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Pluralisierung familialer Lebensformen?

Zur individualisierungstheoretischen Erklärung des Strukturwandels der Familie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 33 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Individualisierungsthese

3. Individualisierung als Pluralisierung von Lebensformen

4. Empirische Befunde zur Pluralisierungsthese

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Die explizite These einer Individualisierung der modernen Gesellschaft ist so alt wie die So- ziologie als Wissenschaft und findet sich in den Werken Simmels, Tönnies’, Durkheims und Webers (Kippele 1998; Burkart 2008). Protagonist einer neuen Individualisierungsthese aber ist Ulrich Beck (1986), der einen „Individualisierungsschub“ seit den 1960er Jahren aus- macht. Dieser sei mit einer qualitativ neuen Form der Vergesellschaftung, einer gegenüber der „Ersten Moderne“ nun „Zweiten“, „reflexiven Moderne“ verbunden (Beck 1986; Beck und Lau 2005). Individualisierung in diesem Sinne „meint erstens die Auflösung und zweitens die Ablösung industriegesellschaftlicher Lebensformen durch andere, in denen die einzelnen ihre Biographie selbst herstellen, inszenieren, zusammenschustern müssen, und zwar ohne die einige basale Fraglosigkeit sichernden, stabilen sozial-moralischen Milieus“ der Ersten Mo- derne (Beck/Beck-Gernsheim 1993: 179). In seinem Buch „Risikogesellschaft“ macht Beck (1986: 115), nomen est omen, vor allem auf die mit diesem Strukturwandel einhergehenden Risiken aufmerksam: „Das innergesellschaftliche Koordinatensystem der Industriegesell- schaft“, vor allem „die Achsen, zwischen denen das Leben der Menschen gespannt ist: Fami- lie und Beruf“, seien „brüchig“ geworden. Mit diesen Thesen, die in ihrer vollen Ausformu- lierung als „Individualisierungstheorie“ bezeichnet und später in eine „Theorie reflexiver Mo- dernisierung“ eingebunden werden, ist eine bis heute andauernde Diskussion entfacht worden. Individualisierung, so viel steht fest, ist „eines der umstrittensten Konzepte der Gegenwarts- soziologie“ (Junge 1996: 728). Als großes Problem der Individualisierungstheorie werden begriffliche Unschärfen ausgemacht, die zur Mehrdeutigkeit führen (Wohlrab-Sahr 1992; Burkart 1993a; Friedrichs 1998; Burzan 2008: 91f). Dies wiederum mache es schwierig, ein- deutige empirische Hypothesen zu formulieren, anhand derer sich die Theorie prüfen ließe. Sinnvollerweise wird die Individualisierungstheorie mittlerweile arbeitsteilig in den soziolo- gischen Teildisziplinen empirisch getestet. Im Fokus dieser Arbeit steht die familiensoziologi- sche Diskussion des Strukturwandels der Familie, bei der die Individualisierungstheorie als vorherrschend bezeichnet werden kann (Huinink 2006: 217; Burkart 2008: 159). Sie tritt hier mit der These einer „Pluralisierung von Lebensformen“ aufs Programm. Dahinter steht die Annahme eines Geltungsverlustes der traditionalen „Kernfamilie“ als „Einheitsnorm des Zu- sammenlebens“ (Beck 1986: 195). Wahrscheinlich sei sogar, „dass nicht ein Typus von Fami- lie einen anderen verdrängt, sondern dass eine große Variationsbreite von familialen und au- ßerfamilialen Formen des Zusammenlebens nebeneinander entstehen und bestehen“ (ebd.). Dort, wo noch auf einem kleinsten gemeinsamen Nenner von „Familie“ die Rede sein kann, nämlich dann, wenn mindestens eine Elter-Kind-Beziehung vorhanden ist,1 entstünden die neuen Typen der Alleinerziehenden und der Stief- oder „Patchwork-Familie“ (Beck- Gernsheim 1994). In all diesen Lebensformen fungiere nicht länger die Familie selbst als Ein- heitsnorm, sondern Mann und Frau bildeten als Individuen je für sich ihr eigenes Zentrum. Auch im Falle des Wandels der Familienstrukturen gilt: Die Individualisierungstheorie wird höchst kontrovers diskutiert. In theoretischer Hinsicht wird vor allem der Zusammenhang von Individualisierung und Pluralisierung in Frage gestellt (Huinink und Wagner, 1998; Brückner und Mayer 2005; Huinink 2006). Bemängelt wird auch und vor allem die ungenügende Be- rücksichtigung empirischer Daten. Und dort, wo eine explizite empirische Prüfung der Plura- lisierungsthese versucht wird, werden einige Zweifel im Hinblick auf ihre Bestätigung ange- meldet (Klein 1999; Wagner 2001). Noch Brüderl (2004: 3) kann etwa 20 Jahre nach ihrer erstmaligen Formulierung feststellen: „Die wissenschaftlichen Belege für diesen Trend sind jedoch eher dünn“. Eindeutig ist, dass es einen Strukturwandel der Familie gegeben hat bzw. gibt. Allein, dieser Wandel wird z.T. völlig unterschiedlich interpretiert: wahlweise als „Um- strukturierung“ (Klein 1999), „Differenzierung“ (Meyer 1993; Nave-Herz 2007: Kap.2) oder eben als „Pluralisierung“. Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die im Rahmen der Indivi- dualisierungstheorie formulierte These der Pluralisierung der Lebensformen zu rekapitulieren und hieran den Stand der empirischen Forschung zum Strukturwandel der Familie zu messen. Dies erlaubt den Rückschluss auf die Frage nach der „theoretischen Konsistenz“ und „empiri- schen Validität“ (Schroer 2001: 319) der Individualisierungstheorie im Bereich der Familien- soziologie. Wir gehen dabei in drei Schritten vor: Am Beginn steht die kritische Rekonstruk- tion der allgemeinen Individualisierungstheorie (Kap. 2) sowie der in diesem Rahmen formu- lierten Pluralisierungsthese (Kap.3). Im Lichte dieser theoretischen Anbindung können dann die vorliegenden empirischen Untersuchungen zur Pluralisierung von Lebensformen rezipiert (Kap. 4) und angemessen interpretiert werden (Kap.5).

