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Handlungsorientierter Unterricht - ein Versuch

Seminararbeit 2002 27 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhalt

0 Einleitung

1. Theoretischer Hintergrund Handlungsorientierten Unterrichts
1.1 Merkmale
1.2 Ziele
1.3 Kritik

2. Bezug zum theoretischen Kontext
2.1 Ursprung
2.2 Verwandte Bereiche

3. Praktischer Versuch
3.1 Einleitung
3.2 Vorbereitung
3.3 Entwurf der Stunde
3.4 Ziele der Stunde
3.5 Verlauf der Stunde
3.6 Ergebnisse
3.7 Bezug zum handlungsorientierten Konzept
3.8 Kommentar

4. Fazit

0. Einleitung

Ziel dieser Arbeit soll es sein, dem Leser und auch mir selbst das Konzept des Handlungsorientierten Unterrichtes näher zu bringen.

Zu diesem Zweck habe ich mich zunächst damit auseinandergesetzt, wie Handlungsorientierter Unterricht ablaufen soll, welche Merkmale er hat, und was man beachten muss. Dann habe ich untersucht, in welchem historischen Zusammenhang man den Handlungsorientierten Unterricht sehen muss.

Um meine eigenen Erkenntnisse zu erproben und eine Idee davon zu bekommen, wie Handlungsorientierter Unterricht in der Praxis aussehen kann, habe ich dann eine Unterrichtsstunde auf der Grundlage dieses Konzeptes vorbereitet und in einer vierten Klasse durchgeführt. Diese Stunde lässt natürlich keine Schlüsse darauf zu, inwiefern Handlungsorientierter Unterricht sinnvoll oder durchführbar ist. Sie soll lediglich ein Beispiel bzw. ein Versuch sein.

1. Theoretischer Hintergrund Handlungsorientierten Unterrichts

1.1 Merkmale

Handlungsorientierter Unterricht ist ganzheitlich.

Alle Sinne des Schülers, sowie Kopf, Herz und Hand werden angesprochen. Es sollte ein gewisses Gleichgewicht hergestellt werden zwischen Kopf- und Handarbeit. Nur dann kann man die besten Ergebnisse erzielen. Überwiegt die Handarbeit, kann der Unterricht schnell zur „Bastelstunde“ werden und der Bezug zum eigentlichen Thema geht verloren. Überwiegt aber die Kopfarbeit, so verlieren die Schüler schnell das Interesse und man ist auf dem Weg zum herkömmlichen Frontalunterricht.

Die Systematik, nach der das jeweilige Thema erarbeitet wird, ergibt sich aus den aktuellen Problemen und Fragestellungen, nicht aus der Fachsystematik. Aus diesem Grund findet Handlungsorientierter Unterricht fächerübergreifend statt.

Die Methode, mit der der Unterricht stattfindet, ergibt sich aus der Situation heraus. Dabei sollten möglichst viele verschiedene Methoden verwandt werden, damit jeder Schüler angesprochen wird.

Die Schüler sollen beim Handlungsorientierten Unterricht möglichst viele Aspekte des Themas selber erkunden und entdecken. Nur im Notfall soll der Lehrer Informationen „vorkauen“.

Ein weiteres wichtiges Merkmal von Handlungsorientiertem Unterricht ist die Herstellung von Handlungsprodukten als Ergebnis der Unterrichtsarbeit. Diese sollen während des gesamten Verlaufes der Unterrichteinheit erstellt werden. Sie dienen dazu, die eigene Arbeit veröffentlichen zu können, mit eigenen Augen zu sehen, was man geschafft hat.

An dieser Stelle muss der Ernstcharakter der Arbeit betont werden. Die Schüler tragen selber die Verantwortung für ihre Tätigkeit.

Wichtig ist außerdem, dass die subjektiven Schülerinteressen Ausgangspunkt sind für die Planung der Unterrichtseinheit, an der die Schüler von vorne herein beteiligt sind.

