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Sprachwandel oder Sprachverfall - Anglizismeneinfluss ins Deutsche

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 23 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sprachwandel

2.1. Sprachwandel in theoretischer Sicht

2.1.1. Sprachliche Ökonomie
2.1.2. Sprachliche Innovation
2.1.3. Sprachliche Variation
2.1.4. Invisible-Hand-Erklärung
2.2. Anglizismus
2.2.1. Anglizismenentstehung
2.2.2. Lehnwort vs. Fremdwort
2.2.3. Anglizismusgebrauch in der Jugendsprache
2.2.4. Deutsche Sprachpolitik
2.2.5. Das Verein deutsche Sprache
2.2.6. Anglizismenablehnung

3. Resümee

Weißen Wein in Roten gießen.

heißt, sie beide zu vermiesen.

Deutsch und Englisch sind wie Weine,

sie erblühen nur alleine.

Mischmasch- Englisch wird zumal

Shakespeares Enkeln selbst zur Qual.

Übler noch wird Deutsch behandelt,

von der Werbezunft verschandelt.

Sportreporter, gar noch dreister,

sind im Panschen große Meister.

Bahn und Post und Telefon

sprechen Englisch, uns zum Hohn.

Das versteht dann kaum noch einer,

ungepanscht war Deutsch noch feiner.

Lasst darum Roten Roten sein

und mischt ihn nicht mit weißem Wein!

1. Einleitung

Die folgende Hausarbeit handelt um Sprachwandelphänomene, Faktoren, die Sprachwandel verursachen können und um Anglizismen im deutschen Wortgut.[1]

Das oben genannte Gedicht Wider das Sprachpanschen von Gerhard H. Junker stellt eine klare Stellung zu Anglizismen dar, denn ,,Deutsch und Englisch sind wie Weine,/ sie erblühen nur alleine“[2]. Die starke Distanz zu Anglizismen wird deutlich, denn diese quälen nicht nur die Enkelkinder des englischen Genies Shakespeare, sondern bereiten auch Probleme bei der Verständigung auf, weil sie kaum einer versteht. Auch die deutsche Sprache wird durch Anglizismen verschandelt, dabei spielen die Sportreporter nicht weniger eine Rolle. Ein Lösungsvorschlag ist dennoch gegeben, und zwar soll der rote Wein, rot bleiben und nicht mit dem weißen gemischt werden. Also eine Differenzierung von Englisch und Deutsch. Die Frage, ob eine klare Differenzierung möglich ist, soll zunächst einmal offen bleiben, denn darum soll es unter anderem auch in dieser Hausarbeit gehen. Desweiteren werden auch Fragen geklärt, ob Anglizismen einen Sprachverfall oder einen Sprachwandel verursachen, ob es eine Mischung von beidem möglich wäre oder ob eine total neue Sprache bzw. Dialekt sich heraus kristallisiert.

Im theoretischen Teil wird das Augenmerk auf die Sprachwandelphänomene gelegt. Es werden lediglich nur die drei wichtigsten Ursachen bzw. Kriterien für Sprachwandel dargestellt. Dazu zählen die Sprachliche Variation, Sprachliche Innovation und Sprachliche Ökonomie. Anschließend wird in die Invisible- Hand Theorie eingegangen.

Im analytischen Teil hingegen wird die Ära der Anglizismen tiefgründiger vorgestellt. Was sind Anglizismen, Fremd- und Lehnwörter? Wie sind diese entstanden? Was für einen Einfluss haben sie in verschiedenen sozialen Lebensbereichen? Wie reagiert das deutsche Volk? Ist eine starke Ablehnung oder Integration der Anglizismen erkennbar?

Demnach lautet die Leitfrage für diese Hausarbeit:

Wie ist die Haltung verschiedener deutscher Bevölkerungsgruppen gegenüber dem Sprachwandel, dass von Anglizismen verursacht wird?

