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Formale und inhaltliche Kernthemen von Arthur Schnitzlers "Fräulein Else"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 34 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das „Selbst“
2.1 Implikationen des inneren Monologs
2.2 Fremd- und Selbstzensur
2.3 Rollenspaltung

3. Sehen und gesehen werden
3.1 Beobachtungsposition
3.2 Enthüllung

4. Ersatzfiguren
4.1 V aterfiguren
4.1.1 Elses Vater
4.1.2 Direktor Wilomitzer
4.1.3 Herr von Dorsday
4.1.4 Elses Cousin Paul
4.1.5 Der Filou
4.2 F rauenfiguren
4.2.1 Elses Mutter
4.2.2 Cissy Mohr
4.2.3 Elses Tante

5. Selbstmord
5.1 Suizid
5.2 Todeswunsch
5.3 Spielarten des Todes

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit formalen wie inhaltlichen Kemthemen von “Fräulein Else“, um sie im Rahmen einer Gesamtdeutung miteinander zu verquicken. Eine erschöpfende Interpretation ist jedoch aufgrund der Komplexität und Vielschichtigkeit der Einzelaspekte sowie deren Deutungsalternativen nicht möglich. Daher wird es an einigen Stellen bei Ansätzen und Anmerkungen bleiben müssen- die grundsätzliche Zielsetzung bleibt davon aber unbeeinträchtigt.

Besonderes Augenmerk wird auf die Untersuchung der Figuren und deren Beziehung zueinander gelegt, da den handelnden Personen als Repräsentanten des herrschenden Systems eine spezielle Bedeutung zukommt. Zudem wird der Versuch unternommen ’Fräulein Else’ als eine Art Fallgeschichte zu lesen um dem psychologischen Diskurs mehr Raum zu geben.

Ein weiterer zentraler Punkt in Schnitzlers Text wie auch auf den folgenden Seiten ist die Erpressung Elses. Warum und wie ist Else erpressbar? Wie geht sie mit dieser Fremdbestimmung um? Fragen, die im Laufe der vorliegenden Arbeit beantwortet werden sollen.

Der Aufbau der Arbeit folgt dabei im Groben folgender Struktur: beginnend mit Elses Innenperspektive, tastet sich die Analyse anschließend an das Außen heran, um dann auf die Else umgebenden Figuren überzuspringen. Alle drei Punkte liefern wichtige Erkenntnisse, die Elses Selbstmord erklären oder gar begünstigen. Aus diesem Grunde ist der Selbstmorddiskurs quasi als Schlusspunkt gesetzt.

2. Das „Selbst“

2.1 Implikationen des inneren Monologes

“Fräulein Else“ ist die Selbstmordgeschichte der neunzehnjährigen Else, an der der Leser unmittelbar teilnimmt. Diese Unmittelbarkeit erreicht Arthur Schnitzler durch den stilistischen Kniff des inneren Monologs. Mittels dieser permanenten Gedankenrede erzeugt er die Illusion einer ungefilterten Darstellung der Welt durch die Protagonistin. Der Leser sieht die Welt durch Elses Augen und wird durch ihre Wahrnehmung gelenkt. Dass es sich jedoch nur um eine Illusion handelt, zeigt die graphische Codierung des Textanfangs. Die Zuordnung der Redeanteile in dem 3-Personengespräch regelt die Kursivsetzung. Es ist also eine Erzählinstanz vorhanden, nur tritt sie nicht in Erscheinung.

Elses tragische Schicksalsgeschichte während ihres Ferienaufenthalts in San Martino di Castrozza lässt sich durch zahlreiche textinterne Hinweise auf die Zeit zwischen 19 Uhr und Mitternacht des 3.September 1896 datieren. Die starke Tendenz zur Zeitdeckung des von Schnitzler gewähltem „Szenischen Erzählens“ wird durch die Textlänge in Korrelation mit den nur etwa 5 Stunden dargestellter Zeit bekräftigt. Durch den inneren Monolog liegt eine durchgängige interne Fokalisierung auf Else vor.

