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Leben kraft Utopie - dem Tode fern

Reflexionen über Tod und Utopie

Hausarbeit 2010 24 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Gliederung

1) Voranstellung: Seemannsgedanken übers Ersaufen

2) Einleitung

3) Nach dorten, Unorten. Utopie begreifen
1. Verheißungsvolle Vision. Etymologie und Literaturrezeption
2. Wunsch und Wille. Allgemeine Psychologie und Schopenhauer
3. Hoffnung als Gegenwartsform in die Zukunft. Bloch

4) Der Tod
1. Es geht um die Wurst! Leben be wahren
2. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Tod und Utopie

5) Die Kraft der Utopie in praxi
1. Leben erleben lernen. Erlebnispädagogik als Wegweiser
2. Wellenberge. Leben und Untergang in Angst ohne Schrecken

6) Schließen: In spiritus habitus

7) Literatur

1) Voranstellung Seemannsgedanken übers Ersaufen

Ich sterbe. Du stirbst. Er stirbt.

Viel schlimmer ist, wenn ein volles Faß verdirbt. Aber auch wir wollen erst ausgetrunken sein.

Besauft euch beizeiten. Alle Flüssigkeiten Finden sich wieder ins Meer hinein, Wo wir den Schwämmen gleich sind, Wo uns nichts gebricht, Weil wir weich sind.

Und wenn man in eine Leiche sticht: Sie fühlt es nicht. Wird mich nie mehr acht Glasen wecken, Will ich gerne den Fischen wie Hackfleisch mit Rührrei schmecken.

Weil das mit Sinn so geschieht, Denn die haben gewiß nicht vergessen, Wieviel Schollen wir in uns hineingefressen. […] Frisch ersoffen also und nicht gejammert, Aber natürlich auch nicht übereilt; Wer sich nicht tapfer noch an die letzte Handuhle klammert, Der ist im Leben nie um die Horn gesailt. Ein Schuft, wer mehr stirbt, als er muß! Aber muß es sein, dann nicht schüchtern.

Ersaufen ist auch ein Genuß, Und vielleicht wird man dann nie mehr nüchtern. Denn nur über das Fleisch und die Knochen weiß man was, offenbar. Aber sonst hab' ich noch keinen gesprochen, Der richtig ersoffen war.

Joachim Ringelnatz

2) Einleitung

Die Nonchalance, mit der Ringelnatz den Weg zum Tod konjugiert entspringt nach meinem Verständnis einer simplen Erkenntnis: Der Tod ist normal. Zugegeben, das ist leicht gesagt. Erlebt ist diese Erkenntnis weit schwieriger und es wird nicht unmittelbar leichter, wenn ich hinzufüge: Der Tod gehört zum Leben dazu, ja erst der Tod macht das Leben zu dem, was es ist – lebendig.

Nietzsche fragte in seinen Notizen einmal pointiert: „Wohin ist Gott? Was haben wir gemacht? Haben wir denn das Meer ausgetrunken? Was war das für ein Schwamm, mit dem wir den ganzen Horizont um uns auslöschten?“1 Als Proklamateur des Gottesmordes zeigt Nietzsche erstens, dass wir Menschen für die Säkularisation selbst verantwortlich sind und er schildert ferner, dass nunmehr unsere Lebensentwürfe fragiler werden, weil wir kaum mehr einen Bezugspunkt haben, die alte Ordnung dahin ist und ohne Horizont oben und unten ineinander übergehen;2 kurz: wir werden seekrank, das heißt wir drohen am Leben wie es jetzt ist, zu erkranken. Traditionen brechen auf, gesellschaftliche Muster werden immer weniger vorhersagbar, die Menschen werden Jünger der Individualisierung.3 Lebenswelten sind heute unzählbar plural, der Grad der Abstraktion wächst4 und Ulrich Beck spricht gar von einer Risikogesellschaft.5 Angesichts eines solchen Szenarios – woran sollen wir uns dann halten? Mit welcher Haltung können wir uns der Offenheit entgegenstellen?

