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Entstehung des Kreuzzugsgedankens und sein heutiger Einfluss auf die Beziehung zum Westen im islamischen Denken

Hausarbeit 2010 34 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1 Einleitendes Wort
1.2 Forschungsgegenstand
1.3 Methodik

2. Entstehung des Kreuzzugsgedankens
2.1 Die erste Symbolisierung des Kreuzes unter Konstantin dem Großen
2.2 Der erste Kreuzzug Richtung Orient - politischer Pragmatismus oder Heiliger Krieg?
2.2.1 Die Situation in Europa
2.2.2 Die Position der lateinischen Kirche
2.2.3 Die Lage in der islamischen Welt und die erste Wahrnehmung der Kreuzfahrer

3. Einfluss der Kreuzzugsbewegung auf die Beziehung zum Westen im heutigen islamischen Denken
3.1 Auswirkung des Kreuzzugsgedankens auf den Dialog mit den Christen im Osten (George Khodr)
3.3 Golfkrieg 1990/1991 – Amerikanischer Kreuzzug? (Bassam Tibi)
3.2 Das kreuzzüglerische Denken des Westens (Sayyid QuÔb)

4. Schlusswort

Literaturverzeichnis

1. Einführung

1.1 Einleitendes Wort

Gewalt und Krieg im Namen der Religion gehören zu den größten Stolpersteinen, die den Weg zum gegenseitigen Verständnis zwischen Muslimen und Christen erschweren. Eine der historischen Erfahrungen der Gewalt, die die Welt des Mittelalters entscheidend prägten, sind die Kreuzzüge, die in ‚das Heilige Land‘, gegen die Andersgläubigen auf der Iberischen Halbinsel, sowie gegen innere Feinde der Christenheit geführt wurden. Insbesondere die Kreuzzüge gegen die Muslime, die unter dem Segen der Kirche als ‚Heiliger Krieg‘ geführt wurden, wirkten sich negativ und nachhaltig auf die Ost-West-Verhältnisse aus, sodass der Begriff „Kreuzzug“ bei fast allen späteren von westlichen Staaten geführten Kriegen vor allem gegen die Muslime ins Gedächtnis zurückgerufen wurde/wird und „kein Aspekt der mittelalterlichen Geschichte in der Moderne größere Beachtung als eben die Kreuzzüge“[1] findet. Vor allem im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert hat die Rede von den Kreuzzügen in der arabischsprachigen Welt erneut begonnen und „unter dem Eindruck westlicher Vorherrschaft in Nordafrika und im Vorderen Orient die Konnotation einer Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam“[2] erhalten. Auch als Antwort auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 hat der damalige amerikanische Präsident George W. Busch einen Kreuzzug nach Afghanistan und später in den Irak angekündigt. Dies rückte der Begriff der Kreuzzüge in den letzten Jahren wieder verstärkt ins Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit und führte zur Erscheinung von damit zusammenhängenden Werken wie Heiliger Krieg: Amerikas Kreuzzug von Norman Mailer (2003) und Der Kreuzzug im Irak von Veronika Schwediauer (2006). Das bedeutet, dass die Erforschung der Kreuzzüge zumindest im Sinne einer Verschwörung der Vergangenheit noch eine Bedeutung besitzt.

1.2 Forschungsgegenstand

Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die Frage nach den Gründen und Verhältnissen, unter welchen die Idee der Kreuzzüge im Mittelalter entstand und wie die Begriffe des ‚Kreuzzugs‘ und ‚Kreuzzuglertum‘ derzeit bei einigen muslimischen Autoren als Anspielung auf heutige kriegerische Aktionen verwendet werden. Aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit wird auf eine Behandlung der gesamten Geschichte der Kreuzzüge verzichtet. Es werden nur die Hintergründe der Entstehung des Kreuzzugsgedankens und die päpstliche Ruf zu den Kreuzzügen nach Jerusalem Anfang des 11. Jahrhunderts umrisshaft dargestellt. Anschließend geht die Arbeit auf die Frage ein, ob diese historische Erfahrung bis heute noch im Bewusstsein der Muslime lebt und sich auf deren Beziehung zum Westen auswirkt.

