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Christentum und römisches Selbstverständnis

Zur heidnisch-christlichen Auseinandersetzung unter Marc Aurel

Hausarbeit 2002 21 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mark Aurel und die Philosophie

3. Das Verhältnis der Römer zum Christentum
3.1 Beurteilung durch die römische Gesellschaft
3.2 Die Christen als Staatsfeinde
3.3 Römische Gesetzgebung und aktive Christenverfolgung

4. Das Verhältnis der christlichen Religion zur Philosophie

5. Zur christlich-heidnischen Auseinandersetzung: Das „Regenwunder“

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Bild, das sich uns bei der Person Mark Aurels darstellt, ist widersprüchlich. Zum einen ist es gekennzeichnet durch eine intensive Beschäftigung mit der stoischen Philosophie, zum anderen zeigt es den Kaiser, der Zeit seines Lebens versucht hat, die Gegensätze in der römischen Kultur, Religion und Gesellschaft in Einklang zu bringen. Dabei hatte er einen schweren Stand, Staat und Volk waren geschwächt durch Kriege, Seuchen und Unruhen. Es war eine Zeit, in der die Bevölkerung nach einem Schuldigen für ihr Unglück suchte; das Gleichgewicht innerhalb des Staates und das Vertrauen in die römische Politik waren gefährdet.

Der Philosoph Mark Aurel träumt von der Einheit des römischen Staates. Als Kaiser muss er aber auf die Wut und Furcht seines Volkes reagieren, welches die sich im römischen Reich ausbreitende christliche Religion und seine Anhänger für die Verluste und Rückschläge verantwortlich macht. Deutlich wird die Rolle des Kaisers insbesondere im Hinblick auf die Gesetzgebung. Wie war Mark Aurels Verhältnis zur christlichen Religion? Welches Bild hatte die römisch-heidnische Gesellschaft vom Christentum?

Liegt Marta Sordi mit ihrer These richtig, in der sie die Zeit Mark Aurels als Wendepunkt in der Geschichte der Beziehung zwischen Christentum und römischem Imperium bezeichnet?[1]

Im Folgenden soll untersucht werden, inwiefern die neue Religion zum Feindbild des Reiches werden konnte und wie infolge dessen eine Diskussion auf geistig-literarischer Ebene begann, die sowohl das traditionell-römische als auch das christliche Selbstverständnis widerspiegelte. Darüber hinaus sollen anhand des „Regenwunders“ Motive und Methode der christlichen Apologetik erläutert werden.

2. Mark Aurel und die Philosophie

Die philosophische und religiöse Haltung Mark Aurels ist gekennzeichnet durch die Verbindung der traditionellen Staatsreligion mit dem stoischen Gedankengut.

Kernpunkt seiner philosophischen Grundhaltung ist die Vorstellung von der Einheit des Universums, innerhalb dessen alle Dinge miteinander in wechselseitiger Abhängigkeit existieren. Mark Aurel geht von zwei grundlegenden Prinzipien aus:

Jeder Mensch ist Teil des von der Natur durchwalteten Ganzen und ist mit den ihm verwandten Teilen innerlich verbunden.[2]

Laut der stoischen Lehre resultiert die Zweckmäßigkeit des gesamten Weltgeschehens aus einer vernünftigen Kraft (logos), die alle Dinge durchdringt. Die Grundelemente Feuer, Wasser, Erde und Luft sind in ständiger Umwandlung begriffen, und der Mensch ist ein Teil dieses „Urfeuers“ und ein natürliches Wesen, das somit Erkenntnis der Weltgesetze erlangen kann. Diese Erkenntnis wiederum wird erreicht durch ein naturgemäßes, sittliches Leben, das ausschließlich auf der Vernunft beruht. Der stoische Kosmopolitismus besagt des weiteren die Gleichheit aller Menschen, einschließlich der Barbaren und Sklaven.[3]

Für den Philosophen Mark Aurel ist das Ziel - die Einheit alles Seienden - mit dem Vordringen in höhere Bereiche verbunden. Aber er geht noch einen Schritt weiter, indem er das Universum als einen Staat bezeichnet, der einzigen staatlichen Gemeinschaft, von der gesagt werden kann, dass das gesamte Menschengeschlecht daran teilhaben kann. Darum sei das Universum gleich einem Staat. Was dem Ganzen – dem römischen Staat – förderlich ist, kann auch dem Einzelnen nicht schaden; das Wohl des Staates leitet er somit von dem Wohl des einzelnen Staatsmitglieds und umgekehrt ab.[4]

