Lade Inhalt...

Verortung der bei Cohen auftretenden Paradoxie der synthetischen Einheit Kants

Der Versuch eines Aufschlusses über das Verhältnis der synthetischen Einheit zur Kategorie bei Cohen und Kant

Hausarbeit 2010 14 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Erörterung der Problemstellung

2. Drei mögliche Thesen über die Bedeutung der
synthetischen Einheit Kants bei Cohen
A. Die synthetische Einheit bedingt die Kategorie
B. Die synthetische Einheit und die Kategorie sind identisch
C. Die Kategorie bedingt die synthetische Einheit Vermengungen

3. Versuch einer Klärung des Begriffs der synthetischen Einheit bei Kant

4. Verortung der Problemstellung bei Kant und Rückbezug auf Cohen

5. Quellenangabe

1. Einleitung und Erörterung der Problemstellung

Grundlage dieser Arbeit ist ein von mir am 02.11.09 gehaltenes Referat über das achte Kapitel Hermann Cohens Kants Theorie der Erfahrung.

Gegenstand dieses Kapitels, welches Die Kategorien als Formen des Denkens heißt, ist der Versuch einer Beweisführung zur Gewährleistung der Aprioritäten bei Kant. Aprioritäten speziell in diesem Kapitel bezieht sich auf Kants transzendentale Logik, genauer auf seine Kategorien und besonders auf den Begriff der synthetischen Einheit. Es ist für Cohen diese ursprüngliche Synthesis, welche die Gewähr für Aprioritäten begründen soll, da sie in ihrer Mediumartigkeit notwendig vor aller Erkenntnis als Prädikat möglicher Erkenntnis fungiert. Somit argumentiert er gegen den naturalistischen Einwand, Kants Kategorien(tafel) sei nicht das Produkt transzendentaler, sondern empirischer oder psychologischer Deduktion, sei also nicht apriorisch, sondern aposteriorisch gewonnen worden. Wie er genau für seinen Standpunkt argumentiert sei jedoch problematisiert.

Es kamen bei der Textanalyse viele Ungereimtheiten aufgrund erheblicher Verständnisschwierigkeiten auf. Das Kapitel ist inkohärent formuliert, d.h. es muss kreuz und quer gelesen werden, um sich einen Überblick darüber zu verschaffen, wie der Argumentationsstrang verläuft. Beispielsweise prätendiert Cohen in einem Abschnitt, eine wichtige Antwort zu geben, setzt einen Doppelpunkt, stellt aber dem ungeachtet eine Frage, um diese zwei Seiten später zu wiederholen. Dies ist paradigmatisch für seine Art der Beweisführung. Inhaltlich bleibt der Kernbegriff synthetische Einheit sehr vage, obwohl gerade mit diesem die Argumentation verständlich werden soll. Ihr Verhältnis zur Kategorie bleibt mysteriös, da darüber paradoxerweise drei mögliche Thesen gleichzeitig zulässig sind. Ob die Argumentation im Übrigen diejenige Cohens ist oder von Kant selbst stammt ist schwer zu erfassen, insofern Cohen nicht augenscheinlich Kant zitiert.

Was diesen Sachverhalt der Verständnisschwierigkeiten nicht vereinfachte war, dass ich den Begriff der synthetischen Einheit nicht kannte bzw. ihn als Fachterminus der Kant’schen Philosophie mit Cohen erst neu kennenlernte, aber Cohen ihn mir nicht recht erklären konnte. Das Referieren erwies sich als mühsam, da ich nicht füllen konnte, was der Text offen ließ, und etwas zu erläutern, was der Text nicht hergibt, ist meiner Auffassung nicht Gegenstand eines Referates, sondern kann dann nur das Herausstellen dieser Problematik sein. Allerdings, in Anbetracht der Tatsache, das Referat schriftlich ausarbeiten zu wollen, war der Entschluss bei Kant selbst nach zu lesen schnell gefasst. Wenn ich das Prinzip der synthetischen Einheit begreifen wollte, dann war dies der plausibelste Schritt und Cohen ausschließlich kritisch zu spiegeln, ohne ihm eine Chance im Vergleich mit dem Original zu geben, wäre unwissenschaftlich. Somit ist dies weniger eine Referatsausarbeitung als vielmehr eine Referatserweiterung.

Zuerst möchte ich darstellen, welche Mehrdeutigkeit der Begriff der synthetischen Einheit bei Cohen inne trägt. Spezifisch geht es um das mysteriöse Verhältnis zwischen synthetischer Einheit und Kategorie. Nach Cohens Darstellung bedingt mal das eine das andere, mal umgekehrt und mal sind sie ihrer Schnittmenge nach identisch. Dem Leser kommt es so vor, als zirkuliere dieses Verhältnis zwischen jenen Bedingtheiten. Die Frage nach Antezedens und Konsequenz ist ambivalent beantwortet, besonders wenn er beide Gegenstände zu Beginn ihrer Erwähnung gleich setzt. Auf diese Ambiguität eine Dialektik im Sinne des Deutschen Idealismus anzuwenden ist eine Option, aber nicht dann, wenn es um Kant geht, auch dann nicht, wenn die Lösung attraktiv scheint. Ich werde bzgl. dessen, was Kants synthetische Einheit nach Cohens mehrdeutigen Definitionen anbelangt, drei konträre Thesen aufstellen und sie anhand des Textes belegen.