Die spezifische Form des inneren Monologs mit seinen besonderen Implikationen erfüllt gleich mehrere, für die Geschichte selbst und die Gesamtdeutung sinnstiftende Funktionen. Ohne die Gedankenrede wären die Interpretation und der psychologischen Analyse ihrer essentiellen Vorraussetzung beraubt: der Innenperspektive. Nur das Vorhandensein beider Perspektiven ermöglicht den Vergleich, deckt Unterschiede auf. Dass auf der anderen Seite trotz der inneren Fokalisierung auf Else die Außenperspektive erhalten bleibt, liegt an Else selbst. Sie vermag es neben der Gedankenrede eine Außensicht auf sich einzunehmen. Der Vergleich beider Perspektiven, ermöglicht durch den inneren Monolog, offenbart Divergenzen zwischen den beiden Rollen, die Else einnimmt: die des Beobachteten und die des Beobachters. Diese doppelte Beobachtungsposition wird in dem nächsten Abschnitt “Sehen und gesehen werden“ Thema sein, so dass es hier zunächst bei dieser Anmerkung bleibt.

Ein weiterer Aspekt des Monologs ist der eines ungehörten Hilferufs. Elses Schicksal gipfelt im Selbstmord: einer Tat, der unzählige Andeutungen vorausgingen - allerdings nur in ihrem Kopf. Ihre Not bleibt unausgesprochen und steigert sich bis zu den verzweifelten Hilfeschreien nachdem sie die tödliche Dosis Veronal bereits getrunken hat.

„Ich habe Veronal getrunken, Paul, zehn Pulver, hundert. Ich hab es nicht tun wollen. Ich war verrückt. Ich will nicht sterben. Du sollst mich retten, Paul. Du bist ja Doktor. Rette mich! [...] Rette mich, Paul. Ich beschwöre dich. Laß mich doch nicht sterben. Jetzt ist’s noch Zeit. Aber dann werde ich einschlafen und ihr werdet es nicht wissen. Ich will nicht sterben. So rette mich doch. Es war nur wegen Papa. Dorsday hat es verlangt. Paul! Paul![1]

Kurz bevor ihr Leben endet, versucht Else krampfhaft sich mitzuteilen. Doch wie bereits durch die Form des inneren Monologs bestimmt, ist Else nicht zur öffentlichen Rede zugelassen. Elses Kritik, ihr Aufdecken von Widersprüchen, ihre Demaskierungen verebben im Sand ihrer Gedankenrede und finden nie einen Weg in die Öffentlichkeit. Ihre Sprachlosigkeit steht stellvertretend für die soziale Sprachlosigkeit der Frau jener Zeit. Die Frauen schweigen und spielen ihre Rollen.

Zudem spiegelt Elses stumme Rede nach innen ihren sukzessiven Rückzug aus der beklemmenden Realität und ihre Isolation wider.

Das Schweigen ist außerdem ein Garant für die Geheimhaltung sozialer Stigmata und wird in dieser Funktion gesellschaftlich nur zu gern genutzt. Über Affären spricht man nicht. Ebenso wenig über Spielsucht oder sexuelles Begehren. Alles von der Gesellschaft negativ konnotierte wird sprichwörtlich in den Mantel des Schweigens gehüllt, von dem sich Else im übertragenen Sinne befreit und der Öffentlichkeit als nackte Wahrheit entgegentritt. Mit diesem Aspekt gehen die fast überflüssigen Diskretionsversprechen einher.

„Und daß es ein Geheimnis bleiben würde zwischen Ihnen und mir, das schwöre ich Ihnen, Else, [.. ,]“[2]

Das Schweigegebot verdeutlicht durch den inneren Monolog, repräsentiert das wohl stärkste Restriktionsmittel und gehört sowohl zur Fremd- als auch zur Selbstbegrenzung Elses.

2.2 Fremd- und Selbstzensur

Für Elses ’Selbst’ ist das aufgezwungene Schweigen im höchsten Maße problematisch. Traditionelles Rollenspiel und gesellschaftliche Konventionen stehen Elses Wünschen und Träumen unvereinbar gegenüber. Bereits zu Beginn der Erzählung weigert sich Else weiterhin als Anstandsdame für ihren Cousin Paul und der verheirateten Cissy Mohr zu fungieren.

