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Filmanalyse "Gone with the Wind"

Was die ersten 6 Minuten 8 Sekunden verraten

Hausarbeit 2011 5 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Gone With The Wind -

Was die einleitenden 6 Minuten 8 Sekunden verraten...

Das erste, was wir in Gone with the wind[1] zu sehen und zu hören bekommen, ist eine Ouvertüre, in Wort und Klang. Breite, große Blockbuchstaben goldener Farbe behaupten sich als OVERTURE, damit auch wirklich niemandem entgeht, um was es sich hier handelt, ist diese instrumentale Eröffnung, in der wesentliche Elemente der Handlung sowie hervorstechende Charakterzüge der Protagonisten musikalisch vorgestellt werden, doch vielmehr aus der Oper als aus dem Kino bekannt. Der Schriftzug dehnt sich vor einer ländlichen Hintergrundkulisse aus, dem Bild einer mächtigen Eiche wie einem etwas wackelig aussehenden Zaun, die als tiefschwarze Schatten vor dem dämmrigen, geröteten Himmel stehen, inmitten dessen eine langgezogene dunkle Wolke schwebt. Die Accessoires, der Baum auf Grund seiner Ausmaße, das Gatter wegen des schäbigen Zustandes, weisen schon auf Althergebrachtes hin, sie sind beide nicht mehr die jüngsten und stehen seit geraumer Zeit an Ort und Stelle. Die Eiche scheint in gutem Zustand zu sein, wohingegen das von Menschenhand Errichtete, der Zaun, zu zerfallen droht. Die dunkle Wolke, zentriert im Bild, lenkt dezent, aber doch, vom kitschig-rosanen Firmament ab, ein möglicher Hinweise auf starke Kontraste bzw. Höhen und Tiefen in der folgenden Narration. Im Diskurs der europäischen Kunstgeschichte wurden Wolken auch als „Ablenkung“ von der Unendlichkeit und Leere des Himmels verstanden, während sie in Wahrheit diese verkörpern.[2]
Musikalisch durchlaufen werden vor derselben Kulisse, das Land scheint ein Fixpunkt zu sein, verschiedene Stimmungen, von sanft-verträumt, über energisch, verspielt, dramatisch etc. – alles in allem eine spätromantisch zu nennende Partitur mit nostalgisch-charmantem Flair.

Plötzlich wird durch eine Art dumpfen Trommelwirbel auf schwarzem Bild, der nach der langatmigen Einführung wie ein Schlag auf den Kopf wirkt, die Sentimentalität der Ouvertüre unterbrochen. Daran anschließend, verkündet ein weiß lackiertes Holzschild unter Kirchenglockengebimmel, dass es sich um A Selznick International Picture handelt. Deren Logo findet seinen Abschluss im Schwenk auf das Selznick International Studio, ein weißes Herrenhaus mit einer von Säulen getragenen Vorhalle im Stil der Vorbürgerkriegszeit, das von blauem Himmel, einigen Wattebauschwölkchen und viel gestutztem Grün umgeben, einen sehr friedlichen wie auch noblen Eindruck macht. Neben Logos, wie dem MGM-Löwen, dem auf der Erde überdimensional groß platzierten RKO-Funkensprühenden Radioturm oder der Universal Pictures Weltkugel, die wie eine Erleuchtung aus dem dunklen All hervorsticht, wirkt jenes von Selznick recht bodenständig und vergleichsweise wenig mythologisierend, da es sich um eine Abbildung des eigenen Studios handelt. Statt einem spektakulären Design fiel die Entscheidung hier auf schlichte Eleganz, die Werte wie Tradition, Stil und Qualität auszustrahlen scheint.

Die nächste Einstellung erwähnt neben der Eigenmarke noch die Zusammenarbeit mit Metro-Goldwyn-Mayer, sowie dass es sich um eine Technicolor Produktion handelt, was zu einer Zeit, in der Farbfilme noch vergleichsweise selten waren, eine Attraktion darstellten musste.[3]

Wovon denn eigentlich der Film handelt, eröffnet nach rascher Überblendung der Blick auf ein weites durch eine lange Reihe von Sklaven beackertes Feld: Margaret Mitchell’s Story of the Old South. Die Musik hat an dieser Stelle von einer fröhlichen, leichtfertig-hüpfenden Melodie zu dumpfen Schlägen gewechselt. Schwarze, schwer arbeitende Sklaven, das sei an dieser Stelle hervorzuheben, sind die ersten Personen, welche, sogar noch vor dem Titel und dem Hauptanteil der Credits des Films, eingeführt werden.

Erst jetzt wird der Blick wieder auf jenes, uns schon aus der Ouvertüre bekanntes, Eingangsmotiv von Eiche, Zaun und rotem Himmel gelenkt, nur dass es sich diesmal nicht um ein Standbild handelt – ein Blatt fällt hinab, ein Vogel fliegt, Äste bewegen sich im Wind – sondern die Kamera nach rechts fährt und so allmählich den Titel, Gone with the Wind, entblößt, der in übergroßen weißen Lettern der Pointedly Mad Font[4], die eine Art Windschatten nach sich ziehen, einfliegt. Dieselbe Schriftart wurde auch für die Credits verwendet. Stark an das Western-Genre erinnernd, werden Assoziationen mit dem Mythos der gewalttätigen Eroberung einer primitiven und Herstellung einer zivilisierteren Gesellschaftsordnung geweckt. Der Himmel wird dabei auffallend heller, die große dunkle Wolke zerteilt sich und verliert so an Bedrohlichkeit bzw. mildert die Kontraste oder gibt den Blick frei aufs weite, offene Firmament. Wie schon der Beginn dieser Kamerafahrt durch die Eiche eingeleitet wurde, so wird auch das Ende mittels Baum begrenzt und dazwischen weilt der Zaun. Es scheint, dem Titel ein wenig zum Trotz, die Begrenzung eines Herrschaftsraumes, zwischen zwei Fixpunkten, vorgenommen zu werden. Was auch immer in der Story noch vom Winde verweht werden wird, wohl kaum das Land, die Herrschaft, der Besitz. Brüchig, darauf lässt der Zaun schließen, ja; dunkel, wie die Wolke verrät, auch beizeiten; aber nicht so leicht wegzuwehen.

[...]


[1] Victor Fleming, Gone with the Wind, DVD, 224 min., USA: Warner Home Video Germany 2000 (USA 1939).

[2] Vgl. Tom Brown: Spectacle/gender/history: the case of Gone with the Wind. In: Screen 49:2 (Summer 2008). S. 177.

[3] Vgl. Ebd. S. 168/169.

[4] Pointedly Mad Font: http://www.dafont.com/theme.php?cat=106&page=3. Zugriff am 13.12.2010.

Details

Seiten
5
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640851034
Dateigröße
391 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168172
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft
Note
1
Schlagworte
Gone with the wind Vom Winde verweht Filmanalyse Credits Scarlett Hollywood

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