1.3 Methodik

In der Arbeit wird die analytische Methode angewandt. Sie besteht aus zwei Teilen, wobei im ersten Teil die Hintergründe des Kreuzzugsgedankens am Anfang des Mittelalters behandelt werden. Dabei sind zwei wichtige Aspekte zu beachten: (1) die erste Symbolisierung des Kreuzes in der christlichen Geschichte überhaupt, wobei ein Blick auf die Verhältnisse des ersten, im Namen des Kreuzes geführten Krieges unter Konstantin dem Großen geworfen wird, und (2) der erste Kreuzzug gegen die Muslime. Unter diesem Punkt werden die damalige Situation in Europa, die Unterstützung des Krieges durch Papst Urban II. und schließlich die Lage in Jerusalem dargelegt.[3]

Im zweiten Teil werden drei Autoren behandelt, die von der heutigen Auswirkung der Kreuzzüge auf die Beziehung der Muslime zum Westen ausgehen. Am Anfang werden einige Artikel George Khodrs, des Metropoliten des Bergs Libanon, erörtert, in denen er die Distanzierung der östlichen Christen von den Kreuzzügen erklärt und den nachhaltigen Einfluss der Kreuzzüge auf die Beziehung zwischen Islam und Christentum im Allgemeinen hervorhebt.[4] Anschließend geht die Arbeit auf das Buch „Kreuzzug und Djihad“ von Bassam Tibi ein, einem deutschen Politikwissenschaftler und Mitbegründer der Arabischen Organisation für Menschenrechte. In diesem Buch stellt der Autor die Frage, ob die Kreuzzüge und der islamische Fundamentalismus als Bedrohung des Friedens zwischen dem Westen und den Muslimen betrachtet werden können. Zuletzt wird Sayyid QuÔb, ein Theoretiker der ägyptischen Muslimbrüder und einer der wichtigsten islamistischen Denker des 20. Jahrhunderts, behandelt. Vor allem werden seine Standpunkte in den Werken Ma ÝÁlim Ýal Á Ô- Ôar Ðq (Wegzeichen) und As-sal Ám al- ÝÁlam Ð wa-l-isl Ám (Der Weltfrieden und der Islam) dargelegt, in denen er die Muslime zum Djihad gegen die nicht nach dem islamischen Recht regierenden Regime im Osten und den kreuzzüglerischen Westen aufruft.[5]

2. Entstehung des Kreuzzugsgedankens

2.1 Die erste Symbolisierung des Kreuzes unter Konstantin dem Großen

Bis zur Zeit Kaiser Konstantins des Großen erlebte das Christentum im Römischen Reich die schwerste Phase seiner Geschichte, die in der Kirchengeschichte als ‚Zeit der Christenverfolgung‘ bekannt ist und die Form einer Reihe gesamtstaatlicher Maßnahmen zur Unterdrückung des wachsenden Christentums im ganzen Reich annahm. Erst unter Konstantin, genauer durch die Mailänder Edikt 313, erlebten die Christen eine neue Wende. Das Idealbild Konstantins als erstem christlichen Kaiser geht auf den Bischof Eusebius von Caesarea, Zeitgenossen und ersten Verfasser einer Kirchengeschichte, zurück, der über die Hintergründe der Hinwendung des Kaisers zum Christentum berichtet. Konstantin wurde 280 als Sohn des Heerführers und späteren Kaisers Konstantius I geboren. Sein Vater starb 306 in einer Schlacht gegen die Pikten in Eboracum, dem heutigen York in England. Der 33-jährige Konstantin ließ sich von den Truppen zum Kaiser ausrufen und wurde neben Severus II. zum Mitherrscher im Westen des römischen Reiches.[6] Er ernannte sich im Jahre 307 zum einzigen rechtmäßigen Kaiser des Westens. Er beseitigte die Selbstverwaltung der Städte und Provinzen und eroberte 310 die Provinzen Spaniens. Doch er wusste, dass er nur dann eine stabile Macht aufbauen konnte, wenn er Rom in seiner Macht hatte. Im Oktober 312 erreichte er die Milvische Brücke, den damaligen Haupteingang in die römische Metropole, wo er gegen seinen Schwager und Konkurrenten Maxentius kämpfte und einen unerwartet schnellen Sieg über ihn errang. Der Sieg war erstaunlich, weil Rom zum Schutz von hohen aurelianischen Mauern umgeben war. Auf die Frage, warum es trotzdem zum Sieg kam, ist „eine definitive Antwort bis heute nicht möglich“.[7] Die Erklärungsversuche gehen jedoch von drohenden inneren Unruhen und schlagkräftiger Opposition gegen Maxentius aus. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Konstantin am Tag danach das übliche Siegesopfer für den römischen Gott Jupiter verweigerte und dass er nun nicht mehr diesen oder den Sonnengott als persönlichen Schutzgott ansah, sondern eben den Gott der Christen. Im Hintergrund dieser Wandlung liegt eine visionäre Erscheinung des Christus-Monogramms[8] für den Kaiser. Eusebius erzählt in seinem ‚De Vita Constantini‘ über die Vision und behauptet, seinen Bericht diesbezüglich „vom Kaiser selbst erfahren zu haben“.[9] Der Visionsbericht enthält drei Elemente:

