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August Stramm

Eine linguistische Analyse der frühen Lyrik im Vergleich zur Kriegslyrik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 25 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Einflüsse und Zeitgeist
2.1 Kosmischer Mystizismus
2.2 Sprachphilosophie Friedrich Nietzsches
2.3 Der Sturm-Kreises und die Wortkunsttheorie

3. Linguistische Analyse der frühen Lyrik im Vergleich zur Kriegslyrik
3.1 „Du“ – Liebeslyrik
3.1.1 Das Wort
3.1.1.1 Das Verb
3.1.1.2 Das Adjektiv
3.1.1.3 Das Substantiv
3.1.2 Der Satz
3.1.2.1 Intransitive und transitive Verben
3.2 „Tropfblut“ – Kriegslyrik
3.2.1 Entwicklungen in der Kriegslyrik im Vergleich zu „Du“

4. Fazit

5. Literatur

6. Erklärung über das selbstständige Verfassen

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit den linguistischen Aspekten der Lyrik August Stramms. Dabei soll vor allem auf Deviationsverfahren in Lexik, Syntax, Morphologie und Typographie eingegangen werden, die im Zusammenhang mit dem Phänomen der Wortkunstwerke des Sturm-Kreises um Herwarth Walden stehen, das laut Lothar Schreyer gar „[…] seine Höhe in den Wortkunstwerken von August Stramm“ erreichte (Schreyer 1956:91). Richard Brinkmann bezeichnet die Wortkunst-Theorie, die die Lyrik August Stramms entscheidend prägte, als „ die extremste Position der deutschen Literatur und Literatur-Theorie in der Bemühung um so etwas wie eine ‚abstrakte’ Dichtung.“ (Brinkmann 1961:63). Stramms Lyrik entstand jedoch vor der Veröffentlichung der Wortkunst-Theoreme, so dass es eine „merkwürdige und interessante Tatsache (ist), wie hier fast gleichzeitig mit den Wortkunst-Theoretikern des Sturms ein Talent auftritt, das ein Exempel zu jenen Theorien gibt […].“ (Brinkmann 1961:69). Es stellt sich somit die Frage, welche theoretischen Vorraussetzungen für Stramms Lyrik gegeben waren. Als interessant erweist sich in diesem Zusammenhang im Vorhinein ein kurzer Blick auf sein Verhältnis zur Sprache und inwiefern sprachphilosophische, künstlerische sowie mystische Diskurse seiner Zeit ihn beeinflussten.

Den Hauptteil meiner Arbeit bildet die linguistische Analyse der Lyrik, wobei ich im Besonderen auf die Entwicklung von der Liebeslyrik („Du“) zur Kriegslyrik („Tropfblut“) eingehen werde. So bemerkt nicht nur Peter Demetz: „Stramms Gedichte selbst […] gehen im Frühling und frühen Sommer 1914 durch rapide Wandlungen seiner lyrischen Praxis.“ (Demetz 1990:82). Stramm ist in seiner späten Lyrik vor allem die „Dekonstruktion einer mystizistischen Verklärung des Ersten Weltkrieges“ (Korte 1978:170) gelungen. Auf welche Weise Stramm dies gelingt, werde ich im Einzelnen untersuchen.

