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Darstellung der Weiblichkeiten und Männlichkeiten in Schillers „Würde der Frauen“

Zeitgenössische Kritik

Seminararbeit 2003 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Schillers Intention in „Würde der Frauen“

3. Das Frauenbild um
3.1 Patriarchalische Gesellschaft
3.2 Kritik der Romantiker
3.3 Schillers Zeitgenossinnen

4. Der Begriff „Würde“

5. Gender studies
5.1 „Sex“ und „gender“
5.2 Instabilität der Geschlechtlichkeit vs. Schillers Frauen-, Männerbild

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seinem 1795 erschienenen Gedicht „Würde der Frauen“ beschreibt Schiller das Idealbild der Frau des 18. Jahrhunderts, wie es die damalige patriarchalische Gesellschaft idealisiert und intendiert. Nach heutiger Sicht entwickelt sich diese Rolle der Frau in der Frühen Neuzeit aus ihrer von dem Mann unterdrückten Position heraus. So gelten die Frauen beispielsweise als nicht zur geistigen Entwicklung fähig, dabei werden ihnen alle Möglichkeiten zu dieser Entwicklung genommen. Diese Position der Frau bessert sich trotz der eingetretenen Epoche der Aufklärung nicht, vielmehr wird diese durch die damaligen wissenschaftlichen Erkenntnisse unterstützt und als in der Natur der Frau vorgesehen, begründet. Mitten in dieser historischen Entwicklung und Geschlechter-Diskussion entsteht Schillers Gedicht „Würde der Frauen“ in dem nicht weniger präsent das damalige Bild des Mannes erscheint. Es geht in diesem Gedicht also um beide Geschlechter, genauer gesehen um die Rollenverteilung an das jeweilige Geschlecht. Die vereinfachte Sicht der Geschlechtszugehörigkeit, die jeweils aufgezwungenen Rollen, die Ideale des Frauen- und Männerbildes und Untersuchung deren Rudiments sind Gegenstände dieser Arbeit. Die Intention dieser Arbeit besteht ferner in dem Versuch, die Herkunft dieser Ideale aus dem Standpunkt der historischen Zusammenhänge zu erklären, eine Gegenüberstellung der Inkarnation damaliger Konventionen in Schillers Gedicht zu der zeitgenössischen Kritik und zu den Beispielen des damals unkonventionellen Verhaltens Schillers Zeitgenossinnen herzustellen. Des weiteren, um zu zeigen, wie komplex das Thema der Spezifikation der Geschlechter ist, wird Schillers Umgang mit den Begriffen wie „Anmut“ und „Würde“ in seiner ästhetischen Abhandlung „Über Anmut und Würde“ analysiert, dabei wird untersucht, inwiefern der Gebrauch dieser Begriffe, bei dem Versuch, die Geschlechter zu klassifizieren, in Widersprüchlichkeit mündet. Zum Abschluss dieser Arbeit werden die Erkenntnisse der Geschlechterforschung Gender Studies herangezogen, um die Problematik des Geschlechter-Modells bei Schiller aufzuzeigen und die Umsetzbarkeit Schillers Ideale in der Realität überprüft.

2. Schillers Intention in „Würde der Frauen“

Die Intention Schillers in seinem Gedicht „Würde der Frauen“ darf nicht ohne seine Ideale, dessen überzeugter Vertreter Schiller war, gesehen werden, denn ohne diese dahinter stehende Absicht Schillers könnte man den Inhalt des Gedichts heute einen Nonsens nennen. Schillers Ideale entsprechen der im 18. Jahrhundert verbreiteten Norm, durch welche die Frauen dem Wohlergehen ihrer Familie verpflichtet sind und die Männer die schöpferische und strebende Funktion verkörpern.

