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Kreativ und Innovativ

Bausteine Postmoderner Pädagogik

Fachbuch 2011 156 Seiten

Pädagogik - Reformpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Postmoderne Pädagogik
1.1 Traditionelle Pädagogik
1.2 Postmoderne Epoche
1.3 Postmoderne Pädagogik

2. Positive Erziehung
2.1 Negative Erziehung
2.2 Beispiele Positiver Erziehung
2.3 Positive Erziehung

3. Kreativität und Innovativität
3.1 Kunsterziehungsbewegung
3.2 Postmoderner Perspektivwechsel
3.3 Förderung von Kreativität und Innovation

4. Theorie und Praxis Postmoderner Pädagogik
4.1 Produktive Postmoderne Orientierung
4.2 Postmoderne Unterrichtsformen
4.3 Postmoderne Konzepte der Erziehung

5. Anregungen zur Postmodernen Bildung
5.1 Postmoderne Bildungsanregungen
5.2 Anregungen für den Naturwissenschaftlichen Unterricht
5.3 Postmoderne Pädagogik für die Cyber-Generation

Nachwort

Literaturverzeichnis

Einleitung

"Kreativ und Innovativ " - so lautet der Titel des vorliegenden Buches zur Postmodernen Pädagogik. Damit werden zwei prominente Charakteristika der Pädagogik für das Einundzwanzigste Jahrhundert propagiert. Erziehung ist heute mit neuartigen Herausforderungen konfrontiert, die einmalig in der bisherigen Geschichte sind. Um diesen Herausforderungen angemessen zu begegnen, könnten veränderte Prioritäten in der Erziehung gesetzt werden.

Im ersten Teil geht es um die Skizzierung der traditionellen Pädagogik, der postmodernen Epoche und der Postmodernen Pädagogik. Postmoderne Pädagogik stellt sich den Herausforderungen der neuen Epoche. Kindheits- und Jugendprobleme, Globalisierung, Technologie und Internet werden aus pädagogischer Sicht wahrgenommen.

Erörterung über negative Erziehung, Beispiele positiver Erziehung und Positives Denken für die Pädagogik finden sich im zweiten Teil. Positive Pädagogik betont Förderung, Ermutigung und Würdigung anstatt Dressur, Indoktrination und Selektion.

Der dritte Teil wendet sich der Analyse der Kunsterziehungsbewegung, postmoderner Perspektivwechsel und der Förderung von Kreativität und Innovation zu. Reformpädagogische Bestrebungen betonten die Kreativität des Kindes. Einhundert Jahre später erkennen Erziehungswissenschaftler die Aktualität der Förderung von Kreativität, Originalität und Innovativität.

Im Fokus des vierten Teils stehen die Postmoderne Produktive Orientierung, postmoderne Unterrichtsformen und postmoderne Konzepte der Erziehung. Offener Unterricht, Projektmethode, Handlungsorientierter Unterricht und Bewegte Schule sind motivierende Unterrichtsformen.

Themen des fünften Teils sind postmoderne Bildungsanregungen, Anregungen für den Naturwissenschaftlichen Unterricht und die Relevanz des Internet und der Cyber-Kultur für eine Postmoderne Pädagogik.

Postmoderne Bildungsanregungen favorisieren die Musische Bildung, die Bewusstseinsbildung, die Bildung der Menschlichkeit und die Bildung zur Humanität.

1. Postmoderne Pädagogik

DAS KIND IST DER VATER DER MENSCHHEIT

DAS KIND IST DIE MUTTER DER KULTUR

DAS KIND IST DIE ZUKUNFT DER HUMANITÄT

James W. Prescott

1.1 Traditionelle Pädagogik

Die meisten modernen Technologiegesellschaften leiden an einer Überpädagogisierung, die Ivan ILLICH als „Schooled Society“ charakterisiert hat. Die naturwissenschaftlich-technische Ausrichtung der Erziehung und Ausbildung fördert ein Ethos der Ausbeutung und Zerstörung der Umwelt. Eine anthropozentrischer Anthropologie blendet aus, dass der Mensch Teil einer von der Natur abhängigen Mitwelt ist. Die engstirnige Sichtweise der westlichen Technologiezivilisation betreibt die bedenkenlose Kontrolle über die Natur, grenzenlose Ausbeutung für den Eigennutz und einen primitiven Materialismus. Die forcierte wirtschaftliche Entwicklung auf der Basis des Fortschrittsglaubens und der unaufhörlichen Wachstumsrate wirkt sich letztendlich destruktiv und gefährlich für die Menschheit und unseren bereits angeschlagenen Planeten aus.

Die bisherigen, westlich geprägten Bildungsmodelle der Megatechnischen Gesellschaft fördern überwiegend einen Raubtierkapitalismus, der die Welt in globalem Ausmaß in ökologische Krisen und vermehrte Katastrophen führen kann. Hinzu kommen die sozialpsychologischen Probleme, die mit der Tendenz zur Entfremdung, zur Enthumanisierung und der massenmedialen Manipulierbarkeit des Menschen in einer modernen technologischen Sozialordnung verbunden sind. Die meisten Bildungsinstitutionen leisten eine Vereinheitlichung der Denkrichtungen. Auf diese Weise bestimmen sie die Richtung und Tendenz der kulturellen, sozialen und technologischen Entwicklung unter Ausschluss einer pluralistischen Offenheit verschiedenster Optionen der freien und humanen Entfaltung der Menschheit.

Vielleicht wird in der Zukunft die vielen bereits als Selbstverständlichkeit erscheinende Konzeption der schwerfälligen, bürokratischen Institution der Massenschule beiseite gelegt werden müssen. Vielleicht verliert die Sozialisationsinstanz Schule ihre Attraktivität, weil sie vom Standpunkt des Überlebens der Menschheit im Grunde nichts anderes ist als ein historisch überholter Weg der staatlichen und unternehmerischen Bürokratien, um Kontrolle über soziale und wirtschaftliche Programme auszuüben. Längst sind Massenmedien, Werbung, Konsumwelt, Computer und Peer-Group als Sozialisationsfaktoren neben die Schule getreten und haben deren Dominanz ausgehöhlt. Heutige Kinder und Erwachsene erfahren sehr viel mehr über das Leben , die Kultur, Politik und Geschichte durch das Internet, durch Nachrichtensendungen im Radio und Fernsehen, durch die Presse und durch die Unterhaltungsindustrie, als sie es in der Schule, durch Lehrbücher oder im Rahmen der Herkunftsfamilie lernen.

Aber auch diese Sekundärerfahrungen, das Lernen aus zweiter Hand, sind oft durch den Motor der Profitmaximierung entstellt. Primärerfahrungen, das heißt ein Lernen aus direkter Erfahrung, aus erster Hand, kann heilsam und persönlichkeitsfördernd wirken. Die Begegnung mit der Natur, der Kultur, der menschlichen Arbeitswelt und dem Zusammenleben der Menschen kann zum Erwecken der Neugier, dem Staunen und dem Wunsch nach Verständnis der Mitwelt führen. Hier haben dann auch Wissenschaft, Religion und Kunst ihren Platz in der Bildung des Menschen.

Dialektisch betrachtet gibt es andererseits auch alternative Tendenzen der Zunahme an Toleranz, kultureller Offenheit und Abkehr vom Ethnozentrismus der fortgeschrittensten Industrienationen der Welt.

Es mehren sich die Stimmen im Westen, dass beispielsweise das bürokratische Schulsystem, das seit cirka 200 Jahren etabliert worden ist, völlig überaltert und überholt sei. Es lässt sich eine wachsende Unsicherheit über die Art und Weise der Bildung im Westen ausmachen. Soll die Bildung weiterhin die alte Industriegemeinde oder die neue Informationsgesellschaft bedienen? Soll Bildung weiterhin eine öffentliche Angelegenheit oder eine privatisierte geschäftliche Unternehmung sein?

Schulausbildung ist die Form der Bildung, die im 19. Jahrhundert in Europa und in den USA entwickelt und durch die Kolonisierung weltweit exportiert worden ist. Traditioneller Zwangs- und Paukschule geht es darum, Kontrolle auszuüben, Disziplin einzuüben, privatwirtschaftliche Interessen zu bedienen und die Werte der westlichen modernen Zivilisationen wie Materialismus, Konkurrenzprinzip, Individualismus bis hin zum Egoismus und zur Naturfeindlichkeit einzuprägen.

Die Hälfte der Inhalte einer konventionellen Schulausbildung besteht in der Struktur des Schulsystems selbst mit seinen Stundenplänen, dem kanonisierten Wissen, den sechs Unterrichtsstunden an fünf Tagen der Woche, jahrelang, mit Zensuren und Tests, ähnlich einer Militärkarriere. Die Struktur wie beispielsweise die Dreigliedrigkeit, die Selektionsfunktion, Richtlinien und zentrale Schulpolitik bestimmen einen Großteil der Lehre. Die Inhalte der Bildung dagegen verblassen, sind oft zweitrangig und spielen nur vordergründig eine Rolle. In Anlehnung an GALTUNG wird diese strukturelle Gewalt des Schulsystem zunehmend kritisch gesehen.

Die Anforderungen der westlichen wissenschaftlich-technischen Zivilisation haben zur Entwicklung eines Schulsystems geführt, das heute die gleiche Rolle spielt wie die Fabrik im neunzehnten Jahrhundert. Infolge der Ausweitung des profitorientierten ökonomischenWarentausches zwingt die technische Revolution nach und nach dem gesamten Planeten ihre auf dem Leistungsprinzip gründenden Gesetze auf. Erzielung einer maximalen Rendite am Aktienmarkt, der Vorrang technischer Effizienz vor sozialer Verantwortung, ein Roboter-Ideal, Konzentration und Fusion der Industrie und der Arbeitskräfte, Umschichtung und Mobilität der Bevölkerungen, Primat des Konsums, tiefgreifende Veränderungen des Ökosystems und der Lebensgewohnheiten, Wertewandel und Autoritätsverlust der älteren Generation aufgrund des technischen Fortschritts sind nur einige Stichwörter für diese globale Entwicklung.

Das Kind ist heute in der Lernmaschinerie der Schule von der Realität isoliert, von der Welt der Erwachsenen abgeschnitten und wird dadurch zu einem infantilisierten Wesen ( Vgl. MENDEL 1973 ). Dazu trägt das Schulwesen bei. Am konventionellen Geschichtsunterricht wird kritisiert, den Klassenkampf zu ignorieren und die Kulturen anderer Völker zu verachten, die vom Kolonialismus vernichtet oder unterworfen worden sind. Die Philosophie und Literatur anderer Kulturkreise und undogmatischer Perspektiven wie zum Beispiel des Positiven Denkens werde der Zensur anheim gegeben.

BOURDIEU und PASSERON ( 1970 , S. 19 ff. ) führen das gesamte Schulsystem auf eine „symbolische Gewalt“ zurück. Der Schulunterricht ist demnach durch folgende Charakteristika gekennzeichnet: 1. durch die Existenz einer Erziehungsmacht, die sich aus dem Kräfteverhältnis zwischen den Klassen oder den Herrschaftsgruppen herrührt; 2. durch den zufälligen und willkürlichen Charakter des Bildungskanons, der sich nicht aus einer natürlichen oder physischen Notwendigkeit, sondern von den partikularistischen Interessender herrschenden Gruppen und Machtzentren herleitet. BOURDIEU und PASSERON analysieren, wie die symbolische Gewalt letztlich eine reale ist. Deren Realität wird durch die Symbole, in denen sie sich äußert, nur kaschiert, insbesondere durch die Unterrichtsorganisation und Unterrichtssprache.

Die zentrale These besagt, dass die durch das Bildungssystem vermittelte Kultur keineswegs universalen Charakter besitzt, sondern lediglich eine „kulturelle Orthodoxie“ ( a.a.O., S. 37 ) im Dienste der herrschenden Klassen ist.. Es handelt sich um ein System willkürlicher Bildungsinhalte , das sich im Kern nicht gegen Irrtümer, sondern gegen Ketzereien wendet, nämlich gegen die Ideologien beherrschter oder abweichender Gruppen. Unleugbar definieren die jeweiligen herrschenden Gruppen einer Gesellschaft oder eines Kulturkreises den Inhalt von Bildung, Schule und Unterricht mit und üben über den Mechanismus der „Selektion“ eine systemstabilisierende Funktion aus.

BOURDIEU und PASSERON belegen, dass der Schulunterricht die bürgerliche Ideologie durch seine Lehrpläne und Unterrichtsveranstaltungen verabreicht, besonders aber durch den Mechanismus der Selektion. Pädagogisches Handeln hat es mit Schülerinnen und Schülern zu tun, die bereits durch ihre sozio-kulturelle Herkunft determiniert worden sind. Das Schulsystem befördert jene Kinder an die Universitäten, die durch ihre Klassenzugehörigkeit, ihr privilegiertes Anregungsmilieu, dafür prädestiniert sind., und schaltet nach und nach die Masse der Unterprivilegierten aus, welche übrigens weniger an den Examina scheitern, sondern mehr noch aus Entmutigung, aus Mangel an positiver Unterstützung und Wertschätzung, aufgeben.

Nun liegt die Ungerechtigkeit darin, dass das Schulsystem seine Opfer von der Rechtmäßigkeit ihres Ausschlusses überzeugt. BOURDIEU und PASSERON sehen darin die „Legitimationsfunktion“ des Bildungssystems. Nicht genug damit, dass das Schulsystem die soziale Hierarchie auf allen Ebenen reproduziert, es rechtfertigt sie auch noch , indem es sie als naturwüchsig hinstellt. Den strukturbedingten schulischen Misserfolgen werden psychologische Argumente wie Unfähigkeit, mangelnde Begabung, geringfügige Intelligenz oder moralische Gründe wie Faulheit, Willensschwäche, Querulanz untergeschoben. Die eigentliche Ursache des Misserfolgs wird verschleiert, nämlich die mangelnde Angepasstheit der unterprivilegierten Schichten und Klassen an den Unterricht, der vorgeblich gleiche Chancen für alle bietet.