2. Sprachwandel

2.1. Sprachwandel in theoretischer Sicht

Wenn man den theoretischen Aspekt für einen Sprachwandel genauer betrachtet, fallen die Gesichtspunkte der sprachlichen Ökonomie, Innovation und Variation auf, denn diese bewirken, in engerem Kontext, für eine Erleichterung in der Nutzung der Sprache. Es ist sozusagen von Komfortablem die Rede. Sprachwandel geschieht also – ob bewusst oder unbewusst – mindestens aufgrund der drei Faktoren, die im Folgenden analysiert werden.

2.1.1. Sprachliche Ökonomie

In der sprachlichen Ökonomie wird das sprachliche Verhalten durch eine ungenaue und verkürzte Kommunikation geprägt. Es ist eine hohe Informationsvergabe mit geringem sprachlichem Aufwand möglich. Dabei tragen die Konversationsmaximen von Herbert Paul Grice eine große Bedeutung[3]. Grice führt in seiner Theorie der vier Maximen den Begriff der Konversationalen Implikatur ein. Konversationale Implikatur ist, ,,das in einer Konversation nicht ausgesprochen[e], sondern angedeutet[e] und mitgemeint[e] […] und für den Gesprächspartner (aufgrund der Kenntnisse von Wortbedeutung, Kontext und Hintergrundwissen) durch Überlegungen erschließbar[e] […].‘‘[4] Implikaturen, wie von Grice eingeführt, können nur dann funktionieren, wenn diese sich in ein allgemeines Kooperationsprinzip befinden. Das allgemeine Kooperationsprinzip erklärt er wie folgt:

Mache deinen Gesprächsbeitrag jeweils so, wie es von dem akzeptierten Zweck oder der akzeptierten Richtung des Gesprächs, an dem du teilnimmst, gerade verlangt wird.[5]

Dafür hat Grice vier Konversationskategorien eingeführt, damit die o.g. Richtlinien auch praktisch umsetzbar sind.

(1) Maxime der Quantität (=den Beitrag nicht mehr oder weniger informativ machen)
(2) Maxime der Qualität (=Beitrag soll authentisch und wahr sein, Unergründbares soll ausgelassen werden)
(3) Maxime der Relation (=Beitrag soll relevant sein)
(4) Maxime der Modalität (=klare Beiträge)

Bei der sprachlichen Ökonomie kann der Rezipient das Nichtgesagte ergänzen und weiß über die Sprecher- bzw. Verfasserintention Bescheid.

Nicht nur in Konversationen spielt die sprachliche Ökonomie eine Rolle, sondern auch im Textsortenbereich. Es gibt verschiedene Stile, die ökonomisch dafür sorgen, dass Beiträge informativ, wahr, relevant und klar sind. Beispielsweise werden im elliptischen Stil bestimmte Worte bzw. Wortteile weggelassen, ,,aber meist zweifelsfrei und sinngemäß ergänzt‘‘[6]. Im komprimierten Stil wird die Ersparung sprachlicher Mittel so betrieben, ,,dass der volle Inhalt nicht allein durch die Ergänzung von weggelassenen Teilen erschlossen werden kann, sondern durch Paraphrasierungsversuche, von denen aber oft mehrere möglich sind.‘‘ (Beispiel: Wiedervereinigung à wer? mit wem? zu was? mit Wiederherstellung welches Zustandes?). Letztendlich wird im hintergründigem Stil der wesentliche Teil des Gemeinten nicht erwähnt, ,,sondern [muss] durch mitgemeinte Querverbindungen aus gemeinsamen Wissen der Rezipienten erschlossen werden. Man braucht sozusagen eine Art Hintergrundwissen.[7]

Desweiteren wird in der sprachlichen Ökonomie zwischen der Ökonomie der Artikulation und der Ökonomie der Gedächtnisleitung unterschieden. Ökonomie der Artikulation ist die Verwendung unvollständiger, elliptischer Sätze, das aber vom Rezipienten rekonstruierbar ist. Und die Ökonomie der Gedächtnisleistung ist, dass keine aufwendigen Leistungen des Gehirns notwendig sind, um beispielsweise sich an ein bestimmtes Wort zu erinnern, denn man hat zum Beispiel durch Entlehnungen eine Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten.

