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Umdeutung des Hölderlinschen Verständnisses vom Patriotismus im Nationalsozialismus

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 38 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Gedanke des Patriotismus bei Friedrich Hölderlin
2.1 Hölderlins Verständnis vom Patriotismus zwischen 1789 und 1800
2.2 Betrachtung ausgewählter Lyrik Hölderlins unter dem Aspekt des Patriotismus-Gedankens

3. Hölderlin-Rezeption im Nationalsozialismus
3.1 Hölderlin-Verehrung in der Neuromantik
3.2 Hölderlin im Kontext nationalsozialistischer Literatur und Propaganda

4. Klassikerrezeption im Nationalsozialismus

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1 Aufsätze
6.2 Lexika
6.3 Monografien
6.4 Publikationen aus dem Internet

7. Anhang
7.1 Gedichte

1. Einleitung

Die folgende Hausarbeit entsteht im Rahmen des Seminars „Friedrich Hölderlin. Dichtung im Umbruch zur Moderne“ und thematisiert die Umdeutung des Hölderlinschen Verständnisses vom Patriotismus durch die Nationalsozialisten.

Die eingehende Besprechung einiger Gedichte Hölderlins und seines Romans „Hyperion“ innerhalb des Seminars machte mich auf Hölderlins besonderes Verhält- nis zu seinem Vaterland aufmerksam, und mir fiel von nun an in vielen seiner Werke das starke Verlangen nach der Verwirklichung einer vaterländischen Erneuerung auf. Nachdem ich in verschiedener Sekundärliteratur auf Anmerkungen gestoßen bin, dass die Nationalsozialisten einige Gedichte und Oden für ihre Ideologie missbraucht hatten, war mein Interesse für diesen Forschungsbereich geweckt. Zu Beginn stellte sich mir zuerst einmal die grundlegende Frage, wie die Nationalsozialisten es anstell- ten, dass Hölderlin und seine Gedichte Bestandteil ihrer Propaganda wurden. Ich konnte mir dies nur durch eine Veränderung des Hölderlinschen Vaterland-Begriffs erklären, da mir der Dichter durch die Diskussionen im Rahmen des Seminars zwar als ein zeitweise radikaler Revolutionär erschien, der auch den Kampf als Möglich- keit für eine Umwälzung der bestehenden Verhältnisse nicht ausschloss, durch seine spätere Distanzierung von der Schreckensherrschaft der Jakobiner relativierte sich für mich aber seine kämpferische Haltung. An dieser Stelle ergab sich für mich ein Antagonismus im Verhalten des Dichters, da scheinbar auf der einen Seite die gesell- schaftlichen und staatlichen Veränderungen durch ein Prozess erreicht werden sollten - folglich auf keinen Fall „von oben“ erzwungen oder auferlegt - auf der anderen Seite gehen aber aus einigen seiner Gedichte eindeutig kämpferische Parolen hervor. Daraus ergab sich für mich die Frage, ob sich Hölderlins Verständnis möglicherwei- se über die Jahre gewandelt hatte, eventuell motiviert durch politische Ereignisse seiner Zeit. Aus der ersten Recherche ergaben sich für mich zwei Aspekte, die zu klären ich mir durch meine Arbeit erhoffe: die Analyse seines Verständnisses vom Vaterland sowie die Umwertung dieses Begriffes im Nationalsozialismus.

Die Gliederung der Arbeit sieht wie folgt aus: Kapitel 2 befasst sich mit der Herausarbeitung der Hölderlinschen Auffassung vom Patriotismus. In Kapitel 2.1 wird der Einfluss der politischen Ereignisse um 1800 auf Hölderlins patriotisches Denken untersucht, die, ohne Zweifel, eine starke Wirkung auf seine Person, sein Verständnis vom Vaterland und demnach auch auf seine Dichtungen gehabt haben.

Die Betrachtung ausgewählter Dichtungen unter dem Aspekt des Patriotismus- Gedankens wird anschließend in Kapitel 2.2 vorgenommen. Dabei habe ich mich für die Gedichte „Der Tod fürs Vaterland“, „Gesang des Deutschen“ und „Germanien“ entschieden, da sie meiner Ansicht nach mit am deutlichsten von Hölderlins Patrio- tismus-Gedanken geprägt sind, folglich die bereits angesprochene Divergenz von Hölderlins Verhalten aufzeigen. Dieses Kapitel kann jedoch keine umfassende Inter- pretation der Gedichte leisten, das soll auch nicht das Ziel sein, sondern der Fokus der Analyse liegt ausschließlich auf dem Aspekt des Vaterland-Gedankens. In eini- gen Fällen werde ich mich bei der Untersuchung der Gedichte auf Interpretationsan- sätze anderer Autoren stützen, da sie mir nicht selten hilfreiche Anregungen für wei- terführende Gedanken und Ausführungen lieferten.

