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Die unsichtbaren Städte oder die Stadt als Idee - Analyse der Raumstrukturen in Italo Calvinos "Die unsichtbaren Städte"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 42 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Geschichte

3. Die Textgestalt

4. Der Plot

5. Das labyrinthische Reich

6. Die Struktur der Landschaft
6.1 Die Landschaft als Schachspiel
6.2 Die Gliederung

7. Die narrative Landschaft

8. Der Dialog

9. Die Fiktionalität
9.1 Die Zeit
9.2 Der Raum
9.3 Der Atlas
9.4 Der Darstellungsprozess
9.5 Venedig

10. Die vollkommene Stadt und die Nicht-Hölle

11. Die Stadt und die Idee

1. Einleitung

Italo Calvinos Roman Die unsichtbaren Städte ist ein Text, der, obschon er kaum Handlung aufweist, sehr dicht gewebt ist. Das Nachdenken über dieses Buch gleicht einem dialektischen Prozess, dessen Erkenntnis sich Stufe um Stufe, durch Abwägen, Verwerfen und erneutes Zusammenfügen, allmählich vollzieht. Erst nach und nach gibt er seine Struktur frei, die, obgleich sie zunächst labyrinthisch erscheint, eine ‚filigrane Anordnung’ (vgl. Calvino, S.8) besitzt.

Untersucht wird die Bedeutung, die das Imperium Kublai Khans zunächst für den Kaiser hat, seine Bemühungen, es zu ordnen, und was Marco Polo diesen Mechanismen der Systematisierung entgegen­setzt. Es ist ein allmählich voranschreitender Erkenntnisprozess, der im Dialog Kublai Khans und Marco Polos stattfindet, und die zentrale Rolle, die dem Dialog der beiden Protagonisten zukommt, wird sondiert. Als ein Werkzeug der Erkenntnis dient nicht zuletzt Fiktionalität; sie bestimmt wesentlich Gestaltungselemente des Romans. Das Suchen nach Nicht-Hölle inmitten der Hölle, erscheint am Ende des Buches als eine Art metaphysische Klammer, die einen Hinweis liefern kann auf die Deutung dessen, was die unsichtbaren Städte in Calvinos Roman letztlich bedeuten könnten.

2. Die Geschichte

Lange Zeit wurde Il Milione, das Buch, in dem Marco Polos Reisen nach und in Asien und sein Aufenthalt am Hofe des Mongolenkaisers Kublai Khan beschrieben sind, als Fiktion betrachtet. Zu unwahrscheinlich und unglaubwürdig erschienen seinen Mitmenschen die Beschreibungen Marco Polos und das beredte Schweigen des Zeitgenossen Dante Alighieri über Marcos Werk ist bezeichnend. Nach den orthodoxen Vorstellungen der damaligen Zeit, lebten etwa jenseits des Äquators keine Menschen, und Marco Polos Schilderungen von eben solchen, mag auf die Gemüter damals besonders erschreckend gewirkt haben. Später jedoch wurde das Buch grundlegend für die Kenntnis Zentral-, Ost- und Südostasiens. Nicht zuletzt die Beschreibungen des Venezianers von Japan waren es, die Christoph Kolumbus dazu bewogen, den Seeweg nach Asien zu suchen. Ebenso reisten westliche Händler zu den von Polo genau beschriebenen Orten, wo sich Gewürze fanden, und brachen so das jahrhundertealte Handelsmonopol der Araber.

Es ist diese historische Situation, auf der Italo Calvino sein Buch Die unsichtbaren Städte, basieren lässt:

Kublai Khan, der tatarische Kaiser Chinas, lebte von 1215 bis 1294. Zwar hatte sein Volk, die Mongolen, China erobert, es besaß aber dennoch nur einfache kulturelle Traditionen; erst seit wenigen Jahren vor Kublais Geburt verfügten die Mongolen über eine Schrift, und sie besaßen nur die allerelementarsten Vorstellungen von einem Staatswesen. Kublai selbst konnte nicht chinesisch lesen und schreiben, doch ihn beeindruckte die chinesische Art zu denken. So besaß er konfuzianische Ratgeber, die auf seinen Regierungsstil Einfluss nahmen und ihn menschlich und großzügig gegenüber den Chinesen handeln ließen.

