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Multilingualität in ausgewählten Texten Irina Liebmanns als Repräsentation von Grenzen und Grenzaufhebung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 28 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffszuordnung
2.1. Der Begriff ‚Grenze‘
2.2. Der Begriff ‚Grenzaufhebung‘ bzw. ‚Grenzverschiebung‘
2.3. Der Begriff ‚Multilingualität‘

3. Multilingualität in ausgewählten Texten Irina Liebmanns
3.1. Mitten im Krieg
3.1.1. Generelle Verwendung von Fremdwörtern
3.1.2. Das russische Soldatenlied
3.1.3. Gespräche mit Menschen fremder Sprache
3.2. In Berlin
3.2.1. Multilingualität des Kindes
3.2.2. Gespräch mit einem alten Freund
3.3. Die freien Frauen
3.3.1. Elisabeth Schlossers Briefe an Sonja
3.3.2. Elisabeth Schlossers „Film“-Geschichte
3.4.3. Peter Schlosser und Olga

4. Zusammenfassung und Schlussfolgerung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit befasst sich die Verfasserin mit der Darstellung von Multilingualität in ausgewählten Texten der Autorin Irina Liebmann. Diese wurde „geboren 1943 in Moskau als Tochter des deutschen Journalisten Rudolf Herrnstadt und der russischen Germanistin Valentina Herrnstadt“ (www.irina-liebmann.de/biografie.html, 09.09.2010) und wuchs somit in einem mehrsprachigen Haushalt auf. In ihren Büchern findet sich diese Multilingualität in verschiedenster Weise wieder: beispielsweise in Gesprächen, die eine „Liebmann“-Figur in In Berlin führt oder in Briefen, die die Protagonistin in Die freien Frauen, Elisabeth Schlosser – deren Biografie sich liest wie die von Irina Liebmann selbst – an Sonja schreibt. Letztere ist ebenfalls eine Romanfigur aus Jiři Kratochvils Roman Unsterbliche Geschichte oder Das Leben der Sonja Trotzkij-Sammler.

Zur genaueren Analyse der Mehrsprachigkeit und ihrer Funktion als Instrument der Grenzaufhebung werden Liebmanns Romane Mitten im Krieg, In Berlin und Die freien Frauen herangezogen, da in diesen Texten verschiedene Figuren multilingual sind und Mehrsprachigkeit in unterschiedlicher Weise und vor allem mit unterschiedlicher Absicht genutzt wird.

Um zunächst eine theoretische Grundlage für die Bewertung von Multilingualität als Repräsentation von Grenzen und Grenzaufhebung zu schaffen, werden im zweiten Gliederungspunkt die Begriffe ‚Grenze‘, ‚Grenzaufhebung‘ und natürlich ‚Multilingualität‘ definiert und beschrieben. Dadurch wird es im weiteren Verlauf der Arbeit möglich sein, bestimmte Textstellen der ausgewählten Werke in die Analyse mit einzubeziehen und auf ihre Funktion zu untersuchen. Dabei stützt sich die Verfasserin sowohl auf die Darstellung von Grenze in mehreren Publikationen zum Thema als auch auf Definitionen aus Wörterbüchern.

Nach diesem vorrangig theoretischen Teil der Arbeit werden im dritten Gliederungspunkt die genannten Texte von Irina Liebmann einer genauen Untersuchung unterzogen um zu prüfen, inwieweit die in ihnen dargestellte Multilingualität – sowohl die der jeweiligen Protagonistin als auch die anderer handelnder Figuren – Grenze(n) repräsentiert beziehungsweise zur Grenzaufhebung oder Grenzverschiebung beiträgt.