2. Einflüsse und Zeitgeist

2.1 Kosmischer Mystizismus

Eines der immer präsenten Motive in August Stramms Lyrik ist die kosmisch-mystische Symbolik. Stramms innere Neigung dazu sei, laut Radrizzani, bereits in seinem ersten Berufswunsch erkennbar – dem Studium der Theologie (vgl. Radrizzani 1963:402). Diesem leistete er jedoch nicht Folge, sondern wurde auf Wunsch seines Vaters Postangestellter. „Tatsächlich hat sich Stramm von der Kirche immer mehr und mehr gelöst und deren Glauben durch eine letztlich auf dem deutschen Idealismus und dessen Nachtretern beruhende Geisteshaltung ersetzt, die sich zwischen den Polen einer mystischen Ideenlehre […] und dem Gefühl des ewigen Werdens und Vergehens […] bewegt.“ (Radrizzani 1963:403). Radrizzani sowie Hering subsumieren Stramms Mystizismus unter „ein[em] Derivat aus seinen beiden Lieblingsbüchern, die damals aus dem Amerikanischen übersetzt worden waren: Der Unfug des Sterbens von Prentice Mulford und In Harmonie mit dem Unendlichen von Ralph Waldo Trine.“ (Hering 1959:64). Ihre Grundideen, die von Stramm übernommen wurden und in seiner Lyrik zum Ausdruck kommen, sind „die Konzeption der Dominanz der Empfindungen, die Idee der höheren Einheit alles Seienden, die Ansicht, Leben sei als dynamischer Prozeß zu sehen, die Idee des sich vom Materiellen lösenden Geistigen […].“ (Möser 1983:76). Stramms Gedichten wohnt die Überzeugung inne, dass Leben und Sterben einen untrennbaren Prozess darstellen. Diese Thematik kommt vor allem im Zusammenhang mit den Kriegserlebnissen 1914 und 1915 zum Tragen. Hering ist der Meinung, diese optimistisch-pragmatische Weltanschauung Stramms, in der das Subjekt idealerweise eins ist mit dem All, erlebte währen der Kriegserlebnisse „lediglich eine kritische Vertiefung, aber keinen Wandel“ (Hering 1959:64). Inwiefern dies angesichts der erschütternden Erlebnisse Stramm möglich war, wird im Rahmen der linguistischen Analyse näher untersucht werden. Klar ist jedoch, dass Stramm auch in der Kriegslyrik „Motive des Gebärens und Werdens […] und des Sterbens und Vergehens […] mit dem Konnotat ‚Krieg’ zusammenbringt“ (Korte 1978:159). Auf diese Weise „versucht er das Ereignis mit Hilfe einer Motivik zu erfassen, die auf die Vorstellung vom Krieg als ‚Durchgangsstufe’ zu ‚neu(em) Werden’ abhebt und auf den eigenen weltanschaulichen Vorstellungshorizont der Vorkriegszeit, den ‚Trivialmystizismus’, zurückverweist.“ (ebd.).

Stramm ist in dieser Hinsicht ein Kind seiner Zeit. An der Schwelle zum neuen Jahrhundert und angesichts einer Urbanisierung und Industrialisierung, die auf ihrem Höhepunkt angelangt zu sein scheint, leben die Menschen ein Leben, dass vollkommen nach außen gerichtet ist. „Niemand wird leugnen, daß die Grundeinstellung des neuzeitlichen Menschen durch eine einzige große Extraversion, das heißt durch eine einzigartige, alle Lebensbereiche umfassende Hinwendung an die äußere, die quantitative, gestaltbare Welt […] gekennzeichnet ist.“ (Wehr 1988:13). Die Menschen sehnen sich nach einer Einkehr und einer Hinwendung zu sich selbst. Es fehlt an einem „sinnstiftenden Moment“ (Mandalka 1990:83), an einem Glauben an etwas, das alles zusammen hält.

„Stramm, der 1874 geboren wurde, hatte Gelegenheit, diese Entwicklung zu verfolgen und dabei seine eigene Weltanschauung herauszubilden, die sich stark am Zeitgeist orientierte. So beschritt er zwar poetisch neue Wege, weltanschaulich blieb er jedoch immer der Jahrhundertwende und ihrer Suche nach kosmischen Bezügen verbunden.“ (Mandalka 1990:92).

