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Medienethische Diskussion zu ,,Ich bin ein Star, holt mich hier raus‘‘

Das fragwürdige psychologische Konzept der Aufmerksamkeits-Recyclinganlage <<Dschungelcamp>>

Essay 2011 6 Seiten

Medien / Kommunikation - Medienethik

Leseprobe

1. Einleitung

Angesprochen auf die Gründe seiner Teilnahme bei der fünften Staffel der Reality-Show ,,Ich bin ein Star, holt mich hier raus‘‘ antwortete Rainer Langhans stets »Es handelt sich um eine verschärfte Kommune-Erfahrungsmöglichkeit.« Aus individualethischer Sicht muss man allerdings deutlich kritisieren, dass eine Figur wie Rainer Langhans in einem Trash-Format wie dem Dschungelcamp erscheint, das ja ex definitione das Präzedenzformat der kapitalistischen Kulturindustrie zu verkörpern scheint. Mit der Teilnahme der legendären Kommune I-Ikone pervertiert RTL die, in den 68er Jahren hervorgebrachte, Idee der Wohngemeinschaft und präsentiert Langhans als symbolische Trophäe die sich zugunsten der Unterhaltungs-Massenindustrie vor einem Millionen Publikum zum Affen macht. Dabei geht es mehr um ökonomische Expansion, um Quote und Zahlen als um die Grundidee des friedlichen Zusammenlebens , der kulturellen Zeichen und der Spiritualität. Ganz im Gegenteil, die Produzenten von RTL setzen alles daran eine Atmosphäre des Neids, Hasses und der Antipathie zu schaffen um den Zuschauer mit den Abgründen der menschlichen Existenz bei Laune zu halten. Der Zuschauer <<begafft>> dabei die menschliche Selbstentwürdigung ehemals hochkarätige Schauspieler wie Mathieu Carrière, der sich durch zahlreiche deutsche Autorenfilme wie Malina von Werner Schroeter oder Der Fangschuss von Margarethe von Trotta etabliert hatte, und nun medienwirksam lebende Würmern verzehrt oder sich unschöne Streitereien samt Verbalinjurien mit Peer Kusmargk liefert. Die Botschaft von RTL ist dabei eindeutig: ,,Wir haben den Ex-Kommunarden gekriegt und den Ex-Filmstar, wir kriegen jeden, der finanziell, beruflich, biografisch da angekommen ist, wo das Präfix Ex seine Lage beschreibt‘‘[1]. Das Dschungelcamp spielt mit ihren Kandidaten, allesamt gescheiterte Existenzen, entsorgte Ex-Stars und aufmerksamkeitsheischende Pseudopromis die den Begriff des B-Promis nicht wirklich verdienen. Doch was bringt einen Teilnehmerin wie Katy Karrenbauer dazu, sich für das Honorar von rund 50.000 Euro zwei Wochen lang dem fokussierten Interesse eines scheinbar anspruchslosen Millionenpublikums auszusetzen und verletzt das Dschungelcamp nicht die Menschenwürde ihrer prominenten Teilnehmer?[2]