1. Die Schilderung der Erscheinung eines Kreuzes über der Sonne, als der Kaiser mit seinem Heer unterwegs ist, und zwar schon lange vor der Expedition gegen Maxentius:

„da erschien ihm ein wunderbares von Gott gesandtes Zeichen, an das man wohl kaum geglaubt hätte, hätte ein anderer erzählt [...]. Um die mittäglichen Stunden der Sonne, als sich der Tag bereits neigte, habe er mit eigenen Augen gesehen, wie er sagte, daß am Himmel das Siegeszeichen des Kreuzes, das aus Licht bestand, die Sonne überlagerte und damit sei ein verknüpft gewesen: ‚Durch dieses sieg!‘“[10]

2. In der zweiten Vision erscheint Christus dem Kaiser im Traum und weist ihn an, das am Himmel gesehene Zeichen nachzubilden und als Kriegsfahne zu verwenden:

„Da habe er im Schlaf den Gesalbten Gottes (sc. Christus) mit dem Zeichen, das am Himmel erschienen war, gesehen, und er habe ihm befohlen, eine Nachbildung des Zeichens, das er am Himmel gesehen hatte, anfertigen zu lassen, und dieses als Abwehrmittel für die Gefechte mit den Feinden zu verwenden.“[11]

3. Aufgrund dieser Anweisung lässt Konstantin das Labarum herzustellen:

„Dann ließ er Goldschmiede und Juweliere herbeirufen, setzte sich in ihre Mitte, beschrieb das Aussehen des Zeichens und gab Befehl, es aus Gold und Edelsteinen nachzubilden [...] Der Buchstabe Rho (P) wurde dabei durch das Chi (X) in der Mitte gekreuzigt.“[12]

Konstantin triumphierte im Jahre 312 im Zeichen des Kreuzes. Es handelte sich um den ersten Krieg in der Geschichte, der unter dem Symbol des Christentums geführt wurde. Die Religionspolitik Konstantins hat sich in der Folgezeit sichtbar geändert, vor allem durch die Rückgabe des Kirchenbesitzes, die Unterstützung beim Bau von Kirchen, Zuschuss an die Besoldung der Kirchendiener und Anerkennung der bischöflichen anstelle der staatlichen Gerichtsbarkeit.[13] Das Christentum wurde erst dann unter Theodosius (379-395) zur offiziellen Religion des Römischen Reichs und verbündete sich besonders in der Zeit nach Konstantin mit der römischen Staats- und Militärgewalt. „Je enger das Bündnis zwischen Staat und Kirche wurde, desto mehr setzte sich die Kirche in ihren ethischen Forderungen und in ihren liturgischen Gebeten auch für die kriegerischen Funktionen des Staates ein.“[14] Unter den Söhnen Konstantins wurde eine entschlossene Christianisierungspolitik durchgeführt: Es war Konstantius II. (337-361) der erste, der ein Verbot heidnischer Riten erließ und die Schließung aller Tempel forderte.[15] Bischöfe zogen schließlich mit in die Schlacht und segneten die gleichen Waffen, mit denen Christen früher ermordet wurden. Dem Christen der früheren Zeit war bis zur konstantinischen Wende eine Rechfertigung des Krieges fremd. Die Predigten von Nächstenliebe und widerstandslosem Leiden vertrugen sich nicht mit der Gewalt. Nach der Wende entwickelte sich im Laufe der Zeit eine christliche Kreuzzugsideologie, die allgemein auf religiösen Anschauungen über Gott, Welt und Gesellschaft, wie sie das Papsttum in Europa durchgesetzt hatte, basierte. Dabei wurden vor allem biblische Stellen zum Zweck des Krieges instrumentalisiert: Die Symbolisch-militärische Welt im Epheserbrief (6,10-17) wurde z. B. leicht vom Symbolhaften in die Wirklichkeit übertragen. Die Glorifizierung der alttestamentlichen Kriegshelden, die Gott geleitet hatte, „bot weitere Anknüpfungspunkte für den, der ein neues Verhältnis zwischen christlicher Religion und Macht suchte.“[16]