2. 2 Sprachphilosophie Friedrich Nietzsches

Der Einfluss von Friedrich Nietzsches Schriften auf die Literatur der Jahrhundertwende ist enorm. Auch Stramm war mit Nietzsches Philosophie vertraut, bezog sich doch unter anderem seine mündliche Doktorprüfung in Philosophie darauf (vgl. Radrizzani 1963:413). Anklänge an Nietzsches Philosophie des Übermenschen meint Radrizzani in „Erwachen“ zu erkennen (vgl. ebd:411). Mir geht es hier jedoch mehr um Stramms Auseinandersetzung mit Nietzsches Sprachphilosophie, wie sie in „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn“ aus dem Jahre 1873 erläutert wird. Nietzsche geht in seiner Schrift davon aus, dass das Individuum seinen Intellekt dazu benutzt, sich zu verstellen und um einen Friedensschluss unter den Menschen – da es gesellschaftlich und herdenweise leben will – zu schaffen Dieser Friedensschluss bringt etwas mit sich, was wie der erste Schritt zur Erlangung eines „Wahrheitstriebes“ (Dietzsch 2000:11) aussieht: es wird eine ‚Wahrheit’ fixiert. Mit der Erfindung von gleichmäßigen gültigen und verbindlichen Bezeichnungen der Dinge gibt es mit der Gesetzgebung der Sprache auch die ersten Gesetze der Wahrheit; der Kontrast von Wahrheit und Lüge. Wahrheit ist also, wenn die Bezeichnung und das „Ding“ zusammen passen, Lüge, wenn der Name vertauscht oder umgekehrt wird. Doch gleichzeitig stellt sich Nietzsche die Frage, ob Sprache überhaupt der „adäquate Ausdruck aller Realitäten“ (ebd:12) sein kann. Seiner Definition nach ist ein Wort eine „Abbildung eines Nervenreizes in Lauten“ (ebd:13), doch der Schluss, dieser Reiz entspräche einer Wahrheit außerhalb des Menschen sei bereits ein Fehler, da es sich lediglich um eine „subjektive Reizung“ handle (ebd.). Weiterhin greife der „Sprachbildner“ willkürlich eine Eigenschaft des zu bezeichnenden Dinges heraus, um es von etwas anderem abzugrenzen. Das „Ding an sich“ sei „ganz unfasslich“ (ebd.), die Sprache also unzulänglich, wenn es darum geht, Wahrheit auszudrücken. Sie sei nicht logisch und handle nicht vom „Wesen der Dinge“ (ebd.). Sie bezeichne immer nur „die Relation der Dinge zu den Menschen und nimmt zu deren Ausdrucke die kühnsten Metaphern zu Hülfe“ (ebd.).

Ebenso kritisch geht Nietzsche mit den „Begriffen“ (ebd:14) um: die Begriffe werden fälschlicherweise für „mehr oder weniger ähnliche, streng genommen niemals gleiche Dinge[n]“ (ebd.) benutzt. Sie entstünden durch „Gleichsetzen des Nicht-Gleichen“ (ebd.). Es habe nichts mehr zu tun mit dem „Urerlebnis“ (ebd.), das einmal diesen Begriff evozierte. Nietzsche spricht von der Abnutzung der Metaphern.

In diesen Thesen werden bereits deutliche Parallelen zu Stramms Auffassung von (lyrischer) Sprache deutlich. Stramm war auf der Suche nach dem „einzige[n] allessagende[n] Wort“ (Brief an Herwarth und Nell Walden vom 11. Juni 1914. In: Drews 1997:170). „Blümner hat diesen poetologischen Sachverhalt besser erfaßt, wenn er schreibt, das Wort werde bei Stramm‚ nicht in seiner engen einmaligen Ausdeutung verstanden, sondern in seiner Ur-Bedeutung gehört, die vieler Ausdeutungen fähig ist“ (Neumann 1977:268). Stramm versucht also in seiner Lyrik das, was Nietzsche an der Sprache kritisiert, zu überwinden und zum ‚Urerlebnis’ zurückzufinden. Brinkmann deutet die Situation folgendermaßen: „Vielmehr versucht dieser Dichter […] noch einmal von neuem die ursprüngliche Leistung der Sprache nachzuvollziehen, die Leistung, eine Sache, einen Gedanken, ein Gefühl im Nennen, im Anrufen, Aufrufen zu vergegenwärtigen, zu beschwören; die konventionell-vertrackt gewordene Sprache zu vergessen, deren allzu vertraute Gewohnheit Ohr und Auge stumpf gemacht hat.“ (Brinkmann 1961:70). Beiden geht es um die Unzulänglichkeit der Sprache ihrer Gegenwart. Stramm greift diese Sprachkritik jedoch produktiv auf und versucht die Wahrheit durch Dekonstruktion der alltäglichen Sprache auszudrücken.

2. 3 Der Sturm-Kreis und die Wortkunsttheorie

„Als August Stramm gefragt wurde: ‚Was ist der STURM?’, antwortete er: ‚Der STURM ist Herwarth Walden.’ Herwarth Walden war der Gründer des STURM und der Leiter des STURM vom ersten bis zum letzten Tage. Was war der STURM? Eine Zeitschrift, eine Ausstellung, ein Verlag, eine Kunstschule, eine Bühne – aber das besagt nichts. Er war keine Vereinigung von Künstlern, keine Organisation. Er war gleichsam der Drehpunkt der europäischen Kunstwende.“ (Schreyer 1956:7).