Der Schulunterricht hat im Grunde genommen eine „Alibifunktion“. Er spiegelt Chancengleichhheit vor und reproduziert doch nur die herrschende soziale Ordnung, wie die Konzeption des „Karma“, als Gedanke der Wiedergeburt auf Grund von Verdiensten in früheren Leben, im antiken Indien zur Legitimation der Kastenherrschaft diente. „ Die Schule dient heute mit ihrer Ideologie der natürlichen Begabungen und der angeborenen Talente dazu, die permanente Reproduktion der sozialen und bildungsmäßigen Hierarchien zu legitimieren “ (BOURDIEU und PASSERON, a.a.O., S. 250).

Die eigentliche Ungerechtigkeit , die die Selektion bedeutet, betrifft nach REBOUL ( 1979, S. 225 ff. ) nicht die Auserwählten, sondern die Ausgegrenzten, genauer gesagt, die Bedeutung, die man dem Ausschluss gibt. Es ist an sich noch keine Tragödie, wenn ein Schüler oder eine Schülerin als unfähig für die Medizin oder den Berufssport klassifiziert wird. Die Tragödie liegt darin, dass das Schulsystem dazu neigt, ganz relative Unzulänglichkeiten in vermeintlich absolute Unfähigkeiten zu verwandeln. Der Betroffene, den die Selektion aussondert, sieht sich nicht nur hinsichtlich der betreffenden Funktion, sondern grundsätzlich disqualifiziert, auf ein tieferes soziales „Looser“-Niveau herabgestuft. Die schädlichste Auswirkung desSchulsystems überhaupt besteht darin, Kinder zu überzeugen, dass sie unfähig seien zu lernen, zu begreifen und dass die Bildung für sie unerreichbar hoch sei, anders ausgedrückt, dass ihnen zum wahren Menschsein etwas fehle.

Unter all den zahlreichen Kritikpunkten, die Ivan ILLICH ( 1972 ) gegen die Schule als bürokratisches System vorbringt, scheint dieser einer der zutreffendsten zu sein: Wenn die Schule zwar versage, die Unterprivilegierten wirklich zu unterrichten, so es gelinge es ihr doch, sie zu indoktrinieren, ihnen das unumstößliche Gefühl der Minderwertigkeit, ja sogar der Schuldhaftigkeit einzuflößen. Das bürokratische Schulsystem nehme den Untererprivilegierten den Mut, sich selbst zu bilden, indem sie sie davon überzeuge, dass außerhalb des Schulsystems kein Heil zu finden sei. Insofern übt die Schule und das Bildungssystem eine Erziehungsmacht aus. Die Autorität der Schule richtet die Schüler und Schülerinnen zur Abhängigkeit, Infantilität und zur verinnerlichten Unterwerfung ab. Die Schule reiht sich so ein in die Instanzen sozialer Kontrolle. Das Bildungssystem ist aus kritischer herrschaftssoziologischer Perspektive ein wirksamerer sozialer Integrationsfaktor als die Polizei. Sie manipuliert sogar besser als die Werbung, da sie didaktisch- methodisch reflektiert und folgerichtig vorgeht, ohne etwas dem bloßen Zufall zu überlassen. Dank der Überpädagogisierung der Kindheit in den fortgeschrittensten westlichen Industriezivilisationen internalisiert das Kind die gesellschaftliche Repression ( Vgl. FOUCAULT 1977 ). Besonders die Kinder der unterprivilegierten Schichten bekommen die Erziehungsmacht durch Ausgrenzung zu spüren. Diese Kinder sind allerdings schlechter in der Lage, das Gelernte zu integrieren, zu beherrschen und später schließlich in Zweifel zu ziehen.

In Deutschland kennen wir seit Wilhelm von HUMBOLDT einen Unterschied zwischen Ausbildung, Schulbildung und Bildung als allgemeiner Menschenbildung. Bildung wird offener definiert und ist unterschiedlichen kulturellen Interpretationen zugänglich. Unabdingbar sollte die gesellschaftlich und berufsausbildende Funktion der Schule, ihre „Rekrutierungsfunktion“ von ihrer erzieherischen, bildenden unterschieden werden. Rekrutierungsfunktion und Bildungsfunktion sind unterschiedlich akzentuiert. Das Bildungssystem hört auf, demokratisch zu sein, wenn sie die Bildung der Rekrutierung opfert. Die Schule sollte allen Kindern die Grundlagen einer Menschenbildung vermitteln, ohne die sie nicht in der Lage sind, die Möglichkeiten der Sprache und der Kommunikation zu nutzen, die literarischen Werke zu verstehen, Schlüsse zu ziehen, nachzudenken, teilzuhaben an der kulturellen Entwicklung und der Humanisierung der Welt.

Nicht nur die Ungleichheit des Reichtums und der Macht ist empörend, sondern vor allem die der Bildung, da sie nicht das anlangt, was man hat, sondern das, was man ist, um in Anlehnung an einen Buchtitel von Erich FROMM ( „Haben oder Sein“ ) zu sprechen.

Vielleicht müsste das ganze konventionelle Schul- und Hochschulsystem entbürokratisiert und in der bestehenden Form aufgegeben werden., um einer substantiellen Bildung Platz zu machen. Immer häufiger wird ein Bedürfnis der Neu-Definition und der De-Institutionalisierung von Bildung artikuliert. Erste Anzeichen lassen sich in der „School-Walkout“-Bewegung in Indien, den „School Refuseres“ in Japan und der zunehmenden Tendenz zur „Home Schooling“ im Westen erkennen. Die weltweite Nachfrage nach MONTESSORI-Kindergärten und –Schulen, nach Rudolf STEINER-Schulen und nach zahlreichen Alternativschulen bis hin zur Erlebnispädagogik in Gefolge Kurt HAHNs können als Indizien der hier erörterten Tendenz zur Neuorientierung der Bildung angesehen werden.

Die De-Institutionalisierung der Schulausbildung beginnt gerade in kleinen Schritten auf der ganzen Welt, unbeachtet von den globalen Medien. Die Wege sind unterschiedlich, aber überwiegend beinhaltet dies, dass die Kinder weniger Zeit in den Klassenräumen, dagegen in einem offenen Unterricht mehr bei ihren Eltern, in der Natur, bei Farmern, Geschäftsleuten, Künstlern oder Handwerkern verbringen, um durch Realitätsbezug zu lernen, was es wirklich bedeutet, Mensch zu sein. Die Kinder lernen hier eher Teil einer Gemeinschaft, einer Kultur zu sein, mit konkretem Bezug zur Realität spielerisch zu arbeiten, Freude und Spaß zu haben und in einer Art und Weise zu lernen, die im westlichen Regel-Schulsystem unvorstellbar erscheint. Alternative Konzepte streben eine ganzheitliche Bildung an und versuchen etwas, was ökonomisch und ökologisch vertretbar ist, ethisch und moralisch verantwortbar ist, spirituell durchdrungen und damit Geduld und Gelassenheit vermittelnd ist, etwas, was für Kinder , Heranwachsende und die gesamte Gesellschaft kulturell relevant ist.

1.2 Postmoderne Epoche

Die Charakterisierung unserer Epoche als eine Postmoderne geht auf den französischen Philosophen Jean-Francois LYOTARD zurück. In seinen Werken „La condition postmoderne: rapport sur le savoir“ (1979) und „Le différand.“ (1983) beschreibt er die Transformation des Wissens von einem modernen in einen postmodernen Zustand.

Das herausragende Merkmal des Wissens in der Epoche der Moderne war seine Suche nach universellen und feststehenden Antworten auf die großen Fragen der menschlichen Existenz: Wer bin ich? Was kann ich wissen? Was soll ich tun? (Vgl. OLIVIER 1998). Diese Fragen wurden durch wissenschaftliche, rationale und politische Begriffe beantwortet. Die moderne Wissenschaft hat stets behauptet, dass die Natur eine Sprache hat, die, sofern wir sie nur richtig sprechen, uns befähigt, unser Schicksal zu kontrollieren. Die Liste der Versuche, eine universelle Sprache für die Menschlichkeit zu verwirklichen, ist lang.

LYOTARD zufolge ist das charakteristische Merkmal der Postmoderne in den Metropolen der Welt eine wachsende Respektlosigkeit gegenüber den alten Idealen. Die ersten Hinweise für diese Respektlosigkeit können bis Ende der 50er und 60er Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts zurückverfolgt werden, nachdem Europa begonnen hatte, sich von den Erschütterungen des 2. Weltkrieges zu erholen. Von dieser Zeit an versank die Massengesellschaft in einen Zustand, in dem sich die menschlichen Wünsche und Bedürfnisse vereinfachten und differenzierten. Die Gesellschaft wandelte sich von einer Produktions- zu einer Konsumorientierung.

In dieser neuen postmodernen Epoche werden alle nationalstaatlichen Grenzen durch wirtschaftliche Globalisierung überschritten – mit dem Resultat, dass die großen Schemata nationaler Politik und weltanschaulicher politischer Strömungen überflüssig zu werden scheinen. In der Philosophie und in den Geisteswissenschaften ist die Idee, dass man einen wissenschaftlichen Weg zum Verständnis von Gesellschaft und menschlichen Verhältnissen entwickeln könne, fragwürdig geworden. Orientierungslosigkeit und Verunsicherung sind Zeichen der Zeit.

Die postmoderne Epoche gewinnt ihre Kontur aus neuartigen Informationssystemen, z.B. dem Internet, der Ethik des Konsums, dem raschen Wandel von Lebensstilen und Lebensformen und dem bewussten Verzicht auf eine feste Perspektive.

In seiner optimalen Ausprägung ist der postmoderne Mensch vor allem auf Genuss und Glück aus. Er hat die Angst vor der Lust abgelegt und sich von der alten kapitalistischen Tyrannei der Mangelneurose und der Versagung befreit. Er hat aufgehört, seine Seele durch Tugendhaftigkeit retten zu wollen, seine Willensstärke durch eine Verzichtsethik stählen zu wollen und alle seine Kräfte für ein Leben im Jenseits aufsparen zu wollen. Eine unverwechselbare Ich-Identität zu besitzen, ist ihm nicht mehr wichtig. Eine feste Weltanschauung ist ihm nichts mehr wert. Seine Einstellung wird nicht mehr von romantischen Idealen, sondern von ironischer Distanz bestimmt.

In seiner negativen Ausprägung ist der postmoderne Mensch total dem Konsum verfallen. Es ist ihm wichtiger, „Stil“ zu haben, als über richtig oder falsch nachzudenken. Seine Welt ist rein ästhetisch, Moral ist uninteressant geworden. Das Einkaufszentrum, der Automobilsalon, die Sex-Messe sind die Orte seiner Läuterung. Ohne festes Bezugssystem in seinem Leben ist der postmoderne Mensch verloren in einem Chaos verwirrender Vielfalt.

Paradoxerweise stehen ihm in einer solchen Situation ohne alle moralische Orientierungspunkte aber auch völlig neue Perspektiven offen: Er kann neue Wege gehen.

Postmoderne - eine Gesellschaftsanalyse

Gerd BUSCHMANN hat im Jahre 2002 ein bemerkenswertes Referat zum Thema "Postmoderne als Herausforderung der Religionspädagogik" gehalten. Der folgende Text lehnt sich stark an seine Ausführungen von herausragnder Qualität an.

Übergreifende Sinnsysteme haben fast jeden Kredit verloren. Gleichzeitig haben Wissenschaft und Technik einen enormen Zugewinn an Freiheitsspielraum für den einzelnen mit sich gebracht, soviel Freiheit, dass der einzelne geradezu unter permanentem Entscheidungszwang steht. Als Stichworte mögen dafür stehen: Freizeitgesellschaft, Wohlstand, Freisetzung aus traditionellen Milieus, Klassen und Schichten, geographische und berufliche Mobilität, Pluralisierung aller Lebensbereiche, Pluralisierung geschlechtlicher Lebensmöglichkeiten, Aufsprengung alter Geschlossenheiten zugunsten neuer pluraler Möglichkeitshorizonte etc. Als symptomatisch für die postmoderne Gesellschaft erweisen sich Pluralisierung und Verschwinden von allgemeinverbindlichen Anschauungsmustern. Die freie Wahl und das eigene Aushandeln führen zu Patchworkidentitäten und einer "neuen Unübersichtlichkeit" (J. HABERMAS) in einer Erlebnis- (G. SCHULZE), Informations- und Transformationsgesellschaft (G. SCHMIDTCHEN).

Die stetige Zunahme von Optionen, das heißt Handlungsmöglichkeiten und Wahlfreiheiten, bei gleichzeitiger Abnahme von festen Bindungen zur Herkunftsfamilie, zum Milieu, zu Autoritäten und Pflichten, bei der Partnerwahl. dem "Lebensabschnittspartner", führt auf der Kehrseite zu neuen Unsicherheiten, Orientierungsproblemen und Isolationen, die möglicherweise mit neuen politischen oder religiösen Fundamentalismen gefüllt werden. Außerdem kommt es trotz Differenzierung, Pluralisierung und Optionenvielfalt zu überraschenden neuen und weltweiten Uniformierungsprozessen, spöttisch als McDonaldisierung der Welt charakterisiert.