2.Hauptteil

Im Hinblick auf den Vorwurf der Verletzung der Menschenwürde sprach der Psychiater Mario Gmür von einer „regrediert-infantilen Verfassung“ der Sendung, die das Sadistische nicht mehr sozial ächtet sondern dem Zuschauer per excellence die Möglichkeit biete „bei der Geburt und der Hinrichtung von Helden dabei [zu] sein“[3]. Das Publikum kann als Voyeur Angstlust empfinden und sadistische Bedürfnisse ausleben. Die Medien <<surfen>> auf den Gefühlen der Zuschauer und können Ekel, Grusel oder Angst hervorrufen, indem sie Obszönes, Makabres, Unheimliches und Gefährliches bieten. Der Psychiater, Psychotherapeut, Dozent an der Universität Zürich und Autor des Buchs "Der öffentliche Mensch", sprach im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bereits 2004 von einer, dem Milgram-Experiment ähnlichen Versuchsanordnung, die allerdings konstruiert-artifiziell wirkt und Authentizität nur vortäuscht. In jenem Experiment konnten Versuchspersonen Elektroschocks verabreichen und nahmen dabei fast unisono die Schmerzen des Opfers in Kauf, wenn nur jemand den Befehl zum Quälen gegeben hatte. Übertragen auf das Dschungelcamp übt sich der anrufende Zuschauer als diejenige Versuchsperson, die per telefonischer Abstimmung den bestimmt wer sich bis zum Ende im Camp inszenieren muss. Die Tatsache, dass sich die Teilnehmer in der Medienwelt auskennen, rechtfertigt die Instrumentalisierung dieser Menschen für ein dramaturgisches Konzept in der Öffentlichkeit nicht. Das Dschungelcamp spielt geradezu mit dem desaströsen Status der ehemaligen Prominenten, indem ihnen zunächst die Möglichkeit gegeben wird aus ihrer Mittelmäßigkeit hervorzutreten und temporär eine künstliche Prominenz ohne Exzellenz, Substanz oder Relevanz zu erfahren. Danach folgt mit dem Ende der Show wieder der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit. Die Beziehung zwischen Öffentlichkeit, Medienmachern und Stars ist dabei von narzisstischer Art: die fungieren als Projektionsfläche und werden im gruppendynamischen Dschungelspiel je nach Typus als hinterhältige Lästerzicke, berechnendes Pseudopärchen, spiritueller Guru oder charmanter Publikumsliebling dargestellt. ,,Sie werden zu Empfängern von Attributen und Anschauungen mittels parasozialer Interaktion: Man kann auf sie losschlagen, ohne daß ein Feedback kommt.‘‘[4]. Die Opfer sind dabei die Kandidaten die stigmatisiert, auf eine Eigenschaft reduziert werden und durch jene aggressive und bloßstellende Publizistik Schaden erleiden. Man kann dabei verschiedene Kategorien von Medienopfern unterscheiden. Da wären zum Beispiel die Outing-Opfer, deren sexuelle oder finanzielle Geheimnisse durch Indiskretion an die Öffentlichkeit gelangen. Aktuelle Beispiele aus dem Dschungelcamp hierfür wären Jah Khan, dessen vermeintliche Homosexualität umfassend in den Medien diskutiert wurde oder Katy Karrenbauer, über deren prekäre Finanzsituation dem interessierten Zuschauer umfassende Zahlen vorliegen. Tribunalisierungsopfer, wie Sarah Knappik werden durch ihr antikonformes Verhalten an den öffentlichen Pranger gestellt und als soziale inkompatibel gebrandmarkt, während Instrumentalisierungsopfer, wie Dschungelkönig Peer Kusmargk, in ihrem naiv-mitmenschlichen Verhalten für das Konzept missbraucht und dann fallen gelassen werden. Durch konsequente Abschottung und gezielte Nicht-Information wird dem Dschungel Teilnehmer vollkommen die Kontrolle über das, in der Öffentlichkeit über ihn existierende, Fremdbild entzogen. Dabei wird Verhältnis des Einzelnen zur Öffentlichkeit asymmetrisch. Die Medien bestimmen über Ausmaß, Zeitpunkt, Wertung der Inhalte und das was gesendet wird, ist irreversibel und omnipräsent. Die Tendenz zur Selbstironisierung, die durch die selbstkritischen Kommentare der Moderatoren Sonja Zietlow und Dirk Bach verkörpert wird, ist als zynischer Machtbeweis zu sehen und dient letztendlich nur der Stabilisierung des Systems.,, So zeigten sie, dass sie omnipotent sind und es sich sogar leisten können, selbstkritisch zu sein‘‘[5] Dabei haben die Medien doch eine gewisse Verantwortung, unerwünschte Nebenwirkungen wie ein emotionales Dilemma zu vermeiden und elementar menschliche Schwächen nicht ausnutzen. Die Dschungelcamp-Teilnehmer haben nämlich eines gemeinsam: Sie haben ein biographisches Defizit an Zuwendung und wollen das in den Medien kompensieren. Genau hier müsste ein ethisch vorbildliches Medienunternehmen einschreiten und die Kandidaten vor sich selbst und ihrem Geltungsdrang schützen.[6]

[...]


[1] März, Ursula (2011):Spaß muss sein- ,,Dschungelcamp‘‘.20.1.2011.http://www.zeit.de/2011/04/Dschungelcamp?page=1. Zugriff am 30.01.2011

[2] Vgl. Ebd.

[3] Kaiser, Alfons(2004): „Bei der Geburt und bei der Hinrichtung von Helden dabeisein“. 14.01.2004.http://www.faz.net/s/RubCD175863466D41BB9A6A93D460B81174/Doc~E92394113F52549CDB09A5E755CD05635~ATpl~Ecommon~Scontent.html. Zugriff am 28.01.2011

[4] Ebd.

[5] Kaiser, Alfons(2004): „Bei der Geburt und bei der Hinrichtung von Helden dabeisein“. 14.01.2004.http://www.faz.net/s/RubCD175863466D41BB9A6A93D460B81174/Doc~E92394113F52549CDB09A5E755CD05635~ATpl~Ecommon~Scontent.html. Zugriff am 28.01.2011

[6] Vgl. Gustedt, Volker et al. (2004): ,,Folter für die Quote‘‘.19.01.2004.http://www.focus.de/kultur/medien/fernsehen-folter-fuer-die-quote_aid_200752.html. Zugriff am 31.01.2011

Details

Seiten
6
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640867295
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168699
Institution / Hochschule
Universität Passau
Note
1,70
Schlagworte
dschungelcamp medienethik menschenwürde voyeurismus aufmerksamkeitsdefizit

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