Beim Handlungsorientierten Unterricht wird die Schule nach außen und nach innen geöffnet. Das bedeutet zum einen, dass Lernen nicht mehr nur in der Schule passiert, sondern dass die Klasse an andere Lernorte geht oder Experten zu sich in die Klasse einlädt. Es bedeutet aber zum anderen, dass Schüler und Lehrer sich näher kommen sollen, dass der Unterricht fächerübergreifend ist und dass die Schüler sich eigene Lernwege suchen.

Beim ersten Blick auf diese Merkmale erscheint es einem fast unmöglich, handlungsorientierten Unterricht in den herkömmlichen Fachunterricht zu integrieren. Es scheint, als wäre dieses Konzept so weit entfernt von dem Unterricht, den man kennt, dass man sich ganz und gar für dieses Konzept entscheiden muss, um seine Ziele zu erreichen. Das ist jedoch nicht so. Gerade dieses Konzept lässt sich sehr sinnvoll in den normalen Fachunterricht integrieren, indem man dort Handlungen einplant, also Elemente in seinem Unterricht zulässt, die Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Ein weiterer Ansatzpunkt, den man leicht in den normalen Unterricht bringen kann, ist die gemeinsame Planung. Sie sollte ein Teil des Unterrichts werden und eröffnet den Schülern weitere Handlungsmöglichkeiten sowie die Möglichkeit, eigene Interessen einzubringen.

Als praktische Anregungen für handlungsorientierte Momente sind spontane Rollenspiele zu nennen, die helfen können, eine Situation zu veranschaulichen und die Eigentätigkeit der Schüler aktivieren. Auch die Befragung von Experten kann als Ergänzung zum sonstigen Unterrichtsgeschehen eingesetzt werden, sowie die Erstellung einer Wandzeitung zu Kommunikation in der Klasse.

1.2 Ziele

Das Konzept des handlungsorientierten Unterrichtes wurde mit Blick auf die Unterrichtspraxis entwickelt.

Auffallend ist die dort oft herrschende Langeweile, die sowohl Schüler als auch Lehrer betrifft. Der Handlungsorientierte Unterricht hat das Ziel, die Verantwortung für das eigene Lernen auf die Schüler zu übertragen. Durch die handelnde Auseinandersetzung mit dem Thema und die selbständige Erforschung verschiedener Themenbereiche entwickeln die Schüler im besten Fall ein eigenes Interesse für das Thema, das sie für ihr eigenes Lernen Verantwortung übernehmen lässt.

Dies ist das Ziel des Handlungsorientierten Unterrichtes. Durch die Einbeziehung aller Sinne sollen das Lernen aktiver und die Unterrichtsergebnisse anschaulicher werden.

Durch die individuelle Auswahl an Themenbereichen, bei der die Schüler viel mehr als bei herkömmlichem Unterricht in der Lage sind, ihre subjektiven Interessen einzubringen, will der handlungsorientierte Unterricht die Schüler bei der Identitätsfindung unterstützen.

Es soll mit allen Sinnen anhand von praktischen Projekten gelernt werden. Auf diese Weise soll der zunehmenden Abstraktheit des Lernens entgegen gewirkt werden.

Der grundsätzliche Ausgangspunkt für die Notwendigkeit, handlungsorientierten Unterricht durchzuführen, liegt in der veränderten Lebenswelt der Kinder. Ihre Erfahrungsmöglichkeiten sind durch die immer weiter vorranschreitende Technisierung ihrer Umgebung immer weiter reduziert worden. So hatten Kinder vor 50 Jahren noch die Möglichkeit, direkte Erfahrungen zusammeln wie das Heizen mit Kohle oder anderer Dinge, die in der modernen Zeit nicht mehr notwendig sind. Immer weniger werden Kinder wirklich gebraucht, um das tägliche Leben zu gestalten, sie werden vielmehr bedient, und müssen sich um nichts mehr kümmern. Auch die Veränderung in den familiären Verhältnissen der Kinder führt immer mehr zur Reduzierung der Erfahrungsmöglichkeiten. Als die meisten Kinder noch in Großfamilien lebten, machten sie auf ganz natürliche Weise Erfahrungen mit dem Tod oder der Versorgung von Kleinkindern. All dies erfahren sie jetzt „aus zweiter Hand“, nämlich durch Erzählungen, Bücher, Fernsehen oder Schule.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieses Schema veranschaulicht die Entwicklung weg von der Eigentätigkeit und den Primärerfahrungen und hin zu konsumorientierten Sekundärerfahrungen. Dieser Entwicklung will der handlungsorientierte Unterricht entgegen wirken.