Die Intention in Schillers „Würde der Frauen“ besteht vordergründig darin, die Rolle der Frauen aufzuwerten; es werden die, ihnen zugeschriebene, Eigenschaften der Frauen aufgezählt, wobei es sich um die dominierenden Wertvorstellungen der patriarchalischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts handelt. Das Gedicht markiert, wie im Folgenden zu zeigen wird, Schillers das Patriarchat unterstützende Ideal. Dieses Ideal wird durch die scheinbar hauptsächliche Funktion der Frauen, die nicht nur darin besteht, dass „Sie flechten und weben [...]“ (S. 240, 1), sondern auch bestehen soll, charakterisiert. Im letzten Vers der letzten Strophe beispielsweise lobt Schiller die Frauen indem er sie als Engel (S. 240, 118) bezeichnet, auch dies ist eine Idealdarstellung, man erkennt nicht nur, dass von Frauen erwartet wird, dass sie Engel sind, sondern viel mehr, dass die Frauen viel über sich ergehen lassen müssen, damit oder bevor man sie als „Engel“ bezeichnen kann; im Vergleich dazu werden die Laster der Männer, deren „eitler Wahn / Mit Dämonen sich zu messen“ wagt (S. 242, 79), angeprangert, indem zwar die positiven Eigenschaften der Männer erwähnt werden, die aber alle negative Folgen, laut Schiller, haben sollen. Die Frauen sollen also im Kontrast zu den Männern gelobt werden.

Den Männern hingegen schreibt Schiller überwiegend negative Eigenschaften zu, etwa, wenn es heißt:

Feindlich ist des Mannes Streben,

Mit zermalmender Gewalt

Geht der Wilde durch das Leben,

Ohne Rast und Aufenthalt.

Was er schuf, zerstört er wieder,

[...]. (S. 240, 22ff.)

Die Männer werden also als „feindlich“ und „zerstörerisch“ charakterisiert, doch auch als zur Herrschaft hinneigend, unterdrückend und egoistisch kann das Männerbild in „Würde der Frauen“ verstanden werden:

Seines Willens Herrschersiegel

Drückt der Mann auf die Natur,

In der Welt verfälschtem Spiegel

Sieht er Seinen Schatten nur,

[...]. (S. 241, 35ff.)

Eine solch negative Darstellung des Mannes deutet auf Schillers kritische Haltung gegenüber solchem Verhalten; doch scheinbar wird diese Kritik nicht dazu eingesetzt, um die Änderung dieses Verhalten zu bewirken, denn was in den vorausgegangenen Versen als Kritik verstanden werden kann, wird durch folgende verharmlost oder erscheint und wirkt nicht mehr als solche, wenn man die, von Schiller in „Würde der Frauen“ beschriebene Wichtigkeit des männlichen Daseins und Schaffens wahrnimmt:

Offen liegen ihm die Schätze

Der Vernunft, der Phantasie,

[...]

Auf des Mannes Stirne thronet

Hoch als Königinn die Pflicht,

[...]

Aus der Unschuld Schooß gerissen

Klimmt zum Ideal der Mann (S. 241, 39f. - S. 243, 105)

Die Männer seien also die Pflichtenträger, die „immer / Schaffend“ (S. 241, 49f.) ihre Ziele verfolgen, dabei erscheinen hingegen als Pflichten der Frauen die Devotion und Stagnation, sie seien „zufrieden mit stillerem Ruhme“ (S. 240, 29) und wenn bei ihnen mal Gewalt herrscht, dann ist diese eine harmlose und unschuldige, nämlich die „des Kindes, des Engels Gewalt“ (S. 243, 118). Mit seinem Appell und dessen Begründung: „Ehret die Frauen ! sie flechten und weben“ (S. 240, 1) schreibt Schiller nicht nur die banalen Funktionen den Frauen zu, sondern er beschränkt den Handlungsraum der Frauen auf den der Haushaltsverwaltung, des Heimes, des Herdes und der Kinder; man könnte meinen, Schiller wolle die Frauen in einer anderen Funktion, außer noch wenn sie den Mann zurückwinken (Vgl. S. 240, 16), weder sehen noch zeigen.

Durch diese Aufzählung der Funktionen von Frauen, beschreibt Schiller präzise die den Männern untergeordnete Position der Frauen seiner Zeit, es ist aber nicht seine Absicht, diese Situation anzuprangern, denn Schiller lobt und unterstützt den Umgang der Frauen mit ihrer Situation, der ihnen nicht nur aufgezwungen, sondern auch von ihnen gefordert wird. Die Intention Schillers, ein Loblied auf die Frauen zu dichten, macht Schillers eigene, die Unterdrückung der Frau vertretende Position sichtbar, denn er ermuntert durch die Aufforderung, die Frauen für ihre Unterwerfung, einseitiges Empfangen und Passivität zu loben, zur weiteren Unterdrückung der Frauen. Daraus ergibt sich, dass er mit diesem Appell die Anerkennung der benachteiligten Situation der Frau als das anstrebenswerte Ideal anstrebt.

