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Die Bedeutung des ergon-Arguments für die Konzeption der Nikomachischen Ethik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 20 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Begriffliche und inhaltliche Grundlegung
2.1 Wo befindet sich das ergon-Argument?
2.2 Was ist das .ergon“?

3 Die Verknüpfung von ergon und arete

4 Das ergon des Menschen

5 Konsequenzen und Kritik der ergon-Arguments
5.1 Ergon-Argument = naturalistischer Fehlschluss!?
5.2 Der Zusammenhang von ergon und den Lebensformen

6 Zusammenfassung

Literatur

1 Einleitung

Vor allem in den 1980er Jahren hat sich innerhalb der Literatur zur praktischen Phi­losophie eine Wiederauffrischung aristotelischer Ideen bemerkbar gemacht. Im kriti­schen Diskurs mit liberalen und von der Aufklärung geprägten Theorien versuchen insbesondere angloamerikanische Autoren wie Alasdair MacIntyre oder Martha Nussbaum, die Ansätze des Stagiriten für gegenwärtige moralphilosophische und politische Debatten fruchtbar zu gestalten.[1] Dementsprechend wird auch von einer Renaissance der Tugendethik gesprochen.

Im diskursiven Rückblick auf diese antiken Gedankengänge werden aber ebenso gra­vierende Problemfelder erkennbar, die Aristoteles mit seinen Schriften hinterlassen hat. Sei es nun der Gegensatz von bios theoretikos und bios politikos, die fundamen­talen Ansätze zur Freundschaft und Gerechtigkeit oder die prinzipielle Schwierig­keit, zentrale Begrifflichkeiten der Griechen in unsere heutige Lebenswelt zu über­führen - es schälen sich bei der intensiven Lektüre viele bedeutende Fragen heraus, die trotz des Alters der ethischen Schriften nicht als gelöst gelten können.

Die vorliegende Arbeit versucht, sich einem weiteren zentralen Punkt der aristoteli­schen Ethik anzunähern, dem so genannten ergon-Argument. Die Untersuchung wird sich hierbei zunächst mit der begrifflichen Konzeption des ergons beschäftigen und parallel die Voraussetzungen des Arguments innerhalb des Gedankenganges der Ni- komachischen Ethik darlegen.[2] Darauf basierend werden die Konsequenzen und Schwierigkeiten des Arguments identifiziert und erläutert werden.[3]

2 Begriffliche und inhaltliche Grundlegung

2.1 Wo befindet sich das ergon-Argument?

Die zentralen Passagen zum ergon-Argument befinden sich in den Kapiteln 6 und 13 des ersten Buches der Nikomachischen Ethik. Dies mag auf den ersten Blick so wir- ken, als würde Aristoteles relativ konzeptlos seine Ideen darlegen. Aber das ist ge­wiss nicht der Fall. Vielmehr greift Aristoteles in seinen Überlegungen zum er­gon-Argument zunächst auf wichtige Erkenntnisse der ersten Kapitel zurück. So ist dessen Einführung an die Zweigleisigkeit der Einführung des besten Guts gekoppelt.[4] Einerseits wird von Aristoteles die teleologische Struktur seines Handlungsmodells vorgestellt.[5] Jedes Streben ist demgemäß nach einem Gut bzw. einem Ziel ausgerich­tet. Ein Handlungsziel kann eine Tätigkeit (z.B. das Spielen der Flöte) oder ein Pro­dukt (z.B. ein Haus) sein. Weiterhin hierarchisiert Aristoteles das teleologische Schema. Das bedeutet, dass er das Streben nach Gütern nicht in das Unendliche lau­fen lässt, sondern dem Handeln ein finites Ziel bietet. Den formalen Endpunkt des Strebens setzt er beim agathon. Dieses höchste Gut ist dadurch definiert, dass es aus­schließlich um seiner selbst willen angestrebt wird und somit nicht für das Erreichen eines höheren Gutes gebraucht wird.[6] Es gibt grundsätzlich unendlich viele aga- thons. So existiert das agathon eines Arztes oder dasjenige eines Tieres, jeweils für alle Instanzen einer Gattung.[7] Das spezifisch höchste Gut für den Menschen ist die eudaimonia, oftmals übersetzt als Glück oder Glückseligkeit.[8] Ebenso gilt hier, dass dieses letzte Ziel für die gesamte Gegenstandsklasse und nicht nur für einige Instan­zen gültig ist. Der einzelne Mensch kann auch Täuschung erleiden über dasjenige, was er als das letzte Ziel seiner Handlung ansieht.[9] Dieses Problem sieht Aristoteles vor allem bei den Ungebildeten, welche vorrangig die Lust anstreben.[10] Damit einher geht aber schon eine inhaltliche Füllung der eudaimonia. Prinzipiell wird von Ari­stoteles nicht in Frage gestellt, dass das Erreichen des Glückes - in welcher Art der Lebensgestaltung das auch immer geschehen mag - das höchste Ziel menschlicher Bestrebungen ist.[11] Aristoteles hat zunächst „nur“ ein allgemein-formales Schema skizziert, welches die Kriterien der Finalität und Autarkie als grundlegende Kennzei­chen einer handlungstheoretischen Auseinandersetzung mit ethischen Problemen festsetzt.

