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Krieg greifbar machen

Definitionskonzepte und Forschungsansätze zum empirischen Ereignis Krieg

Seminararbeit 2009 35 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Kriegsforschung – die Jagd nach dem Chamäleon

2. Definitionskonzepte zum empirischen Ereignis Krieg
2.1 Definitionen im Mittelalter und in der Neuzeit
2.2 Vom Volkskrieg zum totalen Krieg des 20. Jahrhunderts
2.3 Moderne Kriegsdefinitionen – Erweiterung um drei Trends
2.3.1 Krieg als Ereignis auf systemischer und subsystemischer Ebene
2.3.2 Räumliche, zeitliche und qualitative Entgrenzung
2.3.3 Die operationalisierte Definition – Krieg als Form des Konflikts
2.4 Problematiken der Kriegsdefinitionen – Abgrenzung und verzerrte Wahrnehmung
2.4.1 Eine Frage der Abgrenzung: Krieg, Frieden, Gewalt
2.4.2 Die verzerrte Wahrnehmung – Krieg als umstrittener Begriff
2.5. Zusammenfassung: Krieg als organisierte Gewaltanwendung

3. Die Wahl der Methoden – Qualitatives oder Quantitatives Forschungsdesign
3.1 Qualitative Analysen
3.1.1 Die Einzelfallanalyse
3.1.2 Der fokussierte Fallvergleich
3.1.2.1 Das Most-Similar-System-Design (MSSD)
3.1.2.2 Das Most-Different-System-Design (MDSD)
3.2 Quantitative Fallanalysen – Das Längsschnittdesign
3.2.1 Quantitatives Zeitreihendesign
3.2.1.1 Das Quasi-experimentelle Design der unterbrochenen Zeitreihe
3.2.1.2 Ein Blick in die Zukunft mit Hilfe der Bayesschen Formel
3.2.2 Der Aggregierte Fallvergleich – Das Querschnittdesign
3.2.2.1 Der Correlates of War Datensatz, KOSIMO und das Uppsala Conflict Data Program
3.2.2.2 Konfliktbarometer und Indizes
3.3 Zusammenfassung: Die Frage nach der Wahl der Mittel

4. Die Methoden einer Existenzerhaltungswissenschaft

5. Bibliographie

6. Anhang

1. Kriegsforschung – die Jad nach dem Chamäleon

Der preußische General Carl von Clausewitz bezeichnete den Krieg in seinem Werk „Vom Kriege“ als ein „wahres Chamäleon, weil er in jedem konkreten Falle seine Natur etwas ändert“.1 Das berühmte Zitat spielt auf die hohe Bandbreite kriegerischer Konflikte an, die sich zwar immer ähneln, jedoch niemals gleichen. Obwohl Clausewitz eine stark auf die Nationen fokussierte und somit relativ überschaubare Kriegskonzeption verfolgte, musste er sich die schwere Erfassbarkeit des empirischen Phänomens eingestehen. In der Welt des 21. Jahrhunderts wirft das Bild des Chamäleons noch weitaus gravierender die Frage auf, was sich noch unter den Begriff Krieg subsumieren lässt und was nicht. Mit anderen Worten: Wann kann man von Krieg sprechen, wann von Kriminalität? Für die Datenerhebung und die Auswertung sind diese Fragestellungen von zentraler Bedeutung. Zumal das empirische Phänomen Krieg einem steten Wandel unterzogen ist. Neue Aspekte wie der Postnationalismus, die Zunahme an innerstaatlichen Konflikten oder der transnationale Terrorismus fordern ein Überdenken der staatszentrierten Kriegsdefinitionen.