Dann möchte ich diesbezüglich bei Kant selbst nachschlagen und mir gezielt Passagen aus der KrV herausgreifen und zusätzlich mithilfe aktueller Sekundärliteratur so gut es geht zu einem eigenen Ergebnis kommen.

Schlussendlich werde ich mein Ergebnis mit den drei Thesen Cohens abgleichen und sehen, worin ich ihn aufgrund meiner Unwissenheit eventuell falsch verstanden oder was ich ihm zurecht als konträr analysiert unterstellt haben könnte.

2. Drei mögliche Thesen über die Bedeutung der synthetischen Einheit Kants bei Cohen

Die drei Thesen, die aufzeigen sollen, wie dehnbar Cohen die synthetische Einheit Kants definiert, lauten:

A. Die synthetische Einheit bedingt die Kategorie
B. Die synthetische Einheit und die Kategorie sind identisch
C. Die Kategorie bedingt die synthetische Einheit

Wichtig ist mir festzuhalten, dass diese Thesen konträr gegenübergestellt werden, d.h. durchaus gleichzeitig falsch, aber nicht gemeinsam wahr sein können.

Eine Untersuchung, in der zwei oder alle drei Thesen gleichzeitig wahr sein können, wäre auch denkbar. Man würde sodann inhaltlich vielleicht mit Wechselwirksamkeit zwischen Kategorie und synthetischer Einheit argumentieren. So ließe sich bspw. formulieren: Trifft These B zu, so ist nicht ausgeschlossen, dass These A und These C ebenso und gleichzeitig zutreffen, was bedeutete: Synthetische Einheit und Kategorie sind identisch und bedingen einander.

Dagegen sprechen allerdings zwei Punkte. Erstens gibt uns Cohen dazu keinen Anlass. An keiner Stelle spricht er von „Wechselwirksamkeit“ oder „dialektisch“. Er wollte den Begriff der synthetischen Einheit aus Perspektive des Kantischen Systems beschreiben, was mich zum zweiten Punkt führt: Kant gibt uns dazu keinen Anlass. Sein System lässt keinen Raum für dialektische Synthesen paradoxer Sätze im Sinne des Deutschen Idealismus, sondern kennzeichnet sich stets als durchstrukturiertes Gerüst mit eindeutigen Bestandteilen strenger Anordnung. Solange ich drei konträre Thesen aufstellen und ihre Gleichzeitigkeit belegen kann, muss ich demnach annehmen, dass Cohen die synthetische Einheit unzulänglich und ihr Verhältnis zur Kategorie zirkulär beschrieben hat.

Sollte meine spätere Untersuchung, also die Überprüfung der drei Thesen Cohens bei Kant, jedoch etwas anderes ergeben, bin ich selbstverständlich bereit, meine Ansicht auf die Systemstruktur Kants zu revidieren.

These A: Die synthetische Einheit bedingt die Kategorie

Diese These wird durch die Mehrzahl der Textpassagen gestützt.

Auf Seite 111 heißt es, dass das „Princip für die Entdeckung der Kategorieen […] der […] Gedanke von der synthetischen Einheit“ sei, was die Bedingtheit der Kategorie durch die synthetischen Einheit suggeriert, da die Bedingtheit ihrer Entdeckung ihre Existenz bedingt.[1] Weitergehend behauptet Cohen, dass „die Kategorieen lediglich in der Vorstellung [der] nothwendigen synthetischen Einheit bestehen“ (S.117)[2]. Die Kategorien haben auch in diesem Zitat keinen Bestand ohne die synthetische Einheit. Vorstellung von der synthetischen Einheit, oder auch Gedanke von der synthetischen Einheit (s.o.), ist hier mit der synthetischen Einheit selbst gleichzusetzen, da die Vorstellung (oder der Gedanke) ohne den Glauben an die existenzielle Einflussnahme des ontologischen Korrelats keinen Sinn ergäbe. Im selben Abschnitt schreibt er: „[Die] synthetische Einheit liegt […] allen Urtheilen zu Grunde“ (S.118). Alle Urteile kann auf die Kategorien zurückgeführt werden, da die Kategorien die logische Funktion der Urteile überhaupt sind und dadurch letztere erst möglich werden. Paraphrasiert lautet das Zitat also: Die synthetische Einheit liegt den Kategorien zu Grunde.

Mit diesen drei Ausschnitten ist These A hinreichend begründet.

[...]


[1] Insofern sie vom menschlichen Verstand als existent erkannt werden soll, da es niemandem nützt, im besonderen Kant nicht, wenn sie unentdeckt existiert.

[2] Alle Verweise beziehen sich, insofern nicht anders angegeben, auf: Hermann Cohen. Kants Theorie der Erfahrung. In: Helmut Holzhey [Hrsg.]. Hermann Cohen, Werke. Zürich [u.a.]: Georg Olms Verlag, 1987.

Details

Seiten
14
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640867332
ISBN (Buch)
9783640867943
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168763
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1.3
Schlagworte
verortung cohen paradoxie einheit kants versuch aufschlusses verhältnis kategorie kant

Autor

Zurück

Titel: Verortung der bei Cohen auftretenden Paradoxie der synthetischen Einheit Kants