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Entnazifizierung von Wissenschaftlern und Technikern in der frühern Nachkriegszeit am Beispiel der Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 23 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entnazifizierung in der amerikanischen Besatzungszone
2.1. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus
2.2. Die Grundphasen der Entnazifizierung
2.3. Die amerikanische Besatzungszone
2.4. 2.4 Die deutschen Spruchkammern
2.5. Musste die Entnazifizierung des Nachkriegsdeutschlands scheitern?

3. Die Entnazifizierung von Wissenschaftler und Techniker am Beispiel der Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft
3.1. Die Entnazifizierung in der Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft
3.2. Die KWG/MPG als „scientic community“
3.3. Die Entnazifizierung in der Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft
3.4. Der Rechtfertigungskurs der Wissenschaft
3.4.1. Der Beklagte widmete sich ausschließlich der Forschung
3.4.2. Der Beklagte war kein politischer Aktivist
3.4.3. Der Beklagte trat rein aus Interesse an seiner eigenen Karriere in die Partei ein
3.4.4. Der beklagte Wissenschaftler trat aus reinem Pflichtgefühl gegenüber der Wissenschaft in die NSDAP ein
3.4.5. Der Beklagte habe aus kollegialer Solidarität gehandelt
3.4.6. Der Betroffene leistete Widerstand gegen den Nationalsozialismus
3.5. Die institutionelle Rechtfertigungsstrategie – Die Zugehörigkeit zur Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der Entnazifizierung von Technikern und Wissenschaftlern in der frühen Nachkriegszeit.

Zunächst wird ein Blick auf die Entnazifizierungsprozesse in der amerikanischen Besatzungszone geworfen, um ein Vorverständnis über die politische Säuberung zu erlangen.

Danach wird als konkretes Beispiel für die Entnazifizierungsmaßnahmen bei Wissenschaftlern und Technikern das Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Institut herangezogen. Hierbei wird auch die Frage nach Rechtfertigungsstrategien der Wissenschaftler gestellt.

In dieser Arbeit wird der Versuch unternommen, die Frage zu klären, ob die verschiedenen Besatzungszonen (am Beispiel der amerikanischen Besatzungszone) früher oder später zwischen ihren politischen Säuberungszielen und dem Bedarf an Wissenschaftlern und Technikern für den Wiederaufbau entscheiden mussten.

2. Die Entnazifizierung in der amerikanischen Besatzungszone

2.1. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus

Für einen demokratischen Aufbau der deutschen Gesellschaft war eine produktive Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus unabdingbar.[1] In der Realität allerdings hatte diese Auseinandersetzung nur partiell stattgefunden. Die Besatzungsmächte ordneten jeweils an, wie nationalsozialistische Verbrecher bestraft werden sollten und wie es gelingen könne, den Nationalsozialismus aus der Wirtschaft und dem öffentlichen Leben zu entfernen. Die Besatzungsmächte entschieden, dass Nationalsozialisten aus ihren jeweiligen Ämtern entlassen werden sollten, brachen diese Vorgehensweise jedoch schnell.[2] Nationalsozialisten, welche in einer NS-Organisation auf mittlerer, bzw. höhere Ebene tätig waren, wurden verhaftet. Direkt an Kriegsverbrechen Beteiligte wurden sogar in Internierungslagern festgehalten.

Nach und nach entwickelte sich hierbei ein ordentliches Überprüfungsverfahren, durch welches das Ziel angestrebt wurde, die Wirtschaft und das öffentliche Leben personell zu säubern. Eine Ambivalenz zwischen entstehenden Wirtschafts- und Versorgungsproblemen und den angestrebten Zielen schränkte die Säuberungs-Politik der Alliierten jedoch schnell ein.[3] Der wirtschaftliche Aufbau wurde hierbei vor die Entnazifizierung gestellt.

Wie genau die Säuberungs-Politik der West-Alliierten, genauer der Amerikaner, aussah, wird nun im Folgenden erläutert.

2.2. Die Grundphasen der Entnazifizierung

Den Alliierten ging es in ihrer Politik nicht zentral um die Wissenschaften. Dies wird dadurch bewiesen, dass wissenschaftliche Belange nur indirekt durch bestimmte Maßnahmen tangiert wurden.[4] Klar ist, dass die Entnazifizierung im Hochschulbereich nicht durch den Wunsch nach einer umfassenden Kontrolle über die wissenschaftlichen und technischen Ressourcen vorangetrieben wurde, sondern eher aus dem Bestreben nach Sicherheit. Diese jedoch hing gleichsam mit einer großrahmigen politischen Säuberung zusammen. Nur durch eine groß angelegte Säuberung des öffentlichen Lebens konnte eine Demokratisierung der deutschen Gesellschaft erreicht werden.[5]

Die Feststellung, dass die Wissenschaft kein zentraler Gegenstand der alliierten Politik war, steht allerdings im Widerspruch mit den Ausbeutungs- und Rekrutierungsprogrammen der Alliierten. Auf amerikanischer Seite kann hier beispielsweise die „Operation Paperclip“ genannt werden. Hier wurde noch im Sommer 1945 die erste Gruppe von Wissenschaftlern in die USA rekrutiert.