Die Krise der Moderne

Postmoderne ist ein viel diskutierter Begriff. Schnell wird postmoderne Beliebigkeit assoziiert und der Vorwurf laut: die Postmoderne verabschiede sich von der rationalen Vernunft der Aufklärung. BUSCHMANN möchte Postmoderne nicht als Kampf-Begriff verwenden, auch nicht als Epochenbegriff, und schon gar nicht als modische Formel, sondern er möchte mit Hilfe des Begriffs Postmoderne versuchen, präzise unsere Gegenwart zu beschreiben. Mit Postmoderne sei hier die ganze Moderne gemeint, - also: die eigentliche, zu sich selbst gekommene Moderne -, oder das, was soeben als Optionsgesellschaft beschrieben wurde.

Erst die Postmoderne erreicht die wichtigsten Ziele der Moderne wirklich: Pluralismus und Ambivalenz (Zygmunt BAUMAN). Die Postmoderne ist die Moderne im Stadium ihrer Selbstkritik und Selbstreflexion. Die Postmoderne löst nun alltäglich das ein, was in der Moderne nur einem esoterischen Kreis einiger Weniger vorbehalten war. Postmoderne ist gekennzeichnet durch radikale Pluralität (Wolfgang WELSCH), sie bejaht die neue Unübersichtlichkeit als demokratischen Reichtum und Fülle, - denn maximale Übersicht ist ein Zeichen von Diktatur - , sie verneint die Sehnsucht nach einem in der Zukunft liegenden Ganzen und Heilen, - denn diese Sehnsucht hat allzu oft anders lautenden Entwürfen das Lebensrecht bestritten - , sie bejaht das Bruchstückhafte, das Nebeneinander, die Parataxe, die Neukombination von Heterogenem und das Leben als Fragment (Henning Luther) gegen jede Fortschrittsideologie der Neuzeit und Moderne. Moderne als Aufklärung und lineare, ins Utopische weisende Geschichtlichkeit sind in hohem Maße dem neuzeitlichen Gedanken der Universalisierbarkeit von Denken, Planen und Handeln verhaftet, deren Grenzen heute fast alltäglich spürbar wird. BUSCHMANN fasst zusammen: Postmoderne meint erstens die Auflösung von Einheitsprinzipien und Absolutheiten, zweitens die Hinwendung zu radikaler Pluralisierung.

Abschied vom Absoluten

Die Postmoderne vertritt die These vom "Ende der Meta-Erzählungen" (Jean-Francois LYOTARD) oder vom Niedergang der metaphysischen Doktrinen. Absolute Sinndeutungsmuster büßen an Wirkkraft ein. Es gibt einen weitgehenden Verlust fraglos vorgegebener Sicherheiten. Der durchgreifenden Pluralisierung folgt eine Einheitsverabschiedung und der Abschied von apodiktischen Normierungen. Die Postmoderne versteht sich als erste nicht-einheitsgerichtete Philosophie. Mit dem Verzicht auf Absolutheiten geht eine radikale Pluralisierungs-Bejahung einher.

Radikale Pluralität, Offenheit und Individualisierung

Die Postmoderne entwirft BUSCHMANN zufolge eine umfassende Toleranz, die auf absolute Bezugspunkte gerade verzichtet. Das Denken kann nur noch unter Gesichtspunkten der Relativität operieren und hat sich jeden absoluten Bezugspunkts zu enthalten. Differenz (Vgl. BOURDIEU: le différend, 1986) ist also das Denkprinzip der Postmoderne.

Wahrnehmung und Gerechtigkeit werden wichtiger als Ordnung, Kontinuität und Geschlossenheit. Pluralität, Vermischung von Elite- und Massenkultur, Offenheit, Geltenlassen des Verschiedenen und eine anti-totalitäre Option werden zur Erkenntnisgrundlage. Gegenpositionen sind grundsätzlich in ihrem Eigenrecht anzuerkennen und als Bereicherung zu werten. Vielfalt ist jedem Ganzheitsdenken überlegen. Ganzheit kann es nur als offene Ganzheit gegen jede Uniformierungsdynamik geben. Die Postmoderne setzt also ein mit der Abwendung von alten Autoritäten und unhinterfragten Absolutheiten und führt zu einer Neuschätzung von Vielfalt.

BUSCHMANN konstatiert, dass der Grundimpuls der Postmoderne ebenso kritisch wie ethisch ist : die Nicht-Unterdrückung des Anderen, Schwächeren, Verbogenen. Pluralisierung und Individualisierung sind miteinander verknüpft: nicht mehr das prägende Kollektiv konstituiert die Lebensgeschichte, sondern das die Traditionsvorgaben reflektierende Individuum. Individualisierung erweist sich dabei als Chance, sein Leben in selbstbestimmter Weise zu verwirklichen, - aber auch als Last, diese Freiheit sinn-produktiv zu nutzen.

Ende des monolinearen Fortschrittsgedankens

Der Fortschrittsgedanke der Moderne, die lineare Chronologie und der damit verbundene Zug zur Utopie scheint heute fraglich geworden zu sein. Das Grundgefühl linearer Zeit, es werde immer so weiter und voran gehen, ist heute im Schwinden begriffen. Zur Moderne gehört der Traum von einer fortschreitenden, zum Besseren führenden historischen Entwicklung.

Jeder Plan zur Menschheitsbeglückung hat allerdings im Terror geendet, wie der Faschismus und Stalinismus gezeigt haben. Postmoderne kritisiert den einlinigen Fortschrittsglauben, sei er kapitalistischer oder marxistischer Provenienz. Postmodernes Denken scheut nicht die Kritik HEGELscher Dialektik: konkurrierende Dualitäten müssen nicht in Synthesen aufgehen; sie dürfen parataktisch nebeneinander bestehen. Der Fortschrittsgedanke ist eine der unbefragt vorausgesetzten aufklärerischen Groß- oder Metaerzählungen, deren Ende gekommen ist.

Ästhetisierung, Erlebnis und Erfahrung

BUSCHMANN führt weiter aus, dass die Postmoderne sich von kritisch-rationalen Kategorien des Denkens ab- und ästhetischen zuwendet , in der Einsicht, dass die veränderte Realitätserfahrung nur noch mit Hilfe einer gesteigerten Wahrnehmungssensibilität denkerisch verstehbar ist. Das Denken könnte besser ästhetisches, d.h. wahrnehmungskompetentes Denken werden. Denken bezieht sich nicht nur auf den abstrakten Begriff, den Logos, sondern Wahrnehmung verhilft zu originären Einsichten. Es geht, um mit W. WELSCH zu sprechen, um "transversale Vernunft", um auf Übergänge bezogene Vernunft.

Die Postmoderne wendet sich ab vom kargen, funktional bestimmten Wahrheitspathos der Moderne und hin zu Opulenz, Spiel, Schein, Verführung, Oberfläche und Ornament. Inszenierung und Vergnügen bekommen wieder einen hohen Stellenwert. Ästhetisierung meint gesteigerte Wahrnehmungssensibilität.

Zitat- und Patchworkkultur

Die Postmoderne zeitigt einen neuen Umgang mit der Tradition; sie wird neu wahrgenommen in der Form des Zitats, hierarchiefrei kombiniert und mit Gegenwärtigem verschränkt. Fragmentierung, Zersplitterung von Identität, Szenenwechsel, Kombination des Diversen, "anything goes", Geschmack an Irritation sind heute allgemein: Penthouse und Öko-Hütte gehen zusammen, es gibt Zweitbürgerschaften und Halbgeliebte. Wenn die historische Linearität der Moderne sich verbraucht hat, wird wieder Raum für die Neu-Einschreibung alter Epochen und Traditionen in die heutige Zeit: nur anders - als Zitat (vgl. Umberto ECO, Der Name der Rose). Wenn Vergangenheit neu zu sprechen beginnt, dann nicht historistisch. Die Vergangenheit kehrt wieder als Zitat; und das heißt nun gerade nicht als in sich geschlossener (Fremd)Körper, sondern verwandelt, mit neuem Bedeutungsgehalt, gleichsam wie hinter einer Maske. Das ist die "neue Unübersichtlichkeit" der Postmoderne: Diskontinuität, Mehrsprachigkeit, Parataxe, Heterogenität, Collage. Es geht um das bewusste Aufgreifen und Neukombinieren von Vergangenheit und Gegenwart.

Postmoderne - Verhältnis zur Moderne

Postmoderne soll nach BUSCHMANN gerade die Moderne in ihrer Gänze meinen, die vollkommene Freisetzung der Moderne: eine Art zweite Aufklärung im Sinne einer Ent-Ideologisierung. Die Postmoderne ist nach-neuzeitlich, aber nicht nach-modern, sondern eher radikal-modern. Sie übt Kritik nicht mehr aus der Außenperspektive, sondern legt die Kritik in den pluralen Dialog selbst hinein. Die Skepsis der Postmoderne bezieht sich auf die dogmatisierten geschichtsphilosophischen Grundannahmen der Aufklärung, nicht auf die Zielsetzung einer weiteren Demokratisierung und die Durchsetzung der Menschenrechte. Die Moderne hatte folgende Kennzeichen: selbstbewsstes Ich, berechenbare Welt, Toleranz der Aufklärung, Grundrechte, wachsende Mobilität, Markt- und Tauschlogik, zeitlich linear gedachter Fortschrittsglaube und Utopiegläubigkeit, Aufklärungsvernunft, technische Machbarkeit.

Die Postmoderne stellt viele Grundannahmen der Moderne in Frage: Identität, Geschlecht, Kontinuität, Originalität. Die Postmoderne hat folgende Kennzeichen; BUSCHMANN fasst zusammen:

Postmoderne bemüht sich um den Wechsel von radikalen Entweder-Oder-Kategorien zu Kompromishaltungen, von einer Favorisierung von monistischen Lösungen zu Pluralismusvorstellungen, von einer Priorität des technischen Fortschritts zu einer Höherbewertung der fragilen Umwelt.

Postmoderne kämpft für Gleichberechtigung, Multikulturalität, Verständnis für Minoritäten und deren Kulturen, einen internationalen kommunikativen und ökonomischen Austausch. Die Postmoderne sagt Vielfalt und nicht Einheit, sie betont das Einzelne, das Besondere gegenüber dem Totalen, dem Allgemeinen. Sie akzeptiert diskontinuierliche Prozesse, sie bevorzugt eine Vielfalt von Kleinerzählungen gegenüber universalistischen Großerzählungen, sie entfernt sich von einem verbissenen Ernst hin zu spielerischem Umgang, sie verlässt die Vorliebe für elitäre Kunst und "reine" Stile zugunsten populärer Formen.

Kritik an der Postmoderne

Viele Vorwürfe werden der Postmoderne laut BUSCHMANN gemacht:

flache Beliebigkeit und Standpunktlosigkeit eines "anything goes", Unernsthaftigkeit, verantwortungsloses Spiel, Ironie um ihrer selbst willen, Relativismus und Vergleichgültigung,

Irrationalismus, Zynismus und philosophisch kaschierte Orientierungslosigkeit ohne jeden archimedischen Punkt, Verrat an den rationalen Errungenschaften der Moderne, Verantwortungslosigkeit,

Verlust jeden kritischen Standpunkts und der historischen Dimension, also Geschichtsfeindlichkeit,

Unkritische Ideologie des Status quo,

Postmoderne kaschiert nur die neuen und wahren Uniformierungen der westlichen Zivilisation,

Postmoderne ist die Logik des multinationalen Kapitalismus.

Diese und andere Vorwürfe können hier nicht diskutiert werden; sie haben womöglich ihre Berechtigung. Postmoderne im von BUSCHMANN gebrauchten Sinne als deskriptiver Begriff und als radikale Moderne unterliegt jedenfalls nicht allen diesen Vorbehalten.

Pädagogische Konsequenzen

BUSCHMANN (2002) hat folgende Thesen aufgestellt:

a) Kindern und Jugendlichen könnten ernsthafte Optionen eröffnet werden. Die Vielfalt der Optionen ist zuzulassen. Schüler und Studierende sind in der Optionenentscheidung zu begleiten und zu unterstützen und vom Entscheidungszwang zu entlasten. Es geht um pädagogische Angebote, also normierungsfreie und zwanglose Offerten, die die Freiheit des Menschen und seine Individualität achten.
b) Die neue Unübersichtlichkeit, die die Älteren oft irritiert, ist positiv zu bejahen: das Bruchstückhafte, die Parataxe, die Neukombination von heterogen Erscheinendem, das Leben als Fragment. Synkretismen und Patchworkidentitäten sind als Gewinn zu begreifen.
c) Absolutheiten sind fraglich geworden, - das gilt auch für die Pädagogik: Wahrnehmungssensibilität und -kompetenz und Gerechtigkeit sind wichtiger als Ordnung, Kontinuität und Geschlossenheit. Verschiedenheit ist gelten zu lassen, Gegenpositionen sind als Bereicherung zu werten.
d) Eine einseitig an kritisch-rationalen Theorien des Denkens orientierte Pädagogik ist zugunsten eines ästhetischen, wahrnehmungskompetenten Denkens zu erweitern.
e) Ein spielerischer Umgang mit von Älteren oft "heiliger" und fraglos übernommener Tradition ist zuzulassen; postmoderne Pädagogik entfernt sich von einem verbissenen Ernst hin zu spielerischem Umgang, sie verlässt die Vorliebe für elitäre Kunst und "reine" Stile zugunsten populärer Formen. Anstelle von Vermittlung tradierter Gehalte tritt subjektive Aneignung und Neuverarbeitung von Tradition. Das geht nicht selten einher mit "schrillen", ungewöhnlichen Kombinationen.
f) Subjektorientierung meint Interaktion zwischen gleichwertigen Partnern; asymmetrische Erziehungsverhältnisse sind zu überwinden. SchülerInnen sind nicht nur Empfänger, sondern auch kreative und selbständige Produzenten: Begleitung statt Bevormundung, gegenseitiges Lernen.
g) Hermeneutik bedeutet nicht mehr Interpretieren oder Übersetzen, sondern meint Neu-Lesen, Re-Lektüre, Hermeneutik geschieht im bloßen Vollzug und in Form von Experimentierkultur.
h) Institutionen als Absolutheiten und Anti-Individuelle Einheiten verlieren an Bedeutung. An die Stelle der Autorität der Institution treten Teilhabe, Mitbestimmung, selbstgemachte Erfahrung und Mitverantwortung sowie Echtheit und Authentizität. Bewusstes Beteiligtsein, erfahrbare Emotion, Ästhetik, Atmosphäre und Erfahrungs- und Lebensweltbezug sind pädagogisch wesentliche Dimensionen.
i) Punktualität dominiert über Kontinuität.
j) Pädagogik könnte nicht nur hellhörig für SchülerInnen, sondern auch hellsichtig werden: Dominanz der Bildkultur.

