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Die DP-Hypothese

Zur strukturellen und empirischen Motivation, nominale Syntagmen als Determiniererphrasen zu analysieren

Hausarbeit 2011 37 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zur X-Bar-Struktur von Sätzen
2.1 Die Struktur der CP
2.2 Die Struktur der TP
2.3 Gemeinsamkeiten von CP und TP

3 Das nominale Syntagma
3.1 Zur traditionellen Nominalphrase
3.2 CP/TP-Analyse und traditionelle NP-Analyse im Vergleich
3.3 Die DP-Hypothese
3.3.1 Erweiterung der NP um die funktionale Kategorie D0
3.3.2 Zur Argumentstruktur von Verben und Nomina
3.3.3 „In Sachen Nullartikel“
3.3.4 Zur f-Selektion im nominalen Syntagma
3.3.5 Die DP-Hypothese - ein Zwischenfazit

4 Was kann die DP-Hypothese leisten?
4.1 Indefinita
4.2 Pronomen
4.3 Pränominale Genitive

5 Konklusion

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Nominale Syntagmen1 wie Der Linguist oder Phrasenstrukturbäume in (1) werden traditionell als Nominalphrase (im Folgenden NP) analysiert, deren Kopf das lexikalische Element N0 bildet.

(1) [Der Linguist] zeichnet gerne [Phrasenstrukturbäume]

Diese Analyse scheint im ersten Moment im Lichte verschiedener linguistischer Theoriebereiche absolut nachvollziehbar zu sein, da Nomina aus semantischer Sicht (a) die zentralen lexikalischen Informationen des nominalen Syntagmas tragen, aus morphosyntaktischer Sicht (b) die Kategorie Genus im Nomen inhärent ist sowie aus syntaktischer Sicht (c) zählbare Nomina im Singular - wie Linguist in (1) - einen Determinierer selegieren und (d) Nomina im Plural - wie Phrasenstrukturbäume in (1) - distributionell äquivalent zu einer vollen NP sind.

Nichtsdestoweniger ist die Analyse des Nomens als Kopf der NP durchaus umstritten: So ist der Determinierer im Deutschen stärker markiert als das Nomen, was sich auf der Sprachoberfläche daran zeigt, dass das Genus von Linguist in (1) am Determinierer der und nicht am Nomen selbst markiert ist. Außerdem können Nomina nicht immer ohne Determinierer eine NP bilden (vgl. (2)) und sind darüber hinaus auch nicht immer obligatorisch, wie es (3) verdeutlicht2.

(2) *Linguist zeichnet gerne Phrasenstrukturbäume.

(3) Der zeichnet gerne Phrasenstrukturbäume.

Neben diesen Argumenten, die zweifelsohne gegen den Kopfstatus des Nomens im nominalen Syntagma sprechen, ergeben sich beim Vergleich der Strukturen von NPs mit Sätzen weitere Evidenzen, den bisherigen Kopfstatus des Nomens in der NP zu verwerfen und eine sog. funktionale Kategorie als Kopf anzunehmen. So zeigt ein Ver- gleich beider Strukturen (NP und Satzstruktur), dass Sätze im Gegensatz zu NPs funkti- onale Köpfe besitzen, die u. a. keinen deskriptiven Gehalt haben und ausschließlich grammatische Informationen kodieren. Im Sinne eines universellen Aufbaus von Phra- sen ist es ein sicherlich wünschenswertes Ziel, nominale Syntagmen parallel zu Sätzen zu analysieren, wie es erstmals ABNEY (1987: 21) für das Englische vorschlägt.

„The solution I have proposed is, in effect, to assign amore sentence-like structure to the English noun phrase than is commonly assumed. This is attractive for conceptual reasons, in addition to the empirical advantages it provides. Verb versus noun is the most fundamental opposition in grammar, and it is appealing to be able to assign the phrases built on them — sentence and noun phrase, respectively — parallel structure.“

Mit BHATT (vgl. 1990: 18) werden auf diese Weise die strukturellen Parallelen zwischen nominalen Syntagmen und Sätzen theoretisch erfasst.

