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Chinesische Arbeitskräfte im Ersten Weltkrieg

Hausarbeit 2009 24 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Abbildungsverzeichnis

1. Einführung

2. Die Anwerbung der chinesischen Arbeiter
2.1. Voraussetzungen und Hintergründe
2.2. Die französische Anwerbungskampagne
2.3. Die Rekrutierung der „British Chinese Labour Corps“
2.4. Französische und britische Verträge im Vergleich

3. Der Arbeitsalltag in Frankreich
3.1. Der Weg nach Frankreich
3.2. Der Alltag der „Chinese Labour Corps“
3.3. Die Situation der von Frankreich kontraktierten Arbeiter
3.4. Kriegsende und Rücktransport

4. Fazit

Anhang: Britischer Arbeitsvertrag

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis:

Abb. 1: Chinesische Arbeiter an der Westfron

Aus: [-]: Little Journeys to the Great War, in: The War Illustrated, 27. Juli 1918. URL:http://www.ggreatwardifferent.com/Great_War/ Chinese_ Laborers/Chinese_Laborers_01.htm. S. 2. 04.09.2009.

Abb. 2: Liang Shiyi (1869-1933)

Aus: Guoqui Xu: China and the Great War. China’s pursuit of a new national identity and internationalization. Cambridge 2005. S. 201.

Abb. 3: Notiz in der New York Times vom 16.11.1916

URL: http://spiderbites.nytimes.com/free_1916/articles_ 1916_11_00001.html. 04.09.2009

Abb. 4: Augenuntersuchung in Weihai Wie 1

Aus: Lisa Smedman: 'Coolie' express, in: Vancouver Courier vom 26.06.2009. URL:http://www.2canada.com/vancouvercourier/news/ story.html?id=f89092c4-9bc1-4e18-8d13-3d7bb05e3adc. 12.08.2009.

Abb. 5:Chinesische Arbeiter im Zug durch Kanada

Aus: Lisa Smedman: 'Coolie' express, in: Vancouver Courier vom 26.06.2009.

Abb. 6: Chinesische Kontraktarbeiter in Frankreich

Aus: Commonwealth Wargraves Commission: The Chinese Labour Corps at the Western Front, o.O.J.

URL:http://www.cwgc.org/admin/files/cwgc-clc.pdf. 23.12.2008.

1. Einführung

Der Erste Weltkrieg war ein Konflikt riesigen Ausmaßes, der zwar in Europa begann, aber schon zu Beginn weit über die kontinentalen Grenzen hinausreichte. Während der Krieg andauerte, wuchs bei den europäischen Mächten der Bedarf an Soldaten und Arbeitskräften. Die einheimische Bevölkerung war, soweit männlich und wehrfähig, nahezu komplett eingezogen. Besonders die Bereiche Rüstungsindustrie, Landwirtschaft und Bergbau waren daher dringend auf ausländische Arbeiter angewiesen. So kamen fast 700.000 ausländische Arbeitskräfte allein nach Frankreich[1]. Der überwiegende Teil stammte aus Europa sowie den afrikanischen und südostasiatischen Kolonien. Es waren aber auch mindestens 140.000 chinesische Arbeiter unter ihnen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Chinesische Arbeiter an der Westfront

Diese Arbeit geht unter Berücksichtigung der chinesischen Interessenslage zu Beginn des Ersten Weltkriegs der Frage nach, wie es zum Einsatz dieser chinesischen Arbeiter kam und unter welchen Bedingungen sie in Frankreich lebten und arbeiteten.