Der Paradigmenwechsel vom Wort zum Bild

BUSCHMANN (2002) geht in seinem Referat auch besonders auf die Neuen Medien ein:

Insbesondere für Jugendliche durchbrechen zur Zeit die audiovisuellen Medien die bisherige Dominanz von Sprache und Schrift, die die tradiionelle Pädagogik prägt. Das bisher dominierende Wort wird vom Bild verdrängt und schon fürchtet die Erwachsenenwelt eine "sprachlose Generation" und einen funktionellen Analphabetismus. BUSCHMANN möchte entgegen der schnell mit Urteilen zur Hand seienden Bewahrpädagogik in der bildhaften Kommunikation nicht nur Gefahren, sondern auch Ausdruckspotentiale sehen. Entsprechend der oben beschriebenen postmodernen Gesellschaftsanalyse enthalten Bilder ein höheres Potential an Emotionalisierung und Ästhetisierung als Worte. Das Sehen ist der Hauptsinn der Moderne. Lange hat es einen pädagogischen Widerwillen gegen den Seh-Sinn gegeben.

Entgegen der vor allem in pädagogischen Kreisen verbreiteten Warnung vor Bildmedien bieten diese oftmals Deutungsmuster an, die für Kinder- und Jugendliche bei der Selbst-Findung eine wichtige Rolle spielen, konstatiert BUSCHMANN. Kindheit und Jugend heute stehen nicht mehr in einem ganzheitlichen Lebenszusammenhang. Der Lebensraum von Kindern und Jugendlichen besteht heute aus einzelnen Segmenten wie Kindertagesstätte, Schule, Freunde, Vereine. Er vermittelt keine sinnliche Einheit mehr, er ist zerstückelt und verinselt. Die Inseln werden durch hohe Mobilität angesteuert. Das führt zu Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden. es wird von Neuer Unübersichtlichkeit gesprochen. Gerade hier aber helfen nach BUSCHMANN Wiederholungen: sich wiederholende Erfahrungsmuster werden durch Medien ermöglicht. Der imaginäre Raum des Fernsehens bietet Kindern und Jugendlichen die Chance, die Lücken zwischen den segmentierten Lebensräumen wieder zu schließen.

Hinzu kommen die Individualisierungsprozesse (Vgl. BECK 1986, 1999, HEITMEYER). Subjekt- und innenorientierte Lebensauffassungen lösen die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dominierende Außenorientiertheit ab. Außenorientierung richtete sich nach Vorgaben, die außerhalb des eigenen Selbst entstehen. Heutige Jugendliche müssen selbständig ihre Identität erproben. Diese innengerichtete Lebensauffassung sucht nach Anpassung an die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Diese werden durch Bilder und Medien maßgeblich vermittelt.

Die kulturellen Modernisierungen lassen sich, - wie von BUSCHMANN beschrieben - , mit den Stichworten Postmoderne und Optionsgesellschaft charakterisieren. Dazu gehören als vier wesentliche Merkmale:

a) Individualisierung
b) Erlebnisorientierung
c) Ästhetisierung
d) Ontologisierung

Alle vier Merkmale spiegeln sich in den modernen Bildwelten.

A) Individualisierung: das einzelne Subjekt kann zwischen unendlich vielen Bildwelten, Fernseh- und Kinoprogrammen, Musikvideos, Computeranimationen etc. auswählen.
B) Erlebnisorientierung: Das "Projekt schönes Leben" realisiert sich besonders auch durch die Bildwelten, Werbung, Kino, Fernsehen etc. Das Kino ist die zentrale Tankstelle für Emotionen. Jugendliche heute leben nicht nur wie im Film, sondern der Film wird auch auf ihre Welt hin angeeignet und umgedeutet. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen (Cyberspace). Eine saubere Trennung zwischen Alltagsrealität, simulierter Realität und konstruierter Medienrealität wird immer schwieriger. Äußere Bilder werden zu Vorbildern eines Lebensentwurfs im ganzen. Die Übernahme von Zeichen führt zu identitätsstiftender Kraft. Symbole, Zeichen und Bilder übernehmen Sinngebung in der Lebensführung und im Selbstverständnis.
C) Ästhetisierung: Es bedarf keiner Erläuterung, daß die für die Postmoderne zentrale Ästhetisierung mit den Bildwelten verknüpft ist.
D) Ontologisierung: Ontologisierung ist die Kehrseite der Subjektivierung, die Sehnsucht nach Gewissheit und Ursprünglichkeit, ja nach Fundamentalismen, die Orientierung bieten in der neuen Unübersichtlichkeit. Diese Sehnsucht nach vormoderner Sicherheit vollzieht sich gerade auch in den Bildwelten. Die dort angebotenen Symbole und Mythen vermitteln grundlegende Wertvorstellungen und Handlungsmuster.

Dieser Paradigmenwechsel vom Wort zum Bild nötigt BUSCHMANN zufolge zu pädagogischen Konsequenzen: wir benötigen eine ästhetische Erziehung. Das logozentrische Denken hat sich in ein ästhetisches Denken verlagert. Heute wird in der durch Medien vermittelten Weise die Wirklichkeit im wesentlichen über Bilder und Imaginationen, weniger über abstrahierende Begriffe erfasst. Wir benötigen deshalb Übung und Erfahrung im gestalterischen Umgang mit Bildern.

BUSCHMANN appelliert an die Erwachsenen, ihren "Analphabetismus" im Hinblick auf die modernen Bildwelten zu überwinden. Die Bildwelten könnten als Herausforderung, nicht als Bedrohung interpretiert werden. Wahrnehmungsfähigkeit wird zu einer entscheidenden Kompetenz. Es geht um kreative Wahrnehmung. Kreative Wahrnehmung schreibt dem Bild oder Text Sinn zu, sie versucht nicht nur, den vorgegebenen Sinn festzustellen. Es geht um einen spielerischen, nicht nur analytischen Umgang mit den Bildwelten. Der Prozess der Wahrnehmung bewegt sich zwischen Finden und Erfinden von Sinn. Allzu lange haben wir uns entsprechend der klassischen Hermeneutik mit dem Finden von Sinn begnügt. Kreative Verfahren haben den Vorrang vor analytischen. Sie erschaffen Sinn.

Historische Hintergründe

Es stellt sich die Frage, ob es einen geschichtlichen Hintergrund für das Entstehen des postmodernen Denkens gibt . Die Heraufkunft des postmodernen Denkens scheint eine Reaktion auf die Geschichte der vergangenen 300 Jahre und des Zwanzigsten Jahrhunderts im besonderen zu sein. Wie konnte es geschehen, dass sich in unserem, vom Geist der Aufklärung durchdrungenen Europa die schlimmsten totalitären Ideologien entfalten konnten? Europa hat einerseits die Ideen der Freiheit, der Demokratie, der Menschenrechte hervorgebracht. Andererseits hat Europa auch den Faschismus, den Stalinismus, den Nationalismus, Völkermord, Rassenwahn, Verfolgung sexueller Minderheiten hervorgebracht. Bereits vor dem Heraufziehen des Nationalsozialismus wurden durch Europa im Zuge des Kolonialismus ganze Völker dezimiert und ausgerottet.

Erinnert sei beispielsweise an die Vernichtung des Volkes der Hottentotten in Südwest-Afrika durch die Deutschen und die Buren. Unter der Herrschaft Belgiens wurde die Bevölkerung des Kongo von 20 auf 8 Millionen, also um 12 Millionen Menschen dezimiert.

Bereits HORKHEIMER und ADORNO hatten zur Zeit des Nationalsozialismus von einer „Dialektik der Aufklärung“ ( 1939 ) gesprochen. Wilhelm REICH betonte in seinem Werk „Massenpsychologie des Faschismus“ (1933) die Funktion der Repression der Sexualität bei der Entstehung von Autoritätshörigkeit, Rassenwahn und Anfälligkeit für totalitaristische Ideologien.

Michel FOUCAULT hat die Prinzipien und verdeckten Strukturen der Macht im Zeitalter der Aufklärung und der Industrialisierung erforscht. Ähnlich wie Norbert ELIAS (1939) erarbeitet er historische Reflexionen über die Entwicklung zur disziplinierten Gesellschaft. In seinem Werk „Sexualität und Wahrheit“ (1977) analysiert FOUCAULT die Verbindung des Sexualitätsdispositivs mit den politischen Strategien der Macht.

Es scheint Zusammenhänge zu geben zwischen der Konzeption eines autonomen, sich selbst verantwortlichen Subjekts und den hegemonialen, eurozentrischen Ansprüchen, die sich in der Moderne entwickelt haben. Das moderne Selbstbewusstsein des Europäers führte nicht nur zur rücksichtslosen Unterwerfung der inneren und äußeren Natur, sondern auch anderer Kulturen und Völker. Die Entthronung des von Vernunft gekrönten Subjekts ist Bestandteil des philosophischen Programms der Postmoderne, die nach Jacques DERRIDA (2000, 2003, 2004) als Dekonstruktion bezeichnet wird.

Neben dem Begriff der Postmoderne finden wir Vorschläge, die Gegenwart durch Begriffe wie „Spätmoderne“, "Neomoderne" oder „Zweite Moderne“ zu kennzeichnen. Diese Begriffe werden in der deutschen Soziologie unter anderem von Ulrich BECK ( 1995 ) verwendet. Gemeint sind damit bei BECK neue Wissens- und Lebensformationen, in denen die Menschen ihren Individualismus, ihre Selbstverwirklichung, ihre Lust an der Pluralität der Lebensformen mit neuer Selbstverantwortung verbinden. Positive Indikatoren für solche Veränderungsprozesse sieht BECK in der Zunahme von Toleranz gegenüber andersartigen Menschen, Fremden, gleichgeschlechtlich Liebenden und gesellschaftlichen Randgruppen. Freilich stehen dieser Zunahme an Toleranz wie eine Schere die Exzesse von Ausländerfeindlichkeit, Minoritätenhass und Gewaltakzeptanz rechtsradikaler Jugendlicher diametral entgegen.

Intellektuelle Innovationen

Die Epoche der Postmoderne oder Spätmoderne geht einher mit dem Prozess der Globalisierung. Multinationale Unternehmen agieren global, Politik und Kultur haben globale Auswirkungen, Das Leben auf der Erde wird zu einem globalen Dorf. Während die dominierenden globalen Unternehmen bisher auf Industrie und Manufaktur konzentriert waren, liegen die Schlüssel-Unternehmen heute zunehmend in den Feldern der Kommunikation, Information. Unterhaltung, Wissenschaft und Technologie.

Erziehung ist heute mit neuartigen Herausforderungen konfrontiert, die ohne ihresgleichen in der Geschichte sind. Um diesen postmodernen Herausforderungen angemessen zu begegnen, sind veränderte Prioritäten in der Erziehung zu setzen. Mit Nachdruck müssen kreative Erziehung, kulturelle Bildung und fächerübergreifende Pädagogik gefördert werden. Das erfordert eine neue Balance im Lehren und im Curriculum.

Der geistige Innovationsbereich wächst doppelt so schnell im Verhältnis zur gesamten Wirtschaft und schafft drei Mal so viele Jobs als die durchschnittliche Rate. Die Leistung des intellektuellen Erfindungssektors wird deutlicher, wenn Patente aus Wissenschaft und Technologie in den pharmazeutischen, elektronischen, biotechnologischen und informations-technologischen Bereichen berücksichtigt werden. Sie basieren alle auf fundamentalen Fortschritten in Wissenschaft und Ingenieurswesen und sind hoch signifikant kreative Felder. Die Wirtschaftswelt befindet sich in einem turbulenten Prozess des Wandels von der alten Weise der Massenproduktion hin zu einer konstanten Innovation und der Entwicklung von Kreativität in allen Formen und das in globalem Ausmaß (Vgl. ROBINSON 1999, 2002).

Ein Teil des intellektuellen Innovationssektors sind die sogenannten kreativen Industrien. Diese beinhalten Werbung, Architektur, Kunst und Antiquitäten, Kunsthandwerk, Design, Mode Design, Film, Unterhaltungs-Software, Musik, Darstellende Künste, Publikationssektor, Software-Entwicklung und Computer Services, Fernsehen und Radio.

1.3 Postmoderne Pädagogik

Veränderte Prioritäten in der Pädagogik

Erziehung ist heute mit neuartigen Herausforderungen konfrontiert, die einmalig in der bisherigen Geschichte sind. Um diesen Herausforderungen angemessen zu begegnen, könnten veränderte Prioritäten in der Erziehung gesetzt werden.

In der postmodernen Epoche geht es um Herausforderungen an Erziehung, Pädagogik und Bildung auf Kindheits- und Jugendproblem. Erziehung zur Armut, Erlebnispädagogik, Interkulturelle oder Multikulturelle Erziehung, Religiöse Erziehung, Sportpädagogik, Musikerziehung, Tierschutz-Erziehung, Tiergestützte Pädagogik, Motivationspädagogik, Naturschutz-Erziehung, Öko-Pädagogik, Waldpädagogik, Naturwissenschaftliche Pädagogik, Ökotrophologische Pädagogik, Kulturkritische Pädagogik, Transhumanistische Pädagogik und manches mehr sind äußerst wichtig. Ein erst noch zu erstellendes Kompendium oder ein Lexikon der Postmodernen Pädagogik könnte in der Zukunft hilfreich werden.