Dabei soll erforscht werden, wer in der jeweiligen Kommunikationssituation gerade (multilingual) kommuniziert, was er oder sie kommuniziert, in welchem Kontext die Kommunikation stattfindet und welche Motivation dahinter steckt. Es werden zum einen die Motive dafür, dass Mehrsprachigkeit genau an dieser Stelle im Text vorkommt analysiert und zum anderen geprüft, ob diese an der jeweiligen Stelle auch Sinn ergibt. Wichtig ist auch, ob die Mehrsprachigkeit von der Erzählerfigur erzählt oder ob sie von anderen Figuren repräsentiert wird.

Im abschließenden Kapitel werden die gewonnen Erkenntnisse noch einmal zusammengetragen und ein Fazit formuliert. Ferner geht die Verfasserin auf im Verlauf der Bearbeitung auftretende Fragen ein, die den Rahmen der vorliegenden Arbeit überschreiten und weist auf weiterführende Untersuchungsmöglichkeiten zum genannten Thema hin.

2. Begriffszuordnung

Wie bereits in der Einleitung angekündigt, widmet sich dieses Kapitel der Definition und Beschreibung der Begriffe ‚Grenze‘ (Punkt 2.1.), ‚Grenzaufhebung‘ (Punkt 2.2.) und „Multilingualität‘ (Punkt 2.3.). Diese Einordnung soll später dazu dienen, Textstellen der ausgewählten Texte Irina Liebmanns hinsichtlich ihrer Funktion und Wirkung zu untersuchen.

2.1. Der Begriff ‚Grenze‘

Laut dem Bertelsmann Wörterbuch der deutschen Sprache ist die Grenze einerseits eine „Trennungslinie zwischen Staaten, Ländern, Grundstücken, Gebieten“ – eine festgelegte Barriere oder Schranke also – und andererseits eine „gedachte Linie, die Bereiche voneinander trennt, die einen Abschluss, ein Ende bezeichnet“ (Wörterbuch der deutschen Sprache 2004, 584). Es handelt sich demnach nicht zwangsweise um etwas Sichtbares oder auch Fühlbares (im Sinne von etwas Anfassbarem). Grenzen trennen grundsätzlich zwei Dinge voneinander ab, treten überall auf und sind unabdingbar.

Norbert Wokart schreibt: „Grenze ist […] ein Begriff, ohne den die Welt denkerisch nicht erschlossen werden könnte.“ (Wokart in: Faber/Naumann 1995, 276) Damit hat er recht, denn ohne Grenze(n) ist überhaupt nichts denkbar. Mithilfe von Grenze(n) wird alles beschrieben, definiert, eingeordnet, ausgeschlossen, getrennt, aber auch verbunden. So sagt er weiter:

Wollte man daher einen Sachverhalt denken, der in jeder Hinsicht unbegrenzt wäre, käme man sofort in Schwierigkeiten, da er nicht mehr definierbar wäre; denn Definieren bedeutet nichts anderes, als die Grenzen eines Sachverhalts zu bestimmen. (ebd., 280)

Bezogen auf die vorliegende Analyse stellt die Mehrsprachigkeit eine Grenze dar, weil sie einerseits den oder die multilinguale/n Sprecher/in von den anderen Figuren trennt und ihm/ihr somit eine Sonderstellung vermittelt. Er oder sie ist zwar in der Lage mit den Menschen in ihrer Muttersprache zu kommunizieren, kann sie aber auch ausschließen, wenn er oder sie in einer anderen Sprache kommuniziert. Andererseits verbindet die Multilingualität so aber auch Figuren, eben weil sie in der Lage sind, miteinander zu kommunizieren, auch wenn sie vielleicht eine andere Muttersprache haben.