Das 3. Kapitel beschäftigt sich schließlich mit der Hölderlin-Rezeption im Nationalsozialismus. Einleitend werden kurz die nicht unerheblichen Leistungen der Hölderlin-Forschung zur Zeit des Nationalsozialismus angesprochen. Kapitel 3.1 thematisiert die Bezugnahme auf den Dichter durch Vertreter der besagten Zeit. Da- zu zählen neben den Nationalsozialisten vor allem Stefan George und sein Kreis, die gewissermaßen die Vorlage für das Hölderlin-Bild des Nationalsozialismus lieferten. In Kapitel 3.2 wird schließlich explizit auf die Aufnahme von Hölderlins Dichtungen in den Kontext nationalsozialistischer Propaganda eingegangen, ein, wie ich finde, sehr spannendes Kapitel, zumal sich an dieser Stelle bewusst zahlreiche Bezüge zu Kapitel 2.2 herstellen lassen.

Abschließend untersucht das 4. Kapitel die Rezeption der „deutschen Klassi- ker“ im Nationalsozialismus. An dieser Stelle sei erwähnt, dass sich das Kapitel nicht an der Diskussion um die Forschungsfrage beteiligt, ob Hölderlin der Romantik oder der Klassik zugeordnet wird, oder, ob er „der große ‚Einzelne’ zur Zeit der Klassik und Romantik“1 ist. In diesem Kontext geht es um „deutsche Klassiker“ im Allge- meinen, und es spielt nur eine untergeordnete Rolle, welcher der beiden Epochen die Dichter aus heutiger Sicht zugeordnet werden. Ohnehin musste ich in meiner Litera- turrecherche feststellen, dass auch die Hölderlin-Forschung zur Zeit des Nationalso- zialismus keine eindeutige und vor allem einheitliche Zuordnung getroffen hat. Auch wenn der Fokus natürlich auch in diesem Kapitel erneut stark auf Hölderlin gerichtet ist, so werden auch andere klassische und romantische Dichter Erwähnung finden. Im Vordergrund stehen die Fragen nach dem Grund für eine Bezugnahme auf die Klassiker sowie der Art und Weise der Einbettung in die nationalsozialistische Propaganda und Ideologie.

2. Der Gedanke des Patriotismus bei Friedrich Hölderlin

Um in den folgenden zwei Unterkapiteln das patriotische Denken Friedrich Hölderlins in Bezug zu den politischen Ereignissen der Zeit herauszuarbeiten und es anschließend an ausgewählten Dichtungen aufzuzeigen, müssen einleitend zwei wichtige Fragen geklärt werden: War das Nationalbewusstsein eine charakteristische Erscheinung für das ausgehende 18. bzw. beginnende 19. Jahrhundert, und wie lässt sich Hölderlins Patriotismus explizit definieren?

In Christoph Prignitz’ Werk „Vaterlandsliebe und Freiheit“ (1981) heißt es, dass Patriotismus im Zeitalter der Aufklärung stark verbreitet war:2

Der neuzeitliche Patriotismus bildete sich in Deutschland in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. Angesichts der wirtschaftlichen und politischen Rückstän- digkeit des Reichs, angesichts vor allem der eigenen Machtlosigkeit entstand im deutschen Bürgertum Opposition gegen die feudalen staatlich- gesellschaftlichen Zustände. Hier ist der Patriotismusbegriff von ausschlag- gebender Bedeutung: In ihm artikulierte sich die Forderung nach einem frei- heitlich konstituierten Staat, einem Staat, der allein die patriotische Liebe sei- ner Bürger verdiene. Es verbanden sich Patriotismus und bürgerliche Frei- heitsidee.3

Vor allem unter der „literarischen Intelligenz“4 sei es laut Prignitz zur Bildung einer Opposition gegen die feudale Situation in Gesellschaft und Staat gekommen. Folglich lässt sich die erste Frage - war das Nationalbewusstsein charakteristisch für das ausgehende 18. bzw. beginnende 19. Jahrhundert - bejahen.