2.2 Der erste Kreuzzug Richtung Orient - politischer Pragmatismus oder Heiliger Krieg?

Zur Verbreitung und Wiederherstellung des rechten Glaubens wurden im Mittelalter Kreuzzüge gegen Heiden (z. B. in Livland) und Häretiker (z. B. in Südfrankreich gegen die Albigenser) ausgerufen und unterstützt. Als Kreuzzüge werden jedoch besonders die Kriegsfahrten vom Ende des 11. bis zum Ende des 13. Jahrhunderts in das Heilige Land im Orient bezeichnet. Diese von den Päpsten ausgerufenen Kriege dienten dem Ziel, die heiligen christlichen Stätten von der islamischen Herrschaft zu befreien und die christliche Herrschaft über das heilige Grab zu erlangen. Über die Frage, wie viele Kreuzzüge insgesamt nach dem Orient zogen, herrscht unter den Historikern Uneinigkeit: Schon im 18. Jahrhundert zählten einige Historiker fünf (1096, 1146, 1190, 1217-29 und 1248), andere aber acht Kreuzzüge. Der Kreuzzug Kaiser Friederichs II. von 1228/29, der zu einem kurzzeitigen Rückgewinn Jerusalems führte, gilt bei manchen Historikern als sechster Kreuzzug. Ferner wurden von ihnen die Kreuzzüge Ludwigs IV. von Frankreich gegen Ägypten (1248-50) als siebter und gegen Tunis (1270) als achter Kreuzzug nummeriert. „Die meisten modernen Historiker geben sich heute mit Nummerierung bis zum Fünften Kreuzzug (der 1213) zufrieden und verzichten danach auf die weitere Durchzählung.“[17]

In diesem Abschnitt wird vor allem der erste Kreuzzug nach Jerusalem behandelt. Nicht die Einzelheiten des Kreuzzugsverlaufs sollen hier geschildert werden, sondern die Hintergründe, die für die Entstehung und Dauerhaftigkeit der Kreuzzugsbewegung Grundlage darstellten, werden im Folgenden erläutert. Der Beginn des ersten Kreuzzugs war ein punktueller Akt, der sich zeitlich genau bestimmen lässt: Am 2. November 1095 hielt Papst Urban II. auf freiem Felde außerhalb der Stadt Clermont in der Auvergne (Frankreich) eine flammende Rede, in der er zu einem Kriegszug in den Osten aufrief.[18] Westeuropa wurde damals von einer Militäraristokratie dominiert, deren Macht die lokalen Ressourcen kontrollierte. Eine große Anzahl waffenfähiger Männer, Adlige mit ihrem Gefolge, standen für den Kreuzzug bereit und verfügten über ausreichende Mittel für die Führung des Krieges. Zu betonen ist noch, dass diese Menschen sich über die Sündhaftigkeit ihrer üblichen Lebenspraxis bewusst waren und in der Befreiung der Heiligen Stadt von den Muslimen ein Verlangen nach Buße empfanden.[19] Jerusalem trat sowohl in der öffentlichen Meinung sowie in den Verlautbarungen des Papstes immer mehr als das eigentliche Kriegsziel in den Vordergrund. Neben diesem religiösen Motiv spielte auch die Gier nach Sachgütern und Land eine wesentliche Rolle. Als Termin für den Auszug des Heers war noch in Clermont nicht zufällig der Tag Mariä Himmelfahrt des Jahres 1096, der 15. August, festgelegt worden, was die Zentralität des religiösen Motivs des Kreuzzugs hervorhebt. Nach langem, von kriegerischen Auseinandersetzungen begleitetem Zug des Heers von Frankreich und Deutschland durch Ungarn und über Konstantinopel und Nikaia, das erste Angriffsziel der Kreuzfahrer, standen diese am 7. Juni 1099 schließlich vor den Mauern der Heiligen Stadt, die sie wegen des Mauerrings und der mächtigen Zitadelle erst am 15. Juli 1099 für die Christenheit erobern konnten.[20] Wie die allgemeine Situation in Westeuropa und im Osten damals aussah und welche Rolle die lateinische Kirche spielte, wird im Folgenden kurz erläutert.

