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Die Stadt von der Kultur her denken oder die Kultur von der Stadt her denken?

Strategien der kommunalen Kulturpolitik

Hausarbeit 2010 18 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Strukturwandel der kulturellen Öffentlichkeit und der Kulturpolitik

2. Begriffserklärung und Aufgaben der Kulturpolitik

3.Neue Ansätze der Kulturpolitik
3.1 Ziele einer neuen Kulturpolitik
3.2 Strategische Kulturpolitik der Kommunen
3.2.1 Nachhaltigkeit
3.2.2 Vor; und Nachteile
3.2.3 Die Rolle von Kultur in der Stadtentwicklungspolitik
3.2.4 Strategische kommunale Kulturpolitik am Beispiel des Integrierten Städtebaulichen Entwicklungskonzepts (ISEK) der Stadt Bayreuth
3.2.4.1 Handlungsfeld Kunst und Kultur
3.2.4.2 Integriertes Kulturkonzept

4. Ausblick und kritische Reflexion

Literaturverzeichnis

1. Der Strukturwandel der kulturellen Öffentlichkeit und der Kulturpolitik

"Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei." Dieser Grundsatz, der in Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes (GG) der Bundesrepublik Deutschland verankert ist, garantiert das Recht eines jeden Bürgers auf Freiheit von Kunst und Kultur vor dem Bundesverfassungsgericht. So versteht sich das moderne Deutschland unter anderem als Kulturstaat.1 Aus diesem Grund ist schnell zu erfassen, dass die Begriffe "Kultur" und "Politik" nicht zu trennen sind. Folglich lässt sich in diesem Zusammenhang von einer "Kulturpolitik" sprechen. Der Beginn der Kulturpolitik der BRD lässt sich jedoch schon Mitte des letzten Jahrhundert, spätestens mit der Kulturkonvention des Europarates 1954, datieren. In den 1970er Jahren machte die politische Kultur und mit ihr die Kulturpolitik in Deutschland einen grundlegenden Wandel durch. Zum Einen spielte hierbei die 68er;Bewegung eine große Rolle und zum Anderen formulierte der Europarat 1976 neue kultur; politische Prinzipien, die mit dem Ziel der "kulturellen Demokratisierung"2 in der Bundesrepublik vorangetrieben wurden. Hermann Glaser und Hilmar Hoffmann forderten das "Bürgerrecht Kultur" und eine "Kultur für alle", deren Umsetzung besonders in Großstädten erfolgreich gelang. Diese Ansätze bewirkten auch ein Umdenken in der Städtebaupolitik: Für die Städte wuchs der Stellenwert von Kultur enorm. So entstand ein neues Profil der Kulturpolitik, das zur Modernisierung einer bürgernahen Politik beitrug und einen neuen Begriff der Ästhetik schuf. Um 1990 erwachte das Interesse an der Kultur neu, so dass diese nun auch als Standortfaktor in der Wirtschaft erfasst wurde. Die folgenden Jahre waren jedoch geprägt von den Problemen der Wiedervereinigung und finanziellen Missständen der Kommunen. 1998 verstärkte sich das Bewusstsein für Kulturpolitik erneut. Dies führte unter der Regierung von Kanzler G. Schröder zu der Entwicklung der Enquete;Kommission "Kultur in Deutschland".3 Forderung dieser Kommission war und ist, mit dem Leitspruch und Artikelzusatz "Der Staat schützt und fördert die Kultur" Kultur als Staatsziel im GG zu verankern, was jedoch bis heute nicht erreicht werden konnte.4

In Anbetracht dieser Debatte soll nun in vorliegender Arbeit auf die neuen Aspekte der Kulturpolitik und in diesem Zusammenhang speziell auf die Kommunalpolitik eingegangen werden. Besonders zu betonen ist hierbei das Buch "Die Stadt von der Kultur her denken - die Kultur von der Stadt her denken" von Reinhart Richter und Hans Brinckmann5, welches eine Auswahl an Aufsätzen zu den verschiedenen An; sätzen der modernen Kulturpolitik und auch im Hinblick auf die Städte(bau)politik enthält.