Ziel dieser Arbeit ist es, ausgehend von der strukturellen Analyse von Sätzen in einem erweiterten X-Bar-Schema, das eine complementizier phrase (im Folgenden CP) und tense phrase (im Folgenden TP) annimmt, eine zu Sätzen analoge Analyse des no- minalen Syntagmas in Anlehnung an ABNEY (1987) vorzuschlagen, strukturell zu moti- vieren und argumentativ zu fundieren. Hierbei richtet sich der Fokus neben den funkti- onalen Eigenschaften von Köpfen auch auf die kategoriale Form des Spezifizierers, die beim Vergleich von Satz und traditioneller NP signifikant voneinander abweicht. Wäh- rend der Spezifizierer auf Satzebenen eine maximale Projektion ist, sind Spezifizierer eines nominalen Syntagmas Determinierer und somit keine Phrasen.

Abschließend soll gezeigt werden, dass eine DP-Analyse nicht nur theoriegeleitet infolge struktureller Parallelität zur Analyse von Sätzen, sondern auch im Hinblick auf die Analyse ausgewählter sprachlicher Phänomene - also auf Basis empirischer Befunde wie ‚Indefinita‘, ‚Pronomen‘ und ‚Pränominale Genitive‘ - im Vergleich zu einer NPAnalyse zu präferieren ist.

2 Zur X-Bar-Struktur von Sätzen

Um die DP-Analyse zu motivieren, wird zunächst die Struktur von Sätzen, sprich die syntaktische Struktur einer CP und einer TP auf Basis neuer Generativer Grammatiken beschrieben und miteinander verglichen3. Daran anknüpfend wird in Kap. 3 - infolge struktureller Divergenzen zwischen den syntaktischen Strukturen von CPs / TPs auf der einen Seite und der traditionellen NP-Analyse des nominalen Syntagmas auf der anderen Seite - für eine DP-Analyse argumentiert.

2.1 Die Struktur der CP

In neuen Generativen Grammatiken werden Sätze nahezu ausnahmslos als CPs analysiert, die - in Entsprechung zum X-Bar-Schema - dem nach allgemeinen Prinzi- pien strukturierten Aufbau von Phrasen folgen. Bevor die syntaktische Struktur der CP genauer betrachtet wird, soll zunächst in einem kleinen Exkurs der prototypische Auf- bau von Phrasen kurz skizziert und dabei die hierzu relevante Terminologie eingeführt werden.4

Grundsätzlich werden Phrasen als „Menge von syntaktischen Elementen, die eine Konstituente (Wortgruppe oder Satzteil von relativer Selbstständigkeit) bilden“ (BUß- MANN 2002: 517), aufgefasst. Der prototypische Aufbau einer solchen Phrase sieht da- bei - in Anlehnung an CHOMSKY (1970) und JACKENDOFF (1977) - folgendermaßen aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gemäß (4) hat jede Phrase genau einen Kopf (X), der zusammen mit seinem Komplement (ZP), also einem vom Kopf subkategorisierten Argument, die Projektions- stufe um ein Bar erhöht und die Zwischenprojektion (X‘) bildet. Hierbei ist der Kopf die zentrale Komponente, da er erstens obligatorischer Bestandteil der Phrase ist, zweitens seine Komplemente selegiert und regiert sowie drittens seine kategorialen Eigenschaften an die maximale Projektion (XP) vererbt.