2.2.1 Die Situation in Europa

Es musste eine Reihe von politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen geben, damit der Aufruf des Papstes Urban II. zur Befreiung der Heiligen Stätten ein starkes Echo fand. Nach dem Verfall des Karolingerreichs in Europa spaltete sich der westliche von den Franken beherrschte Teil im Verlauf des 10. Jahrhundert in zwei Herrschaften: das Westfrankreich, aus dem das spätere Frankreich hervorgehen sollte, und das Ostfrankreich, aus dem sich bis zum 11. Jahrhundert das Deutsch-Römische Reich entwickelte.[21] Die eigentliche Staatsgewalt teilten sich damals vor allem die Fürsten und der Adel. Die ersteren widmeten sich der Verteidigung des Landes nach außen und der Durchführung einer Expansionspolitik. Der Adel übernahm die innere Unterdrückung- und Sicherungsfunktion für seine Gebiete selbst, woraus sich ein Feudalsystem entfaltete. Innerhalb der Gesellschaftsordnung standen sich der weltliche und geistliche Feudaladel und die feudalabhängige Bauernschaft gegenüber.[22] Die Feudalherren verfügten über den Grund und Boden und eigneten sich die Ernte der Bauern, die das Land bewirtschafteten, gewaltsam an. Ferner befanden sich in ihren Händen auch Staatsapparat, Justiz und Kirche. Auch politisch gesehen war die Situation wegen der Feudalherrschaft weitgehend negativ; nicht die Bürger, sondern die Feudalherren nutzten fast alle Vorteile, die die Lage und Befestigungen der Stadt boten. All dies verschärfte den Klassenkampf der Bauern und die Auseinandersetzungen innerhalb der Feudalklasse um einen hohen Anteil am Produkt der unmittelbaren Produzenten. Unter den Mitgliedern der Feudalfamilien kam es auch aufgrund der karolingerischen Tradition des Erbteilungssystems zu sozialen und wirtschaftlichen Problemen. Das Erbe musste unter allen Nachkommen verteilt werden, was den Besitz des einzelnen oftmals so sehr schmälerte, dass er sich kaum noch davon zu ernähren vermochte. Nach einer anderen Möglichkeit blieb der Besitz der Familie ungeteilt erhalten, was jedoch bedeutete, dass immer mehr Familienmitglieder davon leben mussten, und sie dazu zwang, die Geburtenrate möglichst niedrig zu halten. In der Praxis bedeutete dies, dass „nicht jedes Familienmitglied ohne weiteres heiraten durfte.“[23] Daher boten die Kreuzzüge sowohl den ausgenutzten Bauern als auch der adlige Schicht die Möglichkeit an, diesem sozialen und wirtschaftlichen Dilemma zu entfliehen und im Orient Wohlstand und Unabhängigkeit zu suchen.

[...]


[1] Tyerman, Christopher: Die Kreuzzüge – Eine kleine Einführung. Stuttgart 2009, Philipp Reclam jun., S. 13.

