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Betrachtung des Krieges in der Modernisierungstheorie

Hausarbeit (Hauptseminar) 1999 19 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Betrachtung des Krieges in der Modernisierungstheorie

3. Der Begriff Krieg

4. Das Kriegsgeschehen zwischen 1945 und

5. Abschlußbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Das Thema dieser Hausarbeit ist die Betrachtung des Krieges in der Modernisierungstheorie und die Stichhaltigkeit der gefundenen Aussagen. Dies ist insofern schwierig, da es die unterschiedlichsten Ansätze in dieser Theorie gibt, die sich aber alle nur unzureichend mit militärischen Konflikten auseinandersetzen.

Deshalb werde ich zuerst einige grundlegende Aussagen erläutern. Dazu habe ich den Text von Berger aus dem Heft 1 des Leviathan genutzt. Aus der selben Quelle stammt auch der Text von Joas, der einen groben Überblick zum Thema Krieg und Modernität liefert. Er betrachtet sowohl die Vorläufer der Modernisierungstheorien, wie den Liberalismus, als auch den Ansatz von Parsons und die Theorie der defensiven Modernisierung. Darüber hinaus möchte ich noch auf Beck und “Die feindlose Demokratie” eingehen. In seinem Buch “Risikogesellschaft” und seinen Erklärungen zur reflexiven Modernisierung geht er nicht auf die Betrachtung des Krieges ein. Erst die Auflösung des Ost-West-Konfliktes und das Wiederaufleben der Modernisierungstheorien scheint der Anlaß für eine nähere Untersuchung moderner Gesellschaften gewesen zu sein. Auch wenn seine Ausführungen allgemein bleiben, liefert er Ansätze, die zu überprüfen wären.

Um die in den Modernisierungstheorie enthaltenen Aussagen zur Gewaltbereitschaft moderner Gesellschaften auf ihre Richtigkeit zu prüfen muß der Begriff Krieg erklärt werden. Das heute noch weit verbreitete Idealbild militärischer Auseinandersetzungen bezieht sich auf klar erkennbare Kriegserklärungen, Friedensschlüsse und Kriegsparteien. All dies trifft im Realfall nicht mehr zu. Kriegserklärungen werden immer seltener, Kriegsziele immer undeutlicher und verfeindete Gruppierungen brechen häufig auseinander und werden durch neue Koalitionen ersetzt. So wird eine Grenzlinie immer unschärfer. Da auch viele Autoren, die dieses Thema betrachten, von unterschiedlichen Ansätzen ausgehen, folge ich den Definitionen der Hamburger “Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung” (AKUF) und ihren quantitativen Analysen. Drauf stützen sich sowohl Gantzel und Schwinghammer in ihrem Buch: “Die Kriege nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 bis 1992” als auch Schlichte und Siegelberg mit dem Text: “Kriege in den 90er Jahren”.

Im letzten Abschnitt verwende ich diese Daten aus den genannten Quellen, um den Zeitraum zwischen 1945 und 1992 zu betrachten. Diese beinhaltet die Anzahl von Kriegen, wo sie stattfanden, und wer sich bevorzugt daran beteiligte. Aber auch Tendenzen sind wichtig, da sich seit 1990 mit dem Ende des Kalten Krieges die Situation vollständig geändert hat.

2. Betrachtung des Krieges in der Modernisierungstheorie

Modernisierungstheorien sind nicht unumstritten, dies erschwert ihre Betrachtung im Kontext von Kriegen. Aus diesem Grund möchte ich einige grundlegende theoretische Ansätze erläutern. Allein schon der Begriff Modernisierung wird häufig wertend benutzt, da moderne Elemente als besser angesehen werden. Darüber hinaus gehen viele Theoretiker von einem evolutionären Prozeß aus, in dem bestimmte Faktoren als notwendig angesehen werden. Dies betrifft die “drei zentralen institutionellen Prinzipien der Moderne: demokratischer Verfassungsstaat, Marktwirtschaft und Staatsbürgergesellschaft.”[1] Nach Zapf gehören zu modernen, anpassungsfähigeren und erfolgreicheren Gesellschaften auch Wohlstandsgesellschaft mit Wohlfahrtsstaat und Massenkonsum.[2]

