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Paul Tillichs religiöser Sozialismus

Die Synthese des Unvereinbaren?

Hausarbeit 2005 38 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. DieAusgangslage Tillichs
2.1 Religion
2.2 Sozialismus
2.3 Mensch
2.4 Kritik

3. Geisteshaltungen
3.1 Sakramentale Geisteshaltung und politische Romantik
3.2 Rationale Geisteshaltung und burgerliche Gesellschaft
3.4 Bemerkung

4. DerreligioseSozialismus
4.1 Widerstreit des klassischen Sozialismus
4.2 Religioser Sozialismus und prophetische Geisteshaltung
4.3 Praktische Forderungen an den religiosen Sozialismus
4.4 Kritik

5. Die Vereinbarkeit von Religion und Sozialismus
5.1 Das gemeinsame Ziel
5.2 Die Widerstande und ihre Uberwindung
5.3 Probleme derVereinbarkeit
5.3.1 Atheistischer Materialismus
5.3.2 Rationalitat
5.3.3 Revolution
5.3.4 Staat
5.3.5 Politik
5.3.6 Wirtschaft

6. Fazit

1. Einleitung:

Religioser Sozialismus; auf den ersten Blick scheint hier zusammengefuhrt zu werden, was nicht zusammen gehort und vielleicht noch viel weniger zusammen gehoren will. Auf den zweiten Blick erinnert man sich dann aber etwa an die Bergpredigt und das Urchristentum; oder an die These, das der Marxismus nur im christlich-abendlandischen Kulturkontext habe entstehen konnen; oder an christlich-sozialrevolutionare Bewegungen in Lateinamerika, die in Figuren wie Bischof Romero sogar ihre Martyrer gefunden haben. Spatestens an diesem Punkt der Assoziationskette sollte dann aber nach genaueren Definitionen, sowohl von Religion, als auch von Sozialismus gefragt werden.

Genau hier beginnt dann endgultig das Problem einer wissenschaftlichen Behandlung des Religiosen Sozialismus, denn beide Begriffe sind schillernd und vielgestaltig, auf jeden Fall kaum konkret greifbar.

Aus diesem Grund versucht diese Hausarbeit zunachst die Definitionen Tillichs selbst heraus zu arbeiten, um auf dieser Grundlage dann weiter die von ihm gefundenen Gemeinsamkeiten und Antagonismen dieser beiden Phanomene zu untersuchen. Dazu wird der religiose Sozialismus in Tillichs Gesellschaftsbild verortet und dessen Vorteile fur die Gesellschaft werden herausgearbeitet. Danach wird genauer untersucht, warum Tillich die Verbindung fur moglich und notwendig halt. Erst in einem letzten Schritt, bei der Behandlung der Frage, wie uberzeugend Tillichs religios-sozialistische Synthese erscheint, muss dieses textimmanente Vorgehen wieder durchbrochen werden. Hier wird ein Abgleich mit den Werken von Karl Marx und Friedrich Engels stattfinden. Diese Methode mag etwas vermessen wirken, basiert aber auf dem Mangel an Bezugspunkten seitens Tillich selbst. Sie geht von der Annahme aus, dass diese als Exponenten des Sozialismus unbestreitbar sind und auch fur die deutsche Sozialdemokratie der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts noch weitgehenden Referenzwert hatten. Dazu gereicht auch die Tatsache, dass das damals gultige Erfurter Programm der SPD in sehr weiten Teilen von Marx und Engels inspiriert ist.[1] Und auch, dass Tillich selbst sich in einigen Texten explizit mit Marx auseinandersetzt, eine detaillierte Kenntnis dessen also vorausgesetzt werden darf und Differenzen von diesem also als bewusst gewahlt gelten konnen.[2]

Erwahnt werden muss noch, dass diese Arbeit keinen theologischen Blick auf Tillich zu bieten vermag. Sie blickt gleichsam nur von aufien auf das religiose Denken, woraus eine gewisse Distanz resultieren mag. Doch ist der Versucht gerade, aus dieser Perspektive die Uberzeugungskraft des religiosen Sozialismus zu untersuchen, da sie bei dem klassischen sozialistischen Klientel, an dass sich dieses „Vereinigungsangebot“ ja primar richtet, auch zum Grofiteil vorausgesetzt werden muss.