„Noch sehen wir unseren Tod, unsere Asche nicht und dies täuscht uns und macht uns glauben, dass wir selber das Licht und das Leben sind, aber es ist nur das alte, frühere Leben im Lichte, die vergangene Menschheit und der vergangene Gott, deren Strahlen und Gluten uns immer noch erreichen. Und das Licht brauchte Zeit...auch der Tod und die Asche brauchen Zeit.“6 Nietzsche, der Vordenker des Existenzialismus', hatte nicht vor, die alte Wirkmacht der Kirche wieder heraufzubeschwören, sondern er lokalisierte Gott vielmehr im Menschen selbst, auf dass ein jeder sein eigener Gott sei. Losgelöst von alten Tugenden und Konventionen hieß er den Übermenschen sich selbst ausrufen und sah darin das Rüstzeug, sich in der aufkommenden Zeit zu bewähren.7 Nun muss keiner Übermensch sein, um in der heutigen Zeit überstehen zu können, entscheidend ist aber die Erkenntnis, „Regisseur seines eigenen Lebens“8 zu sein. Es liegt in unseren Händen, was wir zu unserer Gewohnheit machen. Gewohnheit ist nichts weniger als Übung. Wenn Tod und Asche Zeit brauchen, dann sollten wir uns zur Gewohnheit machen, den Tod zu üben. Setzen wir uns mit ihm auseinander. Das tun wir doch permanent, könnte man sagen. Der Tod ist omnipräsent. Kein Action-Film ohne Tote, kein Krimi ohne Leiche, kein Krieg ohne Opfer. Aber solange man endlos debattiert, ob es sich nun um Krieg oder kriegsähnliche Zustände handelt, solange Ärzte Patientenverfügungen gering schätzen, oder Kinder bei Ego-Shootern unbegrenzte Leben genießen, ist an der Übung etwas faul.

In dieser Arbeit möchte ich veranschaulichen, inwieweit man dem tiefen Leben näher kommen könnte, indem man in sich den Tod vertieft. Ich möchte einen Habitus beschreiben, der in einer Spiritualität schwelgt, die vom Tode geküsst lebendig macht. Es ist dies kein absolut neuer Ansatz. Seit jeher machen Menschen sich über das Leben und im Besonderen über den Tod Gedanken. Doch Tod und Asche brauchen Zeit. Kultureller Wandel geschieht nicht von Heute auf Morgen. Im Gegenteil: Von Morgen auf Heute trainiert der Muskel der Kultur, der sich stets auch künftig betätigen muss, soll er nicht erschlaffen.

Doch solange wir leben, ist der Tod noch nicht wirklich da. Sehen wir den Tod als Utopie und machen wir uns die Utopie gegenwärtig. Seien wir uns des Todes bewusst und leben daher besonnen. Leben wir kraft der Utopie und sind Dank der Gegenwärtigkeit des Todes lebendig.

3) Nach dorten, Unorten. Utopie begreifen

3.1) Verheißungsvolle Vision. Etymologie und Literaturrezeption

Nähern wir uns dem Begriff der Utopie, indem wir zunächst einen Blick in die Wiege des Wortes werfen. Utopie lässt sich in zwei Teile zerlegen, wobei die Vorsilbe U dem griechischen ou(ch) bzw. ouk entlehnt und der zweite Teil, ebenfalls aus dem Griechischen, auf tópos zurückzuführen ist. Ersteres heißt „nicht“, drückt Verneinung aus, Letzteres ist die Bezeichnung für „Ort“. Utopie verweist also auf einen Ort, der nicht ist.9 Prinzipiell könnte man die Utopie wertneutral sehen, doch der Mensch wäre nicht Mensch, wenn er nicht immer auch mit einer bestimmten Haltung interpretieren würde.

In der Literatur ist die Utopie seit l5l6 fest verankert, als Thomas Morus die Vision eines idealen Staates verfasste. Er gab an, die wahre Geschichte des Seemannes Raphael Hythlodeus niedergeschrieben zu haben, der einst die Insel Utopia entdeckt und nach den Sitten ihrer Bewohner untersucht hätte. Wenngleich die politischen Intentionen der „Utopia“ sich von keiner eindeutigen Hermeneutik fassen lassen und Morus seine „beste Staatsverfassung“ zweifelsohne mit Ironie gespickt hatte, zeugt sie doch von einem Ideal, das zwar noch nicht ist, aber das zu erstreben es sich lohnt.10

Nicht wenige Interpretationen gehen allerdings in eine ganz andere Richtung. Statt eines Ideals kann eine pessimistische Haltung eingenommen werden. So genannte Dystopien zeichnen eine Realität, die (glücklicher Weise) noch nicht so ist, wohl aber so werden könnte. George Orwells 1984 oder Aldous Huxleys Schöne neue Welt seien hierfür als Beispiele genannt. Dystopische Szenarien haben einen kritischen Charakter in Bezug auf die Gegenwart und lehnen die Verwirklichung implizit ab.