Im Verlauf der Handlung wird jedoch klar, dass ihr Abtritt mit dem Abschied aus ihrem Leben korreliert ist. Wer Teil der Gesellschaft sein möchte, muss sich eben auch den Konventionszwängen unterwerfen. Diese Restriktionen greifen bei Frauen besonders hart, legen aber auch Männern bestimmte Fesseln an. Neben Else hat auch ihr Vater dieses „Gefängnis“ erkannt und leidet darunter. Die Fremdbegrenzung hat eine Art Passform entwickelt, in der Individualität erstickt und jeder in seine entsprechende Rolle hineingepresst werden soll. Diese Rolle soll in das Selbst übergehen bis dieses gänzlich ersetzt beziehungsweise vereinnahmt ist. Else befindet sich in der Phase, in der ihr Selbst massiv bedrängt, aber noch nicht völlig getilgt ist. Else hat zwar schon viel von der von ihr erwarteten Rolle übernommen, verfügt aber noch über ein davon unabhängiges “Restselbst“, das kritisch kommentiert und gegen Zwänge aufbegehrt. Das Ringen beider Seiten wird im manchmal fast schizophren anmutenden Verhalten Elses deutlich.

„Wir schauen uns ins Auge wie Todfeinde. Ich möchte ihm Schuft sagen, aber ich kann nicht. Oder will ich nicht?“[3]

Elses spontanen Impulse werden ausgebremst -einerseits durch verinnerlichte Konventionen und andererseits durch Else selbst. Der Einwand, Else sei im Gespräch mit Dorsday Bittstellerin und somit ohnehin in einer untergeordneten Stellung, ist keine kausale Erklärung, sondern begründet nur die zusätzliche Schwächung ihrer Position. Die Unterlegenheit hat sie per Definition schon inne: sie ist eine Frau, die einem gesellschaftlich angesehenen Mann gegenübertritt. Ihre Reaktionsmöglichkeiten finden ihre Grenzen in der ihr aufgedrückten Rolle. Da sie aber das Geld braucht um ihren Vater zu retten, kann sie nicht affektiert lachen und so tun, als ob sie nicht versteht; nicht in Ohnmacht fallen und auch nicht über Dorsdays Forderung empört von dannen schreiten. Ihr gelerntes Rollenverhalten bringt sie hier nicht weiter. Die von ihrem “Restselbst“ angebotenen Impulse werden blockiert, so dass sie nicht zufällig wie zu Eis erstarrt. Sie ist artikulations-,gestikulations- und bewegungsunfähig. Fremd- und Eigenbegrenzung haben sie in diesem Moment so eingeschnürt, dass ihr kein Handlungsfreiraum bleibt.

Ein treffendes Beispiel für die Selbstzensur ihrer eigenen Gedanken stellt folgende Szene dar:

„Nein, Herr Dorsday, ich glaube Ihnen Ihre Eleganz nicht und nicht ihr Monokel und nicht Ihre Noblesse. Sie könnten ebenso gut mit alten Kleidern handeln wie mit alten Bildern. - Aber Else! Else, was fällt dir denn ein.“[4]

Das „Rollen-Ich“ ruft also quasi ihr impulsives Selbst zur Ordnung. Ihre Eigenbeschränkung setzt nur an einer Stelle aus: im Traum. Nur dort gestattet sie sich die Erfüllung ihrer Wünsche.

„Es ist gar nicht so ausgemacht, ob ich viel feiner bin. Tun Sie nicht vornehm, Fräulein Else, ich könnte Geschichten von Ihnen erzählen ... einen gewissen Traum zum Beispiel, den Sie schon dreimal gehabt haben - von dem haben Sie nicht einmal Ihrer Freundin Bertha erzählt.“[5]

2.3 Rollenspaltung

Elses Dilemma ergibt sich daraus, dass sie einerseits gewillt ist, die Rolle der jungen Dame aus guter Familie gerecht zu werden und andererseits eine eigene Identität mit selbst bestimmter Erotik entwickeln möchte. Beide Ansprüche strapazieren Elses Selbst dermaßen, dass sie in eine Identitätskrise fällt und Problemfelder mit Musterlösungen aus Literatur und Theater überspielt. Die Überlagerungen von realer und künstlicher Welt verwirren und täuschen Else soweit, dass sie beide manchmal nicht mehr zu trennen vermag.