Nun zu Hölderlins Patriotismus-Gedanken. Bereits in jungen Jahren stand er vollkommen in der „patriotischen Zeitströmung, die das deutsche Vaterland erneuern [wollte, L.M.], erneuern im Geiste der Freiheit, wie sie in einer längst vergangenen

Epoche gesehen wurde (…)“5. Aber was genau charakterisiert sein patriotisches Denken? In einem Hölderlin-Lesebuch aus dem Jahr 1960 findet sich dazu folgende Anmerkung:

Hölderlin (…) spricht nie von der Monarchie Preußen und eigentlich auch von den süddeutschen Monarchien nicht, für ihn ist Vaterland das lebendige Schwaben, das Stammesland, das um seine Ströme und zwischen seinen Gebirgen lebendig schaffende, produzierende Land, und - - Deutschland, das große allgemeine, noch zu schaffende Vaterland.6

Anhand dieser Ausführungen zeichnen sich bereits die Umrisse des Hölderlinschen Verständnisses ab. Mit Vaterland meint er folglich sowohl sein Heimatland Würt- temberg als auch das gesamte Deutschland7. Es geht Hölderlin aber nicht um ein durch Grenzen festgelegtes Gebiet, sondern um das „lebendige“ Schwaben. Hier wird zusätzlich Hölderlins Liebe zur Natur erkennbar, die auch einen wichtigen Be- standteil im „Hyperion“ bildet. Der Hölderlin-Forscher und -Herausgeber Jochen Schmidt kommt in seinen Ausführungen über Hölderlins Erstfassung der Ode „Der Tod fürs Vaterland“ zu einer ähnlichen Feststellung, wenn er Hölderlins Vaterlands- begriff weder als territorial noch als national bezeichnet.8 Ein anderer Faktor, der in Hölderlins Patriotismus mit hinein spielte und für den weiteren Verlauf dieser Arbeit von großer Bedeutung sein wird, ist die Französische Revolution. Stefanie Roth ver- weist in ihrer Dissertation „Friedrich Hölderlin und die deutsche Frühromantik“ (1991) auf die Forschung, die den Einfluss dieses politischen Ereignisses als ein Cha- rakteristikum der Frühromantiker bezeichnet.9 Unabhängig davon, ob Hölderlin nun tatsächlich als Frühromantiker zu bezeichnen ist, trifft dieses Kriterium auf ihn zu. Wie stark dieser Einfluss tatsächlich auf ihn war, wird in Kapitel 2.1 herausgearbei- tet.

Bezüglich der in Kapitel 3 noch zu behandelten Umdeutung des Hölderlinschen Nationalbewusstseins, sei bereits folgende Anmerkung von Jochen Schmidt zu Hölderlins Vaterlandsbegriffs vorweg genommen: „Dieses Vaterland war nicht das der nationalistischen Gewalttätigkeit gegen andere Völker, sondern das durch einen Befreiungskampf gegen die Tyrannei im eigenen Land zu erringende: das Vaterland der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.“10 Für den späteren Verlauf der Arbeit wird dieser Aspekt noch von Bedeutung sein.

Zusammenfassend lässt sich an dieser Stelle der Arbeit folgendes festhalten: Hölderlins Nationalgefühl wird wesentlich durch seine innige Liebe und Verbunden- heit zu seinem Vaterland - im Folgenden ist damit sowohl Württemberg im Speziel- len gemeint als auch Deutschland im Allgemeinen - und durch seinen starken Wunsch nach einer Veränderung der bestehenden Verhältnisse bestimmt. Damit ist bereits ein sehr wichtiger Aspekt und wesentlicher Ausdruck Hölderlins patriotischen Denkens angesprochen, der jedoch in Unterkapitel 2.1 noch explizit erläutert wird und werden muss.

Diese komprimierte Einführung in die Begrifflichkeit Patriotismus im 18./19. Jahrhundert und in Hölderlins individuelles Verständnis vom Vaterland dient als Hinführung zu den nun folgenden Unterkapiteln, die sich mit der Entwicklung des Patriotismus-Gedankens bei Hölderlin zur Zeit der Französischen Revolution bis zur Herausbildung des nationalen Denkens um 1800 (Kapitel 2.1) sowie Hölderlins Um- setzung dieser Vorstellungen in seinen Dichtungen (Kapitel 2.2) beschäftigen.