Herwarth Walden war es, der die italienischen Futuristen nach Berlin brachte. In der Sturm-Galerie organisierte er vom 12. April bis zum 31. Mai 1912 eine Ausstellung futuristischer Kunst (vgl. Demetz 1990:13). Im selben Jahr erschienen F. T. Marinettis Manifeste im „Sturm“.

In ihrer Kunst ging es den Futuristen nicht um den „festgehaltenen Augenblick“, sondern um die „dynamischen Empfindung […] die sich, Raum und Dichte der Gegenstände negierend, in Transparenz, Vibration und in der wechselseitigen Durchdringung der Gegenstände bewegt.“ (ebd:16). Doch von Umwälzungen in den anderen Künsten war wenig zu hören. „Die futuristische Poesie war offenbar noch in der Rhetorik der Vergangenheit befangen, und es war die Energie der Maler, welche die Lyrik legitimierte, nicht umgekehrt.“ (ebd:42).

Walden war es auch, der den Begriff ‚Wortkunst’ prägte, der als Abgrenzung zur ‚Tonkunst’, also Musik, diente. Er sagte „[…], daß mit einer Benennung ‚Dichtkunst’ noch ‚wenig gesagt’ sei. Der richtige Name wäre ‚Wortkunst’, denn nur durch diesen Namen wird ‚das Material dieser Kunstgattung […] eindeutig bezeichnet’.“ (ebd:78). Schreyer, selbst Mitglied des Sturm-Kreises, definiert Wortkunst im Wesentlichen als ein Zusammenspiel der Elemente des Wortes, also von „Wortsinn, […] Wortklang und […] Worttonfall.“ (Schreyer 1956:91). „Ein Wortkunstwerk ist nun eine rhythmisch-harmonische Komposition von Einzelsätzen und Einzelworten. Diese können in einem logisch-grammatikalischen Zusammenhang stehen; doch ist ein solcher Zusammenhang nur eine der vielen Möglichkeiten.“ (ebd.).

Ohne diese Theorie zu kennen, hatte auch Stramm seine Lyrik auf die Knappheit der Worte konzentriert. Obgleich die früheren Gedichte noch nicht die gleiche Radikalität aufweisen wie zum Beispiel die Kriegslyrik, sind doch die wichtigsten Merkmale bereits vorhanden: Blockordnung, Worthäufung, Wortausschöpfung (vgl. Hering 1959:71). Er benutzt nur wenige Wörter, doch es kommt auf die Treffsicherheit an. Durch die Verknappung der Zeilen bis hin zum Einzelwort erwächst eine Bedeutungsschwere, gleichzeitig ein gehetzter Rhythmus.

Lange Zeit hatte Stramm nach einem Verleger für seine Werke gesucht, bis er es Ende 1913 beim Sturm-Verlag versuchte. Laut Demetz hatte Walden in Stramm seinen „neuen Messias der Lyrik“ (Demetz 1990:80) gefunden und es kam „noch Mitte März 1914 in der Redaktion des Sturm“ zu einem Treffen der beiden (ebd.). Es war der Beginn einer „Geistesfreundschaft“ (ebd.). Die fruchtbare Beziehung der beiden war entscheidend für die Entwicklung von Stramms Lyrik.

„Stramm seinerseits fand in Walden nicht nur den lange gesuchten Verleger, sondern einen Freund, der seiner Kunst ein volles Verständnis entgegenbrachte, einen Berater, dessen Kritik er dankbar anerkannte, einen Anreger, der ihm seine Gedanken über Dichtung klären und Vertiefen half und ihm das Vertrauen gab, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen, und seiner Kunst eine noch entschiedenere und kühnere Form zu geben.“ (Radrizzani 1963:430f.).

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Details

Seiten
25
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640855322
ISBN (Buch)
9783640855094
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168408
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
august stramm eine analyse lyrik vergleich kriegslyrik tropfblut du weltkrieg

Autor

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Titel: August Stramm