2. Die Individualisierungsthese

Das Forschungsprogramm der Individualisierungstheorie. Am Beginn einer Rekapitula- tion der Individualisierungstheorie stellt sich die Frage nach dem Untersuchungsgegen- stand. Ist es das Individuum als solches, je für sich als etwas Einzigartiges? Wohl kaum! Es ist offensichtlich, und der Titel „Risikogesellschaft“ macht es deutlich, dass der Untersuchungsgegenstand für Beck die Gesellschaft ist. Beck (1986: 207) betrachtet Individualisierung als „historisch-soziologische, als gesellschaftsgeschichtliche Kategorie“. Das heißt, In- dividualisierungstheorie im Ganzen ist makrosoziologische Gesellschaftstheorie. Diese Per- spektive impliziert, dass Individualisierung nicht etwa „Atomisierung, nicht Vereinzelung, nicht das Ende jeder Art von Gesellschaft“ meint (Beck/Beck-Gernsheim 1993: 179), son- dern einen “neuen Modus der Vergesellschaftung [...], eine Art ’Gestaltwandel’ [...] im Ver- hältnis von Individuum und Gesellschaft“ (Beck 1986: 205). Beck argumentiert hier ganz in alter soziologischer Manier. Seine von ihm eingeforderte „Wissenschaft vom ’Individere’“ könne nur eine „Soziologie des Individuums“ sein (Beck/Beck-Gernsheim 1994: 26ff). Diese Makroperspektive hat nicht zuletzt auch einen politisch-aufklärerischen Hintergrund: Indivi- dualisierung impliziere nämlich immer auch die reflexive Selbstzurechnung gesellschaftlicher Folgen auf das Individuum und damit die Gefahr einer Verkennung eigentlich gesamtgesell- schaftlicher Ursachen (Beck 1986: 192f). Die Theorie reflexiver Modernisierung hingegen „attribuiert [...] die basalen Schwierigkeiten dem Funktionieren des Systems“ (Beck/Lau 2005: 129).