2.1 Hölderlins Verständnis vom Patriotismus zwischen 1789 und 1800

Hölderlin vereint zwei gegensätzliche Positionen in seinem patriotischen Denken, die zeitweise sogar nebeneinander bestanden und von einer inneren Zerrissenheit zeu- gen. Zum einen ist es die Übereinstimmung mit den Ereignissen und dem Fortgang der Französischen Revolution, die in eine Kampfeslust gipfelte, auch wenn es zu inneren Widersprüchen aufgrund des gewalttätigen Charakters bedingt durch die Jakobiner kam. Zum anderen ist es die Abwendung von der Französischen Revoluti- on, begründet durch Irritationen über den Verlauf eben dieser Schreckensherrschaft, die Sehnsucht nach Frieden sowie die Hinwendung zu einer geistigen Evolution, die „Propagierung der menschlich-moralischen Emanzipation als Voraussetzung der bürgerlich-politischen Befreiung“11.12 Hölderlins, durch Gegensätze motiviertes Ver- ständnis vom Patriotismus, das unabänderlich mit den Ereignissen und dem Verlauf der Französischen Revolution verknüpft ist, soll im Folgenden skizziert werden. Im Jahr 1789, der ersten Phase der Französischen Revolution, die bis 1791 reichte, machte sich eine deutliche Ausprägung im patriotischen Denken des jungen Dichters bemerkbar: „Hölderlins Vaterlandsbegriff nimmt die Färbung der Revoluti-onsjahre an.“13 Im Anfangsstadium der Französischen Revolution glaubten viele deutsche Dichter, darunter auch Hölderlin, dass ein politischer Fortschritt durch ein „Minimum an Gewalt“14 erreicht werden könnte. Diese Vorstellung einer überwie-gend unblutigen aber erfolgversprechenden Revolution passte perfekt in das Denken der Aufklärung.15 Hölderlin verstand sich fortan als Dichter in einer revolutionären Zeit, dessen Dichtungen als „Volkserziehung“16 zu einer Veränderung beitragen soll-ten.17 Da Hölderlin nicht aktiv an der Revolution mitwirkte, begriff er sich als passi-ver „Kämpfer“, der mit seinen Hymnen den Prozess der Umwälzung vorantreiben und unter Umständen sogar beschleunigen konnte.18 Für Hölderlin wurde „das Rei-fen eines wahren Vaterlandes [zum, L.M.] Maßstab für die Entwicklung und Reifung des Menschen an sich“19.

Hölderlins Hinwendung zur Antike erfolgte um 1790 - Günter Mieth legt den genauen Zeitpunkt auf das Jahr 1792 fest20 - und war begründet durch die Französi- sche Revolution und die Revolutionskriege, da diese Zeit als „reale Wiedergeburt antiken Wissens“21 verstanden wurde. Die griechische Antike wurde für Hölderlin zum Orientierungspunkt für seine revolutionären und humanistischen Idealvorstel- lungen.22 Sein Wunsch nach einer freien und in Harmonie lebenden Gesellschaft

schlug sich auch in seinen Tübinger Hymnendichtungen nieder, deren revolutionärer Gehalt in der Forschung als bewiesen gilt.23 Wie viele deutsche Dichter dieser Zeit, so erhoffte sich auch Hölderlin von der Französischen Revolution eine Veränderung für das eigene Land und stand für den Sieg der Franzosen ein. Seine absolute Unter- stützung der Revolution endete mit dem Beginn des jakobinischen Terrors 1793/94, doch auch die zunehmende Gewalt konnte Hölderlin nicht vollkommen von seinem Glauben an einen Erfolg der Französischen Revolution abbringen. Er ergriff nun Partei für die Girondisten („Die Patrioten waren für Hölderlin immer die Girondis- ten.“24 ). Den Verlauf der Revolution verfolgte er auch nach dem „terreur“ weiter, wobei sich Enttäuschung und Hoffnung bis zum Frieden von Luneville (1801) ab- wechselten.25 So äußerte er sich noch 1796 hoffnungsvoll und enthusiastisch in ei- nem Brief an seinen Bruder Karl über das Vordringen der französischen Truppen nach Süddeutschland und formulierte seine großen Hoffnungen über die bevorste- hende Schlacht für das Vaterland in einem Gedicht26.27 Doch schon einige Monate später zeigte er sich resigniert und schrieb an Karl: „Du wirst mich weniger im revo- lutionären Zustand finden, wenn du mich wieder siehst (…).“28 1796 war die Franzö- sische Revolution aus Sicht des Dichters schließlich gescheitert.29 An dieser Stelle lassen sich Parallelen zu Hölderlins früherem Vorbild und dem „Bezugspunkt seiner dichterischen Weltaneignung“30, Friedrich Gottlieb Klopstock, ziehen. Beide begrüß- ten zu Beginn die revolutionären Bestrebungen in Frankreich und bedauerten, dass sich dieser Umsturz nicht auch schon in Deutschland ereignete. In der Folge bildete sich aber bei beiden Dichtern eine kritischere Haltung gegenüber dem brutalen Cha- rakter der Revolution heraus, die bis zur Abwendung führte.31