Es gibt jedoch noch eine andere Problematik, die ein neues Konzept von Schule und Lernen erfordert und auf dessen Grundlage ein handlungsorientierter Unterricht sinnvoll erscheint.

So ist die Schule heute ausgerichtet auf die Zukunft. Den Schülern ist bewusst, dass sie ein gutes Zeugnis haben sollten, um in ihrem weiteren Leben erfolgreich zu sein und dass ein Schulbesuch unbedingt notwendig ist, um als Mitglied dieser Gesellschaft Bestand zu haben. Doch den Schülern ist ebenso bewusst, dass die Zukunft sehr ungewiss ist. Sie wissen, dass sie in der Gefahr sind, arbeitslos zu werden und dass keiner so genau sagen kann, wie die Welt aussehen wird wenn sie mit der Schule fertig sind. Aus dieser Diskrepanz zwischen Zukunftsorientierung der Schule und Ungewissheit der Zukunft entstehen massive Motivationsprobleme. So wird die Schule gerade bei Jugendlichen oft nur als notwendiges Übel angesehen weil es manchmal schwer fällt den Sinn dessen zu erkennen, was dort von einem verlangt wird. Auch an dieser Stelle kann handlungsorientierter Unterricht helfen. Denn er vermittelt eine Vorstellung davon, dass es wichtig ist, in der Gegenwart zu leben und jetzt etwas sinnvolles mit dem eigenen Leben anzufangen. Bei der Herstellung von Handlungsprodukten, die den gesamten Ehrgeiz und Fähigkeiten der Schüler erfordert kann diese Gegenwartsorientierung wieder hergestellt werden.

1.3 Kritik

Natürlich gibt es auch eine Reihe von Kritikpunkten an das handlungsorientierte Konzept, die ich hier kurz erläutern möchte.

Es wird angemerkt, dass der Handlungsorientierte Unterricht zum Teil sehr utopische Züge hat. Die Schüler müssen sehr gut mitarbeiten und untereinander sehr fair und solidarisch sein, damit ein solcher Unterricht stattfinden kann. Diese Vorraussetzungen sind natürlich nicht in jeder Klasse gegeben.

Durch den sehr aktiven, spontanen Charakter des Handlungsorientierten Unterrichtes und die Tatsache, dass er fächerübergreifend stattfindet, kann der Schulalltag gestört werden.

Ein Vorwurf, der dem Handlungsorientierten Unterricht häufig gemacht wird, ist, dass er sehr zeitaufwendig ist. Zum einen muss der Unterricht vom Lehrer sehr gut vorbereitet werden. Zum anderen nimmt der Unterricht selber auch noch einmal sehr viel mehr Zeit in Anspruch, als man für die Erreichung derselben Lernziele bei herkömmlichem Unterricht brauchen würde. Dies ergibt sich aus dem handelnden Charakter des Unterrichtes. Die Schüler selber bestimmen durch ihr Arbeitstempo und ihre Planung, wie viel Zeit sie brauchen, um diese Lernziele zu erreichen.

2. Bezug zum theoretischen Kontext

2.1 Ursprung

Einen Vorläufer für das Konzept des Handlungsorientierten Unterrichtes findet man schon im 16. Jahrhundert bei Comenius (1592-1670). Er sprach schon davon, den Lernstoff unter Einbeziehung aller Sinne zu vermitteln und Schüler somit zu „Tätern“ zu machen.

Auch in Rousseaus Erziehungsroman „Emile“ findet man handlungsorientierte Ansätze, obwohl diese noch nicht als solche bezeichnet werden. Jean Jacques Rousseau tritt damit ein für ein ganzheitliches Bildungsideal.