2. Die Anwerbung der chinesischen Arbeiter

2.1 Voraussetzungen und Hintergründe

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, befand sich China in einer Phase epochaler politischer, kultureller und sozialer Umwälzungen. Der innere Zerfall der Qing-Dynastie hatte bereits Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen, begünstigt durch die erzwungene Etablierung und zunehmende Ausbreitung, ausländischer Interessen nach den beiden Opiumkriegen[2]. Die Verelendung des Volkes und seine Unzufriedenheit steigerten sich immer mehr und fanden schließlich ihren Höhepunkt im fremdenfeindlichen Boxeraufstand, der im Jahre 1900 Peking erreichte[3]. Dort belagerte die Geheimgesellschaft der „Boxer“ mit Unterstützung des kaiserlichen Hofes acht Wochen lang das Gesandtschaftsviertel. Erst das Einschreiten einer internationalen Armee beendete den Aufstand und führte zum sogenannten „Boxerprotokoll“, das hauptsächlich Strafbestimmungen für China beinhaltete, wie die zwangsweise dauerhafte Stationierung ausländischer Truppen in Peking und die Zahlung immenser Schadensersatzleistungen[4].

Die traditionelle Monarchie war schließlich nach mehr als zweitausend Jahren zur Abdankung gezwungen und 1912 durch die erste Republik Asiens ersetzt worden. Nun musste China sich aus seiner bisherigen politischen und ideologischen Isolation befreien, um als unabhängige und eigenständige Nation zu überleben. Das schien nur durch den Anschluss an das westlich-orientierte internationale System möglich, verbunden mit der Übernahme westlicher Ideen und Wertvorstellungen. Der Konfuzianismus als herrschende Ideologie des Kaiserreiches wurde aufgegeben. Ein prägnantes Beispiel für die Bereitschaft, mit der sino-zentrischen Vergangenheit zu brechen und ein neues, offenes China zu etablieren, war die Abschaffung des traditionellen chinesischen Mondkalenders, der im Jahre 1912 durch den westlichen Sonnenkalender ersetzt wurde[5].

Doch obwohl die neu gegründete Republik international anerkannt worden war, befand sich China bei Ausbruch des Krieges noch immer in einem Zustand halbkolonialer Abhängigkeit von den westlichen Mächten. Die Regierung in Peking war zudem schwach und die innenpolitische Lage chaotisch[6].

Diese Situation, so die konventionelle historische Sichtweise[7], nutzten die alliierten Mächte zur Ausbeutung Chinas neutraler Ressourcen an Arbeitskräften, indem sie auf das bereits im kolonialen Kontext erprobte System der Kontraktarbeit zurückgriffen. Nach der Abschaffung des Sklavenhandels waren bereits ab 1839 auf den Plantagen Mittel- und Südamerikas Chinesen mit zeitlich begrenzten Arbeitsverträgen eingesetzt worden, um die freigelassenen Sklaven zu ersetzen. Die Arbeiter hatten während der Dauer der Verträge ihre Freiheit praktisch aufgegeben und wurden wie Waren gehandelt[8]. Der „Coolie Trade“ glich stark dem afrikanischen Sklavenhandel, besonders hinsichtlich der skandalösen Rekrutierungsmethoden, die in Entführungen und Verschleppungen am hellen Tage bestanden[9], und der unmenschlichen Transportbedingungen. 1874 wurde der Handel mit chinesischen Kontraktarbeitern verboten. Doch auch danach wurden noch chinesische Arbeiter z. B. für die Goldminen Südafrikas kontraktiert[10]. In Anlehnung an dieses System sollen Anfang 1916 zunächst die französische und im Mai desselben Jahres auch die britische Regierung an China herangetreten sein, um entsprechende Abkommen zur Anwerbung von Kontraktarbeitern zu schließen[11].

Die Idee, die Alliierten mit Arbeitskräften zu unterstützen, wurde jedoch schon 1915 von chinesischer Seite aufgebracht. Urheber war Liang Shiyi, der 1913 - 1915 Finanzminister Chinas war. Er gehörte schon 1914 mit anderen hochrangigen Regierungsmitgliedern und der intellektuellen Elite des Landes zu den Befürwortern eines Kriegsbeitritts Chinas und der Entsendung chinesischer Truppen nach Europa zur Unterstützung der Alliierten[12]. Sowohl Deutschland als auch Großbritannien besaßen ausgedehnte Konzessionen in China. Daher war es mehr als wahrscheinlich, dass China über kurz oder lang in diesen Krieg mit einbezogen werden würde. Sehr frühzeitig wurde daher in der chinesischen Öffentlichkeit die Möglichkeit eines Kriegsbeitritts diskutiert[13].

