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Analyse und Interpretation der Erzählung „Casa tomada“ von Julio Cortázar nach Aspekten der Fantastik

Hausarbeit 2010 20 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Julio Cortázar und das Fantastische
2.1. Kurzbiografie
2.2. Definitionsversuch Fantastik/fantastische Literatur
2.3. Fantastikverständnis des Autors

3. Fantastische Elemente in „Casa tomada“
3.1. Inhalt und Erzählstruktur
3.1.1. Die Protagonisten - „Yo“ und „Irene“
3.1.2. La casa – Das Haus
3.1.3. El ruido - Die Geräusche

4. Schlussbetrachtung

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll die Erzählung Casa tomada des argentinischen Schriftstellers Julio Cortázar unter Einbeziehung theoretischer Definitionsansätze zur Fantastik einer Analyse unterzogen werden.

Dazu wird zunächst das Verhältnis Cortázars selbst zur Fantastik untersucht, um seine Intentionen benennen und die dahingehend benannte Erzählung adäquat interpretieren zu können.

In einem ersten Teil soll ein kleiner Einblick in Cortázars Kindheit sowie seinen weiteren Werdegang als Autor Aufschluss über seine Entwicklung hin zur fantastischen Literatur geben.

Darauf folgt nun ein Definitionsversuch zur Fantastik im Allgemeinen. In wel-

chen Bereichen besteht Konsens im wissenschaftlichen Diskurs zu fantastischer Literatur? Lassen sich bestimmte Aspekte der Begriffsbestimmung als manifeste Thesen festhalten? Diesen Fragen gilt es in diesem Einführungsteil nachzugehen.

Ein Exkurs über das Fantastikverständnis des Autors selbst im Verhältnis zu der vorangegangenen wissenschaftlichen Begriffserklärung soll schließlich im Anschluss im Hauptteil der Arbeit den Weg für eine Analyse der Erzählung ebnen.

Innerhalb dieser Analyse werden die fantastischen Elemente von Casa tomada herausgearbeitet. Besonderheiten bilden hierbei die Geschwisterthematik und die damit verbundene Interpretationsmöglichkeit des Inzests, wie auch die Erzähl-perspektive des Ich-Erzählers, des yo. Die psychischen Kontroversen, also die geistig-mentale Konstitution der Protagonisten, soll hierbei im Vordergrund der Analyse stehen. Des Weiteren wird das Motiv des Hauses, der casa, als abgeschlossener Handlungsraum des Geschehens genauer betrachtet und erläutert, in welchem Verhältnis die Protagonisten zu ihm stehen. Außerdem wird der vermeintlich fantastische Moment der aufkommenden Geräusche, die die Protagonisten schließlich aus ihrem Umfeld vertreiben, genauer beleuchtet

Abschließend gilt es die Frage zu klären, ob Casa tomada eindeutig dem fan-tastischen Genre zugeordnet werden kann und inwieweit Cortázar selbst der Überzeugung ist, sich der Fantastik verschrieben zu haben.

2. Julio Cortázar und das Fantastische

Julio Cortázar lässt sich zweifelsohne neben Jorge Luis Borges als einer der be-

deutendsten argentinischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts bezeichnen und wird innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses mehr oder weniger evident dem fantastischen Genre zugewiesen. Ein Versuch einer Begriffsdefinition dessen soll unter anderem in diesem Kapitel Klarheit hierüber verschaffen.

Cortázar war in seiner Schaffenszeit Verfasser zahlreicher Erzählungen und für die Literaturgeschichte bahnbrechender Romane. Hierzu zählt vor allem der experimentelle Roman Rayuela, erschienen 1963, der dem Leser durch die konsequente Inklusion unerklärlicher Begebenheiten in eine scheinbar reale Alltagswelt vielschichtige Lesarten bietet.[1] Seine Kurzgeschichte Casa tomada wurde durch Borges erstmals 1946 in der Zeitschrift Sur veröffentlicht und später, 1951, in den Sammelband Bestiario integriert.[2]

Der wissenschaftliche Diskurs darüber, ob Cortázar nun als fantastischer Schrift-steller benannt werden kann oder nicht, ist bis heute aktuell. Die folgende Arbeit soll zur Klärung dessen betragen.

2.1. Kurzbiografie

Julio Florencio Cortázar wird am 26.08.1914 in Brüssel geboren und verbringt seine ersten Lebensjahre zusammen mit seiner Familie zunächst in der französischen Schweiz, wo sie das Ende des ersten Weltkriegs abwarten. 1918 kehren sie nach Argentinien zurück, wo sie in einem kleinen Dorf nahe Buenos Aires, Bánfield, ein kleinbürgerliches Leben führen.[3] Cortázar beschreibt diesen Ort seiner Kindheit, an dem er bis zu seinem 17. Lebensjahr bleibt, als durch ambivalente Empfindungen und von Gegensätzen geprägt:

„[…] fuera una infancia cautelosa y temerosa,[…]. Había un clima a veces inquietante en esos lugares. Y al mismo tiempo era un paraíso: […][4]

Der Garten vor seinem Elternhaus war sein Königreich, in dem er früh seine Fantasie schulen konnte und einzusetzen lernte. Das Gefühl, sich an einem zugleich unheimlichen, aber doch paradiesischen Ort zu befinden, dürfte sein schriftstellerisches Schaffen nicht zu gering beeinflusst haben. Die Literatur, das Lesen und Schreiben, spielt in Cortázars Leben schon früh eine bedeutsame Rolle. Er beendet, wie er sagt, bereits im Alter von neun Jahren seine erste novela.[5]

Nach seinem Studium arbeitet er in den Jahren bis 1946 zunächst als Lehrer in verschiedenen Kleinstädten der Umgebung, dann folgt die Tätigkeit als Dozent für französische Literatur an der Universität in Mendoza. Seine sich früh abzeichnende Affinität zur französischen Sprache und Literatur spiegelt sich später auch in seinen Werken, unter anderem auch in Casa tomada, wider. 1951 geht Cortázar schließlich nach Paris, um dort als freiberuflicher Übersetzer für die UNESCO zu arbeiten.[6] Dort, in seiner Wahlheimat, stirbt er am 12. Februar 1984 an einer schweren Erkrankung, wie auch zwei Jahre zuvor seine Frau.

