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Wollte Deutschland den Ersten Weltkrieg?

Die Kontroverse zwischen Fritz Fischer und Egmont Zechlin zur Kriegsschuldfrage

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 13 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

I. Zusammenfassung der zentralen Thesen
1. Mitteleuropaidee und Septemberdenkschrift
2. Deutscher Anteil am Ausbruch des Krieges
3. Kriegszielpolitik während des Krieges

II. Bewertung
1. Vorüberlegungen
2. Historische Ausgangssituation
3. Wollte Deutschland den Krieg?
a) Aktenvermerk Wilhelms II
b) Die „Blankovollmacht“
c) Gesamtbewertung

III. Eigene Bewertung

Literaturverzeichnis

Vorbemerkung

Im Friedensvertrag von Versailles diktierten die Siegermächte der Friedens­delegation des unterlegenen Deutschen Reichs Gebietsabtretungen, weitgehende Entwaffnung und Reparationsleistungen auf. Die Siegermächte leiteten diese Be­rechtigung insbesondere aus der vermeintlichen, aus ihrer Sicht allerdings unzwei­felhaften Alleinschuld Deutschlands am Ausbruch des Krieges ab und nehmen gar den sogenannten Kriegsschuldartikel (Art. 231) in den Versailler Vertrag auf. Hin­gegen ist im kaiserlichen Reich - und noch lange Zeit danach - die Rede von einem „aufgezwungenen“ Krieg[1]. Die auf nationalem Wahn fußende Begeisterung, mit der die Deutschen zu den Waffen eilten, passt zwar in gewisser Weise in dieses Bild von der deutschen Kriegsschuld, kann jedoch naturgemäß allenfalls ein schwaches Indiz dafür sein, dass dem kaiserlichen Deutschen Reich der Erste Weltkrieg zumindest nicht ungelegen kam, um seine Expansionspläne umzusetzen.

Hat Deutschland 1914 bewusst einen Expansionskrieg entfesselt, um erst die Vorherrschaft in Europa und darauf aufbauend die Weltmachtstellung zu erlangen? In der deutschen Geschichtsforschung steht die Kriegsschuldfrage in einem engen Zusammenhang mit der so genannten „Kriegszielpolitik“[2]. Entscheidend soll es auf die Beantwortung der Frage ankommen, ob die 1914 – 1918 formulierten Kriegsziele situationsbedingt und als Produkt des Krieges zu verstehen sind oder ob bereits in der vorausgehenden Verfolgung dieser Ziele die maßgebliche Ursache für den Krieg zu sehen ist[3]. Die vorliegende Ausarbeitung stellt der Auffassung Fischers, zwischen den Kriegszielen Deutschlands, sowie der deutschen (Groß- und Weltmacht-) Politik im ausgehenden 19. Jahrhundert sei eine Kontinuität erkennbar und die deutsche Politik im Juli 1914 habe einen größeren Anteil am Ausbruch des Ersten Weltkriegs, als gemeinhin angenommen[4], die Meinung Zechlins gegenüber, dass sich Deutsch­land in einer erheblichen Bedrohungslage gesehen habe und seiner Politik – auch nach Kriegsausbruch - vornehmlich von sicherheitspolitischen Erwägungen und dem Versuch der Selbstbehauptung getragen gewesen sei[5].

I. Zusammenfassung der zentralen Thesen

1. Mitteleuropaidee und Septemberdenkschrift

Fischer sieht in der 1912 von Rathenau aufgebrachten und der auf Wachstum ausgerichteten Wirtschaft dankbar aufgegriffenen so genannten „Mitteleuropaidee“ einen zentralen Beleg für den hegemonialen Anspruch Deutschlands[6]. Nur durch die Vorherrschaft in Mitteleuropa sei Deutschland gegenüber den Weltmächten USA, Großbritannien und Russland ebenbürtig und könne sich behaupten. Dieses Ziel ha­be man notfalls mit Gewalt erreichen wollen[7] ; Deutschland sei also kriegswillig gewe­sen[8].

Hingegen meint Zechlin[9], dass die so genannte „Mitteleuropaidee“ von Reichs­kanzler Bethmann Hollweg nicht als Kriegsziel übernommen worden, sondern ledig­lich immer wieder in Diskussionen über einen europäischen Wirtschaftsraum im Rah­men der Handelspolitik aufgeworfen worden sei[10]. Keinesfalls sei in der September­denkschrift die Mitteleuropaidee als ein, wenn nicht das wesentliche Kriegsziel um­gesetzt worden und könne daher nicht als Beleg für die von Deutschland angestrebte Weltmachtstellung und die dafür notwendige Hegemonie in Europa angesehen wer­den. Es habe sich nämlich in den ersten Kriegsmonaten gezeigt, dass England sich auf einen längeren Konflikt einstellt, uneingeschränkt zur Entente steht und jeglichen Separatfrieden ausschließt, sowie auf die Kolonien Deutschlands zugreifen wolle. Damit sei die Vorstellung von einem zeitlich und örtlich begrenzten Konflikt hinfällig geworden. Bethmann Hollweg habe nun innenpolitisch die Bereitstellung von Kampf­mitteln für den ausgeweiteten Konflikt gegen England sicherstellen müssen[11] und habe zugleich versucht, mittels der Septemberdenkschrift England selbst die Sinn­losigkeit einer längeren Blockade vor Augen zu führen[12].