Die Übernahme einer aktiven Rolle in diesem Konflikt schien für China eine große Chance darzustellen, sich endgültig mit dem westlichen System zu verbinden und so nicht nur seine isolierte Stellung zu verlieren, sondern sich auch aus den noch bestehenden Abhängigkeiten zu befreien. Die Erreichung dieser Ziele schien durch einen Platz am Verhandlungstisch der Nachkriegs-Friedenskonferenz in greifbare Nähe gerückt. Dabei kam nur die Seite der Alliierten in Betracht, da man Deutschland nicht zutraute, den Krieg gewinnen zu können. Von dem Anschluss an die potentiellen Sieger versprach sich China ganz konkrete Vorteile. Zu den Punkten, die verhandelt werden sollten, gehörten die Revision der ungleichen Verträge, zu deren Abschluss China nach den Opiumkriegen gezwungen worden war, die Rückgabe der deutschen Konzessionen in Quindao und Shandong sowie die Aussetzung der aus dem „Boxerprotokoll“ resultierenden Reparationszahlungen[14].

Außerdem bot die Bereitstellung von Truppen für die europäische Front für zahlreiche Chinesen die Möglichkeit, westliche Lebens- und Weltanschauungen persönlich zu erfahren und sich nach ihrer Rückkehr an der Umgestaltung der chinesischen Gesellschaft zu einem modernen Nationalstaat aktiv beteiligen zu können[15].

Ein entsprechendes Angebot der chinesischen Regierung zum Kriegseintritt wurde von den Alliierten allerdings 1914 ausgeschlagen, hauptsächlich wegen des starken japanischen Widerstandes.

Dann stellte Japan Anfang 1915 die sogenannten „21 Forderungen“, ein Ultimatum, das China faktisch in ein japanisches Protektorat verwandelte. Darin wurde nicht nur die Übertragung der deutschen Rechte in Shandong auf Japan gefordert, sondern u.a. auch die Einstellung japanischer Berater in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Finanzen sowie die Verpflichtung Chinas statuiert, seine Polizei und seine Rüstungsindustrie nur noch in Zusammenarbeit mit Japan zu betreiben[16]. Die Regierung sah wegen der militärischen Unterlegenheit gegenüber Japan keine andere Möglichkeit als nach zähen Verhandlungen einen Großteil dieser Forderungen zu akzeptieren und mit Japan ein entsprechendes Abkommen zu schließen. Das Bekanntwerden der Forderungen sowie des geschlossenen Abkommens führte zu erheblichen Unruhen in der Öffentlichkeit mit antijapanischen Demonstrationen, Streiks und Boykotten[17].

China versuchte unter diesem enormen innenpolitischen Druck erneut, auf Seiten der Alliierten dem Krieg beizutreten. Denn nun gehörte auch die Rücknahme der „21 Forderungen“ zu den Punkten, die China am internationalen Verhandlungstisch durchsetzten wollte und musste. Doch wieder kam keine Allianz zustande, da Japan alles daransetzte den chinesischen Kriegseintritt solange zu verhindern, bis seine eigenen Ansprüche in Ostasien gesichert wären[18].

In dieser Situation entwickelte Liang Shiyi eine Strategie, die er „Arbeiter anstelle von Soldaten[19] nannte. Wenn sich China schon nicht militärisch auf die Seite der Alliierten schlagen konnte, stellte die Entsendung von Arbeitern eine Möglichkeit dar, auf der einen Seite Chinas Ernsthaftigkeit und Fähigkeit zu demonstrieren, den Alliierten zu helfen und andererseits seine eigenen Ziele, sich mit dem alliierten System zu verbinden und vor allem einen Platz in der Nachkriegs-Friedenskonferenz zu erlangen, voranzutreiben[20].