Berger stimmt dafür, daß es die Modernisierungstheorie im engeren Sinne nicht gibt, sondern nur ein Bestand gemeinsam geteilter Grundüberzeugungen vorhanden ist. So nennt er seinen Text auch: “Was behauptet die Modernisierungstheorie wirklich?” In der einfachsten Form betrachtet man eine Vielzahl von Prozessen, die mit der Entstehung und Ausbreitung moderner Gesellschaften zusammenhängen. Zu diesen zählt auch Bildungsexpansion, Bürokratisierung, Säkularisierung und Industrialisierung. Werden Demokratisierung und das kapitalistische Wirtschaftssystem ausgeklammert und betrachtet man nur die gerade genannten Prozesse, so erscheinen die ehemaligen sozialistischen Staaten ebenfalls als moderne Systeme. Aus diesem Grund könnte man diese Staaten, wie die UDSSR und die Volksrepublik China, mitbetrachten, wenn militärische Gewalt in modernen Systemen eine Rolle spielt.

Berger folgt in seinen Ausführungen zur Modernisierungstheorie zuerst dem Definitionsvorschlag von Lerner. Hier wird Modernisierung als eine Eigenleistung der in diesem Prozeß begriffenen Gesellschaften betrachtet. Verschiedene Ausprägungen stehen nicht im Widerspruch zueinander, sie sind kompatibel. Dies bedeutet auch, daß von den sogenannten Vorreitern keine negativen Auswirkungen auf Nachzügler ausgehen.

Huntington geht in seinen Ausführungen weiter. Er betrachtet Modernisierung als revolutionären und komplexen Vorgang. Weitere Merkmale dieses Prozesses sind Globalität, Irreversibilität und Fortschrittlichkeit. Das Druck auf weniger modernisierte Staaten ausgeübt wird, leugnet er nicht. Kritisch sieht Berger die Behauptung, daß Modernisierung ein Vorgang ist, dem sich keine Gesellschaft entziehen kann und der zwangsläufig in der Modernität endet. Es soll auch zu keinen Rückfällen kommen und der gesamte Vorgang ist letzten Endes fortschrittlich.[3]

Auf weitere Kritikpunkte werde ich am Ende des Kapitels eingehen.

Es ist unbestritten, daß Krieg und Gewalt ein Teil der Moderne darstellen. Anhand des Textes von Joas, werde ich einige der wichtigsten Ansätze und ihre Schwierigkeiten mit den Erklärungsversuchen des Krieges erläutern. Problematisch ist, daß viele Theorien militärische Konflikte nur unzureichend betrachten.

Joas sieht die Modernisierungstheorie in der Tradition des Liberalismus, in dem Kriege als Teil der Vorgeschichte der zivilisierten Menschheit oder gar als Relikte einer zum Untergang verurteilten Epoche gedeutet werden. In dieser Friedenskonzeption wurden gewaltsame Konflikte nicht ausgeschlossen, aber vor allem durch wirtschaftlichen Wettstreit, freien Handel oder Vertragsförmlichkeit zwischenstaatlicher Beziehungen gemindert. Mit dieser “zukunftsoptimistischen” Sicht versuchte man auch den ersten Weltkrieg zu analysieren. Anfangs wurde er als Zeichen europäischer Rückständigkeit und feudales Relikt angesehen, später als Kampf zwischen demokratischer und moderner USA und den aristokratischen Mittelmächten.[4]

Dieses Selbstverständnis führte zur eigentlichen Modernisierungstheorie, einer “amerikanischen Erfindung der 50er Jahre”.[5] Hier wird zwar die Entwicklung moderner Gesellschaften als eine Geschichte häufiger Kriege gesehen, aber ein langsamer und “stetiger Trend zu verminderter Gewaltanwendung, sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene” prognostiziert. Dies soll über gewaltfreie Prozeduren der Konfliktregelung sowohl auf innerstaatlicher, als auch auf außenpolitischer Ebene geschehen. Konfliktpotential ist vorhanden, führt aber zu keiner Eskalation, da die modernen Staaten durch verstärkte Wertinstitutionalisierung und der gesellschaftlichen Verantwortung als Motivation, ein stabiles System darstellen.[6] Dieser Ansatz war aber als “Theorie des Westens” auf dessen Werte fixiert und sah die amerikanische Gesellschaft dieser Zeit als non plus ultra der modernen Entwicklung.