Das Komplement (ZP) ist eine maximale Projektion, die obligatorisch ist und nur unter bestimmten Bedingungen weggelassen werden kann. Adjunkte (YP), die ebenfalls maximale Projektionen sind, werden im Unterschied zu Komplementen durch rekursive Mechanismen eingeführt, sodass sie beliebig oft iteriert werden können, ohne dabei etwas an der Komplexität der Phrase zu ändern. Dies ist auch am Baumgraphen formal sichtbar, da Adjunktion nur auf Ebene der Zwischenprojektion (X‘) möglich ist und die Phrase weiterhin eine Zwischenprojektion (X‘) bleibt, sodass die Projektionsstufe - wie in (5) ersichtlich - nicht erhöht wird.5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Spezifizierer (WP) schließt die Phrase ab; er bildet zusammen mit der Zwi- schenprojektion (X‘) die maximale Projektion (XP). Spezifizierer sind streng genommen maximale Projektionen; in vielen Darstellungen ist jedoch D zugelassen. Die Tatsache, dass Elemente der Kategorie D0 offenkundig keine Phrasen sind, aber dennoch als Ele- ment der Kategorie WP aufgefasst werden, wird in der weiteren Argumentation noch detailliert problematisiert.

Folglich sind CPs - der universellen Phrasenstruktur entsprechend - nach dem unter (6) beschriebenen Schema aufgebaut:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Potentielle Köpfe der CP sind somit Elemente der Kategorie C0, die maximale Projektionen der Kategorie TP als Komplement selegieren. Die Positionen des unter (6) ersichtlichen Baumgraphen stehen dabei mit den Feldern des Topologischen Feldermodells in Beziehung, wobei die Spezifizierer-Position (Spec) mit dem topologischen Vorfeld und die C0 -Position mit der linken Satzklammer korreliert, sodass an dieser Stelle eine strukturelle Motivation insbesondere der Spec-Position vorliegt. Für die weiterführende Argumentation soll nun der Fokus auf die funktionale und sprachliche Realisierung dieser beiden Positionen gelegt werden.

Spezifizierer der CP sind ausschließlich maximale Projektionen, d. h. Phrasen und keine Elemente der Kategorie X; der genaue kategoriale Status dieser maximalen Projektionen ist dabei zunächst sekundär.

(7) [Der Linguist] XP schläft.

(8) [Der Wissenschaftler] XP forscht an seinem neuen Projekt.

(9) [Nominalphrasen] XP sind ein spannendes Phänomen.

(10) [Syntax-B ü cher zu lesen] XP macht Spaß .

Der Kopfder CP hingegen kann auf drei unterschiedliche Weisen realisiert werden.6 Die infolge des Namens complementizer phrase naheliegendste Realisierungsform po- tentieller Köpfe der CP sind Komplementierer. Mit BUßMANN (2002: 141) handelt es sich hierbei um eine „von ROSENBAUM [1976] eingeführte Bezeichnung einer kleinen Menge grammatischer Elemente wie nebensatzeinleitende Konjunktionen […].“ Der Kopfsta- tus von nebensatzeinleitenden Konjunktionen ist insofern auch intuitiv nachvollzieh- bar, als dass der Typ der TP (Satztyp) vom Komplementierer selbst abhängt.7

(11) I will ask [ if [Poirot will abandon his investigation] TP ] CP . (interrogativ)

(12) I will say [ that [Poirot will abandon his investigation] TP ] CP . (deklarativ)

Dementsprechend leiten Komplementierer einen Satz ein und selegieren ein TPKomplement, wie es Sarah das Buch ins Regal stellt in (13/14) der Fall ist.

(13) [C ° Dass] Sarah das Buch ins Regal stellt, (ist sinnvoll)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darüber hinaus kann die C-Position qua Bewegung durch ein Element der Kategorie V besetzt werden.

(15) Sarah [C ° stellt] das Buch ins Regal

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine dritte Möglichkeit besteht darin, dass die C-Position nicht besetzt ist und somit leer bleibt.

(17) Welches Buch [C ° Ø ] Sarah ins Regal stellt, (wei ß ich nicht)

Zur X-Bar-Struktur von Sätzen 9

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Die Struktur der TP

Analog zur CP folgt auch die TP dem universellen Phrasenaufbau des X-Bar- Schemas. Dementsprechend hat der Baumgraph einer TP folgende interne Struktur:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Infolgedessen selegieren Köpfe einer TP VPs als Komplemente. In Analogie zur syntaktischen Struktur einer CP soll auch hier der Fokus auf die Form und Funktionen des Spezifizierers (Spec) und des Kopfes (T0 ) gelegt werden.

