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Die Liebenden an Markes Hof

Analyse des Konflikts von Liebe und Gesellschaft in „Tristrant und Isalde“ Eilharts von Oberg

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 20 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Verhältnis von Liebe und Verrat
2.1. Der Mordanschlag auf Brangene

3. Höfische Normen und Ideale im Kontext der Liebe
3.1. Der Ehebruch innerhalb der höfischen Gesellschaft

4. Spannungen zwischen Liebe und Gesellschaft

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die mittelhochdeutsche Tristan-Dichtung Eilharts von Oberg vermittelte dem adligen Laienpublikum des späten 12. Jahrhunderts den ausnehmenden Stoff „eine[r] passionierte[n] Liebe, die alle anderen Werte und sozialen Beziehungen der Feudalgesellschaft außer Kraft setzt; ein[en] Held[en], der nicht durch Handeln sondern durch Leiden zum Helden wird, und zwar ein Leiden ohne jede christliche Rechtfertigung; der statt durch unwandelbare Treue durch den Treuebruch gegenüber dem Herrn und friunt sich hervortut [und] eine Frau als gleichberechtigte Heldin, doch nicht vom Schlage der Heroinen Kudrun oder Kriemhilt oder auch einer Heiligen, sondern eine Frau, die sich um die Institution der Ehe nicht schert.“[1] Somit stellt sich die Frage, wie eine derart ausschließliche Liebe wie des Helden Tristrants zu Isalde, der rechtmäßigen Ehefrau Markes, innerhalb des Gefüges höfischer Verhaltensnormen und entgegen der sozialen Gesellschaftsordnung überhaupt funktionieren kann.

Thema der vorliegenden Hausarbeit soll es sein, den Konflikt von Liebe und höfischer Gesellschaft im Tristrant und Isalde Eilharts von Oberg eingehend zu untersuchen. Begonnen wird mit der Analyse des Verhältnisses von Liebe und Verrat. Isoliert betrachtet mag die Liebesgeschichte der beiden Protagonisten ein harmonisches Bild aufweisen, doch mit der Geschichte sind ebenso unlösbar Betrug und Verrat verbunden. Schließlich wird in Eilharts Roman nicht nur König Marke betrogen. Die wohl moralisch verwerflichste Tat stellt Isaldes Mordanschlag auf ihre Dienerin und Vertraute, Brangene dar. Daher soll dieser innerhalb der Analyse ein besonderes Augenmerk erhalten. Denn nicht nur die Liebe, sondern auch der Wert der êre spielen in Eilharts Roman eine tragende und damit handlungsweisende Rolle.

Des Weiteren gilt es die höfischen Normen und Ideale im Kontext der Liebe zu skizzieren. Im Roman wird häufig darauf aufmerksam gemacht, dass Tristrant und Isalde höfische Eigenschaften und Tugenden besonders herausragend repräsentieren. Doch was ist mit dem Ehebruch, der bereits in der Hochzeitsnacht begann? Erhebt der Autor die Ehebrecher und Verräter etwa zu Trägern gesellschaftlicher Ideale? Bezüglich dieser kontroversen Frage soll besonders der Ehebruch in Hinsicht auf die höfische Gesellschaft und seiner Rechtfertigung innerhalb dieser erläutert werden.

Monika Schausten behauptete, dass Tristrant und Isalde in ihrer eigenen, von ihrer Liebe bestimmten Welt leben. Sie stellte diese Welt der Liebenden der Welt des Hofes gegenüber.[2] Ob diese beiden Welten sich gegenseitig durchdringen oder welche Konsequenzen sich aus einer möglichen wechselseitigen Wirkung ergeben könnten, soll im letzten Kapitel der vorliegenden Arbeit analysiert werden.

2. Das Verhältnis von Liebe und Verrat

Eilharts Roman Tristrant und Isalde weisen nicht nur die Liebe als alleiniges konstantes Merkmal der Geschichte auf, sondern ebenso den Betrug und Verrat. Doch ist es nicht nur die durch den Minnetrank ausgelöste Konfliktsituation, die es den beiden Liebenden notwendig erscheinen lässt, ihre Umwelt zu betrügen. Bereits vor dem Entstehen ihrer Liebe bilden Lüge, Betrug und Verrat feste Bestandteile der Geschichte.

Kurneval, Tristrants Erzieher und Begleiter, bemühte sich bei seiner ritterlichen Ausbildung darum Tristrant zur Aufrichtigkeit zu erziehen: „er lert in tugent und er“ (v. 184) und „verbot im all boußhait“ (v. 182). Trotz dessen meistert Tristrant vor dem Hintergrund dieser Erziehungsnormen so manche kritische Situation durch Betrug. Beispielsweise erreichte er, indem er sich in Irland als englischer Kaufmann ausgibt, dass die Verwandten Morolts (Isalde), welchen er getötet hat, ihn heilen (Vgl.: v. 1213 ff.).