Schulangst, Schulabsentismus und Schülersuizidgefährdung könnte durch eine postmoderne Krisenpädagogik vorgebeugt werden. Aufmerksamkeitsgestörten und Indigo-Kindern wäre durch einen pädagogischen Perspektivwechsel zu helfen. Das Konzept der Multiplen Intelligenzen dient der Entwicklung vielfältiger Begabungen und mannigfacher Innovationskräfte. Anti-Mobbing-Pädagogik versucht, die verloren gegangene Solidarität neu zu beleben. Die Methode der Mediation könnte einen positiven Beitrag zu einer Konfliktkultur leisten. Eine Erziehung zum Genuss könnte in der postmodernen Konsumgesellschaft zur Linderung des Suchtverhaltens und des Drogen- und Medikamenten-Missbrauchs beitragen. Auch Gesundheitserziehung, Sexualpädagogik und die Erziehung mit Betonung der Gleichstellung der Geschlechter sind unumgänglich.

Eine soziale Erziehung zur Gewaltlosigkeit und Rechtschaffenheit, eine Erziehung zur Menschlichkeit und eine Werte-Erziehung sind notwendig. Das Positive Denken kann in der Erziehung und Pädagogik günstig wirken. Und auch die Friedenserziehung hat angesichts des globalen Waffenarsenals hohe Priorität. Bildung sollte auf Zukunft ausgerichtet werden. Menschenrechtserziehung tut Not. Die Globalisation fordert eine Erziehung zum globalen Bewusstsein heraus. Kreativität und Innovation sind Schlüsselqualifikationen der Menschheit für die Zukunft. Als oberstes Ziel allerdings einer jeden Erziehung weltweit wäre die Entbarbarisierung des menschlichen Zusammenlebens wünschenswert.

Die Konzeption einer Postmodernen Pädagogik steht erst am Anfang ihrer Ausformulierung. Dieser längst überfällige Diskurs über Pädagogik baut auf den Errungenschaften alternativer Konzeptionen von Erziehung und Bildung auf (Vgl. KERSCHER 2010, 2011), stellt sich den sozialen Herausforderungen von Kindheits- und Jugendproblemen und bietet einen curricularen Kanon fächerübergreifender Bildungsangebote. Postmoderne Pädagogik fördert Kreativität, Positives Denken und Innovation. Postmoderne Bildungsangebote berücksichtigen Kulturkritik und Trans-Humanismus. Postmoderne Pädagogen denken global und human. Das Konzept der Postmodernen Pädagogik zehrt von pädagogischem Optimismus und der Liebe zum Leben. Diese neuartige Pädagogik stellt sich den Herausforderungen der postmodernen Epoche. Postmoderne Pädagogik ist die Pädagogik des Einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Der Autor des vorliegenden Buches hatte während seiner Lebensphase der Lehrtätigkeit an der Universität, an Volkshochschulen, in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit, im Rahmen der Gesundheitsvorsorge der Gesundheits- oder Krankenkassen, in der sozialpädagogischen Aus- und Fortbildung und in der Seminar-Arbeit in einer Senioren-Residenz vielfältige Gelegenheiten, Themen der Postmodernen Pädagogik als Gegenstand der Information und Diskussion anzubieten. Im Folgenden findet sich eine Auswahl populär und launig formulierter Themen kulturrelevanter Art:

"Ist die deutsche Sprache noch zu retten?

Sport zwischen Fair-Play und Business.

Technik: Fortschritt oder Umweltzerstörung?

Transhumanismus und Kulturkritik.

Adam und Eva – Mann und Frau zwischen Gleichstellung und Eigenheit.

Untergang des Abendlandes? (Oswald Spengler).

Die McDonaldisierung der Welt – was ist Globalisierung?

Angst vor Überfremdung oder kulturelle Bereicherung?

Jugend ohne Zukunft? Oder: Wer die Wahl hat, hat die Qual...

Ehrfurcht vor dem Leben : Albert Schweitzer, oder: Was ist ein Veggie?

Gewalt an Schulen, Jugendkriminalität und Gesellschaftsstruktur.

Was heißt Bildung heute? – Von Wilhelm von Humboldt zu Dieter Bohlen.

Gibt es ein Leben nach dem Tode? ( Moody, Kübler-Ross ).

Optimisten leben glücklicher! ( Murphy, Carnegie ).

Was ist der Sinn des Lebens? ( Viktor Frankl ).

Was ist ein erfülltes Leben?

Gibt es noch Vorbilder? Mutter Theresa und Veronika Feldbusch.

Essstörungen: Hungern im Überfluss, Ess-Brech-Sucht und Fettleibigkeit.

Werbung zwischen Information und Manipulation.

Amüsieren wir uns zu Tode? ( Neill Postman ).

Carpe diem – Nutze den Tag!

Der Weg ist das Ziel! ( Lao Tse ).

Wer nicht genießt, ist ungenießbar! ( Konstantin Wecker) Fastfood und Esskultur.

Die feinen Unterschiede ( Pierre Bourdieu ) Kitsch und Kunst.

Das Leben lieben !( Louise Hay ).

Haben oder Sein? ( Erich Fromm ).

Leben wir in einer Welt-Risiko-Gesellschaft? ( Ullrich Beck ).

Geld regiert die Welt – Vom Muschelgeld zur Mondo-Währung.

Das Verschwinden der Kindheit.

Alt und Jung – Gegeneinander oder Miteinander der Generationen?

Hast Du Kinder oder keine - im Alter bis Du doch alleine...

Entfamilialisierung zwischen Ungebundenheit und Einsamkeit.

Brauchen wir ein Gemeinschaftsgefühl?

Das Kollektivbewusstsein als Köhäsionsmedium der Gesellschaft ( Emil Durkheim).

Widersprüche der modernen Gesellschaft – Die Anomietheorie nach Robert K. Merton.

Liebe auf den ersten Blick? Menschen auf Partnersuche.

Gibt es ein Europäisches Bewusstsein? Eurozentrismus, Nationalismus und Regionalismus.

Déjà vu – Erlebnisse: Zufall? Einbildung? Oder Erinnerung an frühere Leben?

Was will die Waldorf-Pädagogik? ( Rudolf Steiner ).

Sucht kommt ( vielleicht ? ) von Suchen. Tabak, Alkohol, Spielsucht, Missbrauch illegaler Drogen?

Genuss oder Überdruss?

Leben ohne Verantwortung? Freiheit, Willkür, Pflicht, Sorge für andere.

Altruismus oder Egoismus? Leben zwischen Eigennutz und Dienst am Nächsten.

Geben ist seliger denn nehmen... Weibliches Leben zwischen Aufopferung und Selbstverwirklichung.

Du verstehst mich nicht! Männliche und weibliche Sprachstile.

Barbie-Puppe und Super-Man. Weibliche und männliche Erziehung.

Wann ist der Mann ein Mann? ( Grönemeyer ) Softie oder Rambo?

Lippenstift – Lidschatten – Strumpfhose. Die Frau als Schönheits-Produzentin.

Bubikopf - Petticoat – Piercing. Schönheitsideale im Wandel.

Mittelalterlicher Hexenwahn, Harry Potter und Bibi Blocksberg.

Sexualmoral im Wandel der Zeiten.

Das Leben wird vorwärts gelebt, aber erst im Rückblick verstanden ( Adl Amini ).

Zufall oder Schicksal?

Anlage oder Umwelt?

Biologie als Schicksal?

Geklonte Brüder und Schwestern als organische Ersatzteillager?

Wie weit geht die Willensfreiheit?

Der Kampf um die Erinnerung – Zur Psychoanalyse Sigmund Freuds.

Was war eher da: die Henne oder das Ei? Materialismus oder Idealismus?

Spiel oder Arbeit? Leben wir, um zu arbeiten? Oder arbeiten wir, um zu leben?

Die Last mit der Lust. Sexuelle Liberalisierung und neuartige Zwänge.

Blutrache und Ehrenmord. Oder: Über die Grenzen der Toleranz.

Sterbehilfe zwischen Missbrauch und Menschlichkeit.

Small is beautiful. Lob der Beschiedenheit: wenig ist oft mehr...

Lob der Langsamkeit...

Wie Du in den Wald rufst... Höflichkeit zwischen Etikette, Takt und Respekt.

Welt-Bevölkerungs-Explosion und Geburten-Rückgang.

Die Zukunft der Arbeit.

Was heißt Wissensgesellschaft?

Wachsende Gewalt oder friedliches Miteinander?

Zurück zur Natur? Jean-Jacques Rousseau und Joschka Fischer.

Klimawandel, Klimakatastrophe und Weltuntergang?

Was ist ein Krisotainment? Krise plus Entertainment = Fear-Business ( Das Geschäft mit der Angst).

Die fetten Jahre sind vorbei! Absolute und relative Armut.

Nesthäkchen, Einzelkind, Geschwisterrivalität.

Eltern-Kind-Rollen: Das Kind als ideales Selbst, als Sündebock, als Elternfigur, als Gatten-Ersatz.

Gegensätze ziehen sich an! Narzisstische, orale, sado-masochistische und egalitäre Partner-Konstellationen.

Wir alle spielen Theater. Unsere Rollen, unser Selbst ( Watzlawick ).

Krieg der Kulturen ( S. P. Huntington ) oder Welt-Gemeinschaft?

Was ist dran an den Sternzeichen? Fische-Frau und Stier-Mann?

Schutzengel, Talisman und Hellseher: Aberglaube oder Spiritualität?

Alternative Heilmethoden: Scharlatanerie oder sanfte Medizin?

Kornkreise – Kunstwerke? Außerirdische? Naturwunder? Scharlatanerie?

Welt am Abgrund? Wertezerfall, Krieg der Generationen, Artensterben, Übergewicht, Welt-Islamisierung, Rinderwahn, Feinstaub, Bankencrash, Vogelgrippe, Manager-Abzocke, Welt-Nahrungs-Krise, Gammelfleisch, Globale Erwärmung: Wie viel Zeit bleibt uns noch bis zur Apokalypse?"

Diese Liste kann , marktschreierisch oder wissenschaftlich seriös formuliert, kontinuierlich ergänzt und fortgeschrieben werden.

2. Positive Erziehung

No matter

what your early childhood was like,

the best or the worst,

you and only you

are in charge of your life now.

You can spend your time

blaming your parents

or your early environment.

but all that accomplishes

is keeping you

stuck in victim patterns.

It never get you the good

you say you want.

Your current thinking

shapes your future.

It can create

a life of negativity and pain,

or it can create

a life of unlimited joy.

Which one do you want?

Louise L. HAY

2.1 Negative Erziehung

Kulturanthropologische Vergleichsstudien

Ethnographische Kulturvergleiche haben ergeben, dass Gesellschaften, in denen Säuglinge,

Kinder und Jugendliche eine Menge Schmerz und Traumata erleiden und deren emotionelle

Ausdrucksfähigkeit sowie das sexuelle Verlangen der Heranwachsenden zerstört werden,

ausnahmslos neurotische, (selbst-) zerstörerische und gewalttätige Verhaltensweisen zeigen.

Weiterhin haben weltweite historische Studien kriegerischer, autoritärer und despotischer Staaten die Zusammenhänge zwischen Kindheitstrauma, Sexualunterdrückung, Männerherrschaft und Gewaltbereitschaft bestätigt.

James W. PRESCOTT hat bemerkenswerte Forschungsresultate unter dem Titel "Body Pleasure and the Origin of Violence (Köperliche Lust und die Ursprünge der Gewalttätigkeit)" in der Zeitschrift "The Bulletin of The Atomic Scientists", im November 1975, S. 10-20, publiziert. Die folgenden Ausführungen sind in gekürzter Fassung stark angelehnt an den Originaltext, der aus dem Englischen ins Deutsche von Klaus URBAN übersetzt worden ist. Eric MÖLLER hat die Schriften PRESCOTTs im Internet der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

James W. PRESCOTT, ein Neuropsychologe und Kulturanthropologe, ist Wissenschaftsadministrator am Nationalen Institut für Kindesgesundheit und menschliche Entwicklung (National Institute of Child Health und Human Development) in Bethesda, Maryland. Er ist Vorstandsmitglied des amerikanischen Verbands der Humanisten (American Humanist Association).

PRESCOTT behauptet, die größte Bedrohung für den Weltfrieden gehe von jenen Nationen aus, die ihre Kinder in der reizärmsten Umgebung aufziehen und die sexuelle Zuneigung und weibliche Sexualität am stärksten unterdrücken.

Menschliche Gewalttätigkeit wird immer mehr zur globalen Epidemie. Wenn die Ursachen der Gewalttätigkeit nicht erfasst und behandelt werden, dann werden wir weiterhin in einer Welt voller Furcht und Besorgnis leben. Leider wird häufig Gewalt zur Lösung der Gewaltfrage vorgeschlagen. Viele Gesetzeshüter befürworten die Strategie des "harten Durchgreifens" als beste Methode zur Senkung der Kriminalitätsrate. Unser üblicher Umgang mit Kriminalität, die Täter einzusperren, wird das Problem nicht lösen, weil die Ursachen der Gewalttätigkeit in unseren grundlegenden Werten und in der Art liegen, wie wir unsere Kinder und Jugendlichen erziehen. Körperliche Bestrafung, gewalttätige Filme und Fernsehprogramme bringen unseren Kindern bei, dass körperliche Gewalttätigkeit normal ist. Aber diese frühzeitigen Lebenserfahrungen sind nicht die einzige oder gar die Hauptursache von gewalttätigem Verhalten.

