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Der Knabe im Moor von Annette von Droste-Hülshoff als Ballade

Seminararbeit 2011 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I) Einleitung
1. Fragestellung und Vorgehensweise
2.Der Knabe im Moorals Untersuchungsgegenstand

II) Analyse des GedichtsDer Knabe im Moorvon Annette von Droste-Hülshoff auf Kennzeichen der Gattung Ballade
1. Zum Begriff ‚Ballade‘
1.1 Definitionen
1.1.1 ‚Ballade‘ nach Baumgärtner und Wagenknecht
1.1.2 Abgrenzung zu Erzählgedicht und Romanze
1.1.3 Entstehung der Gattung Ballade und Gattungsarten
1.2 Kennzeichen der Gattung Ballade
1.2.1 Goethes Urei: Lyrische, epische und dramatische Merkmale
1.2.2 Formale Kriterien
1.2.3 Inhaltliche Kriterien
2.Der Knabe im Moorvon Annette von Droste-Hülshoff
2.1 Gattungsart:Der Knabe im Moorals Numinose Ballade
2.2 Lyrische, epische und dramatische Merkmale inDer Knabe im Moor
2.3 Formale Merkmale der Ballade inDer Knabe im Moor
2.4 Inhaltliche Merkmale der Ballade inDer Knabe im Moor
2.5 Der Ballade widersprechende Merkmale inDer Knabe im Moor

III) Zusammenfassung

IV) Literaturverzeichnis

I. Einleitung

1. Fragestellung und Vorgehensweise

Zum vertieften Verständnis der Gattung Ballade ist es notwendig einerseits die Theorie der Gattung zu studieren, aber andererseits auch die theoretischen Kenntnisse auf ein Exempel anzuwenden bzw. zu überprüfen. Die Arbeit soll zeigen, inwiefern das GedichtDer Knabe im Moorvon Annette von Droste-Hülshoff ein repräsentatives Beispiel der Gattung Ballade ist. Dazu wird zunächst geklärt, wie der Begriff ‚Ballade‘ definiert ist, es erfolgt eine Abgrenzung zu anderen balladenähnlichen Gattungen, eine kurze Darstellung der Entstehung der Gattung, sowie der Gattungsarten und es werden die formalen und inhaltlichen Kennzeichen der Gattung Ballade erläutert, die dann im zweiten Schritt im GedichtDer Knabe im Mooruntersucht werden.

Zunächst aber folgt eine Begründung für die Auswahl des Gedichts.

2.Der Knabe im Moorals Untersuchungsgegenstand

Der Knabe im Moorhandelt von einem Jungen, der im Dunkeln durch ein Moor wandert und von der bedrückenden Stimmung seiner Umgebung in Angst gerät. Am Ende des Gedichts gelangt er zu einem Licht und entkommt so dem schaurigen Moor. Das Gedicht ist zum ersten Mal am 16.02.1842 in der ZeitschriftMorgenblatterschienen. Es ist nebenFundator, Der Graue, Der SchlosselfundDer Tod des Erzbischofs Engelbert von Kölneine der bekanntesten Balladen von Annette von Droste-Hülshoff. Die Besonderheit der Balladen der Autorin liegt darin, dass sie sich auf keine Balladentradition festlegt. Dennoch stimmen sie durch dramatischen Stil, Verlebendigung der Naturbeschreibungen und Genauigkeit der Naturbeobachtung überein.1

Des Weiteren erfolgt bei Droste-Hülshoff die Darstellung der Natur nicht als harmoni- sche Landschaftsbeschreibung, sondern als Ort des Unheimlichen und Bedrohlichen, was insbesondere inDer Knabe im Moorzum Ausdruck kommt. Diese Besonderheiten machen das Gedicht zu einem interessanten und geeigneten Untersuchungsgegenstand.

II) Analyse des GedichtsDer Knabe im Moorvon Annette von Droste- Hülshoff auf Kennzeichen der Gattung Ballade

1. Zum Begriff ‚Ballade‘

1.1 Definitionen

Zur Beschreibung der Gattung muss zunächst das Wort ‚Ballade‘ definiert werden.