2.2 Was ist das „ergon“?

Im Rahmen einer inhaltlichen Auseinandersetzung ist es unabdingbar, die Kernbe­griffe der Diskussion exakt zu bestimmen. Dies ist auch oder eher gerade beim er­gon-Argument notwendig. Der Begriff des ergons tritt nicht nur in Buch I, Kapitel 6 und 13 der Nikomachischen Ethik auf.[12] Dort wird zwar das Argument entfaltet, aber Aristoteles greift in diesem Teil durchaus auf andere philosophische Schriften zu­rück. So zeigt sich bei der Konzeption des ergons-Begriffes eine enge Verwandt­schaft zum platonischen Verständnis, welches in der Politeia Sokrates seinem Ge­sprächspartner Thrasymachos erklärt: „Und würdest du nicht das als das Geschäft des Pferdes und so auch jedes andern Dinges aufstellen, was einer entweder nur mit jenem allein oder doch mit ihm am besten verrichtet kann?“[13] Diese Aussage wird von Platon weiter veranschaulicht durch den Vergleich mit einer Rebschere. Mit die­sem Werkzeug lassen sich im Vergleich zu anderen Arbeitsmitteln am besten Trau­benzweige abtrennen. Es ist möglich, mit einer Säge diese Tätigkeit ebenfalls zu ab­solvieren. Allerdings liegt darin nicht, wie die Platon-Übersetzung von Schleierma­cher erklärt, das „Geschäft“ der Säge. Es ist vielmehr bestimmt durch Trennen von Materialien aus Holz, nicht durch die Arbeit an Weinreben, da andere Werkzeuge diese Aufgabe besser bewältigen können. Der letzte Aspekt wird auch in der später diskutierten Bestimmung der eudaimonia von Relevanz sein. An dieser Stelle soll al­lerdings schon vor einer Gleichsetzung von platonischer und aristotelischer Definiti­on des ergons gewarnt werden. In der Politeia wird ergon absolut bestimmt d.h. wel­che Eigenschaft setzt das Ding von allen anderen Dingen ab. Für Aristoteles ist je­doch zentral, was das Ding von niederen irdischen Dingen absetzt. Von Belang wird diese Perspektive, wenn in der Nikomachischen Ethik das ergon des Menschen ge­sucht wird und hierbei die Unterscheidung zu anderen Lebewesen genutzt wird.[14] Die beiden Philosophien sind sich aber einig, dass das ergon einer Sache nicht eine Tätigkeit sein muss, sondern auch das Produkt einer Handlung sein kann.[15] So be­steht z.B. das ergon des Malers vorrangig in der Erstellung ästhetisch ansprechender Gemälde und nicht in der bloßen künstlerischen Tätigkeit.

Anhand dieser Ausführungen wird deutlich, dass eine Übersetzung von ergon mit „Funktion“ bzw. „function“ relativ nahe liegt und auch tatsächlich in der aristoteli- sehen Rezeption oft aufgegriffen wird.[16] Allerdings zeigt sich bei gründlicher Aus­einandersetzung, dass die Übersetzung nicht unproblematisch ist.[17] So impliziert der Begriff der Funktion, dass die betreffende Sache innerhalb eines Ganzen zweckhaft eingeflochten ist. Die Funktion des Tormanns beim Fußball besteht darin, dass seine Mannschaft so wenige Gegentore wie nur möglich kassiert. Jedoch könnte der für sich spielende Flötenspieler so kaum begrifflich gefasst werden. Der Mensch in sei­nem ergon würde damit auch für einen höheren Zweck bzw. für außermenschliche Ziele erschaffen sein. Damit wären erhebliche ethisch-politische sowie ontologische Konsequenzen verbunden, die aber wohl nicht der Intention Aristoteles’ entspre­chen.[18] Peter Stemmer verweist auch auf eine Passage in der Metaphysik, wo Aristo­teles implizit auf das ergon des Diebes eingeht.[19] Es erscheint in diesem Zusammen­hang seltsam, von einer Funktion des Gauners innerhalb eines Ganzen zu sprechen. Die Übersetzungen mit Leistung, Werk oder Gebrauch weisen ähnlich tief greifende Schwierigkeiten auf.[20]