Jüngste Forschungen unterstützen den Standpunkt, dass der Mangel an körperlicher Lust ein entscheidender Bestandteil beim Ausdruck körperlicher Gewalt ist. Die übliche Assoziation von Sexualität mit Gewalt liefert einen Anhaltspunkt, um die Gewalttätigkeit als Ausdruck mangelnder körperlicher Lust zu begreifen.

Im Gegensatz zu Gewalt scheint die Welt der Lust nie überdrüssig zu werden, stellt PRESCOTT fest. Die Menschen sind ständig auf der Suche nach neuen Formen der Lust, obwohl die meisten unserer "Lust"-Aktivitäten ein Ersatz für die natürliche sensorische Berührungslust zu sein scheinen. Wir berühren uns um der Lust oder um des Schmerzes willen -- oder gar nicht. Obgleich körperliche Lust und körperliche Gewalt scheinbar Welten voneinander entfernt sind, so scheint doch eine subtile und vertraute Verbindung zwischen beidem zu bestehen. Die Gewalttätigkeit wird so lange weiter eskalieren, bis wir die Beziehung zwischen Lust und Gewalt verstanden haben.

Als Entwicklungsneuropsychologe hat sich PRESCOTT ausgiebig dem Studium der eigenartigen Beziehung zwischen Gewalt und Lust gewidmet. PRESCOTT ist mittlerweile davon überzeugt, dass mangelnde körperlich-sinnliche Lust die prinzipielle, grundlegende Ursache von Gewalt ist. Laborversuche mit Tieren zeigen, daß Lust und Gewalt in reziproker Beziehung zueinander stehen, d.h. sie hemmen sich gegenseitig. Ein wütendes, gewalttätiges Tier beruhigt sich sofort, wenn das Lustzentrum seines Gehirns mittels Elektroden stimuliert wird. Wird andererseits das Aggressionszentrum im Gehirn stimuliert, so findet die sinnliche Lust und das friedliche Verhalten des Tieres ein Ende. Wenn die Lust-Stromkreise des Gehirns "eingeschaltet" sind, dann sind die Aggressionsstromkreise "ausgeschaltet" und umgekehrt. Unter Menschen zeigt eine lustbetonte Persönlichkeit selten Gewalttätigkeit oder aggressives Verhalten, und eine gewalttätige Persönlichkeit ist nur in geringem Maße in der Lage, sensorisch lustvolle Aktivitäten zu ertragen, zu erfahren oder zu genießen. Sobald entweder Gewalttätigkeit oder Lust zunimmt, nimmt das jeweils andere ab.

Sensorische Deprivation

Das reziproke Verhältnis zwischen Lust und Gewalttätigkeit ist in hohem Maße bedeutsam, weil gewisse Sinneserfahrungen während der Wachstumsperioden in der Entwicklung eine neuropsychologische Prädisposition entweder für gewaltsuchendes oder für lustsuchendes Verhalten im späteren Leben erzeugen. PRESCOTT davon überzeugt, dass verschiedene anomale soziale und emotionale Verhaltensweisen, die von -- wie Psychologen sagen -- "mütterlich-sozialer" Deprivation herrühren, d.h. von einem Mangel an zärtlicher, liebevoller Zuwendung, durch eine bestimmte Art sensorischer Deprivation verursacht werden: durch somatosensorische Deprivation.

Vom griechischen Wort für "Körper" abgeleitet, bezeichnet das Wort "somatosensorisch" die Empfindungen bei Berührung und Körperbewegungen, die sich von den Eindrücken beim Sehen, Hören, Riechen und Schmecken unterscheiden. PRESCOTT glaubt, dass der Mangel an Körperberührung, Körperkontakt und Bewegung die grundlegende Ursache einiger emotionaler Störungen darstellt, einschließlich depressivem und autistischem Verhalten, Hyperaktivität, sexueller Abweichung, Drogenmissbrauch, Gewalttätigkeit und Aggression. Gewalt gegen Sexualität und sexuelle Gewalt, besonders gegen Frauen, hat sehr tiefe Wurzeln in der biblischen Tradition.

Diese Einsichten stammen hauptsächlich aus den kontrollierten Laborversuchen von Harry F. und Margaret K. HARLOW an der Universität von Wisconsin. Die HARLOWs und ihre Studenten trennten Affenbabys nach der Geburt von ihren Müttern. Die Affen wurden in Einzelkäfigen in einer Tierkolonie aufgezogen, wo sie soziale Beziehungen mit den anderen Tieren durch Sehen, Hören und Riechen entwickeln konnten, aber nicht durch Berührung oder Bewegung. Diese und andere Studien zeigen, dass es der Mangel an Körperkontakt und Körperbewegung ist -- nicht Mangel an anderen Sinnesreizen --, der bei diesen isoliert aufgezogenen Tieren die große Bandbreite anomaler emotionaler Verhaltensweisen erzeugt. Es ist wohlbekannt, dass menschliche Babys und Kinder, die längere Zeit im Krankenhaus oder in einem Heim verbringen und dabei selten berührt und gehalten werden, nahezu dieselben abnormen Verhaltensweisen entwickeln, wie zum Beispiel Schaukeln und Kopfschlagen (Vgl. SPITZ 1956).

Obgleich die bei isoliert aufgezogenen Affen beobachtete pathologische Gewalttätigkeit gut dokumentiert wurde, ist die Verknüpfung frühzeitiger somatosensorischer Deprivation mit körperlicher Gewalttätigkeit bei Menschen weniger gut begründet. Zahlreiche Studien jugendlicher Straftäter und erwachsener Verbrecher zeigten einen Hintergrund zerbrochener Familienhäuser und/oder körperlicher Misshandlung durch die Eltern. Diese Studien haben jedoch den Grad des Mangels an körperlicher Zuwendung selten erwähnt, wenn überhaupt erfasst, obwohl er oftmals mit dem Grad der Vernachlässigung und der Misshandlung zusammenhängt. Eine außergewöhnliche Studie in dieser Hinsicht ist die von Brandt F. STEELE und C. B. POLLOCK, Psychiater an der Universität von Colorado, die Kindesmisshandlung in drei Generationen von Familien untersuchten, in denen die Kinder körperlich misshandelt wurden. Sie zeigten, dass Eltern, die ihre Kinder misshandelten, in ihrer Kindheit unter mangelnder körperlicher Zuwendung gelitten hatten, und dass ihr Geschlechtsleben als Erwachsene extrem unbefriedigend war. STEELE hob hervor, dass die Frauen, die ihre Kinder misshandelten, fast ausnahmslos noch niemals einen Orgasmus erlebt hatten. Wieviel sexuelle Lust die Männer erfuhren, die ihre Kinder misshandelten, wurde nicht untersucht, aber ihr Geschlechtsleben war generell unbefriedigend. Die Annahme, dass Gewalttätigkeit durch körperliche Lust aktiv verhindert wird, können wir aus unseren eigenen sexuellen Erfahrungen bestätigen. Wieviele von uns verspüren den Wunsch, jemanden anzugreifen, nachdem sie einen Orgasmus hatten?

FREUDs (Vgl. 1950) Beiträge zu den Auswirkungen frühzeitiger Erfahrungen auf späteres Verhalten und die Folgen unterdrückter Sexualität haben sich etabliert. Leider fehlt es hier an Zeit und Raum für eine Betrachtung seiner Differenzen mit Wilhelm REICH über sein Werk ´Jenseits des Lustprinzips´.

Die Hypothese, dass Mangel an körperlicher Lust Gewalttätigkeit verursacht, bedarf einer formellen systematischen Untersuchung. Wir können diese Hypothese überprüfen, indem wir kulturübergreifende Studien über Kindererziehungsweisen, Sexualverhalten und Gewalttätigkeit untersuchen. Wir erwarten als Ergebnis, dass menschliche Gesellschaften, die ihren Babys und Kindern ausgiebige körperliche Zuwendung schenken, durch Berühren, Halten, Tragen (Vgl. LIEDLOFF 1978), weniger gewalttätig sind als jene, die ihnen sehr wenig körperliche Zuwendung bieten. Gleichzeitig müssten menschliche Gesellschaften, die vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehr tolerieren und akzeptieren, weniger gewalttätig sein als Gesellschaften, die ihn verbieten und bestrafen.

Kulturanthropologen haben exakt jene Daten gesammelt, die zur Untersuchung dieser Hypothese bei menschlichen Gesellschaften benötigt werden -- und ihre Funde sind zufriedenstellend in R. B. TEXTORs ´A Cross-Cultural Summary´ (1967) zusammengestellt. TEXTORs Buch ist hauptsächlich ein Nachschlagewerk für kulturübergreifende statistische Untersuchungen. Die Sammlung liefert ca. 20.000 statistisch signifikante Korrelationen der Stichproben von 400 Naturvölkern..

Vernachlässigung von Kindern/Gewalttätigkeit bei Erwachsenen

Gewisse Variable, die die körperliche Zuwendung, wie zum Beispiel Streicheln, Liebkosen von und Spielen mit Kindern, widerspiegeln, wurden in Beziehung zu anderen Variablen gesetzt, die Kriminalität und Gewalttätigkeit, Häufigkeit von Diebstahl, Mord, Vergewaltigung etc., angeben.

Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass jene Gesellschaften, die ihren Kindern den größten Anteil an körperlicher Zuwendung schenken, sich durch wenig Diebstahl, niedrige Raten an körperlichen Bestrafungen von Kindern, geringe religiöse Aktivität und vernachlässigbar wenig oder gar keinen Mord, Verstümmelung oder Folterung ihrer Feinde auszeichnen. Diese Daten bestätigen direkt, dass der Mangel an körperlicher Lust in der Kindheit mit einer hohen Kriminalitäts- und Gewalttätigkeitsrate signifikant verknüpft ist.

Einige Gesellschaften bestrafen ihre Kinder körperlich zur Disziplinierung, während andere dies nicht tun. PRESCOTT konnte bestimmen, ob diese Bestrafungen die generelle Sorge um das Wohlbefinden der Kinder widerspiegeln, indem wir sie mit liebevoller Kindesfürsorge vergleichen. Die Ergebnisse zeigen, dass Gesellschaften, die ihren Kindern Schmerzen und Unbehagen zufügen, auch zu deren Vernachlässigung neigen.

Die körperliche Gewalttätigkeit Erwachsener konnte in 36 von 49 Kulturen (73%) aus den Variablen für körperliche Zuwendung zu Kindern exakt vorhergesagt werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Trefferquote von 73% hätte zufällig auftreten können, beträgt nur vier unter eintausend.

Von den 49 von PRESCOTT untersuchten Gesellschaften schienen 13 Kulturen eine Ausnahme für die Annahme darzustellen, dass mangelnde somatosensorische Lust die Menschen gewalttätig macht. Es war zu erwarten, dass Kulturen, die einen großen Wert auf körperliche Lust in der Kindheit legten, diesen Wert im Erwachsenendasein aufrechterhalten würden. Dies ist jedoch nicht der Fall. Aus dem Kindererziehungsstil lassen sich spätere Sexualverhaltensmuster nicht vorhersagen. Diese anfängliche Überraschung und unerwartete Diskrepanz ist jedoch für weitere Voraussagen vorteilhaft.

Die Langzeitfolgen von Lust und Schmerz in der Kindheit

Menschliche Gesellschaften unterscheiden sich sehr stark in ihrer Behandlung von Kindern. In einigen Kulturen schenken die Eltern ihren Kindern körperliche Zuwendung, während sie sie in anderen körperlich bestrafen. Eine Studie anthropologischer Daten durch PRESCOTT zeigte, dass in jenen Gesellschaften, die ihren Kindern den größten Betrag an körperlicher Zuwendung schenken, weniger Diebstahl und Gewalttätigkeit unter Erwachsenen vorkommt, was die Theorie unterstützt, dass Mangel an körperlicher Lust in der Kindheit signifikant mit einer hohen Kriminalitäts- und Gewalttätigkeitsrate verknüpft ist. Zum Beispiel scheinen Kulturen, die Kindern Schmerzen zufügen, zur Sklaverei, Polygynie, das heißt Vielweiberei und Frauenunterdrückung etc. zu neigen.

Zwei stark korrelierende Variable sind zur Vorhersage einer dritten nicht so geeignet wie zwei nicht zueinander in Beziehung stehende. Demzufolge ist es wichtig, das Sexualverhalten jener 13 Kulturen zu untersuchen, in denen die Gewalttätigkeit der Erwachsenen nicht aus körperlicher Lust in der Kindheit vorhersagbar war.

Offenbar unterscheiden sich die sozialen Gebräuche, die das Sexualverhalten beeinflussen und bestimmen, von jenen, denen der Ausdruck körperlicher Zuwendung gegenüber Kindern unterliegt.

Vergleicht man die sechs Gesellschaften, die sich durch intensive Zuwendung zu Kindern und starke Gewalttätigkeit auszeichnen, bezüglich des vorehelichen Sexualverhaltens, dann zeigt sich überraschenderweise, dass in fünf von ihnen voreheliche sexuelle Unterdrückung herrscht, wobei Jungfräulichkeit in diesen Kulturen einen hohen Wert darstellt. Anscheinend können die positiven Auswirkungen körperlicher Zuwendung zu Kindern durch die Unterdrückung körperlicher Lust, des vorehelichen Geschlechtsverkehrs, im späteren Leben wieder zerstört werden.

