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Sprachphilosophische Gedanken bei Heraklit

Seminararbeit 2007 13 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Unsicherheiten der philologischen Interpretation

3 Sprache und logos

4 Die Verknüpfung von Benennung und Ding

5 Zur Richtigkeit der Namen

6 Zusammenfassung

Literatur

1 Einleitung

Wie eigentlich in jeder umfassenden historischen Betrachtung einer philosophischen Teildisziplin, so geht auch bei der Sprachphilosophie der Blick des Wissbegierigen zu- nächst in Richtung Antike. Dort wurden schon die Diskussionsgegenstände und Proble- me diskutiert, welche auch die Sprachphilosophie der Neuzeit zu großen Teilen noch beschäftigt. Als Protagonisten der Auseinandersetzung mit sprachphilosophischen Fra- gestellungen werden hierbei oft Platon, Aristoteles und die Stoiker bestimmt. Dies zeigt sich schon an der außerordentlichen Fülle an wissenschaftlichem Material, welches in Bezug auf die Theorien dieser Denker publiziert wurde.

Jedoch ist dadurch das sprachphilosophische Werk anderer antiker Gelehrter oft in den Schatten der akademischen Debatte gerückt. Nicht nur aufgrund eines historischen In- teresses soll freilich in der vorliegenden Seminararbeit der Versuch unternommen wer- den, die sprachphilosophische Programmatik bei Heraklit darzustellen. Vielmehr soll gezeigt werden, wie der bereits von seinen Zeitgenossen auch so genannte „der Dunkle“ enorme Impulse für die spätere Entwicklung der abendländischen Sprachphilosophie gesetzt hat.?1 Für dieses Vorhaben ist es zunächst notwendig, die enge Verknüpfung von Ontologie und Sprache im heraklitischen Denken zu demonstrieren. Darauf basierend soll gezeigt werden, welche Auffassung Heraklit zum Verhältnis von Name und Ding. sowie der Richtigkeit der Wörter einnimmt. In diesem Kontext bietet es sich zugleich an, die Wirkung dieser sprachphilosophischen Ansichten auf später auftretende Perspek- tiven - insbesondere im Dialog Kratylos von Platon - zu untersuchen.

2 Unsicherheiten der philologischen Interpretation

Wer sich mit dem Wirken Heraklits auseinandersetzen möchte, steht ähnlich wie bei vielen anderen antiken Autoren vor der Schwierigkeit, geeignetes Quellenmaterial aus- findig zu machen. So trägt Heraklit seinen Beinamen „der Dunkle“ auch in dieser Hin- sicht nicht zu Unrecht. Sein Werk ist leider nur fragmentiert überliefert worden und au- ßerdem teilweise durch seine Schüler umgedeutet worden. Deshalb kann nicht zweifels- frei geklärt werden, welche Sätze seiner bruchstückhaften Sammlung wahrhaftig von Heraklit stammen (KRAUS 1987:99). Auch die Ausführungen, die im platonischen Dialog Kratylos und späteren Werken über seine Sprachphilosophie getätigt wurden, kön- nen durchaus verfremdet sein. Die Fragmente offenbaren auch keine gegliederte Erzähl- struktur, sondern haben einen aphoristischen Charakter (VAN ACKEREN 2006:13). Diese Sinnsprüche kommen zudem auch noch für den versierten Leser recht kryptisch daher.2 Doch es wird sich zeigen, dass die vermeintlich dunkle Sprache bestimmte Aspekte der heraklitischen Philosophie betont und damit wieder eine klare Erkenntnis ermöglicht.

Eine weitere Zugangssperre für die Interpretation der heraklitischen Philosophie stellt die sinngemäße Übersetzung des griechischen Originals dar. Diese Problematik ist kein philologischer Selbstzweck, sondern kann die Deutung der Gedanken des Ephesers massiv beeinflussen. Allerdings soll es nicht der hauptsächliche Zweck dieser Arbeit sein, die Hindernisse der Übersetzung zu rekonstruieren.3 Dies soll nur am Rande ge- schehen, zur Verdeutlichung bestimmter ontologischer oder sprachphilosophischer Pro- bleme. Die folgenden Ausführungen werden sich vornehmlich auf die Übersetzung in SNELL (1989) stützen und das zitierte Fragment wird jeweils mit frg. gekennzeichnet werden. Ausnahmen davon werden explizit erwähnt, für das Verständnis zentrale Passa- gen werden eingerückt dargestellt.