Trotz dieser makrosoziologischen Ausrichtung grenzt sich die Individualisierungstheorie von den herkömmlichen „erfahrungstauben Gesellschafts- und Systemtheorien“ ab (Beck/ Lau 2005: 129), die mit ihrer „Sicht auf das Ganze“ - die Gesellschaft, die Klassen, aber auch die Familie - „die der Individuen unterdrückt“ hätten (Beck/Beck-Gernsheim 1994: 27). An- gesichts der obigen Erörterungen kann es allerdings nicht der Blick aufs Ganze als solches sein, der hier kritisiert wird. Vielmehr verlöre die Annahme einer „vom Handeln und Denken der Individuen unabhängige(n) Existenz und Reproduktion des Sozialen [...] an Realitätsge- halt“ (ebd.:29f). Deshalb sei es an der Zeit, „den Spieß umzudrehen“ und die Gesellschaft „aus der Sicht der Individuen zu analysieren“ (ebd.: 27,29). Eine Soziologie des Individuums müsse heute zugleich eine „individuumszentrierte Soziologie“ sein, welche den Individuali- sierungsprozesses als solchen ernst nimmt, ohne dessen gesellschaftliche Tragweite aus dem Blick zu nehmen (ebd.: 26). Denke man die Gesellschaft so vom Individuum aus, erkenne man erst die sich im Prozess der Individualisierung herausbildende „Pluralisierung der Le- bensformen“ (ebd.: 32). Hinter diesem „vorsichtig wissenschaftlich formuliert(en)“ Terminus (ebd.) verberge sich eigentlich, mit Enzensberger gesprochen, die sich vor allem in der Pro- vinz äußernde „durchschnittliche Exotik des Alltags“: „golfspielende Metzger, aus Thailand importierte Ehefrauen, V-Männer mit Schrebergärten, türkische Mullahs, Apothekerinnen in Nicaragua-Komitees, mercedesfahrende Landstreicher“ - um nur einige zu nennen.2 Dies zeige sich auch im Bereich von Ehe und Familie: „geschiedene Väter, Väter von Einzelkindern, alleinerziehende Väter, uneheliche Väter, ausländische Väter, Stiefväter, arbeitslose Väter, Hausmänner“ (Beck 1986: 164). Die Liste dieser Lebensformen ließe sich, allein durch Einbezug der Frauen, beliebig verlängern. Dieses „Gewiesele individualisierter Lebensführungen [...] verschließt sich den Standardisierungsnotwendigkeiten bürokratisierter Politik- und Sozialwissenschaft“ (Beck/Beck-Gernsheim 1994: 31). Individualisierung sei „schwer zu durchschauen“ und zugleich historisch „widersprüchlich“ (Beck 1994: 45).

Daraus ergebe sich, dass die herkömmliche „Einheitlichkeit und Konstanz der Begriffe“ für eine Beschreibung oder Erklärung der Individualisierungstendenzen unzureichend sei (Beck 1986: 164). Es sei damit auch in empirischer Hinsicht „schwierig“, „den in sich schillernden Begriff ’Individualisierung’ zu operationalisieren“ (Beck/Beck-Gernsheim 1993: 181). Mit großer Skepsis begegnen Beck und Beck-Gernsheim der herkömmlichen „Massendaten- Soziologie“ (1994: 32), den Empirikern, „die die Wirklichkeit nur noch in den Konventionen der ihnen verfügbaren Datensätze anzuschauen vermögen“ (1993: 181). Dies schließe es al- lerdings nicht aus, auch standardisierte Forschung zu betreiben (ebd.). Man kann dies als ein Plädoyer für Augenmaß im Umgang mit quantitativen Daten und Sensibilität für deren Gren- zen lesen. Individualisierung ließe sich ohnehin noch am ehesten in qualitativen Interviews ausmachen (Beck 1994: 46). Beck und Beck-Gernsheim (1994: 16) führen aber ein grundsätz- liches Argument gegen die herkömmliche empirische Prüfung von Individualisierungsprozes- sen an: „Es gibt nicht ’die’ individualisierte Gesellschaft“. Die Individualisierungsthese sei deshalb als „Trendaussage“ zu verstehen. Sie sei „exemplarische Gegenwartsdiagnose“, zu- gleich „schrill, überironisch oder vorschnell“, weil es darum gehe, „gegen die noch vorherr- schende Vergangenheit die sich heute schon abzeichnende Zukunft ins Blickfeld zu heben“ (Beck 1986: 12). Während im Jahre 1994 noch von einer „Übergangsgesellschaft“ mit all ihren Ambivalenzen die Rede ist (Beck 1994: 57), ist bereits im Jahre 2000 klar: „Vom Risi- koregime zu sprechen bedeutet nicht ein Übergangsphänomen im Auge zu haben“, auch wenn die sich neu herausbildenden Sozialstrukturen noch nicht absehbar seien (Beck 2000: 73). Auch mehr als 20 Jahre nach der erstmaligen Formulierung der Individualisierungsthese spre- chen Beck und Lau (2005: 108f) von einem „laufenden Verfassungswandel des Gesellschaft- lichen“, der eine „unorthodoxe Empirie“ und auch eine „Theorierevision“ jenseits herkömm- licher Begriffe erforderlich mache.