Doch auch die Methoden im Bereich der Kriegs- und Friedensforschung haben sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Zahlreiche quantitative Erhebungen, gespeichert in Datenbanken, ermöglichen einen großflächigen Vergleich von Einzelfällen. Die verwendeten Datensätze sind in den letzten Jahrzehnten unter der Prämisse der digitalen Revolution immer besser ausdifferenziert worden. Die Kriegsursachenforschung hat ebenfalls große Fortschritte gemacht muss sich aber in Hinblick auf die hohe Veränderungsdynamik der Fallbeispiele stets neuen Herausforderungen stellen. Dies gilt vor allem bei der Generierung und Überprüfung von Hypothesen und Forschungsansätzen. Krieg als soziale Interaktion bleibt nach wie vor von zentralem Interesse, ist das Phänomen doch so alt wie die Menschheitsgeschichte selbst. Neben einer andauernden Aktualität ist es vor allem der hohe gesellschaftliche Mehrwert, der politikwissenschaftliche Forschung auf diesem Gebiet unabdingbar macht. Die folgende Arbeit fokussiert den wissenschaftlichen Umgang mit dem Phänomen Krieg und gibt einen Überblick über Definitionskonzepte und Herangehensweisen. Vorgestellt werden sollen im Bereich der qualitativen Forschung die Einzelfallanalyse und der fokussierte Fallvergleich. Im Bereich der quantitativen Methoden ist der Schwerpunkt auf Zeitreihendesign und Querschnittanalysen gesetzt. Die vorgenommene Auswahl hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, soll aber einen Überblick über die wichtigsten Instrumente ermöglichen.

2. Definitionskonzepte zum empirischen Ereignis Krieg

Was ist Krieg und welche Ereignisse lassen sich unter dem Begriff subsumieren? Die Antwort auf diese Frage ist schwierig und hat sich im Laufe der Jahrhunderte stets gewandelt. Eine saubere Definition des zu untersuchenden Ereignisses ist aber unabdingbar. So weisen Bonacker und Imbush darauf hin, dass eine Vielzahl von Widersprüchen im Bereich der Kriegsforschung vor allem aus den „unterschiedlichen Kriegsbegriffen, die den verschiedenen Forschungsansätzen zugrunde liegen“ resultieren. 2 Definitionen sind zwar lediglich Übereinstimmungen zur Verwendung bestimmter Begriffe in festgesetzten Kontexten. Trotzdem stellt sich allgemein die Frage ob das Definiendum, in diesem Fall Krieg durch das Definiens hinreichend erfasst wird. Es lässt sich also nicht über wahr oder falsch einer Definition urteilen wohl aber darüber streiten, ob diese zweckmäßig ist.3 Besonders wichtig ist eine gute Beschreibung des empirischen Ereignis auch, weil der Begriff Krieg im Rahmen der quantitativen Analyse als Kategorie fungiert, was weitere Anforderungen an die Definition stellt.4

Die Zweckmäßigkeit ist eng mit den historischen Gegebenheiten verknüpft und so ergeben sich eine Reihe von Kriegsdefinitionen aus einem bestimmten geschichtlichen Kontext heraus. Im folgenenden soll die Entwicklung des Kriegsbegriffs vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert skizziert werden. Darauf aufbauend werden moderne Definitionen vorgestellt und problematisiert.

2.1 Definitionen im Mittelalter und in der Neuzeit

Die Zeit vor 1648 wird oft mit dem Fehlen des staatlichen Gewaltmonopols charakterisiert. Die Konflikte sind jedoch keineswegs nur privat, vielmehr bietet das Mittelalter eine Summe von verschiedenen Kriegstypen, die unter anderem in der Moderne wieder verstärkt auftreten.5 Die Verknüpfung von Krieg und Staat ist noch sehr schwach ausgeprägt. Das Mittelalter folgt einem universalistischen Ordnungskonzept und ist intensiv von Glauben und der Frage nach Gerechtigkeit geprägt. Zwar ist der Organisationsgrad der beteiligten Kampftruppen gering, trotzdem lassen sich erste Definitionsansätze formulieren. Hans- Henning Kortüm spricht im Rahmen einer anthropologischen Herangehensweise von vier Charakteristika: „Krieg soll hier als ein Konflikt verstanden werden, bei dem erstens die Konfliktaustragung in organisierten Kampftruppen stattfindet, zweitens das Töten nicht den gesellschaftlichen Sanktionen unterliegt, (…) drittens die Krieger grundsätzlich zum Sterben und Töten bereit sind, viertens die genannten Charakteristika bei beiden gegnerischen Parteien vorhanden (…) sind.“6

Dieser mittelalterliche, anthropologische Definitionsansatz wird in der Neuzeit vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedeutung der nationalen Konstellation ersetzt.7 Getreu dem Motto „[j]ede Gesellschaft verfügt über ihre eigene, für sie charakteristische Form des Krieges“8 rückt die Aufklärung den Staat mit seinem Gewaltmonopol in den Mittelpunkt. Das Naturrecht des Einzelnen und das Existenzrecht der Völker und Staaten sind die neuen Determinanten für Kriegsdefinitionen. So ist Krieg gemäß dem Universal Lexicon von 1737 ein „Zustand, da zwey einander nicht unterworffene Theile derer Völcker wegen Unterlassung derer gegenseitigen Pflichten einander etwas widriges zufügen“.9 Krieg ist demnach eine Art „Kriseninstrument“10, das bei der Verletzung von Pflichten und Rechten eingesetzt werden kann. Die Betonung des Staates und des Völkerrechts bilden die Basis für die Kriegsdefinition aus dem 19. Und 20 Jahrhundert, die in dem folgenden Kapitel erläutert werden sollen.

