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Das nicht - standardisierte Interview als qualitativ orientiertes Forschungsdesign

Hausarbeit 1997 8 Seiten

Soziologie - Methodologie und Methoden

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das qualitative Interview
2.1. Begriff und Zielsetzung
2.2. Anwendungsmöglichkeiten und Anwendungsbereiche
2.3. Formen des qualitativen Interviews
2.4. Auswertung nicht- standardisierter Interviews

3. Das Interview
3.1. Durchführung
3.2. Probleme und Fehler

4. Quellenangabe

1. Einleitung

Meine Hausarbeit befasst sich mit dem Thema : Das nicht - standardisierte Interview als qualitativ orientiertes Forschungsdesign. Ich werde mich mit qualitativen Interviewformen, zu denen das nicht - standardisierte wie auch das teil - standardisierte Interview gehören, beschäftigen.

Im ersten Teil meiner Arbeit gehe ich auf Begriff und Zielsetzung qualitativer Befragungen und ihre Anwendungsmöglichkeiten ein. Darüber hinaus ist auch eine Betrachtung der verschiedenen Formen und der Auswertung qualitativer Interviews wichtig. Hier werde ich speziell die nicht - standardisierte Befragung betrachten.

Im letzen Teil meiner Arbeit werde ich mich auf das gehaltene Interview beziehen. Hier gehe ich

sowohl auf die Durchführung wie auch auf die Auswertung ein. Am Ende meiner Hausarbeit werde ich mich mit Fehlern und Problemen beim Halten und bei der Auswertung meines Interviews beschäftigen.

2. Das qualitative Interview

2.1. Begriff und Zielsetzung qualitativ orientierter Befragungen

Die Befragung ist die häufigste Methode sozialwissenschaftlicher Datenerhebung. Das Interview ist eine künstliche Befragungssituation, in der sich die interagierenden Personen fremd sind. Die Beziehung zwischen Interviewer und Befragten ist asymmetrisch, da fast alle Initiativen vom Interviewer ausgehen und sozial folgenlos sind.1 Sozialwissenschaftliche Befragungen lassen sich nach mehreren Kriterien klassifizieren. Dies wäre zum einen, die Unterscheidung zwischen mündlichem und schriftlichem Interview. Darüber hinaus spielt das Interviewerverhalten eine wichtige Rolle. Bei mündlichen Befragungen unterscheidet man zwischen harten, neutralen und weichen Interviews. Das Ausmaß der Standardisierung ist ein weiterer wichtiger Unterscheidungspunkt. In einigen Quellen wird statt dem Begriff der Standardisierung, der der Strukturierung analog benutzt.

In vollstandardisierten Interviews ist die Abfolge und der Wortlaut der einzelnen Fragen eindeutig und verbindlich vorgegeben. Im halb - oder teil - standardisierten Interviews sind die Fragen in einem Leitfaden festgelegt. Im nicht - standardisierten ( auch freien, offenen oder qualitativen ) Befragung wird ein theoretischer Rahmen in der Form eines Gesprächsleitfadens vorgegeben. Atteslander lehnt den Begriff des nicht - standardisierten Interviews ab, “ weil es kein Gespräch gibt, das nicht in irgendeiner Weise strukturiert ist “. Deshalb bezeichnet er diese Art der Befragung als wenig strukturierte Interviews.2 Ich schließe mich seiner Meinung an, werde aber aus Gründen der Verständlichkeit weiter den Begriff des nicht - standardisierten Interviews nutzen. Auf diese Form der Befragung möchte ich nun näher eingehen. Man nutzt sie, um Informationen zu einem bisher wenig erforschtem Thema zu erlangen. Der Forscher wird von lockeren Hypothesen geleitet. Das Gespräch wird ohne Fragebogen durchgeführt, so dass der Interviewer über einen hohen Freiheitsspielraum verfügt und sich in der Gesprächsführung individuell dem Befragten anpassen kann. Die jeweils nächste Frage ergibt sich aus den vorangegangenen Aussagen. Die Reaktionsmöglichkeit des Befragten sollte möglichst groß sein, er spricht etwa 80 % der Interviewzeit. Das nicht- standardisierte Interview ist mündlich, der Interviewer nutzt offene Fragen. Diese Befragungen können weitaus informativer sein als standardisierte Interviews, im ungünstigen Fall, zum Beispiel bei mangelhafter Interviewerkompetenz, allerdings auch eher völlig wertloser als diese.3 Deshalb setzen nicht - standardisierte Interviews erhöhte Anforderungen an den Forscher voraus. Neben der Fähigkeit aufmerksam zuzuhören und den Gesprächspartner nicht zu unterbrechen muss der Interviewer auch auf Kommentare und achten und sicherstellen, dass genügend Informationen zu den relevanten Themen gewonnen werden.