[2] Antes, Peter: Kreuzzüge als „Identitätskonflikt“ aus christlicher Sicht – Historisches Geschehen und Symbolische Deutung. In: Schmid, Hansjörg [u.a.] (Hrsg.): Identität durch Differenz? Wechselseitige Abgrenzungen in Christentum und Islam. Regensburg 2007, Friedrich Pustet, S. 147

[3] In diesem ersten Teil wird vor allem auf die „Einführungswerke“ der Literatur zurückgegriffen, wie die der Wissen-, Reclam- und Geschichte-Kompakt-Reihe.

[4] Obwohl George Khodr kein Muslim ist, wird seine Auffassung in der vorliegenden behandelt, da er in seinen Artikeln die bis heute noch lebende Auswirkung der Kreuzzüge im Denken der Muslime feststellt und diese Auswirkung als eine der Stolpersteine im Wege des religiösen Dialogs betrachtet.

[5] Alle vom Arabischen ins Deutsche übergetragenen Zitate sind eigene Übersetzung, anderenfalls wird der Übersetzer erwähnt.

[6] „Es fehlen [...] verläßliche Informationen zu seiner Herkunft, zu seinem familiären und persönlichen Umfeld in Kindheit und Jugend, zu seinen frühen militärischen und damit auch politischen Karriereschritten …“ Brandt, Hartwin: Konstantin der Grosse - Der erste christliche Kaiser. 2. Auflage, München 2007, C.H. Beck, S. 23.

[7] Ebd. S. 44.

[8] Das Christusmonogramm ΧΡ ist seit dem 3. Jh. gebräuchliches symbolisches Zeichen für Christus, das in verschiedener, oft das Kreuz darstellender Form aus den großen griechischen Anfangsbuchstaben des Namens Christus gebildet ist. Die Ligatur ΧΡ ist eine Abkürzung des griechischen Wortes Χριστός („Christus“). Die Laute „Ch“ und „R“ für den Namen Christus werden im Griechischen durch die Buchstaben Χ (Chi) und Ρ (Rho) repräsentiert. (Vgl. Heim, Manfred: Kleines Lexikon der Kirchengeschichte. München 1998, C. H. Beck, S. 88).

[9] Caesarea, Eusebius v.: De Vita Constantini – Über das Leben Konstantins. In: Fontes Christiani, Zweisprachige Neuausgabe christlicher Quellentexte aus Altertum und Mittelalter – Bd. 83. Turnhout 2007, Brepols Publishers, S. 55.

[10] Ebd. S. 183.

[11] Ebd. S. 185.

[12] Ebd. S. 185f.

[13] Vgl. Hausammann, Susanne: Alte Kirche/2 – Verfolgungs- und Wendezeit der Kirche: Gemeindeleben in der Zeit der Christenverfolgungen und Konstantinische Wende. Neukirchener 2001, Neukirchen-Vluyn, S. 2005.

[14] Erdmann, Carl: Die Entstehung des Kreuzzugsgedankens. Darmstadt 1974, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 4.

[15] Vgl. Hausammann 2001. S. 253.

[16] Zöllner, Walter: Geschichte der Kreuzzüge. Berlin 1979, VEB (Deutscher Verlag der Wissenschaften), S. 38.

[17] Tyerman 2009. S. 33.

[18] Vgl. Jaspert, Nicolas: Die Kreuzzüge, (Geschichte Kompakt, hrsg. von Martin Kintzinger [u.a.]). 2. durchgesehne Aufl., Darmstadt 2004. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 34.

[19] Vgl. Tyerman 2009. S. 34.

[20] Vgl. Thorau, Peter: Die Kreuzzüge. 3., durchgesehene Aufl., München 2007. C.H. Beck, S. 68.

[21] Vgl. Jasper 2004. S. 2; „Die Mehrzahl der Kreuzfahrer stammte aus [ diesen] Gebieten. Doch galt dies keineswegs für alle Kontingente (z. B. für englische oder ungarische Kreuzfahrer). “

[22] Vgl. Zöllner 1979. S. 11.

[23] Thorau 2007. S. 39.

Details

Seiten
34
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640866816
ISBN (Buch)
9783640866359
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168774
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Arabistik und Islamwissenschaft
Note
2
Schlagworte
entstehung einfluss westen denken Kreuzzüge Kreuzzug

Autor

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