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Die Gerechtigkeit in der philosophischen Diskussion - Robert Nozick's Kritik an John Rawls' „Theorie der Gerechtigkeit“

Hausarbeit 2010 23 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

2. John Rawls „Eine Theorie der Gerechtigkeit“; Eine Einführung
2.1. Der Schleier des Nichtwissens
2.2. Die Gerechtigkeitsprinzipien
2.3. Das Differenzprinzip und die Maximin - Regel

3. Die ultraliberale Reaktion durch Robert Nozick
3.1. Menschen sind Eigentümer ihrer selbst
3.2. Die gesellschaftliche Zusammenarbeit und Umverteilung

4. Die Schwächen der Nozickschen Kritik

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Abstract / Zusammenfassung

1. Einleitung

Trotz seiner enormen Erfolge in der letzten Zeit, sieht sich der Liberalismus in einer ihm eher feindlich gesinnten Welt. Die momentane Wirtschaftskrise hat einen allgegenwärtigen Staat geschaffen, der „[ ] mit einer Übermacht und einer bürokratischen Allgegenwart, die sich nicht mehr zurückzudämmen lassen wird“(Sueddeutsche-Online 2010) auftritt. Die immer weiter voranschreitende Globalisierung, deren Anforderungen ständig über die menschlichen Fähigkeiten hinaus gehen, bedarf eines sozialen Sicherungssystems. Die individualistischen Tendenzen der modernen Gesellschaft, welche die Familie als ein rudimentäres Überbleibsel der vorglobalisierten Welt erscheinen lässt, erfordern eine allumfassende Altersvorsorge (Sueddeutsche-Online 2010). Steuern und Sozialabgaben dienen als staatliche Umverteilungsmaßnahmen, zur Sicherung der Lebensgrundlagen der sozio-ökonomisch benachteiligten Gesellschaftsschichten.

All diese Beispiele zeigen eine nicht mehr rückgängig zu machende Entwicklung, in der der Liberalismus mit seiner Forderung des zurückzudrängenden Staates (Geis 2010: 3) wie fehl am Platz wirkt.

Keine andere politische Konzeption hat die politische Theorie so umgetrieben wie der Liberalismus. Spätestens seit den Werken von John Locke und John Stuart Mill ist er nicht mehr als aus der politiktheoretischen Debatte wegzudenken.

Die moderne politische Philosophie wurde maßgeblich von dem im Jahr 1971 erschienen Buch „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ von John Rawls geprägt.1 Dieses Werk war als Gegenkonzept zum damals vorherrschenden Utilitarismus angelegt. Es erschien in einer Zeit, in der die politische Philosophie weitestgehend aus dem Curriculum der Philosophie verschwunden war (Kersting 1994: 260). Geht man nach Wolfgang Kersting, ist durch das Werk von Rawls die politische Philosophie von den Toten wieder auferstanden. Der Grund für diese enorme Wirkung sieht Kersting in der „[ ] virtuosen [Verknüpfung] aus dem Fundus der kategorialen Muster und Reflexionsformen der klassischen neuzeitlichen politischen Philosophie.“ (Kersting 1994: 261). John Rawls versucht eine Grundstruktur einer gerechten Gesellschaft zu entwerfen, indem er dem Prinzip des Rechtsstaates das Konzept einer sozialen Gerechtigkeit an die Seite stellt (Esser 2005: 217). Robert Nozick erklärt in seinem 1974 erschienen Buch „Anarchie, Staat, Utopia“2, dass die politische Philosophie nun nur noch mit dem Konzept von Rawls arbeiten kann bzw. erklären muss, warum sie es nicht tut (Nozick 2006: 243).

Nozick`s Werk kann als Antwort zur „Theorie der Gerechtigkeit“ gesehen werden und stellt so gut wie in allen zentralen Punkten ein Gegenstück zu diesem dar. Robert Nozick ist ein Gegner des Sozialstaates. Seiner Meinung nach gilt jeglicher Eingriff in die natürlichen Rechte der Menschen, vor allem in das Eigentum, als Rechtsbruch (Esser 2005: 218). In kürzester Zeit erregte das nozicksche Werk eine unglaubliche Aufmerksamkeit innerhalb der Philosophie und weit über ihre Disziplingrenzen hinaus (Kersting 1979: 36). Jan Narveson behauptet, dass erst durch das Buch von Robert Nozick die Idee von der Falschheit des Wohlfahrtstaates salonfähig gemacht wurde (Narveson 2004: 6). Nozick vertritt im Allgemeinen eine libertäre3 Philosophie, die die Idee des Liberalismus ins Extrem treibt (Narveson 2004: 5).