Der Venezianer Marco Polo (1254 – 1324)brach als Siebzehnjähriger 1271 nach China auf, eine Reise, die vier Jahre dauerte. In China verbrachte er siebzehn Jahre im Dienste Kublai Kahns, bevor er 1292 die Rückreise nach Venedig antrat. Seine Heimatstadt erreichte er drei Jahre später. 1298 nahm er an einer Seeschlacht der Venezianer gegen die Genueser teil und wurde von letzteren gefangen genommen. Im Gefängnis begegnete er Rustichello, einem Autoren von Ritterromanzen, der nach Marco Polos Erzählungen dessen Reise nach China unter dem Titel ‚Il Milione’ in altfranzösischer Sprache abfasste. Marco Polo wurde bald wieder freigelassen und starb siebzigjährig in Venedig.

3. Die Textgestalt

Das Buch Die unsichtbaren Städte ist eingeteilt in neun Kapitel. Die Kapitel zwei bis acht enthalten jeweils fünf Stadtbeschreibungen, die Kapitel eins und neun jeweils zehn. Die Städte tragen weibliche Namen, bis auf die mittlere – Bauci. Alle fünfundfünfzig Stadtbeschreibungen sind einer von elf Kategorien zugeordnet (etwa: Die andauernden Städte, Die verborgenen Städte, Die Städte und die Toten, …). Jede Kategorie umfasst fünf Städte, und die Kategorien wechseln sich nach einer immer gleichen, genau eingehaltenen Reihenfolge ab.

Im Inhaltsverzeichnis des Buches sind nur die neun Kapitel und ihre rotierenden Kategorien aufgelistet. Was hier fehlt, ist der Rahmen, in den die Stadtbeschreibungen eingebettet sind. Dieser Rahmen ist typographisch von dem übrigen Text abgehoben: kursiv gesetzt stehen am Anfang und am Ende eines jeden Kapitels kurze Berichte über die Dialoge Marco Polos und Kublai Khans.

4. Der Plot

Kublai Khan, der Mongole, ist Herrscher über China. Sein Land ist ihm fremd, er möchte es kennen lernen. Kublai schickt Sendboten, unter ihnen den Venezianer Marco Polo, in alle Teile des Reiches. Sie kehren zu ihm zurück in den Garten seines Palastes, um ihm zu berichten. Die Mitteilungen Marco Polos finden das besondere Interesse des Monarchen. Der Kundschafter schildert ihm die Städte, die er während seiner Reisen aufsuchte, und über die Reiseberichte hinaus entspinnt sich zwischen Kaiser und Boten ein Dialog über die Möglichkeit, das kaiserliche Imperium zu begreifen.

5. Das labyrinthische Reich

Kublai Khan und Marco Polo können im Roman Die unsichtbaren Städte keiner historischen Epoche oder einem geographischen Ort zugewiesen werden, sondern sie existieren in einem Universum, das die Grenzen von Zeit und Raum überschreitet.

Kublai Khans labyrinthisches Reich wird im Roman mit all seinem Chaos und all seiner Unordnung zur Metapher für das Universum, für das die beiden Protagonisten auf ihre je eigene Weise bemüht sind, eine Ordnung zu finden. Die Frage, ob es eine Ordnung, eine Karte gibt für dieses labyrinthische Universum, ob sich die chaotische und ungeordnete Welt menschlicher Einsicht und menschlichen Gesetzen fügt, ist eine zentrale Frage des Romans. JoAnn Cannon sagt: „In Le città invisibili, Calvino contemplates the possibility of a cognitive code which would interpret and organize the universe.” (Cannon, 1981, 84).