2.2 Vom Volkskrieg zum totalen Krieg

Das Konzept des Volkskrieges entsteht im Spannungsfeld zwischen den schwächelnden Fürsten und Monarchen auf der einen und dem erstarkten politischen Selbstbewusstsein des politischen Bürgertums auf der anderen Seite. Die Entscheidung über Krieg und Frieden obliegt so vermehrt republikanischen Staaten. Die Nation ist demnach weiterhin eine Konstante in der Definition des empirischen Ereignis Krieg. Sie wird lediglich durch das Konzept der Volksouveränität erweitert. Kriegerische Konflikte sind nicht mehr nur das Anliegen einzelner Fürsten, vielmehr sind es ganze Völker, die sich gegenüberstehen. Neu ist auch der Aspekt des Ausnahmezustandes, der sich „wie ein roter Faden durch das bürgerliche Zeitalter [zieht]“ 11 . Krieg ist nur die Ausnahme eines friedlichen Normalzustandes. Die zunehmende Kodifizierung des Krieges wie zum Beispiel durch die Genfer Konvention 1864 oder die Sankt Petersburger Deklaration 1868 zeigt, wie sehr man Krieg trotz des technologischen Fortschrittes „als rationale[s] Mittel der Politik“12 verstand. Die Volkskriege standen so ganz im Zeichen der Trias von Clausewitz: „Politischer Zweck, strategisches Ziel und militärische Form.“13

Die historischen Ereignisse, allen voran die zwei Weltkriege verändern die Kriegsdefinitionen weitestgehend. Es geht nicht mehr um ein Instrument für politische Ziele. Die Front ist überall, Krieg wird zum Existenzkampf jedes Einzelnen. Die Nation ist immer noch das tragende Element. Denn nur durch den Staat kann die „gigantische (…) Mobilisierung nationaler Energien sowohl auf dem Schlachtfeld als auch zur Unterstützung der Kämpfenden durch die Herstellung von Waffen und Versorgungsgütern“ 14 in der Heimat mobilisiert werden. Die Qualität des Konfliktes hat sich verschärft. Alle verfügbaren Kräfte werden im Krieg eingesetzt, Kriegsrecht ist das Recht des Siegers. Der Begriff des totalen Krieges, zu dem auch die potentielle Anwendung von Kernwaffen gehört, ist deshalb sehr interessant, weil er die räumliche und zeitliche Entgrenzung beinhaltet. Somit wird bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus historischer Notwendigkeit ein Aspekt aufgegriffen der sich stark in den neuen Kriegen wiederfindet. Der starre Fokus auf die Nation und die absolute Unterordnung im Kriegsfall erweisen sich allerdings spätestens ab 1990 als unbrauchbar.

2.3 Moderne Kriegsdefinitionen

Das Gefüge der internationalen Staatenwelt hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Von der Dekolonialisierung in den 60er Jahren bis zum internationalen Terrorismus nach dem 11. September 2001 und den Kriegen in Afghanistan und Irak – die Entwicklungen und Dynamiken sind tiefgreifend und fordern ein „Überdenken“ des Konzeptes Krieg.15 Im Rahmen der sehr breiten wissenschaftlichen Debatte über „neue“ und „alte“ Kriege lassen sich drei große Trends in der Veränderung der Kriegsdefinitionen erkennen.16 Erstens die Abkehr vom reinen Staatenkrieg und damit einhergehend die Aufgabe des an die Nation gebundenen Kriegskonzepts. Zweitens die Einbeziehung der zunehmenden Entgrenzung kriegerischer Konflikte und drittens der Bedarf nach Operationalisierung zum Zweck der einheitlichen quantitativen Datenerhebung und Auswertung.