Insofern die Grenze anderes aus einem Sachverhalt ausschließt, hat sie eine negative Funktion: Sie grenzt aus, engt ein und beschreibt somit einen Mangel der begrenzten Sache. […]. Aber insofern das Ausschließen des anderen durch die Grenze ebenso sehr ein Einschließen all dessen ist, was zu einer Sache gehört, hat Grenze auch eine positive Funktion: Sie grenzt ein und konstituiert damit allererst einen identifizierbaren Sachverhalt. (ebd., 279)

Grenzziehung betrachtet Wokart als notwendig, um Identität herzustellen, und zwar sowohl im Begriff als auch im Bewusstsein. Sie ist also notwendig, um existieren zu können. Eine Grenze, die hier unter anderem untersucht werden soll, ist die sprachliche Grenze, die demnach einerseits den/die Sprecher/in durch seine/ihre Sprache in eine kommunikative Situation einschließt und es ihm/ihr erlaubt sich zu integrieren, andererseits ihn/sie aber auch ausschließt, wenn seine/ihre Sprachkenntnisse von anderen als negativ empfunden werden. Damit kann also zugleich Nähe und Distanz geschaffen werden.

Wokart äußert sich weiter: „Grenzen sind veränderlich.“ (ebd., 283) Das sind sie insofern, als dass sie entweder erweitert oder sogar noch enger gefasst werden können. Sprachliche Grenzen können zum Beispiel verschoben oder gar aufgehoben werden, wenn sich ein Sprecher dazu entschließt, eine neue Sprache zu lernen. Damit ermöglicht er sich selbst weitere Kommunikationsfelder, die nicht von Sprachbarrieren behindert sind.

Im folgenden Punkt wird der Begriff der ‚Grenzaufhebung‘ analysiert, damit deutlich wird, wie solch eine Veränderung von Grenze, wie oben beschrieben, vonstatten gehen kann beziehungsweise wie sie funktioniert und was sie bewirkt.

2.2. Der Begriff ‚Grenzaufhebung‘ bzw. ‚Grenzverschiebung‘

Wokart meint: „Allenthalben fallen Grenzen oder sie verschieben sich, während gleichzeitig andernorts immer wieder neue errichtet werden.“ (ebd., 275) Ganz allgemein gesprochen meint ‚Grenzaufhebung‘, dass eine vorher existierende Grenze, beispielsweise eine Sprachbarriere, aufgehoben wird, also verschwindet. Die vorher bestehende Grenze war als solche markiert und bekannt, was im vorliegenden Fall bedeutet verschiedene Sprecher waren sich darüber im Klaren, dass sie einander aufgrund ihrer verschiedenen Sprache nicht verstehen können, dass sie also nicht miteinander kommunizieren können, weil sie an der Sprachgrenze scheitern. Durch Erlernen der fremden Sprache wird es den Sprechern aber möglich, sich auf der gleichen sprachlichen Ebene zu treffen und wirklich miteinander zu kommunizieren, auch ohne die Hilfe Dritter (beispielsweise eines Übersetzers).

Eine solche Sprachgrenze kann auch bei einem/r multilingualen Sprecher/in selbst auftreten, wenn er/sie zwar in der einen Sprache redet, aber in einer anderen Sprache denkt. Fängt er/sie jedoch an, auch in der vorher fremden Sprache zu denken, dann vollzieht sich sozusagen eine innerliche Grenzaufhebung und er/sie entwickelt sich weiter.

Wird eine solche Grenze dagegen nicht vollständig beseitigt, sondern nur dahingehend verändert, dass sich die Sprecher verschiedener Sprachen zwar einigermaßen verständigen können, ohne aber wirklich miteinander zu kommunizieren, spricht man eher von ‚Grenzverschiebung‘. Beispiel dafür wäre ein Reisender, der zwar die üblichen Floskeln des bereisten Landes beherrscht und sich auch nach Uhrzeit oder einem Ort erkundigen kann, der aber keine Gespräche der Einheimischen versteht.

Eine wirkliche Grenzaufhebung findet nur statt, wenn ein echtes Gespräch stattfindet, das vielleicht sogar einige sprachtypische Redewendungen und Phraseologismen enthält und das beide Sprecher ohne Übersetzung verstehen. Und solch ein Gespräch ermöglicht die Mehrsprachigkeit ermöglicht, die im nächsten Punkt genauer beschrieben wird.