Zu Anfang befindet sich der Khan in einer Krise: „Das ist der verzweifelte Augenblick, da man gewahr wird, dass dieses Imperium, das uns doch als Summe sämtlicher Wunder erschienen war, ein Auseinanderfallen ohn Ende und Form ist, …“ (7). Der Kaiser verkörpert die Frustration desjenigen, dem es nicht gelingt, Ordnung und rationale Bedeutung des Universums zu erkennen. Kublai Khan erleidet eine doppelte Fremdheit, die ihm bewusst ist. Sowohl als Mongole, als auch als Kaiser ist er seinem Reich entfremdet, aber er bedarf auch des Fremden, um ihm sein Reich erfahrbar zu machen: „Kaiser ist, wer jedem seiner Untertanen fremd ist, und nur über fremde Augen und Ohren konnte das Imperium dem Kublai seine Existenz zum Ausdruck bringen.“ (28). Es ist allerdings die Existenz einer „undurchsichtigen Dichte“ (28), die diese vielfache Fremdheit – der Kaiser seinem Reich gegenüber, der Kaiser seinen Sendboten gegenüber, die Sendboten dem von ihnen bereisten Land gegenüber – bewirkt: „In Sprachen, die dem Khan unverständlich waren, berichteten die Abgesandten, was sie in Sprachen gehört hatten, die ihnen unverständlich waren …“ (28). Das Bedürfnis, in diese labyrinthische Dichte Ordnung zu bringen, sie nicht passiv zu erleiden, sondern sie handelnd zu strukturieren, ist groß. Trotz aller Unverständlichkeit werden Steuern festgesetzt, Geschichtsschreibung betrieben, Bewässerungskanäle gebaut (28). Es gelingt dem Herrscher dennoch nicht, Form und Struktur seines Imperiums zu erkennen und es damit wirklich in Besitz zu nehmen.

6. Die Struktur der Landschaft

Der Venezianer Marco Polo ist ein Reisender, kein Herrscher. Marco hat die Gnade des Nicht-Herrschen-Müssens über ein Reich, das ihm fremd ist. Es sind die Berichte Marcos, die es dem Kaiser ermöglichen, eine feine Ordnung zu erkennen und so sein Reich auf gewisse Weise zu besitzen: „Nur bei den Berichten Marco Polos vermochte Kublai Khan … das Filigran einer Anordnung zu erkennen, die so subtil ist, dass sie dem Biss der Termiten entgeht.“ (8). Kublai ist es nicht möglich, sein Land selbst zu bereisen und unmittelbar sinnlich wahrzunehmen. Jedoch erkennt er in der Beschreibung Marco Polos eine gewisse systematische Natur der Städte. Alle Städte sind zusammengesetzt aus einzelnen gleichen Elementen, wie Treppen, Plätzen, Gebäuden, Straßen, Gärten, Kanälen, etc.: „Kublai Khan hatte bemerkt, dass Marco Polos Städte einander ähnlich waren; als wäre der Wechsel von der einen zur anderen nicht durch eine Reise, sondern durch ein Austauschen von Elementen bedingt.“ (51).

Diese Systematik, die Kublai Khan in Marco Polos Beschreibungen zu erkennen glaubt, erfüllen den Kaiser mit Erleichterung und Hoffnung, denn sie eröffnet ihm die Möglichkeit, eine Ordnung und eine Gliederung im Chaos seines Imperiums zu entdecken. Nun fühlt sich der Herrscher in der Lage, selbst Städte zu entwerfen. Der Khan sagt: „ Und doch habe ich in meinem Geiste ein Stadtmodell konstruiert, von dem sämtliche möglichen Städte abzuleiten sind. […] Dieses enthält alles, was der Regel entspricht. Da die existenten Städte sich in unterschiedlichem Maße von der Regel entfernen, brauche ich nur die Ausnahmen von der Regel in Betracht zu ziehen und die wahrscheinlichsten Kombinationen zu errechnen.“ (79). Der Khan sucht also nach einem allgemeinen, generativen Modell, von dem alle möglichen Städte ableitbar sind. Für Cannon ist dieses Vorgehen des Khan ein strukturalistisches.

„This passage from the discovery of the structure to its formalization is the same move which is made by the structuralist theoretician. By creating a model which accounts for all of the empirical manifestations in a system, the structuralist is able to project all of its virtual forms.“ (Cannon, 1981, 86).