Spezifizierer einer TP sind nur maximale Projektionen (XP), wie es das no- minale Syntagma der Linguist in (20) ist. Diese maximalen Projektionen werden in der Spezifizierer-Position des Verbalkomplexes basisgeneriert und in die Spezifizierer- Position der TP bewegt. Elemente der Kategorie T0 sind hingegen abstrakte grammati- sche Merkmale, wie ‚Tempus‘ oder ‚Finitheit‘, die in Kombination mit verbalen Wur- zeln wie √SCHLAF einen konkrete syntaktische Form und semantische Bedeutung des Verbes generieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Wurzel √SCHLAF wird also zunächst aus der V-Position in die T-Position bewegt (Kopfbewegung), wo sie ihre grammatischen Merkmale - im vorliegenden Fall das Tempusmerkmal [past] und das Finitheitsmerkmal [3.P SG] - „abholt“.8 Die Annahme einer TP wird u. a. dadurch motiviert, dass in einigen Sprachen das Tempus analytisch mithilfe einer speziellen Partikel markiert ist.

2.3 Gemeinsamkeiten von CP und TP

Im Folgenden sollen die Gemeinsamkeiten der beiden Phrasentypen CP und TP zum einen im Hinblick auf ihre potentiellen Köpfe und zum anderen unter Berücksichtigung der Beschaffenheit des jeweiligen Spezifizierers aufgezeigt werden.

Die Analysen in Kap. 2.1 und 2.2 haben folgende Gemeinsamkeiten für den Kopf- Status beider Phrasentypen offenbart: Sowohl der Kopf der CP (C0 ) als auch der Kopf der TP (T0 ) werden durch sog.

[...]


[1] Ich wähle die Bezeichnung Nominales Syntagma, da sie mir am neutralsten erscheint. Der Terminus Nominalphrase drückt m. E. bereits implizit aus, dass Kopf dieser Phrase ein Element der Kategorie N0 ist. Alternative Ausdrücke wie etwa Nominalgruppe bei EISENBERG (2006b) sind zu spezifisch und nicht etabliert.

[2] Eine ausführliche Diskussion über Kriterien für den Kopfstatus liefern ZWICKY (1985), HUDSON (1987) und CROFT (1993).

[3] Im Rahmen dieser Arbeit kann aus Platzgründen nicht auf eine explizite Herleitung der CP/TP-Analyse eingegangen werden. Eine ausführliche Diskussion liefern hierzu u. a. CHOMSKY (1986), POLLOCK (1989) und FANSELOW / FELIX (1993).

[4] Die vorliegende Darstellung des X-Bar-Schemas orientiert sich maßgeblich an CARNIE (2002) und GREWENDORF / HAMM / STERNEFELD (1989).

[5] Eine pointierte Darstellung rekursiver Strukturen geben GREWENDORF / HAMM / STERNEFELD (1987: 180).

[6] Die diesbezüglichen Beispiele (13), (15) und (17) sind zitiert nach GALLMANN / LINDAUER (1993: 5).

[7] Die Beispiele (11) und (12) sind entnommen aus HAEGEMANN (1994: 115).

[8] In der hier vorliegenden Darstellung subsumiert T0 sowohl Tempus- als auch Finitheitsmerkmale. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass andere Darstellungen neben der TP eine sog. Agreement- Phrase (AgrP) annehmen, die oberhalb von TP angesetzt wird. Eine derartige Aufteilung in Tempus und Kongruenz ist in der Literatur unter der einschlägigen Bezeichnung der Split-INFL-Hypothese verzeichnet. Für die vorliegende Arbeit ist diese Unterteilung irrelevant, sodass darauf verzichtet wird.

Details

Seiten
37
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640891191
ISBN (Buch)
9783640891160
Dateigröße
840 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168937
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Linguistik
Note
1,0
Schlagworte
DP-Hypothese Nominalphrase Abney Funktionale Kategorie DP NP Bhatt Haider Syntax X-Bar-Schema Funktionaler Kopf

Autor

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Titel: Die DP-Hypothese