Die Modernisierungstheorie sollte nicht nur die Entstehung kapitalistischen Wirtschaftens und demokratischer Politik in Nordwesteuropa und Nordamerika erklären, sondern aus dieser historischen Betrachtung auch Lehren für die gesamte Welt ziehen.[7]

Einen weiterfassenden Erklärungsansatz versucht die Theorie der “defensiven Modernisierung” zu liefern, die vornehmlich auf politische und militärische Machtgefälle abzielt. Das Erleben oder sogar schon die Gefahr einer militärischen Niederlage gelten als Auslöser von Modernisierungsprozessen in Wirtschafts- und Finanzpolitik. Als entscheidend sieht Joas, daß diese Theorie einzelstaatliche Entwicklungen miteinander verknüpft, die Beschleunigung von Modernisierungs- prozessen möglich ist und Wechselwirkungen zwischen innerer Modernität und internationaler Machtposition erkannt werden. Einige Probleme bleiben dennoch ungelöst. So ist ungeklärt, ob eine ökonomisch- politisch- militärische Konkurrenz zwischen den Staaten auch zu anderen Resultaten als einer Modernisierung führen kann und was geschieht, wenn diese ausbleibt oder scheitert.[8]

Ansätze zu dieser Thematik bietet Skocpol mit ihrer Theorie der Revolutionen. Der Blick wird hier auf Krisenkonstellationen gelenkt, die von Staaten durch erzwungene Modernisierungsmaßnahmen nicht bewältigt werden können. Diese Krisen können durch Kriege, drohende oder eingetretene Niederlagen hervorgerufen werden. Verbunden sind sie mit Legitimitätsverlust der politischen Ordnung und der Schwächung der staatlichen Zwangsapparate. Daraus erfolgt bei Skocpol eine Neu- bewertung des Revolutionsbegriffes. Eine Erklärung erfolgt nicht mehr durch revolutionäre Eliten oder Massen als höchste Stufe von deren Mobilisierung, sondern als Verknüpfung von Modernisierungskrisen mit kriegerischen Konstellationen. Die vorgenommene Verbindung von sozialem Wandel, Krieg und Revolution widerspricht der Vorstellung, daß der Druck defensiver Modernisierung mit “Gewißheit zu einer mehr oder minder erfolgreichen nachholenden Modernisierung” führt.[9] Hier wird die Möglichkeit eröffnet, die Konstituierung einer neuen sozialen Ordnung als Möglichkeiten von Modernisierungskrisen und Krieg zu erklären.

Dies nimmt Joas als Aufhänger, um die “Geburt des Faschismus” zu betrachten. Der bedeutendste Punkt für ihn ist, daß die proklamierten Ziele von Faschismus und deutschem Nationalsozialismus nicht eindeutig modernistisch oder anti- modernistisch waren. Vor allem die institutionelle Rationalität und die “rationale Gesellschaftsplanung”, die in einer industrialisierten Massenvernichtung endeten, zeigten moderne Züge.[10] Auch Dahrendorf nennt den Totalitarismus als “spezifisch modern”, da er auf totaler Mobilmachung beruht. Darüber hinaus spricht er dem Nationalsozialismus eine Modernisierungsfunktion wider Willen zu.[11] Joas deutet den italienischen Faschismus als nachholende Entwicklungsdiktatur, ohne auf diese Schlußfolgerung näher ein- zugehen. Vermutlich sind damit verspätete Modernisierungsprozesse wie Industrialisierung etc. gemeint. So nahmen die faschistischen Diktaturen einen Sonderweg ein. Hier wird der Gedanke an mehrere Varianten von Modernisierungsprozessen angesprochen.

[...]


[1] Miller/Soeffner: 1996; S.9

[2] Zapf: 1991, S.34

[3] Berger: 1996, S. 51f

[4] Joas: 1994; S.16f

[5] Zapf: 1991; S.32

[6] Parsons: 1985, S.175 ff

[7] Joas: 1994; S.14

[8] ebenda: 1994; S.19

[9] aus Joas: 1994, S.19f

[10] in Miller/Soeffner: 1996, S.175

[11] ebenda: 1996, S.195f

Details

Seiten
19
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783640853182
ISBN (Buch)
9783640853380
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168380
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,5
Schlagworte
betrachtung krieges modernisierungstheorie

Autor

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