6.1 Die Landschaft als Schachspiel

Für Kublai Khan wird das Schachspiel zur Metapher, die die Struktur seines Reiches wiedergibt. Diese Neigung des Herrschers, sein Reich im Modell des Schachspiels zu begreifen, entsteht zu einer Zeit, als Marco Polo noch „sprachlos“ ist. Der Venezianer benutzt das Schachspiel und dessen Regeln, um mit Hilfe mitgebrachter Gegenstände, die die Städte, die Reisen, das Imperium symbolisieren, eben jene zu beschreiben; es ist für ihn eine Hilfskonstruktion, ein Notbehelf. Er ordnet die Dinge, die er von seinen Reisen mitgebracht hat, Muscheln, Fächer, etc., wie Schachfiguren auf den Kacheln des Thronsaals an. Die Nähe oder Distanz oder das Entfernen der mitgebrachten Gegenstände nach den Regeln des Schachspiels stellen eine Abstraktion dar, und Kublai Khan abstrahiert aus dieser Abstraktion grundlegende Regeln für das Funktionieren und das Verständnis seines Imperiums. Die Welt drückt sich für ihn im Schachspiel aus. „Von der verschiedenen Form der Gegenstände abgesehen, definierte er deren Art, sich auf dem Majolikafußboden zueinander zu ordnen. Er dachte: Wenn jede Stadt wie ein Schachspiel ist, so werde ich an dem Tag, da ich seine Regeln entdeckt haben werde, endlich mein Reich besitzen, auch wenn es mir nie gelingen wird, alle Städte kennen zu lernen, die es enthält.“ (141)

Für den Khan sind die Städte nun nicht mehr nur eine bloße Ansammlung isolierter Elemente, sondern sie sind zusammengesetzt aus Elementen, die den Gesetzen logischer Kombination unterliegen. Versteht er diese Gesetze, versteht und beherrscht er auch sein Reich.

Die von Marco Polo verwendeten Gegenstände, die diesem als Symbole dienen, verwirft der Kaiser als „Krimskrams“ (141), als nicht wesentlich. Wesentlich für das Verständnis scheinen ihm also nicht das einzelne sinnliche Symbol, sondern die Beziehungen, in denen sie zueinander stehen, das Regelwerk also, das das System, das Reich ergibt. Nur so kann die Analogie Schachspiel – Welt gelingen, wenn Fächer oder Muschel für die Gesetze des Spiels äußerlich sind.

Dies ist jedoch kein unwesentlicher Austausch. Er bedeutet einen Verlust, da Fächer und Muschel in einer natürlichen Beziehung stehen zu den Dingen, die sie symbolisieren: „Doch ob offenkundig oder dunkel, was Marco sagte, hatte alles die Macht von Sinnbildern, die man, wenn man sie einmal gesehen hat, nicht vergessen oder verwechseln kann.“ (29) Wenn Kublai Khan die Muschel gegen die Schachfigur austauscht, verliert er viel von der Fülle seines Reiches. „Bei aller Entstofflichung seiner Eroberungen, um sie auf ihr Wesen zurückzuführen, war Kublai zur äußersten Operation gelangt: Die endgültige Eroberung, wovon die vielgestalten Schätze des Imperiums nichts anderes als illusorische Hüllen waren, beschränkte sich auf ein gehobeltes Holzplättchen: das Nichts…“ (143) Die reine Struktur lässt kein Leben mehr übrig, sondern nur noch ein System bloßer Beziehungen und abstrakter Einheiten, bar jeden Inhalts. Die Stadt Ersilia ist hierfür ein Beispiel. Die Bewohner spannen Schnüre von Haus zu Haus, um die Beziehungen, die sie miteinander verbinden, Verwandtschaft, Warenverkehr, etc., zu kennzeichnen. Ist wegen all der Schnüre kein Durchkommen durch die Straßen mehr, bauen die Menschen ihre Häuser ab und an anderer Stelle wieder auf. Zurück bleiben nur die Schnüre, die keinen Hinweis mehr liefern auf die Lebensfülle, die sie einst repräsentierten. „Wenn du also das Gebiet von Ersilia bereist, triffst du auf die Ruinen der verlassenen Städte, ohne die Mauern, die keinen Bestand haben, ohne die Gebeine der Toten, die der Wind fortrollt: Spinnweben verworrener Beziehungen, die nach einer Form suchen.“ (88)