2.3. Der Begriff ‚Multilingualität‘

Multilingualität ist ein Synonym für Mehrsprachigkeit. Im Bertelsmann Wörterbuch der deutschen Sprache wird Mehrsprachigkeit definiert als: „Fähigkeit, mehrere Sprachen unmittelbar zu sprechen und zu verstehen“ (Wörterbuch der deutschen Sprache 2004, 906). Mehrsprachige Sprecher, wie die verschiedenen Figuren in Liebmanns Texten – die Erzählerfigur in Mitten im Krieg, die Liebmann in In Berlin und Elisabeth Schlosser in Die Freien Frauen – sind demnach nicht nur in der Lage eine Sprache zu sprechen, sondern sich in mehreren Sprachen mit anderen Figuren auszutauschen.

Multilingualität kann auf verschiedenen Wegen zustande kommen: Kinder wachsen mit mehreren Sprachen auf – wie Irina Liebmann selbst oder auch ihre Romanfigur Elisabeth Schlosser – oder sie lernen eine oder mehrere Fremdsprachen in der Schule. Auch Erwachsene können später noch eine oder mehrere fremde Sprachen lernen. Meist sind es Migrantenkinder, die mit verschiedenen Sprachen aufwachsen und dies sind dann vor allem die folgenden zwei: erstens die Sprache, die ihre Eltern in ihrem Heimatland gesprochen haben und zweitens die Sprache der neuen Heimat.

Diese Art der Mehrsprachigkeit wird von den Eltern vor allem gefördert, um einerseits das Kind nicht seine Wurzeln vergessen zu lassen, es ihm aber andererseits zu ermöglichen, sich in dem neuen Land heimisch zu fühlen. Und das funktioniert zuallererst über die Sprache, denn nach Anne-Claude Berthoud ist „Sprache […] gleichsam eine Brille, durch die man die Welt sieht; mehrere Brillen eröffnen neue Perspektiven und ermöglichen einen besseren Zugriff auf die Welt.“ (Berthoud in: Lüdi/Seelmann/Sitter-Liver 2008, 191)

Ferner, sagt sie, sei Sprache „nicht nur eine Lesart der Welt, sondern auch Grundlage, um in der Welt zu handeln.“ (ebd.) Durch die Sprache und vor allem die Mehrsprachigkeit wird so die Grenze des Nichthandelns überschritten und der Mensch zum Handeln befähigt. Der mehrsprachige Sprecher ist in der Lage, durch die Anwendung verschiedener Sprachen, Verbindung mit anderen Menschen aufzunehmen und zu kommunizieren. Dadurch eröffnen sich ihm weitaus mehr Möglichkeiten, als einem Sprecher mit nur einer Sprache, der immer auf Hilfsmittel oder gar Dritte angewiesen sein wird.

„Die Rolle der Mehrsprachigkeit ist […] paradox. Sie schafft metasprachliche Distanz, um gleichzeitig aber zum Kern der Dinge vordringen zu lassen.“ (ebd., 197) Und damit erlaubt sie es eine vorhanden geglaubte Sprachgrenze nicht nur zu verschieben, sondern ganz aufzuheben und sich gleichzeitig in zwei verschiedenen (Sprach-)Welten zu integrieren. Im folgenden Kapitel wird diese Funktion der Mehrsprachigkeit an verschiedenen Texten Irina Liebmanns untersucht und überprüft, inwieweit es dort den jeweiligen multilingualen Sprechern tatsächlich gelingt, sich zu integrieren. Es soll aber auch analysiert werden, inwiefern durch die Multilingualität auch Grenzen gezogen werden.