Die sieben Gesellschaften, die sich durch geringe körperliche Zuwendung zu Kindern und geringe körperliche Gewalttätigkeit der Erwachsenen auszeichnen, erlaubten allesamt voreheliches Sexualverhalten. Die entscheidende Auswirkung mangelnder körperlicher Zuwendung zu Kindern für das spätere Leben wird scheinbar durch sexuelle körperliche Lusterfahrungen während der Jugendzeit ausgeglichen. Diese Entdeckungen führten zu einer Revision der Theorie der somatosensorischen Lustdeprivation von einer einstufigen zu einer zweistufigen Entwicklungstheorie, mittels der die Gewalttätigkeit in 48 der 49 Kulturen exakt bestimmt werden konnte.

Kurz gesagt, Gewalttätigkeit kann von Mangel an somatosensorischer Lust entweder in der Kindheit oder in der Adoleszenz herrühren. Die einzig wirkliche Ausnahme in dieser Kulturenstichprobe ist der Jivaro-Kopfjägerstamm in Südamerika. Es ist klar, dass diese Gesellschaft detailliert untersucht werden muss, um die Ursachen ihrer Gewalttätigkeit zu bestimmen. Das Glaubenssystem der Jivaro könnte eine wichtige Rolle spielen, denn, wie der Anthropologe Michael HARNER in Jivaro Souls berichtet , haben diese Indianer einen "tiefsitzenden Glauben, dass Mord zum Erwerb von Seelen dient, die eine übernatürliche Macht verleihen, die zur Unsterblichkeit führt."

Körperliche Zuwendung zu Kindern und körperliche Gewalttätigkeit bei Erwachsenen

Gesellschaften, die Kindern intensive körperliche Zuwendung ("tender loving care") bieten, zeichnen sich durch relativ gewaltlose spätere Erwachsene aus. In 36 der 49 untersuchten Kulturen hing ein hoher Grad an Zuwendung zu Kindern mit einem niedrigen Grad an Gewalttätigkeit Erwachsenener zusammen -- und umgekehrt. Als die 13 Ausnahmen untersucht wurden, zeigte sich, dass die Gewalttätigkeit aller Kulturen bis auf eine (der Jivaro-Stamm in Südamerika) aus der An- oder Abwesenheit vorehelichen Sexualverhaltens berechnet werden konnte.

Folgende Naturvölker behandelten ihre Kinder mit Zärtlichkeit, Liebe und Fürsorge:

Andamanese, Arapesh, Balinese, Chagga, Chenchu, Chuckchee, Cuna, Hano, Lau, Lesu, Maori, Murngin, Nuer, Papago, Siriono, Tallensi, Tikopia,

Timbira, Trobriand, Wogeo, Woleaians, Yahgan.

Die Theorie des reziproken Verhältnisses zwischen Körperlust und Gewalttätigkeit besaß, angewandt auf die Kulturen in der Referenzarbeit, eine Vorhersagungsgenauigkeit von 100%.

Die Stärke der zweistufigen Deprivationstheorie der Gewalttätigkeit wird am lebendigsten illustriert, sobald wir die Gesellschaften mit intensiver körperlicher Zuwendung in der Kindheit und in der Adoleszenz jenen mit geringer körperlicher Zuwendung in beiden Entwicklungsperioden gegenüberstellen. Der statistische Zusammenhang dieser Korrelation ist außergewöhnlich: Die prozentuale Wahrscheinlichkeit, dass eine Gesellschaft gewalttätig ist, wenn sie ihren Kindern körperlich zugeneigt ist und voreheliches Sexualverhalten toleriert, beträgt 2% . Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Zusammenhang zufällig besteht, beträgt 125.000 zu eins. PRESCOTT kennt keine einzige entwicklungsbezogene Variable, die einen dermaßen hohen Grad an zuverlässiger Aussagekraft besitzt. Daher scheint dies ein grundlegendes Prinzip zu sein: Körperlich zuneigungsvolle menschliche Gesellschaften sind nur mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit gewalttätig.

Wie die Studie von PRESCOTT zeigt, ist gemäß weiterer Datenindikatoren die Bestrafung und Unterdrückung vorehelichen Geschlechtsverkehrs mit größeren Städten, hoher gesellschaftlicher Komplexität und Klassentrennung, Kleinfamilien, Frauenkauf, Sklaverei und von Gottesfurcht geprägten Moralvostellungen verknüpft. Die Beziehung zwischen Kleinfamilien und der Bestrafungshaltung gegenüber vorehelichem Geschlechtsverkehr verdient Beachtung, denn sie legt nahe, dass die kleinfamiliären westlichen Kulturen zu unserer repressiven Haltung gegenüber dem Ausdruck der Sexualität beitragen könnten. Dasselbe könnte für Kommunengröße, soziale Komplexität und Klassentrennung gelten.

Es ist nicht überraschend, dass, wenn starke eigene Bedürfnisse mit mangelnder körperlicher Zuwendung zusammentreffen, als Ergebnis Eigeninteresse und Narzissmus entsteht. Ebenso kann exhibitionistisches Tanzen und Pornographie als ein Ersatz für normalen Ausdruck der Sexualität interpretiert werden. Einige Nationen, die die weibliche Sexualität am stärksten unterdrücken, besitzen reichhaltige pornographische Kunstformen.

Vorehelicher Geschlechtsverkehr, körperliche Gewalttätigkeit und andere Verhaltensweisen von Erwachsenen

Voreheliche sexuelle Freiheit für junge Leute kann helfen, die Gewalttätigkeit in einer Gesellschaft zu reduzieren, und die körperliche Lust, die die Jugend beim Geschlechtsverkehr erfährt, kann mangelnde körperliche Zuwendung in der Kindheit ausgleichen. Andere Forschungen zeigen außerdem, dass Gesellschaften, die vorehelichen Geschlechtsverkehr bestrafen, zu Brautkauf, zur Verehrung eines in menschlichen Moralvostellungen verwurzelten mächtigen Gottes und zur Sklaverei neigen.

Diese Entdeckungen PRESCOTTs unterstützen außerordentlich die These, dass lebenslanger Mangel an körperlicher Lust -- jedoch besonders während der Wachstumsperioden in der Kindheit und Adoleszenz -- sehr eng mit der Höhe der Kriegsbereitschaft und der zwischenmenschlichen Gewalttätigkeit verbunden ist. Diese Einsichten sollten auf große und komplexe industrielle und postindustrielle Gesellschaften angewandt werden.

Eine Befragung, die PRESCOTT entwickelte um diese Frage zu erforschen, wurde an 96 Collegestudenten im Durchschnittsalter von 19 Jahren durchgeführt. Die Ergebnisse der Befragung unterstützen die Verbindung zwischen Ablehnung körperlicher Lust (besonders vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehrs) und dem Ausdruck körperlicher Gewalttätigkeit. Befragte, die Abtreibung, verantwortungsvollen vorehelichen Geschlechtsverkehr und Nacktheit innerhalb der Familie ablehnen, neigten dazu, strenge körperliche Bestrafung der Kinder zu befürworten und zu glauben, dass Schmerz zur Bildung eines starken moralischen Charakters beiträgt. Diese Befragten neigten dazu, Alkohol und Drogen befriedigender als Sex zu empfinden. Die von der Befragung erhaltenen Daten bieten starke statistische Unterstützung des grundlegend entgegengesetzten Verhältnisses zwischen Gewalt und Lust. Wenn Gewalttätigkeit stark ist, dann ist die Lust gering, und umgekehrt, wenn Lust stark ist, dann ist Gewalttätigkeit gering. Die Befragung führt zu der Annahme, dass das bei schriftlosen Kulturen vorgefundene Lust/Gewalt-Verhältnis ebenso für moderne Industrienationen gilt.

Eine weitere Art, das reziproke Verhältnis zwischen Gewalt und Lust zu betrachten, ist, die Wahl der Drogen in einer Gesellschaft zu untersuchen. Eine Gesellschaft wird Verhaltensweisen unterstützen, die mit ihren Werten und sozialen Sitten übereinstimmen. Unsere Gesellschaft ist eine kämpferische, aggressive, und gewalttätige. Konsequenterweise unterstützt sie Drogen, die

kämpferisches, aggressives, und gewalttätiges Verhalten fördern, und bekämpft Drogen, die gegen solcherlei Verhalten wirken. Alkohol erleichtert bekanntermaßen den Ausdruck gewalttätigen Verhaltens, und wird, obgleich suchterzeugend und sehr schädlich für chronische Konsumenten, in der Gesellschaft akzeptiert. Auf der anderen Seite ist Marihuana eine aktiv lusterzeugende Droge, die die Berührungslust erhöht und gewalttätig-aggressives Verhalten aktiv verhindert. PRESCOTT glaubt, dass Marihuana aus diesen Gründen in der Gesellschaft abgelehnt wird. Aus ähnlichen Gründen wird Heroin abgelehnt und Methadon (eine suchterzeugende Droge, die keine Lust bietet) akzeptiert.

Die Daten aus PRESCOTTs Befragung unterstützen diesen Standpunkt. Sehr hohe Korrelationen von Alkoholkonsum mit elterlicher Bestrafung bedeuten, dass Menschen, die wenig Zuwendung von ihren Müttern erhielten und körperlich bestrafende Väter hatten, zu Feindseligkeit und Aggressivität neigen, wenn sie trinken. Jene Menschen finden Alkohol befriedigender als Sex. Es gibt eine noch stärkere Beziehung zwischen elterlicher körperlicher Bestrafung und Drogenkonsum. Befragte, die als Kinder körperlich bestraft worden waren, zeigten durch Alkohol hervorgerufene Feindseligkeit und Aggressivität und neigten dazu, Alkohol und Drogen befriedigender zu empfinden als Sex. Die Befragung liefert außerdem starke Korrelationen von sexueller Unterdrückung mit Drogenkonsum. Jene, die vorehelichen Geschlechtsverkehr als "nicht akzeptabel" bewerten, neigen dazu, aggressiv zu werden, wenn sie trinken, und Drogen und Alkohol der sexuellen Lust vorzuziehen. Dies ist ein weiterer Beweis für die Hypothese, dass Drogen-"Genuss" ein Ersatz für somatosensorische Lust ist.

Das reziproke Verhältnis zwischen Gewalt und Lust gilt sowohl in modernen Industrienationen als auch in Naturvölkern. Diese Annahme wurde durch eine PRESCOTT-Befragung von 96 Collegestudenten (durchschnittliches Alter: 19 Jahre) überprüft. Die Ergebnisse zeigten, dass Studenten, die eine relativ negative Haltung zu sexueller Lust einnehmen, zur Favorisierung strenger Bestrafung von Kindern und zum Glauben neigen, dass Gewalt nötig ist, um Probleme zu lösen. Die Studenten bewerteten eine Reihe von Aussagen auf einer Skala von 1 bis 6, wobei 1 starke Zustimmung und 6 starke Ablehnung bedeutete. Mittels einer statistischen Technik (Faktorenanalyse) wurde das Charakterprofil einer gewalttätigen Person entwickelt.

Somatosensorischer Index menschlicher Zuwendung

Latent gewalttätige Personen bejahten die folgenden Aussagen:

Harte körperliche Bestrafung ist gut für sehr ungehorsame Kinder.

Körperliche Bestrafung und Schmerz tragen zur Bildung eines starken moralischen Charakters bei.

Abtreibung sollte gesellschaftlich bestraft werden.

Schwere Bestrafung sollte gesellschaftlich erlaubt sein.

Gewalt ist nötig, um unsere Probleme wirklich zu lösen.

Körperliche Bestrafung sollte in den Schulen erlaubt sein.

Ich genieße sadistische Pornographie.

Ich möchte oftmals jemanden schlagen.

Ich kann Schmerzen sehr gut ertragen.

Körperliche Lust wird verdammt:

Prostitution sollte gesellschaftlich bestraft werden.

Verantwortungsvoller vorehelicher Geschlechtsverkehr findet nicht meine Zustimmung.

Nacktheit innerhalb der Familie hat schädlichen Einfluss auf Kinder.

Sexuelle Lust trägt zur Bildung eines schwachen moralischen Charakters bei.

Die Gesellschaft sollte sich in das private Sexualverhalten unter Erwachsenen einmischen.

Verantwortungsvoller außerehelicher Geschlechtsverkehr findet nicht meine Zustimmung.

Natürlich frische Körpergerüche sind oftmals brüskierend.

Ich genieße sinnliche Pornographie nicht.

Alkohol und Drogen werden höher als Sex bewertet:

Alkohol ist befriedigender als Sex.

Drogen sind befriedigender als Sex.

Ich werde feindselig und aggressiv, wenn ich Alkohol trinke.

Ich würde lieber Alkohol trinken, als Marihuana zu rauchen.

Ich trinke Alkohol öfter als ich einen Orgasmus erlebe.

Politischer Konservatismus:

Ich neige zu konservativen politischen Standpunkten.

Alter (älter).

Ich träume oftmals vom Schweben, Fliegen, Fallen oder Klettern.

Meine Mutter ist mir gegenüber oftmals gleichgültig.

Ich werde oftmals "nervös", wenn ich berührt werde.

Ich erinnere mich daran, dass mein Vater mich oft körperlich bestraft hat.

Vergewaltigung

Warum vergewaltigen Männer Frauen? Forscher berichten, dass die meisten Vergewaltiger einen Familienhintergrund väterlicher Bestrafung und Feindseligkeit und des Verlusts der mütterlichen Zuwendung haben. PRESCOTT interpretiert Vergewaltigung als männliche Rache an Frauen für den frühzeitigen Verlust körperlicher Zuwendung. Indem ein Mann eine andere Frau sexuell verletzt, kann er seine Dominanz gegenüber seiner Mutter ausdrücken, weil sie ihm nicht genügend körperliche Aufmerksamkeit gegeben hat.