Als Liang Shiyi seine Idee erstmals 1915 der britischen Gesandtschaft in Peking vorstellte, ging es dabei ausdrücklich um militärische und teilweise bewaffnete Hilfskräfte, die unter britischen Offizieren dienen sollten. Die Briten lehnten das Angebot jedoch ab[21].

[...]


[1] Jochen Oltmer: Krieg, Migration und Zwangsarbeit im 20. Jahrhundert, in: Seidel, Hans-Christoph / Tenfelde, Klaus (Hg.): Zwangsarbeit im Europa des 20. Jahrhunderts. Bewältigung und vergleichende Aspekte. Essen 2007, S. 144.

[2] Zu den historischen und gesellschaftlichen Ereignissen, die zum Fall der Qing-Dynastie führten, siehe Jonathan D. Spence: The Search for Modern China. New York, London 1990. S. 137–268.

[3] Zum Boxeraufstand siehe Joseph W. Esherick: The origins of the Boxer uprising. Berkeley 1987 sowie Peter Fleming: Die Belagerung zu Peking. Zur Geschichte des Boxer-Aufstandes. Frankfurt am Main1997.

[4] Guoqi Xu: The Great War and China’s Military Expedition Plan, in: The Journal of Military History. Vol. 72. 2008, S.108.

[5] Xu: The Great War and China’s Military Expedition Plan, S. 108-109.

[6] Ebd., S.109-111.

[7] Arthur Philip Jones: Britain’s Search for Chinese Cooperation in the First World War. New York, London 1986, S. 109.

[8] Pieter C. Emmer: Migration und Expansion vom Zeitalter der Entdeckungen bis zum europäischen Massenexodus, in: Bade, Klaus J. (Hg.): Migration in der europäische Geschichte seit dem späten Mittelalter. Vorträge auf dem Deutschen Historikertag in Halle a. d. Saale, 11. September 2002. IMIS-Beiträge 20, Osnabrück 2002, S. 99 f.

[9] Der Grund waren hohe Kopfprämien, die die europäischen Aufkäufer den chinesischen Agenten zahlten. S. Arnold J. Meagher: The Coolie Trade. The Traffic in Chinese Laborers to Latin America 1847-1874. O.O. 2008, S. 71 ff.

[10] Emmer: Migration und Expansion vom Zeitalter der Entdeckungen bis zum europäischen Massenexodus, S.103; Brian C. Fawcett: The Chinese Labour Corps in France 1917-1921, in: Journal of the Hong Kong Branch of the Royal Asiatic Society. Vol. 40. 2000, S. 34.

[11] Jones: Britain’s Search for Chinese Cooperation in the First World War, S. 109; Nora Wang: Chinesische Kontraktarbeiter in Frankreich im Ersten Weltkrieg, in: Bade, Klaus J. et al. (Hg.): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Osnabrück 2007, S. 440.

[12] Xu: The Great War and China’s Military Expedition Plan, S. 113-114.

[13] Guoqi Xu: China and the Great War. China’s pursuit of a new national identity and internationalization. Cambridge 2005, S. 96 f.

[14] Xu: The Great War and China’s Military Expedition Plan, S. 114 f.

[15] Xu: China and the Great War, S. 96 f.

[16] S. dazu im einzelnen Dieter Kuhn: Die Republik China von 1912 bis 1937. Entwurf für eine politische Ereignisgeschichte. 3. Auflage. Heidelberg 2007, S. 146- 148.

[17] Ebd., S. 148.

[18] Ebd.

[19] Xu: China and the Great War. S. 114 f.

[20] Ebd., S. 90-91, S.114.

[21] Ebd., S. 116.

Details

Seiten
24
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640865765
ISBN (Buch)
9783640866328
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168689
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,7
Schlagworte
Erster Weltkrieg China Coolie Trade Liang Shiyi British Chinese Labour Corps chinesischen Arbeitskräfte

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Titel: Chinesische Arbeitskräfte im Ersten Weltkrieg