2. Die Ausgangslage Tillichs:

2.1 Religion:

Der Begriff Christentum wird von Tillich nicht als fester, eindeutig definierbarer Begriff aufgefasst, spatestens „seitdem es durch Luther in den Strom der subjektiven Geistigkeit hineingezogen ist und dieser Strom alle Scheindamme autoritativer Buchstabenbindungen, papierner Papste und unfehlbarer Glaubenserfahrungen weggespult hat.“[3] Aber auch zuvor war Religion immer uberkulturell, im Sinne von unabhangig von einer bestimmten Kultur und Gesellschaftsordnung.[4] Zu ihrer Manifestation musste sie sich immer gewisser Formen der gegebenen Kultur bedienen, liefi sich aber nie auf ein spezielles Teilgebiet der jeweiligen Gesellschaft beschranken.[5] Dabei wurde eine in der entsprechenden historischen Situation unauflosliche Einheit eingegangen, die aber mit der konkreten Situationjeweils wechselte[6] :

„In engste soziologische Verbindung sind nacheinander getreten: die alte Kirche mit der spatromischen Sklavenwirtschaft, die fruhkatholische Kirche mit Casarismus und Militarismus, die mittelalterliche Kirche mit Naturalwirtschaft, Lehnswirtschaft und Horigkeit, der Calvinismus mit Kolonialkapitalismus und Demokratie, die lutherische Kirche mit Agrarwirtschaft und absolutistisch- patriarchalischem Obrigkeitsstaat, die moderne Kirche mit Hochkapitalismus, Nationalismus und Militarstaat.“[7].

Dennoch kann man von einem christlichen Gesellschaftsideal ausgehen, da eine christliche Zuwendung zum Diesseits moglich ist, durch die Erkenntnis, dass auch das relative, unvollkommene Diesseitige durch Gott heilig, absolut und vollkommen ist. Absolutes und Relatives durchdringen sich.[8] Die angestrebte Gesellschaftsform soll auf der Liebesethik Jesu basieren.[9]

Insgesamt ist unter religios eine Betrachtungsweise zu verstehen, die das Sein in seiner Absolutheit, in seinem aufiersten Punkt betrifft. Es geht der Religion um die Frage nach dem Sinn, nach dem sinnerfullten Sein[10], nach dessen Bedrohtheit und Getragenheit[11].

2.2 Sozialismus:

Ebenso schwierig wie Christentum ist laut Tillich auch Sozialismus zu fassen. Es muss differenziert werden zwischen Sozialismus und Marxismus, Sozialismus und sozialistischen Parteien, sowie innerhalb derer zwischen ihren Idealen und den jeweiligen praktischen Umsetzungen, und schliefilich den Einzelmeinungen und -aufierungen ihrer Mitglieder. Vieles in der praktischen Umsetzung widerspricht namlich der Idee des Sozialismus; vor allem auch die materialistische Gesinnung und der Atheismus sind nicht wesenhaft sozialistisch, sondern ein burgerliches Erbe.[12] Marxismus als solcher beinhaltet weder Materialismus noch die Ablehnung des Geisteslebens.[13] Ferner ist noch zu differenzieren zwischen der Arbeiterschaft und dem Sozialismus, wobei letzterer erstere ubersteigt und von gesamtgesellschaftlichem Interesse ist.[14]