Ebenso stellt sich die Beziehung des Helden Tristrants zu Isalde von Anfang an als äußerst problematisch dar. Zum einen hat er ihren Verwandten ermordet und zum anderen erwirbt er sich einen Anspruch auf sie, die Königstochter, indem er Irland von einem Drachen befreit. Diese Tatsache stimmt sie zwar vorerst gnädig, doch als sie erfährt, dass er bloß der Brautwerber für seinen Onkel, König Marke, ist, enttäuscht sie dies. Isaldes Irritation aufgrund von Tristrants Verhalten setzt sich sogar nach dem Genuss des Liebestranks fort. In einem inneren Monolog klagt sie über die Hoffnungslosigkeit ihrer Liebe, da sie aus Tristrants bisherigem Verhalten schließt, dass dieser sie nicht liebt: „ich fúrcht, daß er nit gere min“ (v. 2523). Und selbst nach dem gegenseitigen Eingeständnis ihrer Gefühle, ist die Liebe der beiden niemals völlig frei von Misstrauen. Bis hin zu ihrem Tod bleibt die Furcht vom anderen hintergangen zu werden.[3]

Ferner wird anhand des zweiten Rückkehrabenteuers die Verbindung von Liebe und Verrat besonders deutlich. Tristrant verkleidet sich als Aussätziger, um zu Königin Isalde zu gelangen und ein Missverständnis aus der Welt zu schaffen. Zu der Tatsache, dass sie ihm nicht glaubt, kommt weiterhin Tristrants Erniedrigung aufs Äußerste aufgrund seiner unstandesgemäßen Verkleidung. Isalde lässt ihren Geliebten verprügeln und lacht dabei sogar noch über ihn (Vgl.: v. 7263). Doch Tristrant rächt sich für diese Demütigung, indem er „durch den zorn“ (v. 7311) auf Isalde endlich die Ehe mit seiner Frau Isalde II vollzieht.

Betrug und Verrat nehmen einen starken Einfluss auf die Beziehung der Liebenden. Doch in einem noch größeren Maße beeinflussen sie das Verhältnis des Paares zu den Personen in ihrem Umfeld, welchen sie durch ihre Liebe Schaden zufügen. Hierbei ist besonders Marke, König von Cornwall, betroffen. Er ist nicht nur der betrogene Ehemann, sondern wird zugleich als Tristrants Onkel und nächster Verwandter zahlreich verraten, was die Betrugsmanöver der Liebenden noch schwerwiegender erscheinen lässt. Schließlich nahm Marke gegenüber seinem Neffen bereits vor der Brautwerbung, als er von dem verwandtschaftlichen Verhältnis noch gar nichts wusste, eine vorbildliche Haltung ein. Er nahm diesen freundlich an seinem Hofe auf und war sogar dazu bereit auf eine Ehe und damit auf Nachkommen zu verzichten, damit Tristrant seinen Thron erbt: „der kúng waß im so hold, / daß er durch sinen willen wolt / nicht etlichß wib pflegen. / er daucht, daß er den tegen / wolt zu◦ ainem sun hon / und daß er im underton / sin rich wölt machen“ (v. 1397-1403). Auch Tristrants Verhalten seinem Onkel gegenüber war von Loyalität geprägt, doch endete dies schlagartig mit dem Genuss des Minnetranks und dem damit verbundenen Entstehen der Liebe zu Isalde. Doch Marke erhält seine Loyalität gegenüber Tristrant auch dann noch aufrecht als am Hofe längst Gerüchte über ihr Liebesverhältnis im Umlauf sind. Antrets Verdächtigungen, dass Tristrant seine Ehefrau leidenschaftlich liebe, werden energisch von ihm zurückgewiesen: „Trÿstrand sol unß wesen bÿ, / wann ich mag sin nit embern. / du bedarft nimmer begern, daß ich im durch dich wird gran. / den schaden, den ich sin ÿe gewan, / den mag ich licht verclagnen“ (v. 3314-3319). Marke reflektiert über Tristrants ritterlichen Leistungen zugunsten seiner Person und ist deswegen nicht so schnell dazu bereit seine Loyalität ihm gegenüber aufzugeben. Auf der Ebene des erzählten Geschehens findet sich solch eine Reflexion bei Tristrant und Isalde hingegen an keiner Stelle. Vielmehr deutet der Text darauf hin, dass sie den Treuebruch an Marke und anderen Personen wie beispielsweise an Isalde II niemals zu einem Problem ihrer eigenen Existenz machen. Tristrant weist Marke sogar in betrügerischer Absicht auf seinen eigenen Wert für das Ansehen des cornischen Hofes hin.[4] In einem fingierten Dialog mit Isalde weist er auf die hohe Würdigung seiner Person an anderen Höfen hin. Damit erreicht er die erneute Aufnahme am cornischen Hof, obwohl er bereits von König Marke des Hofes verwiesen wurde: „ouch bin ich deß selb gewÿß, / will ich beliben anderswa, / daß man mich nicht vertribt da. / also verdien ich daß, / daß man mich schöner und baß / halt und nicht hasset,“ (v. 3716-3721).