Als brauchbare Alternative wird oft in die Debatte der Ausdruck „charakteristische Hervorbringung“ bzw. „characteristic activity“ eingebracht.[21] Mit dieser Bezeich­nung wird der platonischen Definition Rechnung getragen. Das ergon ist dort etwas, welches das Wesen der Sache ausmacht. Oder wie der amerikanische Philosoph Thomas Nagel die metaphysische Untersuchung schreibt: „The ergon of a thing, in general, is what it does that makes it what it is“.[22] So ist das Wesen der Rebschere - wie oben schon erläutert - das Schneiden von bestimmten Zweigen und nicht die Pflege von Fingernägeln. Sicherlich kommt dieser Aspekt auch im Begriff „Funkti­on“ zum Vorschein, allerdings werden die oben skizzierten Diskrepanzen durch die Übersetzung mit „charakteristische Hervorbringung“ weitestgehend vermieden. Ebenso muss aber konstatiert werden, dass die teleologische Struktur, die den ergon- Begriff prägt, durch die Übersetzung mit Funktion stärker betont wird. Friedo Ri­cken macht diese Position stark, indem er Ziel und Ursächlichkeit im ergon eng ver­knüpft sieht.[23] Besonders deutlich wird das am Beispiel des Handwerkers, der zur Bewältigung eines Auftrages, dem Ziel, ein geeignetes Werkzeug herstellt.[24]

[...]


[1] Aus der Fülle an Literatur sei exemplarisch auf MacIntyre (1981) und Nussbaum (1986) ver­wiesen.

[2] Auf eine Erläuterung des ergon-Arguments innerhalb der Eudemischen Ethik soll an dieser Stelle verzichet werden. Eine tiefgreifende Analyse dazu bietet Buddensiek (1999). Ein Ver­gleich der beiden aristotelischen Ethik-Schriften in Bezug auf das ergon-Argument wurde bei Müller (2003) durchgeführt.

[3] Die Arbeit wird sich vorwiegend auf die deutschsprachige Übersetzung von Ursula Wolf stüt­zen, welche im Jahr 2006 erschienen ist. Es werden nur philologische Schwierigkeiten, die auch inhaltliche Konsequenzen haben, im Text explizit erwähnt. Einen aufschlußreichen Einblick in die Qualität der deutschsprachigen Übersetzungen der Nikomachischen Ethik bietet Müller (2006a).

[4] vgl. Wolf (2002:38)

[5] vgl. EN 1094 a1-6

[6] vgl. EN 1094 a17-22

[7] vgl. Stemmer (2005:67) und EN 1097 a15-22

[8] vgl. EN 1096 a35

[9] vgl. Ricken (1976:22f.)

[10] vgl. EN 1113 a34

[11] vgl. Müller (2006b:67)

[12] Eine Auswahl von Stellen aus dem Corpus Aristotelicum, in denen der Begriff ergon vor­kommt, ist in Müller (2006b:74) zu finden.

[13] Rep. 352 e

[14] vgl. Müller (2003:523) & Kraut (1979:474)

[15] vgl. EN 1097 b26, auch in Bezug auf die Unterteilung in EN 1094 a4-5

[16] Auch in der hier bevorzugten Übersetzung von Ursula Wolf wird ergon damit übersetzt.

[17] Die Kritik hierzu wird prägnant bei Stemmer (2005:72f.) vorgestellt.

[18] vgl. Ricken (1976:28) & Suits (1974:29)

[19] vgl. Met. 1021 b16-20

[20] Auf die Übersetzung mit “Leistung” greifen die

[21] vgl. Kenny (1992:54)

[22] Nagel (1972:253)

[23] vgl. Ricken (1976:23f.)

[24] Interessant ist der Vorschlag von Wilkes (1980:343), die eine kontextabhängige Übersetzung von ergon vorschlägt: „[...] if it is the kind of thing that cannot readily be said to habe a func - tion, it is its characteristic activity.“

Details

Seiten
20
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640867097
ISBN (Buch)
9783640867202
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168706
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Philosophie
Note
1,7
Schlagworte
bedeutung konzeption nikomachischen ethik

Autor

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