Die Aufgabe, mit der Beck die Soziologie angesichts der obigen Erörterungen konfrontiert sieht, ist es, makrostrukturelle Veränderungen, die sich im erlebten Alltag der Menschen pro- duzieren und reproduzieren, in ihrer Differenziertheit angemessen zu erfassen. Es geht um die Frage, wie die ausgewiesene makrosoziologische Fragestellung das „Individuum“ oder „Sub- jekt“ theoretisch und auch empirisch integrieren kann. Die Möglichkeit einer Lösung dieser Aufgabe für die Soziologie sieht Beck (1986: 207) in der derzeit noch jungen „Tradition der Lebenslagen- und Lebenslaufsforschung“. Die Fragen der „klassischen“ Sozialstrukturanalyse bleiben dabei durchaus erhalten. Letztlich geht es auch Beck um die Erfassung von „Typen“ und „Mustern“. Das individualisierungstheoretische Forschungsprogramm kumuliert deshalb in der Frage: „Wie läßt sich ,Individualisierung’ als Veränderung von Lebenslagen, Biographiemustern fassen?“ (ebd.).

Das Individualisierungsmodell. Ausgangspunkt einer Umsetzung des Forschungsprogramms der Individualisierungstheorie in der Risikogesellschaft ist der Entwurf eines ,ahistorischen’ „Modell(s) der Individualisierung“ Beck (1986: 206). Dies geschieht offensichtlich auf Grundlage der Annahme, dass der Individualisierungsbegriff konstante Merkmale aufweisen muss, welche die hiermit verbundenen Prozesse quer zu den betrachteten historischen Epo- chen beschreiben können und diese damit vergleichbar machen. Denn, so Beck (1986: 206), zunächst betreffe Individualisierung den von Norbert Elias beschriebenen „Zivilisationspro- zess“ im Ganzen und sei deshalb sicherlich „keine Erfindung der zweiten Hälfte des 20. Jahr- hunderts“. Das Phänomen ließe sich sowohl für die höfische Kultur des Mittelalters, die Re- naissance, wie auch für die Bauernbefreiung, die anschließende Landflucht und das Städte- wachstum des 19. Jahrhunderts ausmachen. Das Individualisierungsmodell umfasst nun die „analytischen Dimensionen“ der Individualisierung auf allgemeiner gesellschafts- theoretischer Ebene.3 Eine erste Dimension beinhaltet drei „Momente“ der Individualisierung (die Beck etwas irreführend ebenfalls als Dimensionen bezeichnet). Individualisierung bedeu- tet demnach „Herauslösung [der Individuen; T.S] aus historisch vorgegebenen Sozialformen und -bindungen im Sinne traditionaler Herrschaftsund Versorgungszusammenhänge (’Freiset- zungsdimension’), Verlust von traditionalen Sicherheiten im Hinblick auf Handlungsweisen, Glauben und leitende Normen (’Entzauberungsdimension’) [auch: „Stabilitätsverlust“] und - womit die Bedeutung des Begriffes gleichsam in ihr Gegenteil verkehrt wird - eine neue Art der sozialen Einbindung (’Kontroll- und Reintegrationsdimension’)“ (Beck 1986: 206). Diese drei Momente ließen sich wiederum in einer zweiten Dimension nach „objektiver Lebenslage“ und „subjektivem Bewußtsein“ (bzw. personaler Identität) differenzieren: Es sei wichtig zu unterscheiden „zwischen dem, was mit den Menschen geschieht, und dem, wie sie in ihrem Verhalten und Bewußtsein damit umgehen“ (ebd.: 206f). Aus der Kombination der zwei Di- mensionen, für die keine je eigene Bezeichnung verwendet wird, entsteht eine Sechs-Felder- Tafel der Individualisierungsmomente. Wenn immer also von „Individualisierung“ die Rede ist, sind alle Momente der zwei Dimensionen inbegriffen. Durch den Einbezug des Reintegra- tionsmoments will Beck vor allem auf die - widerspüchliche und paradoxe - Rolle von Stan- dardisierung und Institutionalisierung aufmerksam machen, die eben integratives Moment der Individualisierung seien. Individualisierung trage ein „Doppelgesicht institutionenabhängiger Individuallagen“ (ebd.: 210). Damit greife auch die Fokussierung auf die subjektive Freiset- zung qua „Emanzipation“ zu kurz. Nicht zuletzt deshalb will sich Beck in seiner Argumenta- tion auf die Seite der objektiven Lebenslagen der Individuen konzentrieren, aus denen sich typische Lebenslaufmuster ergäben.4 Individualisierung als Teilprozess der Modernisierung. Das Individualisierungsmodell findet nun Anwendung im Rahmen dessen, was Beck später als „Theorie reflexiver Modernisierung“ bezeichnen wird (Beck et al., 2003; Beck und Lau, 2005).5 Ein besonderer Individualisierungsschub innerhalb des Zivilisationsprozesses beginnt mit dem Prozess der Modernisierung der Gesellschaft. Individualisierung kann damit zunächst als ein bedeutender Teilprozess der Modernisierung im Ganzen betrachtet werden.6 Die Zäsur zwischen Vor-Moderne und Moderne und ihre individualisierenden Auswirkungen sind wohl das Grundthema der soziologischen Klassiker (Kippele 1998; Burkart, 2008). Dieser Bruch im Übergang zur Moderne wird von Beck vorausgesetzt und deshalb nur am Rande behandelt.