2.3.1 Krieg als Ereignis auf systemischer und subsystemischer Ebene

Clausewitz ging in seiner Kriegsdefinition von sich bekämpfenden Staaten aus. Die politische Wirklichkeit der letzten Jahrzehnte hingegen hinterfragt die Zweckmäßigkeit einer derart auf die Nation fixierten Definition. So stehen gemäß dem Conflict Barometer der Universität Heidelberg im Jahr 2008 acht innerstaatliche Kriege nur einem zwischenstaatlichen Krieg gegenüber.17 Vor allem die Vielzahl an Bürgerkriegen sowie kleinen und transnationalen Konflikten erfordert eine breitere Definition. Hierzu bedarf es zunächst einer Aufnahme der neuen unterhalb der staatlichen Ebene agierenden Akteure. Bonacker und Imbusch definieren so Krieg als: „organisierte kollektive Gewalt, an der mindestens ein staatlicher Akteur beteiligt sein muss“.18

Drei Veränderungen lassen sich aus dieser in der Forschung relativ unumstritten Definition schlussfolgern. Zunächst wird die Möglichkeit, dass Teile der Akteure nichtstaatlicher Natur sind einbezogen. Eine analytisch saubere Erfassung von kleinen Kriegen, also Sezessionskriegen, revolutionäre Kriegen, Partisanenkriegen und Guerilla Kriegen wird so ermöglicht. Eng damit verbunden ist zweitens die Abwendung vom Symmetriekonzept. Kleine Kriege sind asymmetrisch. Die aus den 60er Jahren von Quincy Wright stammende sehr breite Definition von Krieg als „violent contact of distinct but similar entities“19 wird in der Moderne obsolet. In Bürgerkriegen, und Terrorkonstellationen werden Konflikte nie auf der selben Ebene und schon gar nicht von ähnlichen Einheiten ausgetragen. Die dritte Neuerung zeigt sich in der Entfernung jeglicher Ziel- und Mittelkonzepte. Krieg muss weder rational geführt werden noch einem politischen Ziel folgen. Der Einfluss von Kernwaffen, aber auch die Eigendynamik von Gewalt sind somit ins Konzept einbezogen.20 Die oben aufgeführte Definition verbreitert also die Menge von empirischen Ereignissen die sich unter dem Begriff Krieg subsumieren lassen. Dass dies zu schwerwiegenden Problemen führen kann soll in Kapitel 2.4.1 näher erläutert werden.

2.3.2 Räumliche, zeitliche und qualitative Entgrenzung

Beschäftigt man sich mit der Entwicklung der Empirie, so lässt sich die veränderte Qualität der „neuen Kriege“21 vor allem durch den Begriff Entgrenzung zusammenfassen. Anna Geis weist darauf hin, dass der „zwischenstaatliche Krieg als reglementiertes „Staatenduell“ um ein begrenztes, politisch definiertes Ziel begriffen“ wird. 22 Völkerrecht, politischer Rahmen, zeitliche Begrenztheit, Aufteilung in Front und Hinterland sowie Unterscheidung zwischen Kämpfern und Zivilisten werden in einer Vielzahl der heutigen Kriegsformen jedoch verwässert. Diese Entwicklungen müssen sich auch in einer zweckmäßigen Kriegsdefinition wiederspiegeln. So finden sich keinerlei zeitliche und räumliche Beschränkungen in aktuellen Definitionskonzepten. Krieg zeigt sich nicht mehr als Antagonist zum Frieden, da die Grenzen durch Phänomene wie zum Beispiel den internationalen Terrorismus verschwimmen. Auch hier muss also eine Verbreiterung der Kriegsdefinition vollzogen werden. Dies geschieht durch bewusst schlanke Formulierungen die jegliche Zeit-, Raum- oder Qualitative Aspekte vermeiden. Krieg ist demnach „large-scale organized violence between political defined groups”.23

2.3.3 Die operationalisierte Definition – Krieg als Form des Konflikts

Die beiden vorangegangenen Kapitel zeigen die neuen inhaltlichen Aspekte aktueller Kriegsdefinitionen auf. Für wissenschaftliches Arbeiten und vor allem für ein quantitative Erfassung ist jedoch ein möglichst weit operationalisierter und gut abgrenzbarer Kriegsbegriff notwendig. So weist Diekmann unter dem Schlagwort Problem der Operationalisierung darauf hin, dass „die Definition noch keine Auskunft darüber [gibt], wie die Variablenwerte gemessen werden können“. 24 Eine gute Definition kann aber die Operationalisierung vereinfachen indem sie trennscharfe Entscheidungskriterien mitliefert. Die in den vergangenen Jahrzehnten praktizierte Vielfalt führte oft zu großen Schwankungen was Anzahl, Wirkung und Dauer von Kriegen betrifft. Peter Billing weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Anzahl der durchschnittlich gemessenen Kriege in den 80er Jahren je nach Forscher um 563% variiert.25 Die allgemein gültige Definition von Krieg gibt es zwar heute immer noch nicht, trotzdem hat sich ein Trend zur gegenseitigen Abstimmung von Definitionskriterien herausgebildet.