„Was ist denn? Wo bin ich denn? Habe ich geschlafen? Ja. Geschlafen habe ich. Ich muß sogar geträumt haben. Mir ist so kalt in den Füßen. Im rechten Fuß ist mir kalt. Wieso denn? Da ist am Knöchel ein kleiner Riß im Strumpf. Warum sitze ich denn noch im Wald? Es muß ja längst geläutet haben zum Diner. Dinner.O Gott, wo war ich denn? So weit war ich fort. Was hab ich denn geträumt? Ich glaube ich war schon tot.“[6]

Durch unbewusste und bewusste Selbsttäuschung befördert Else ihre Identitätskrise zusätzlich, destabilisiert ihre Psyche und beeinträchtigt ihre Wahrnehmung soweit, dass sie im Endeffekt sogar den Tod verklärt.

Trotz Krise leidet Else nicht, wie in der Forschung vereinzelt vermutet, an Minderwertigkeitsgefühlen. Ganz im Gegenteil gefällt sie sich als Aristokratin und bekennt stolz: „Ich bin ja doch ein Snob.“[7]

Dass sie de facto Tochter einer verarmten, verschuldeten Familie ist, deren Oberhaupt bereits mit einem Bein im Gefängnis steht, betont ihre Selbsttäuschung. Ihre Reaktion auf die Diskrepanz zwischen hervorgerufener realer gesellschaftlicher Position und die ihrer empfundenen Stellung untermauert ihren Anspruch auf eine elitäre Individualität.

„Ich wär zu einem sorgenlosen Leben geboren.“[8]

So beschwert sie sich darüber, nichts gelernt zu haben und wirtschaftlich abhängig zu sein, kann sich aber eine Erwerbstätigkeit wie die einer Bonne nicht vorstellen.

„Warum ist sie eigentlich Bonne? Noch dazu bei Cissy. Ein bitteres Los. Ach Gott, kann mir auch noch blühen. Nein, ich wüsste mir jedenfalls was Besseres.“[9]

Die innere Überzeugung zu etwas Höherem berufen zu sein, spiegelt sich in ihrer Auswahl möglicher Rollen wider. So klopft Else allein bei der Wahl möglicher Heiratskandidaten ein ganzes Spektrum verschiedenster Lebensweisen ab:

„Nach Amerika würd ich ganz gern heiraten, aber keinen Amerikaner. Oder ich heirat einen Amerikaner und wir leben in Europa. Villa an der Riviera. Marmorstufen ins Meer.. Ich liege nackt auf dem Marmor.“[10]

„Ein Italiener könnte mir gefährlich werden. Schade, daß der schöne Schwarze mit dem Römerkopf schon wieder fort ist.“[11]

„Ich werde hundert Geliebte haben, tausend, warum nicht?“[12]

„Keine klettert so gut wie ich, keine hat soviel Schneid, - sporting girl, in England hätte ich auf die Welt kommen sollen, oder als Gräfin.“[13]

Trotz Defizitstatus und drohenden finanziellen Ruin sieht Else ihren Platz nur in der gehobenen bürgerlichen Gesellschaft. Sie wünscht sich ihre Zukunft gerade in der Umgebung, von der sie sich beschnitten und eingezwängt fühlt. Else weiß um die Vorzüge eines abgesicherten Lebens in gehobenen Kreisen, will aber die dort herrschenden Spielregeln abstreifen und nur das Angenehme für sich in Anspruch nehmen. Ihr Abspaltungswunsch führt jedoch zu einer Spaltung ihrer selbst. Da sie im Grunde erkennt, dass sie unmöglich das eine ohne das andere haben kann, schafft sie sich mehrere Rollen, in die sie in der entsprechenden Situation verfallen kann. Dieses Vorgehen mündet jedoch darin, dass ihr von außen neue Rollen aufgedrückt werden. Als Tochter sollte sie eigentlich die Beschützte ihrer Eltern sein. Der Brief der Eltern kehrt diesen Status aber um und legt den Schutz des Vaters in Elses Hände. Die Schutzbefohlene wird zum Beschützer. Die Tochter übernimmt die Elternrolle. Nun sind es die Eltern, besonders der Vater, die ökonomisch und existentiell von ihrer Tochter abhängig sind. Else ersetzt im gewissen Grad ebenfalls ihre Mutter, da Else die einzige ist, die ’einen Draht zum Vater hat’ und sich mit ihm ernsthaft unterhalten will. Familienpolitik machen also nicht Mutter und Vater, sondern Vater und Tochter.