Utopien können verschiedene Ausrichtungen haben. Sie können politischer oder religiöser Natur, ökonomisch, ökologisch, sozial oder technokratisch intendiert sein usw. Eine Utopie steht indessen nicht nur als mögliches Ideal oder als Mahnmal da, sondern wird nicht selten als unrealistischer Phantasmus vergällt.

Es gibt Utopien aber nicht erst seit Morus, sondern eigentlich immer schon, seit es Menschen gibt, die der Gegenwart eine Alternative vorhalten wollten. Seien es nun Mythen, das Jenseits11, oder Platons Politeia – Utopien regten und regen dazu an, im Denken andere Perspektiven einzunehmen.12 Dialektisch gesprochen steht die Utopie wie die Antithese zur These, sie hobelt und schleift an der Realität, in der, so die Synthese, ein gewisser, neuer Habitus geprägt wird. Habitus ist das Rückrat, das den Menschen stützt, ihm Halt bietet im Umgange mit Seinesgleichen, auf dem sein Tun beruht oder wankt. Wenn der Habitus für das gewohnte Gebaren, für das Verhalten des Menschen steht13, so vermag die Utopie als noch nicht geortete Vision die Gewohnheit aufzubrechen und neue Routen über die Wasser des Lebens zu erschließen. Utopien verheißen also Bewegung, die verhindern kann, dass Menschen sich in dichter Enge auf alten Wegen festfahren, muffige Kleider an sich tragen und sich unzeitgemäß verhalten. Halten wir fest, dass die Auslegung einer Utopie als realisierbar oder undurchführbar bzw. erstrebenswert oder als abschlägig angesehen werden kann. In Bezug auf den Tod als das Leben bekräftigende Utopie möchte ich im Folgenden die Utopie als Ideal rekurrieren. Stellen wir uns diese Utopie als Segelschiff vor, das uns sicher über Wasser hält. Bewegen kann es sich jedoch nur, wenn auch Wind in die Segel geblasen wird.

3.2) Wunsch und Wille. Allgemeine Psychologie und Schopenhauer

Woraus besteht nun der Wind, der in die Utopie bläst? Wie und woraus entspringt die Kraft, die die Utopie in Bewegung setzt? Machen wir einen kleinen Exkurs in die Allgemeine Psychologie. Motivation14 entsteht, wenn ein Ziel zu erreichen gewünscht wird. Die Psychologie spricht von zeitlicher und kausaler Abfolge psychischer Zustände, die Handlungen anregen und aufrecht erhalten. Grundlegend ist, sofern eine bestimmte Handlung zum gewünschten Ziel führen soll, dass man auch an dieselbe glaubt respektive von ihr überzeugt ist. Handlung und Ziel fungieren hierbei als zeitlich- kausale Aussicht auf Zielerfüllung. Antrieb all dessen ist der Wunsch. Die Stärke des Wunsches resultiert aus dem subjektiven Wert, den jemand einem Ziel beimisst. Daran zeigt sich, inwieweit jemand von diesem Wert überzeugt ist und dementsprechend hoch ist die Erwartung, das jeweilige Ziel zu erreichen.

[...]


1 Nietzsche 2004, l, 0:l2'

2 Vgl. ebd., ff.

3 Vgl. Peukert 2002, S. 3ll ff.

4 Vgl. Thiersch l997 S. 20 ff. u. l995, S. 97

5 Beck l986

6 Nietzsche 2004, l:l4' l:35'

7 Vgl. Nietzsche l994, S. 365: „Der ´Übermensch` ist eher der Mensch, der die anderen in ihrer unverwechselbaren Individualität lieben kann […] den ´kleinen Menschen` in seiner alltäglichen Unzulänglichkeit eingeschlossen.“

8 Thiersch l995, S. 98

9 Kluge 2002, S. 946

10 Vgl. Morus 2007, S. 17 ff.

11 obschon die Kirche statt Utopie den Begriff der Eschatologie benützt

12 Vgl. Chlada 2004, S. l8

13 Habitus, lat. Haltung, Stellung; Aussehen, Gestalt; Äußeres, Tracht; Kleidung, Gewand; Verhalten, Zustand, Gesinnung, Lage (vgl. Stowasser 2004, S. 23l)

14 motivus, lat. zur Bewegung geeignet, beweglich (Kluge 2002, S. 634; vgl. a. Stowasser 2004, S. 324)

Details

Seiten
24
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640857432
ISBN (Buch)
9783640859047
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168538
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Tod Utopie Bloch Angst Schopenhauer Seneca Erlebnispädagogik Habitus Spiritualität Leben Hoffnung Ringelnatz Sartre Nietzsche sterben Tugendhat sterben lernen
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Titel: Leben kraft Utopie - dem Tode fern