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Hebammenkunst und neue Dämonen: Sokrates

Aus welchen Gründen wird Sokrates angeklagt?

Essay 2009 3 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Hebammenkunst und neue Dämonen: Sokrates

Aus welchen Gründen wird Sokrates angeklagt?

“Nein, antwortete Zarathustra, ich gebe kein Almosen. Dazu bin ich nicht arm genug.”[1]

Es gibt ein Sprichwort im türkischen, welches besagt, dass der, der die Wahrheit sagt, von neun Dörfern vertrieben wird. Lehren denn Sprichwörter nicht alte und eingesessene Volksweisheiten? Praktische Weisheiten, die man besser hören und ihnen folgen sollte, wenn man ein angenehmes und erfülltes Leben haben will. Und lehren Sprichwörter nicht gemeinhin tugendhaft zu sein? Aber wie nun? Soll man also lügen? Das deutsche Volksmund gibt die Antwort: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. - Und wie ist es dann mit der Mündigkeit beschaffen? Und soll man auch Schweigen, wenn man ein Unrecht sieht?

Eben dies. Denn Sprichwörter beinhalten, wie erwähnt praktische Weisheiten, die man auch tunlichst befolgen sollte, wenn man ein angenehmes, ruhiges und langes Leben leben möchte. Solche Sätze, wie oben angeführt, werden vor allem von Menschen geschätzt und strikt befolgt, die sich an dem leisen flüstern des Flusses unendlich ergötzen, sich ihrem Fluss vollends ergeben, um am Ende möglichst sanft in ein ungewisses Gewässer einzufließen. Denn sie sind Sätze der Erfahrung und der Kluge sollte von den Fehlern anderer lernen. Und tatsächlich, die Menschen, die nicht schweigen und ihre Wahrheiten nicht für sich behalten konnten, haben sie nicht stets den Unmut ihrer Mitmenschen auf sich gezogen? Ja, denn sie haben den Fluss in seinem Lauf gestört, wie ein Fels, der nicht zu bewegen war. Ein Fels, an dem sich die Gemüter stets gespalten haben – und so der Lauf des Flusses…

Sokrates, der in einem hohen Alter von 70 Jahren vor Gericht geladen wurde, weil er die Jugend Athens verführe, in dem er den Dingen auf der Erde und im Himmel nachspüre und diese dann in seinen Ergebnissen unterweise, war eben so ein Fels. Ferner frevle er auch gegen die Polis, weil er die Jugend verderbe, daer nicht an die Götter der Polis glaube, sondern„einem Glauben an eine neue Art von Dämonentum huldige.“[2] Dies waren nicht geringe Anschuldigungen, zumal die Religion ein integraler Bestandteil der athenischen Polis war. Seine Ankläger jedoch waren weder Sittenwächter, noch etwa Priester oder dergleichen. Sie repräsentierten vielmehr die Dichterschaft mit Meletos, dem Wortführer der Anklage, die Handwerker mit Anytos und mit Lykon, der als „Redner“ beschrieben wird, womöglich die Politik. Erstaunlich genug, dass ein Dichter das Wort der Klage führt, sieht Sokrates jedoch Anytos als den eigentlichen Drahtzieher des Bündnisses an, der reich, gerissen und deshalb auch besonders einflussreich war.[3]

Nachdem Sokrates die Anschuldigung bezüglich der Verführung der Jugend erfolgreich und knapp widerlegt, indem er darauf verweist, dass erstens Meleton selber überhaupt kein Recht zu so einer Anklage habe, zumal er sich sein Leben lang keinen Deut um die Jugend gekümmert hat und zweitens, dass die Jugendlichen sich nun, da sie erwachsen geworden sein, dieser Klage vor allen anderen angenommen haben müssten, weist er die zweite Klage ebenso von der Hand, indem er Meletos mit sich selbst in Widerspruch bringt. Er lässt Meletos die Anklage nämlich dahingehend verändern, dass er überhaupt keine Götter glaube, da der Wortlaut der Anklage aber laute er glaube „an eine neue Art von Dämonen“ und da Dämonen nun einmal göttliche Wesen seien, seien alle diese Beschuldigungen nur ungehaltene Verleumdungen.

Gleich zu Anfang betont er nämlich, dass er gegen zwei Sorten von Anklägern zu Gericht ziehe. Nämlich die, diese Anklage erhoben haben und vor allem die, die Sokrates schon jeher feindlich gesinnt waren, da er ihnen unangenehm geworden sei. Unangenehm ist er ihnen aber darum geworden, weil er sie öffentlich bloßstellte, indem er sie als Eitel beschimpfte, zumal sie nichts wussten aber dennoch stets zu wissen vorgaben. Dieser Umstand ist laut Sokrates der wahre Grund dieser ungerechten Anklage.

[...]


[1] Nietzsche, F., Also Sprach Zarathustra, Leipzig: Reclam-Verlag, 2000

[2] Platon, Apologie des Sokrates, Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2004, S. 35

[3] Vgl., Einleitung von Otto Appelt in: Platon, Apologie des Sokrates, Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2004, S. 35

Details

Seiten
3
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640868872
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168864
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin
Note
2,0
Schlagworte
Sokrates Antike Philosophie Apologie

Autor

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