Cortázar hinterlässt eine vielfältige Sammlung literarischer Werke von großer Bedeutung und vielschichtiger Qualität. Seinen vom Surrealismus geprägten Werken liegen mehr oder weniger immer bestimmte verschiedene Elemente und Motive zugrunde: „Cortázars Grundmotive (das Andere, der Doppelgänger, Krankheit und Entfremdung, die Reise ins Irreale, die Wirklichkeit als Spiel etc.) […].“[7]

2.2. Definitionsversuch Fantastik/fantastische Literatur

Über eines der entscheidenden Grundprinzipien der Textsorte Fantastik besteht Konsens: sie ist bedingt von einer mangelnden Schärfe ihrer Definitionen.

Folgender Definitionsversuch soll sich aufgrund dessen auf die unseren Autor betreffende Zeit und die wichtigsten Strukturelemente, vor allem diese, über die ein allgemeiner Diskurskonsens besteht, konzentrieren und literaturhistorische, frühe Entwicklungen unberücksichtigt lassen.

Die Fantastik lässt sich erst nach 1945 als wissenschaftliche Kategorie konstitu-

ieren und wird bereits Anfang des 20. Jahrhunderts als ein Sammelbegriff hetero-

gener Schriften, deren einzige Überkategorie die Abweichung von der Normali-

tät ist, verwendet. Als eine Voraussetzung für das Fantastische gilt demnach ein zugrunde liegender Realitätsbegriff und dessen Grenzüberschreitung. Zunächst gilt es zu klären, in welche Textkategorie dieses Genre einzuordnen ist. Es besteht Konsens darüber, dass es sich bei der Fantastik weder um eine Gattung noch um eine Textsorte handelt. Sie könnte auf narrativer Ebene vielmehr als gattungs- und texttypungebundene, in andere Textsorten integrierbare Textstruktur mit spezifischen Eigenschaften verstanden werden. Da die Fantastik in alle Medien eingebunden werden kann, ist fantastische Literatur nun als eine abgeleitete Größe der Elementarstruktur Fantastik definierbar.[8]

Betrachtet man nun die Gegenstandsbereiche des Fantastischen, so lässt sich festhalten, dass dessen zentralstes Strukturelement das Eintreten eines übernatürlichen, nach normativen Gesetzen unerklärbaren Ereignisses in das Ge-

schehen ist. Dieses Phänomen verletzt das bestehende normative Realitätssystem und wird innerhalb der Erzählung mittels eines Klassifikators, wie zum Beispiel dem Ich-Erzähler-Protagonisten, wahrgenommen und als unerklärbar identi-fiziert, um den impliziten Leser in einen Zustand der Unentscheidbarkeit zu versetzen.[9] Die benannten Normen und Grenzen sind natürlich historisch-kulturell variabel und demnach abhängig von Epoche und Kultur zu bewerten. Des Weiteren ist hier der Faktor der Mimesis zu benennen, welcher im Zusam-menhang mit den dargestellten normativen Systemen zum Tragen kommt.

Es ist also zusammenzufassen, dass beispielsweise in fantastischen Erzählungen wie der in dieser Arbeit zu behandelnden eine Gegenüberstellung von Unerklärlichem und Wirklichkeit stattfindet, indem ein über die normale, reale Erfahrungswelt hinausgehendes, unerklärliches Ereignis das herrschende Normen-system verletzt. Dabei wird in der Regel die reale Welt möglichst naturgetreu dargestellt. An dieser Stelle ist das über vier Termini verfügende Modell Todorovs anzuführen.

Zunächst benennt er das Unvermischt Unheimliche als ein solches Ereignis, das letztendlich mit äußerst unglaubwürdigen Begründungen erklärt wird.

[...]


[1] Vgl.: Cortázar, Julio – Leben und Biographie, URL: http://www.litde.com/autoren/cortazar-julio.php

[2] Vgl.: URL: http://www.sololiteratura.com/cor/biografias.htm

[3] Vgl.: URL: http://www.juliocortazar.com.ar/suvida.htm

[4] URL: http://www.sololiteratura.com/cor/biografias.htm

[5] Vgl.: URL: http://www.sololiteratura.com/cor/biografias.htm

[6] Vgl.: URL: http://www.literatura.org/Cortazar/Cortazar.html

[7] Cortázar, Julio (1914-1984), URL: http://www.cpw-online.de/lemmata/cortazar_julio.htm

[8] Vgl.: de Toro, Alfonso, 1998, S. 14.

[9] Definitionsansätze bis zu diesem Punkt sinngemäß bearbeitet mit: Ästhetische Grundbegriffe Band 4, 2000,Phantastik, S. 798-810.

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640851812
ISBN (Buch)
9783640851836
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168316
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
Schlagworte
Fantastik Cortázar cuento corto Kurzgeschichte

Autor

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