Es stellt sich nun die Frage, welches Verhältnis Mark Aurel zu den Religionen seiner Zeit, insbesondere zum Christentum hatte. So ist festzustellen, dass gerade unter seiner Herrschaft die Ausübung der Staatsreligion mit seinen täglichen Opfergaben an die Götter zu einem bedeutenden Teil seiner Politik wurde. Das Römische Reich war während seiner Herrschaft von Naturkatastrophen, Seuchen und durch die Kriege im Norden und Osten geschwächt. So scheint es wie ein Widerspruch, dass der sonst konservative, an alten Traditionen festhaltende Kaiser, in Zeiten der Krisen und der Gefährdung des Reiches, Priester verschiedener Religionen zum Wohle des Staates hinzuzog.[5] Die Grundhaltung der Römer war, was die Ausübung ihrer Staatsreligion anbetraf, gekennzeichnet von der Beachtung der göttlichen Weisungen. Die Stadt Rom verdankte ihrer Auffassung nach ihren Aufstieg und ihre Größe der durch kultische Leistungen erlangten Gnade der Götter. Anhaltender Erfolg war die sichere Gewähr der göttlichen Begnadung. Und im Hinblick auf das oben erwähnte Wohl des Staates musste die Wahrnehmung der religio die Aufgabe der staatlichen Gemeinschaft sein.[6]

Wenn der Kaiser also in Zeiten, in denen eine Gefahr für das römische Gemeinwohl bestand, fremde Götter hinzuzog, widersprach dies keineswegs der allgemeinen Anschauung. Denn fremde Götter konnten dann in den Kreis der Staatsgötter aufgenommen werden, solange sie keine Störung der öffentlichen Ordnung und Sitte zur Folge hatten.

Was war dann das ausschlaggebende Moment, welches Mark Aurels Verhältnis zum Christentum beeinflusste?

Was Mark Aurel als anstößig empfand, war die auffällige Todesbereitschaft und das Märtyrertum unter den verfolgten Christen. Die Bereitschaft der Seele, sich vom Körper zu trennen, musste auf eigener, vernünftiger Entscheidung beruhen und nicht, wie er glaubte, aus einer Handlung des Trotzes heraus wie bei den Christen. Dieses „Sterben aus reiner Widersetzlichkeit“ war nicht vereinbar mit der stoischen Vernunftlehre. Außerdem mussten die Verehrer fremder Götter trotzdem den Kult der Staatsgottheiten einschließlich des Kaiserkultes übernehmen und diesen durch Opfer und Gebete bestätigen. Sobald sie sich weigerten, sich in die allgemeine Ordnung und der damit verbundenen Götter- und Kaiserverehrung einzugliedern, erlagen sie dem Vorwurf des superstitio, welcher mit magischen Handlungen in Verbindung gebracht wurde und somit einem Hochverrat gleichkam. Aus diesem Grund bezeichnet Dieter Berwig den römischen Staat als zwar religiös tolerant – sofern keine Absonderung von der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung stattfand - , aber politisch intolerant. Die Verfolgung und Verurteilung von Anhängern anderer Religionen, insbesondere der Christen, sieht er deshalb als politisch motiviert an.[7]

Doch ob diese Erklärung ausreicht, um das Verhältnis zwischen Kaiser Mark Aurel und den Christen, sowie des weiteren das zwischen Heidentum und Christentum zu erklären, soll in den folgenden Kapiteln untersucht werden.

3. Das Verhältnis der Römer zum Christentum

3.1 Beurteilung durch die römische Gesellschaft

Im Rahmen der philosophischen Auseinandersetzung mit der Christenfrage befasste sich unter anderem Celsus in seiner Schrift „Alethos Logos“ mit der gesellschaftlichen Stellung der Christen und ihrer Religion. Er deutet ihr Erscheinen als moralische und intellektuelle Verfallserscheinung.[8]

Celsus begründet seine Kritik am Christentum mit der seiner Auffassung nach mit dem mit ihr einhergehenden „Übel des Abfalls und Aufruhrs“. Das Christentum hat ihren Ursprung im Judentum; am Anfang ihrer Geschichte stand, unter der Führung des Moses, der Abfall von den väterlichen Gesetzen. Diesen Abfall vom Judentum, der eigentlichen Väterreligion, bezeichnet Celsus als den Beginn eines generellen Aufruhrs in der Welt. Denn ein weiters Mal fand eine Abspaltung unter der Führung des Jesus Christus statt, welche wiederum die Entstehung von Sekten und Spaltungen innerhalb des neuen Christentums zur Folge hatte.[9] Seine Auseinandersetzung mit dem Christentum findet auf der Ebene philosophisch-praktischer Aspekte statt und ist somit als rechtliche Grundauffassung untauglich. Das wird vor allem dort deutlich, wo er auf die Zusammenkünfte der Anhänger zu sprechen kommt: Demnach stimmten diejenigen mit der Ordnung, den Gesetzen überein, welche sich in aller Öffentlichkeit zusammenschlossen. Jene jedoch, welche sich heimlich zu Zusammenkünften träfen, stellten sich gegen die bestehende Grundordnung.[10] Inwiefern wurde in diesem Zusammenhang das Christentum für die römische Gesellschaft zum Ziel von Angriffen?

