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Die aktuelle Forschungsdiskussion über Existenz, Ursprung und Bedeutung von Adel in der Merowingerzeit

Hausarbeit 2009 19 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Forschungsdiskussion über Existenz, Ursprung und Bedeutung von Adel in der Merowingerzeit
1. „Adel oder Oberschicht?“ – Die Forschungskontroverse der sechziger und siebziger Jahre
a) Franz Irsiglers „Untersuchungen zur Geschichte des frühfränkischen Adels“
b) Heike Grahn-Hoeks „Die fränkische Oberschicht im 6. Jahrhundert“
c) Kritik an beiden Ansätzen
d) Zusammenfassung
2. Alternative methodische Ansätze
a) Heiko Steuers Infragestellung der sozialgeschichtlichen Aussagekraft archäologischer Quellen
b) Karl Ferdinand Werners Kontinuitätstheorie

III. Zusammenfassung und Darstellung des aktuellen Forschungsstands

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die Adelsforschung bildete schon früh einen essentiellen Bestandteil der Rechts- und Verfassungsgeschichte, wobei vor allem die Ursprünge des mittelalterlichen Adels das Interesse der Forscher weckten. Für das 19. und frühe 20. Jahrhundert lassen sich grob zwei theoretische Ansätze, die Entstehung und die politische, soziale und wirtschaftliche Rolle des Adels zu definieren, unterscheiden[1]. Die „Gemeinfreienlehre“ beruht auf der Annahme einer „genossenschaftlichen Ordnung“ der Germanen, wie sie etwa von Tacitus beschrieben wurde. Als Ausgangspunkt dient eine Gesellschaft gleichberechtigter, freier Bauern, denen eine ähnliche materielle Grundlage zur Verfügung steht, als staatstragende Schicht[2]. Unterschiedliche Betrachtungsweisen aus verschiedenen historischen Perspektiven führten zu dem gemeinsamen Schluss, dass durch den Adel das ideale, von Freiheit und Gleichberechtigung geprägte Gemeinwesen zugrunde gegangen sei. Auch der fränkische Königsstaat habe noch auf den Gemeinfreien basiert, bis unter schwachen Königen der Adel, der aus der Übernahme fränkischer Verwaltungsämter oder der Anhäufung von Grundbesitz entstanden war, königsähnliche Macht an sich gerissen und die freien Bauern unterdrückt habe[3].

Am Anfang des 20. Jahrhunderts kam neben der „Gemeinfreienlehre“ die sogenannte „Adelsherrschaftstheorie“ auf. Vertreter dieser Theorie setzten die Existenz eines „Herrenstandes“[4] mit autogenen Herrschaftsrechten, die sich nicht vom König und der Ausübung der von diesem übertragener Ämter ableiteten, ab dem 9. Jahrhundert voraus[5]. Die Akkumulation von Grundbesitz stellt hier nicht die Folge adliger Herrschaft dar, sondern deren Basis[6]. Ab den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts betrachtete man Adel als essentiellen Bestandteil des mittelalterlichen Staats, dessen Entwicklung schon in germanischer Zeit ihren Anfang genommen hätte. Auch eine deutliche Abgrenzung vom Königtum wurde nicht mehr angenommen, Adelsherrschaft und Königtum stellten somit gleichartige Phänomene von unterschiedlicher Intensität dar[7]. Strittig blieben allerdings stets einerseits die Frage nach der Kontinuität eines vorvölkerwanderungszeitlichen germanischen Adels, andererseits die Frage nach der rechtlichen Stellung des Adels im Allgemeinen[8].