1.1.1 ‚Ballade‘ nach Baumgärtner und Wagenknecht

Der Begriff ‚Ballade‘ leitet sich ab vom lateinischen Verbballareund heißt übersetzt tanzen. Nach Baumgärtner war die Ballade ursprünglich ein Lied, das von den Tanzenden selbst gesungen wurde.2 Eine Erweiterung erfährt der Begriff durch Wagenknechts Definition. Dieser beschreibt die Ballade als eine „meist liedförmige Erzählung einer merkwürdigen Begebenheit“3. In Deutschland hat sich das Wort Ballade seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts durchgesetzt.4

1.1.2 Abgrenzung zu Erzählgedicht und Romanze

Wenn es auch unterschiedliche Positionen gibt, so wird die Ballade bis heute zur Gattung Lyrik gerechnet, da sie sich durch geringeren Umfang und aufgrund ihrer Form in Versen und Strophen von der Gattung Prosa abgrenzt. Innerhalb der Lyrik existieren allerdings ähnliche Formen. Während des 18. und 19. Jahrhunderts werden Ballade und Romanze synonym gebraucht. Heute bezeichnet man die Romanze und das Erzählgedicht als eigene Gattungen, die verwandt sind mit der Ballade.5

Sowohl Ballade als auch die Romanze gehen auf alte Heidelieder zurück und erzählen eine abgeschlossene Situation in der Vergangenheit.6 Nach Vischer ist die Ballade aller- dings reiner lyrisch, und zwar meint lyrisch in der Ballade „den Akt der subjektiven Empfindung, der sich an seinem geraden Gegenteile, der vollen Objektivität, so stark erweist, daß er sie ganz in lauter Ton, Stimmung umsetzt“7, während das Lyrische in der Romanze die völlige Objektivität gar nicht erreicht und vielmehr im Narrativen bleibt. Vischer unterscheidet die Ballade und Romanze weiterhin insofern, bezugnehmend auf Echtermeyer, dass innerhalb der Ballade „der Geist in seiner Naturbedingtheit sich aus- spreche“8 und er von äußerer Gewalt der Natur bzw. von Trieben vereinnahmt wird. Die Romanze dagegen stellt „das ideale Selbstbewusstsein, die freie sittliche Macht des Geistes“9 dar und ist insgesamt heller als die Ballade, aber auch nicht so gedankenhaft durchgearbeitet. In der Forschung wird bis heute die Abgrenzung von Ballade und Ro- manze diskutiert, die Terminologie scheint also nicht hinreichend geklärt.

Das Erzählgedicht nähert sich mehr der Epik im Vergleich zu Ballade und Romanze. Der Stil ist sachlich, genau, alltäglich, weniger dramatisch, dagegen ist die Handlung nicht abgeschlossen und das Ende bleibt meist offen. Während sich in der Ballade der Erzähler ganz in den Gegenstand legt, liegt im Erzählgedicht eine distanziertere Erzähl- haltung vor.10