Eine weitere Erklärung könnte sein, dass die zunehmende sexuelle Freiheit der Frau die Machtposition und Dominanz des Mannes über die Frau bedroht, die er oftmals durch sexuelle Aggression aufrechterhält. Vergewaltigung zerstört die sinnliche Lust der Frau und fördert sadistische Lust beim Mann. Durch Vergewaltigung schützt der Mann sich vor der sinnlichen Lust der Frauen, die seine Machtposition und Dominanz bedrohen.

Es ist PRESCOTTs Überzeugung, dass Vergewaltigung ihre Ursprünge in mangelnder körperlicher Zuwendung in Eltern-Kind Beziehungen und sexuellen Beziehungen der Erwachsenen hat und in einem religiösen Wertesystem, das Schmerzen und körperliche Deprivation als moralisch betrachtet und körperliche Lust als unmoralisch. Vergewaltigung erhält männliche Dominanz über Frauen aufrecht und unterstützt das Fortbestehen patriarchalischer Werte in unserer Gesellschaft.

Wenn wir die Theorie anerkennen, dass der Mangel an ausreichend somatosensorischer Lust eine prinzipielle Ursache von Gewalttätigkeit ist, dann können wir darauf hinarbeiten, für Lust einzutreten und zuneigungsvolle zwischenmenschliche Beziehungen als ein Mittel zu fördern, um Aggressionen zu bekämpfen. Wir sollten körperlicher Lust im Kontext bedeutsamer menschlicher Beziehungen eine hohe Priortät einräumen. Jene körperliche Lust unterscheidet sich sehr von Promiskuität, die eine grundlegende Unfähigkeit widerspiegelt, Lust zu erfahren. Wenn eine sexuelle Beziehung nicht lustvoll ist, sucht das Individuum nach einem anderen Partner. Ein fortwährendes Fehlschlagen, sexuelle Befriedigung zu empfinden, führt zu einer fortwährenden Suche nach Partnern, d. h. zu promiskem Verhalten. Auf der anderen Seite neigt zuneigungsvoll geteilte körperliche Lust dazu, eine Beziehung zu stabilisieren und die Suche zu beenden. Jedoch scheint eine Vielzahl sexueller Erfahrungen in solchen Kulturen normal zu sein, die ihren Ausdruck erlauben, und dies könnte wichtig sein, um Lust und Zuneigung in sexuellen Beziehungen zu optimieren.

Die verfügbaren Daten zeigen PRESCOTT zufolge deutlich, dass die strengen Werte der Monogamie, Keuschheit und Jungfräulichkeit dazu beitragen, körperliche Gewalttätigkeit zu erzeugen. Die Ablehnung weiblicher Sexualität muss einer Akzeptanz und dem Respekt für sie Platz machen, und Männer müssen mit Frauen die Verantwortung teilen, Babys und Kindern Zuneigung und Zuwendung zu geben. Wenn der Vater eine der Mutter gleichgestellte Rolle in der Kindererziehung erhält und seinen Kindern mehr Zuneigung zuteil werden lässt, dann werden bestimmte Veränderungen in unserem sozioökonomischen System ausgelöst. Eine Arbeitsstruktur, die dazu neigt, die Elternteile von der Familie durch Reisen, ausgedehnte Treffen oder Überstunden zu trennen, schwächt die Eltern-Kind-Beziehung und schadet der Stabilität der Familie. Um eine friedliche Gesellschaft zu entwickeln, müssen wir menschlichen Beziehungen mehr Förderung angedeihen lassen.

Familienplanung ist von wesentlicher Bedeutung. Kinder müssen einen angemessenen Lebensraum erhalten, so dass jedes optimale Zuneigung und Zuwendung erhalten kann. Die Bedürfnisse der Kinder sollten unmittelbar befriedigt werden. Kulturübergreifende Betrachtung unterstützt nicht den Standpunkt, dass solche Praktiken das Kind "verrückt machen" würden. Im Gegensatz zur Meinung von Dr. Benjamin SPOCK ist es schädlich für ein Baby, sich in den Schlaf zu weinen. Indem wir die Bedürfnisse eines Kindes nicht unmittelbar und angemessen befriedigen, bringen wir ihm nicht nur ein sehr grundlegendes emotionales Misstrauen bei sondern errichten auch Muster der Vernachlässigung, was der sozialen und emotionalen Gesundheit des Kindes schadet. Das Abraten vom Stillen, um lieber mit Fläschchen zu füttern, und die Trennung gesunder Neugeborener von ihren Müttern in unseren "modernen" Krankenhäusern sind weitere Beispiele schädlicher Kindererziehungsstile (Vgl. LIEDLOFF 1978, 1985).

Liebe statt Konkurrenzkampf

Die kämpferische Ethik, die die Kinder lehrt, dass sie auf Kosten anderer vorankommen müssen, sollte nach ORESCOTT durch Werte der Kooperation und eine Suche nach Erfolg um seiner selbst willen ersetzt werden. Wir müssen Kinder zur emotionalen Fähigkeit erziehen, Liebe und Zuneigung zu geben, anstatt andere auszubeuten. Wir sollten anerkennen, dass Sexualität bei Teenagern nicht nur natürlich ist, sondern wünschenswert, und voreheliche Sexualität als einen positiven moralischen Wert akzeptieren. Eltern sollten Teenagern helfen, ihr eigenes sexuelles Selbst zu erkennen, indem sie ihnen erlauben, das Familienheim zur sexuellen Erfüllung zu benutzen. Diese Aufrichtigkeit würde dazu ermutigen, eine mütterlichere Haltung zu sexuellen Beziehungen und eine private unterstützende Umgebung bieten, die weit besser für ihre Entwicklung ist als der Rücksitz eines Autos oder andere nicht wünschenswerte Orte außerhalb des Heims. Frühzeitige sexuelle Erfahrungen sind zu oft ein Versuch, das Erwachsensein und Männlichkeit oder Weiblichkeit zu beweisen, statt ein freudvolles Teilen von Zuneigung und Lust.

Vor allen Dingen muss die männliche Sexualität die Gleichberechtigung weiblicher Sexualität anerkennen, betont PRESCOTT. Das traditionelle Recht der Männer auf mehrere sexuelle Beziehungen muss auf die Frauen ausgedehnt werden. Die große Grenze zwischen Mann und Frau ist die männliche Angst vor der Tiefe und Intensität weiblicher Sinnlichkeit. Da Macht und Aggression durch sinnliche Lust neutralisiert werden, war die männliche Hauptverteidigung gegen einen Verlust der Dominanz die historische Verdammung, Unterdrückung, und Kontrolle der sinnlichen Lust der Frauen. Der Gebrauch des Geschlechtsverkehrs zum bloßen Abbau physiologischer Spannung (scheinbarer Lust), sollte nicht mit einem Zustand sinnlicher Lust verwechselt werden, die mit Dominanz, Macht, Aggression, Gewalttätigkeit, und Schmerzen unvereinbar ist. Es ist das befriedigende Teilen sinnlicher Lust, das die sexuelle Gleichheit von Frauen und Männern verwirklichen kann.

Die sinnliche Umgebung, in der ein Individuum aufwächst, hat gemäß PRESCOTT einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung und funktionelle Organisation des Gehirns. Sensorische Stimulation ist unerlässlich für eine normale Entwicklung und Funktionalität des Gehirns. Wie das Gehirn funktioniert, bestimmt das Verhalten einer Person. Bei der Geburt ist ein menschliches Gehirn noch extrem unfertig, und neue Gehirnzellen entwickeln sich bis ins Alter von zwei Jahren. Die Komplexität der Gehirnzellenentwicklung geht weiter bis ins Alter von etwa 16 Jahren. Wie frühzeitige Deprivationen diese Wachstumsphasen beeinflussen, muss noch bestimmt werden; dennoch, einige Daten legen nahe, dass der letzte Wachstumsschub durch frühzeitige Deprivation verhindert werden könnte.

Wenn es uns gelingt, so resümiert PRSCOTT, die Lust in unserem Leben zu vergrößern, so wird dies ebenfalls die Art beeinflussen, wie wir Aggressivität und Feindseligkeit ausdrücken. Das reziproke Verhältnis zwischen Lust und Gewalt ist so, dass das eine das andere verhindert; sobald körperliche Lust stark ist, ist die körperliche Gewalttätigkeit gering. Sobald Gewalttätigkeit stark ist, ist die Lust gering. Diese grundlegende Prämisse der Theorie der somatosensorischen Lustdeprivation liefert uns die Werkzeuge, die nötig sind, um eine Welt friedlicher, zuneigungsvoller, kooperativer Individuen zu erschaffen.

Matristische und patristische Kulturen

Aus ähnlichen kulturanthropologischen Studien hat TAYLOR ( 1953) eine schematische Gegenüberstellung von matriarchalischen und patriarchalischen Kulturen entwickelt.James DeMEO (1991, 1998) ergänzt TAYLORs Schema um sexualökonomische Aspekte und wählt die Bezeichnungen „matristische“ und „patristische“ Kulturen.

Eine idealtypisch überspitzte Gegenüberstellung von Verhaltensweisen, Einstellungen und sozialen Institutionen zeigt signifikante Unterschiede.

In patristischen Kulturen erfahren Säuglinge, Kinder und Jugendliche während ihrer Sozialisation

von ihren Eltern und Sozialisationsagenten wenig Behutsamkeit und Nachsicht sowie wenig

körperliche Zuwendung. Es finden sich regelmäßig traumatisierte Säuglinge und Kleinkinder,

schmerzhafte Initiationsriten und die Kinder und Jugendlichen werden von der Familie

dominiert. Immer findet sich eine öffentliche und private Geschlechtertrennung.

Im Gegensatz dazu erfahren Säuglinge, Kinder und Jugendlichen in matristischen Kulturen viel Behutsamkeit und Nachsicht, viel körperliche Zuwendung und es gibt keine Traumatisierung von Säuglingen und Kleinkindern. Schmerzhafte Initiationsriten sind unbekannt. Die Kinder und Jugendlichen werden keineswegs von der Familie dominiert, sondern es finden sich Kinder- und Jugend-Demokratien. Weder privat noch öffentlich werden die Geschlechter getrennt.

Was die Sexualität in patristischen Kulturen anbelangt, so finden sich viele Einschränkungen und ganz allgemein ist Sexualität mit Angst besetzt. Typischerweise gehören genitale Beschneidungen oder genitale Verstümmelungen, z.B. Vorhaut-Beschneidung bei Knaben, Klitoris- und Schamlippen-Entfernung oder Infibulation bei Mädchen, zur Regel. Es existiert ein extremes Jungfräulichkeits-Tabu. Liebesbeziehungen zwischen Jugendlichen sind streng verboten, vorehelicher oder außerehelicher Geschlechtsverkehr ist tabu und auch innerhalb der Ehe unterliegt der Geschlechtsverkehr strengen Reglementierungen du Tabus.

In den matristischen Kulturen hingegen wird Sexualität begrüßt und mit Lust empfunden. Genitale Verstümmelungen sind unbekannt. Ein Tabu der Jungfräulichkeit gibt es nicht. Liebesbeziehungen zwischen Jugendlichen werden gutgeheißen und der Geschlechtsverkehr wird bejaht.

In patristischen Kulturen besteht oft eine starke Neigung zum Inzest sowie ein entsprechendes strenges Inzest-Tabu. Prostitution und Konkubinat sind weit verbreitet.

Im Gegensatz fanden die Anthropologen in matristischen Kulturen keine Inzestneigungen und das Fehlen eines entsprechenden ausdrücklichen Tabus. Konkubinat und Prostitution als soziale Institutionen gibt es nicht.

Im Patrismus wird die Freiheit der Frau eingeschränkt, ihr Status kann zu Recht durch Minderwertigkeit charakterisiert werden. Frauen haben keine freie Wahl des Ehepartners, keine Scheidungsmöglichkeit und die Fruchtbarkeit wird von Männern kontrolliert. Die Fortpflanzungsfunktion wird gering geachtet und es existieren vaginale Blut-Tabus, das heißt Tabus auf hymenale, menstruelle und geburtliche Blutungen.

Freiheit, Gleichberechtigung und Verehrung der Fortpflanzungsfunktion kennzeichnen den Status der Frau in matristischen Gesellschaften. Freie Wahl des Ehepartners, Scheidung auf Wunsch der Frau und Kontrolle der Frauen über die Fruchtbarkeit sind Merkmale der matristischen Kulturen.

Was die Sozialstruktur anbelangt, so sind patristische Gesellschaften typischerweise autoritär, hierarchisch und despotisch. Die Abstammungslinien sind patrilinear, der eheliche Wohnsitz ist patrilokal. Es herrscht lebenslange Zwangsmonogamie oder Polygamie. Es herrscht politischer und ökonomischer Zentralismus. Militarismus wird betont. Entsprechende Institutionen sind gewalttätig und sadistisch.

Matristische Kulturen sind demokratisch und egalitär strukturiert. Abstammungslinien sind matrilinear, also mutterrechtlich strukturiert . Der eheliche Wohnsitz ist matrilokal. Zwangsmonogamie ist unbekannt, es gibt nur selten Polygamie. Arbeitsdemokratische Strukturen und das Fehlen eines hauptberuflichen Militärs sind Kennzeichen der gewaltlosen matristischen Kulturen, in denen Sadismus fehlt

Matristische Kulturen wandelten sich zum Patrismus durch wiederholte schwere Trockenheit mit Wüstenbildung, die für die Subsistenzgesellschaften, (d.h. die Naturvölker) Hungersnöte, Unterernährung, soziale Zerrüttung und Massenwanderungen zur Folge hatten.

Eine systematische globale Analyse anhand von 1.170 Naturvölkern von James DeMEO (1991, 1998) bestätigte die Wüsten- Patrismus-Beziehung.

Hungernde Völker flohen aus den Dürre-Regionen in benachbarte und später in entferntere Gegenden und errichteten dort despotische patristische Systeme.

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Titel: Kreativ und Innovativ