Das eigentliche Thema Becks ist die Beobachtung „eines Bruches innerhalb der Moderne [...], die sich aus den Konturen der klassischen Industriegesellschaft herauslöst und eine neue Gestalt - die hier so genannte (industrielle) ,Risikogesellschaft’ - ausprägt“ (Beck, 1986, 13; Hervorhebung TS). Zur Kennzeichnung dieses Bruches trifft Beck (ebd.,14) die Unterschei- dung „zwischen einfacher und reflexiver Modernisierung“ bzw. „Erster“ und „Zweiter“ Mo- derne (Beck und Lau, 2005, 107). Betont wird dabei, dass es sich „keineswegs [um] einen vollständigen Bruch“ handele, da das, was Beck und Lau (2005, 115) die „Basisprinzipien“ der Moderne nennen, weiterhin wirksam sei. Diese Basisprinzipien seien „fundamentale“, „fortdauernde Imperative“, „kognitiv-normative Problemstellungen und Mindestanforderun- gen des ,Projekts der Moderne’“ (ebd.,115f).7 Als wichtigste Beispiele werden genannt: die rationale Begründungspflicht, die Staatlichkeit, das Prinzip individueller Reproduktion durch Erwerbsarbeit, der Egalitarismus, funktionale Inklusion sowie die Abgrenzung der Gesell- schaft von der Natur. Vor allem die „Prozesse der Rationalisierung, kritischen Hinterfragung, Vermarktlichung und Optimierung“ (ebd.,110) würden in der Zweiten Moderne zur „treiben- den Kraft“ (ebd.,115). Sie „verlieren nicht an normativer Geltung, sondern werden genau um- gekehrt im Zuge reflexiver Modernisierung in ihrem Geltungsanspruch verstärkt“. Insofern handele es sich hier geradezu um eine „nachhaltige Radikalisierung“ der Moderne (ebd.,116). Diese Radikalisierung führe in der Zweiten Moderne zu einer eigenen „Strukturlogik“ (ebd.,122) - gewissermaßen ein dialektischer Umschlag der Quantität in die Qualität. In die- sem Sinne macht der Untertitel der Risikogesellschaft deutlich, dass wir uns heute „auf dem Weg in eine andere Moderne“ befänden.8 Worin liegt nun der genaue Unterschied zwischen Erster und Zweiter Moderne in Bezug auf ihre Strukturlogik? Woraus werden die Individuen freigesetzt und wohin werden sie reintegriert? Welche Institutionen sind hier jeweils wirk- sam? Welche Rolle spielt dabei der Stabilitätsverlust? Und worin besteht und das Verhältnis von objektiven Lagen und subjektiven Deutungen?