1.1.3 Entstehung der Gattung Ballade und Gattungsarten

Der Irrationalismus, der sich nach dem Zeitalter der Aufklärung im Sturm und Drang ausbildet, war die Voraussetzung für die Verbreitung der Gattung Ballade.11 Entstanden ist die Ballade in Deutschland aber bereits im Spätmittelalter und erste Volksballaden wurden mündlich überliefert. Während Barock und der frühen Aufklärung entstanden allerdings keine Balladen, da diese der Regelpoetik widersprochen hätten. Erst im spä- ten 18. Jahrhundert fand die Gattung in Anlehnung an die Sammlung von Balladen aus England von beispielsweise Thomas PercysReliques of Ancient Poetry(1765) in Deutschland mit Herder und Bürger zu größerer Popularität. MitLenorevon Bürger entstand die erste Kunstballade.12 Ab dem 18. Jahrhundert meinte man mit der Gattung Ballade stets die Kunstballade. Innerhalb der Kunstballade entwickelten sich im Laufe der Jahre unterschiedliche inhaltliche Balladentypen: u.a. numinose, historische, Exem- pel-, Ideen-, Heldenballaden, soziale, politische und Kabarettballaden.13 Paul Kämpchen unterscheidet zwischen numinosen und heldischen Balladen. Diese Systematik soll für die weitere Arbeit grundlegend sein und wird deshalb kurz erläutert. Kämpchen unter- teilt die numinose Ballade nochmals in naturmagische, totenmagische und Schicksals- ballade. Das Wortnuminosstammt aus der Religionswissenschaft und bezeichnet das Erleben des Göttlichen bzw. das, was in einem religiösen Erlebnis erfahren wird. Das Numinose hat einen Doppelcharakter, d.h. das Erlebnis ist „abschreckend, furchterre- gend und zugleich anziehend und sinnverwirrend.“14 Der Stoff dieser Balladen handelt also von der Begegnung zwischen Mensch und „übermenschlichen Wesen und Mäch- ten, die in sein Schicksal eingreifen.“15 In der naturmagischen Ballade werden Natur- gewalten zu übermenschlichen Lebewesen personifiziert und die Stoffe spiegeln Zu- stände der Angst und Abhängigkeit des Menschen wieder.16

Eine Beziehung zwischen den Lebenden und den Toten ist zentrales Thema in der to- tenmagischen Ballade. Darin findet beispielsweise der Tote keine Ruhe und bleibt im Diesseits als Strafe für ein Verbrechen bzw. der Tote tritt als Rächer auf und kehrt ins Diesseits zurück. Hier taucht also oft das Motiv des Widergangs auf.17 In der Schicksalsballade wird eine bestimmte religiöse bzw. weltanschauliche Überzeu- gung vorausgesetzt, denn die Handlungen von Menschen werden vor dem Hintergrund dieser Überzeugungen beurteilt.18

Die Heldenballade, welche auch als Ideenballade bezeichnet wird, wurde von Schiller und Goethe um das Balladenjahr 1797 gegründet und versucht durch kunstvolle Stro- phenform, Metrum und Sprache ein Ideal darzustellen und das Allgemeine als etwas Besondere]s darzustellen. Heldenballaden dienen deshalb auch zur ästhetischen Erzie- hung des Menschen.19

[...]


1 http://www.literaturwelt.com/spezial/ballade.html

2 Vgl. Baumgärtner, Alfred Clemens:Der Knabe im Moor. In: Hotz, Karl (Hg.): Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Interpretationen. Bamberg: C. C. Buchners 1998, S. 112

3 Wagenknecht, Christian:Ballade. In Fricke, Harald, Grubmüller, Klaus, Müller, Jan-Dirk (Hg.) Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin: Walter de Gruyter 2007, S. 192

4 Vgl. Ebd., S. 193f

5 Vgl. Wagenknecht, S. 192f.

6 Vgl. Vischer, Friedrich Theodor:Romanze und Ballade. In: Müller-Seidel, Walter (Hg.): Balladenforschung. Königstein: Anton Hain Meisenheim GmbH 1980 S. 11

7 Vischer, S. 13

8 Vischer, S. 14

9 Vischer, S. 15

10 Vgl. Weissert, Gottfried:Ballade. Stuttgart: Metzler, 1980, S. 11ff.

11 Vgl. http://www.literaturwelt.com/spezial/ballade.html

12 Vgl. Wagenknecht, S. 193f.

13 Vgl. http://www.literaturwelt.com/spezial/ballade.html

14 Weissert, S. 21

15 Ebd.

16 Vgl. Weissert, S. 22f.

17 Vgl. Ebd., S. 27ff

18 Vgl. Ebd., S. 30ff.

19 Vgl. http://www.literaturwelt.com/spezial/ballade.html

Details

Seiten
13
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640874866
ISBN (Buch)
9783640875139
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169076
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Deutsche Philologie
Note
noch gut
Schlagworte
knabe moor annette droste-hülshoff ballade

Autor

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Titel: Der Knabe im Moor von Annette von Droste-Hülshoff als Ballade