Doch solch listige Äußerungen Tristrants, in denen er Marke, den potentiellen Kläger zum Angeklagten macht, erzeugen beim Rezipienten nur sehr verhalten ein Bewusstsein für das unrechtmäßige Handeln der Liebenden an Marke. Jan Dirk Müller behauptet sogar, dass Tristrant legitim handelt, „wenn er sich gegen Verrat und Treuebruch seiner Neider bei Hof wendet, unabhängig davon, daß er dadurch zugleich gegen Marke handelt.“[5]

Auf der Ebene des erzählten Geschehens wird eine Identifizierung des Lesers mit den Hauptfiguren, durch das Handeln der Liebenden zugunsten ihrer persönlichen Bedürfnisse und aufgrund der harten Sanktionsmaßnahmen Markes, sogar begünstigt. Beispielsweise erscheint das brutale Vorgehen an Brangene als notwendig und der Verrat an Marke wird erst gar nicht problematisiert. Markes Verhalten erscheint plötzlich fragwürdig, als er sich sehr harte Todesstrafen für die Liebenden ausdenkt, wofür ihn außerdem sein Truchseß Tinas kritisiert (Vgl.: v. 4141 ff.).

Auch Isalde II, Tristrants Ehefrau, ergeht es nicht besser als König Marke, da sie von dem Helden bereits hintergangen wird noch bevor sie miteinander verheiratet sind. Er verschweigt ihr, dass er eine schönere Frau als sie kennt: „er west ain schöner wib dann sie“ (v. 5933). Tristrants Verbindung zu Isalde II steht von Beginn an im Schatten seiner Liebe zu Isalde I. Er vollzieht erst die Ehe mit ihr, nachdem er in der Verkleidung des Aussätzigen von Isalde I verspottet und davongejagt wurde, um Rache zu nehmen. Im Text jedoch erscheint Tristrants Verhalten gegenüber seiner Frau ebenso wie gegenüber Marke in keiner Phase der Handlung als moralisch verwerflich. Zugleich darf aber hierbei nicht außer Acht gelassen werden, dass auch Isalde II verräterisch ist, da sie die falsche Farbe des Segels angibt und damit den Tod des Helden bewirkt (Vgl.: v. 9607 ff.).[6]

Des Weiteren bilden die Handlungsfiguren Brangene und Kurneval die letzte Ebene des Verrats und zeigen, „daß der Konflikt um die ehebrecherische Liebe immer wieder in einen Konflikt um feudale triuwe hinübergespiegelt wird.“[7] Brangene ist ihrer Herrin Isalde und Kurneval seinem Herrn Tristrant treu ergeben. Innerhalb der Feudalgesellschaft spielt es scheinbar keine Rolle, dass sie an der Schande des Königs durch ihre häufige Beihilfe zum Ehebruch mitwirken.

Alle bisher aufgezählten exemplifizierenden Textstellen, sollen das eigentümliche Verhältnis von Liebe und Verrat in Eilharts Dichtung aufzeigen. Der Verrat der Liebenden wird zwar darin beschrieben, jedoch nicht dazu verwendet das Handeln der beiden in irgendeiner Form als schändlich zu bewerten. Wolfgang Mohr behauptet hierzu, dass der Text eine umgedrehte Moral vermitteln würde, in welcher „das Recht […] auf der Seite der Liebenden [ist], der betrogen Gatte […] lächerlich [ist] und die Aufpasser […] wahre Bösewichter [sind].“[8] Das heißt der Verrat der Liebenden wird dadurch gerechtfertigt, dass die Anderen noch schlechter handeln als sie selbst.

[...]


[1] Müller, Jan-Dirk: Die Destruktion des Heros oder wie erzählt Eilhart von passionierter Liebe? In: Atii del

Convegno – Beiträge der Triester Tagung 1989: Der Tristan in der Literatur des Mittelalters.

Frankfurt/Main: Hector 1990. S. 20.

[2] Vgl.: Schausten, Monika: Erzählwelten der Tristangeschichte im hohen Mittelalter. Untersuchungen zu

den deutschsprachigen Tristanfassungen des 12. und 13. Jahrhunderts. München: Fink 1999. S. 78.

[3] Tristrant glaubt seiner Frau Isalde II sofort die Lüge, dass das Segel des Schiffes schwarz ist und stirbt. Er

vertraut nicht darauf, dass Isalde ihm aus Liebe zu Hilfe kommt (Vgl.: v. 9606 ff.).

[4] Vgl.: Schausten, Monika: Erzählwelten der Tristangeschichte im hohen Mittelalter. S. 67.

[5] Müller, Jan-Dirk: Die Destruktion des Heros oder wie erzählt Eilhart von passionierter Liebe? S. 24.

[6] Vgl.: Schausten, Monika: Erzählwelten der Tristangeschichte im hohen Mittelalter. S. 69f.

[7] Müller, Jan-Dirk: Die Destruktion des Heros oder wie erzählt Eilhart von passionierter Liebe? S. 23.

[8] Mohr, Wolfgang: Tristan und Isolde. In: Germanisch-romanische Monatsschrift NF 26 (1976). S. 69.

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640854271
ISBN (Buch)
9783640854301
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168451
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für germanistische Literaturwissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
Tristrant und Isalde Eilhart von Oberg höfische Gesellschaft Verrat Marke Liebe Gesellschaft

Autor

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