Im Jahr 1799 bekam Hölderlins Hoffnung einen erneuten Antrieb, als er sich durch den Einfluss süddeutscher Oppositioneller wieder auf die Möglichkeit eines Kampfes für die Umsetzung seiner Ideale besann. Erst die Veröffentlichung einer Verordnung, laut dieser die Bekämpfung und Niederschlagung jeder revolutionären Bewegung in Süddeutschland durch die Franzosen festgeschrieben wurde, zerstörte Hölderlins Erwartungen endgültig: Bis zuletzt hatte er an ein Übergreifen der Fran- zösischen Revolution auf Deutschland geglaubt.32 Um die Jahrhundertwende, genau- er gesagt ab der zweiten Hälfte des Jahres 1799, wird der bereits angedeutete Wandel in Hölderlins patriotischem Denken deutlich. Durch das zeitgeschichtliche Gesche- hen ernüchtert, distanziert sich Hölderlin in dieser Zeit von der Französischen Revo- lution.33 Auslöser für diesen Gesinnungswandel waren, wie bereits erwähnt, zum einen die jakobinischen Terrorakte, die nicht mit Hölderlins „Ideal der liebenden Gemeinschaft der Menschen“34 übereinstimmten. Hinzu kamen die Enttäuschungen über die französische Außenpolitik unter Napoleon35 sowie das Gefühl einer Fremd- herrschaft bzw. Unterdrückung im eigenen Land. Es wurde zunehmend deutlicher, dass die französischen Truppen den Eroberungskrieg über ihr ursprüngliches Vorha- ben, die Befreiung fremder Völker, gestellt hatten.36 Hölderlin musste erkennen, dass die Revolution kein „unproblematischer Aufbruch in eine bessere Welt“37 war, son- dern der gescheiterte Versuch, „die allgemeine Freiheit mit der Freiheit des Indivi- duums zugleich zu verwirklichen“38.

Durch seine Abwendung von Frankreich bzw. der Französischen Revolution kam es aber gleichzeitig zur Besinnung auf das eigene Vaterland. Im Fokus seines Interesses rückten die Entwicklungen in Deutschland und die Idee einer „allumfas- senden, geistig und politisch-gesellschaftlich gerichteten vaterländischen Erneue- rung“39. Von nun an setzte er auf eine „ Evolution in Deutschland als Weg zur ge- schichtlichen Vollendung“40, statt, wie bisher, auf die Revolution in Frankreich. Die- se „kulturelle Vollendung“41 in Deutschland zu erreichen, hielt Hölderlin für mög- lich, da die Bedingungen und Voraussetzungen gegeben zu sein schienen:

[...]


1 ROTH, Stefanie (Hrsg.) (1991): Friedrich Hölderlin und die deutsche Frühromantik. Stuttgart: Metzler-Poeschel. S.1.

2 PRIGNITZ, Christoph (Hrsg.) (1981): Vaterlandsliebe und Freiheit. Deutscher Patriotismus von 1750 bis 1850. Wiesbaden: Franz Steiner Verlag GmbH. S.8.

3 Ebd . S.185.

4 Ebd. S.12.

5 PRIGNITZ, Christoph (1981): Vaterlandsliebe und Freiheit. S.79.

6 VICTOR, Walther (Hrsg.) (1960): Hölderlin. Ein Lesebuch für unsere Zeit. Weimar: Volksverlag. S.18f.

7 Deutschland bzw. das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein zerrissener und loser Zusammenschluss einer Vielzahl von Territorien und Herrschaften ohne politische Zentralgewalt.

8 Vgl.: SCHMIDT, Jochen (Hrsg.) (2005): Friedrich Hölderlin. Sämtliche Gedichte. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag. S.625.

9 Vgl.: ROTH, Stefanie (1991): Friedrich Hölderlin und die deutsche Frühromantik. S.312,

10 SCHMIDT, Jochen (Hrsg.) (2005): Friedrich Hölderlin. Sämtliche Gedichte. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag. S.625.

11 MIETH, Günter (Hrsg.) (2001): Friedrich Hölderlin. Dichter der bürgerlich-demokratischen Revolution. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann GmbH. S.27.