3 Sprache und logos

Der zentrale Punkt der heraklitischen Philosophie wird durch den logos eingenommen, dessen Wesen in frg. B 1 wie folgt charakterisiert wird:

„Diese Lehre hier, ihren Sinn, der Wirklichkeit hat, zu verstehen, werden immer die Menschen zu töricht sein, so ehe sie gehört, wie wenn sie erst gehört haben. Denn geschieht auch alles nach diesem Sinn, so sind sie doch wie Unerfahrene – trotz all ihrer Erfahrung mit derlei Worten und Werken, wie ich hier sie einge- hend auseinanderlege einzeln ihrem Wesen nach und erkläre, wie sich jedes ver- hält; den andern Menschen aber bleibt unbewußt, was sie im Wachen tun, wie was sie im Schlaf bewußtlos tun.“4

Schon die hier bei SNELL (1989) vorgenommene Deutung des logos als Lehre ist höchst umstritten. So wenden COSERIU & ALBRECHT (2003:23) ein, dass kaum ein Philosoph sei- ne Lehre als nicht verständlich deklarieren würde. Logos könnte laut HELD (1980:176) die Wirklichkeit objektiv als Weltgesetz beschreiben oder auf subjektiver Ebene durch den Menschen als Lehre, Rede oder Denken. Allerdings ist eine strikte Trennung dieser beiden Gegensätze abzulehnen. Subjektives und Objektives fallen vielmehr im ewigen und unvergänglichen logos zusammen, dem zu folge alles geschieht. Im Hinblick auf die objektive Seite des logos ist die von Heraklit postulierte Einheit der Gegensätze von besonderer Relevanz. Hierzu bemerkt er in frg. B 67:

„Gott ist Tag Nacht, Winter Sommer, Krieg Frieden, Sattheit Hunger; er wandelt sich wie Öl: mischt sich dies mit Duftstoffen, so heißt es nach dem jeweiligen Geruch“

Die dahinter stehende Ontologie basiert auf dem Prinzip des Werdens und Vergehens, das auch in der berühmten Flußlehre seine Entsprechung findet. Der Untergang des Einen bestimmt die Auferstehung des Anderen. Dies impliziert keine chaotische Zu- standsänderungen, sondern zeigt vielmehr einen harmonischen Übergang zwischen den Gegenstücken. Beide sind demnach untrennbar aneinander gekoppelt und bilden in ihrer Ausprägung die Einheit der Gegensätze. Heraklit würde missverstanden werden, wenn bei einer starken Lesart seiner Flußlehre den Dingen folglich jegliche Identität abspre- chen würde. Platon hat diese Problematik vor allem im Theaitet (u.a. 182d) und Kraty- los (u.a. 440a) kritisch hinterfragt und die Möglichkeit von Erkenntnis im heraklitischen Weltbild diskutiert. Als Alternative bietet sich laut RAPP (1997:77) auch in Hinblick auf die logos-Lehre eine gemäßigte Interpretation an, „dass alles einer Gesetzmäßigkeit un- terworfen ist, die wesentlich durch Veränderung geprägt ist“ und die daher den Dingen eine beharrliche Identität zuspricht. Erst durch die Strömung des Wassers manifestiert sich die Identität des Flusses.

Grundsätzlich ist der logos durchaus vom Menschen erfahrbar und denkbar, was die subjektive Komponente deutlich unterstreicht. Heraklit würde demnach nicht korrekt gedeutet werden, wenn ihm ein erkenntnistheoretischer Pessimismus unterstell wird. An frg. B 116 wird dies markant: „Den Menschen allen ist zuteil, sich selbst zu erkennen und verständig zu denken“. Gemäß frg. B 1 und B 50 ist der logos hörbar und damit

[...]


1 COSERIU & ALBRECHT (2003:21) sehen in Heraklits Status durchaus Parallelen zu Denkern wie Hölderlin oder Heidegger, deren Philosophie auch oftmals als „dunkel“ charakterisiert wurde. Daher erscheint es nicht verwunderlich, dass Heidegger das Werk des Vorsokratikers als ein Ausgangspunkt seiner eigenen philosophischen Betrachtung gesetzt hat (HEIDEGGER 1954). Auch Hegel greift Heraklits Gedanken mit Begeisterung auf (COSERIU & ALBRECHT 2003:29).

2 Laut Diogenes Laertius soll Sokrates zu den Werken Heraklits gesagt haben: „Was ich verstanden habe, ist vortrefflich; ich glaube auch, was ich nicht verstanden habe; übrigens bedarf er eines delischen Tau- chers“ (RAPP 1997:60).

3 Die Fülle an Publikationen zur philologischen Bearbeitung des Heraklit kann ebenfalls nur ansatzweise angegeben werden: HELD (1980), HOFFMANN (1925), SNELL (1926) sowie natürlich die Übersetzungen bei DIELS & KRANZ (1956) und SNELL (1989).

4 Es war zu der damaligen Zeit Usus, seine Prosawerke mit einem derartigen Proömium einzuleiten. Laut THURNER (2006:207) war dies „in der Regel eine knappe Selbstreferenz, in der der Autor die Abhandlung als die eigene vorstellte und deren Besonderheit entweder mit dem Verweis auf die Thematik oder die Wahrheit ihres Inhaltes betonte“.

Details

Seiten
13
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640850990
ISBN (Buch)
9783640851188
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168164
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Heraklit Logos

Autor

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Titel: Sprachphilosophische Gedanken bei Heraklit