3. Das Frauenbild um 1800

3.1 Patriarchalische Gesellschaft

Das von Schiller in „Würde der Frauen“ beschriebene Frauenbild, stellt die für die patriarchalische Gesellschaft um 1800 am stärksten verfochtene, am weitesten verbreitete und auch verwirklichte Idealvorstellung der Frau dar. Diese Idealvorstellung ist auf die sogenannte, der damaligen Frau zugeschriebene, „natürliche“ Rolle zurückzuführen, die darin bestehe, „zu gefallen und ihrem Mann und ihren Kindern zu dienen“.[1] Die Zuweisung der „natürlichen“ Rolle erhalten die Frauen zu Schillers Zeiten unter anderen von Rousseau.[2] Rousseau erreicht die Popularität dieser, indem er sich darum bemüht, seine Zeitgenossen von der Idee der Komplementarität der Geschlechter oder auch Ergänzungsidee genannt, die die antike Vorstellung, Frauen seien missratene Männer ablösen sollte, zu überzeugen. Daraus ergibt es sich, dass die Frauen um 1800 als Verkörperung der „gesunden“ Natur idealisiert werden, wobei die für die Frau als „unnatürlich“ geltende Eigenschaften und Tätigkeiten unterdrückt werden.[3] So gelten z. B. geistige Tätigkeiten für eine Frau als „unnatürlich“.[4]

Nach dem Modell der von der patriarchalischen Gesellschaft von damals eingeführten Rollenzuweisung, hat die Frau kindlich, ein Engel, häuslich, den Mann zu der Natur und Liebe zurückführend zu sein, daraus resultiert, dass die Frau als um des Mannes willen da seiend gesehen wird. Die Frauen gelten nicht als selbständige Menschen und brauchen deshalb die Männer, um vollständig zu sein. So ist auch die Gegenüberstellung der Frauen- zu der Männerfunktion im Gedicht „Würde der Frauen“ keineswegs zufällig, denn auch dieses Gedicht zeigt, dass die Frau von damals nicht als ein eigenständiger Mensch gesehen wird, sondern als Ergänzung zu dem Mann. Den Mann, der als Verkörperung der Rationalität gilt, ergänzt die Frau durch ihre „fühlende Seele“ (S. 241, 59); dabei gilt die Frau als Vertreterin der damals als sekundär geltenden Charaktereigenschaften ebenfalls als Wesen eines niederen Ranges, verglichen mit dem Rang[5] des Mannes. Um die Herkunft der in „Würde der Frauen“ einander gegenüber gestellten Gegensätze von Frau und Mann, deutlicher erkennen zu können, führe ich ein zusätzliches Beispiel der Voraussetzung für die Koplementarität an, dies ist nämlich die „Polarität oder [...] Polaritäten, – aktiv/passiv, Vernunft/Gefühl, Stärke/Weichheit – wobei Frauen normalerweise die sekundäre, abhängige Eigenschaft zu verkörpern hatten [...].“[6]

Man(n) erzieht die Frauen zu Schillers Zeiten zu dem, wie sie die patriarchalisch gesinnten Geister haben wollen, man gesteht den Frauen keinerlei Fähigkeit sich zu entwickeln zu, man begründet diese Rolle der Frau als gottgewollt oder mit den neuesten medizinischen Erkenntnissen, die besagen, dass man vom weicheren Körperbau auf die willenlose, weiche Seele zu schließen habe. Lesley Sharpe bezieht sich hier auf den folgenden Aufsatz von Johann Christian Gottfried Jörg:

Da nun aber der Wille des Menschen besonders durch seine Muskeln zur Ausführung gebracht wird, so hat die Natur den hinsichtlich der Muskeln reicher ausgestatteten Mann mit einem festern, das Weib hingegen mit einem schwächeren Willen begabt.[7]

Schillers Gedicht „Würde der Frauen“ ist also ein markantes Beispiel für die Ideenverfechtung des Patriarchats um 1800, wenn er die Frauen als sanft, still, schamhaft, friedlich beschreibt. Dabei betont Schiller die Gegensätzlichkeit beider Geschlechter, welche das Leitmotiv dieses Gedichts ist, indem er die wilde Kraft, die Leidenschaft, die Rastlosigkeit des Mannes, wohl als Ergänzung und als Kontrast zu dem Bild der Frau aufführt:

Ewig aus der Wahrheit Schranken

Schweift des Mannes wilde Kraft,

Unstet treiben die Gedanken

Auf dem Meer der Leidenschaft.