Hinzufügend ist zu erwähnen, dass es keine ökonomische Idealsprache, sondern nur eine ,,relative Quantität‘‘ gibt.[8]

Schließlich ist anzumerken, dass sprachliche Ökonomie zwei Arten hat. Zum einen ist es die Artikulation, wobei der Genitiv durch den Dativ ersetzt wird, ein verkürzter Satz vorhanden ist oder Endungen weggelassen werden. Zum anderen ist es der Textsortenbereich, wie etwa die elliptischen Satzstyle auf den Plakaten.

2.1.2. Sprachliche Innovation

Hier findet der Sprachwandel durch kreative und innovative Nutzung der Sprache statt. Das Grundprinzip von Sprachkompetenz ist dabei die Fähigkeit der Sprachnutzung alternativen bzw. innovativen Sprachgebrauchs.

In der Regel werden zwischen drei Innovationarten unterschieden:

(1) Innovation durch Wortbildung, wie beispielsweise Komposition, Derivation, Akronym und Konversion
(2) Innovation durch Entlehnung aus anderen Sprachen – hier werde ich später detaillierter, bezogen auf das Englische, eingehen –
(3) Innovation durch Bedeutungsveränderung. Bei der Bedeutungsveränderung unterscheidet man wieder zwischen Bedeutungserweiterung, Bedeutungsverengung, Bedeutungsübertragung, Bedeutungsverschlechterung (=Pejorisierung) und Bedeutungsverbesserung (=Meliorisierung).

2.1.3. Sprachliche Variation

,,Sprache ist veränderbar, weil sie variabel benutzt wird.‘‘[9] Die Sprache ändert sich durch Sprachnutzung. Da verschiedene Individuen Zugang zu verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten und regionalen, situationsabhängigen Verhältnissen haben, können sie entscheiden, mit welcher Variante sie sprechen wollen. Die verschiedenen Varianten, wie etwa idiolektal, lokal, regional, staatlich, politisch etc. sind einer Variable untergeordnet. Die Variable ist eine Art abstrakte übergeordnete Einheit, die durch eine bestimmte Anzahl von Varianten definiert wird. Beispielsweise könnte man zu der Variable Familienstand mit den Varianten ledig , verheiratet , geschieden oder verwitwet antworten.[10]

[...]


[1] Junker H. Gerhard: Wider das Sprachpanschen. In: Denglisch, nein danke!. Hg. v. Zabel, Hermann. Paderborn 2001, S.182.

[2] Junker H. Gerhard: Wider das Sprachpanschen. In: Denglisch, nein danke!. Hg. v. Zabel, Hermann. Paderborn 2001, S.182.

[3] Vgl. Busch, Albert; Stenschke, Oliver: Germanistische Linguistik. 2. Auflage, Tübingen 2008, S. 220 f.

[4] Busch, Albert; Stenschke, Oliver: Germanistische Linguistik. 2. Auflage, Tübingen 2008, S. 220.

[5] Busch, Albert; Stenschke, Oliver: Germanistische Linguistik. 2. Auflage, Tübingen 2008, S. 220.

[6] Sprachliche Ökonomie. In: Reader zur Einführung in die diachrone Sprachwissenschaft vom FSS 2010, S.176.

[7] Vgl. Sprachliche Ökonomie. In: Reader zur Einführung in die diachrone Sprachwissenschaft vom FSS 2010, S.176.

[8] Vgl. Mündliche Überlieferung der Dozentin Silke Biedermann im FSS 2010.

[9] Sprachliche Variation. In: Reader zur Einführung in die diachrone Sprachwissenschaft vom FSS 2010, S.186.

[10] Sprachliche Innovation. In: Reader zur Einführung in die diachrone Sprachwissenschaft vom FSS 2010, S. 178 ff.

Details

Seiten
23
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640855551
ISBN (Buch)
9783640855032
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168489
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,5
Schlagworte
sprachwandel sprachverfall anglizismeneinfluss deutsche

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Titel: Sprachwandel oder Sprachverfall - Anglizismeneinfluss ins Deutsche