Das nicht- standardisierte Interview erfordert eine hohe Interviewerkompetenz und sehr viel Zeit, sowohl für die Befragung, als auch für die Auswertung der gewonnenen Texte.

2.2. Anwendungsmöglichkeiten und Anwendungsbereiche

In diesem Teil meiner Hausarbeit möchte ich die Anwendungsmöglichkeiten und die Anwendungs- bereiche nicht - standardisierter Interviews aufzeigen. Man nutzt diese Befragungsform, um ein fremdes soziales Milieu oder eine fremde Kultur zu erforschen, über die bisher noch wenig bekannt ist. Vor allen Dingen zur vertiefenden Untersuchung einzelner Befragter sind offene Interviews anzuwenden. Man kann mit ihnen die Bedeutung einer Antwort des Befragten klären und einen wichtigen einzelnen Aspekt der Meinung oder Einflüsse auf die Meinungsbildung ermitteln. Darüber hinaus ermöglichen nicht - standardisierte Interviews die Analyse komplexer Einstellungsmuster, die Ermittlung des Bezugsrahmens einer Person oder die Untersuchung seltener und abweichender Fälle.4

Die Anwendungsbereiche nicht - standardisierter Interviews sind zu vielfältig, deshalb möchte ich nur einige aufzählen. In der Psychologie nutzt man sie in der Belastungs - und Bewältigungsforschung, in der Therapie - oder zur Medienforschung. In der Soziologie nutzt man offene Interviews zum Beispiel in der Geschlechter - , in der Jugend - , oder in der Milieuforschung. Aber auch in der Ethnologie, in der Politikwissenschaft und in der Pädagogik werden nicht- standardisierte Interviews angewandt.

2.3. Formen des qualitativer Interviews

Ich möchte mich jetzt den verbreitetsten Formen der qualititiven Befragung zuwenden. Dazu zählen das narrative, das problemzentrierte, das fokussierte, das rezeptive und das Tiefen - oder Intensivinterview.

Das narrative ( erzählende ) Interview wurde von Schütze 1977 entwickelt. Es dient zur Erhebung von subjektiv erlebten Ereignissen und Ereignisketten und ist eine realitätgerechte Rekostruktion früheren Handelns. Der Befragte wird durch die Vorgabe einer zentralen Ausgangsthemenstellung aufgefordert frei und weitgehend ununterbrochen zu erzählen. Der Interviewstil ist weich bis neutral und überläßt dem Befragten den Orientierungsgrad der Erzählung. Bei Unklarheiten und zur Absicherung des Gehörten sollte der Interviewer nachfragen. Es gibt keinen Leitfaden - die jeweils folgende Frage ergibt sich aus den vorangegangenen Aussagen des Befragten. Das narrative Interview sollte ein bis drei Stunden dauern.

Das problemzentrierte Interview ist eingebunden in eine “ Methodenkombination von qualitativem Interview, Fallanalyse, biographischer Methode, Gruppendiskussion und Inhaltsanalyse “.5 Der Forscher geht von theoretischen Vorannahmen aus, die durch das Interview laufend modifiziert werden. Da es einen Leitfaden geben kann und der Befragung oft ein Kurzfragebogen vorrausgeht, vermittelt das problemzentrierte Interview zwischen der qualitativen und der quantitativen Forschungstechnik.