[...]


1 Siehe Lenz (2005). Der aus der Genetik stammende und in der Familienforschung zunehmend Verwendung findende Begriff des „Elter“ umgeht die Verlegenheit, von „Elternteilen“ sprechen zu müssen - zumal in diesem Begriff die normative Konnotation der „unvollständigen Familie“ (René König) mitschwingt (ebd.,11).

2 Beck (1986: 28) zitiert hier Enzensberger (1991) Mittelmaß und Wahn. Frankfurt/M., 264. 4

3 Ohne „Konstanz der Begriffe“ (s.o.S.4) scheint also auch Beck nicht auszukommen. Er weicht gar auf eine ahistorisch-analytische und damit scheinbar unabhängig von empirischen Faktizitäten bestehende Ebene aus.

4 Die Schwerpunktsetzung Becks, so Zinn (2002: 16), liege bis heute auf dem Moment der Objektivität im Sinne der „Muster-“ und „Formen“bildung.

5 Der „Oberbegriff“ Modernisierung wird in der Risikogesellschaft nur summarisch in Fußnoten definiert (Beck, 1986: 25). An der Formulierung und Prüfung einer „Theorie reflexiver Modernisierung“ ist schließlich ein gan- zer DFG-Sonderforschungsbereich beteiligt. Zum Münchner SFB 536 siehe http://www.sfb536.mwn.de. Schon in der Risikogesellschaft umfasst die „reflexive Moderne“ neben der Individualisierung auch die „Globalgefähr- dungslagen“ der Entgrenzung von Nationalstaaten und eines veränderten Verhältnisses des Menschen zur Natur (Beck 1986: 115).

6 So auch Junge (1996), der - abweichend von Beck, aber mit dem Versuch einer Klärung - drei Phasen der Modernisierung unterscheidet, die er zugleich als primären, sekundären und tertiären Individualisierungsschub bezeichnet: den Prozess der kulturellen Rationalisierung und Domestizierung des Natürlichen in der Renaissancezeit, die strukturelle Differenzierung im ausgehenden 19. Jahrhundert sowie die „echte“ Individualisierung als Subjektivierung seit den 1960er Jahren.

7 Mit dem Bezug auf die Moderne als „Projekt“ lehnt sich Beck an Habermas (1981) an, der gegenüber postmodernen Theoretikern die Kontinuität der Moderne betont. Leider, so Esser (1987: 809) verfange sich Beck des öfteren in einer „unsoziologischen Kulturkritik“.

8 Es handele sich daher bei der Individualisierungstheorie weder um eine Fortschreibung der Modernisierungs- theorie der soziologischen Klassiker noch um eine Theorie der Postmoderne (Beck 1986: 12f). Die traditionellen Modernisierungstheoretiker könnten den laufenden sozialen Wandel nicht erfassen. Aber auch die Theoretiker der Postmoderne verblieben in der „Erstarrung des Bekannten“, weil sie sich auf die Moderne bezögen, diese zugleich negierten und - Ausdruck dieser Verlegenheit ist die Vorsilbe „Post“ - das „Darüberhinaus“ nicht be- nennen könnten. Schroer (2001) macht den Versuch, die Kontinuitäten und Zäsuren innerhalb der Individualisie- rungstheorie selbst anhand eines diachronen und synchronen Vergleiches Becks mit den soziologischen Klassi- kern aufzuzeigen.

Details

Seiten
33
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640852161
ISBN (Buch)
9783640898640
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168255
Institution / Hochschule
Universität Bremen – TESS
Note
1,3
Schlagworte
Individualisierung Pluralisierung Familie Ulrich Beck Strukturwandel der Familie Lebensformen Familiensoziologie Geschlecht Modernisierung Frauen Moderne partnerschaftliche Lebensformen

Autor

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Titel: Pluralisierung familialer Lebensformen?