3. Multilingualität in ausgewählten Texten Irina Liebmanns

Bei der Auswahl der zu analysierenden Texte Liebmanns ging die Verfasserin chronologisch vor, das heißt die Texte wurden nach ihrem Erscheinungsjahr geordnet. Deshalb beginnt die Untersuchung bei Irina Liebmanns erstem Prosawerk Mitten im Krieg (1989), wendet sich dann dem Roman In Berlin (1994) zu und schließt ab mit dem Roman Die freien Frauen (2004).

Gemein haben diese drei Texte nicht nur die Autorin, sondern auch das Auftauchen und die Verwendung von Mehrsprachigkeit in verschiedenen Kontexten und von verschiedenen Figuren.

3.1. Mitten im Krieg

Sofort geht es zu Sache, keine Zeit für lange Erklärungen, denn Irina Liebmann ist schnell. Und so verursachen bereits die ersten Sätze die Übernahme einer Perspektive, die schmecken, riechen, fühlen lässt, aus was sich der hier beschriebene Alltag auf unmittelbare Weise zusammensetzt. Der Rhythmus, die besondere Musikalität des Textes übertragen sich auf die eigenen Bewegungen, und in dieser Vertrautheit erscheint alles wie der persönlichen Erinnerung entnommen: Die Sehnsucht nach dem Westen und die erste Begegnung damit, die letzten Sommertage im Osten auf einer Mühle in Mecklenburg, und die erste Reise aus dem eingemauerten Berlin nach Rom. Ein Ort. Eine Zeit. Ein Leben, mitten im deutschen Umbruch. (Liebmann MK 2006, 2)

So lautet die Beschreibung des Inhalts von Liebmanns Mitten im Krieg. Sie deutet bereits an, dass es sich hierbei nicht um einen Krieg der öffentlichen, die Welt betreffenden Art handelt, sondern um einen persönlichen, den eine Person in und mit sich selbst austrägt. So meint auch Astrid Köhler: „Der Titel Mitten Im Krieg bezieht sich […] nicht nur auf eine historische Situation, den Kalten Krieg, sondern auch auf eine individuell psychologische. Die Heldin ist mit sich selbst im Widerstreit.“ (Köhler 2007, 113) Die Ich-Erzählerin des Textes ringt mit sich selbst um ihr persönliches Glück, scheint dies aber nicht wirklich irgendwo zu finden.

In Ostberlin fühlt sie sich unwohl, will raus, im Ausland – Rom und Lissabon – scheint sie rastlos und will weiter, bis sie schließlich mit ihrer Tochter in Evora landet, „einer grauen Stadt im Regen, Stadt mit Mauer“ (Liebmann MK 2006, 104-105). Doch auf ihren Reisen trifft sie auch auf andere Menschen und ist in der Lage mit ihnen zu kommunizieren, zu sprechen. Dies ist eine der kommunikativen Situationen, die in den folgenden Kapiteln näher beleuchtet wird (Punkt 3.1.3.). Doch auch vorher finden sich im Text verschiedene Stellen, an denen Mehrsprachigkeit auftaucht und praktiziert wird. Dies betrifft zum einen die generelle Verwendung von Fremdwörtern im Text, zum anderen ein russisches Soldatenlied, das sich nebst des Originaltextes (allerdings nicht in kyrillischen Buchstaben) im Kapitel Auf der Mühle befindet, welches die Erinnerungen der Protagonistin an „die letzten Sommertage im Osten auf einer Mühle in Mecklenburg“ (ebd., 2) beschreibt.

3.1.1. Generelle Verwendung von Fremdwörtern

Als generelle Verwendung von Fremdwörtern bezeichnet die Verfasserin solche Wörter oder Ausdrücke, die in den Fließtext eingebunden sind und nicht in Verbindung mit einem Gespräch stehen, das gerade im Text stattfindet. Diese werden durchgängig von der Erzählerfigur eingesetzt und nicht von anderen Figuren kommuniziert.