Gierig greift er in die Ferne,

Nimmer wird sein Herz gestillt,

Rastlos durch entlegne Sterne

Jagt er seines Traumes Bild.

Aber mit zauberisch fesselndem Blicke

Winken die Frauen den Flüchtling zurücke,

Warnend zurück in der Gegenwart Spur.

In der Mutter bescheidener Hütte

Sind sie geblieben mit schamhafter Sitte,

Treue Töchter der frommen Natur.(S. 240, 7ff.)

Dieser Kontrast zeigt, dass der Mann in seiner Tatkraft ein negatives Beispiel, welches keineswegs nachgeahmt werden sollte, darstellt und die Frauen in ihrer unterdrückten Position nochmals als ein lobenswertes, ein, jedoch nur von Frauen selbst, nachzuahmendes Muster gepriesen werden, so, wie es sich für die patriarchalische Gesellschaftsordnung geziemt. Die Bedeutung der patriarchalischen Gesellschaftsordnung besteht also darin, dass sie Schillers Dichtung prägt und Schiller wiederum unterstützt die Ideen dieser in seiner Dichtung.

3.2 Kritik der Romantiker

Die Diskussion um die Geschlechterunterschiede und ihre Rollen ist um 1800 hoch aktuell und obwohl die patriarchalische Idee, die den Frauen die untergeordnete Rolle zuweist, größere Verbreitung findet, existiert um 1800 eine oppositionelle Ideenverfechtung in dieser Diskussion um die Geschlechterrollen, die Rede ist von der sogenannten „ästhetischen Oppositionsströmung“[8] der Romantiker.

In dieser Arbeit werde ich insbesondere auf die Kritik der Brüder Friedrich und August Wilhelm Schlegel eingehen. Der Kern der Kritik des Gedichts liegt in dem unterschiedlichen Menschenbild Schillers und seiner Kritiker, während Schiller die Funktionen und die Eigenschaften des jeweiligen Geschlechts differenziert und von einander trennt, plädieren die Brüder Schlegel, insbesondere Friedrich Schlegel hingegen für eine Mischung dieser in einem Menschen, unabhängig von seinem Geschlecht. Schillers „Würde der Frauen“ bietet mit seiner Schilderung der bürgerlichen Idealen also eine breite Angriffsfläche für die Verfechter der Romantik.

August Wilhelm Schlegel dichtet eine Parodie zu „Würde der Frauen“, die in zwei Strophen eine Zusammenfassung Schillers Beschreibung der Lebensführungen von Männern und Frauen in „Würde der Frauen“ darstellen soll. Mit seiner Parodie hebt Schlegel die eigentliche Aussage und die Mängel des Gedichts treffend hervor. Bemerkenswert ist dabei beispielsweise die am Ende des letzten Verses hinzugefügte Abkürzung „u. s. w.“[9], die auf Monotonie, Abwechslungsarmut und bloße Aufzählung, die spätestens nach den ersten beiden Strophen überflüssig sei, in dem Gedicht hindeuten soll. Die Aussage des Gedichts bestehe, laut Interpretation der Parodie, darin, dass die der damaligen Frau, nicht zuletzt von Schiller, zugewiesene, stark vereinfachte, triviale Rolle könne, wie folgt, in wenigen Zeilen beschrieben werden, dies sei die beschränkte Tätigkeit im Haushalt und der Dienst dem Manne und den Kindern:

Ehret die Frauen! Sie stricken die Strümpfe,

Wollig und warm, zu durchwaten die Sümpfe,

Flicken zerrißene Pantalons aus;

Kochen dem Manne die kräftigen Suppen,

Putzen den Kindern die niedlichen Puppen,

Halten mit mäßigem Wochengeld haus.[10]

Die zweite Strophe soll ein Resümee Schillers Darstellung des Mannes, der ein dümmlicher Haustyrann sei und es nicht zu schätzen wisse, wie schön er es eigentlich habe, sein:

Doch der Mann, der tölpelhafte

Find’t am Zarten nicht Geschmack

Zum gegohrnen Gerstensafte

Raucht er immerfort Taback;

Brummt, wie Bären an der Kette,

Knufft die Kinder spät und früh;

Und dem Weibchen, nachts im Bette,

Kehrt er gleich den Rücken zu. u. s. w.[11]