Insgesamt also war es, vor allem für das Frühmittelalter, nicht möglich, einen allgemeinen Konsens über die Entstehung und die Rolle des Adels zu erzielen, was zu einem großen Teil auch an der unterschiedlichen Auffassung der merowingerzeitlichen Verfassung lag. Immer wieder riefen vor allem die Fragen nach der Existenz eines vorvölkerwanderungszeitlichen germanischen Adels, dessen Kontinuität und Grundlagen Diskussionen hervor[9]. Auch die Bedeutung des gallorömischen Senatorenadels und einer Kontinuität des spätantiken Ämterwesens blieb umstritten[10]. Ein vorläufiges Ende der Kontroverse[11] konnte Franz Irsigler 1969 mit seiner Dissertation „Untersuchungen zur Geschichte des frühfränkischen Adels“[12] erreichen. 1976 wurde dann allerdings die Diskussion von Heike Grahn-Hoek wieder eröffnet, die sich mit ihrer Dissertation zum Thema „Die fränkische Oberschicht im 6. Jahrhundert. Untersuchungen zu ihrer rechtlichen und politischen Stellung“[13] Irsiglers Theorien entgegenstellte. Im Folgenden werde ich versuchen, die Argumentation und die Schlüsse der beiden Autoren in Bezug sowohl auf die Entstehung einer frühmittelalterlichen Führungsschicht, als auch auf deren rechtliche und politische Stellung darzulegen. Anschließend werde ich auf die Forschungsdiskussion, die der Veröffentlichung von Grahn-Hoeks Dissertation folgte, eingehen, um zum Schluss zwei weitere, alternative methodische Ansätze zur Lösung der Kontroverse zu beschreiben.

II. Forschungsdiskussion über Existenz, Ursprung und Bedeutung von Adel in der Merowingerzeit

1. „Adel oder Oberschicht?“ – Die Forschungskontroverse der sechziger und siebziger Jahre

a) Franz Irsiglers „Untersuchungen zur Geschichte des frühfränkischen Adels“

Franz Irsigler legt seiner 1969 erstmals erschienenen Dissertation eine äußerst breite Quellenbasis zu Grunde. Abgesehen von erzählenden Quellen, wie dem Geschichtswerk Gregors von Tours und den Viten und Gedichten des Venantius Fortunatus, zieht er Rechtsquellen wie den Pactus Legis Salicae mit Ergänzungen, und, erstmals in diesem Umfang[14], auch archäologische Quellen zu Rate. Auf dieser Basis baut er seine Argumentation zu Gunsten der Existenz eines frühfränkischen Adels auf und legt seine Vorstellung von dessen politischer, wirtschaftlicher und sozialer Rolle dar.