Auffällig ist hierbei das Wort Trottoir, das insgesamt fünfmal im Text vorkommt. Es wurde im 18. Jahrhundert ins Deutsche entlehnt, stammt aus dem französischen trottoir (zu französisch trotter „in Trab gehen, trippeln“) und bedeutet „Bürgersteig“ (vgl. Kluge 2002, 932). Zwar ist es durchaus nicht ungewöhnlich, dieses Wort zu benutzen, aber es ist insofern interessant, als es sowohl für die Bürgersteige Berlins – „das Trottoir hat er betreten, ist mit seinen Manuskripten gegen den Polizeiterror zur Druckerei gelaufen, das Trottoir stimmt.“ (Liebmann MK 2006, 16) – als auch für die Florenz‘ – „und in Florenz war es nur noch eine Frage der Straßenbreite und des guten Willens, einen Fuß zwischen die mißmutig herumlaufenden Leute aufs Trottoir zu setzen“ (ebd., 80) – und Roms – „geflickt zum Beinebrechen die Trottoire“ (ebd., 83) und „Arbeiter sammelten die trockenen Bäume ein, die auf den Trottoiren lagen“ (ebd., 85) – benutzt wird. Dadurch wird nicht nur eine Sprachgrenze verschoben, nämlich die deutsch-französische, sondern noch eine zweite: die italienisch-französische. Man könnte auch sagen, hier wird die italienisch-deutsche Grenze ignoriert, indem nicht einmal versucht wird, ein italienisches Wort zu benutzen. Desweiteren wird durch die Verwendung des Wortes auch eine geografische Grenze überschritten, indem die Bürgersteige aller drei Städte eben nicht Bürgersteige oder Gehwege, sondern Trottoire heißen.

Ein weiteres Fremdwort, das mehrfach genutzt wird, ist das in französischer Schreibung gebrauchte Façon (für Fasson) (vgl. Wörterbuch der deutschen Sprache 2004, 457), das aus dem französischen façon entlehnt wurde. Dieses stammt wiederum aus dem lateinischen factio (-ōnis) „das Machen“, zum lateinischen facere (factum) „machen, tun“ (vgl. Kluge 2002, 278). Mit Hilfe dieses Substantivs beschreibt die Erzählerfigur die Kleidung der Menschen am Bahnhof Marx-Engels-Platz an zwei verschiedenen Tagen: am 27. Januar 1986 (Liebmann MK 2006, 7) und am 27. Januar 1982 (ebd., 8).

Hier wird durch das Fremdwort nicht unmittelbar eine Sprachgrenze überschritten, sondern eher eine geschichtliche: zwei Tage, die eigentlich vier Jahre auseinanderliegen, werden dadurch – ebenso allerdings durch die Beschreibung der gesamten Situation mit fast gleichlautendem Wortlaut - übereinandergelegt und vereinheitlicht. Die Grenze von Vergangenheit und Gegenwart wird verschoben beziehungsweise aufgehoben.

Ferner nutzt die Erzählerfigur das Adjektiv atavistisch für die Beschreibung ihrer Schulter, während sie neben ihrem Liebsten im Bett liegt: „auf ihrer rundesten Stelle wachsen Haare, wie kommen die da hin, was für ein atavistischer Rest“ (ebd., 57). Dieses Wort stammt ursprünglich aus dem Lateinischen und bedeutet: „einem früheren Stadium der Menschheit entsprechend“ (Wörterbuch der deutschen Sprache 2004, 144). Aus einer intimen Situation heraus führt die Betrachtung des eigenen Körpers neben dem des Geliebten die Erzählerin dazu, über die Entwicklung des Menschen im Allgemeinen nachzudenken – wenn auch nur für einen winzigen Augenblick.