Auf der anderen Seite muss Else die traditionelle Rolle der Frau spielen und sich der patriarchalischen Ordnung unterwerfen. Dies schließt auch das Einhalten der gesellschaftlichen Spielregeln mit ein, die der Frau eine eigenständige Erotik untersagen. Allerdings gefällt sich Else als Objekt der Begierde und imaginiert sich als Frau mit tausend Geliebten.

Bei derart vielen Rollen, in die Else nach Bedarf schlüpft, wundert es nicht, dass die unterschiedlichen Rollenanforderungen miteinander kollidieren. Ihr eigentliches Selbst versteckt Else hinter diesen Masken und versucht es so vor der endgültigen Tilgung zu bewahren, denn Rolle und Selbst stehen sich unvereinbar gegenüber. Am deutlichsten treten die Spannungen im Gespräch mit Dorsday auf. Else kommentiert ihr rollenkonformes Verhalten mit großem Befremden.

„Wie merkwürdig meine Stimme klingt. Bin das ich, die da redet? Träume ich vielleicht? Ich habe gewiß jetzt auch ein ganz anderes Gesicht als sonst.“[14]

Dieser Auszug verweist zudem auf eine andere, rollenunanhängige Teilung von Elses Persönlichkeit, die im folgenden Punkt Gegenstand der Betrachtung sein wird: die Spaltung in einen sehenden und einen beobachtenden Part.

3. Sehen und gesehen werden

3.1 Beobachtungsposition

Obwohl Else die Heuchelei der Gesellschaft und ihre frauenfeindlichen Gesetze ablehnt, ist sie so tief in ihr verwurzelt, dass sie ihr bis zum Schluss verhaftet bleibt. Die Spannung zwischen Ablehnung und Anerkennung, zwischen Konformität und Abweichung spaltet Else in eine Beobachtete und eine Beobachterin auf.

Die äußere Erscheinung spielt nicht nur für die Gesellschaft eine fundamentale Rolle, sondern ist zudem für Else der Faktor, auf dem sie ihr Ego aufbaut. Ihre Position als Frau erlaubt ihr eigentlich nur, die Beobachtete, die Passive, das den männlichen Blicken ausgelieferte Opfer zu sein. Else hingegen übernimmt den männlichen Blickwinkel, um sich selbst zu bewerten. Ständig versucht sie sich der Wirkung ihrer Erscheinung zu vergewissern; prüft die Blicke der Anwesenden oder begutachtet sich im Spiegel. Es ist ein gefährliches Spiel, das Else treibt, denn das Herauslösen aus der passiven Opferrolle macht sie für die Männer gefährlich. Sie durchschaut ihr Begehren und genießt es Objekt dieses Begehren zu sein. Allerdings nur so lange, bis ihre ausgestrahlte Erotik eingefordert wird. Sie provoziert also genau das, was sie der Gesellschaft vorwirft: die Reduzierung ihrer Individualität auf das rein Körperliche und die damit einhergehende Käuflichkeit der menschlichen Individualität.

Angesichts ihres starken Drangs zur Selbstbeobachtung und Selbstdarstellung, muss die Künstlichkeit des eigenen Seins bei Else auffallen. Ihre Selbstinszenierungen sind die Folge der völlig internalisierten Rollenanforderung, die wiederum das Ergebnis männlichen Kontroll- und Luststrebens ist. Damit enttarnt sich die Selbstinszenierung als Fremdinszenierung. Authentizität des weiblichen Lebens bleibt außen vor.