Aus diesem Grund sollen diese Essays und weitere Werke mithilfe qualitativer Methoden sowohl auf die Strukturen und Wandlungsprozesse der Kulturpolitik untersucht und somit interpretativ analysiert als auch kritisch reflektiert werden. Dabei stellen sich unter Berücksichtigung des volkskundlichen Seminars "Wozu die Kunst? Konzepte öffentlicher Kultureinrichtungen" folgende Fragen: Was ist Kultur; politik? Wer sind ihre Akteure? Wie werden kulturwirtschaftliche Existenzen, Künstler und kulturnahe Berufe unterstützt und gefördert? Wie kann kulturelle Bildung gewährleistet werden? Und auch: Wie wird Kulturpolitik in die Kommunal; politik integriert?

Strukturell soll hierbei folgendermaßen vorgegangen werden: Nach einer Begriffs; erklärung und einer Erläuterung der Aufgaben der Kulturpolitik werden neue Ansätze in diesem Bereich vorgestellt. Zunächst werden die Ziele beschrieben, um danach auf die strategische und kommunale Kulturpolitik einzugehen. Diese beinhaltet eine Erläuterung der Vor; und Nachteile sowie der Rolle, die Kultur in der Stadtentwicklungsplanung spielt. Hierbei dient das Integrierte Städtebauliche Entwicklungskonzept der Stadt Bayreuth als Beispiel. Letzlich sollen diese Ergebnisse kritisch beurteilt und in einen kulturpolitischen und gesellschaftlichen Gesamt; kontext gestellt werden.

2. Begriffserklärung und Aufgaben der Kulturpolitik

Was ist eigentlich Kulturpolitik? Häufig im öffentlichen Diskurs verwendet, ist dieser Begriff zunächst einmal zu definieren: Kulturpolitik bezeichnet zum einen alles Handeln eines Staates im Bereich der Kunst (bildende und darstellende Kunst wie auch Musik und Literatur), zum anderen aber auch alle Formen gesellschaftlicher Beziehungen. Oder nach dem Literat Paul Raabe: Aufgaben der Kulturpolitik sind schlicht und ergreifend alle kulturelle Angelegenheiten. Diese ergäben sich aus der Fülle dessen, was nach Auffassung der Enquete;Kommission geschützt, gefördert, verwaltet oder unterstützt wird bzw. werden soll: die Kultureinrichtungen, das kulturelle Erbe, das kulturelle Leben und die kulturelle Bildung. Aus diesem Grund sei Kulturpolitik eine zentrale Querschnittsaufgabe der Politik und somit in zwei Zu; ständigkeitsbereiche aufgeteilt: die Ebene der Länder und die übergeordnete nationale Ebene.6 Der Kulturpolitiker Oliver Scheytt geht hier näher ins Detail. Hauptaufgabe der Kulturpolitik sei die Sicherung der kulturellen Grundlagen, die er in vier Schritten erörtert7 :

1. Definieren des öffentlichen Auftrags der Kultureinrichtungen, da dieser dem staatlichen und kommunalen Handeln in der Kulturarbeit und -politik zugrunde liegt.
2. Ziele und Standards diskutiern und festlegen.
3. Entwicklung von Handlungsprogrammen, um den Auftrag umsetzen und die Qualität der kulturellen Angebote sichern zu können.
4. Die Frage klären, mit welchen freigemeinnützigen Partnern (Investoren aus der Wirtschaft oder auch Bürgerschaft) der Staat und die Kommunen die Verantwortung tragen.