Im Folgenden sollen drei Forschungsprojekte und ihre Kriegsdefinitionen vorgestellt werden. Erstens die eher qualitativ arbeitende Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung der Universität Hamburg. Zweitens das jährlich erscheinende Projekt des „Conflict Barometer“ der Heidelberger Universität, das sowohl quantitativ als auch qualitativ arbeitet und drittens das rein quantitative „Correlates of War“ Projekt. Allen drei gemeinsam ist die Abgrenzung von Krieg und bewaffnetem Konflikt, die insbesondere durch die Verbreiterung des Kriegsbegriffs erforderlich geworden ist.

Die Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) der Universität Hamburg beruft sich „in Anlehnung an den ungarischen Friedensforscher István Kende (1917-1988)“26 auf ein Kriegskonzept, das durch die folgenden drei Merkmale gekennzeichnet ist: Es sind zwei oder mehr Streitkräfte beteiligt, wobei auf einer Seite staatliche Kräfte stehen. Zusätzlich muss ein Mindestmaß an Organisation gegeben sein. Drittens bedarf es einer gewissen Kontinuität der „bewaffneten Operationen“ 27 . Diese können sich allerdings über mehrere Gesellschaften erstrecken. Die verwendete Kriegsdefinition lässt weiten Raum für nichtstaatliche Akteure und international operierende Gruppen. Problematisch ist die Einstufung von gewaltsamen Zusammenstößen ganz unterhalb der staatlichen Ebene als bewaffnete Konflikte, nicht als Krieg. Auch der Kontinuitätsaspekt wirft in Bezug auf Terrorismus oder „Failed State“28 Erscheinungen Fragen auf.

Eine detailliertere Skalierung von Konflikten, wobei Krieg als intensivste Form des Konfliktes abgegrenzt wird, findet sich im „Conflict Barometer“ der Heidelberger Universität kurz KOSIMO.29 Krieg wird hier so definiert: „A war is a violent conflict in which violent force is used with a certain continuity in an organized and systematic way. The conflict parties exercise extensive measures, depending on the situation.

[...]


1 Clausewitz, Carl von: Vom Kriege, 1832 (zitiert nach Ausgabe: W. Pickert/W. Schramm (Hrsg.): Vom Kriege, Reinbek, 2001, S.32.

2 Bonacker, T./Imbusch, P.: Zentrale Begriffe der Friedens- und Konfliktforschung, in: P. Imbusch/ R. Zoll (Hrsg.): Friedens- und Konfliktforschung. Eine Einführung, Wiesbaden: 2005, S. 117.

3 Vgl. Diekmann, Andreas: Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen, Reinbek, 2007, S.161.

4 Siehe Kapitel 3.2.

5 Vgl. Kortüm, Hans-Henning: Die Kriege im Mittelalter: „Privat“ oder „staatlich“? Anmerkungen eines Mediävisten, in: Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. (Hrsg.): Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. Newsletter, Jahrgang 10, Heft 2 (2005), S. 7-11.

6 Kortüm, Hans-Henning: Kriegstypus und Kriegstypologie: Über Möglichkeiten und Grenzen einer Typusbildung von „Krieg“ im Allgemeinen und von „mittelalterlichem Krieg“ im Besonderen, in: D. Beyrau/M. Hochgeschwender/D. Langewische (Hrsg.): Formen des Krieges. Von der Antike bis zur Gegenwart, Paderborn, 2007, S. 71f.

7 Vgl. Zangl, Bernhard/ Zürn, Michael: Frieden und Krieg, Frankfurt, 2003, S. 149ff.

8 Kaldor, Mary: Neue und alte Kriege, Frankfurt, 1999, S. 26.

9 Zit. nach Buschman, N./Schierle, I./Mick, C.: Kriegstypen. Begriffsgeschichtliche Bilanz in deutschen, russischen und sowjetischen Lexika, in: D. Beyrau/M. Hochgeschwender/D. Langewische (Hrsg.): Formen des Krieges. Von der Antike bis zur Gegenwart, Paderborn, 2007, S. 23.