In dem Zusammenhang einer umfassenden Säuberung, verbunden mit zahlreichen Ausbeutungsprogrammen können vier verschiedene Phasen ausgemacht werden.

Die erste Phase verlief vom Anfang der Besatzung durch die Alliierten bis zum Sommer 1945. Diese Phase war gekennzeichnet durch spontane Plünderungen aus den Bereichen der Universitäten und Kaiser-Wilhelm-Institute, sowie einer Demontage und dem Transfer von Instrumenten und sonstigen Gerätschaften, kombiniert mit Festnahmen und Evakuierungen ausgewählter Wissenschaftlern und Technikern.[6] So nahmen die Amerikaner beispielsweise im Sommer 1945 mehr als 100 Chemiker und andere Naturwissenschaftler aus den Universitäten in Halle und Leipzig heraus.

Die zweite Phase umfasste die Zeit von Herbst 1945 bis Frühjahr 1946 und stellt den Anfang der eigentlichen Entnazifizierung dar.[7] Diese Phase war gekennzeichnet von einem ständigen Hin und Her zwischen den alliierten Kontrolloffizieren und den deutschen Wissenschaftlern und Verwaltungsangehörigen. Hier wurde die Eigenständigkeit der Universitäten gestützt und ehemaliger NSDAP-Mitglieder wurden entlassen. Hierbei kam es zu Massenentlassung seitens der Alliierten, allerdings auch zu freiwilligen Maßnahmen auf der deutschen Seite.[8]

Die dritte Phase leitete die größte Ausbeutungs- und Evakuierungsoperationen der Alliierten ein. Sie beginnt im März 1946 in der amerikanischen Besatzungszone mit der Propagierung des „Gesetzes zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“.[9] Später begann diese Phase dann auch in der britischen Zone.

Die Transferleistungen der Wissenschaft an die Alliierten wurden gewährleistet durch das Abschlussprotokoll der Potsdamer Konferenz, da dieses die Entnahme von Reparationen in der jeweiligen Besatzungszone erlaubte.[10]

Die letzte Phase entstand durch die Komplikationen, welche aus den vorhergegangen Phasen resultierten. Hier kam es zu einer formalen Beendigung der Entnazifizierung. Nach und nach kehrten viele so genannte nominelle NSDAP-Mitglieder oder als Mitläufer eingestufte Wissenschaftler in ihr akademisches und wissenschaftliches Leben zurück.[11]

2.3. Die amerikanische Besatzungszone

Das State Department hatte die Entnazifizierung als politische Säuberung konzipiert. Als Zielpersonen wurden NS-Funktionäre und politische Beamte im öffentlichen Dienst gesehen.[12] Zunächst war der Personenkreis, auf dem die Entlassungsrichtlinien zutrafen recht weit gefasst. Dies änderte sich allerdings durch eine strikte Verschärfung, die sich auch in den Besatzungsdirektiven niederschlug. Nun wurde eine Entlassung aller „aktiven“ Nationalsozialisten vorgeschrieben. Die Entnazifizierung beschränkte sich also nun nicht mehr auf Schlüsselpositionen, bzw. Schlüsselstellungen.[13] Schon hier wird deutlich, wie rigoros und schematisch die Amerikaner bei der Entnazifizierung vorgingen.[14]

In der ersten Zeit wurden zunächst nur Nationalsozialisten entlassen, welche in der Verwaltungsspitze saßen (Behördenleiter, Landräte, Bürgermeister etc.). Zunächst gab es hierbei noch keine Regeln und so gingen die Militärs vor Ort nach eigenem Ermessen vor, was Fehlentscheidungen unvermeidlich machte.[15]

Im Juli 1945 kommt es dann schließlich zu einer ersten großen Entlassungswelle. So wurden in der amerikanischen Besatzungszone etwa 80 000 Personen verhaftet und etwa 70 000 Personen als NS-Aktivisten entlassen.[16] Verschärft wurden diese Säuberungsaktionen durch eine weitere Direktive vom 7. Juli 1945. Hier wurden Personen in Spitzenposition anhand eines Fragebogens überprüft. Kam bei der Auswertung des Fragebogens heraus, dass der Verdächtige doch mehr als nur ein nominelles NSDAP-Mitglied war, so wurde diese Person sofort entlassen.[17] In weiteren Fällen entschied der „Special Branch“, welcher in der amerikanischen Besatzungszone für die Durchführung der Entnazifizierung zuständig war.[18] Vor allem bei Personen, welche im Dritten Reich zur wirtschaftlichen und militärischen Elite gehörte, wurde eine Entlassung empfohlen. Hierunter fielen unter anderem Berufsoffiziere der Reichswehr und Wehrmacht, die wirtschaftliche Oberschicht und alle Mitglieder der NSDAP und der SA.