Den erzählenden Quellen räumt Irsigler weitaus mehr Aussagekraft in Bezug auf die Frage nach Existenz und Rolle von Adel ein als den Rechtsquellen[15]. In besonderem Maße stützt er sich hier auf das Geschichtswerk des Gregor von Tours. Dieser, ein Angehöriger der gallorömischen Senatorenaristokratie, wurde 573 zum Bischof von Tours gewählt[16] und begann wohl etwa zu dieser Zeit mit der Niederschrift seiner zehnbändigen Historia Francorum[17]. Trotz seiner Verbundenheit mit dem merowingischen Hof und den Franken zeigt sich in seinem Werk deutlich seine Herkunft aus der romanischen Oberschicht[18]. So bezeichnet er, mit wenigen Ausnahmen, ausschließlich Angehörige seines eigenen Standes als nobiles bzw. nobilissimi[19], während er führende Persönlichkeiten unter den Franken sowie Romanen maiores natu[20] oder meliores natu[21] nennt. Wenn er den Begriff nobilis doch einmal auf einen Franken anwendet, so stets mit dem Zusatz in gente sua. Für Franz Irsigler zeigt sich in diesen Begrifflichkeiten ein „Aufeinandertreffen und [eine] Verbindung zweier grundverschiedener Adelsvorstellungen im 5. und 6. Jahrhundert“[22]. So habe der aus einem traditionsreichen Senatorengeschlecht stammende Gregor den auf seinen eigenen Stand angewandten Begriff nicht auf die völlig andersartige, aber deswegen nicht etwa minderwertige, Führungsschicht der Franken übertragen können[23]. Dennoch ließen weder der abweichende Begriff noch der einschränkende Zusatz darauf schließen, dass es bei den Franken keinen dem Senatorenadel entsprechenden Stand gegeben habe. Die Betonung des in gente sua lässt Irsigler sogar eine Erblichkeit des Ranges und des damit verbundenen Ansehens vermuten[24], zudem auch der Begriff maiores natu die Bedeutung der Geburt beinhaltet[25]. Die wachsende Differenzierung der Bezeichnungen Gregors für die fränkische Oberschicht deutet Irsigler als Ergebnis der größeren zeitlichen Nähe des Autors zu den Ereignissen. Es wird angenommen, dass Gregor von Tours ab seinem fünften Buch der Frankengeschichte Zeitgeschichte schrieb, während er sich für die vorherigen Jahre auf mündliche Berichte anderer stützen musste, was der Genauigkeit abträglich war[26]. So spricht er zuerst vor allem von Franci, um für die spätere Zeit wohl nach Funktion, Position o. ä. zu unterscheiden und Bezeichnungen wie seniores, priores und proceres zu verwenden[27]. Die von Gregor vor allem zu Beginn des sechsten Jahrhunderts oft als handelnde Personen genannten Franci sieht Irsigler fast ausnahmslos als Gefolgsherren mit bedeutendem politischem Mitspracherecht und Widerstandsrecht gegen den König an, sie seien nicht identisch mit der breiten Masse der ingenui[28]. Der Nähe zum König und der Übernahme von Ämtern räumt er nur geringe Bedeutung in Bezug auf Machterhalt der Adelsschicht ein, vielmehr hätten die Ämter lediglich zur Steigerung, nicht zur Erhaltung der Macht und des Rangs gedient[29]. Dies begründet er unter Anderem mit der Tatsache, dass Gregor von der Notwendigkeit berichtet, bei Übernahme der Königsgewalt den Adel mit Geschenken auf seine Seite zu ziehen[30]. Wäre die Macht des Adels allein vom König abzuleiten, wäre dies überflüssig. Auch die Unterzeichnung wichtiger Verträge nahm der König in Übereinkunft mit seinen proceres vor, ließ sich zum Teil sogar von diesen vertreten[31]. Eine weitere Bestätigung dieser Ansicht bildet für den Autor die Tatsache, dass der Aufstieg unfreier Franken im Königsdienst, die teilweise sogar dem Adel vorbehaltene Ämter bekleideten, Ausnahmen blieben und allgemein missbilligend betrachtet wurden[32]. Irsigler erkennt also eine Adelsschicht, deren Grundlagen die Herkunft aus einer angesehenen Familie sowie „der Besitz eigenständiger, nicht vom König abgeleiteter Herrschaftsrechte“ über Land und Leute bildeten und die bedeutenden politischen Einfluss genoss[33]. Diese ließe sich bei Gregor von Tours aber erst ab dem Ende des 6. Jahrhunderts sicher nachweisen[34].

[...]


[1] HECHBERGER 2005, S. 14.

[2] HECHBERGER 2005, S. 15.

[3] HECHBERGER 2005, S. 31.

[4] HECHBERGER 2005, S. 35.

[5] HECHBERGER 2005, S. 36.

[6] HECHBERGER 2005, S. 35.

[7] HECHBERGER 2005, S. 39.

[8] HECHBERGER 2005, S. 16f.

[9] HECHBERGER 2005, S. 108.

[10] HECHBERGER 2005, S. 105ff.

[11] HECHBERGER 2005, S. 111.

[12] IRSIGLER 1981.

[13] GRAHN-HOEK 1976.

[14] HECHBERGER 2005, S. 111.

[15] IRSIGLER 1981, S. 38.

[16] IRSIGLER 1981, S. 83.

[17] IRSIGLER 1981, S. 96.

[18] IRSIGLER 1981, S. 83f.

[19] IRSIGLER 1981, S. 84.

[20] IRSIGLER 1981, S. 93.

[21] IRSIGLER 1981, S. 94.

[22] IRSIGLER 1981, S. 91

[23] IRSIGLER 1981, S. 90.

[24] IRSIGLER 1981, S. 91.

[25] IRSIGLER 1981, S. 93.

[26] IRSIGLER 1981, S. 96f.

[27] IRSIGLER 1981, S. 111.

[28] IRSIGLER 1981, S. 97.

[29] IRSIGLER 1981, S. 111.

[30] IRSIGLER 1981, S. 115.

[31] IRSIGLER 1981, S. 112.

[32] IRSIGLER 1981, S. 125f.

[33] IRSIGLER 1981, S. 253.

[34] IRSIGLER 1981, S. 137.

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640855438
ISBN (Buch)
9783640855582
Dateigröße
391 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168440
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Schlagworte
forschungsdiskussion existenz ursprung bedeutung adel merowingerzeit

Autor

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