Beide Werke werden zu den modernen Vertragstheorien gezählt; doch dient hier die Idee des Gesellschaftsvertrages nicht zur Legitimation politischer Herrschaft wie noch bei Locke oder Hobbes, sondern ausschließlich zur Begründung sozialer, moralischer und politischer Prinzipien (Kersting 1994: 262).

Die folgende Arbeit befasst sich mit der Frage, inwieweit die Kritik von Robert Nozick an der Rawlsschen Konzeption zu kritisieren ist.

Der erste Teil dieser Untersuchung befasst sich mit den wichtigsten Punkten der „Theorie der Gerechtigkeit“. Es werden zentrale Aspekte herausgearbeitet, beschrieben und erklärt. Darauf aufbauend wird sich mit der konkreten Kritik von Robert Nozick befasst. Abschließend werden die Schwächen der Nozickschen Kritik aufgezeigt, erläutert und kritisiert. Aus dieser theoretischen Ableitung wird sich ergeben, dass die zentralen Kritikpunkte Nozicks an der eigenen Theorie scheitern werden.

In dieser Arbeit werden neben den beiden Hauptwerken von Rawls und Nozick, mehrere philosophische Rezessionen über diese Bücher verwendet (z.B.: Kersting 1994 oder Koller 1987). Des Weiteren stützt sich diese Untersuchung auf philosophische Schriften, die einzelne Problembereiche beleuchten, welche Rawls und Nozick ebenfalls aufgegriffen haben (z.B.: Koller 1981 oder Esser 2005).

Im folgenden Abschnitt wird nun die Theorie von John Rawls erläutert.

2. John Rawls „Eine Theorie der Gerechtigkeit“; Eine Einführung

John Rawls wurde 1921 geboren und starb im Jahre 2002. Er war lange Jahre Professor der Politischen Philosophie an der Harvard University, an der er auch seine berühmte Theorie verfasste.

Bereits in der Einleitung der „Theorie der Gerechtigkeit“ interpretiert er sein Werk als eine Theorie, welche in der Tradition der Gesellschaftsverträge von Kant, Rousseau und Locke steht, diese jedoch versucht auf eine höhere Ebene zu abstrahieren (Rawls 1975: 27). Was Rawls mit dieser „höheren Abstraktionsebene“ (Rawls 1975: 27) meint, wird aus den weiteren Beschreibungen nicht ersichtlich. Reinhold Zippelius vermutet das Rawls mit dieser Aussage auf die Legitimitätsgrundlagen der Gerechtigkeitsprinzipien verweist (Zippelius 1978: 248). Das Untersuchungsobjekt der Rawlsschen Theorie ist die Gerechtigkeit, die er als „[ ] erste Tugend sozialer Institutionen [ ]“ (Rawls 1975: 19) sieht. Anhand dieses leitenden Gedankens sucht er nach Prinzipien, welche als Grundlage eines Zusammenlebens freier, gleicher und vernünftiger Menschen dienen sollen (Kramer 1992: 76). Die Ebene auf der Rawls seine Theorie anwenden möchte, ist nicht die einzelner Individuen oder politischer Maßnahmen sondern die Makro-Ebene, also die Grundstruktur der gesamten Gesellschaft. Genauer gesagt „[ ]wie die wichtigsten gesellschaftlichen Institutionen Grundrechte und - pflichten und die Früchte der gesellschaftlichen Zusammenarbeit verteilen.“(Rawls 1975: 23). Dieses Zitat zeigt deutlich, dass Rawls den Fokus auf die Verteilung der wichtigsten Grundgüter legt, er möchte also eine Verteilungsgerechtigkeit herleiten.

Der Ausgangspunkt seiner Theorie ist eine abgeschlossene, wohlgeordnete Gesellschaft in der Interessensharmonie aber auch Interessenskonflikte vorherrschen (Rawls 1975: 20). Diese Konflikte entstehen zwischen den einzelnen Individuen, die versuchen sich so viel wie möglich von bestimmten Grundgütern4 zu sichern. Die Gesellschaftsmitglieder würden nach Rawls irrational handeln, wenn sie nicht versuchen würden sich so viele von diesen Ressourcen zu sichern wie möglich. Um diese Konflikte zu lösen, müssen Grundsätze über die Gesellschaftsform sowie über die Verteilung der Güter festgelegt werden (Rawls 1975: 149). Diese Grundsätze sollen in einer Situation geschlossen werden in der allgemeine, gleiche und faire Bedingungen vorherrschen. Grundsätze als Ergebnis einer fairen Entscheidungssituation (Esser 2005: 219).