Das fokussierte Interview ging aus der in den USA entwickelten Propagandawirkungsforschung hervor und steht, obwohl es den qualitativen Befragungsformen zugeordnet wird, der quantitativen Methodologie näher. Es geht hier nicht um die Entwicklung von Hypothesen, sondern vielmehr um deren Überprüfung. Dem Befragten wird ein spezifisches Reizmaterial ( z. B. ein Film oder ein Zeitungsartikel ) vorgestellt, welches das zentrale Thema des Interviews beinhaltet. Aus der Kenntnis der Situation wird ein Leitfaden entwickelt und auch angewandt. Das rezeptive Interview wurde von Kleining 1988 entwickelt. . Diese Befragungsform ist an der alltäglichen Kommunikation orientiert, so ist der Interviewer fast ausschließlich Zuhörer. Da keine Vorannahmen des Forschers vorliegen, werden rezeptive Befragungen als die offensten qualitativen Interviews angesehen. Sowohl Mimik und als auch Gestik des Befragten werden beobachtet und ausgewertet. Hier besteht die Schwierigkeit darin, den Befragten immer wieder durch zustimmende und ermunternde Reaktionen zu einer Weiterführung des Gespräches zu zwingen. Das Tiefen- oder Intensivinterview ist eine Spezialform qualitativer Befragungen und wird bevor- zugt in der Psychologie angewandt. Es wird versucht, mit der Hilfe alltagsweltlicher Fragen und Antworten, Bedeutungsstrukturen zu ermitteln, die dem Befragten selbst nicht bewusst sind. Dies geschieht auf der Basis theoretischer Vorannahmen des Forschers. Das Prinzip der Offenheit wird hier nicht mehr eingehalten, da die Deutung der Aussagen des Befragten in einem ihm fremden Kontext vorgenommen] werden.

So kann abschließend gesagt werden, dass nur das rezeptive und das narrative Interview eindeutig der nicht - standardisierten Befragungstechnik zuzuordnen sind. Dies, da sie keinen Leitfaden nutzen und nicht in eine Methodenkombination eingebunden sind.

2.4. Auswertung qualitativer Interviews

Die Auswertung qualitativer Interviews ist sehr zeitaufwendig und lässt sich sowohl auf nicht- standardisierte als auch auf teil - standardisierte Interviews anwenden. Sie wird in vier Phasen eingeteilt.

Die Transkription ist die Vorraussetzung für weitere Analyseschritte. Zuerst wird das umfangreiche Material, das im Original auf einem Datenträger ( Tonband oder Video ) vorliegt, in eine lesbare Form gebracht. Da ein Gespräch nicht nur aus gesprochenen Sätzen, sondern auch aus kürzeren und längeren Pausen oder auch Lachen und Räuspern besteht, müssen Regeln für die Behandlung dieser nonverbalen Aspekte aufgestellt werden. Diese Elemente werden in das Transkript aufgenommen. Danach wird es mit der Bandaufnahme verglichen und Tipp - oder Hörfehler werden verbessert.

Am Ende der ersten Phase werden entsprechende Informationen wie z. B. Namen oder Orte anonymisiert. Die Enzelanalyse dient zur Konzentration des Materials, indem Nebensächlichkeiten aus den einzelnen Abschnitten entfernt und zentrale Phasen hervorgehoben werden. Die prägnantesten Textstellen werden dem Transkript entnommen, so dass ein stark gekürzter und konzentrierter Text entsteht. Daraus wird eine erste Charakteristik des Interviews erstellt, in die auch Wertungen des

[...]


1 Siehe Spöhring ( 1989 , S . 147 f )

2 Siehe Atteslander ( 1995 , S . 160 )

3 Siehe Spöhring ( 1989 , S . 156 )

4 Siehe Spöhring ( 1989 , S . 154 )

5 Witzel ( 1985 , S . 230 )

Details

Seiten
8
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783640872589
ISBN (Buch)
9783640872220
Dateigröße
392 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169147
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,5
Schlagworte
interview forschungsdesign

Autor

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Titel: Das nicht - standardisierte Interview als qualitativ orientiertes Forschungsdesign