12 Vgl.: MIETH, Günter (2001): Friedrich Hölderlin. S.27.

13 PRIGNITZ, Christoph (1981): Vaterlandsliebe und Freiheit. S.79.

14 Ebd. S.51.

15 Vgl.: PRIGNITZ, Christoph (1981): Vaterlandsliebe und Freiheit. S.51.

16 wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?titel=Friedrich+H%C3%B6lderlin&id=

54256796&top=Lexikon&suchbegriff=friedrich+h%C3%B6lderlin+kurzbiografie&quellen=&qcrubri k=kultur

17 Vgl.: wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?titel=Friedrich+H%C3%B6 lderlin&id=54256796&top=Lexikon&suchbegriff=friedrich+h%C3%B6lderlin+kurzbio grafie&quellen=&qcrubrik=kultur

18 Vgl.: MIETH, Günter (2001): Friedrich Hölderlin. Dichter der bürgerlich-demokratischen Revoluti- on. S.22.

19 PRIGNITZ, Christoph (1981): Vaterlandsliebe und Freiheit. S.80.

20 Vgl.: MIETH, Günter (2001): Friedrich Hölderlin. Dichter der bürgerlich-demokratischen Revoluti- on. S.26.

21 MIETH, Günter (2001): Friedrich Hölderlin. Dichter der bürgerlich-demokratischen Revolution. S.25.

22 Vgl.: MIETH, Günter (2001): Friedrich Hölderlin. Dichter der bürgerlich-demokratischen Revoluti- on. S.31.

23 Vgl.: ROTH, Stefanie (1991): Friedrich Hölderlin und die deutsche Frühromantik. S.316.

24 ROTH, Stefanie (1991): Friedrich Hölderlin und die deutsche Frühromantik. S.326.

25 Vgl.: ROTH, Stefanie (1991): Friedrich Hölderlin und die deutsche Frühromantik. S.333.

26 „Die Schlacht“ ist der Erstentwurf der späteren Ode „Der Tod fürs Vaterland“ und wird in Kapitel 2.2 eingehend Betrachtung finden.

27 Vgl.: MIETH, Günter (2001): Friedrich Hölderlin. Dichter der bürgerlich-demokratischen Revoluti- on. S.44.

28 ROTH, Stefanie (1991): Friedrich Hölderlin und die deutsche Frühromantik. S.334.

29 Vgl.: ROTH, Stefanie (1991): Friedrich Hölderlin und die deutsche Frühromantik. S.335.

30 MIETH, Günter (2001): Friedrich Hölderlin. Dichter der bürgerlich-demokratischen Revolution. S.11.

31 Vgl.: PRIGNITZ, Christoph (1981): Vaterlandsliebe und Freiheit. S.52.

32 Vgl.: ROTH, Stefanie (1991): Friedrich Hölderlin und die deutsche Frühromantik. S.335f.

33 Vgl.: PRIGNITZ, Christoph (1981): Vaterlandsliebe und Freiheit. S.81.

34 ROTH, Stefanie (1991): Friedrich Hölderlin und die deutsche Frühromantik. S.326.

35 Vgl.: PRIGNITZ, Christoph (1981): Vaterlandsliebe und Freiheit. S.81.

36 Vgl.: MIETH, Günter (2001): Friedrich Hölderlin. Dichter der bürgerlich-demokratischen Revoluti- on. S.44.

37 BUSCH, Friedrich W. & HAVEKOST, Hermann (Hgg.) (1990): Friedrich Hölderlin - Ideal und Wirk- lichkeit in seiner Lyrik. Oldenburg: Bibliotheks- und Informationssystem der Universität Oldenburg. S.18.

38 PRIGNITZ, Christoph (1981): Vaterlandsliebe und Freiheit. S.52.

39 Ebd. S.82.

40 SCHMIDT, Jochen (2005): Friedrich Hölderlin. Sämtliche Gedichte. S.494.

41 SCHMIDT, Jochen (2005): Friedrich Hölderlin. Sämtliche Gedichte. S.494.

Details

Seiten
38
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640850945
ISBN (Buch)
9783640851157
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168148
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig – Institut für Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Friedrich Hölderlin Patriotismus Französische Revolution Der Tod fürs Vaterland Germanien Gesang des Deutschen Vaterlandsliebe Nationalsozialismus Klassik Romantik Propaganda

Autor

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Titel: Umdeutung des Hölderlinschen Verständnisses vom Patriotismus im Nationalsozialismus