2. Deutscher Anteil am Ausbruch des Krieges

In der Julikrise 1914 und insbesondere in der so genannten „Blankovollmacht“, mit der Kaiser Wilhelm II. dem Bundesgenossen Rückendeckung für ein Eingreifen in Serbien gab, habe sich das langjährige Ziel Deutschlands offenbart, zunächst den Gegner und Konkurrenten um Wirtschaftsinteressen außerhalb Europas, Frankreich, und anschließend Russland anzugreifen und so die Vorherrschaft auf dem Kontinent zu erlangen[13].

Nach Ansicht Zechlins[14] sei das Verhalten Deutschlands in der Julikrise hinge­gen nicht als Beleg für die Kriegswilligkeit und als rein technischer Ablauf zur Einlei­tung eines Kontinentalkriegs zu sehen. Man habe vielmehr die Situation in Erwartung eines nur lokalen Krieges ausnutzen wollen, wobei (überhaupt) ein Konflikt als un­vermeidlich angesehen wurde. Ferner habe man sich mit der „Blankovollmacht“ des Bundesgenossen Österreich zur Vermeidung einer vollständigen Isolation des Deut­schen Reichs versichern wollen und schließlich auf eine Erschütterung der Entente durch die europäische Krise und den territorial begrenzten Konflikt gehofft.

3. Kriegszielpolitik während des Krieges

Die in der Septemberschrift und im Verlauf des Krieges von der deutschen Wirtschaft und von der Reichsleitung formulierten „Kriegsziele“[15] seien nach Ansicht Fischers mit gewissen Schwankungen immer die gleichen und von Beginn an auf wirtschaftliche, politische und militärischen Eroberungen ausgerichtet gewesen[16].

Zechlin kommt hingegen zu dem Ergebnis, dass die sogenannten Kriegsziele Produkt des Krieges und nicht seine Ursache seien. Es sei um Selbstbehauptung und darum gegangen, die Voraussetzungen für einen angemessenen Frieden zu schaffen. Bethmann Hollweg habe immer gesagt, dass jede Möglichkeit zur Been­digung des Konflikts ergreifen und dies auch nicht an Gebietsabtretungen scheitern lassen würde. Der Führungsspitze sei klar gewesen, dass die Koalition der Gegner nicht zu besiegen ist. Friedensverhandlungen auf Initiative des Deutschen Reichs habe man indessen als ausgeschlossen angesehen, um die bis dato verdeckte Schwäche nicht zu offenbaren und etwas mehr als den Status quo zu erzielen[17].

[...]


[1] Vgl. die Darstellung der zeitlichen Abläufe bei Heinrich Jaenecke, Das Attentat, in: Geo Epoche Nr. 14 (o.J.), Der Erste Weltkrieg, Gruner&Jahr AG&Co.KG, Hamburg, S. 24 - 39, hier S. 34 ff.

[2] K.D. Erdmann, Der Stand der Forschung, in: Krieg und Kriegsrisiko. Zur deutschen Politik im Ersten Weltkrieg, hrsg. v. Egmont Zechlin, Düsseldorf, 1979, S. 51 f.

[3] So die Kontroverse zwischen Egmont Zechlin (Krieg und Kriegsrisiko. Zur deutschen Politik im Ersten Weltkrieg, Düsseldorf, 1979) und Fritz Fischer (Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18, Nachdruck der Sonderausgabe v. 1967, 2. Aufl., Königsstein/Ts., 1979).

[4] Fischer, ebenda, S. 7.

[5] Zechlin, Krieg und Kriegsrisiko, S. 8 f.

[6] Fischer, Griff nach der Weltmacht, S. 90 f., 94, 208 ff.

[7] Fischer, ebenda.

[8] Fischer, ebenda, S. 106 f.

[9] Zechlin, Krieg und Kriegsrisiko, S. 41 ff.

[10] Zechlin, ebenda, S. 43 f.

[11] Zechlin, ebenda, S. 41 f.

[12] Zechlin, ebenda, S. 43.

[13] Fischer, Griff nach der Weltmacht, S. 46 ff., 82.

[14] Fischer, ebenda, S. 32 ff.

[15] Fischer, ebenda, S. 92 ff.

[16] Fischer, ebenda, S. 208 ff.

[17] Zechlin, Krieg und Kriegsrisiko, S. 104 ff.

Details

Seiten
13
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640857425
ISBN (Buch)
9783640856176
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168537
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung) – Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Im Friedensvertrag von Versailles Bismarcks

Autor

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