Geistesgeschichtlich gesehen steht der Sozialismus in der Tradition einer Entwicklung von Renaissance, Reformation und Aufklarung.[15] In dieser Entwicklung wurde zunachst die Autoritat (der katholischen Kirche) zerstort und durch das individuelle Gewissen, die Autonomie, ersetzt, dann entstand das Prinzip der Rationalitat mit ihrem Bedurfnis nach vernunftiger Weltgestaltung.[16] Die zuvor dem Jenseits vorbehaltene Hoffnung wendet sich dem Diesseits zu, schliefilich entsteht das Bewusstsein der Menschheit, die universelle Solidaritat.[17] Diese ist im Sozialismus allerdings nur durch den Aufiendruck entstanden und noch kein tiefes Gefuhl der Gemeinschaft.[18]

Insgesamt gesehen ist die sozialistische Idee eine Ordnung, „in welcher das Bewufitsein der Gemeinschaft das Fundament des gesellschaftlichen Aufbaus ist.“[19]

„Denn Sozialismus ist ein Doppeltes, ist Wille zur Gestaltung der Wirklichkeit, grundlegend der Wirtschaft, nach den Normen der Gerechtigkeit, und ist universales, schrankenloses Menschheitserlebnis, das alle Gegensatze der Klassen, Rassen, Nationen, Konfessionen aufheben will um des Menschen willen in jedem Menschen.“[20]

2.3 Mensch:

In Tillichs Anthropologie zeichnet sich der Mensch dadurch aus, dass er Bewusstsein von sich selbst hat, damit ist er „in sich, in seiner Einheit gedoppelt“[21], was ihn von der Natur abhebt. Ebenso ist er nicht eins mit seinem Ursprung, sondern etwas neues, dennoch an seinen Ursprung gebundenes. Daher entsteht die Frage nach dem „Woher?“, die zunachst mit dem Mythos, einem Ursprungsmythos beantwortet wird. Dieser ist die Grundlage konservativer und romantischer Politik.[22] Neben dieses „Woher?“ tritt die Frage nach dem „Wozu?“. Sie entsteht aus dem Bewusstsein einer Forderung, eines vom Ursprung unterschiedenen Zieles. Etwas Neues soll entstehen. Damit ist der Ursprungsmythos gebrochen, hieraus entsteht liberales, demokratisches, sozialistisches Denken. Diese Forderung nach Neuem aber entspringt aus dem Menschen selbst, also auch aus seinem Ursprung, der damit ebenfalls ambivalent wird. Diese vom Ursprung kommende, ihn aber uberschreitende Forderung ist die nach Gerechtigkeit.[23]

Deshalb braucht der Mensch eine gesellschaftlich-politische Ordnung, die sowohl seinen Ursprung als auch sein Ziel mit einbindet. Jede Richtung, die eines von beiden ignoriert, ist fur den Menschen ungeeignet. Der bisherige Sozialismus betont einseitig das Ziel, der religiose Sozialismus muss den Ursprung wieder finden, um dem Menschen gerecht zu werden.

Durch das Motiv der Entfremdung ist auch im Marxismus eine Doppelnatur des Menschen angelegt, also eine Differenzierung zwischen dem Menschen in der gegebenen wirtschaftlichsozialen Situation und dem Menschen als wesenhaft Mensch seiend.[24] Tillich sieht hier eine weitgehende Analogie zwischen christlichem und marxistischen Menschenbild, die in den Begriffen Sunde/ Entfremdung und Ideologie/ Gotzendienst zum Ausdruck kommt.[25] Um den Menschen aus dieser misslichen Situation zu befreien, bedarf es sowohl im Christentum als auch im Marxismus einer Einheit von Schicksal und Tat.[26] Als fundamentalen Unterschied benennt Tillich das Fehlen der Transzendenz im Sozialismus, was dessen utopischen Charakter bewirkt, ihn in seiner Selbstkritik behindert und damit selbst fur unmenschliche Ideologie anfallig macht.[27]