10 Buschman/Schierle/Mick, Kriegstypen, 2007, S. 23.

11 Ebd., S. 25.

12 Kaldor, Neue und alte Kriege, 1999, S. 41.

13 Buschman/Schierle/Mick, Kriegstypen, 2007, S. 28.

14 Kaldor, Neue und alte Kriege, 1999, S. 42.

15 Vgl. Geis, Anna (Hrsg.): Den Krieg überdenken. Kriegsbegriffe und Kriegstheorien in der Kontroverse, Baden- Baden, 2006, S. 9ff.

16 Vgl. Kaldor, Neue und alte Kriege, 1999, S. 26ff.; Vgl. Münkler, Herfried: Die neuen Kriege, Hamburg, 2002, S.9ff.; Vgl. Daase Christopher: Krieg und politische Gewalt. Konzeptionelle Innovation und theoretischer Fortschritt, in: G. Hellman/K. Wolf/M. Zürn (Hrsg.): Die neuen internationalen Beziehungen.

Forschungsgegenstand und Perspektiven in Deutschland, Baden-Baden, 161ff.

17 Jawad, L./ Mayer, H. L. (Hrsg.): CONFLICT BAROMETER 2008. Crises - Wars - Coups d’E´ tat - Negotiations – Mediations - Peace Settlements - 17th ANNUAL CONFLICT ANALYSIS, Heidelberg, 2008, S.2.

18 Bonacker/Imbusch, Begriffe der Friedens- und Konfliktforschung, 2005, S. 113.

19 Wright, Quincy: Definitions of War, in: L. Freedman (Hrsg.): War, Oxford, 1994, S. 69.

20 Vgl. u.a. Waldmann, Peter: Gesellschaften im Bürgerkrieg. Zur Eigendynamik entfesselter Gewalt, in: Zeitschrift für Politik, Jahrgang 42, Heft 4 (1995), S. 343ff.

21 Der Begriff „neuer Krieg“ ist in der Forschung umstritten, wird aber meistens im Rahmen einer binären Abgrenzung zu den alten, klassischen Staatenkriegen benutzt. Herfried Münkler charakterisiert neue Kriege durch Staatszerfall, Entgrenzung, Massaker, Schattenökonomie, Aufhebung der Trennung von Kombattanten und Zivilisten sowie häufig das Auftreten von Warlords und Kindersoldaten. Vgl. Münkler, Die neuen Kriege, Hamburg, S. 13ff.

22 Geis, Den Krieg überdenken, Baden-Baden, 2006, S. 15.

23 Levy, Jack: War and Peace, in: W. Carlsnaes/ T. Risse/ B. Simmons/ T. Simmons (Hrsg.): Handbook of International Relations, London, 2002, S. 351.

24 Diekmann, Sozialforschung, 2007, S. 210.

25 Biling, Peter: Eskalation und Deeskalation internationaler Konflikte. Ein Konfliktmodell auf der Grundlage der empirischen Auswertung von 288 internationalen Konflikten seit 1945, Frankfurt, 1992, S. 43.

26 AKUF: Kriegsdefinition der AKUF Übersicht der Universität Hamburg. Online in Internet: URL:

http://www.sozialwiss.uni-hamburg.de/publish/Ipw/Akuf/kriege_aktuell.htm#Def [Stand: 08.08.2009].

27 Ebd.

28 Vgl. u.a. den Failed State Index 2008 der Zeitschrift “Foreign Policy”:

Baker, Pauline/ Hendry, Krista/Taft/ (Hrsg.): The Failed States Index 2008. 07.07.2008. Online in Internet: URL: http://www.redri.org/new/images/archivos/failed_states_2008.pdf [Stand: 10.08.2009].

29 Vgl. Jawad, L./ Mayer, H. L. (Hrsg.): CONFLICT BAROMETER 2008. Crises - Wars - Coups d’E´ tat – Negotiations – Mediations - Peace Settlements - 17th ANNUAL CONFLICT ANALYSIS, Heidelberg, 2008, S. 1ff.

Details

Seiten
35
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640861132
ISBN (Buch)
9783640859528
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168568
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister-Scholl-Institut
Note
1,0
Schlagworte
Krieg Research Design Definition Konzeptualisierung

Autor

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Titel: Krieg greifbar machen