"Es geht also um das Zusammenwirken kulturellen Engagements, um das Zusammenbringen von Kulturschaffenden und um das Zusammenfassen von kulturellen Aktivitäten."8

Weitere und aktuellere Aufgaben der Kulturpolitik definiert der Kulturmanagement; Professor Peter Vermeulen. Demnach müsse ein flexibles Förderinstrumentarium aufgebaut werden, das ein Budget für den Kulturreferenten zur "unbürokratischen Soforthilfe", neue Finanzierungsinstrumente (wie z.B. Bürgschaften) und themen-bezogene Ausschreibungen (Projekte bzw. Projektvorschläge) enthalte. Zudem seien in der Kulturverwaltung unabhängige Evaluationen der Fördermaßnahmen auf die kulturpolitischen Wirkungsabsichten (z.B. durch das Statistisches Institut für Sozio; logie) notwendig.9 Diese sehr detailierten Aufgaben gehen jedoch bereits in eine engere Richtung der Kulturpolitik: die kulturbezogene Kommunalpolitik. Auf diese soll nun in folgendem Kapitel unter Berücksichtigung ihrer Bereiche sowie Ziele und Maßnahmen eingegangen werden.

3.Neue Ansätze der Kulturpolitik

Im Jahr 2005 berichtete die Zeitung des Deutschen Kulturrates politik und kultur von einer Befragung der Oberbürgermeister von Großstädten10. Diese wurden zu kultur; politischen Schwerpunkten der Kommunen interviewt. Durch die Äußerungen wurde deutlich, wie stark Kulturpolitik mit kommunaler Politik verknüpft ist. Demnach würde kulturpolitisches Handeln weniger für die Unterstützung kultureller Einrichtungen, sondern mehr als Beitrag für andere kommunale Aufgaben verstanden.11 Die Ziele dieser neuen Kultur; und Kommunalpolitik, die im nächsten Kapitel behandelt werden, führen wiederum zu einem wichtigen Begriff dieser Debatte: die strategische Kulturpolitik. Welche Rolle hierbei auch Nachhaltigkeit spielt, wird unter anderem in Kapitel 3.2 erläutert.

3.1 Ziele einer neuen Kulturpolitik

Trotz der bereits erwähnten Hauptaufgabe der Kulturpolitik, der Sicherung der kulturellen Grundlagen, beinhaltet diese in den Kommunen weitaus mehr Bereiche als nur die Arbeit in den öffentlichen Kulturinstitutionen. Laut Hans Brinckmann ist sie auch in den “klassischen” politischen Sektoren zu finden. Kulturpolitik ist in diesem Sinn auch12 :

[...]


1 Vgl. Schlussbericht der Enquete;Kommission „Kultur in Deutschland“ 2007, S.59

2 Schwencke et al. 2009, S.16, Z. 20

3 Vgl. ebenda, S.15ff

4 Siehe Schlussbericht der Enquete;Kommission „Kultur in Deutschland“ 2007, S.68

5 Siehe Brinckmann, Richter 2006

6 Siehe Raabe 2008 "Von der Kulturnation zum Kulturstaat", S.4

7 Siehe Scheytt 2006 "Kulturpolitik zwischen Fürsorge und Vielfalt", S.48f

8 Schneider 2006 "Von Kulturräumen, Netzwerken und Zweckverbänden", S.336, Z.1;3

9 Vgl. Vermeulen 2006 "Weniger Institutionen, mehr Wirkungen", S.75

10 Mit über 100 000 Einwohnern

11 Siehe Zimmermann; Schulz "Die Chancen, die Risiken ; Kultur in deutschen Großstädten 2006"

12 Vgl. Brinckmann 2006 "Das Zusammenspiel von strategischer Kulturpolitik und strategischer Kommunalpolitik", S. 18;19

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640855421
ISBN (Buch)
9783640855124
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168437
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Volkskunde/Kulturgeschichte
Note
1,0
Schlagworte
Kulturpolitik Städteplanung Kultureinrichtungen Bayreuth Kommunen Kulturinstitutionen Kulturkonzepte Bernd Wagner Kunst und Kultur

Autor

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