2.4 Kritik:

Tillichs Betrachtungen uber den universalen Anspruch des Christentums konnen bisweilen vermessen erscheinen. Beispielsweise, wenn er uber das universale Menschheitserlebnis schreibt, „im Christentum ist wie nirgends sonst die Grundlage fur ein solches gegeben...“ und es sei „...aus der christlichen Kultur geboren...“.[28] Auch bei der Aussage, dass

„... nun aber das Christentum nicht mehr als exklusive Konfession, sondern als Durchbruch des absoluten Glaubens, der vor dem einen Unbedingten die eine Menschheit sieht, ohne alle aufieren und inneren Schranken der Gemeinschaft, feindlich nur dem, der sich selbst gegen die anderen stellt, wirtschaftlich, politisch, religios“[29]

bleibt die Frage, wie dieser Anspruch zu rechtfertigen ist. Christentum ist als Religion nun mal an gewisse Glaubenssatze gebunden und es ist nicht zu verlangen, dass diese von allen geteilt werden. Sicherlich ist dieser Anspruch auf die gesamte Menschheit ein gemeinsames Element zwischen Christentum und Sozialismus. Doch gerade wegen seines rationalen Materialismus kann der Sozialismus diesen Anspruch im Gegenteil zum Christentum rechtfertigen. Er namlich kann fur sich in Anspruch nehmen, keine derartigen metaphysischen Bedingungen zu stellen, sondern die Menschheit eben darum in ihrer Gesamtheit zu umfassen, weil er sie nur in ihrer Gemeinsamkeit als Menschen sieht. Wenn er von ihnen verlangt, seine Pramissen teilen zu konnen, dann weil er sie fur rational und deshalb allgemeingultig halt. Eine andere Religion zu haben muss legitim bleiben, eine andere Vernunft kann es nicht geben.

Sollte der Begriff christlich allerdings soweit gefasst werden, dass er keinerlei metaphysischen Glaubensinhalte mehr fordert, so wird er leer und nichts sagend. So wie es ungefahr auch in der Definition des Religiosen als dessen, was den Menschen im Wesentlichen betrifft, geschieht. Solche Definitionen lassen so vieles zu, dass es schwerlich noch sinnvoll ist, mit ihnen zu arbeiten.

Ebenso erscheint es als klarer definitorischer Mangel, dass Tillich zwar auf die Differenzierungen hinweist, die bezuglich des Sozialismusbegriffs notwendig sind, aber nicht weiter ausfuhrt, was er konkret meint. Er spricht von einer Idee des Sozialismus, die er nicht genauer ausfuhrt, nur negativ definiert, indem er behauptet, dass sie nicht Marxismus, nicht das Programm der SPD, nicht die Arbeiterschaft sei. Was konkret aber gemeint ist, woher die These kommt, dass der Sozialismus nicht atheistisch-materialistisch sei, wird nicht angegeben. Die hier noch klar benannte Kontinuitat zur Aufklarung und der deutliche Bezug des Sozialismus zur Rationalitat werden im Folgenden in Frage gestellt. Es fehlt die klare Benennung eines Referenzautors, nur an wenigen Stellen erfolgt ein direkter Bezug zum jungen Marx von vor 1948.[30]. Einziges positives Definitionskriterium ist das Bewusstsein der Gemeinschaft als Grundlage einer gerechten Ordnung.