Es zeigt sich also, dass diese Figur nicht nur über ein umfangreiches Allgemeinwissen verfügt, sondern sich auch in den verschiedensten Situationen ihrer sprachlichen Fähigkeiten in mehreren Sprachen bedient, um sich auszudrücken. Mag es sich dabei um private beziehungsweise intime Situationen handeln, oder um die Beschreibung eines öffentlichen Ortes, sie bedient sich ihres Wissens und ihrer Sprache(n), ohne – so scheint es jedenfalls – lange darüber nachzudenken. Denn schließlich heißt es nicht umsonst: „Sofort geht es zur Sache […].“ (Liebmann MK 2006, 2)

3.1.2. Das russische Soldatenlied

Während die Wörter, die im vorherigen Punkt behandelt wurden, sich ohne offensichtliche Bemühungen der Erzählerin in den Text einfügen, gibt es doch auch Stellen, an denen sie ganz offen darüber nachdenkt, wie sie mit Hilfe einer anderen Sprache ihre Gefühle (besser) ausdrücken kann. Eine davon ist ein russisches Soldatenlied, das sie am Abend des 17. Juni 1988 (in Gedanken?) singt, weil es sie darüber hinwegtrösten soll, dass ihr Geliebter sie wieder einmal allein gelassen hat (vgl. ebd., 48-52). Sie macht einen Ausflug mit dem Fahrrad entlang all der Stellen, die sie ihm eigentlich hatte zeigen wollen, und entschließt sich dabei: „Singen. Am besten russisch. Russische Soldatenlieder.“ (ebd., 48) Warum russisch fragt man sich. Die Erklärung findet sich, wenn man annimmt, dass Mitten im Krieg autobiografische Züge trägt, das heißt von Irina Liebmanns Biografie inspiriert ist. Liebmanns Vater war der deutsche Journalist Rudolf Herrnstadt, ihre Mutter die russische Germanistin Valentina Herrnstadt (vgl. www.irina-liebmann.de/biografie, 09.09.2010). Diese sprach mit ihrer Tochter oft russisch und brachte ihr möglicherweise auch russische Lieder bei. Daher dürfte die Entscheidung für das Lied an dieser Stelle im Text darauf hindeuten, dass sich die Erzählerin mit Hilfe dieses Liedes ein Stück Geborgenheit zurückholen möchte, das sie durch das Gefühl des Verlassen seins (von ihrem Geliebten) zuvor verloren hatte.

Das Lied beginnt mit den Worten: Odin Soldat na swéte byl […]: War ein Soldat auf dieser Welt, […].“ (ebd., 48) Weiter geht es mit der deutschen Version:

War ein Soldat auf dieser Welt / so schön war er und tapfer / doch nur ein Spielzeug, nur als Spielzeug hergestellt, / weil er nur aus Papier war. / War ein Soldat auf dieser Welt / dariraram darara / doch nur als Spielzeug hergestellt / weil er ja aus Papier war (ebd., 48-49).

Diese Zeilen allein geben keinen Blick auf das Innere der Sängerin preis. Hätte sie nur diese in ihre Erzählung aufgenommen, hätte der Leser keinen Eindruck von der Tiefe ihrer emotionalen Verletztheit bekommen. Aber dann folgen die Zeilen:

Auf alle Fälle kommt jetzt der Vers, in dem er die Welt verändern wollte und jeden glücklich machen, aber selbst am Faden hing, a sam na nítotschke wissél, und selbst am Fädchen hing er, so ging er, nein: und selbst an einem Faden hing / denn er war aus Papier.“(ebd., 49)

Die Erzählerin identifiziert sich mit diesem Papiersoldaten, denn auch sie will viele glücklich machen: ihren Geliebten, ihre Tochter, ihre Freunde. Doch sie kann es nicht, weil sie selbst von irgendwas gehindert wird – vielleicht von sich selbst.