Um eine solche Situation zu schaffen, greift Rawls den Gedanken des Gesellschaftsvertrages auf und konzipiert einen Natur- bzw. Urzustand. Dieser Urzustand soll jedoch nur als ein theoretisches Konstrukt verstanden werden, welches hilft bestimmte Gerechtigkeitsvorstellungen zu bestimmen (Rawls 1975: 29). Rawls nennt diesen Zustand den „Schleier des Nichtwissens“.

2.1. Der Schleier des Nichtwissens

Der Schleier des Nichtwissens ist eine komplexe Konstruktion, die in mehrere einzelne Bedingungen unterteilt werden kann. Hierzu zählen der Aufbau des Schleiers an sich, sowie einzelne Nebenbedingungen, wie die absolute Gleichheit der Menschen oder ein gegenseitiges Desinteresse, die elementar für diesen Urzustand sind. Im Folgenden werden die wichtigsten Bedingungen beschrieben und erläutert, wobei in diesem beschränkten Rahmen nicht auf alle Einzelheiten eingegangen werden kann.

Die Rawlssche Konzeption sieht vor, dass niemand auch nur einen Grundsatz auf sich persönlichen beziehen darf. Es sollen allgemeingültige für jeden Menschen annehmbare Grundsätze entwickelt werden. Das bedeutet, dass eine Situation geschaffen werden muss, in der niemand Grundsätze wählt, die man wählen würde sobald man bestimmte Kenntnisse über für sich erhebliche Tatsachen hat, welche die eigne Situation oder Person betreffen (Koller 1987: 38). Um diese Bedingungen zu gewährleisten, versetzt Rawls die Menschen in einen Zustand der allgemeinen Unwissenheit; bezüglich ihrer Talente und Fähigkeiten, ihrer gesellschaftlichte Stellung und sozialen Lage, ihrer Generationsangehörigkeit sowie über ihre Wünsche, Ziele und Werte (Rawls 1975: 36 - 37). Er konstruiert einen Zustand, der die unterschiedlichen individuellen Interessen vereinheitlicht und somit auch unterschiedliche Ergebnisse bei der Suche nach den Gerechtigkeitsgrundsätzen verhindert. Die für Vertragsverhandlungen normalerweise vorherrschenden Kompromiss- oder Vergleichslösungen fehlen hier völlig. Eine Interessensdifferenz zwischen den Individuen wird demnach von vornherein ausgeschlossen (Kersting 1994: 270).

Die weiteren Charakteristika des Urzustandes sind; die Gleichheit der Menschen sowie deren rationales, vernünftiges Handeln und ein gegenseitiges Desinteresse innerhalb der Gruppe. Unter der Gleichheit ist zu verstehen, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben, während der Wahl der Grundsätze. Im Grunde kann man hier das Vorschlagsrecht nennen sowie die Verteidigung selbiger. Peter Koller sieht hier die Hintergrundidee der Menschen als „moralische Subjekte [ ], die eine Vorstellung von ihrem Wohl und einen Gerechtigkeitssinn haben.“ (Koller 1987: 39).

Mit der Vernünftigkeit wird den Menschen hauptsächlich die Fähigkeit zugesprochen verschiedene Handlungsalternativen mit einer Kosten-Nutzen-Rechnung gegenüberzustellen und so die für ihre Interessen am förderlichsten herauszufiltern (Kersting 1994: 271). Hinter der Idee des gegenseitigen Desinteresses steht eine ganz bestimmte Überlegung. Die Individuen innerhalb des Urzustandes haben einzig ihre eigenen Vorteile im Sinn, sie beachten die Interessen und Wünsche der anderen Gesellschaftsmitglieder nicht. Sie streben weder nach besonders guten Handlungen noch nach besonders schlechten. Ihre einzige Motivation innerhalb der Entscheidungssituation ist die Erzielung der größtmöglichen Erfolgsaussichten für die eigene Person (Kersting 1994: 271). Rawls möchte hiermit bestimmte vernunftverzerrende Faktoren wie Neid, Liebe oder auch Hass ausschließen. Dadurch ist es nun möglich Grundsätze zu beschließen, die eventuell den einen Individuen mehr Grundgüter zugestehen als den anderen (Koller 1987: 40).