Noch ein weiteres Problem ergibt sich nun für den Khan: „… aber jetzt war es das Warum des Spiels, das ihm entging. Zweck jeder Partie ist ein Gewinn oder ein Verlust: doch wessen? Was war der wirkliche Einsatz?“ (143). Betrachtet der Kaiser als Zweck des Spiels, das die Welt repräsentiert, lediglich Gewinn oder Verlust, so bedeutet dies ebenfalls eine starke Reduktion. Denn nicht alle Handlungsmotivation lässt sich auf Gewinnstreben zurückführen.

6.2 Die Gliederung

Weiteres Beispiel einer ins Leere laufenden Struktur ist die äußere Gliederung des Romans. Die fünfundfünfzig Stadtbeschreibungen sind elf Kategorien zugeteilt, jede Kategorie enthält fünf Städte. Sie wechseln sich nach einem immer gleichen, streng eingehaltenen Rotationssystem ab, das an mathematische Folgen und Reihen erinnert. Dieses mathematische Rotationsprinzip ist jedoch nicht mit innerer Notwendigkeit mit dem Inhalt des Buches verknüpft, sondern arbiträr. Obgleich man es der sorgfältigen Ordnung wegen vermutet, besteht kein Zusammenhang zwischen den Namen der Städte und den Kategorien, zu denen sie gehören. Die scheinbare, so offenkundige Logik der Zuordnung und des Wechsels führt in die Irre.

Vergleichbar ist dies mit der Stadt Tamara: Die Vielzahl der Zeichen der Stadt Tamara liefert keinen Hinweis auf das Wesentliche der Stadt. Dem Weiterreisenden bleibt jedoch der Zwang, Zeichen auch dort zu erkennen, wo sie auf nichts verweisen: „Draußen dehnt sich das leere Land bis zum Horizont, tut sich der Himmel auf, wo die Wolken laufen. In der Form, die Zufall und Wind den Wolken verleihen, ist der Mensch schon im Begriff, Gestalten zu sehen: ein Segelschiff, eine Hand, einen Elefanten …“ (18/19).

7. Die narrative Landschaft

Beide, Kaiser und Kundschafter, verfügen über die gleichen Elemente, die zu Städten zusammengesetzt werden können: Gärten, Treppen, Plätze, Gebäude usw. Diese Menge gleicher Elemente benutzen beide, um jeweils eigene unterschiedliche Ordnungssysteme für das Reich herzuleiten.

Dem Strukturmodell Kublai Khans setzt Marco Polo ein narratives Modell entgegen: „’Auch ich habe mir das Modell einer Stadt ausgedacht, von dem ich alle anderen ableite’, erwiderte Marco. ‚es ist eine Stadt, die nur aus Ausnahmen, Ausschließungen, Gegensätzlichkeiten, Widersinnigkeiten besteht. … Ich brauche also bei meinem Modell nur Ausnahmen zu subtrahieren und habe dann, gleichgültig, nach welcher Reihenfolge ich vorgehe, eine von den Städten vor mir, die, wenn auch stets als Ausnahmeerscheinung, existieren. Doch kann ich mein Unterfangen nicht über eine bestimmte Grenze vorantreiben: Ich würde Städte erhalten, die zu wahrscheinlich sind, um wahr zu sein.’“ (79).

Beide Modelle schließen einander aus. Das Modell des Kaisers geht aus von der Regel, das Marco Polos von der Ausnahme. Das Modell des Herrschers ist deduktiv, das seines Kundschafters induktiv. Und Kublai Khan will wahrscheinliche Städte konstruieren, Marco Polo sucht die wahren Städte.