Die Spaltung der Beobachtungsposition ist es, die die Künstlichkeit und die vorgefertigte Definition der Frau durch die Gesellschaft aufdeckt. Streng genommen bleibt Else kein eigener Handlungsspielraum, der nicht von Kontrollinstanzen, von männlichen Blicken begleitet wird. Da sie selbst diesen Blick einnimmt, ist sie ihm sogar beim völligen Alleinsein ausgeliefert. In diesem Zusammenhang erscheinen die Spiegelszenen in einem anderen Licht. Else und ihr Spiegel-Ich stehen jeweils für Opfer und Täter - für denjenigen, der den Blick aussendet und andererseits für das Blick-Objekt.

Ihre Beobachtungsposition macht Else somit in zweierlei Hinsicht einzigartig: sie ist fähig zwischen den Perspektiven zu wechseln, aber zudem ist Else auch die Einzige, die sich selbst als das sehen kann, was sie ist. Sie blickt hinter die Kulisse und nimmt sich jenseits ihrer gesellschaftlichen Maske wahr. Alle anderen Figuren sehen nur die Hülle, nicht jedoch die Frau, die darunter ist.

3.2 Enthüllung

Im Grunde genommen ist Elses Entkleidung im Musikzimmer die logische Antwort auf das sie bedrohende Kernproblem. Else versucht durch ihre eigene Entblößung den Missständen ihren Deckmantel zu entreißen und sie öffentlich und somit zum Thema zu machen. Das ’Wie’ dieser Enthüllung entspricht dem üblichen Modus operandi: sie inszeniert sich und ihren Körper. Ihre nackte Haut dient ihr als Projektionsfläche für die Lügen der Gesellschaft, ihre Doppelmoral und ihrer frauenfeindlichen Gesetze, die Else bis an den Rand der Prostitution getrieben haben. Die Frau verliert in diesem System auf jeden Fall - ob sie sich konform verhält oder nicht.

Else präsentiert sich sprichwörtlich als nackte Wahrheit. Zugleich stellt sie die Frage nach der moralischen Schuld des Einzelnen im Vergleich mit der kollektiven Schuld. Wie weit ist, kann und muss jeder für sich selbst verantwortlich sein? Wie viel Determinismus muss und darf sein? Elses Entblößung wirft blitzartig all diese Fragen auf - beantwortet werden sie nicht. Stattdessen wird die Quelle dieser unangenehmen Anprangerungen zugedeckt und mit dem Etikett ’hysterisch’ abgetan. Auf die Enthüllung folgt wieder Verhüllung.

Neben der gesellschaftskritischen Intention verfolgt Else mit ihrer Tat auch persönliche, emotionale Ziele. Sie sucht Anerkennung, Zuwendung und möchte der Welt die ’wahre’ Else zeigen jenseits aller Masken, die eben doch mehr ist als ein fremdbestimmtes Verfügungsobjekt.

[...]


[1] Schnitzler, Arthur: Fräulein Else. Novelle. Stuttgart 2002, Seite 79.

[2] Schnitzler 2002, Seite 35.

[3] Schnitzler 2002, Seite 35.

[4] Schnitzler 2002, Seite 16 f.

[5] Schnitzler 2002, Seite 38.

[6] Schnitzler 2002, Seite 44.

[7] Schnitzler 2002, Seite 7.

[8] Schnitzler 2002, Seite 7.

[9] Schnitzler 2002, Seite 8f.

[10] Schnitzler 2002, Seite 6.

[11] Schnitzler 2002, Seite 10.

[12] Schnitzler 2002, Seite 18.

[13] Schnitzler 2002, Seite 18.

[14] Schnitzler 2002, Seite 28.

Details

Seiten
34
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640868919
ISBN (Buch)
9783640869275
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168886
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien
Note
1,0
Schlagworte
Selbstmord; Suizid; Frauenfigur; selbstbestimmte Erotik; gesellschaftliche Zwänge; emphatisches Leben;

Autor

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Titel: Formale und inhaltliche Kernthemen von Arthur Schnitzlers "Fräulein Else"