Antonie Wlosok beschreibt das Erscheinungsbild der Christen im römischen Staat folgendermaßen:

Merkmale ihrer Religionsform waren vor allem ihre geschlossenen Zusammenkünfte, die, ohne Trennung der Geschlechter und außerhalb der normalen Tageszeiten, gemeinsame kultische Rituale, wie das gemeinsame Mahl, das Gebet und die Belehrungen, sowie Initiationsriten, wie z. B. das Taufsakrament, vollzogen. Sie nannten sich untereinander „Brüder“ und „Schwestern“ und zeigten eine enge Verbundenheit untereinander mit teilweiser Gütergemeinschaft.[11]

Was ihre Gemeinschaft ausmachte, war vor allem ihre Organisation, die der Verwaltung im römischen Staat ähnlich war:

Ihre Unterteilung in Gemeinden mit einer bestimmten Verfassung und ihren Amtsträgern, wie dem Vorsteher und einem Ältestenrat, machten das Christentum zu einer in sich geschlossen, organisierten Gemeinschaft. Jedes Mitglied hatte einen monatlichen Beitrag zu leisten, der für soziale Zwecke genutzt wurde.[12] Die Tatsache einer organisierten Religionsgemeinschaft allein hätte die Christen vermutlich nicht für die Heiden so erschreckend gemacht, sondern vielmehr ihre Lehre, denn „die Christen traten [...] für ihre heidnische Umwelt als Anhänger einer sich isolierenden, die Lebensweise der Heiden negierenden und in dieser Hinsicht das Verhalten ihrer Mitglieder bestimmenden Korporation in Erscheinung“.[13] Was Wlosok hier anspricht, ist die auf die Heiden provozierend wirkende Abgrenzung der Christen vom öffentlichen römischen Leben, ihre Weigerung, sich an öffentlichen Veranstaltungen, wie dem Schauspiel, der Aufzüge, öffentlichen Opfermahlzeiten u.ä., zu beteiligen. Aber gerade diese gemeinschaftlichen Rituale waren die Grundlage für das Funktionieren der römischen Gesellschaft - die Verbindung von Tradition, der Einhaltung der alten Glaubensriten, mit dem Staatswohl.

Im Volk verursachte dieses Verhalten Angst. Ihre prinzipielle Absetzung vom römischen Volk als ein „neues“ Volk machte die Christen zu Feinden des Staates und seiner Gemeinden. Ihre fremd erscheinenden Lehren und Riten machten sie zum Angriffspunkt von Verleumdungen und Verdächtigungen: Man warf ihnen Inzest, Ritualmorde und blutige Mahlzeiten vor, jene Schandtaten, die man mit Geheimkulten in Verbindung brachte. Außerdem stammten ihre Missionare aus sozial tiefer stehenden Kreisen - Christus selbst war Zimmermann; und ihre angebliche Geringschätzung des Intellektuellen und Sittlichen galt als anstößig.[14]

[...]


[1] Marta Sordi: Die „Neuen Verordnungen“ Marc Aurels gegen die Christen. In: Richard Klein (Hg.): Marc Aurel. Darmstadt 1979, S. 190.

[2] G. R. Stanton: Mark Aurel. Kaiser und Philosoph. In: R. Klein (Hg.): Marc Aurel. Darmstadt 1979, S. 366 f.

[3] Johannes Irmscher (Hg.): Lexikon der Antike. Bindlach 1987, Sp. 545/546.

[4] Stanton, S. 366-369.

[5] Dieter Berwig: Marc Aurel und die Christen. Dissertation. München 1970, S. 91-92.

[6] Berwig, S. 175 f.

[7] Berwig, S. 176.

[8] Lexikon der Antike, Sp.111.

[9] Jakob Speigl: Der Römische Staat und die Christen. Staat und Kirche von Domitian bis Commodus. Amsterdam 1970, S. 185-186.

[10] Speigl, S. 187.

[11] Antonie Wlosok: Die Rechtsgrundlagen der Christenverfolgungen der ersten zwei Jahrhunderte. In: Richard Klein (Hg.): Das frühe Christentum im Römischen Staat. Darmstadt 1971, S.279-280.

[12] Wlosok, S. 280.

[13] Zit. n. Wlosok, S. 280, Z. 19-22.

[14] Berwig, S. 165.

Details

Seiten
21
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783640853762
ISBN (Buch)
9783640853946
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168346
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Friedrich-Meinecke-Institut
Note
1,0
Schlagworte
Mark Aurel römisches Reich Christenverfolgung Nero

Autor

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Titel: Christentum und römisches Selbstverständnis