Die Bestimmungen für die Entlassungen wurden verschärft, da es zu einem immer größer werdenden Druck aus der USA kam, da diese auf eine scharfe Bestrafung der Nationalsozialisten drängte.[19] So hatte die Entnazifizierung ebenfalls den Zusammenbruch der deutschen Verwaltung als Ziel.

Die politische Säuberung wurde schließlich am 26. September 1945 durch das Militärgesetz Nr.8 beendet. Jetzt konnte sich die Entnazifizierung auf alle Bereiche der Wirtschaft ausdehnen. Als Grund für eine Entlassung galt im Kern die Mitgliedschaft der NSDAP oder einer ihr angeschlossenen Organisation. Diese nun völlig undifferenzierte Entlassungsbestimmung musste jedoch schließlich zu einem Personalmangel führen.[20] So kam es schnell zu einem Konflikt zwischen einer Mindestbesetzung für eine arbeitsfähige Verwaltung und den sehr weit gefassten Kategorien für die Entlassungen. Aufgrund des erheblichen Personenmangels wurde der öffentliche Dienst weitgehend lahm gelegt und auch der weite Bereich der Wirtschaft drohte zusammenzubrechen.

Trotzdem schien diese weitere Bestimmung ein Fortschritt zu sein, folgt man den Argumentationen Rainhold Maiers, ein scharfer Kritiker der amerikanischen Entnazifizierungskritik. Dieser stellt als positiv dar, dass es den betroffenen Personen nun erstmals möglich war, einen Einspruch gegen den Verdacht gegen sie zu äußern. Hierfür genügte allein der Nachweis, ein nominelles Mitglied einer NS-Organisation gewesen zu sein.[21]

Zwar zielten die verschiedenen Direktiven auf eine Entnazifizierung in allen Bereichen, doch beschränkte sie sich in der Realität auf den öffentlichen Dienst. So führte die Entnazifizierung 1945/46 zu einer Umstrukturierung im öffentlichen Dienst, was am Beispiel Hessen verdeutlich werden kann.[22] Hier wurde nämlich etwa 57 % aus dem gesamten Personalbestand entlassen. Vergleicht man diese Zahlen mit der wirtschaftlichen Führungsschicht, so wird deutlich, dass hier weniger Entlassungen stattgefunden haben. In Hessen verloren nur etwa 26,5 % ihre leitende Stellung. Aufgrund der schnellen Wiedereinstellung im öffentlichen Dienst kamen die Auswirkungen der vielen Entlassungen allerdings nicht zu Trage.[23]

[...]


[1] Gerhard Brunn: Die Zeit der Krise 1914-1955, in: Detlef Briesen u.a. (Hg.): Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte Rheinlands und Westfalens, Köln 1995,S.191.

[2] Ebenda.

[3] Ebenda.

[4] Mitchel G. Ash: Verordnete Umbrüche – Konstruierte Kontinuitäten: Zur Entnazifizierung von Wissenschaftlern und Wissenschaften nach 1945, in: ZfG 7 (1995), S.906.

[5] Ebenda.

[6] Ebenda.

[7] Ash: Verordnete Umbrüche – Konstruierte Kontinuitäten, S.907.

[8] Ebenda.

[9] Ebenda.

[10] Ebenda.

[11] Ebenda.

[12] Clemens Vollnhals: Entnazifizierung. Politische Säuberung und Rehabilitierung in den vier Besatzungszonen 1945-1949, München 1991, S.9.

[13] Clemens Vollnhals: Entnazifizierung, S. 10.

[14] Ash: Verordnete Umbrüche – Konstruierte Kontinuitäten, S.908.

[15] Clemens Vollnhals: Entnazifizierung, S. 10.

[16] Ebenda.

[17] Clemens Vollnhals: Entnazifizierung, S.10-11.

[18] Clemens Vollnhals: Entnazifizierung, S.11.

[19] Clemens Vollnhals: Entnazifizierung, S.12.

[20] Clemens Vollnhals: Entnazifizierung, S.12.

[21] Clemens Vollnhals: Entnazifizierung, S.13.

[22] Clemens Vollnhals: Entnazifizierung, S.14.

[23] Clemens Vollnhals: Entnazifizierung, S.15.

Details

Seiten
23
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640854714
ISBN (Buch)
9783640854936
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168474
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
3,0
Schlagworte
entnazifizierung wissenschaftlern technikern nachkriegszeit beispiel kaiser-wilhelm-/max-planck-gesellschaft

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