Und auch die behauptete Ubereinstimmung im Menschenbild von Sozialismus und Christentum ist nicht restlos uberzeugend. Denn zunachst ist zu konstatieren, dass ein konkretes Menschenbild bei Marx, wie Tillich selbst einraumt, schwerlich zu finden ist. Ubergangen wird auch der nicht geringe Unterschied, dass der Marxismus die Lage des Proletariats als spezifischer Klasse in einer konkreten gesellschaftlichen Situation sieht, waren Tillich von einer allgemein menschlichen Grundkonstante der Sundhaftigkeit ausgeht. Wahrend der Sozialismus die Moglichkeit sieht, die Entfremdung des Menschen durch die Uberwindung der Klassenspaltung zu beenden, ist dem Tillich’schen System eine derartige Konfliktlosung fremd. Spricht Tillich also davon, dass die Zielsetzung von Sozialismus und Religion ihren einzigen Unterschied darin aufweist, dass dieses einmal im Diesseits und einmal im Jenseits angesetzt ist, und kritisiert daraufhin den sozialistischen Ansatzpunkt als utopisch, so liegt der Grund dafur in der unterschiedlichen Problemdefinition und nicht in der Willkur des Sozialismus. Tillich ubersieht, dass dem Marxismus eine ontologische Anthropologie fremd ist, da fur ihm die Bindung der menschlichen Existenz an die aufieren Umstande unhintergehbar ist.[31] „Diese Ubereinstimmung in der Anthropologie beruht bei Tillich auf der Tatsache, dafi Tillich die Grofien Christentum und Sozialismus schon in bestimmter Weise interpretiert hat, so namlich, dafi beide auf eine extrem variable, an die Wirklichkeit anpassungsfahige Formel gebracht wurden.“[32]

3. Geisteshaltungen:

Entsprechend dieser Doppelung im menschlichen Wesen sind auf gesellschaftlicher Ebene verschiedene Geisteshaltungen gegeben, denen jeweils ein politisches Prinzip entspricht. So betont die sakramentalen Geisteshaltung die Ursprungsgegebenheit des Menschen, ihre politische Ausdrucksform ist die politische Romantik. Die rationale Geisteshaltung betont das Ziel, ihr entspricht der Liberalismus, die Demokratie und zunachst der klassische Sozialismus. Diese Einseitigkeiten werden dem Menschen aber nicht gerecht, dazu ist eine Synthese beider Momente notwendig. Der religiose Sozialismus und die ihm entsprechende prophetische Geisteshaltung sollen dies gewahrleisten.

3.1 Sakramentale Geisteshaltung und politische Romantik:

In einer durch die sakramentale Geisteshaltung beherrschten Gesellschaft ist das Verstandnis fur individuelle Autonomie noch nicht gegeben. Die Einzelnen unterstehen der Herrschaft organischer Beziehungen, wie der „zum Boden, zum Besitz, zur Familie, zum Stamm, zur Klasse, zum Volk, zur staatlich-kultischen Hierarchie“[33]. Diese bilden ein auf Macht und Eros basierendes System, das die Personlichkeit einschliefit und vollig bestimmt. Nur aus diesem System erhalten sie ihre Bedeutung und ihren Wert. Eine eigenstandige Entfaltung ihrer selbst ist damit nicht moglich. Eine solche Gesellschaftsordnung verursacht „die heiligen Ungerechtigkeiten, die damonischen Zerbrechungen und Opferungen der Personlichkeit um der sakramental-geheiligten Macht- und Erosbeziehungen willen“[34].

Der sakramentalen Geisteshaltung entspricht in der Politik die politische Romantik. Doch ist diese vor zahlreiche Probleme gestellt. Denn politisches Denken, dass nur am Ursprung festzuhalten versucht, verfehlt damit den Menschen und gerat zwangslaufig in Selbstwiderspruch.[35]

„Man gebraucht zwar den Geist, aber gegen den Geist, man fragt, aber gegen das Fragen, man fordert, aber gegen das Fordern. Man sucht geistig den Geist zuruckzuholen in die Gebundenheit des Seins. Das ist der innere Widerspruch der politischen Romantik in allen ihren Aufierungen. Um seinetwillen ist es grundsatzlich unmoglich, sich geistig fur sie zu entscheiden. Solange die Ursprungsbindung ungebrochen ist, kann es zu keiner Entscheidung kommen, weil keine Wahl besteht.“[36]

Der Ursprungsmythos bezieht sich auf „Boden“, „Blut“ oder „soziale Gruppe“ und strebt danach, das Leben zu ordnen.[37] Er wird in Traditionen bewahrt und betont das „Woher?“ Die Schaffung von neuem ist damit aber unmoglich, das „Wozu?“ wird unterdruckt.[38]