Dem Venezianer ist daran gelegen, die Vielfalt der Städte des Imperiums zu erhalten, um der Gefahr einer möglichen Verarmung, die das Modell des Kaisers in sich birgt, entgegenzusteuern. Daher liefert Marco Polo keine Statistiken, allgemeine Kennzahlen und quantifizierbare Daten von den Städten, wie die anderen Sendboten. Ihm ist es darum zu tun, das Besondere einer jeden Stadt zu betonen. Deshalb berichtet er dem Khan von den Städten in Form von Geschichten, und in seinen Stadtbeschreibungen nimmt er, wenn er nicht gleich von dem Einzigartigen der jeweiligen Stadt erzählt, oft den Gang vom Allgemeinen zum Besonderen: Diomira: „… All diese schönen Dinge sind dem Reisenden vertraut, da er sie auch in anderen Städten schon gesehen hat. Doch ist es eine Eigenart dieser Stadt, dass den, der eines Septemberabends hier eintrifft …“ (9), Zirma: „Aus der Stadt Zirma kommen die Reisenden mit sehr genauen Erinnerungen zurück: … Auch ich komme aus Zirma. Meine Erinnerung umfasst …“ (24). Während für den Herrscher nur das Ganze von Interesse ist, lenkt Marco Polo seinen Blick – und auch den des Kaisers – auf das Einzelne, aus dem sich das Ganze zusammensetzt. Kublai Khan: „’Warum sprichst du von den Steinen? Nur der Bogen ist für mich von Bedeutung.’ Polo erwidert: ‚Ohne Steine gibt es keinen Bogen.’“ (96).

Wo des Kaisers Modell in letzter Konsequenz auf das Nichts stößt, zeigt Marco Polo dem Herrscher die Fülle des Leeren: „Dein Schachbrett, Sire, ist eine Einlegearbeit aus zwei Holzarten: Ebenholz und Ahorn. Das Plättchen, auf dem dein erleuchteter Blick verweilt, wurde aus einer Schicht des Stammes gesägt, die in einem Jahr der Trockenheit gewachsen war: Siehst du, wie die Fasern verlaufen? Hier erkennt man ein gerade angedeutetes Knötchen: Eine Knospe wollte an einem Vorfrühlingstag aufbrechen, doch der nächtliche Raureif zwang sie zum Aufgeben.“ (153). Das Nichts birgt eine wachsende Fülle von Bedeutungen, die dem Blick, der nur auf die Struktur gerichtet ist, entgeht.

Es bedarf eines aufmerksamen Beobachters, der die Bedeutungen wahrnimmt und erkennt, und es bedarf einer Sprache, sie mitzuteilen.

8. Der Dialog

Der Venezianer Marco Polo ist zu Beginn seiner Reisen der Sprachen des Ostens unkundig, ebenso wie die übrigen Sendboten des Herrschers. Dennoch ergibt sich zwischen ihm und dem Kaiser eine andere Kommunikation als zwischen Kublai Khan und seinen übrigen Kundschaftern. Der Unterschied, der dies bewirkt, scheint in dem von Marco Polo verwendeten Referenzsystem zu liegen. Während sich die übrigen Boten ihrer eigenen unverständlichen Sprache bedienen, greift Marco Polo auf „Gesten, Sprünge, Rufe des Erstaunens und des Abscheus, Bellen und sonstige Tierlaute“ zurück oder drückt sich „durch Gegenstände [aus], die er aus seinen Doppelsäcken hervorholte … und vor sich anordnete wie Schachfiguren“ (28).

Diese Kommunikationsmethode birgt Nachteile. Zwar entschlüsselt der Khan die Zeichen, er erkennt also z.B. dass ein nackter Mann ein Feuer durchschreitet, doch was die Zeichen letztendlich besagen, auf wen sie referieren, ob es eine Beziehung zwischen ihnen und den Städten und welchen Städten gibt, ist nicht gewiss: „ … doch die Beziehung zwischen diesen und den besuchten Orten blieb unklar: …“ (29).