Friedrich Schlegel seinerseits kritisiert in seiner Rezension das Gedicht „Würde der Frauen“ nicht weniger vernichtend, indem er sowohl die Behandlung des zugrundeliegenden Themas als auch die Technik der Ideenverwirklichung im Gedicht kritisiert:

Diese im einzelnen sehr ausgebildete und dichterische Beschreibung der Männlichkeit und Weiblichkeit, ist im ganzen monoton durch den Kunstgriff, der ihr Ausdruck geben soll. [...] Strenge genommen kann diese Schrift nicht für ein Gedicht gelten: weder der Stoff noch die Einheit sind poetisch. [...] Männer, wie diese, müßten an Händen und Beinen gebunden werden; solchen Frauen ziemte Gängelband und Fallhut.[12]

Die Kritik an Schillers „Würde der Frauen“ hat insbesondere ihren Ausgang in der grundverschiedenen Einstellung beider Parteien zu der Rolle der Frau in der Gesellschaft. Während Schiller die Konvention der Frauenunterdrückung, die zwar um 1800 als verändert gilt, sich aber dennoch fortsetzt, bloß in einer anderen Form, befürwortet und die strikte Rollentrennung idealisiert, spricht sich Friedrich Schlegel vehement dagegen. So bezieht sich z. B. Helmut Brandt auf die von Schiller an Humboldt adressierte Mitteilung, um zu zeigen, wie wenig Schiller den Frauen Produktivität und Fähigkeit zur Selbstinitiative zumutet, dass

der eigentlich weibliche Charakter, sosehr er auch vorzugsweise Genialität besitze, doch „schlechterdings seiner Natur nach das ächte productive Genie ausschließt“, weil nämlich bei den Frauen die Empfänglichkeit die Selbsttätigkeit überwiege.[13]

Hieraus erkennt man, dass die Frau von den überzeugten Patriarchen, welcher Friedrich Schiller ebenfalls ist, ausschließlich als Empfängerin gesehen wird, für die passives Empfangen im Gegensatz zum selbständigen Handeln als natürlich gedacht wird, Friedrich Schlegel dagegen plädiert für die Selbständigkeit der Frau und idealisiert die Mischung der als geschlechtsspezifisch etablierten Eigenschaften in einer/m VertreterIn eines der Geschlechter, die einem Menschen innewohnen soll, das heißt für die Frauen zunächst, dass sie von ihm als Menschen anerkannt werden.[14] Historisch gesehen hat, im Gegensatz zu der, nach heutiger Sicht fortschrittlicheren Forderung Schlegels der Gleichstellung der Geschlechter,

Schillers Frauenbild [...] das offizielle deutsche Bürgertum des 19. Jahrhunderts als ein Ideal in Anspruch genommen und mit ihm auch als solchem gelebt. Haus und Familie waren und blieben der tatsächliche Lebensraum der Frau.[15]

Hinsichtlich dieser Situation, die durch die patriarchalische Gesellschaftsordnung begründet wird und die Dichtkunst Schillers prägt, könnte man sagen, dass die Kritik der Romantiker eine wenig bedeutende Wirkung ausübt und das Ziel der Gleichberechtigung noch nicht einmal im Ansatz erreicht, nicht zuletzt deshalb, weil die Kritik der Romantiker nicht die Bereiche anspricht, die für das Etablissement der Situation verantwortlich sind, da Schillers Ideale Symptome einer ungesunden[16] Gesellschaftsstruktur sind, deren Kritik das Problem der Unterdrückung nicht löst.

[...]


[1] Sharpe, S. 214

[2] Vgl. Ebd., S. 214

[3] Ebd., S. 215

[4] Ebd., S. 215

[5] Hervorgehoben von mir.

[6] Ebd., S. 215

[7] Ebd., S. 221

[8] Metzlers Deutsche Literaturgeschichte, S. 202

[9] Schlegel, A. W.: Schillers Lob der Frauen, S. 172.

[10] Ebd.

[11] Ebd.

[12] Schlegel, Fr.: An den Herausgeber Deutschlands, Schillers Musenalmanach betreffend, S. 4

[13] Brandt, S. 120

[14] Ebd., S. 118

[15] Ebd., S. 120

[16] Hervorgehoben von mir.

Details

Seiten
22
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640872398
ISBN (Buch)
9783640872206
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169034
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
3,0
Schlagworte
darstellung weiblichkeiten männlichkeiten schillers frauen“ zeitgenössische kritik

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Titel: Darstellung der Weiblichkeiten und Männlichkeiten in Schillers „Würde der Frauen“