„Die politische Romantik ist also die Gegenbewegung gegen Prophetie und Aufklarung auf dem Boden einer Geistes- und Gesellschaftslage, die durch Prophetie und Aufklarung bestimmt ist. Dadurch ist sie gezwungen, unter Voraussetzungen zu kampfen, die sie verneint, und mit Mitteln, die sie bei ihren Gegnern angreift.“[39]

Vor diesem Selbstwiderspruch gibt es verschiedene Auspragungen und Konfliktlinien: die konservative und die revolutionare einerseits, die transzendente und die naturalistische andererseits. Die konservative basiert auf den alten Ursprungsbindungen, vertritt die Idee des Organischen, die revolutionare will neue Ursprungsbindungen schaffen, vertritt die Idee des Dynamischen. Die transzendente beruft sich auf die religiose Tradition, die naturalistische versucht aus der Lebensphilosophie heraus einen neuen Mythos zu schaffen.[40]

„Die Schwierigkeiten der revolutionaren Romantik sind eben darin begrundet, dass es ihr auf das Entspringen und nicht auf das Ursprungliche ankommt. Denn als politische Bewegung mufi sie Ziele angeben. Da sie aber die Ziele weder, wie die konservative Form, den Traditionen der Vergangenheit, noch, wie der Sozialismus, einer rationalen Analyse der Gegenwart entnehmen kann, so sind die Zielvorstellungen ungeklart, dunkel, widerspruchsvoll, praktisch undurchfuhrbar“[41]

In der praktischen Umsetzung bedeutet diese Ruckwendung zu den Ursprungskraften die Forderung nach Grofigrundbesitz und Bauerntum, die Postulierung einer Uberlegenheit der eigenen Rasse, die Konstituierung der patriarchalischen Familie und die Forderung nach getragen- und geborgensein-verheifiender Gemeinschaft statt Autonomie. Je nach der genauen Auspragung soll diese Gemeinschaft einem traditionellen, gottesermachtigten Monarchen oder einem charismatischen Fuhrer unterstehen.[42] Problematisch ist hierbei, dass Partizipation am politischen System die Bildung von Parteien, die Werbung von Mitgliedern und Wahlern erfordert, was nicht dem Geist der politischen Romantik entspricht, da diese in ihrer konservativen Form hierarchisch-aristokratische, in ihrer revolutionaren Form elitar- diktatorische Organisationsformen anstrebt.[43]

3.2 Rationale Geisteshaltung und burgerliche Gesellschaft:

Aber auch die auf Rationalitat gegrundete Gesellschaft fuhrt zu Damonien, die dann jedoch auf der Gehaltlosigkeit beruhen.[44] Die organisch-lebendige Gemeinschaft ist durch eine abstrakte, seelenlose Gesellschaft ersetzt. In ihr sind die Individuen zwar gleichberechtigt und ihre Beziehungen zueinander rational begrundet, aber das Gemeinschaftsgefuhl, die innere Verbundenheit fehlt. Es herrscht das Primat der Okonomie, in der jeder einzelne nur fur sich und gegen alle anderen kampft. Traditionelle Verbundenheit schwindet und jegliche Gemeinschaft degeneriert zum wirtschaftlichen Interessenverband.

[...]


[1] Das Kommunistische Manifest wird in Kautskys Kommentar beispielsweise als wissenschaftliche Grundlage des modernen Sozialismus und der Sozialdemokratie anerkannt. Weiter heifit es: „Eine weitere Auseinandersetzung des Gedankengangs der Lehre von Marx und Engels ist nicht nothwendig, denn das ganze vorliegende Buch fufit auf ihm, ist nichts als eine Darstellung und Ausspinnung desselben.“ Karl Kautsky: Das Erfurter Programm in seinem grundsatzlichen Theil, 2. Aufl., Stuttgart 1892, S. 239f.

