen mit dem utilitaristischen Ziel, den eigenen Nutzen stets zu maximieren, um das damit einhergehende „Freisein von Unlust“18 respektive das gewonnene Glück in gesellschaftlicher Begegnung als größtmöglichen Nutzen im „Interesse aller“19 münden zu lassen. Das wirtschaftliche Geschehen wird mithin von Optimierungsentscheidungen gestaltet.

Während die Klassik vorwiegend auf Produktion und Wachstum fokussiert ist, beginnt seit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts die Neoklassik zu dominieren, die sich von der klassischen Nationalökonomie dadurch unterscheidet, dass sie eine optimale Verteilung der vorhandenen Ressourcen auf verschiedenste Verwendungen und Individuen mit festen Interessen und vorgegebener Ausstattung an Gütern und Fähigkeiten, also vornehmlich Tausch zum Inhalt hat. Den Produktionsfaktoren kommt dabei nur noch eine marginale Bedeutung zu, da diese ersetzt bzw. ausgetauscht werden können. Hintergrund ist folgender: Die objektive Perspektive der Klassik vermag die Paradoxie vom Warenwert in Bezug auf Gebrauchs- und Tauschwert nicht zu lösen.20

Die Neoklassik überwindet das klassische Wertparadoxon, indem sie eine subjektive Perspektive auf der Ebene der Mikroökonomie einnimmt und den Wert eines Gutes an die Korrelate Angebot und Nachfrage bindet. Je größer die Nachfrage und je geringer das Angebot, desto höher der Preis und umgekehrt. Hierbei entstehen jeweils ein Grenznutzen im Hinblick auf die Nachfrage sowie Grenzkosten im Hinblick auf das Angebot. Daraus ergibt sich letztlich eine Grenzproduktivität. Der Homo Oeconomicus, der danach strebt, sein Handeln nach seinem größtmöglichen Nutzen auszurichten, versucht ein optimales Nutzenniveau zu erreichen. Er überlegt, wie viel er mehr verdienen kann, wenn er mehr produziert. Dabei rechnet er steigende Produktionskosten gegen mögliche Mengenrabatte und stellt schließlich die Grenzkosten fest, die anzeigen, ab wann sich eine höhere Produktion aufgrund der Erreichung maximaler Kapazität und konsekutivem Verschleiß nicht mehr lohnt.21 Um all das zu bewerkstelligen, müssen die Produktionsfaktoren marginal, also randständig bzw. austauschbar, das heißt in einem hohen Maß flexibel sein. Diese ökonomische Haltung wird daher auch als marginalistische Revolution bezeichnet.

Alle Individuen eines vollkommenen Marktes konkurrieren miteinander; sie nehmen Teil an einem ökonomischen Wettbewerb. Halten alle Individuen ihre Ziele gemäß des Homo Oeconomicus' konstant, kann theoretisch ein Optimum eintreten, in dem sich keiner mehr verbessern kann, ohne dass sich jemand anderes verschlechtert. Der Marktzins reguliert den Gütermarkt, hält Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht und den Markt somit stabil. Störungen und Krisen sind laut Say nur Unvollkommenheiten des Marktes. 1929 führten die Auswüchse neoklassischer Wirtschaftjedoch soweit, dass es zu einem Börsencrash mit der Folge einer Weltwirtschaftskrise kam. Die Glaubwürdigkeit der Neoklassik schwand, wonach das Modell des freien Marktes von einem staatlich regulierendem System abgelöst wurde.

[...]


1 Aristoteles 2006, 1109 b 10

2 Schmale/Vates 2010, S. 4

3 Vgl. Peters 1997, S. 8

4 Vates 2010, S. 2

5 Das Szenario ist ein Auszug des Prologs, den ich für eine umfangreichere Hausarbeit mit einem Kommilitonen geschrieben hatte. Die Idee des Themas begannen wir zu zweit zu entwickeln. Da die Hausarbeit nunmehr nur noch von mir verfasst wird, unterliegt die ursprüngliche Konzeption einer kleinen Modifikation, wobei der ursprüngliche Charakter annähernd erhalten bleiben soll. Umfang und Stil entsprechen nicht der üblichen Rahmung einer Hausarbeit und müssen darum für die Bewertung nicht näher herangezogen werden; zwecks einer angenehmen und plastischen Einbettung des Themas halte ich diese Variante allerdings für lohnend.

6 Vgl. Greve/Heintz 2005, S. 110

7 Vgl. Luhmann 2008, S. 246

8 Weber (1913) 1989,S.470

9 Aristoteles 2006, 1109 b 1

10 Staub-Bernasconi 2003, S. 4

11 Vgl. ebd., S. 13

12 Vgl. Peters 1997, S. 17

13 Horn 2009, S. 72

14 Vgl. ebd., S. 134

15 Vgl. Peters 1997, S. 22

16 Vgl. Smith 2009, S. 9 ff.

17 Vgl. Sennent 2009, S.43 f

18 Mill 2006, S. 114

19 Ebd., S. 119

20 Bekanntestes Beispiel: Wasser hat einen hohen Gebrauchswert, ist aber günstiger als Diamanten mit einem weitaus niedrigeren Gebrauchswert

21 Vgl. Peters 1997, S.21f.

Details

Seiten
40
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640872657
ISBN (Buch)
9783640872145
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169162
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Klassik Neoklassik Neoliberalismus Marxismus Keynesianismus keynes Marx Adam Smith Kommunitarismus Utopie Luhmann Systemtheorie Ökonomie Ökologie Politik Aristoteles Geld Richard Sennet Homo Oeconomicus Wettbewerb Mitte
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Titel: Versuch einer umfassenden Ökonomologie