Im Grunde ist das Einzige, was die Individuen innerhalb des Schleiers des Nichtwissens verbindet, das Ziel, sich eine möglichst große Menge an gesellschaftlichen Grundgütern5 zu sichern (Esser 2005: 220). Der Besitz dieser Güter entscheidet über den Erfolg des zukünftigen Lebens und dessen Qualität. Dadurch, dass die Individuen innerhalb des Urzustandes über die Verteilung dieser Güter mittels grundsätzlicher Gerechtigkeitsprinzipien entscheiden, ist es für Kersting nur vernünftig diese Prinzipien als Verteilungsgerechtigkeit der Grundgüter zu beschreiben und somit die gesamte „Theorie der Gerechtigkeit“ als eine „Theorie der Verteilungsgerechtigkeit“ zu sehen (Kersting 1994: 272). John Rawls beschreibt die Hauptaufgabe der Grundprinzipien wie folgt: „Man braucht also Grundsätze, um zwischen den verschiedenen Gesellschaftsordnungen zu entscheiden, die diese Verteilung der Güter bestimmen, und um eine Übereinkunft über die richtigen Anteile zustande zu bringen.“(Rawls 1975: 149)

Im Folgenden werden nun die Gerechtigkeitsprinzipien beschrieben, auf welche sich die Individuen in der Rawlsschen Konzeption vernünftigerweise einigen werden.

2.2. Die Gerechtigkeitsprinzipien

Die Gerechtigkeitsprinzipien bilden im Grunde die Grundsätze einer Gesellschaftsordnung, auf die sich die Menschen im Urzustand einigen. Einer solchen Verfassungswahl legt Rawls eine allgemeine Gerechtigkeitsvorstellung zu Grunde. Danach sind alle „[ ] sozialen Werte - Freiheit, Chancen, Einkommen und die sozialen Grundlagen der Selbstachtung - [ ] gleichmäßig zu verteilen, soweit nicht eine ungleiche Verteilung jedermann zu Vorteil gereicht.“(Rawls 1975: 83). Betrachtet man die Grundeinstellung der Individuen - dass jeder Einzelne von den Grundgütern eher mehr als weniger haben möchte - ist die vorliegende Gerechtigkeitsvorstellung unmissverständlich. So wird eine Ungleichverteilung der Güter niemals eine allgemeine Zustimmung erfahren. Hier baut Rawls jedoch eine Ausnahme ein, indem er sagt, dass es dennoch Ungleichheiten innerhalb der Verteilung geben kann, jedoch nur wenn sie zur Jedermanns Vorteil sind. Durch diese Ausnahmeregelung folgt, dass distributive Ungleichheiten nur durch Vorteile für jede Person der Gesellschaft legitimiert werden können (Kersting 1994: 275).

[...]


1 Die nachfolgenden Zitate und Verweise und die dazugehörigen Seitenzahlen zum dem Buch von Rawls beziehen sich auf die 1975 im Suhrkamp-Verlag erschiene erste deutsche Ausgabe.

2 Die nachfolgenden Zitate und Verweise und die dazugehörigen Seitenzahlen zum Buch von Nozick stammen aus der im Ozlog-Verlag erschienen Neuauflage aus dem Jahr 2006.

3 Fabian Wendt (2009) beschreibt in der Einleitung seines Buches den Libertarismus so: „Der Libertarismus ist seinem Selbstverstandnis nach freiheitsradikal. Abgesehen von einem Minimalstaat, der das Leben und Eigentum seiner Burger schutzt, soll in allen Bereichen der Gesellschaft laissez-faire herrschen. Es soll keine Form von Wohlfahrtsstaatlichkeit geben, keine offentlichen Schulen und keine offentlichen Infrastrukturprojekte, keine Subventionen ausgewahlter Industrien und kein Verbot von Drogen.“

4 Grundgüter definiert Rawls wie folgt: Es sind Dinge, „[ ] von denen man annehmen kann, daß sie jeder

vernünftige Mensch haben will. Diese Güter sind für gewöhnlich brauchbar, gleichgültig was jemand für einen vernünftigen Lebensplan hat“(Rawls 1971: 83).

5 Die in Fußnote 4 genannte Definition der Grundgüter, spezifiziert Rawls im weiteren Verlauf seines Buches wie folgt: „Die wichtigsten Arten der gesellschaftlichen Grundgüter sind Rechte, Freiheiten und Chancen sowie Einkommen und Vermögen [ ].“ (Rawls 1975: 112)

Details

Seiten
23
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640855889
ISBN (Buch)
9783640855957
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168520
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
gerechtigkeit diskussion robert nozick kritik john rawls gerechtigkeit“

Autor

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Titel: Die Gerechtigkeit in der philosophischen Diskussion - Robert Nozick's Kritik an John Rawls' „Theorie der Gerechtigkeit“