Allerdings besitzt diese Art Marcos, sich mitzuteilen, auch Vorteile. Sie ist anders als die der übrigen Kundschafter, fällt auf und fesselt den Khan. Sie ist symbolhaft und sinnlich. Sie besitzt die Macht von Bildern und haftet für immer im Gedächtnis: „Doch ob offenkundig oder dunkel, was Marco sagte, hatte alles die Macht von Sinnbildern, die man, wenn man sie einmal gesehen hat, nicht vergessen oder verwechseln kann.“ (29). Aus einem planen, ununterscheidbaren Reich – „Imperium als eine Wüste hinfälliger und austauschbarer Daten“ (29) – erwachsen aus Mimik, Gestik und den Gegenständen Marcos, aus seinen Bilderrätseln, unverwechselbare „Figuren“ (29), die für Kubai Khan der entsprechenden Stadt oder Provinz für immer anhaften. Und dies auch dann noch, als der Venezianer über angemessene Sprachkenntnisse verfügt und er mit Hilfe des abstrakteren Sprachsystems genau über die Orte berichten kann. Das frühere Bild wird nicht ausgelöscht, sondern lagert sich an die neuen Daten an, bereichert sie, und mit ihnen zusammen wird dem Herrscher eine Ordnung für sein Imperium erkennbar, die ihn aufatmen lässt. Die sinnlichen Zeichen – Gestik, Mimik, Muschel, Feder – sind also auch in Kublai Khan, der sie doch als „Krimskrams“ als unwesentlich für sein abstraktes Strukturmodell verwirft, wirkmächtig.

Dennoch ist der Herrscher den Sinnbildern gegenüber misstrauisch: „Vielleicht ist das Imperium, dachte Kublai, nichts weiter als ein Tierkreis von Trugbildern des Geistes.“ (30). Indem die Sinnbilder dem Herrscher aber wie ein Tierkreis erscheinen, hebt er sie auf eine neue Ebene: er deutet ihre Ewigkeit und ihr sich ständiges Wiederholen an. Und Marco Polos Erwiderung auf des Kaisers Hoffnung, wenn er alle Zeichen kenne, sei ihm das Ordnen und Begreifen und damit endlich der Besitz seines Reiches möglich, bewegt sich auf dieser neuen Ebene. An dem Tag, an dem Kublai Khan alle Sinnbilder kennen wird, „an dem Tage wirst du selber Sinnbild unter den Sinnbildern sein.“ (30). Begreift man eine ewige, unendliche, umfassende Ordnung, wird man vom Menschen zum Mythos.

Hier bereits deutet sich ein grundlegender Unterschied zwischen Marco Polo und Kublai Khan an, der sich später in ihren gegensätzlichen Modellen zeigt. Dem Kaiser geht es um eine pragmatische diesseitige Ordnung seines Reiches. Mit seinem Modell möchte er die wahrscheinlichsten Städte kombinieren. Marco Polo hingegen sucht die wahren Städte. „Doch kann ich mein Unterfangen nicht über eine bestimmte Grenze vorantreiben: Ich würde Städte erhalten, die zu wahrscheinlich sind, um wahr zu sein.“ (79). Real existierende Städte sind wirklich, sie sind jedoch nicht wahr. Marco Polos Blick zielt daher auf eine transzendente Ordnung des Reiches, die er dem Herrscher vermitteln will.

Dieser Vermittlungsprozess verläuft in Stufen. Am Anfang stehen die bereits erwähnten nonverbalen Mitteilungsweisen. Sie sind nicht eindeutig und lassen den Kaiser öfter über ihre Bedeutung im Unklaren. Die Zeichen, die Marco Polo in diesem Stadium verwendet, sind polyvalent. Der Khan schätzt dies, denn diese Mitteilungen umgibt „Raum, der rings um sie verblieb, eine nicht mit Worten ausgefüllte Leere.“ (46). Der Raum, die wortlose Leere, die um die Darstellungen des Venezianers bleiben, lassen Platz für Fantasie, den eine (spröde) Sprache vielleicht nicht bietet.

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Details

Seiten
42
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640870653
ISBN (Buch)
9783640870738
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168975
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes – Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Note
1.0
Schlagworte
Italo Calvino Die unsichtbaren Städte Labyrinth Hegel Adorno Dialektik Raumkonstruktion

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Titel: Die unsichtbaren Städte  oder die Stadt als Idee - Analyse der Raumstrukturen in Italo Calvinos "Die unsichtbaren Städte"