[2] Vgl. z.B. Paul Tillich: Wieviel Wahrheit findet sich bei Karl Marx? (1948), in: Ders.: Begegnungen. Paul Tillich uber sich selbst und andere (=Gesammelte Werke, Bd. 12), hg. v. Renate Albrecht, 2. Aufl., Stuttgart 1980, S. 265-272; Ders.: Das Geschichtsbild von Karl Marx, in: Ebd., S. 273-285.

[3] Paul Tillich: Christentum und Sozialismus II, in Ders.: Gesammelte Werke, Bd. 2: Christentum und soziale Gestaltung. Fruhe Schriften zum religiosen Sozialismus, Stuttgart 1962, S. 29-33, hier S. 29.

[4] Vgl. ders.: Der Sozialismus als Kirchenfrage, in: Ders.: Werke 2, S. 13-20, hier S. 13.

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. ebd.

[7] Ebd., S. 14.

[8] Vgl. ders.: Christentum und Sozialismus II, S. 30f.

[9] Vgl. ders.: Sozialismus als Kirchenfrage, S. 14.

[10] Vgl. ders.: Klassenkampf und religioser Sozialismus, in: Ders.: Werke 2, S. 175-192, hier S. 176.

[11] Vgl. ebd., S. 178.

[12] Vgl. ders.: Sozialismus als Kirchenfrage, S. 17.

[13] Vgl. ebd., S. 16.

[14] Vgl. ebd., S. 19.

[15] Vgl. ders.: Christentum und Sozialismus I, in: Ders.: Werke 2, S. 21-28, hier S. 21.

[16] Vgl. ebd., S. 22f.

[17] Vgl. ebd., S. 23f.

[18] Vgl. ebd., S. 28.

[19] Ders.: Sozialismus als Kirchenfrage, S. 14. Hier und im Folgenden gilt soweit nicht anders angegeben, dass die Kursivsetzung dem Original entspricht

[20] Ders.: Christentum und Sozialismus II., S. 31.

[21] Ders.: Die sozialistische Entscheidung, in: Ders.: Werke 2, S. 219-365, hier S. 226.

[22] Vgl. ebd., S. 227f.

[23] Vgl. ebd., S. 228f.

[24] Vgl. ders.: Der Mensch in Christentum und Marxismus (1953), in: Ders.: Writings in the Philosophy of Culture - Kulturphilosophische Schriften, hg. v. Michael Palmer (= Paul Tillich: Main Works/ Hauptwerke, Bd. 2), Berlin u.a. 1990, S. 249-262, hier S.251.

[25] Vgl. ebd., S. 257f.

[26] Vgl. ebd., S. 259.

[27] Vgl. ebd., S. 260f.

[28] Ders.: Christentum und Sozialismus I., S. 28.

[29] Ebd

[30] Vgl. ders.: Der Mensch, S. 250.

[31] Vgl. Renate Breipohl: Religioser Sozialismus und burgerliches Geschichtsbewusstsein zur Zeit der Weimarer Republik, Zurich 1971, S. 204f.

[32] Ebd., S. 200f.

[33] Tillich: Grundlinien des religiosen Sozialismus, in: Ders.: Werke 2, S. 91-119, hier S. 105.

[34] Ebd

[35] Vgl. ders.: Sozialistische Entscheidung, S. 230f.

[36] Ebd

[37] Ebd., S. 235f.

[38] Vgl. ebd., S. 237.

[39] Ebd., S. 246.

[40] Vgl. ebd., S. 247f

[41] Ebd., S. 249.

[42] Vgl. ebd., S. 250f

[43] Vgl. ebd., S. 259f

[44] Vgl. ders.: Grundlinien, S. 105.

Details

Seiten
38
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640855803
ISBN (Buch)
9783640856091
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168499
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Philosophisches Institut
Note
Schlagworte
paul tillichs sozialismus synthese unvereinbaren

Autor

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Titel: Paul Tillichs religiöser Sozialismus