Auch die bekannte Forderung Pestalozzis, mit „Kopf, Herz und Hand“ zu lernen, kann eindeutig als Vorläufer des handlungsorientierten Unterrichtes erkannt werden.

Noch stärker erkennbar sind jedoch die Ursprünge des handlungsorientierten Unterrichts in der Reformpädagogik.

Maria Montessori (1870-1952) forderte ein ganzheitliches, schüleraktives Lernen, und prägte den Satz „Hilf dem Kind, es selbst zu tun“.

Cèlestin Freinet (1896-1966) legte besonderen Wert auf ein kooperatives Verhältnis von Schülern und Lehrern und die demokratische Entscheidungsfindung in Hinblick auf den Unterricht sowie die Einbeziehung der Umwelt in den Unterricht.

Auch Peter Petersen (1884-1952) beteiligte die Schüler an der Planung des Unterrichtes und entwickelte das Konzept des Wochenplans.

Weiter sind Hugo Gaudig und Otto Haase zu nennen, die ebenfalls in der Tradition der Reformpädagogik stehen. Adolf Reichwein (1898-1944) entwickelte in seinem Buch „Schaffendes Schulvolk“ den klassischen Vorläufer handlungsorientierten Unterrichts.

Johannes Langemann (1848-1923) war derjenige, der als erstes den Begriff des handelnden Unterrichtes verwandte. Er forderte, das Lernen aus dem Spielen heraus zu entwickeln.

2.2 Verwandte Bereiche

Eng mit dem Handlungsorientierten Unterricht verknüpft sind das Konzept des Projektunterrichts, der erfahrungsbezogene Unterricht, und der offene Unterricht.

Der Projektunterricht ist dem Handlungsorientierten Unterricht am ähnlichsten. Auch hier stehen die praktische Verwirklichung, die Selbstplanung und die Selbstverantwortung der Schüler im Mittelpunkt. Ein begrenzter Themenbereich soll handelnd erforscht werden.

Der Projektunterricht richtet sich gegen einfache „Stoffvermittlung“, gegen die „Buch – Papierschule“ und gegen ein lehrerzentriertes Lernen. Auch dieses Konzept will der veränderten Kindheit entsprechend neue, flexible Erziehungskonzepte entwickeln, die in der Lage sind, sich der sich immer schneller verändernden Wirklichkeit anzupassen. Deshalb tritt der Projektunterricht ein für entdeckendes, handlungsorientiertes, ganzheitliches Lernen und für ein grundlegendes Verständnis für Demokratie.

Gudjons benennt als Merkmale für den Projektunterricht:

- Situationsbezug
- Selbstorganisation und Selbstverantwortung
- Gesellschaftliche Praxisrelevanz
- Zielgerichtete Projektplanung
- Einbeziehung vieler Sinne
- Soziales Lernen
- Interdisziplinarität

Ausgangspunkt für den Projektunterricht ist eine umfassende, für den Erwerb von Erfahrungen geeignete Sachlage (Situationsbezug) und eine Themenauswahl, die an den Interessen der Beteiligten ausgerichtet ist.

Das soziale Lernen spielt hierbei eine genauso große Rolle wie der fächerübergreifende, interdisziplinäre Charakter des Projektunterrichtes.

Frey lässt dann die Bezeichnung „Projektunterricht“ zu, wenn nach der Durchführung folgender Verlauf zu erkennen ist:

- Projektinitiative
- Auseinandersetzung mit der Projektinitiative (Projektskizze)
- Gemeinsame Entwicklung eines Betätigungsgebietes (Projektplan)
- Projektdurchführung
- Beendigung des Projektes
- Fixpunkte
- Metainteraktion

Der Projektorientierte Unterricht unterscheidet sich insofern vom Projektunterricht, als beim Projektunterricht konsequent die Projektmethode umgesetzt wurde, beim Projektorientierten Unterricht ihre Prinzipien auch, aber auf andere Art und Weise verwirklicht werden.

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Details

Seiten
27
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638215961
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v16889
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg
Note
2
Schlagworte
Handlungsorientierter Unterricht Versuch Seminar Didaktische Modelle

Autor

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Titel: Handlungsorientierter Unterricht - ein Versuch