Das Lied geht weiter:

War ein Soldat auf dieser Welt / aber der dritte Vers fängt anders an: / ne dowerjali wy emú / swojích sekrétow wáshnych / eure Geheimnisse habt ihr / ihm niemals anvertrauhaut / ja und warum? / na ja, darum / weil er doch aus Papier war. (ebd., 49-50)

Da schon festgestellt wurde, dass sich die Erzählerin mit dem Papiersoldaten identifiziert, stellt sich hier die Frage, welche Geheimnisse man ihr nicht anvertraut hat beziehungsweise wo sie sich isoliert gefühlt hat. Hier drängt sich wieder der Vergleich mit Irina Liebmanns Biografie auf. Deren Vater Rudolf Herrnstadt war nicht nur Journalist, sondern auch ein Spion und hatte von daher ständig mit Geheimnissen zu tun. Die junge Irina bekam das natürlich (unbewusst) mit und fühlte sich ausgeschlossen. Äquivalent dazu fühlt sich die Erzählerin aus dem Leben ihres Geliebten ausgeschlossen, auch wenn sie das noch nicht ganz offen wahrhaben will. Er hat zwar kein Geheimnis in dem Sinne vor ihr, aber er verschließt sich ihr mit den Worten: „Es geht nicht. Es geht eben nicht“ (ebd., 46).

Im Lied heißt es dann:

War ein Soldat auf dieser Welt / dariraram darara / a on sudbú swojú kljanjá / i tícho shísnju sháshdal / und er verflucht sein Schicksal sehr und dürstet nach dem Leben, […], und sehnt sich nach dem Leben, und wünscht sich immer Feuer her / und hat vergessen, daß er aus Papier ist (ebd., 50).

Hier äußert sich sowohl der Wunsch des Kindes als auch der Wunsch der Frau, endlich mit einbezogen zu werden, auch wenn es ihr schaden könnte. Obschon sie weiß, dass ein offenes Gespräch mit ihrem Geliebten sie jetzt im wahrsten Sinne verbrennen könnte, will oder kann sie diese Gefahr nicht wahrhaben. Zumindest glaubt sie diese Offenheit zu wollen.

Dieser Vers endet mit den Worten: „Dariraram darararam / wo sind wir bloß geblieben“ (ebd., 52). Das ist ein Hinweis darauf, dass sich die Erzählerin ihrer Lage, der entfremdeten Beziehung zu ihrem Liebhaber, durchaus schon bewusst ist. Sie will es nur eben nicht wahrhaben und klammert sich deshalb an die letzte Hoffnung, dass Offenheit und Vertrauen weiterhelfen könnten – wobei sie unbewusst aber schon das unvermeidliche Ende erahnt.

Schließlich endet das Lied:

den letzten Vers hatten wir noch nicht: W ogonj? – Nu schtosch, idi! – idjósch?! […] Da fragt einer: / Ins Feuer? – Na bitte, geh! – Du gehst?! Und er tat den Schritt und verbrannte dort, keinen Groschen wert, weil er ja aus Papier war. / Ins Feuer willst du / bitte geh! Und einmal ging er wirklich / i tam sgorél an ne sa grosch / war ein Papiersoldahat. (ebd.)

Es zeigt sich besonders in diesem Abschlussvers, dass sich die Erzählerin schon im Klaren darüber ist, was die von ihr so erwünschte Offenheit letztendlich bewirken wird: das Ende der bestehenden Lage ohne Verbesserung. Eigentlich nur das Ende.

Dass sie dennoch irgendwie hofft, zeigt sich am Ende des Ausflugs, den sie beendet mit den Worten: „Was für ein Unsinn.“ (ebd., 53) Dabei könnte dies sowohl auf ihr erahntes Wissen um ihre Beziehung gemünzt sein, als auch auf ihre Schlussfolgerung des unvermeidliches Endes, die sie eigentlich gar nicht wahrhaben will. Sie hofft lieber weiter.

[...]

Details

Seiten
28
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640867417
ISBN (Buch)
9783640868216
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168801
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Multilingualität Grenzen Irina Liebmann Grenzaufhebung

Autor

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Titel: Multilingualität in ausgewählten Texten Irina Liebmanns als Repräsentation von Grenzen und Grenzaufhebung